Aber ein Traum …

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 10)

[zum 1. Teil …]

„Herrgott! Überrangprotokoll Fabia! Omicron, Standby“, zischte Fabia zwischen zwei Würgeanfällen. Der kleine goLem blieb sofort stehen und blinkte stumm, als wäre er beleidigt.

„Na, Mädchen?“, fragte Leon mitleidig, als es Fabia wieder etwas besser ging, „doch nicht so stark und mutig?“

„Nein, es ist nur … Mir ist ziemlich schwindlig wegen meiner Krankheit. Ich werde langsam hämoylitisch. Das wirkt sich zuerst auf meinen Kreislauf aus.“ Sie deutete auf einen kleinen, zellenartigen Anbau an einem Gebäude in der Nähe, auf dessen Milchglastür ein großes rotes Kreuz dargestellt war. „Ich muss dringend zu dieser Notarzt-Station. Ich brauche Medikamente und eine Transfusion.“

Fabia spuckte aus, um den ekligen Geschmack im Mund loszuwerden, was ihr auf diese Weise jedoch nicht gelang.

„Ich helfe dir“, bot sich Leon an. „Die Ärzte sind sich schon längst geflohen oder evakuiert worden. Ich glaube nicht, dass sich außer uns und deinen Freunden noch jemand in diesem Stadtviertel aufhält.“

Das Mädchen richtete sich zitternd auf und winkte ab. Sie probierte ein paar Schritte. Ihre Knie waren zwar weich und die Beine wacklig, aber bis zu der Krankenstation würde sie es ohne Hilfe schaffen.

„Danke, aber das wird nicht nötig sein“, lehnte sie Leons Angebot ab. „Es wird dort drin sicher noch einen Gamma geben, der mir helfen kann. Falls sie ihn schon evakuiert haben sollten, kann mich auch mein Omikron unterstützen. Er hat ein Medizin-Update.“

Der Bildhauer wollte einen Einwand machen, aber Fabia ließ ihn nicht zu Wort kommen.

„Ihr beide solltet auf jeden Fall auf der Stelle zu den Zügen fliegen, bevor uns die Polizei wiederfindet. So beschäftigt können die gar nicht sein, dass sie nicht den Absturz ihrer zwei Einheiten untersuchen. Bringt euch in Sicherheit, bevor sie kommen. Mit dem Schweber habt ihr eine echte Chance.“

Leon nickte und fuhr sich mit der Hand nachdenklich über die Glatze. Er zögerte.

„Bist du dir sicher? Du weißt aber schon, dass sie uns nicht zufällig abgepasst haben? Du bist verraten worden und sie sind hinter dir her. Ich lasse dich nur ungern alleine.“

„Ich werde in der Bibliothek bei meinen Freunden in Sicherheit vor der Polizei sein – keine Sorge. Von dort kann ich auch problemlos die Uniklinik-Haltestelle der UMS-Bahn erreichen. Die bringt mich in einer Stunde nach Frankfurt. Vielleicht können wir uns dort wieder treffen. Aber jetzt fliegt endlich los. Ich wünsche euch alles Glück. Meldet euch, wenn ihr euch gerettet habt – danach, meine ich, wenn das alles vorbei ist …“

Fabia nahm ihren reglosen goLEM unter den Arm und ging mit so festen Schritten, wie sie ihr in ihrem Zustand möglich waren, auf die Notfall-Einrichtung zu. Sie drehte sich nicht noch einmal um, weil ihr sonst wahrscheinlich die Tränen gekommen wären. Leon sah ihr so lange hinterher, bis sie den Platz überquert hatte. Dann warf er warf einen letzten Blick hinauf in den leeren, grauen Himmel, über den nun merkwürdig gleichmäßige und runde Wolken zogen, die aus sich selbst heraus orange leuchteten. Sie glichen farbigen Ballons und wirkten auf ihn wie die Boten des nahenden Untergangs. Der Bildhauer hätte sie gerne mit seinen eigenen Händen aus Ton nachgeformt. Aber er würde wohl nicht mehr dazu kommen, seine Kunst noch einmal auszuüben. Auch wenn die Pariser bessere Chancen als die Einwohner der direkt an der Atlantikküste liegenden Megapole Marelona hatten, fühlte Leon im Gegensatz zu Fabia keinen Optimismus und hatte keinen Glauben, dass ausgerechnet er die Katastrophe in etwa zwölf Stunden überleben würde. Schließlich waren ja auch heute morgen wieder die Kampfhandlungen mit der Indopazifischen Union aufgeflammt, die jederzeit ein nukleares Armageddon auslösen konnten. Was der Impact des Mondbrockens und der Tsunami nicht erledigten, schafften vielleicht die Atomwaffen der Kriegsparteien: Europa zwischen Scylla im Westen und Charybdis im Osten zu zerreiben. Vielleicht überstanden ja ein paar seiner Werke den Weltuntergang …

Raphaël rief ihn ungeduldig nach ihm und er lief kopfschüttelnd zum Schweber zurück. Er war höchste Zeit, aufzubrechen und die dem Tode geweihte Stadt zu verlassen.

Fabia hatte inzwischen das Rote-Kreuz-Gebäude erreicht und legte ihre Hand auf die Glasfläche der Tür. Sie wurde gescannt und die Tür öffnete sich vor ihr. Bevor sie eintrat, sah sie doch noch einmal zurück und dem emporsteigenden Schweber zu, bis er hinter einem der schlank wie eine Nadel in den Himmel stechenden Val-d’Oise-Türme verschwand. Der Abschied eben war für immer gewesen, das war auch ihr klar. Selbst wenn sie alle drei der großen Welle entkamen und rechtzeitig in die sicheren Gebiete im Westen gelangte, würde doch das I-Net zusammen brechen und sie sich in dem Chaos, das gerade in den deutschen Landen herrschen musste, die gerade von Milliarden von Flüchtenden überschwemmt wurden, niemals wiederfinden. Jetzt lief ihr doch eine Träne über die Wange.

