Aber ein Traum …

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Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (4)

Fortsetzung Leseprobe Nutzlose Menschen – Kapitel 4.4

Der hellsichtige Gauner Escroq wusste freilich, dass er ei­nen jungen Mann wie René durch nichts anderes an sich binden konnte als durch Geld und deshalb begann er – der er seinen Brotherren bislang zwar regelmäßig, aber in ei­nem verantwortbaren Rahmen betrogen hatte – größere Summen zu hinterschlagen, die er gewinnbringend anleg­te und deren Zinsen er in der Form von kleinen, aber durchweg exquisiten Geschenken an René weitergab. Als erstes richtete er ihm in der Nähe der Vareseschen Firma eine hübsche, kleine Wohnung ein und stellte ihm einen seiner abgelegten Diener zur Verfügung. Dann gewöhnte er ihn schnell an den Luxus von weißen, seidenen Hand­schuhen, Theaterbesuchen und, soweit es Renés zarte Ge­sundheit zuließ, an unterhaltsame Abendgesellschaften mit Zeitungsleuten und Soubretten. Dies ging ein knappes Jahr gut, bis der verwöhnte René, der tagsüber den Laufburschen und nächtens den Grafen spielte und bald seine Volljährigkeit erreichte, die Erniedrigungen im Kon­tor nicht mehr ertrug. In Varese, der noch immer glaubte, dass René sein Nachtlager im Kontor hatte, keimte zur gleichen Zeit erstmals ein dunkler, kaum fassbarer Ver­dacht, seine Geschäfte wären nicht ganz in der Ordnung, in der sie hätten sein sollten. Er wusste nichts besseres, als seine Mutmaßungen ausgerechnet seinem treuen Buchhalter anzuvertrauen, der ihn für den Moment beru­higen konnte, sich aber in die Ecke gedrängt fühlte und spürte, dass er eine endgültige Entscheidung zu treffen hatte. Schon in der darauffolgenden Woche erlitt Andoche Varese ein heftige Magenkolik, an der er nach einem schmerzhaften, aber kurzen Todeskampf verstarb. Der ei­gentlich mit einer eiseren Gesundheit ausgestattete Bau­her überraschte alle in seiner Nähe ob seines plötzlichen Hinscheidens. Für Eingeweihte war noch erstaunlicher, dass der in geschäftlichen Dingen oft so törichte Geizhals ein von einem inzwischen leider ebenfalls verstorbenen, aber über jeden Verdacht erhabenen Pariser Notar be­glaubigtes, einwandfreies Testament hinterließ, in dem er ausgerechnet seinen Pflegesohn René zum Erben der Fir­ma und des beweglichen Gutes machte und auch nicht vergaß, Escroq mit einer ordentlichen Rente abzufinden. Obwohl sich bald wie ein summender und lästiger Mü­ckenschwarm entfernte Verwandte von Varese einfanden, die lauthals Ansprüche auf das Erbe erhoben, war dieser letzte Wille nicht anfechtbar. Auch der von den Anwälten der enttäuschten Hinterbliebenen geäußerte Verdacht, vielleicht habe einer der beiden Nutznießer das Testa­ment gefälscht oder gar dem so raschen und unerwarteten Tod des Baumeisters nachgeholfene, ließ sich, selbst als die Staatsanwaltschaft von Amiens direkte Ermittlungen anstellte, nicht erhärten.

René Carols Lage hatte sich also erneut ins Glückhafte gewendet, obgleich nicht Fortuna, sondern ein lüsterner Silen seine Verhältnisse beeinflusst hatte. Er sah sich plötzlich in die Rolle eines nicht unvermögenden Ge­schäftsmannes, der mit Ecroq einen hervorragenden Be­rater hatte, gestellt. Es lag nicht in Carols Charakter, sich von einem solch billigen Erfolg blenden zu lassen; denn die Wechselfälle seines jungen Lebens waren ein zwar bit­terer, aber zu guter Lehrmeister gewesen, um ihn sich si­cher fühlen zu lassen. Der willkommene Besitz der Bau­firma und das kleine Vermögen seines Onkels, die ihm durch den auch ihn überraschenden, aber durchaus will­kommenen Tod des Geizhalses in die Hände gefallen wa­ren, sollten ihm nur die erste Stufe auf seiner Jakobslei­ter in den Himmel seiner ehrgeizigen Ziele sein, nach de­nen sich sein unbeugsamer Wille verzehrte. Er wollte ein Staatsmann werden, der die Geschicke der Nationen prägt und die Millionen an Livres sein eigen nennt, die ihn in die Lage versetzten, sich über der Masse der Men­schen zu erheben und den ihm angemessenen Lebensstil zu führen. Er wusste, dass seine Leiter für ein Waisen­kind aus dem Volk sehr hoch war, begann sie aber sofort und ohne ein Zögern zu beschreiten. Er überließ Escroq, dem er hinlänglich vertrauen konnte, wenn er sich ab und an von ihm liebkosen ließ, die Geschäfte seiner Firma, in der es nun keine Betrügereien mehr gab und deren Rein­gewinne sich bei bleibendem Umsatz verdoppelten, nach­dem sein Verwalter die alten Bürohilfen entließ und neue, ehrlichere anstellte. René selbst ging nach Paris, wo alle Träume – auch die Albgesichte – wahr werden; er wollte sich eine fundierte Ausbildung verschaffen und es gelang ihm, bei Jean-Jaques Vale-Noir, dem neben Grindot und dem jungen Viollet-le-Duc, dessen Stern gerade erst zu leuchten begann, größten Architekten unserer Zeit, in die Lehre zu kommen und bei ihm die Baukunst zu studieren. Gleichzeitig bot ihm seine Lehrzeit die Möglichkeit, sich endlich in einer Gesellschaft zu bewegen, der er sich längst zugehörig fühlte. Da er nie das Maß verlor, ihm sei­ne gesundheitliche Verfassung verbot, eine Affäre mit ei­ner Schauspielerin zu beginnen und sein Verstand, über den üblichen Rahmen hinaus beim Ekarté zu verlieren, reichte ihm die monatliche, übrigens nicht unwesentliche Geldzuweisung Escroqs für seine Auslagen. Er lernte Emile de Rastignac kennen, den zynischen Ziehsohn der beiden Titanen der Macht und des Kapitals, über diesen de Marsay und Nuncingen, der auf dem Sprung stand, Mi­nister zu werden. Der Graf faszinierte ihn und Rastignac fand in René in vielerlei Beziehung sich selbst wieder, nahm ihn behutsam unter seine Fittiche und führte ihn in den Kreisen, in denen er selbst verkehrte, ein. Als René nach drei Jahren mit seinem Patent und einem über­schwenglichen Empfehlungsschreiben Vale-Noirs in die Provinz heimkehrte, um durch seine fundierten Kenntnis­se sein Baugeschäft zu erweitern und zum bedeutendsten im Umkreis von Beauvais und Amiens zu machen, hatte er im Sinn, die erste Gelegenheit zu nützen und zurück nach Paris zu gehen, um dann für immer in der einzigen Stadt zu bleiben, in der es sich zu leben lohnt. Diese Gele­genheit bot sich schnell, denn er hatte mit seinem Buch­halter, den er flugs zu seinem Partner machte und ihn da­mit noch fester an sich schmiedete, einen treuen Berater, der ein Genie war, wenn es darum ging, sich auf Kosten Dritter zu bereichern.

Als er, von Escroq gedrängt, zum ersten Mal an einem warmen Sonntag im Mai den Gottesdienst von St. Jacques besuchte und durch seine stoische Geduld die ausufernde Predigt des von ihm seit seines Aufenthalts im Orphelinat verhassten Abbés Rouge, der ihn häufig und grundlos ge­prügelt hatte, wie eine unvermeidbare Naturkatastrophe ertrug, wurde er, als wäre es nie anders gewesen, von den anständigen Bürgern, denen der Besitz von Geld auch dem von Moral und Ehre gleichkommt, als einer der ihren behandelt und er kehrte mit Einladungen zu einem Dut­zend Teegesellschaften bei Familien mit unverheirateten Töchtern heim. Sein zärtlicher Mentor machte ihn auf den Fabrikanten d’Arçon aufmerksam, der einen Baugrund in Paris suche, um sich dort niederzulassen. Dessen Vermö­gen wurde auf über eine Million Franc geschätzt und er hatte als angenehme Daraufgabe noch eine schöne, wohl­erzogene und allseits bewunderte Tochter. Dazu war d’Arçon in einem Maß beschränkt, das aus ihm ein ideales Schlachtlamm machte und es Wunder nahm und wohl nur an den wachsamen Augen seiner Frau lag, dass er noch nicht in die Hände von Betrügern, Anwälten und Banki­ers gefallen war. Nachdem Escroq seinem Epheben die dem Leser bereits oben zur Kenntnis gebrachten Tatsa­chen des Papierfabrikanten mitgeteilt hatte, begann die­ser sofort einen fleißigen Briefwechsel mit seinen Pariser Freunden und wurde ein regelmäßiger Gast von Madame d’Arçons Salon, wo er, obgleich er ihre Dummheit durch­schaute, Interesse an der Tochter der Hauses zeigte und sich im übrigen – an die köstlichen Gesellschaften der Ma­dame d’Espard gewöhnt – außerordentlich langweilte. Nach angemessener Frist wurde Hippolyte d’Arçon durch den Anwalt Derville ein Grund im respektablen Viertel d’Enfer so außergewöhnlich günstig angeboten, dass nur ein Narr oder ein sehr kluger Mann Bedenken getragen hätte, es zu erwerben und Arçon, der beides nicht war, griff ohne viel Überlegen zu. Ebenso schnell nahm er auch Carols Entwurf an, der gleichfalls der billigste war. Er for­derte nur einen repräsentativen Balkon zur Straßenseite hin, auf dem er an Festtagen mit seiner Familie den Para­den auf der Rue d’Enfer beizuwohnen gedachte. René beugte sich lächelnd dem Wunsch des Fabrikanten, auch wenn er seinen genial schlichten und klerikalen Fassa­denentwurf durch diesen Alkoven profanisieren musste.

