Aber ein Traum …

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Das schwarze Urteil (Teil 5) – Kriminalerzählung

Kalvin setzte sich wieder in seinen Sessel. Seine Hand mit dem Foto zitterte; jetzt erst kam der Schock. Während er die unbe­wussten Reflexe seines Körpers beobachte­te, suchte er sich zu beruhigen. Diese Sache allerdings wuchs ihm allerdings bereits jetzt über den Kopf. Kalvin sehnte sich da­nach, jemanden ins Vertrauen zu ziehen, der ihm helfen könnte. So sehr er auch in seiner Erinnerung wühlte: Niemand fiel ihm ein. Schon lange nicht mehr war ihm in den Sinn gekommen, wie einsam es in den letzten Jahren um ihn herum geworden, wie alleine er war. Die Be­ziehung zu Eli hatte ihn davon abgelenkt. Mit dem Unfalltod von Barbara, seiner Frau, hat­ten auch die meisten Freundschaften geen­det, weil er sich in seinem Schmerz in ein Schneckenhaus zurückgezogen und Annäherungsversuche fast panisch von sich gewiesen hatte. Die längste und engste Freundschaft zu seinem ehemaligen Studi­enfreund Klaus Bilde hatte vor drei Jahren ihr Ende gefunden, als Kalvin der Berufung an die Uni gefolgt war und dafür seine Arbeit in der Wirtschaft aufgab und sich von Klaus aus der gemeinsamen Beratungsfirma auszahlen ließ. Er dachte nicht gern daran, es war eine unangenehme Erin­nerung, denn das Ganze hatte mit einem Streit geendet. Zu den Professoren und Dozenten war er von Anfang an auf Abstand gegangen. Ihre Art zu leben entsprach nicht der sei­nen. Nein, er wusste niemanden, der ihm im Moment beistehen konnte. Er hatte die Si­tuation allein zu meistern und jetzt blieb Kalvin nichts anderes übrig, als abzuwar­ten.

Kalvin kam am Pförtnerhaus neben dem breiten, mit eisernen Ketten verschlossenen Osttor der ehemaligen Maschinenfabrik um dreiviertel neun Uhr an. Von der Bushaltestelle einige Parallel­straßen entfernt war es ein Fußweg von nur fünf Minuten gewesen. Er war nicht mit dem Auto gefahren, weil er während der Wartezeit den restlichen Rotwein aus der Flasche, die ihm normalerweise eine ganze Woche reichte, getrunken hatte. Der verfallene Gebäude­komplex lag inmitten eines alten Industrie­gebiets und zu dieser Tageszeit war kaum jemand  unterwegs. Die Rubensstraße lag völlig still vor ihm und sie war eine der am wenigsten vertrauenerwe­ckenden Straßen des Viertels. Auf der Seite, auf der Kalvin stand, zog sich schier endlos eine kahle Ziegelsteinmauer hin, die das alte Wessingsche In­dustrieareal umgrenzte. Nur wenige, trübe flackernde Lampen erhellten sie unzurei­chend. Gegenüber lag ein vollkom­men in Schwärze getauchter, ungepflegter Park. Kalvin spähte angestrengt durch die rosti­gen Gitterstäbe des Tores und versuchte dahinter in der verwaschenen Düsternis zwischen den heruntergekommenen Gebäudeleichen et­was zu erkennen.

