Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 10

[Heute beginne ich den 2. Teil meines Augsburg-Krimis. Der Anfang ist im Textarchiv als PDF und als E-BOOK zum Download zu finden.

Und dann wiederhole ich die kleine, unverschämte Frage, die ich schon in der letzten Woche vergebens stellte: Hallo, Welt da draußen! Liest diesen Kriminalroman oder einen meiner anderen Texte eigentlich jemand? Gefällt er oder ist er Käse? Ein Kommentar wäre mal schön, denn ich zweifle ernsthaft, ob die ganze Arbeit hier noch Sinn macht …]

6.
Samstag.
Vormittag

»So ward ich, als ich sah die Liebe, Lohn des Mannes, der genoss in diesem Leben des Jenseits Frieden durch Betrachtung schon«, murmelte Haschek und gähnte.

»Was sagtest du, Schatz?«

Ach, nichts …«

Der Architekt trommelte nervös mit dem Daumen gegen die Platte des Esszimmertisches. So, wie er saß, hatte er einen direkten Blick auf die Uhr, deren Stundenzeiger langsam an die Zehn heranrutschte. Er hatte in der Nacht nicht geschlafen und die Gelegenheit genutzt, endlich einmal Die göttliche Komödie zu Ende zu lesen. Er verstand zwar bei weitem nicht alles – auch den Satz nicht, der ihm gerade durch den Kopf gegangen war – aber immerhin: Jetzt hatte er dieses Buch jetzt gelesen und brauchte vor seinem kulturbeflissenen Bruder Rainer* nicht mehr so zu tun, als ob er es kennen würde. Wenn Haschek in der Stimmung gewesen wäre, hätte er vor Judith mit seiner Leseleistung geprahlt. Aber er fühlte sich müde und ausgelaugt und er spürte, wie mit der Nervosität auch seine Aggressivität stieg.

Er sah zu seiner Frau und stellte fest, dass sie ebenso lustlos mit der Gabel in ihren Rühreiern stocherte wie er. Sie hatte dabei den Kopf in die linke Hand gestützt. Auch Judith schien übernächtigt. Allerdings konnte dieser Eindruck auch durch den dunklen Lidstrich über ihren Augen entstehen. Ob sie Probleme mit einem ihrer Liebhaber hatte? Ihr Mann, der mit seinem dicken Buch in seinem Bürosessel saß und gerade beim 32. Gesang und im untersten Höllenkreis angelangt war, hatte gehört, wie sie erst lange nach Mitternacht heimgekommen war. Vielleicht plagten sie ebenfalls Sorgen, fast hoffte er es. Vielleicht steckte sie wie er bis zur Nasenspitze in einem See aus Eis.

Am Liebsten hätte er sich jetzt am Frühstückstisch mir ihr gestritten, aber er wusste keinen Anlass. Seine Unruhe wurde drängender. Er konnte die Bewegungslosigkeit und das Schweigen nicht mehr ertragen. Er stand auf, drückte dabei geräuschvoll den Stuhl nach hinten und wischte den trockenen Mund an der Serviette ab. Dann entschuldigte er sich beiläufig bei Judith und trat durch die hohe Flügeltür ins Wohnzimmer. Er schob ihre Flügel hinter sich zusammen, lehnte sich für einen Moment gegen sie. Wieder stieg Müdigkeit in ihm empor. Sein Blick wanderte zum Telefon, das auf dem Couchtisch stand. Er wartete auf ein Läuten. Es blieb aus.

