Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das schwarze Urteil (Teil 6) – Kriminalerzählung

Kalvin gehorchte und lächelte flüchtig. Er wusste jetzt sicher, dass der Anrufer vor ihm stand, er hatte ihn nicht an der Stim­me, sondern an seiner Eigenart, wie er „ausgezeichnet“ sagte, erkannt. „Also zwei Entführer“, dachte er.

Dann geschah etwas, mit dem Kalvin nicht gerechnet hatte. Der Mann senkte etwas die Waffe und trat auf ihn zu. Dadurch verließ er den Schatten der Anonymität. Das Licht der Scheinwerfer fiel scharf in sein Gesicht. Kalvin hatte sich anhand der Stimme nicht verschätzt: Der Mann war höchstens drei­ßig, wahrscheinlich jünger. Er war außeror­dentlich mager, das glattrasierte Gesicht unter dem kurzen Stoppelschnitt hager, ausgezehrt, vergeistigt. Die Wangenkno­chen traten hart hervor und gaben ihm ein osteuropäisches Aussehen. Ein Russe? Um die Mundwinkel lag die boshafte Ironie, die seine Stimme verraten hatte. Erschreckend waren die Au­gen: Hell und grau standen sie in eigenarti­gem Gegensatz zum schwarzen Haar; sie waren forschend, kalt und aggressiv, sie verfolgten hartnäckig Kalvins Blick. Seine Angst wuchs wieder, denn der blei­che Entführer hatte etwas nicht fassbar Unheimliches, eine fanatische und men­schenverachtende Überlegenheit. Der Ver­gleich mit einem Raubtier drängte sich auf. Nein, dieser Mann war sicher keiner seiner Studenten, er wäre Kalvin auch im über­füllten Erstsemester aufgefallen.

„Kann ich Elisabeth sprechen? Geht es ihr gut?“, fragte er kraftlos. Seine Augen rutsch­ten zur Seite. Er konnte den Blick des Ent­führers nicht mehr ertragen. Der Mann nickte, als finde er etwas bestätigt.

„Es geht ihr gut“, erwiderte er zögernd. Di­rekt vor Kalvin stehend verließ ihn erstaun­licherweise seine Redegewandtheit.

„Wieviel Geld wollen Sie?“ In Kalvins Rü­cken lachte die Frau kurz auf, doch der Mann verzog keine Miene.

„Wir wollen kein Geld von Ihnen.“

„Aber warum haben Sie dann Eli entführt? Was wollen Sie denn von uns?“

„Wir wollten sicher gehen, dass Sie zur Ur­teilsverkündung erscheinen werden, Dr. Kalvin. Ihre Freundin ist nur unser Faust­pfand.“ Kalvin sah überrascht auf und wurde er­neut von dem Blick des Entführers gefes­selt. Jetzt war er sicher: In diesen Augen war Hass. Woher kam er? Er war dem Mann noch nie begegnet. Eine Erscheinung wie die seine vergaß man nicht.

„Von welchem Urteil reden Sie denn? Was ist das für ein Spiel, das Sie mit mir trei­ben?“ Sein Gegenüber trat einen zornigen und überraschenden Schritt näher, beugte sich nahe zu Kalvin herab. Einer der Mundwin­kel zitterte hektisch.

„Das wissen Sie nicht?“, fuhr er Kalvin an. „Sie behaupten … Sie sind hierher in diese Fa­brik gekommen und wissen …“ Er verstummte plötzlich, sah in das ratlose Gesicht seines Gegenübers und begann, langsam zu nicken. Er richtete sich wieder auf. „Er weiß es tatsächlich nicht“, sagte er über Kalvins Schulter hinweg. Er lachte kurz und freudlos, dann rieb er sich mit seiner freien Hand über die Augen. „Ausgezeichnet, dann hören Sie jetzt gut zu: Ich werde mich kurzfassen.“ Er stellte sich breitbeinig in Position, als wolle er eine bedeutende Rede halten. Was er in ernster, getragener Stimme verkündete, war auch gewichtig genug. Zu Kalvins Füßen tat sich ein Abgrund auf.

„Dr. Werner Kalvin; die Jury hat in Ihrer Abwesenheit zu einem Urteil gefunden und meine Aufgabe als Sprecher und Vollstre­cker des Gerichts ist es, Sie heute vom Ur­teil in Kenntnis zu setzen.“ Er machte eine Kunstpause, während Kalvin verständnis­los den Kopf schüttelte. „Dr. Kalvin, aufgrund jener ungeheuerli­chen Vergehen gegen die Menschlichkeit, für die wir sie verantwortlich machen, hat die Jury nach längerer Debatte einstimmig das Todesurteil gesprochen. Ich werde den Spruch der Jury auf die Stunde genau heu­te in einer Woche vollstrecken. Ich füge hin­zu: Es ist mir eine außerordentliche Genug­tuung.“ Kalvin wollte auffahren, doch die Frau in seinem Rücken drückte ihn zurück in den Stuhl.

„Was ist das für ein unglaublicher Un­sinn?“ keuchte er. „Was wollen Sie denn von mir und Eli?“ Der Entführer hob statt einer Antwort die Pistole und drückte den Lauf auf Kalvins Stirn. Kalvin wich alles Blut aus dem Kopf und er schluckte krampfhaft gegen eine aufsteigende Übelkeit an.