„Ein geschickt ausgewählter Treffpunkt“, dachte er, „das muss man dem Kerl lassen. Unübersichtlich, abgelegen, ein­sam; geeignet, einen verängstigten Men­schen noch mehr einzuschüchtern.“ Doch darauf würde er nicht reinfallen, mit solch billigen Tricks war er nicht zu fangen. Zudem konnte er die ganze Entführung noch immer nicht ganz ernst nehmen, viel zu surreal erschien ihm diese Situation. Kalvin versuchte die Klinke. Das Tor war versperrt, zusätzlich mit dem Ketten­schloss gesichert. Er pfiff leise durch die Zähne. Stellten sich diese Entführer etwa vor, er würde über die Mauer klettern? Er sah sich um und entdeckte an dem kleinen Pförtnerhaus an der Seite eine hölzerne Tür. Sie ließ sich ohne Probleme öffnen. Kalvin griff in seine große Manteltasche und holte eine Stablampe hervor, die er von Zuhause mit­genommen hatte, weil er nicht wie ein blin­der Hase in den Fabrikhallen umherirren wollte. Dann stieß er mit zwei Fingern seiner behandschuhten Rechten die Tür an, die ohne Geräusch nach innen schwang. Mit dem kalten Lichtkegel der Lampe aufmerksam den Bo­den vor sich prüfend, trat er vorsichtig hinein. Glasscherben knirschten unter seinen Schritten. Er ließ sein Licht wan­dern. Bis auf einen verrosteten und verbo­genen Stahlstuhl in der Ecke und einigem Unrat war das Häuschen leer. Den Ausgang auf das Fabrikgelände bildete eine halb aus den Angel gerissene Glastür, die längst nur noch aus ihrem Holzgerüst und ein paar im Rahmen steckenden Scherben bestand. Dennoch musste Kalvin einige Kraft auf­wenden, um den Durchgang für sich frei zu machen. Hier war vor ihm schon lange nie­mand mehr durchgegangen. Wenn die Ent­führer nicht nach ihm kamen – was er für wenig wahrscheinlich hielt -, bedeutete es, dass es noch einen zweiten Durchgang zu dem abgesperrten Areal geben musste.

Kalvin stand nun auf einem gepflasterten Weg, zwischen dessen Steinen hohe Gras­büschel wuchsen, die im Schein der Lampe karg und winterbleich wirkten. Der Weg führte auf ein hohes Gebäude zu, wohl den ehemaligen Verwaltungstrakt. Links und rechts standen langgezogene Fabrikhallen. Kalvin lauschte. Nur das ferne Summen der Autobahn und sein eigener, unruhiger Atem drangen ihm zu Ohren. Eine taube Stille lag über den alten Industrieanlagen und die Gänsehaut, die sich kurz in seinem Nacken bildete, kam nicht von der Kälte der Februarnacht, die hier draußen viel frostiger als in der Stadt in der Luft hing. Den Anweisungen folgend wandte sich Kalvin nach links zu einem vermutlich nur ebenerdigen Gebäude im Ziehharmonika­stil. Dere Personendurchlass in dem hohen Eingangstor stand offen. Damit war es sicher: Er wurde erwartet. Für einen Moment verharrte Kalvin unsicher. Seine Erregung nahm zu und drückte ihm stark auf die Blase. Er kämpfte mit dem Drang, sich noch Erleichterung zu schaffen und verwarf ihn. Dann überwand er sich und betrat die Halle. Dass Licht in seiner Hand zitterte unruhig. Das Gebäude bestand nur aus einem einzi­gen, großen Saal unter einer hohen, von Säulen getragenen Decke. Kalvins Stablam­pe reichte längst nicht aus, die leere Halle auszuleuchten. In regelmäßigen Abständen waren Rinnen und große Schrauben im Bo­den verankert; die übriggebliebenen Spuren und Ver­ankerungen von längst fortgeschafften Ma­schinen. Er stolperte über eines der aus dem Zement ragenden Eisenstücke. Vor­sichtig ging er weiter zu der Stelle, an der er die Mitte der Halle vermutete, dabei spähte er aufmerksam nach beiden Seiten, ohne eine Person zu Gesicht zu bekommen.