„Womit kann ich dir dienen, Bürgerin?“, wurde Fabias düstere Stimmung von einer einfühlsamen, aber vollkommen geschlechtslosen Stimme hinter ihr unterbrochen. Die stachlige Kugel eines Arzt-goLEMs schwebte heran. Außer ihm und ein paar der überall anzufindenden, spinnenähnlichen Sanitäts- und Reparaturdeltas, die im Hintergrund an den Wänden hingen und leicht auf ihren unzähligen kleinen Beinchen zitterten, war niemand mehr in der Notfall-Einrichtung. Die medizinischen GoLems der Gamma-Reihe wurden im Volksmund wegen der Treffsicherheit ihrer Prognosen Tu-as-qu’à oder DO ASK genannt und erinnerten ein wenig an einen fliegenden Seeigel, dessen Stacheln allerdings dünne Arme waren, die den unterschiedlichsten medizinischen Zwecken dienten. Trotz der weltweit gültigen Roboter-Gesetze, die nach dem verheerenden KI-Aufstand im 23. Jahrhundert Verstand und Persönlichkeit künstlicher Intelligenzen strengen Obergrenzen unterwarfen, waren die Tu-as-qu‘à von der Mooncorp. mit einer der fortschrittlichsten und selbstständigsten KI‘s ausgestattet worden, die es gab. Denn diese goLEMs mussten neben ihren medizinischen auch psychologische und psychiatrische Aufgaben erledigen konnten. Die geistigen Fähigkeiten der Gammas übertrafen damit bei weitem die Möglichkeiten der durchschnittlichen und absichtlich „dumm“ programmierten anderen goLEMs; Fabia schätzte die Tu-as-qu’à sogar für intelligenter und sozialkompetenter als die meisten Menschen ein, die sie kannte – sich selbst dabei eingeschlossen. Die Gammas waren eigentlich nur durch ihre eigenwillige äußere Form, die einseitige Programmierung und durch die Kontrollen des I-Nets beschränkt. Das Prinzip ihrer neuronalen Netze hatte übrigens Professor Rosenthal entworfen, dem dafür einen seiner beiden Nobelpreise verliehen worden war.

Fabia schmunzelte, als sie sich unter dem grünen Untersuchungsstrahl des Gammas einmal um sich selbst drehte. Wie wohl die Corp., die dem Professor seine Forschungsergebnisse und Patente gestohlen hatte, reagieren würde, wenn sie wüsse, dass er insgeheim schon viel, viel weiter war und in den Kybernetiklaboren der Pariser Universität den ersten komplett menschenähnlichen Androiden geschaffen hatte, den er in einem Wortspiel nach dem shakespeareschen Waldgott Oberone nannte. Wenn schon kein Gott, so sollte Ober-1 unter den Normalsterblichen – auch den genoptimierten – zumindest ein Halbgott werden. Es war Fabias Aufgabe in Baruch Rosenthals kleinem Team, die KI des Androiden zu pflegen,zu  testen und zu entwickeln. Sie hatte inzwischen ein sonderbares, sehr intimes Verhältnis zu künstlichen Menschen aufgebaut; ein verwirrendes Verhältnis, über das sie nicht näher nachdenken wollte, denn Oberone war vom Wissen und erstaunlicherweise auch vom Charakter her wie eine jüngere Ausgabe des Professors, in den sie verliebt war.

Der grüne Strahl erlosch.

„Bürgerin“, sagte der goLEM. Er klang sehr ernst und hatte tatsächlich eine wohldosierte Besorgnis in seine Stimme gelegt. „Begebe dich sofort zur Behandlungsliege. Du benötigst dringend meine ärztliche Hilfe.“

Einer der dünnen Arme des Gammas klickte nervös und deutete auf die Seite, an der einige mit kompliziertem medizinischem Gerät verbundene leere Betten standen. Fabia folgte gehorsam der Aufforderung und setzte sich auf eine der Patientenliegen. Sie rollte den Ärmel des weiten Pullovers hoch und ließ sich von dem Tu-as-qu’à einen Shunt legen, über den er sie flink und professionell mit den Apparaturen der Notfall-Station verband. Eigentlich war es unverantwortlich, solch eine wertvolle Technologie einfach der Zerstörung oder irgendwelchen Plünderern zu überlassen, die – Weltuntergang hin, Armageddon her – doch sicher die evakuierten Gebäude und Einrichtungen nach Beute absuchten, auch wenn ein paar von ihnen bestimmt von den Polizeiomegas geschnappt und unter Anwendung der neuen 2MC-Gesetzgebung an Ort und Stelle standrechtlich exekutiert wurden. Hier im Univiertel schien jedoch alles ruhig zu sein.

„Merkwürdig“, ging Fabia durch den Kopf. „Das ist wie die Ruhe vor dem Sturm.“

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 9)

[zum 1. Teil …]

„Haltet euch fest, das wird etwas holprig“, sagte Fabia und wies Omicron an, heimlich die Notfallabschaltung des Schwebers zu überbrücken und das Kommando an sie zu übergeben. Sobald das Steuer auf ihre Handbewegungen reagierte und ihre Augreyes mehrere Flugrouten einblendeten, ging sie in einen gemächlichen Sinkflug, als würde der automatische Pilot der Aufforderung der Polizei gehorchen. Doch dann gab sie Gas. Fabias Mitfahrer sperrte noch panisch ihre Münder auf, als der Schweber mit erheblichem Tempo nach unten wegsackte, aber ihr gemeinsamer Angstschrei wurde von dem aufheulenden Motor übertönt.

Und ab ging der trudelnde Sturzflug in die Tiefe, kreuzte vertikal ein paar der zum Glück nur wenig befahrenen Luftstraßen und tauchte dann nur ungefähr zwanzig Meter über dem Boden zwischen zwei eng beieinander stehende Gebäude, wo Fabia durch tollkühne Flugmanöver versuchte, die Verfolger abzuhängen. Es gelang ihr nicht. Die künstlichen Piloten der Polizeischweber steuerten gedankenschnell und mit ebenso viel Todesverachtung wie das Mädchen, dem sie mit geringem Abstand auf dem halsbrecherischen Zickzack-Kurs durch das antike Stadtviertel Bezons ohne Probleme folgten. Blaue Lichter kreisten um die Meridiane der Polizeiflieger und Omicron bekam viel Arbeit, die Hackzugriffe der Omegas auf den Schweber zu unterbinden.

Weil der Motor aufs Äußerste gefordert wurde, war es in der Kabine wurde es trotz der Enge mit einem Mal eisig kalt. Fabias hektisch ausgestoßener Atem stand als Wolke vor ihr. Jetzt, knapp über dem Boden auf einer scheinbar willkürlich und zufällig gewählten Route dahin jagend, beschleunigte sie immer weiter. Der Steuerknüppel in ihrer Hand begann zu vibrieren und ließ sich kaum mehr von ihr beherrschen. Leon, der die Gefahr erkannte und wohl auch Fabias Vorhaben erahnte, legte seine Hand auf ihr und gemeinsam hielten sie den Schweber stabil und in ihrer Kontrolle. Von Omicron von seinen Sicherheitsschranken befreit, war er fast dreihundert Stundenkilometer schnell, ein mörderisches Tempo, das alle in ihre Sitze drückte.