Im Sommer des Jahres 1837 begannen schließlich die Ausschachtungsarbeiten und es zeigte sich dabei schnell, aus welchem Grund das Gelände so geheimnisvoll und günstig zum Verkauf angeboten worden war. Der Pferde­fuß offenbarte sich, als die Arbeiter, die Carol, da sie billi­ger waren, aus Beauvais mitgebracht hatte, in geringer Tiefe im Erdreich auf menschliche Knochen und auf Grab­steine, die hebräische Inschriften trugen, stießen. Als dann prompt einer der Arbeiter beim entsetzten Zurück­weichen vor diesen Überresten stürzte und sich den Fuß brach, verbreitete sich unter den abergläubischen Leuten schnell, dass man in einem aufgegebenen Friedhof grub und es Unglück bedeutete, auf diesem wahrscheinlich von einem Fluch belasteten Gelände weiterzuarbeiten. Die Verwünschungen und Versprechen der Vorarbeiter konn­ten sie ebenso wenig dazu bringen, ihre Schaufeln und Spitzhacken wiederaufzunehmen, wie der eilig herbeige­rufene Carol, der ihnen anhand der jüdischen Jahreszah­len auf den Steinen vorrechnete, dass es es sich hier um die makaberen Reste eines alten jüdischen Friedhofs aus der Regierungszeit Ludwigs des XII. handelte, diese Be­gräbnisstätte also dreihundert Jahre alt und längst ent­weiht war. Obwohl er sich entrüstet gab, beglückwünschte sich Carol doch zu diesem für ihn glücklichen Fund, den er für seine Zwecke nutzen konnte. Er hatte zwar über seine etwas zwielichtigen Freunde den Grundstückser­werb eingefädelt, war aber über den Friedhofsfund selbst überrascht, wie wahrscheinlich alle außer dem ehemaligen Besitzer, der auch ihm im Verborgenen geblie­ben war. Trotzdem geriet Carol in einige Verlegenheit, als er dem sich die Haare raufenden Ehepaar d’Arçon erklä­ren musste, warum die Arbeit schon nach fünf Tagen ruh­te. Die Dame des Hauses – ruhig neben ihrem Mann auf einer im Kaiserreich modischen Chaiselongue sitzend – hörte sich die Vorbringungen des Architekten aufmerk­sam an, dann sagte sie:

»Ob ihre Leute arbeiten wollen oder nicht, kann nicht un­sere Sorge sein, Monsieur Carol. Wir haben einen Vertrag und drängen auf seine Erfüllung. Sollte es aus welchen Gründen auch immer zu Verzögerungen kommen, sehen wir uns gezwungen, diese leidige Angelegenheit unseren Anwälten zu übergeben. Wir können einen Aufschub, auch im Anbetracht des nahenden Herbstes, nicht dul­den.« Carol verbeugte sich und er erkannte von neuem, mit wem im Hause Arçon er zu verhandeln hatte. Er lä­chelte sehr höflich.

»Selbstverständlich werden die Arbeiten fortgesetzt. Ich sehe mich jedoch gezwungen, neue Arbeiter in Vertrag zu nehmen. Da ich nach diesem Vorfall in Beauvais keine Männer finden werde, muss ich sie mir in der Hauptstadt besorgen. Die Arbeiter in der Stadt sind weniger aber­gläubisch, lassen sich diese weltgewandte Gesinnung al­lerdings teuer bezahlen. In der Folge bin ich außerstande, meinen Voranschlag der Kosten aufrecht zu erhalten. Mein Partner, Monsieur Escroq, wird Ihnen in den nächs­ten Tagen eine neue Schätzung überbringen.« Madame d’Arçon und der schmale Architekt maßen sich. Sie warf ihm einen ihrer gefürchteten Medusenblicke zu, aber Ca­rol hielt ihm gleichgültig stand. Sie wusste, dass der Ar­chitekt seine Rechnung in einem außerhalb seiner Verant­wortung liegenden Fall wie diesem erhöhen konnte und Carol war sicher, die Arçons würden ihn nicht vom Ver­trag entbinden, da sie trotz der unvermeidlichen Aufsto­ckung keinen Bauherren finden konnten, der ihnen billi­ger ein repräsentatives Stadthaus errichtete.

Er verabschiedete sich mit dem Versprechen, seine Fris­ten einzuhalten, entließ unverzüglich alle Arbeiter, die nicht Willens waren, ihre abergläubische Furcht zu über­winden. Dann suchte er den Oberrabbiner der Pariser Ge­meinde auf. Dort war nichts mehr von einem alten Fried­hof in Enfer bekannt, aber nach einer ordentlichen Spen­de des Architekten, die er Arçon in Rechnung stellte und die die Armen der Gemeinde unterstützen sollte, war man schnell einig, wie man die leidige Sache ohne größere Af­faire aus der Welt bringen konnte. Jüdische Arbeiter gru­ben in Anwesenheit mehrerer Rabbiner die sterblichen Überreste und Grabsteine ihrer vor so langer Zeit verstor­benen Volksgenossen aus und verbrachten sie in den Ge­meindefriedhof im Cementaire de Montparnasse. Dann besorgte Carol neue Arbeiter aus Stadtvierteln, die weit von der Rue d’Enfer entfernt lagen. Damit schien die un­erfreuliche Angelegenheit ausgestanden und die Arbeiten kamen zur Freude der Arçons gut voran. Escroqs neue Schätzung der Kosten belief sich nun auf glatt zweihun­derttausend Franc, dafür hatte er sich von den gewissen­haften Provinzanwälten von Hippolyte d’Arçon einen Ver­tragszusatz abringen lassen, nach dem er diese Zahl um höchstens zehn vom Hundert überschreiten konnte.

Madame Helga war damit zufrieden und ihre Aufmerk­samkeit ließ nach. Vielleicht wäre sie nachdenklich ge­worden, wenn sie geahnt hätte, dass die Partner Carol und Escroq in der nächsten Zeit fleißig seltsame Kontakte knüpften. Der Architekt reiste mehrmals nach Angoulê­me, wo er in bestem Einvernehmen mit dem großen und dem dicken Cointet, jenen hartnäckigsten und böswilligs­ten Konkurrenten der d’Arçons, zusammentraf. Und Es­croq wurde in etwas zweifelhaften Etablissements häufig in Henri Michots Begleitung gesehen. Der Papierfabri­kant und seine Frau ahnten jedoch nicht, dass sich ein Gewitter am Horizont zusammenzog, das den noch wol­kenlosen Himmel ihrer bürgerlichen Existenz bald ver­düstern sollte. Sie wussten nicht, dass sie der Mittelpunkt einer Intrige waren und erst ein leichtes Vorgeplänkel der Schlacht um ihr Vermögen geschlagen hatten.

Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Das war die letzte Leseprobe aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans von meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden. Ich will hier noch einmal daran erinnern, dass heute der letzte Tag ist, an dem man meine E-Books zum Sommerrabattpreis von 0,99 € je Buch erwerben kann. Morgen kosten sie wieder mehr.

Nutzlose Menschen
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Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (3)

Fortsetzung Leseprobe Nutzlose Menschen – Kapitel 4.3

Monsieur Arçon wollte selbstverständlich so bald als mög­lich zu bauen beginnen; er erhielt auch schnell durch freundliche Zuwendungen an die zuständigen Beamten die erforderlichen Genehmigungen der Ämter, musste dann allerdings entsetzt feststellen, dass die Errichtung eines repräsentativen Hauses in Paris nach seinen Vor­stellungen seine finanziellen Mittel deutlich überstieg. Lange suchte er nach einem Architekten, doch die be­kannten wie Grindot oder Vale-Noir schienen ihm nicht nur nicht bezahlbar, sondern ihre Entwürfe auch zu ge­wagt. Die Schätzungen der Pariser Baufirmen über die Kosten hätten Monsieur Arçon zudem fast dazu gebracht, von seinen Plänen Abstand zu nehmen, wenn ihm nicht seine Frau die Lösung seiner Probleme in einer Person präsentiert hätte, mit der er mehrmals in der Woche in den Soireen seiner Gattin zusammentraf, ohne sich je­mals weiters Gedanken über sie gemacht zu haben. Es war René Carol, Architekt und Bauherr in einer Person, der Monsieur Hippolyte anbot, sein Pariser Palais für ein­hundertfünfzigtausend Franc zu bauen und dem Fabri­kanten nach kurzer Zeit einen Grundriss präsentierte, der in seiner großzügigen Schlichtheit gefiel. Zwar lag der Kostenvoranschlag noch immer weit über Arçons Vorstel­lungen, wurde aber akzeptiert, weil kein günstigeres An­gebot gemacht werden würde.