Er blieb stehen und wollte sich durch ei­nen Ruf bemerkbar machen. Da hörte er hinter sich ein Geräusch. Die Tür fiel zu und das Tor dröhnte blechern. Kalvin wandte sich herum um und schloss geblendet die Augen. Zwei helle Scheinwerfer leuchteten ihm direkt ins Gesicht. Sie standen links und rechts der Eingangstür und waren ihm eben in der Dunkelheit entgangen. Nach ihrer extremen Lichtausbeute zu urteilen, muss­ten sie zu einer Foto- oder Filmausrüstung gehören. Kalvin hob schützend eine Hand und konnte blinzelnd eine Gestalt ausma­chen, die sich zwischen den Lichtern nä­herte. Er steckte seine nutzlos gewordene Lampe in die Tasche, hielt sie aber weiter­hin umklammert, um sie im Notfall als Schlagwaffe benutzen zu können. Ungedul­dig wartete er auf das langsame, fast provo­kative Näherschlendern der Gestalt, von der er, obwohl er sich an die Helligkeit gewöhn­te, im grellen Gegenlicht nur den Schatten­riss wahrnehmen konnte. Trotzdem war zu erkennen, dass es ein Mann war und er in seiner Rechten eine Pistole trug. Sie hing zwar mit seinem Arm an seiner Seite herab, aber Kalvins Herz machte bei ihrem Anblick einen erschreckten, zitternden Schlag. Vielleicht zehn Schritte vor ihm blieb der Mann stehen, dann hob er lässig seine Waf­fe und zielte auf Kalvin. Kalvin spürte ein bohrendes Ziehen über der Nasenwurzel und zog den Kopf ein. Instinktiv sah er sich nach einem Versteck um. Es gab keines in seiner Nähe; er war dem Gegenüber ausge­liefert. Zudem war der Kerl wahr­scheinlich nicht allein.

„Nehmen Sie die Hände hoch, Dr. Kalvin“, hörte er die Stimme des Mannes und ge­horchte sofort. Im gleichen Augenblick be­gann jemand, ihn von hinten abzutasten. „Sehen Sie sich nicht um.“ Kalvin ließ die aufmerksame Untersuchung schweigend über sich ergehen, während er versuchte, die Gesichtszüge seines Gegen­übers zu erkennen. Die Person hinter ihm nahm seine Lampe aus der Manteltasche und ließ sie unachtsam zu Boden fallen, dann fuhren die tastenden Hände seine Hose empor unter den Mantel. Kalvin zuckte zusammen: Das war eine Frau, die ihn untersuchte, er war sich ganz sicher. Für einen Moment kam ihm eine schmerzende, weil schreckliche Gedanken­verbindung, doch er wagte nicht, gegen den Befehl den Kopf zu wenden und nachzuse­hen, ob es vielleicht Eli war.

„Er ist sauber“, sagte nahe an seinem Ohr eine weibliche Stimme. Sie klang nicht nach sei­ner Freundin; er hätte ihre Stimme, obwohl sie verstellt war, mit Sicherheit erkannt.

„Gut“, dachte er, „es sind also zwei Entfüh­rer, möglicherweise auch drei, ein oder zwei Männer, eine Frau, alle, nach den Stimmen zu urtei­len, jung, noch keine dreißig.“ Sein Ver­dacht, es wären Studenten von ihm, erhär­tete sich. Die Frau forderte ihn auf, die Hände auf dem Rücken zu verkreuzen. Kalvin ge­horchte und er spürte das kalte Metall der Handschellen, die sie ihm anlegte. Die bei­den wollten anscheinend keinerlei Risiko eingehen. Warum legten sie so viel Vorsicht an den Tag? Fürchteten sie ihn denn?

„Setzen Sie sich“, sagte der Mann, der noch immer mit der Pistole nach ihm zielte. Kal­vin bemerkt einen Stuhl, der ihm von hin­ten gegen die Kniekehlen geschoben wurde. Er nahm Platz. „Ausgezeichnet. Jetzt schlagen Sie bitte die Bei­ne übereinander.“

[Zum 6. Teil …]

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