Dann hatte Fabia über die von ihren Augreyes eingeblendete Stadtkarte einen geeigneten Ort für ihren Plan gefunden. Sie bog noch zweimal ab – einmal trennte ihr Fluggefährt in der Kurve nur Zentimeter von der Hauswand – dann raste sie auf einen niedrigen Torbogen zu, der einen Eingang zu einer ausgedehnten Gartenanlage, die dem alten Bois de Bologne nachempfunden war, markierte. Links und rechts von dem Tor befanden sich massive Steinmauern. Selbstverständlich war es nur die zeitgenössische Kopie eines Triumphbogens aus der napoleonischen Zeit. Man hatte schon vor Langem alle übrig gebliebenen Antiken durch widerstandsfähige Repliken ersetzt. Manche von ihnen, wie die Glaspyramide im Innenhof des Louvres – der übrigens auch ein Nachbau war -, existierten nur noch als Hologramm. Fabia hätte es niemals gewagt, ein echtes, über tausend Jahre altes Relikt aus der bewegten Vergangenheit der Megapole auf diese Weise der Gefahr seiner Zerstörung auszusetzen, doch sie lenkte den Schweber mit gutem Gewissen durch das aus nahezu unverwüstlichem Kunststoff nachgebildete Tor.

Es war ein heikles Kunststück, aber es gelang. Links und rechts blieben zwischen dem Schweber und den Säulen vielleicht eine Armlänge Platz. Glücklich durchgekommen, riss sie das Steuer scharf zu sich und bremste. Die Steuerung kreischte wie ein weidwundes Tier auf, gehorchte jedoch. Raphaël, nicht angeschnallt, weil die Kabine ja nur für zwei ausgelegt war, wurde von der Fliehkraft nach vorne geschleudert. Leon hielt ihn zwar am Kragen fest und er selbst riss seine Arme noch schützend nach vorne und milderte dadurch seinen Fall etwas ab, aber er schlug doch mit dem Gesicht gegen das Glas der Scheibe und holte sich eine blutige Nase. Wahrscheinlich hätte er sich den Hals gebrochen, wenn sich nicht die Notfall-Trägheitsdämpfung eingeschaltet hätte und den abrupten Bremsvorgang abpufferte.

Doch von diesem Schönheitsfehler abgesehen, war Fabias akrobatisches Flugmanöver ein voller Erfolg. Die Maschinenintelligenz in dem Polizeischweber, die wie eine Klette an ihr hing, war auf solch eine blitzartige Pirouette nicht vorbereitet. Während Fabia ihre gläserne Kugel in einer engen Aufwärtskurve elegant emporsteigen ließ, gelang es zwar dem sie verfolgenden Schweber noch, ihr unbeschadet durch das Tor zu folgen, aber die anschließende scharfe Kehre gelang ihm nicht mehr. Sein Radius war um einige Meter breiter und das Fluggerät geriet dadurch in die Äste eines der Alleebäume, die den Kiesweg in den Park säumten. Sich um sich selbst drehend stürzte er in die üppigen Büsche, von denen eine empörte Wolke winziger Drohnen aufstieg, die auf allen landwirtschaftlichen Flächen die Bestäubungsarbeit der fast ausgestorbenen Bienen unterstützten.

Dem zweiten Verfolger erging es noch schlechter. Sein Pilot wollte den Fehler des anderen vermeiden und dem Triumphbogen in letzter Sekunde ausweichen, streifte aber eine der dorischen Säulen und explodierte in einem Feuerball, der ein Loch in die Gartenmauer sprengte.

Bürgerin Winterfeld …“, vernahm Fabia noch die Stimme eines Roboter-Polizisten durch die Funkverbindung, dann war nur noch weißes Rauschen zu hören. Seelenruhig gab sie die Steuerung an Omicron zurück, der den Flieger wieder auf den rechten Kurs brachte, über die nahe Seine flog und in gemäßigtem Tempo endlich auf das weitläufige Universitätsgelände zuhielt. Gemeinsam mit Leon kümmerte sich Fabia währenddessen um den jammernden Raphaël, dem ein zwei kaum zu stoppende Rinnsale Blut aus der Nase liefen. Sein Freund griff unter den Sitz und holte den Erste-Hilfe-Koffer heraus, aus dem er dann eine Bandage nahm, die er dem jungen Dichter gegen die Nase presste.

„Entschuldigt bitte mein Flugmanöver, aber ich sah keine andere Möglichkeit, die Polizei loszuwerden“, sagte Fabia kleinlaut. Sie hatte inzwischen großen Respekt vor dem glatzköpfigen Bildhauer, der offenbar immer Herr der Lage war. Raphaël grunzte nur, aber Leon machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Das geht schon in Ordnung. Wenn sie uns erwischt hätten, dann wären wir wahrscheinlich auf der Stelle exekutiert worden. Die Notstandsgesetze der 2MC kennen kein Erbarmen und keine Entschuldigungen. Ich hatte gehofft, sie würden nie in Kraft treten. Noch vor einem Monat haben wir gegen sie demonstriert, weil sie unsere bürgerliche Gesellschaft in die brutalste und menschenverachtendste Diktatur seit Ibn-Saids Rechtgläubigem Rotem Reich verwandeln würden, wenn sie zur Anwendung kämen. Man kann doch keine KI Recht sprechen lassen! Aber von einem multikontinentalen, planetaren Konzern wie der Corporation kann man nichts anderes erwarten, wenn er sich an die Regierung putscht. Solche Wirtschaftsgiganten sind die natürlichen Feinde jeder Demokratie.“

Omicron landete den Schweber auf einem kleinen Platz neben der Universitätsbibliothek. Die beeindruckende glänzende Fassade der Bibliothek reichte fünfzehn Stockwerke in den Himmel und ebenso viele in den Erdboden hinab. Wegen ihrer verwinkelten, in der Regel sechseckigen Innenräume und den schier bodenlosen Lichthöfen wurde sie von den Studierenden und den Professoren in Anklang an den alten Schriftsteller Jorge Luis Borges Babel genannt. Dort residierten in der untersten Kelleretage die Citoyens um Professor Rosenthal und dorthin wollte Fabia.