Weshalb hatte Carol das Kartell der Bauunternehmer un­terlaufen und Arçon angeboten, sein Haus so billig zu bauen, dass er selbst kaum mit einem Gewinn rechnen konnte? Madame Helga glaubte den Grund in der Ver­liebtheit des jungen Mannes in ihre Tochter zu entdecken, dabei übersah sie vollkommen, dass der trockene und scharfsinnige Carol zu solch romantischem Gefühl nicht fähig war. Die einzige Liebe seines Lebens war die zu sich selbst und zu Macht und Reichtum, zu Dingen also, die ihm bislang im gewünschten Umfang verwehrt geblieben, auf die er aber ein Anrecht verspürte und zu denen er mit Hilfe der Arçons gelangen wollte. Monsieur René hatte seine erste Jugend im Waisenhaus von St. Jacques zu­bringen müssen, nachdem seine Eltern, die ihm keinerlei Vermögen hinterließen, und auch sämtliche Geschwister dem Fleckfieber zum Opfer gefallen waren. Nur der unge­zügelten Lebensenergie des vierjährigen Kindes war es möglich, dass es als Einziges von seiner Familie dieser heimtückischen Seuche widerstand, nach dreimonatigem Krankenlager genas und – da es offensichtlich keine le­benden Verwandten mehr gab – der öffentlichen Fürsorge überstellt wurde. Es erholte sich aber nie mehr vollstän­dig von den Strapazen und Erschütterungen und erwuchs zu einem stets kränklichen, bleichen und schwindsüchtig wirkenden Mann, den zusätzlich durch die schwere Krankheit seiner Kindheit einige hässliche Narben ent­stellten. Aufrecht erhielt ihn offenbar nur seine spartani­sche, in strenge Regeln gefasste Lebensführung, der er seinen schwächlichen, halb verblichenen Körper unter­warf und der eiserne Lebenswille seiner Seele, die auch dem überzeugtesten Materialisten neuerer philosophi­scher Couleur zu denken gegeben hätte. Bis zu seinem zwölften Lebensjahr war er ein Kind ohne Zukunft, nur durch die zweifelhafte Barmherzigkeit des Orphelinats existierend, unter dessen Knute er ein schweres Leben zu führen gezwungen war. An keinem Ort tritt das Naturge­setz deutlicher und unverhohlener zutage, gibt es weniger Mitleiden mit der geschundenen Kreatur, als vor den kar­gen Suppentöpfen eines Waisenhauses, in dem Kinder schon in früher Jugend zu härtester Arbeit gezwungen werden und der Tod ein häufiger Gast ist. Körperlich nicht nur den Altersgenossen, sondern auch den meisten der Jüngeren unterlegen, deshalb beständig zurückge­setzt und genarrt, tägliches Opfer schwerer Prügel durch Leidensgenossen und Erzieher, musste Carols scharfer Verstand entarten, ihn hinterhältig und tückisch machen. Sicher wäre aus ihm, wäre sein Leben im Bodensatz der Gesellschaft in dieser Weise fortgeschritten, ein Fouché des Verbrechens geworden. Aber kurz vor seinem Eintritt ins Jünglingsalter kam es zu einer plötzlichen, glückhaf­ten Wende.

Der Bruder seines Vaters war Oberst in des Kaisers Rei­terarmee gewesen und hatte wie viele glühende Verehrer Bonapartes nach der Katastrophe von Waterloo ent­täuscht der ihm fremd gewordenen Heimat den Rücken zugekehrt und war in die Neue Welt gezogen, wo er bald als verschollen galt. Tatsächlich war er aber durch Han­delsgeschäfte in der rauen Wildnis zu einem bescheidenen Vermögen gekommen, das ihm einen ruhigen Lebens­abend versprach. Die Zeit hatte seine Wunden heilen las­sen und er kam aus dem Staate Marengo nach Frankreich zurück, um die Familie wiederzusehen. Es war eine wahr­haft traurige Heimkehr. Den Obersten Carol erwarteten nur ungepflegte Gräber auf dem Gottesacker von Beau­vais und ein nie gesehener, völlig verwahrloster Neffe, der dem Onkel bei der ersten Begegnung in die Hand biss und ihm bei dieser Gelegenheit den Siegelring vom Finger stahl. Dennoch nahm er seinen einzigen lebenden Anver­wandten unverzüglich aus dem Orpelinat in seinen Jung­gesellenhaushalt, den er in Beauvais gründete. Seine Haushälterin und er kümmerten sich mit rührender Sorg­falt um den Jungen, den sie nach vielen Rückschlägen halbwegs zähmten und auf die Jesuitenschule in Amiens schickten. René wuchs dort zu einem blassen, unscheinba­ren Jüngling heran, der offenbar die Wolfsnatur seiner Kindheit vergessen hatte und im Gegenteil den Eindruck eines Menschen machte, von dem man sagt, es flösse ihm statt Blut kaltes Öl durch die Adern. Keine Leidenschaft schien ihn aufzuwühlen, nur wenigen, meist seltsamen Dingen wie Alchemie oder Mesmerismus vermochte er über kurz Interesse entgegenzubringen. Obgleich er der Beste seines Jahrgangs war und einem trockenen Schwamm gleich allen unterrichteten Stoff in nachgerade unheimlicher Geschwindigkeit in sich sog, war sein Lern­eifer ausschließlich auf das von den Erziehern geforderte Maß beschränkt. Nie beteiligte er sich an den Spielen oder Unterhaltungen seiner Altersgenossen; er sonderte sich ab und verbrachte lange Stunden seiner freien Tage sit­zend und sinnierend auf einer Fensterbank. Wohin ihn seine Gedanken führten, offenbarte René niemandem, nicht einmal seinem Onkel, der ihn von allen Menschen am nächsten stand und zu dem er im Verlaufe der Jahre ein gewisses Vertrauen gefunden hatte. Den Lehrern der Klosterschule war der junge Mann eingedenk der Tatsa­che, wie tief ein solch stilles Wasser gründen muss, nicht recht geheuer und mancher von ihnen dachte bei sich, er würde wohl eines Tages entweder als berühmter Staats­mann oder auf der Guillotine enden. Und in diese Rich­tung gingen die Tagträume des kühlen jungen Mannes tatsächlich. Er erhoffte sich eine Karriere, die ihn ohne Acht der Mittel zur Macht bringen würde. Das Frankreich des Bürgerkönigs, dessen Motto »Bereichert Euch!« auch das seine hätte sein können, schien ihm ideal dafür geeig­net, einen gewissenlosen Mann wie ihn nach oben zu brin­gen. Ein Vorbild war ihm dabei Henri de Marsay, dessen Karriere René bis zu dessen frühen Tod im Jahre 1834 aufmerksam verfolgte und bewunderte.

Doch bevor der junge Machiavell mündig wurde und be­ginnen konnte, seine Phantasmen zu verwirklichen, traf ihn von Neuem die willkürliche Hand der Moira. Der Oberst Carol verstarb plötzlich und unerwartet an den Folgen eines heftigen Gichtanfalls. Er hatte zwar noch rechtzeitig seinem Neffen sein bescheidenes Vermögen  hinterlassen, ihn testamentarisch jedoch unter die Vor­mundschaft des Bauherrn Andoche Varese gestellt, mit dem er während des Kaiserreiches im *.ten Regiment ge­dient und dessen Bekanntschaft er nach seiner Rückkehr aus der Neuen Welt erneuert hatte. Dabei war dem Obersten im Schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen der wahre Charakter seines Kriegskameraden entgangen. Dieser lebte nur für seinen Vorteil und war ein solcher Geizhals, warum er nie geheiratet hatte und selbst in der mit Geizigen so reichlich gesegneten Picardie seinesglei­chen suchte. Varese erklärte sich nach kurzem Zögern be­reit, die testamentarische Bürde zu tragen und den Nef­fen des Obersten als Mündel anzunehmen, da er sich durch die Verwaltung von dessen Vermögen einigen Nut­zen erhoffte. Kaum lag Oberst Carol bei seinem Bruder im Familiengrab, ließ der Bauherr René ohne Abschluss aus der seiner Meinung nach unnötigen und viel zu teuren Schule nehmen und beschäftigte ihn als Laufburschen in seinem Büro, wo er ihm auch eine karge Bettstatt auf­schlagen ließ. Dabei war Varese nicht einmal ungewöhn­lich bösartig, denn er legte Renés Vermögen gewissenhaft an und wollte es ihm am Tage seiner Mündigkeit auch nicht verwehren, obgleich er plante, die Zinsen einzube­halten. Der Jüngling nahm diese neuerliche Wendung sei­nes Schicksals mit der ataraxischen Gelassenheit eines Pyrrhon, allerdings nicht ohne Hintergedanken. Geduldig wartete er auf seine Gelegenheit.

Wie der Philosoph von Elis hielt er sich mit seinem Urteil zurück, doch was er in dem Vareseschen Kontor erlebte, konnte kein günstiges Licht auf den alten Bauherrn wer­fen, der mit scharfem Auge und strenger Hand jede – wie er vermeinte – unnötige Ausgabe unterband: Selbst in ei­nem strengen Winter wurde nur geheizt, wenn die Tinte der Schreiber in den Gläsern gefror, er zwang sie, Filzpan­toffeln zu tragen, um die Abnutzung des Holzbodens zu vermeiden, Stifte wurden mittels eines von Varese selbst entworfenen, wiederverwendbaren Aufsatzes bis zum letz­ten Strich des Schiefers verbraucht und der talgige Schein der billigen Kerzen trug durch den entstehenden Qualm mehr zur Verdunkelung als der Erhellung der Schreibstu­be bei. Außer in dem Kontor von Varese konnte man höchstens noch unter den Chiffonniers von Paris eine sol­che Ansammlung von verwahrlosten und verwegenen Ge­stalten sehen, von denen mancher nicht einmal für einen Hungerlohn, sondern, da alle dem Brotherrn Geld schul­deten, Negersklaven gleich, gegen eine karge Verkösti­gung, die Varese mittags aus einer nahen Garküche kom­men ließ, arbeiteten. Dennoch waren alle Schreiber gerne für Varese tätig und das lag an einem Charakterzug, den er mit vielen Geizigen teilte: Obwohl er einem Gobsek oder Grandet gleich die Zahl der Sou in seiner Tasche kannte, von denen nur selten einer den Weg in seine Hand fand, war er doch in allen Angelegenheiten seiner Finanzen, die das Alltägliche übertrafen, außergewöhn­lich naiv. Es war dem gewieften Bodensatz, den er be­schäftigte, ein leichtes, den Bauherrn, der zwar misstrau­isch, aber strohdumm war, zu betrügen. Der tägliche Griff in die Cassa und das Beiseitebringen und unter der Hand verkaufen von Material durch die Arbeiter funktionierten nicht zuletzt deshalb so gut, weil der Buchhalter und Pro­kurist, ein untersetzter, dabei jovialer Bösewicht, der auf den passenden Namen Escroq hörte, ein wahrer Meister der Bilanzfälschung war. Dass Varese nicht bankrott machte, lag zum einen an seiner Monopolstellung als Bau­herr im Weichbild von Beauvais und an eben jenem schleimigen Escroq, der allzu unverschämte Betrügereien nicht duldete, da er seinen guten Posten behalten wollte, bis ihm seine ergaunerten Renten für einen bequemen Le­bensabend in seinem eigenen Landgut genügten.