Haschek ging zum Spirituosen-Schrank und schenkte sich einen großen Schwenker mit Cognac voll. Während er den Alkohol trank und sich in seinem Rachen ein dem Sodbrennen ähnliches Gefühl ausbreitete, fiel ihm erst auf, wie viel er in der letzten Zeit trank. Hatte er den Schnaps bereits nötig? Wie nahe war er an einer Sucht? Nur kurz dachte er darüber nach, dann überwog wieder seine Ungeduld. Denn er musste Bescheid wissen, jetzt gleich. Er goss sich nach, dann setzte er sich in eine Ecke der Couch und wählte langsam die Nummer von Martin Liebermann, die er längst auswendig wusste. Er zählte die Klingelzeichen mit. Nach dem zehnten Ton drückte er den Zeigefinger nachdrücklich auf die Gabel, wog unschlüssig den Hörer in der Hand. Eine andere Nummer ging ihm hartnäckig durch den Kopf. Haschek lächelte vorsichtig, dann überlegte er es sich anders und legte auf. Er trank den zweiten Schnaps. Endlich fing der Alkohol an, beruhigend auf ihn einzuwirken.

Der Architekt sah zu dem alten Regulator in der Ecke, der ein Geschenk seines Schwiegervaters zu seinem fünfzigsten Geburtstag gewesen war. Die hohe Uhr war hässlich und laut, außerdem musste das Hausmädchen sie einmal am Tag nachstellen. Aber dem braven Schwiegersohn war nichts anderes übrig geblieben, als dieses Geschenk an einem prominenten Ort im Wohnzimmer aufzustellen und Wohlgefallen zu heucheln. Wenn der Regulator im Moment einigermaßen richtig ging, war es erst kurz nach zehn. Die Zeit kroch. Wo war Liebermann, verdammt noch mal? Hatte ihn auf dem Weg hierher etwas aufgehalten? Würde er die Unterlagen gleich bringen? Haschek lehnte sich ächzend zurück, dachte an den Mann, den er erwählt hatte, für sich die Kastanien aus dem Feuer zu holen. War es der Falsche gewesen? Viel Auswahl hatte er nicht gehabt. An Liebermann aber schien ihm alles zu passen: Er war arm und Haschek wusste, dass er ihn wegen seines Geldes hasste. Diesen Hass hatte er benutzen wollen. Er war sich so sicher gewesen …

Aber Liebermann war doch etwas anders, als ihn der Detektiv beschrieben hatte. Der dünne, drahtige Mann hatte – auch wenn er es vor sich selbst nicht zugeben wollte – das Ehrgefühl der Armen; so etwas wie ein Gewissen, das sich nur Menschen ohne Geld und politische Ambitionen leisten können. Liebermann wusste, dass er etwas Verbotenes tat und damit hatte er Probleme. Ob das Geld wohl ausreichte, um dieses Gewissen zu bestechen? Haschek hätte ihm besser fünfzigtausend Euro versprechen sollen.

Der Architekt war in Gedanken versunken und bemerkte nicht, wie Judith hereinkam. Als sie sie plötzlich in sein Blickfeld geriet, schreckte er zusammen.

»Wolltest du telefonieren?«, fragte sie und deutete auf das Telefon, das Haschek vor sich auf den Tisch gestellt hatte. Er sah sie an und glaubte, einen leichten Anflug von Spott zu erkennen, der aber sofort verschwand und ihrer üblichen Interesselosigkeit an seinen Tätigkeiten, ja, an seiner ganzen Person Platz machte. Er hatte keine Lust, eine Ausrede zu erfinden, zuckte nur mit den Schultern, entschied sich, sie anzugreifen. Seine Frau kam ihm in seiner Stimmung gerade recht.

»Komm, setz dich«, sagte er, »ich habe mit dir zu reden.« Judith lachte auf. Es klang falsch und theatralisch.

»Oh, kommt jetzt die große Aussprache zwischen den Eheleuten? Wenn es dich nicht zu sehr stört, dann fahre ich jetzt lieber in die Stadt und gebe ein wenig von deinem Geld aus.«

»Es stört mich. Setz dich«, wiederholte Haschek und der Tonfall seiner Stimme bewog Judith, ihm zu gehorchen. Nachdem sie kopfschüttelnd ihm gegenüber auf einem Couchsessel Platz genommen hatte, die Beine übereinander schlug und ihn weiterhin spöttisch belächelte, wusste Haschek nicht mehr so recht, was er eigentlich von ihr wollte.