Sie schnallte sich ab, nahm Omicron unter den Arm und schälte sich aus dem Schweber, dessen mitgenommene Außenhülle eisig dampfte. Sie sah sich um. Es war fast unheimlich, wie leer der Platz war. Für Menschen, die es gewohnt waren, ihr Leben auf engstem Raum mit Milliarden anderen Individuen zu teilen, war es beängstigend. Fabia war da nicht anders. Sie kannte Einsamkeit und Leere nur, wenn sie über ihre Augreyes auf den Server des Computerspiels Walden 3.2 ging, das einen weltumspannenden Wald simulierte und – weil es aus der Mode gekommen war – nur wenige Player hatte, die sich deshalb fast nie begegneten. Dort saß sie gerne ein paar Stunden vor ihrer virtuellen Holzfällerhütte im Sonnenschein, sah den Flugechsen zu, die in der Thermik unter dem grünen Himmel ihre Runden drehten und genoss diese scheinbare Einsamkeit. Doch in der echten Welt fürchtete sie die Leere und hatte Agoraphobie. Sie wäre am Liebsten direkt in die Bibliothek mit ihren engen, nach echten Büchern riechenden Räume voller Menschen gewechselt, als die wenigen hundert Meter quer über den verwaisten Platz zu laufen. Aber ihr blieb keine andere Wahl.

Sie machte ein paar unsichere Schritte in Richtung Eingangstore. Doch dann sank sie in die Knie und erbrach sich. Schnell war Leon bei ihr und beugte sich über sie, hielt ihr helfend die Stirn.

[Zum 10. Teil …]

Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 8)

[zum 1. Teil …]

Seufzend gab Fabia Omicron den gedachten Befehl, ihre Verbindung mit der Steuerungseinheit zu lösen und öffnete die Augen. Wie bei jedem Aufenthalt im Cyperspace hatte sie ihr Zeitgefühl verloren, war einige Augenblicke orientierungslos und fühlte sich von den Gesetzen der Schwerkraft belastet. Ihr war, als hätte ihr jemand einige ihrer Gliedmaßen amputiert. Sie blinzelte die Reste der virtuellen Umgebung weg und blickte die beiden Künstler an, die seit einer Weile neben ihr auf ihren gepackten Koffern saßen und auf ihre Rückkehr in ihren Körper warteten.

„Der Schweber sollte gleich kommen“, sagte sie und tatsächlich tauchte wie aufs Stichwort eine der kugelrunden gläsernen Personentransporter vor der Brüstung der Terrasse auf und senkte sich dann geräuschlos auf die für ihn vorgesehene Landeplattform hinab. Die beiden Halbschalen der Türen öffneten sich. Es war nur ein kleines Modell, das Fabia hatte rufen können und war eigentlich nur für zwei Passagiere gedacht, die nebeneinander in den Schweber passten.

„Das wird ja ganz schön eng“, stellte Leon kritisch fest.

„Das war der einzige verfügbare Schweber. Hoffentlich kann ich ihn bei der Überlast noch ordentlich steuern“, überlegte Fabia. „Auf jeden Fall werdet ihr euer Gepäck zurücklassen müssen.“

Raphaël sprang wütend auf. „Das geht auf keinen Fall“, empörte er sich. „Meine wertvollen Gedichtbände! Meine Aufzeichnungen – meine Anzüge von Hugo Boss!“

Sein Freund versuchte ihn zu beschwichtigen, während Fabia achselzuckend ihren goLEM in die für seinesgleichen vorgesehene Andockstation des Schwebers hob, wo er die Kontrolle über den automatischen Pilot übernahm.

„Da!“ Raphaël deutete zornig auf Omicron. „Diese Metallkugel ist wichtiger als meine Gedichte?“

Fabia platzte der Kragen.

„Und wer steuert die Kiste, wenn wir ihn zurück lassen? Etwa einer von deinen alten Dichtern? Außerdem brauche ich Omicron, um zu überleben. So einfach ist das. Ich habe eine schwere, unheilbare Krankheit und ohne regelmäßig Arzneigaben durch das medizinische Modul meines goLEMs sterbe ich. Dann kommt ihr erst von diesem Balkon herunter, wenn der Wohnturm einstürzt, weil ein Stück vom Mond in ihn gekracht ist.“

Wie auf einen Befehl sahen alle drei ängstlich nach oben, aber noch immer gab es an dem wolkenverhangenen Himmel keine Anzeichen dafür, dass die Katastrophe knapp bevorstand. Allein der kalte Wind hatte stark aufgefrischt und blies ihnen ins Gesicht. Er trug Brandgeruch mit sich.

„Den Mond sah ich blinken,
nun stirbt und vergeht er.
Ihr Wölfe, ihr Krähen,
Ihr hungernden Horden!
Was bringt euch der Norden
mit eisigem Wehen?“,

zitierte Raphaël leise ein viele Jahrhunderte altes Gedicht.

Dann gab sich der junge Lyriker widerstrebend geschlagen und ließ sich – nachdem er zumindest ein Buch aus dem Koffer genommen und in die Tasche gesteckt hatte – von seinem Freund auf einen der beiden Schalensitze drängen. Der glatzköpfige Bildhauer quetschte sich zu ihm.

„Wenigstens meinen Verlaine brauche ich, ohne ihn zu leben lohnt sich nicht“, murmelte er beleidigt.

Fabia setzte sich zu den beiden und die Türen des Schwebers schlossen sich langsam. Zum Glück waren alle drei schlank genug, um nebeneinander in das kleine Fluggerät zu passen und Fabia hatte die Armfreiheit, sich über Omicron mit der Steuerung zu verbinden. Der Schweber hob ab und die drei wurden nach links aufeinander gegen das Glas gedrückt, als der Flieger elegant über die Brüstung der Terrasse glitt und dann für etwa einhundert Meter scharf nach unten kippte, bis er auf halber Höhe des Wohnturms in den Leitstrom einschwenkte. Er ordnete sich in die unüberschaubare Vielzahl der Fluggeräte ein, die auf dieser Luftstraße zwischen den himmelhohen Gebäuden wie Forellen in einem Wildbach in alle Richtungen flitzten. Die Straßen unter ihnen waren schwarz vor Menschen und Fahrzeugen, die alle nach die Häuserschluchten nach Osten unterwegs waren. In der Ferne sahen sie eine Flotte von unzähligen Fluchtbussen und fünf oder sechs gigantischen Flugkreuzern, von denen jeder über zehntausend Personen aufnehmen konnte. Mit ihnen wurden ganze Stadtviertel, Altenheime und Krankenhäuser in Sicherheit gebracht. Der logistische Aufwand, die Megapole innerhalb weniger Stunden zu evakuieren, war unvorstellbar und konnte nur geleistet werden, weil das allgegenwärtige I-Net alles koordinierte und organisierte.