Obwohl Paul Escroq die Mitte seines Lebens längst über­schritten hatte, kleidete er sich einem zweiten Lovelace gleich dandyhaft, roch nach Veilchen und trug den ganzen Tag peinlich saubergehaltene, senfgelbe Handschuhe. Aus dem gärenden Bodensatz des Volkes stammend – sein Va­ter war ein armer Lohnbauer und seine Mutter die Kräuterfrau in einem winzigen Dorf in der Gegend von Aurillac in der Auvergne gewesen – war er im Gegensatz zu seinem Brotherrn blitzgescheit und zielstrebig. Obwohl sein erbärmlicher Charakter von Bosheit zerfressen war und er, durch die Profession seiner Mutter in allen Arten von schnellen und langsamen Giften bewandert, vor kei­ner Schandtat zurückschreckte, spielte er aller Welt den gutmütigen, ein wenig beschränkten Bürger vor und be­reicherte sich dabei mit der Geduld einer Spinne. Mit die­ser biederen Maske hatte er sich bei Varese eingeschli­chen und im Sinne, ihn nach dessen Ableben, das er bei Gelegenheit zu beschleunigen trachtete, zu beerben. René Carol erachtete er bei diesem Streben nicht als Konkur­renten, denn er hatte mit dem scharfen Blick, mit dem ein Verbrecher unfehlbar seinesgleichen erkennt, festgestellt, dass sie einander wie Hammer und Amboß ergänzten. Er bemerkte als einziger in dessen Ruhe die verwandte See­le, das gespannte Verharren eines Raubtieres, das gedul­dig sein Opfer fixiert. Escroq, der nie geheiratet hatte, da er das ganze weibliche Geschlecht verachtete und den Umgang mit Frauen insgesamt für eine schlechte Ange­wohnheit hielt, entstammte dem Sodom einer Tagelöhner­hütte, in der die widerwärtigsten Sünden gegen die Natur zum täglichen Leben gehörten und es nimmt nicht weiter Wunder, dass er sich zudem heftig in den knabenhaften, zarten und bleichen René versah. Er hatte aber diese Lei­denschaft völlig in der Hand, da er für seine niederen Ge­lüste jugendliche, ihm völlig ergebene Diener hatte, Söhne von verarmten Bauern, denen er sie abkaufte und die er alle drei Jahre gegen neues Blut ersetzte. Bei René dachte er an das sprichwörtliche Wasser, das mit der Zeit den Stein höhlt. Was er nicht ahnen konnte, war, dass ihn René ebenfalls durchschaute und er, der er im Waisen­haus und nicht zuletzt in der Klosterschule schon allen Verwirrungen der Liebe begegnet war, gedachte, Escroqs heimliches Liebeswerben für seine Zwecke zu nutzen. Ob­wohl ihm der hässliche geschminkte Mann mit den fetten Lippen, aus deren Winkeln immer ein dünner Speichelfa­den rann und der seinen schwammigen Leib in ein Kor­sett zwängte, mit jeder Faser seines Seins zuwider war, umgarnte er ihn wie eine hungrige Katze, wenn er auch bedacht war, keine Eindeutigkeit in seine Schmeicheleien zu legen. Er wollte den alten Lüstling bei Laune halten, der ihm als einziger in Vareses Kontor gefährlich werden konnte, wenn er ihn zu seinem Feind machte.

[Zum 4. Teil der Leseprobe]

Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Heute und in den nächsten Tagen gibt es noch einmal eine Leseprobe; diesmal aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac geschrieben, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden.

Nutzlose Menschen
Roman
226 Seiten, 7,99 €
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Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (2)

Fortsetzung Leseprobe Nutzlose Menschen – Kapitel 4.2

Die deutschstämmige Madame Helga Arçon war mit einer Willenskraft beseelt, die sie, wäre sie ein Mann gewesen, längst zum Pair von Frankreich gemacht hätte. Obgleich sie intelligent, belesen und von angenehmen Umgangsfor­men war und als junge Frau wegen der Mitgift, die ihr Va­ter, der Generaleinnehmer in Beauvais war, in Aussicht gestellt hatte, als gute Partie bezeichnet wurde, gab es ei­nen entscheidenden Makel, der die ehrgeizige Frau daran hinderte, in den Salons Triumphe zu feiern und, wie es ihr Traum war, eine Madame d’Espard der Provinz zu wer­den, vielleicht gar mit Hilfe eines adligen Liebhabers oder Mannes Paris zu erobern: Madame Helga war hässlich; sie war sogar so hässlich, dass es selbst durch das Geld und Ansehen des Vaters nicht übertüncht werden konnte. Sie war dürr und groß aufgeschossen und hatte eine schlechte, nach vorn geneigte Körperhaltung, die sehr vie­le groß geratene Menschen, die sich beständig zu ihren kleineren Zeitgenossen herabbeugen müssen, entwickeln. Dabei hatte sie derbe, fleischige, immer gerötete Hände, die ihre Vorfahren, die Köhler im Schwarzwald gewesen waren, verrieten. Aus ihrem scharfen, dabei kinnlosen Ge­sicht sprang eine Raubvogelnase, die jeden erzittern ließ, auf den sie sie mitsamt ihrem strengen Blick richtete. Die Wangen spannten über den Backenknochen und zeigten aus der Nähe betrachtet ein Netz von kleinen blauen Adern. Ihre in aller Regel im Azurblau der Pairswürde ge­haltene Toilette trug sie immer nach dem, was man in Beauvais für die Pariser Mode hielt, sie wirkte an ihr je­doch wie eine zynische Travestie, denn ihr dünnes Haar blieb nie in Form und die Kleidung hing an ihrem mage­ren Körper wie die Lumpen, die ihr Mann zu Papier ver­arbeitete.

So wartete die Meduse der Provinz mit achtundzwanzig Jahren noch immer vergeblich auf ihren Bezwinger und hatte sich langsam mit dem Gedanken angefreundet, eine alte Jungfer zu werden, als ihr anlässlich eines Balles im Winter 1817 Monsieur Hippolyte Arçon vorgestellt wurde, der damals mit fünfunddreißig Jahren im besten Alter war und nach einer vorteilhaften Partie Ausschau hielt. Seiner von seinem früh verstorbenen Vater ererbten und hoffnungslos veralteten Papiermühle ging es schlecht und ihm fehlte die Erfahrung und vor allem das freie Kapital, seine Fabrikation zu modernisieren. Dieses Kapital jedoch erhoffte er aus einer Geldheirat zu gewinnen und er ließ sich aus diesem Grunde der Mademoiselle Helga vorstel­len, wurde jedoch wie alle anderen Freier vor ihm von ihrem Aussehen abgestoßen. Er fühlte sich unter ihrem Blick wie ein Kaninchen, das ein Adler fixiert hat. Made­moiselle Helga indes maß den jungen Mann aufmerksam und kam zu dem Ergebnis, dass ausgerechnet der kleine, unsichere und offensichtlich von einer festen Hand leicht formbare Fabrikant ihr Perseus war, durch den sie sich ei­nige ihrer Träume erfüllen konnte. Sie beschloss inner­halb weniger Momente, dass Arçon ihr Ehegatte würde. In den nächsten Wochen las sie alles, was sie über Papier­herstellung und dessen Vertrieb und Nutzung in die Hän­de bekommen konnte, dann überredete sie ihren Vater, Arçon zu einer intimen Abendgesellschaft einzuladen. Ob­wohl Monsieur Hippolyte eine dunkle Ahnung hatte, was für ein Schicksal ihm drohte, konnte er unmöglich ableh­nen, da er sich den Steuerinspektor geneigt halten muss­te. Mademoiselle Helga ergriff ihre Gelegenheit, verwi­ckelte den unfreiwilligen Freier in ein Fachgespräch, machte ihm deutlich, dass er ohne ihre Energie und ihre Mitgift einem Bankrott entgegen sah und nach nur zwei Stunden waren die beiden, ohne dass Arçon recht wusste, wie ihm geschah, verlobt und heirateten im darauffolgen­den Frühjahr.

Die Ehe der beiden wurde dennoch glücklich, da sie einan­der in seltener Weise ergänzten und sich die Eheleute durch Monsieur Hippolytes strengen Tagesplan selten sa­hen. Zudem fällt auch die größte Hässlichkeit nach einer gewissen Zeit der Gewöhnung anheim. Für ihre Zunei­gung spricht auch beider Tochter Simone, die 1819 das Licht der Welt erblickte und durch eine seltsame Laune der Natur eine Schönheit zu werden versprach. Madame Arçon steckte all ihre Energie in die Erneuerung der Pa­piermühle ihres Mannes, den sie dadurch reich machte, und anschließend in die Erziehung ihrer Tochter. Fast schien es, als hätte sie die ehrgeizigen Träume ihrer Ju­gend vergessen und obgleich sie realistisch genug war, um einzusehen, dass ihr in der Provinz selbst kein weiterer gesellschaftlicher Aufstieg über das Großbürgertum von Beauvais hinaus vergönnt sein würde, da sie ihre einzige Trumpfkarte, ihren phlegmatischen Ehemann, völlig aus­gereizt hatte, wollte sie nun ihrer Tochter und damit na­türlich auch sich selbst den Weg in die höchsten Kreise ebnen. Es sollte Simone gelingen, was Madame Helga ob ihrer Hässlichkeit verwehrt geblieben war; sie würde den würgenden Gestank der Papierfabrik abstreifen, die Sa­lons des Faubourg Saint-Germain sollten sich vor ihrer Tochter verneigen und der Schwiegersohn würde zumin­dest ein Graf sein.