»Willst du auch einen Cognac?«, fragte er zur Einleitung und wusste, dass er gar nicht falscher beginnen konnte. Ihr Lächeln verstärkte sich und sie schüttelte langsam den Kopf. Er wurde unsicher, weil sie so überlegen wirkte. »Wir müssen miteinander reden.«

»Das sagtest du bereits.« Ihre Blicke trafen sich. Haschek hoffte, sie würde ihm jetzt das Gespräch abnehmen, aber den Gefallen tat Judith ihm nicht, sie schwieg und zupfte an ihrem Rock. Wie Liebermann, dachte er, ganz wie Liebermann. Die zwei sind sich sehr ähnlich, ein schönes Paar.

»In letzter Zeit sind wieder ein paar Gerüchte im Umlauf, die mir geschäftlich schaden. Ich hatte schon geglaubt, ich hätte das hinter mir. Aber sie sind aus irgend einem Grund, der mir nicht ganz deutlich wird, wieder aufgeflackert. Mag sein, jemand will mich ablösen und gezielt fertigmachen. Normalerweise verlaufen diese Versuche im Sand, weil dein Vater eine starke Rückendeckung ist. Allerdings ist der Zeitpunkt sehr ungünstig. Ich bin gerade in in einem – wie soll ich sagen – geschäftlichen Engpass. Ich habe längerfristig investiert und dabei einen kleineren Fehler gemacht, jetzt ist… Egal, das wird dich nicht interessieren.« Er machte eine Pause, beobachtete seine Frau genau. Judith ließ keinerlei Reaktion erkennen, hörte ihm aber aufmerksam zu. »Du bist eine von denen, die diese blödsinnigen Gerüchte schüren. Ich weiß nicht warum. Ich nehme an, es macht dir Spaß, mich bloß zu stellen, mit deinen Freundinnen ein wenig über deinen dummen Ehemann zu lachen. Aber im Moment ist mein guter Ruf alles, was ich habe. Er muss makellos sein. Verstehst du?« Judith sah nicht einmal auf. Haschek beschloss, deutlicher zu werden. »Du lässt ab jetzt ganz einfach alles bleiben, was meinem Ruf schaden könnte. Damit meine ich auch deine Beziehungen. Das ist übrigens nicht zuletzt auch in deinem Interesse. Oder willst du, dass ich deinen Geldhahn drosslen muss?«

Jetzt sah seine Frau endlich auf.

»Bist du fertig?«, fragte sie und wollte aufstehen. Aber Haschek war schneller. Er sprang mit einer Geschwindigkeit auf, die niemand dem untersetzten Mann zugetraut hätte und packte Judit fest am Arm. Er drückte sie zurück in den Sessel.

»Nein, das bin ich noch nicht. Du bleibst jetzt da sitzen und hörst mir zu!« Judith wand sich angewidert aus seinem Griff.

»Du tust mir weh«, sagte sie vorwurfsvoll. Jetzt wurde Haschek endlich wütend. Er schlug mit der flachen Hand auf den gläsernen Tisch. Eine Dekokerze fiel dadurch von der erzitternden Platte. Auf der breiten Stirn wurde eine Ader sichtbar. Er hatte seine Gesichtszüge jetzt nicht unter Kontrolle, seine Mundwinkel zuckten hektisch. Als Haschek das bemerkte, verflog seine Wut so schnell, wie sie gekommen war. Wie beschämt klaubte er zuerst die Kerze vom Teppich und stellte sie zurück. Dann griff er nach der Cognacflasche. Judiths Blick wurde sanft und fast mitleidig. Stumm sah sie zu, wie er sich ordentlich nachschenkte und den Alkohol kippte. Sie lehnte sich im Sessel zurück.

»Was willst du?«, fragte sie. Haschek atmete durch.