Fabia gab den Befehl, auf der von Sadie ausgetüftelten Route das weitläufige Universitätsgelände von Paris anzusteuern. Der von I-Nets Kontrolle abgekoppelte Schweber bog an der nächsten Kreuzung gehorsam ab.

„Wo willst du denn hin?“, fragte Leon. „Die Bunker und der Gare de l’est, von dem die Flüchtlingszüge Richtung Deutschland abfahren, liegen doch alle in östlicher Richtung. Möchtest du zum Abschluss noch einen Stadtrundflug machen?“

„Nein, ich will zur Uni. Dort werde ich kurz landen und aussteigen. Ihr könnt dann mit dem Schweber weiterfliegen, wohin ihr wollt. Das ist nur ein kleiner Umweg.“

Leon zog skeptisch einen Mundwinkel nach oben.

„Bist du dir sicher, dass du nicht lieber mit uns kommen willst? Nach den letzten Nachrichten, die ich von EDY empfangen habe, wird wahrscheinlich niemand, der in Paris zurückbleibt, diese Katastrophe überleben. Inzwischen gibt es wohl auch einen Countdown. Nach dem Impakt des Mondbrockens im Atlantik, dem am frühen Nachmittag bevorsteht, wird uns die Flutwelle etwa eine Stunde später erreichen. Wenn wir bis dahin nicht mindestens Frankfurt erreicht haben, werden wir von dem Tsunami erfasst werden.“

Fabia benötigte einen Moment, bis sie begriff.

„Bist du etwa noch mit dem Netz verbunden? Verdammt noch mal“, fluchte sie, „kappe sofort die Verbindung! Solange deine Augreyes online sind, kann man uns problemlos aufspüren.“

„Ich bin kein Narr. Ich weiß, dass es höchst illegal ist, was wir da tun. Als wir in den Schweber geklettert sind, haben Raphaël und ich unsere Augreyes wieder offline geschaltet.“

Fabia atmete auf, doch ihr Instinkt warnte sie. Sie kamen gut voran, doch irgendetwas stimmte nicht. Bisher ging alles viel zu gut. Am Horizont tauchte die Seine auf, die als schmutzig graues Band die Innenstadt in zwei Hälten zerschnitt. In diesem Augenblick bestätigten sich ihre schlimmsten Befürchtungen:

Der Schweber hatte inzwischen eine kaum mehr befahrene Flugstraße hinaus aus den Flüchtlingsströmen eingeschlagen, als von oben wie aus dem Nichts zwei wendige Polizeiflieger herabfielen und vor ihnen drohend den Weg versperrten. Der automatische Pilot übernahm augenblicklich,  stoppte pflichtschuldig und der Schweber ruhte bewegungslos in der Luft.

„Verdammt! Verd …,“ wiederholte sich nach einer Schrecksekunde Fabia, denn wegen im Moment fielen ihr keine weiteren Schimpfwörter ein. „Wo kommen die denn plötzlich her?“

Landen Sie sofort ihren Schweber, Bürgerin Fabia Winterfeld. Aufgrund Paragraph 20, Absatz 4 der seit 52 Minuten gültigen Allgemeinen Notstandsverordnung wir sind gezwungen, sofort von unseren Waffen Gebrauch zu machen, wenn Sie sich dieser Anordnung widersetzen. Sie sind ein Mitglied der verbotenen Citoyen-Bewegung und wir werden Sie jetzt aufgrund Artikel 217 b der Ersten Allgemeinen Strafgesetze der Notstandsverordnung in unmittelbaren Gewahrsam nehmen.“

Aus dem Lautsprecher ihres Fluggeräts ertönt eine nüchterne Stimme, die eindeutig einem Omega gehörte, dem engstirnigen, aber gefährlichen Polizei-goLEM, der in Krisenzeiten allerdings die Befugnisse besaß, Recht zu sprechen und dieses auszuüben. Er konnte sogar die Genehmigung, Plünderer und Rebellen auf der Stelle zu exekutieren. An ein Verhandeln mit den sturen Robotern war nicht zu denken. Allerdings hatte es auch einen Vorteil, wenn sich unter den Polizisten auf den Schwebern kein Mensch befand. Fabias Gedanken rasten. Gab es einen Ausweg? Und woher kannte die Polizei überhaupt ihren Namen? Hatte sie doch einer ihrer Wegbegleiter verraten? Sie beschloss, diese Überlegung später wieder aufzunehmen. Jetzt gab es Wichtigeres.

„Haltet euch fest, das wird jetzt etwas holprig“, sagte sie und wies Omicron an, die Notfallabschaltung des Schwebers heimlich zu überbrücken und das Steuerungskommando an sie zu übergeben. Als würde sie der Aufforderung der Polizei gehorchen, ging sie anschließend in einen gemächlichen Sinkflug.

[zum 9. Teil …]

Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 7)

[zum 1. Teil …]

Schon versperrte ihr eine dem Polizei-goLEM Omega nachgebildete Firewall den Weg und erkundigte sich nach dem Grund ihrer Anwesenheit. Dabei hielt sie drohend ihren an der Spitze rotglühenden Waffenarm auf sie gerichtet. Fabia war nicht direkt in Gefahr, denn ihr Gegner existierte ja nur im virtuellen Raum. Im schlimmsten Fall würde sie aus der Simulation geworfen werden. Sie hatte jedoch schon von Fällen gehört, bei denen bei Cybernauten nach einer Attacke ernsthafte psychische Beschwerden zurück geblieben waren und es hatte während der Simulationen auch schon den einen oder anderen Herzinfarkt gegeben.

Solch wehrhafte, aber hoffnungslos veraltete Schutzroutinen wie diese, die Fabia den Weg verstellte, waren für eine erfahrene Cybernautin an sich problemlos zu knacken – da hatte sie ihr Können schon an ganz anderen Nüssen erprobt. Sie konnten allerdings äußerst begriffsstutzig und hartnäckig sein, auch diese Eigenschaften hatten sie von ihren Originalen im echten Leben übernommen. Das Beste war, man überrumpelte sie. Die Kontaktaufnahme, ohne den Eindringling sofort anzugreifen und ihn aus dem Speicher zu löschen, war einer der Programmierfehler dieser veralteten martialischen Firewall. Sie gab Fabia ausreichend Zeit, zu reagieren. Während sie den vorgetäuschten Omega mit einer Unzahl unsinniger Anfragen spamte und ihn überforderte, gelang es dem virtuellen Pendant von ihrem Omicron, ihn durch eine eingeschleuste Hintertür-Routine außer Funktion zu setzen. Der Wächter erstarrte und trudelte dann wie ein Gummiballon, aus dem durch ein Loch die Luft entweicht, davon.