Madame Helgas erster Schritt war, einen Schreiber der Anwälte ihres Mannes eruieren zu lassen, ob sich nicht unter den zahlreichen Vorfahren von Monsieur Hippolyte einer fand, der einen klangvollen Titel getragen hatte. Die Aussicht auf eine der Höhe des Adels angemessene Beloh­nung ließ den gerissenen jungen Mann schnell fündig werden. Er entdeckte das Wappen des Chevaliers und Comtes von Arcionay, der allerdings nach den Urkunden im Jahre des Herrn 1356 nach der verlustreichen Schlacht bei Maupertuis im Feldlazarett ohne männlichen Erben verschieden war. Dieses unbedeutende Manko hin­derte die Madame Arçon nicht, sich von diesem Zeitpunkt an zum Amüsement ihres Gatten d’Arçon zu nennen und das Wappen derer von Arcionay von einem geschickten Steinmetz über dem Entrée ihres Hauses anbringen zu lassen. Monsieur Hippolyte kümmerte sich nicht weiter um diese, wie er meinte, kleine Marotte seiner Frau und gewöhnte sich im Verlaufe der Jahre selbst an, Verträge mit d’Arçon zu zeichnen. Nachdem nun die Mademoiselle Simone d’Arçon einen wohlklingenden Namen führte, musste sie auch angemessen erzogen werden und Ma­dame Helga legte ihre ganze Sorgfalt und Strenge in diese neue Aufgabe. Da sie sich ihrer provinziellen Manieren und Kenntnisse nur allzu sehr bewusst war, adlige Lebensart nur aus zumeist schlechten Büchern kannte, ließ sie im Quotidienne nach einer Erzieherin inserieren, der sie bei entsprechender Befähigung ein nicht unbedeuten­des Salär in Aussicht stellte. Schließlich gelang es ihr nach einer längeren Korrespondenz, Madame von Wze­renski aus dem Umkreis des Fürsten Adam Georg Czarto­ryski zu gewinnen. Sie war eine adlige, aber völlig ver­armte Exilpolin, die als Gouvernante hochgeachtet und bereits an der Erziehung der Töchter der Granvilles und der Navarreins mitgewirkt hatte. Diese durch und durch royalistische ältere Dame hatte in den zwar reichen, je­doch allzu bürgerlichen Haushalt des Papierfabrikanten nur gelockt werden können, weil sie sich durch die dritte Liquidation des Bankhauses Nuncingen ruiniert hatte und ihr Madame Helga ein Gehalt versprach, das sie ihre königstreuen Prinzipien vergessen machen half.

Hätte Arçon die tatsächlichen Kosten dieses Schrittes, die sich, da noch zusätzlich ein Mädchen für Simone in An­stellung kam, auf jährlich fünfzehntausend Franc belie­fen, erfahren, wären ihm die Haare zu Berge gestanden und er hätte sich mit aller Vehemenz, zu der er in selte­nen Fällen fähig war, gegen diesen, wie er meinte, überf­lüssigen Luxus verwahrt. Madame Helga wusste, dass sie bei ihrem oft wie Wachs formbaren Mann keine Einwilli­gung in diesen Personaleinkauf erreichen konnte, wenn sie ihm die Wahrheit sagte, denn es gab gewisse Dinge, bei denen an seine Zustimmung nicht zu denken war und er sich, je mehr sie in ihn drang, um so hartnäckiger ihren Wünschen verschloss. Nur zu genau konnte sie sich daran erinnern, wie er sich im ersten Jahr der gemeinsamen Ehe geweigert hatte, das Boudoir nach ihren Vorstellun­gen von Schinner gestalten zu lassen. Es war das erste Mal, dass sie bei ihrem Gatten auf Widerstand getroffen war und sie hatte begreifen müssen, ein von Hippolytes Arçon einmal ausgesprochenes Nein war dann endgülti­ges, wenn es Ausgaben betraf, die über seinen gesell­schaftlichen Status hinausreichten. Er ließ die Räume sei­ner Frau zwar ausmalen, beauftragte dazu allerdings ei­nen billigen, weil unbedeutenden Genremaler aus Ami­ens, dessen Vorliebe für Schwäne und wohlbeleibte Nym­phen Madame Helga so lange Seufzer entlockte, bis sich ihre Augen an den scheußlichen Anblick gewöhnt hatten. Das Engagement der Madame von Wzerenski hätte der Hausherr also zu diesen Kosten niemals akzeptiert und deshalb blieb der Madame Helga nichts anderes übrig, als ihren Gatten zu belügen und einen Teil des vereinbarten Gehaltes aus dem eigenen Portefeuille zu bezahlen. Sie veräußerte deshalb heimlich den größten Teil ihres von der Mutter ererbten Familienschmucks, der ihr allerdings statt der erhofften einhunderttausend Franc nur fünfund­sechzigtausend erbrachte, die aber ihrem Vorhaben voll­kommen genügten. Ihrem Mann gestand sie anstelle der vereinbarten zwölftausend Franc für die Erzieherin nur die Hälfte ein, was ihm noch immer überteuert erschien, die er aber ohne Murren bezahlte, als sie ihm glaubhaft versicherte, wie günstig dieses Salär für eine angesehene Erzieherin aus Paris sei. Es war der erste Sündenfall von Madame Helga, sollte aber nicht der einzige bleiben. Noch ein weiteres Versprechen gegenüber der Polin – nämlich so bald als möglich nach Paris umzusiedeln – wurde dem Gatten unterschlagen. Er sollte vorsichtig und langsam darauf vorbereitet werden.

Madame von Wzerenski machte der Dame des Hauses bald deutlich, dass es mit einer guten Erziehung Simones allein nicht getan war, es dringend von Nöten war, einen Salon zu führen, in dem die Tochter sich bewegen und er­proben konnte. Mit diesem Wunsch sprach sie der Ma­dame Arçon aus der Seele, hatte sie doch vor geraumer Zeit selbst vergeblich versucht, eine vornehme Abendge­sellschaft zu gründen. Es war ihr nicht gelungen, da die gute Gesellschaft von Beauvais unter sich blieb und sich allabendlich bei der Gräfin de Gignaux traf. Mit der adli­gen Polin hatte sie allerdings eine Person an der Seite, die einen neuerlichen Versuch lohnend erscheinen ließ. Zu­erst wurden Schritte unternommen, Abbé Rouge, den durchaus weltgewandten Geistlichen der Kathedrale von St. Jacques, der auch im Salon der Gräfin verkehrte, zu gewinnen. Madame Helga ließ deshalb ein Wohltätigkeits­ball zugunsten der Armen der Gemeinde ausrichten. Die Aussicht auf eine reiche Kollekte verlockte den Abbé und er brachte einige angesehene Persönlichkeiten in Mon­sieur Arçons Haus. Unter ihnen war sogar die in äußers­ter Zurückgezogenheit lebende, altruistische Mademoisel­le Victorine Taillefer, eine hübsche und gebildete, aber sehr melancholische und schweigsame Tochter aus der ersten Ehe des kürzlich verstorbenen Bankiers Jean-Frédéric Taillefer, dessen beachtliches Vermögen sie ge­erbt hatte. Der Ball war ein Erfolg, der den Papierfabri­kanten eine Jahresrente kostete; er bezahlte allerdings bereitwillig, weil es seinem Ansehen und seiner Kredit­würdigkeit nutzte, wenn die gute Gesellschaft in seinem Haus verkehrte. In der darauffolgenden Zeit lief der Salon gut an, bald war jedoch seine Neuheit abgenutzt und nicht zuletzt wegen des entsetzlichen, an einen Höllen­schlund erinnernden Gestankes der Papierfabrikation, an den sich nur gewöhnen konnte, wer sein Leben in ihrer Nähe verbrachte, kehrte man zur Gräfin de Gignaux zu­rück, deren Räumlichkeiten über Wochen verwaist gewe­sen waren. Es blieben der Madame Helga, die in ihrem Hause täglich Räucherwerk abbrennen ließ, allerdings eine Handvoll Leute; zumeist neureiche Bürger gleich ihr, die bei der Gräfin keinen Einlass fanden, sporadisch auch der Abbé und ein paar junge Männer, die sich in die be­reits mit sechzehn Jahren zur Schönheit gereiften Tochter des Hauses versehen hatten. Unter ihnen war der Sohn des Notars Bichet, der ernste, schwindsüchtige Architekt und Bauherr René Carol und, als besonderes Schmuck­stück der Abendgesellschaft, der junge Baron de Ravoil, der den Glanz des Adels in das Haus der Arçons brachte.

Die Jahre vergingen und unter der Hand ihrer Gouver­nante, die beständig ein parfümiertes Tuch oder ein Riechfläschchen in den Händen hielt, entwickelte sich Mademoiselle Simone zu einer Schönheit mit den tadello­sen Manieren einer Adligen. Der Ruf ihrer Schönheit ver­breitete sich schnell in der Provinz. Mademoiselle Simone hatte zwar die Größe ihrer Mutter geerbt, trug diese aller­dings aufrecht und stolz; ihr flammend rotes Haar, ihr bleicher Teint, der wundervolle Schwung ihrer Taille, all diese äußerliche Makellosigkeit war gepaart mit vollende­ten Umgangsformen, die sie mit spielerischer Leichtigkeit trug. Diese glänzende Hülle machte aus ihr ein Juwel, das nur der leichte Einschluss von Arroganz ein wenig trübte. Dieser jedoch war verständlich, wenn man ins Urteil nahm, wie sehr das Mädchen ihre Altersgenossinnen in und um Beauvais übertraf und wie sehr sie von allen Sei­ten behütet und gehegt wurde. Zudem wurden ihr die Er­folge im Salon der Mutter allzu einfach gemacht. Hinter jener perfekten Hülle, die Mademoiselle Simone zur Schau trug, verbarg sich jedoch – Nichts. Sie war eine lee­re, stumpfe Maske, dumm wie eine Magd und dabei einge­bildet, war sie doch der vielen jungen Mädchen gemeinsa­men Ansicht, dass niemandes Sphäre erhaben genug sei, die Vortrefflichkeit ihrer Seele begreifen zu können. Davon wusste allerdings nur Madame von Wzerenski, die ihren Schützling so vollkommen mit auswendig gelernten Umgangsformen und immer gültigen Konversationsbro­cken ausgestattet hatte, dass sie sicher sein konnte, die junge Frau würde selbst einen erfahrenen Lebemann aus den Salons des Faubourg Saint-Germain für die Dauer ei­ner köstlichen Abendunterhaltung bezaubern und täu­schen können. Viel länger jedoch hätte diese Wirkung des schönen Scheins nicht angehalten, denn Mademoiselle Si­mones Repertoire geistvoller Repliken und Bonmots war begrenzt. Außer der Polin erahnte nur die Mutter etwas von der ererbten köhlerhaften Borniertheit der Tochter, die diese aber nicht wahrhaben wollte. Der Rest ihres Umganges, der Vater eingeschlossen, war von dem schö­nen Mädchen hingerissen. Er verzieh ihr deshalb die im­mer häufiger und teurer werdenden Rechnungen der Schneider, Hutmacher und Dekorateure, die ihn zwangen, einhundertfünfzigtausend Franc seines verzinsten Kapi­tals ihrer Schönheit zu opfern. Dies ließ seine jährliche Rente auf einunddreißigtausend Franc schmelzen, die da­mit jedoch noch immer weit über seinen Ausgaben lag und seinen Reichtum mehrte.