»Benehmen wir uns wie erwachsene Menschen. Wir sollten unsere Ehekomödie etwas besser spielen. Es mangelt ihr in letzter Zeit an Überzeugungskraft.« Der Satz machte ihm Freude. »Ich möchte, dass du zu offiziellen Anlässen die liebende Gattin darstellst. Früher ist dir das ja auch gelungen. Und ich kann mir gerade jetzt nicht leisten … Weißt du, dass dein Vater mich am Donnerstag gefragt hat, ob zwischen uns alles in Ordnung sei? Weißt du, was das bedeutet? Ohne ihn verliere ich die Hälfte meiner Aufträge und die anderen macht das blödsinnige Gerücht zunichte, dass ich schwul sei!« Er machte eine Pause, spielte mit seinem leeren Glas. »Unsere Ehe braucht ein besseres Image. So geht das nicht mehr weiter. Du gehst mir ständig aus dem Weg. Du machst dich vor anderen über mich lustig. Du verlässt Veranstaltungen ohne mich, weigerst dich, mich zu Geschäftsessen zu begleiten.«

»Die sind langweilig«, warf Judith ein.

»Selbstverständlich sind sie das. Aber darum geht es doch nicht. Du kannst machen, was du willst. Das ist unsere Übereinkunft und sie gilt noch. Ich verlange nicht, dass du wie eine Klette an mir hängst, aber wie du dich in letzter Zeit benimmst … so geht das nicht mehr weiter. Reiß dich doch ein bisschen zusammen. Wir sind nicht allein auf der Welt. Du schadest ja mit deinem Verhalten nicht nur mir, sondern auch dir selbst und sogar der Karriere deines Vaters. Du weißt, im Herbst sind Landtagswahlen.« Jetzt lachte Judith und stimmte ihrem Mann überraschend schnell zu.

»Also schön, ich will dir eine gute Gattin sein. Gehen wir jetzt hoch und schlafen wir miteinander?« Haschek fühlte sich zu schwach, aufzustehen und sie zu ohrfeigen. Es war auch nicht seine Art, ihr weh zu tun. Aber die Vorstellung tat ihm gerade gut. Er sagte:

»Ich will, dass du dich in den nächsten paar Monaten benimmst, wie ich es dir sage. Und ich möchte, dass du dir keine Liebhaber mehr hältst. Deine Wahllosigkeit sickert ebenfalls langsam durch. Benimm dich endlich, wie es sich für meine Frau gehört.« Judith hatte eine scharfe Entgegnung auf der Zunge, aber Haschek ließ sie nicht zu Wort kommen. »Ich warne dich. Ich verdiene das Geld und ich kann meine Hand auch ein bisschen fester um das Portemonnaie klammern. Dann kannst du dir deine … Männer einfach nicht mehr leisten. Hast du verstanden?« Er wartete auf eine Antwort. Judith erhob sich graziös und wand ihm den Rücken zu. Aber Haschek war noch nicht fertig mit ihr.

»Warte. Heute Abend sind wir bei Dr. Weiland eingeladen. Sein Sohn hat endlich das Abitur bestanden und das will er feiern. Es wird die langweiligste Veranstaltung in diesem Monat, aber wir müssen hin. Weiland ist der erste Vorsitzende des TVA und die neue Tennishalle soll nach meinen Entwürfen gebaut werden. Also gehen wir heute zu dieser Feier und du bist so bezaubernd wie früher. Du bist freundlich zu mir und vor allem zu Weilands Frau, denn die führt bei bei ihm zuhause das Kommando. Verstehst du?« Wieder wartete er auf eine Reaktion von Judith. Als keine kam, wiederholte er schärfer: »Verstehst du?«

»Lass dich doch scheiden«, sagte sie boshaft und ging. Da sie den Raum durch eine Schiebetür verließ, konnte sie sie nicht laut hinter sich zuschlagen, was sie zu bedauern schien. Haschek nickte noch, als er längst wieder allein war. Er schenkte sich erneut einen großen Schwenker mit Cognac voll, den er allerdings nicht trank, sondern nur vor sich auf dem Glastisch stehen ließ.

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* siehe: Die Wahrheit über Jürgen, Roman

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