„Sie werden sterben, Dr. Kalvin“, sagte sein Gegenüber ruhig. „Sie haben noch sieben Tage, dann werde ich Sie exekutieren. Keine Macht der Welt kann mich davon abhal­ten.“

„Warum wollen Sie das tun? Was habe ich Ihnen denn je angetan? Ich kenne Sie nicht einmal“, stieß Kalvin atemlos hervor.

„Da Sie den Grund im Moment tatsächlich nicht zu kennen scheinen und die Jury die­sen Fall vorhersah, bleibt Ihnen diese eine Woche Frist. Nutzen Sie die Zeit gut. Kom­men Sie dann am nächsten Donnerstag wieder um neun Uhr hier in diese Halle, da­mit ich das Urteil vollstrecken kann …“ Kalvin lachte auf. Das klang wie ein Arzt­termin.

„Sie sind ja verrückt. Nichts dergleichen werde ich tun! Ich werde zur Polizei gehen und die wird diesem Mummenschanz ein Ende bereiten.“ Sein Gegenüber lächelte kurz und überle­gen und senkte die Waffe. Als er sprach, schwang in seiner Stimme sein unterdrück­ter Hass deutlich mit.

„Sollten Sie nicht pünktlich zur Hinrich­tung erscheinen oder die Polizei einbezie­hen, werden wir an Ihrer statt das Liebste töten, das Sie haben. Das gilt als Ersatzur­teil, falls Sie sich dem Vollzug entziehen. Aus diesem Grund ist Ihre Freundin in un­serer Gewalt. Wir hoffen allerdings, dass Sie lieber selbst sterben, bevor Sie sie op­fern. Falls Sie aber tatsächlich noch glau­ben sollten, wir meinten es nicht ernst, werden Sie sich in einer Woche vom Gegen­teil überzeugen müssen.“ Kalvin hatte tausend Dinge, die er erwidern wollte, aber er war unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. Er würgte, aber er fand nicht die Erleichterung, sich zu übergeben. Er konnte nicht fassen, in welch einen Alp­traum er geraten war. Der Entführer drehte sich langsam zur Seite, dann wandte er sich plötzlich herum, trat auf Kalvin zu und gab ihm aus der Drehung heraus mit dem Handrücken eine harte Ohrfeige, die Kalvin fast vom Stuhl warf. Er sah auf, zu dem Mann, der ihn geschlagen hatte. Obwohl seine Backe sofort rot anlief und aus seiner Nase ein dunkler Blutfaden rann, hatte er kaum Schmerzen. Er starrte den Entführer an, sah den Hass und wusste im gleichen Moment, dass er tatsächlich wehrlos vor seinem Henker saß. Aber was hatte er ihm getan? Der Mann trat an Kalvin vorbei, stellte sich hinter ihn, packte einer seiner Schultern und beugte sich zu seinem Ohr. „Ich werde Sie töten“, flüsterte er, „Sie wer­den für die Verbrechen sühnen; Sie oder eben Ihre Freundin.“ Aufdringlich nah war nun die Stimme und Kalvin rückte angeekelt den Kopf zur Seite. „… eine Woche, ich werde auf Sie warten.“ Die Lichter verloschen, man nahm Kalvin die Handschellen ab. Währenddessen blieb die Hand des Entführers schwer auf seiner Schulter lasten. „Ich rate Ihnen gut, noch sitzen zu bleiben, bis wir gegangen sind. Zählen Sie am Bes­ten bis fünfhundert.“

Der Ratschlag war sinnlos, da Kalvin im Moment unfähig war, sich überhaupt zu bewegen. Wie besinnungslos saß er auf dem Stuhl. Schritte verklangen, dann schabte Metall auf dem Zementfußboden. Kalvin sank langsam in sich zusammen. Ein lichter Moment hatte ihm die Wahrheit gezeigt, er hatte sie in den Augen des Ent­führers gelesen. Dieser Mann würde ihn oder seine Freundin für ein Verbrechen tö­ten, von dem er nicht wusste, welches es war und ob er es überhaupt begangen hat­te. Kalvin hatte die Augen des Mannes ge­sehen, sie waren voller abgrundtiefem Hass und unversöhnlich. Kalvin barg das Gesicht in den Händen. Er brauchte Hilfe, dringend.

Wie ich schon sagte, habe ich noch ein weiteres Kapitel der Geschichte in alten Notizheft gefunden. Ich könnte es übertragen, überarbeiten und in den Blog stellen. Zudem habe ich einen ausführlichen Handlungsabriss geschrieben, der die Erzählung zu einem überraschenden Ende führt, das ich bei mir selbst, bei meinem noch nie veröffentlichten ersten Theaterstück „67“, geklaut habe und auf der Dürrenmattschen These beruht, dass eine Geschichte erst dann zuende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmste Wendung genommen hat.  Es dürfte inzwischen auch klar sein, dass Werner Kalvin beiweitem nicht so unschuldig ist, wie er am Anfang wirkt.  „Das schwarze Urteil“ spielt übrigens unverkennbar in Augsburg und könnte mit leichten Veränderungen Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus werden. Wenn …, ja, wenn …

Doch ich frage mich, ob sich der Aufwand lohnt. Liest so etwas jemand? Betrachte ich die Zugriffsstatistik auf „Aber ein Traum“ in der letzten Woche, dann wohl doch eher nicht. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Falls es also – die Hoffnung stirbt zuletzt – den einen oder anderen Leser geben sollte, der an einer Fortsetzung der Geschichte interessiert sein sollte, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

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