Solcherart war der Stand der Dinge, als es Madame Helga für dringend an der Zeit befand, ihren Mann auf den Plan, nach Paris umzusiedeln, vorzubereiten. Da die Tausend­zahl der weiblichen Finten, Schmeicheleien und Einflüste­rungen den Leser ermüden würden und er sie, so er denn vermählt ist, sicher schon aus eigener Anschauung zur Genüge kennt, soll im Interesse des Fortgangs der Ge­schichte nur erwähnt werden, dass die gemeinsamen Ein­redungen von Mutter, Tochter und Erzieherin nach einem hartnäckigen, über ein ganzes Jahr hinweg geführten Kampf endlich von Erfolg gekrönt waren. Monsieur Arçon ergab sich gleich einer lang belagerten Festung und be­gann, sich in den guten Vierteln der Hauptstadt nach ei­nem Grund umzusehen. Dies geschah zu einer Zeit, in der die Gewinne aus der Papierfabrik spärlicher flossen, da die Konkurrenz Monsieur Hippolytes technischen Vor­sprung längst aufgeholt hatte und teilweise mit moderne­ren Trockenwalzenmaschinen produzieren konnte. Der Fabrikant hatte eigentlich im Sinne gehabt, das ange­sparte Geld in bestem kapitalistischen Sinne erneut zu in­vestieren; ein dringend notwendiger Schritt, wenn er wettbewerbsfähig bleiben wollte. Deshalb wehrte er sich tapfer gegen den Bau eines Palais in Paris, war aber, da ihn der Gedanke, in der Hauptstadt zu residieren, schmei­chelte, viel zu nachgiebig, um auf seinen Plänen zu behar­ren. Er war aber fest entschlossen, den Bau so billig als ir­gend möglich auszuführen. Da kam ihm jenes Grundstück in Enfer wie ein seltener Glücksfall, da es nicht nur güns­tig gelegen, sondern auch ungewöhnlich billig angeboten wurde. Für die insgesamt sechsundfünfzigtausend Franc, die ihn das Gelände kostete, musste er nicht einmal seine stillen Reserven angreifen. Dabei übersah er gerne, dass der bisherige Besitzer nur durch eine unleserliche Unter­schrift auf dem Kaufvertrag und durch ein Konsortium unter der Federführung des Bankhauses Keller vertreten wurde.

Monsieur Arçon wollte selbstverständlich so bald als mög­lich zu bauen beginnen; er erhielt auch schnell durch freundliche Zuwendungen an die zuständigen Beamten die erforderlichen Genehmigungen der Ämter, musste dann allerdings entsetzt feststellen, dass die Errichtung eines repräsentativen Hauses in Paris nach seinen Vor­stellungen seine finanziellen Mittel deutlich überstieg. Lange suchte er nach einem Architekten, doch die be­kannten wie Grindot oder Vale-Noir schienen ihm nicht nur nicht bezahlbar, sondern ihre Entwürfe auch zu ge­wagt. Die Schätzungen der Pariser Baufirmen über die Kosten hätten Monsieur Arçon zudem fast dazu gebracht, von seinen Plänen Abstand zu nehmen, wenn ihm nicht seine Frau die Lösung seiner Probleme in einer Person präsentiert hätte, mit der er mehrmals in der Woche in den Soireen seiner Gattin zusammentraf, ohne sich je­mals weiters Gedanken über sie gemacht zu haben. Es war René Carol, Architekt und Bauherr in einer Person, der Monsieur Hippolyte anbot, sein Pariser Palais für ein­hundertfünfzigtausend Franc zu bauen und dem Fabri­kanten nach kurzer Zeit einen Grundriss präsentierte, der in seiner großzügigen Schlichtheit gefiel. Zwar lag der Kostenvoranschlag noch immer weit über Arçons Vorstel­lungen, wurde aber akzeptiert, weil kein günstigeres An­gebot gemacht werden würde.

[Zum 3. Teil der Leseprobe …]

Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Heute und in den nächsten Tagen gibt es noch einmal eine Leseprobe; diesmal aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac geschrieben, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden.

Nutzlose Menschen
Roman
226 Seiten, 7,99 €
Taschenbuch jetzt überall im Buchhandel
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und demnächst auch als E-Book erhältlich

Leseprobe: Nutzlose Menschen – Roman (1)

Nutzlose Menschen
Roman
226 Seiten, 7,99 €
Taschenbuch jetzt überall im Buchhandel
und demnächst auch als E-Book erhältlich

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Mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ ist erscheinen.

Heute und in den nächsten Tagen gibt es noch einmal eine Leseprobe; diesmal aus dem vierten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus. Das Kapitel, ein Romananfang im Stil von Honoré Balzac geschrieben, kann auch gut ohne Kenntnis des gesamten Buches gelesen werden.

Vergleicht man das Leben dieser Generation, der es ver­gönnt ist, die Mitte unseres Jahrhunderts zu erleben, jene fünf Dekaden, die an historischen Ereignissen und bedeu­tenden Menschen reicher sind als das christliche Jahrtau­send vor ihnen, mit den Vitae unserer Eltern und Großel­tern, so kann man leicht dem Eindruck verfallen, die Ge­schichte, ja, selbst die Zeit, würde immer geschwinder ei­len. Sie ist durchaus vergleichbar einer Spule mit Garn, deren Drehung sich, je mehr vom Faden abgespult wird, beschleunigt. Ohne diesen Vergleich zu sehr zu bemühen, kann der Gedanke Furcht um die nicht mehr allzu ferne Zukunft erwecken, in der der letzte Rest Garn von der Spule gelaufen ist. Am Rande bemerkt, wird auch von dem künstlerischen Genius gefordert, sich der Akzelerati­on der Zeit anzupassen und die Werke seiner Imagination immer schneller vor das Publikum zu tragen. Wen nimmt es da Wunder, wenn die Sonne der Kultur um so eiliger sinkt, je mehr sie sich dem Horizonte nähert!

Einst währten die Konstitutionen von Staaten Jahrhun­derte, heute zählen wir ihr Dasein in Jahrzehnten, bald vielleicht in Monaten oder Wochen. Doch nicht nur das Schicksal der Staaten ist jener magischen Beschleunigung unterworfen, sondern auch das tägliche Leben eines je­den. Durch die zunehmende Mechanisierung der Arbeit ist nicht nur ein neuer Stand, das Industrieproletariat, entstanden, sondern auch eine erschreckende Schnellle­bigkeit der Moden und des Konsums.

Und so ist auch das Leben des Einzelnen reicher gewor­den an Ereignissen, unsere Tage gleichen einem bewegten Strudel, der uns mit sich reißt. Niemand kann mehr gu­ten Gewissens behaupten, er sei Herr und Schmied seines Geschickes, selbst das Genie wird mit dem mächtigen Strom Leiber davon getrieben, der alle gleich macht und früh in die Gräber schwemmt. Nur ganz selten gewähret man uns einen Augenblick der erschöpften Ruhe, holt un­ser Leben gleichsam Atem. Dann hebt sich unser Blick über das Alltägliche hinaus und schaudernd sehen wir die Fesseln, die uns an unsere Mitmenschen binden, jene kaukasischen Ketten, die die Schicksale auf das Merk­würdigste miteinander verweben. So wird die beliebige Geschichte eines Einzelnen, willkürlich herausgerissen aus der Masse und an das Licht der Öffentlichkeit ge­zerrt, zum Paradigma für die Zeitläufe unseres irrsinns­kranken Jahrhunderts.

Nun will ich dich bei der Hand nehmen, mein Leser, der du bis jetzt geduldig meinen Worten gefolgt bist, auch wenn sie deiner Lebenserfahrung vielleicht widersprochen oder gar deinen Unwillen erregt haben. Ich will dich hin­aus auf die Straßen von Paris führen, es gibt keine Stadt des Erdkreises, die wie diese geeignet ist, meine Thesen zu stützen, denn die eine Hälfte der Gesellschaft ver­bringt ihr Leben damit, die andere Hälfte zu beobach­ten.

Schlendern wir darum gemeinsam den Boulevard des Ita­liens an der Oper vorbei und wenden uns nach rechts in die Rue de Richelieu, die uns zu den Tuilerien leiten wird. Sehen wir den Vorüberkommenden in die Augen, suchen wir uns gemeinsam einen aus der Masse der vierzehnhun­derttausend Individuen heraus, die die Straßen dieser Stadt mit ihren Schicksalen bevölkern und ich werde dir von ihm erzählen, eine Geschichte, die zugleich die Ge­schichte aller ist.