„War das schon alles?“, fragte sich die Cybernautin. „Das kommt mir fast zu einfach vor.“

Bevor sie den nächsten Schritt unternahm, schloss sie sich deshalb näher mit ihrem goLEM zusammen und errichtete um ihre beiden virtuellen Abbilder einen Schutzwall aus Code. Keinen Augenblick zu früh! Denn nur einen Gedanken später wurden die beiden von einer Art Fluggeschwader angegriffen. Es waren Anti-Viren-Definitionen, die aber mangels Update so betagt waren, dass sie wirkungslos an der Hülle verpufften, die Fabia gebildet hatte.

An einem anderen Tag hätte sie sich noch ein wenig mit den hilflosen Abwehrversuchen des Plattformsystems vergnügt und in seinen Speichern gewühlt, aber sie hatte es eilig und übernahm nun rasch die Administrator-Rechte, deren Passwort durch einen so simplen Algorithmus verschlüsselt war, dass Fabia fast Omicrons Verachtung zu spüren glaubte, als er ihn problemlos knackte. Damit drang sie endlich ungehindert in das Innerste der Software vor und forderte sofort einen Schweber an. Die KI baute gehorsam eine Verbindung zum Flug-Netzwerk auf. Tatsächlich hatte das I-Net den Schweberverkehr eingeschränkt, aber es war kein Problem, eine noch in der Luft befindliche leere Kugel, die eigentlich bereits auf dem Rückweg zu ihrer Garage war, zum Henri-Gouraud-Wohnturm umzuleiten. Fabia hoffte, dass ihre illegale Aktion im allgemeinen Chaos nicht auffiel.

Eigentlich hatte die junge Frau damit erreicht, was sie wollte, aber sie nutzte die Gelegenheit und sah sich doch noch ein wenig um. Über eine nur selten verwendete Subfrequenz von I-Net gab sie verschlüsselt bekannt, dass sie momentan über die IP der Schweberplattform erreichbar war. Wie sie wusste, wurde diese Frequenz von den Citoyens abgehört und häufig für ihre Kommunikation benutzt. Vielleicht bekam sie ja Kontakt zu einem ihrer Freunde, der mehr über den Putsch der 2MC wusste. Tatsächlich materialisierte sich fast augenblicklich in der virtuellen Schaltzentrale der Plattform die Avatarin von Xaver Delande. Die bleiche Erscheinung mit den todtraurigen Augen, die ihre dunkelroten Haare durch einen strengen Mittelscheitel geteilt trug und sie größtenteils unter einem Haubenhut verbarg, den sie unter ihrem Kinn mit einer Schleife festgebunden hatte, trug etwas schäbige Frauenkleider aus der Mitte des 19. Jahrhunderts und sollte Jane Eyre darstellen, die neben der Beauvoir, George Sand und Lizzy Bennet zu den beliebtesten Hologramm-Figuren überhaupt zählte.

Der mit dem merkwürdigen und veralteten bayerischen Vornamen gestrafte Xaver – er war wahrscheinlich der einzige unter den Milliarden von Menschen auf der Erde, der noch so hieß – war nicht nur zweifelsfrei ein Mann, sondern er war zudem blond und muskulös wie ein Ringer und wies auch sonst im echten Leben keinerlei Ähnlichkeit mit der Romanfigur der Charlotte Brontë auf. Aber die hatte Fabia in ihrem virtuellen Dasein zu ihrem Sartre ja auch nicht. Xavers Zwillingsschwester Sadie war übrigens Fabias beste Freundin – auch wenn sie ebenso erfolglos mit ihr um die Gunst von Samuel Rosenthal konkurrierte. Trotzdem oder vielleicht auch deshalb waren die beiden nicht nur im echten, sondern auch im virtuellen Leben unzertrennlich und verbrachten einen großen Teil ihrer Freizeit miteinander. So wunderte sich Fabia nicht, dass auch Sadies Avatar, der schwarzhaarige, düstere Heathcliff aus Wuthering Heights, prompt neben Jane Eyre auftauchte. Sadies Fachbereich war die Anglistik, die sie mehr prokrastinierte als studierte. Die beiden kannten sich über Professor Rosenthal, der ja sowohl Informatik-, als auch Shakespeare-Vorlesungen hielt. Sadie und Xaver hatten schon vor Fabia zum kleinen Zirkel der streitbaren Citoyens gehört.

Jane Eyre und Heathcliff sahen sich neugierig um. Fabia war längst daran gewöhnt, dass ihre Freunde im virtuellen Raum Avatare des anderen Geschlechts benutzten, was übrigens erstaunlich oft geschah. Es war ein Massenphänomen. Sie selbst versteckte sich ja hinter einem alten Mann.

„Wo du dich überall herumtreibst. Das ist doch wirklich nicht die beste Gegend“, stellte Sadie etwas mokant fest. Ihr gut aussehender Avatar brachte diesen Gesichtsausdruck mit einem Lippenkräuseln hervorragend zum Ausdruck. „Aber es ist schön, von dir zu hören. Wir waren schon in ernsthafter Sorge.“

„Wir haben nur nicht allzu viel Zeit“, mischte sich Jane Eyre, also Xaver, ein. „Diese Verbindungsfrequenz wurde vorhin von EDY für Privatübermittlungen gesperrt und wird nun vom I-Net überwacht. Zuwiderhandlungen ziehen eine sofortige Internierung nach sich. Also, bevor unsere Firewall zusammenbricht und wir erwischt werden: Wo bist du? Wir befinden uns alle in Babel und warten auf dich. Ohne dich können wir hier nicht weiter machen!“

„Ich bin schon auf dem Weg zu euch. Ich muss allerdings noch einen Zwischenstopp an einer Hämolyse-Station machen.“

„Aber beeile dich! I-Net hat den Countdown für den Impact schon gestartet.“ Xaver nickte ihr zu und löste sich dann auf. Er hatte seine Verbindung gekappt. Sadie sah sich um und trat einen Schritt näher. Ihr Heathcliff sah plötzlich besorgt aus. Sie hatte seine Stimme zu einem Flüstern gesenkt.