Wie denkst du über diesen buckligen Arbeiter, mein Le­ser? Er geht die Straße eilend und gebeugt, denn die Fron in der Kattunfabrik hat ihn vor der Zeit gebrochen. Ihn plagen schwere Sorgen, denn von seinem kargen Hand­lohn kann er seine vielköpfige Familie nicht nähren. Oder interessiert dich eher diese schöne Dame, die starr gera­deaus sehend in ihrer Kutsche sitzt und nicht der Blicke und Grußworte achtet, die ihr von den Boulevards zugeru­fen werden. Es ist Madame de A., eine respektable, ver­heiratete Frau. Sie befindet sich auf dem Weg zu ihrem Geliebten, der ihren Mann ruinieren wird. Und hier, die­ser feine, ältere Herr, der sich angeregt mit einem jünge­ren unterhält: Beide sind sie Advokaten, sie bereden den Bankrott des Barons B. Der hohlwangige Mann, der an ihnen vorübergeht, ist auf dem Weg zum Pfandleiher, um seinen Rock zu versetzen. Er ist ein erfolgversprechender Theaterautor, doch eine unglückliche Leidenschaft zu ei­ner Tänzerin, die der Zeitvertreib des Bankiers C. ist, hat ihm das Mark aus den Knochen gesogen. Er hat seit Ta­gen nichts gegessen und gerade seinen letzten Franc in der Spielbank verloren.

Aber ich sehe, mein Leser, dass dein Blick zuletzt jeman­den gefunden hat, dessen Roman dein Interesse lohnen wird. Wir wollen ihm folgen und sehen, wohin er uns führt:

An einem schwülen Abend im Spätsommer des Jahres 1846 ging ein junger Mann von der Pont Neuf kommend durch die Straßen des rechts der Seine gelegenen, bürger­lichen Quartier d’Enfer im XII. Arrondissement. Obgleich er langsam und wie zögernd ging und nach dem Augen­scheine ohne Ziel war, glich er doch in Art und Kleidung keineswegs den abendlichen Flaneuren, bei denen er viel Aufsehen erregte. Nicht wenige verharrten einen Schritt hinter ihm und musterten neugierig seinen Rücken, nach­dem er achtlos an ihnen vorübergegangen war. Die auf­merksamsten Blicke schenkten ihm dabei die Bürgers­frauen, die ihre heiratsfähigen Töchter spazieren führten, während ihre Männer neben ihnen, sich nachdenklich am Hinterkopf kratzend, nach einer Erinnerung sannen und die Töchter selbst, wie durch eine unziemliche Annähe­rung verwirrt, erröteten und ihre Blicke auf das Trottoir senkten. Der junge Mann zeigte sich von dem Aufsehen unbeeindruckt und schien auch nicht zu bemerken, wie aufdringlich er immer wieder geprüft wurde.

Diese Blicke fanden ihren Grund in der außerordentlichen Schönheit des jungen Mannes, der ein glattes, ebenmäßi­ges Gesicht und eine hohe, feste Stirn besaß. Seine blas­sen, feinsinnigen Züge kontrastierten auf das Angenehms­te mit seinem schwarzen, gelockten Haar, das die südlän­dische, wahrscheinlich italienische Abstammung zumin­dest eines seiner Elternteile nicht verbergen konnte. Als Knabe hätte er sicherlich für Caravaggios Jüngling mit dem Früchtekorb Modell stehen können. Nur die etwas zu breiten Lippen und die scharfen Kanten der Nasenflügel, die er mit dem tatsächlichen Modell des genialischen Ma­lers gemein hatte, störten den Eindruck eines zarten, ver­geistigten Jünglings etwas und hätten einem Anhänger der Lehre Lavaters mitgeteilt, dass hinter diesem sanften Äußeren auch ein gerüttelt Maß Leidenschaftlichkeit und Energie zu finden waren. Man hätte ihn nach seinen Ge­sichtszügen und seiner edlen, geraden Körperhaltung leicht für einen der adligen, vom Glück besonnten Jüng­linge des Faubourg Saint-Germain halten können, den der Zufall oder ein Liebesabenteuer in das bourgeoise Viertel d’Enfer geführt hatte, wenn nicht sein Anzug eine andere Geschichte erzählt hätte. Er war zwar ordentlich und sau­ber gebügelt, aber längst aus der Mode gekommen und nicht zum ersten Mal gewendet. Sah man näher hin, so konnte man die durch sorgsame Behandlung mit Wäsche­farbe verborgene Abnutzung von Ellenbeugen und Knien erkennen, die auf eine Armut schließen ließ, die sich ihrer selbst schämte und uneingestanden bleiben wollte.

Einem aufmerksameren Beobachter, als es die Bürger von Enfer waren, wären die von schweren Gedanken niederge­drückten Augenbrauen und die blicklosen, kohlschwarzen Augen, deren Feuer im Moment nur zu erahnen war, auf­gefallen und er hätte erkannt, welch gramvolle Sorgen den jungen Mann pressten. Auch sein scheinbar so ziello­ser Schritt hätte einem solchen Menschenkenner nicht verborgen, wie gut der Jüngling seine Umgebung kannte, sie aber lange nicht mehr erblickt hatte und es ihm nun ein schmerzvolles Wiedersehen, ein Golgathagang war, an dessen Ende ein Mensch oder ein Ereignis auf ihn warte­ten, deren er sich fürchtete. Wäre einer der Spaziergänger durch den Weg des jungen Mannes so neugierig geworden wie der amerikanische Dichter Poe auf den Massenmen­schen und wäre ihm gleich jenem unauffällig gefolgt, hätte er festgestellt, dass der Jüngling um einen nur ihm bekannten Ort im Viertel weite, aber langsam enger wer­dende Radien zog, gleich einer Motte, die sich von dem Licht einer Kerze angezogen fühlt, das sie zugleich durch ihre Hitze abschreckt.

Als spät die Dämmerung hereinbrach, die wenigen Stra­ßenlaternen entzündet und die Spaziergänger und die Einspänner seltener wurden, blieb der Jüngling schließ­lich unsicher gegenüber eines breiten Hauses stehen, das eine Ecke der Kreuzung der Rue d’Enfer mit der schmalen Rue Mesonge bildete. Als er mit einem schnellen Blick die im Eingang dösende Concierge entdeckte, trat er eilig zu­rück in das Dunkel des weit in die Straße reichenden Er­kers des Hauses in seinem Rücken, zog den Hut in die Stirn und sah angestrengt hinüber zu dem Gebäude, hin­ter dessen Fenstern im Moment nur wenige Lichter brannten. Er versuchte dort vielleicht die Bewegung einer ihm bekannten Person zu erhaschen, seine Hand hob sich und er wischte eilig eine Träne aus einem Augenwinkel. Wie von einem kalten Fieber ergriffen zitterte der junge Mann nun trotz der Hitze der Sommernacht, die sich in den Gassen staubig gestaut hatte und er flüsterte fast un­hörbar ein kurzes Stoßgebet.

Welches schreckliche Geheimnis barg nun dieses Gebäu­de?

Es ist für das Verständnis des Lesers nicht unerheblich, Näheres über die erstaunliche Geschichte des Hauses und seiner Bewohner, die für lange Zeit das Gesprächsthema der Bürger des Viertels gebildet hatte, zu erfahren. Das unscheinbare, respektable Bauwerk war eines jener schmucklosen neuen Häuser, die heute in zunehmendem Maße das Stadtbild der bürgerlichen Viertel von Paris verunzieren und von spöttischen Journalisten gerne als Kassettenkommoden bezeichnet werden. Die breite, glatte Fassade wurde in regelmäßigen Abständen von Fenstern durchbrochen und nur ein einzelner, von milde lächelnden Titanen getragener Balkon über dem schmucklosen Tor milderte etwas den trostlosen Eindruck des dreistöckigen Gebäudes. Dieser Stil brechende, zum häufigem Spott der Vorübergehenden Anlass gebende Alkoven dankte seine Existenz sicher nicht einer Laune des Architekten, son­dern dem Geschmack des Bauherrn, dessen provinzielle Herkunft damit zur Genüge belegt ist.

Während dem Kaiserreich und der Restauration war hier noch ein verkommenes, notdürftig eingezäuntes Grund­stück gewesen, dessen hinterer Rand an den Park der Ma­ternité in der Rue de la Caille grenzte, in dessen Büschen die Gassenjungen spielten und sich des Nachts allerlei Gesindel umhertrieb. Die Besitzverhältnisse lagen im Dunkel und niemand hatte weiters Interesse an dem ver­kommenen, etwas unheimlichen Gelände. Die Bürger wechselten die Straßenseite, wenn sie ihre Wege an dem Grund vorüberführten. Nur die ältesten Anwohner konn­ten sich erinnern, dass im hinteren Teil des Grundstücks einmal eine kleine, baufällige Kapelle gestanden hatte, die in der Zeit des Direktoriums kurz als Waffenlager der Bürgerwehr diente, bis man sie eines Tages abriss, weil ein Dachträger herabgestürzt war.

Als dann mit Lois Philippe viele der bourgeoisen Fabri­kanten zu Reichtum kamen und begannen, in Immobilien zu spekulieren, wurde im Jahre 1836 plötzlich auch dieses so lange Zeit brach gelegene Stück Grund über den An­walt Derville zum Verkauf feilgeboten, wobei der ur­sprüngliche Besitzer sein Inkognito zu wahren wusste. Gekauft wurde es von dem Papierhersteller Hippolyte Arçon aus Beauvais, jener hochberühmten, geschäftigen Stadt, die nördlich von Paris auf halbem Wege nach Ami­ens liegt und bekannt für die dort ansässigen königlichen Gobelinwebereien ist.

Monsieur Arçon suchte bereits seit geraumer Zeit einen günstigen Grund in Paris, auf dem er für sich und seine Familie ein Stadthaus zu bauen gedachte. Dieser wohlbe­leibte und phlegmatische Monsieur Arçon, der den Typus des kleinbürgerlichen Fabrikanten, der durch die wach­sende Industrialisierung unter Lois Philippe zu Reichtum kam, aber in seiner bourgeoisen, eingeschränkten Verhal­tensweise verharrte, perfekt repräsentiert, ist eine aus­führlichere Beschreibung wert.