„Du kommst mit einem Schweber von deiner Wohnung, richtig? Dann solltest du die Flüchtlingsströme weiträumig umgehen und versuchen, dich von der anderen Seite her der Universität zu nähern. Ich rate dir dringend, uns von Nordosten über Bezons anzufliegen und schon bei den Val-d’Oise-Zwillingstürmen die Seine zu überqueren. Ich habe diese Route als den schnellsten Weg ermittelt und schicke sie dir“, schlug Sadie vor. „Hast du das empfangen?“

„Danke, ja. Ich habe die Route an Omicron weitergeleitet. Nur die Ruhe; noch ist Zeit. Ich bin ja bald bei euch.“

„Hoffentlich, denn mache mir Sorgen um dich, Chica!“, fügte Sadie nach einem kurzen Zögern hinzu, dann verließ auch sie den virtuellen Raum. Alleine gelassen, sah sich Fabia noch einmal in dem abstrakten Tumult um, in dem sie sich bewegte, aber hier gab es nichts mehr für sie zu tun.

Wie immer kostete es die Frau einige Anstrengung und Willen, sich von der künstlichen Welt zu lösen und in die sogenannte Realität zurückzukehren, von der sie wusste, dass auch sie nur aufgrund von elektrischen Impulsen in ihren Nervenbahnen in ihrem Gehirn entstand und vielleicht ebenso falsch war wie der virtuelle Raum in der Schweberkonsole. Fabia hatte sogar den Eindruck, dass es ihr jedes Mal etwas schwerer fiel, wieder aufzutauchen. Sie kannte die Gefahr, von dem virtuellen Leben abhängig zu werden, eine Sucht, die VR-Junkies dazu verführte, ihr ganzes Leben in imaginären Welten zu verbringen. Doch so gerne sie auch geblieben wäre, den bevorstehenden Weltuntergang konnte sie nicht im Cyberspace aussitzen. Fabia fragte sich besorgt, wie viele Menschen genau dies trotzdem versuchten und sich auch von I-Net und EDY nicht davon abbringen ließen, mit einem Computer verbunden in ihren Wohnungen und in an den erträumten Orten auszuharren, die ihnen ihre Interfaces und Augreyes vorgaukelten.

Seufzend gab sie Omicron den gedachten Befehl, ihre Verbindung mit der Steuerungseinheit zu lösen und öffnete die Augen.

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Faiabas Erwachen (Prolog – Teil 6)

[zum 1. Teil …]

„Es sieht so aus, als hätte die 2MC genau auf solch eine Gelegenheit gewartet, um gegen die Regierung zu putschen“, fuhr Leon dann fort. Offenbar war er zu dem Ergebnis gekommen, dass die blonde Studentin kein Zuträger der Moon Corp. war und er befürchten musste, er könnte sich mit seinem Defätismus eine Beleidigungsklage oder gar etwas Schlimmeres einhandeln. Es hielten sich hartnäckige Gerüchte, die 2MC würde missliebige Kritiker einfach verschwinden lassen. Nun musste auch Fabia überlegen, wie viel sie preisgeben durfte.

„Ich bin Mitglied der Citoyen. Ich weiß nicht, ob dir das etwas sagt“, sagte sie, während sie vor die zweckentfremdete Schweber-Kontrollkonsole trat und sie von den Getränken leerräumte. Sie prüfte die Konsole mit Kennerblick und kam zu dem Ergebnis, dass sie tatsächlich außer Betrieb, aber wahrscheinlich noch voll funktionstüchtig war. Leon nickte wissend und anerkennend.

„Das ist die Gruppe um Professor Rosenthal; die Newlisas, die lautstark gegen den Bau der Dyson-Sphäre protestieren, obwohl sie uns allen offenbar den Arsch retten kann.“ Er legte den Kopf schief. „So ganz habe ich eure Argumente allerdings nicht verstanden.“

„Die Kurzfassung: Ein zweiter Mond ist keine Lösung für unsere Probleme, sondern nur ein Fluchtort für die Reichen und Schönen, denen es hier auf der guten alten Erde zu eng wird und nicht in die raue Einöde der Kolonien wollen. Wir glauben auch, dass es vom Mars aus unmöglich ist, mittels irgendwelcher Gravitationskanonen den natürlichen Mond aus der Bahn zu werfen, sondern dass dahinter eine gezielte Aktion der 2MC steckt, die die Mars-Kolonisten als Sündenböcke missbraucht. Nur durch das Damoklesschwert des drohenden Mondsturzes können die Ressourcen und Gelder aufgebracht werden, die die Corp. für ihr Wahnsinns-Projekt benötigt. Zudem braucht ihre Dyson-Sphäre, wenn sie fest in der Umlaufbahn um die Erde installiert werden soll, wesentlich mehr Masse, als wir jemals von der Erde nach oben transportieren können. Da kommt es sehr gelegen, wenn der echte Mond wie zufällig zertrümmert wird, denn dessen Gestein kann man gut beim Bau verwenden. Und die heutigen Ereignisse scheinen uns recht zu geben“, erläuterte Fabia abgelenkt, während sie den Staub vom Tastenfeld putzte, anschließend in die Umhängetasche griff und ihr Elektronikwerkzeug heraus holte. Sie nahm ein wie ein dünner Stift aussehendes Instrument in die Hand und entfernte mit seiner Hilfe die obere Abdeckung der Konsole, die sie achtlos zur Seite warf.

Leon runzelte die Stirn. „Du behauptest also, es wären nicht die Marsmännchen, sondern die 2MC, die selbst den Mond zerstören lässt, weil er ihr im Weg ist und sie ihn als eine Art von Weltraum-Steinbruch benutzen will. Ist die momentane Katastrophe wirklich Absicht?“

„Ich weiß es nicht. Es kann sein, dass alles ein Unfall war und I-Net der Mondbrocken, der heute Nacht in den Atlantik stürzen wird, außer Kontrolle geraten ist. Vielleicht haben die Typen der Corp. den Mondfall auch bewusst provoziert, um die Regierungsgewalt übernehmen zu können. Da kann ich nur raten. Auf jeden Fall traue ich denen inzwischen alles zu. Aber jetzt lass mich arbeiten, wenn wir von hier oben wegkommen wollen, bevor uns der Himmel auf den Kopf fällt“, sagte Fabia und schloss ein kompliziertes Messgerät an den heraushängenden Glasfaserkabeln des Pults an, das sofort einen Switch installierte und ein Bereitschaftssignal sendete.

„Die Schweber-Plattform hat noch Restenergie. Sie dürfte für einen Neustart ausreichen“, stellte sie dann zufrieden fest.

Der Bildhauer sah furchtsam nach oben, aber er konnte die Bedrohung nicht entdecken, die sich über seinem Haupt zusammenbraute. Rosafarbene Wolkenfedern schwebten am morgendlichen Himmel. Die Sonne kämpfte sich gerade mühsam durch den Smog-Schleier, der wie eine Glocke über Paris hing. Unvorstellbar, dass dort oben der Tod lauerte. Fabia musterte Leon und wunderte sich über ihn. Sie musste ein paar der Vorurteile, die sie sorgsam gegen Menschen wie seinesgleichen hegte, revidieren. Offenbar war der Künstler bei weitem nicht so oberflächlich und selbstbezogen, wie sie gedacht hatte. Und er war politisch gut informiert. Sie fand es erstaunlich, dass er Professor Rosenthals kleine Widerstandsgruppe kannte, die sich in den sozialen Netzwerken nicht nur Citoyens, sondern auch gerne The New Elisabethanians nannte. Die Newlisas fanden nur wenig Widerhall in der Öffentlichkeit. Sie wurden von den großen Medien und Nachrichtendiensten, die wie I-Net selbst im Besitz der 2MC waren und von deren Rechtsanwälten kontrolliert und zensiert wurden, entweder völlig ignoriert oder als schwarzmalende, aber harmlose Spinner bezeichnet. Fabia hätte selbst nicht an die düsteren Prophezeiungen des Professors geglaubt, wenn sie nicht in ihn verliebt gewesen wäre. Und selbst so, wenn sie ehrlich zu sich war, fand sie einige seiner Schlussfolgerungen allzu fantastisch.

„Ich werde mal nach Raphaël sehen, damit er nur das Nötigste mitnimmt“, unterbrach der Bildhauer Fabias Gedanken. Er hatte lange genug in den Himmel gestarrt. „Ich traue ihm zu, dass er seine gesamte analoge Lyrik-Bibliothek mitschleppen will, aber die Kopfschmerztabletten und die Kreditkarten vergisst. Du kommst ja wohl im Moment allein zurecht, Fabia.“

Die Studentin nickte abgelenkt. Sie hatte kaum zugehört, denn sie beschäftigte sich gerade damit, das Betriebssystem des Bedienfeldes zu starten, um dieses dann mit ihrem goLEM zu verbinden.

„Omicron!“ Fabia rief ihren kleinen goLEM zu sich, der gehorsam und geräuschvoll über die Fliesen zu ihr heran rollte.

Die junge Softwarespezialistin hoffte, dass das einfache Steuerungssystem der Konsole autark war und nicht direkt mit dem I-Net verbunden; denn nur so würde es ihr gelingen, mit Hilfe ihres Roboters dessen Virenwächter, Passwörter und Firewalls zu überlisten, um einen der Schweber fernzulenken und zum Landen auf der Dachterrasse zu bewegen. Die Apparatur bekam von Omicron auf kabellosem, elektromagnetischem Weg ausreichend Strom und startete in einen Reparaturmodus, dessen simple Oberfläche Fabia benutzen konnte, um tiefer in das System einzudringen und seine Kontrolle zu übernehmen. Ihre Augreyes koppelten an und synchronisierten sich. Plötzlich befand sich Fabia in ihrer subjektiven Wahrnehmung in einer vollkommen anderen, virtuellen Welt, in der Naturgesetze nicht galten und die Schaltkreise, Prozesse, Daten und Programmroutinen auf eine Weise optisch dargestellt waren, die sie allein durch ihre langjährige Übung instinktiv erfasste, die aber einen Laien in kurzer Zeit um den Verstand gebracht hätten. Diese Welt war zwar nicht für das menschliche Gehirn gemacht, aber es war immer wieder faszinierend, wie schnell dieses sich an neue Gegebenheiten anpassen konnte. Informatiker, die nicht auf die herkömmliche, von einem Bildschirm gestützte Art mit den Computern kommunizierten, sondern sie direkt über ihre Augreyes wie in einem Computerspiel betraten und sie im virtuellen Raum warteten, programmierten oder auswerteten, wurden als Cybernauten bezeichnet. Fabia war eine der Besten und allein aus diesem Grund für die Citoyens um Rosenthal unentbehrlich.

Vor ihren Augen öffnete sich nun eine farbenfrohe, surreale Welt voller allein durch Blicke beweglicher und beeinflussbarer, vierdimensionaler Symbole, glitzernder Röhrenverbindungen, die wie zu Gordischen Knoten ineinander verwickelte Seile aussahen, komplizierter Verteilerplatinen und annähernd menschenähnlich oder auch vollkommen abstrus geformter Körper, die wie Quecksilber glänzten und ihren Vorbildern in der echten Welt nachgebildet waren. Es gab kein Himmelsrichtungen, kein Oben, kein Unten, auch kein Vorne oder Hinten und keine feste, fühlbare Materie. Die Dinge durchdrangen einander, wechselten rasend schnell die Plätze, verschwanden und tauchten unvermutet an einer anderen Stelle wieder auf, für einen Außenstehenden war darin keine Logik oder Zielstrebigkeit erkennbar, doch Cybernauten wie Fabia konnte die Dinge in ihrer Gesamtheit erfassen. Was sie im Cyberspace wie durch ein Kaleidoskop sah, war freilich nur eine Allegorie für die tatsächlichen inneren Vorgänge in dem Rechnerpult, eine nur auf den ersten Blick chaotische Welt, die sich allerdings immer wieder aufs Neue zu klaren, symmetrischen Strukturen und Arabesken von überwältigender Schönheit und Farbenpracht ordneten. In diesem künstlichen, dabei vollkommen lautlosen Raum fühlte sich die Studentin wohl; er war ihr fast mehr Heimat als die laute Megapole Paris. Hier spielte ihr kränklicher Körper keine Rolle – im Gegensatz zur Realität begriff sie diese Welt und konnte sie beeinflussen. Sie hätte die uneingeschränkte Königin sein können, wenn es nicht die virtuellen Schlosswächter gegeben hätte, die sofort versuchten, sie beim weiteren Vordringen ins Herz des veralteten Steuersystems zu behindern.

[Zum 7. Teil …]

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