Die papierherstellende Industrie hat zu Beginn unseres Jahrhunderts einen gewaltigen Aufschwung genommen, der hauptsächlich durch Erfindung der Papiermaschine durch Lois Robert im Jahre 1799 und ihrer Weiterent­wicklung durch die Engländer Bryan Donkin und Cromp­ton verursacht ist. Durch sie allein ist es möglich, den ge­wachsenen Markt unseres bürgerlichen Zeitalters an Druckwerken aller Art zu befriedigen. Was früher in einer Papiermühle auf mehrere Dutzende von Handgriffen beim Schöpfen, Gautschen, Legen und Trocknen des Papiers verteilt war, wird heute in die fließende Arbeit einer fort­laufenden Maschinenkette übertragen, die den Haderbrei selbständig auf die Siebform gießt, trocknet, zerlegt, auf Rollen wickelt und als gebrauchsfertiges Papier entlässt.

Die Papiermühle des Monsieur Arçon in Beauvais, die er im Jahre 1820 durch die Mitgift seiner Frau vollständig modernisiert hatte, indem er als erster Fabrikant in der Picardie eine Papiermaschine der Gebr. Köchlin aus dem Elsass erwarb, produzierte um 1835 für die großen Dru­ckereien in Paris jährlich etwa viertausendfünfhun­dert Zentner geleimtes, hochwertiges Buch- und Kupfer­druckpapier und beschäftigte sechzig Arbeiter. Durch die­se Investition war es Arçon gelungen, seine Hauptkonkur­renten, die Brüder Cointet, jene Hyänen des Kapitalis­mus, die zudem ein qualitativ schlechteres, mit Pflanzen­fasern versetztes Papier herstellten, aus dem Felde zu schlagen. 1836 besaß Monsieur Hippolyte ein Kapital von sechshunderttausend Franc, das er verzinst hatte und das ihm eine jährliche Rente von zweiundvierzigtausend Franc bescherte. Sein schuldenfreier Grund und seine Produktionsanlagen waren zusätzlich noch etwa fünfhun­derttausend Franc wert.

In der Provinz, in der jedes Livres doppelt zählt, zum Mil­lionär geworden, machte Monsieur Arçon zuerst keine An­stalten, seine Lebensweise zu ändern. Er wohnte in einem alten Backsteinhaus direkt am Fluss Thérain auf seinem Mühlengelände, das mit seiner Tochter Simone bereits die vierte Generation Arçons beherbergte und er hatte lange Zeit keine Veranlassung gesehen, umzuziehen, da er in Beauvais für seine Lebenshaltung jährlich nur etwa acht­zehntausend Franc verkonsumieren musste, um in der Gegend als ein reicher und verschwenderischer Mann wohl angesehen zu sein.

Jeden Morgen stand er gegen fünf Uhr auf, kleidete sich an und nahm ein kleines Frühstück zu sich. Dabei stu­dierte er bereits die Produktionszahlen des vergangenen Tages, die ihm sein Sekretär Henri Michot im Morgen­grauen zu bringen hatte. Der Angestellte, ein dürrer, spitznasiger und kahler Mann, verharrte stehend vor Monsieur, der einen kalten Milchkaffee trank und eifrig auf einem dünnen Schmalzbrot kaute, ein Mahl, das die Haushälterin bereits am Abend vorbereitete. Dabei schüt­telte Arçon jeden Morgen missbilligend den Kopf, selbst wenn er, was allerdings selten geschah, mit den Ergebnissen des Vortages zufrieden war. Schließlich sah er auf und seinem Sekretär lange und vorwurfsvoll in die Augen.

»Strengen Sie sich mehr an, mein lieber Michot.« sagte er dann ernst. Damit reichte er die Unterlagen zurück und entließ den düsteren, blatternarbigen Angestellten. Diese Aufforderung, die er sich vor ein paar Jahren zur Ermun­terung ausgedacht hatte, wiederholte er jeden Morgen und Michot, der wie alle Sekretäre ein Gauner war, ver­neigte sich ebenso prompt, ging und tat seine Arbeit für Arçon so gut wie nötig und für sich selbst so gewinnbrin­gend wie möglich. Monsieur Hippolyte war nicht so naiv, dass er nicht wusste, dass er von seinem Sekretär betro­gen wurde, aber dessen Bevorzugungen von gewissen Lumpenhändlern und andere unbedeutende Gaunereien schmälerten seine Gewinne kaum und ihm war ein klei­ner Dieb, den er unter Kontrolle hatte und der im übrigen seine Arbeit tat, lieber als die Suche nach einem neuen Angestellten, bei dem er nicht sicher sein konnte, dass er nicht vom Regen in die Traufe geriet.

An allen Tagen außer dem Sonntag, an dem er später am Tag mit seiner Familie die Messe in der Kirche Saint-Éti­enne besuchte, las er nach seinem kargen Frühstück ein paar Zeilen in der Familienbibel, dem einzigen Buch, das der Papierfabrikant außer seinen Kontenbüchern jemals in die Hände nahm. Obwohl er gläubiger Katholik war, las er seine Lektüre nur oberflächlich, lauschte vielmehr in Besitzerstolz auf die Geräusche seiner Fabrik; auf das einsetzende, gleichmäßige Stampfen seiner Maschinen und das Kreischen der Holländer genannten, länglichen Tröge aus Gusseisen, in denen der wasserverdünnte Fa­serstoff um eine in der Mitte angebrachte Scheide kreiste, gemahlen und anschließend mit Leim versetzt wurde. In Gesprächen verglich er sich gerne mit einem Arzt, der auf den Organismus eines Patienten lauscht, denn er hatte über die Jahre hinweg ein sicheres Gehör dafür entwickelt, wenn in der Papiermühle etwas nicht seinen gewohnten Gang nahm.
Wenn sich dann das Rumpeln der Wagen der Haderlum­penhändler näherte, erhob er sich von seinem Platz, klopf­te an das Boudoir seiner Frau Helga, wünschte ihr durch die Tür einen guten Tag und verließ das Haus, um die an­gelieferte Ware zu prüfen. Bis zwei Uhr war er auf dem Gelände unterwegs und keiner seiner Arbeiter konnte si­cher sein, dass nicht Monsieur Hippolyte hinter ihm stand, seine Arbeit kontrollierte und mit Hand anlegte. Arçon war bei seinen Leuten beliebt, weil er gut zahlte, in Not gekommene Arbeiter und ihre Familien unterstützte und einen Fond für diejenigen unter ihnen eingerichtet hatte, deren Lungen durch das jahrelange Atmen des zum Papierbleichen benutzten Chlors zerstört waren. Sein auf­dringliches Nachspionieren wurde deshalb allgemein als Fürsorge interpretiert. Seine Sorge um die Arbeiter hatte außer seiner christlich-barmherzigen Einstellung noch ei­nen anderen, handfesteren Grund: Er hatte im Juli 1830 in Lyon zufällig mit eigenen Augen gesehen, dass aufge­brachte Weber ihren Fabrikherren an einem Webstuhl er­hängt hatten und jenes Ereignis hatte ihn einen gewissen Respekt im Umgang mit dem Proletariat gelehrt.

Seine Nachmittage verbrachte Monsieur Hippolyte in der Buchhaltung in seinem Bureau, dessen Fensterfront aller­dings auf die Hauptwege des Geländes zeigte und so ho­ben sich seine Blicke oft von den Frachtpapieren und Ver­trägen, um mit Besitzerstolz seine Fabrik zu begutachten. Hier nahm er auch eine Suppe und seine Familie sah ihn erst am Abend, wenn er gegen sieben Uhr heimkehrte, eilig dinierte und dann mit ein paar örtlichen Honoratioren um ein paar Livres Boston spielte. Dieses Spiel war die einzige Leidenschaft, die er kannte. Die Wechselfälle des Kartenglücks konnten dem Fabrikanten bemerkenswerte Wutanfälle entlocken, die man hinter seiner alltäglichen Haltung, die der eines Epiktet ohne Weisheit gleichkam, nicht vermutete. Die Ausnahme zu diesem Tagesplan lie­ferte der Sonntag, an dem er wie erwähnt die morgendli­che Messe besuchte und anschließend mit Frau und Toch­ter Ausflüge zu Verwandten und Bekannten im Umland machte. Wenn es nach Monsieur Arçon gegangen wäre, hätte dieses behaglich eingerichtete Leben kein Ende ge­nommen, aber er hatte nicht mit dem Willen seiner Frau Helga gerechnet, dem er völlig unterworfen war.

[Zum 2. Teil der Leseprobe …]

Nutzlose Menschen – Mein neues Buch

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Mein neuer Roman aus dem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus

Softcover-Taschenbuch, 224 Seiten
ISBN: 9783748586067
7,99 €

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Nutzlose Menschen
Ein Roman von Nikolaus Klammer

„Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden,
und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden,
aber sie tun und sagen es immer und immer
wieder …“


Eine Stadt Mitte der 90er Jahre in der bayerischen Provinz. Es ist ein heißer Sommer. Der gescheiterte Schriftsteller Nikolaus Klammer, der sich in seinem Brotberuf als Beamter langweilt, beginnt mit den Menschen in seinem Umfeld wie mit Schachfiguren zu spielen. Ohne deren Wissen stellt er zu seinem Zeitvertreib mit ihnen Szenen aus der „Comédie humaine“ von Honoré de Balzac nach.

Sein auserwähltes Opfer in dieser Nacht ist Benjamin Sapher, der sich hilflos in dem Spinnennetz seines Vorgesetzten verfängt. Als seine Frau Gitta ahnt, was Klammer mit ihrem Mann vorhat, ist es beinahe schon zu spät, um eine Katastrophe zu verhindern. Aber ist das alles wirklich nur ein makaberes Spiel oder hat Klammer noch einen anderen Plan?

Übrigens sind meine E-Books – auch die ersten beiden Bände meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus – noch bis zum 9. September überall für 0,99 € erhältlich.

 

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