Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (5. Kapitel – Teil 8)

Wenn mich meine Geschichtskenntnisse nicht täuschten, sprach Ludger über die Ortschaft Hebron, die fünfunddreißig oder vierzig Kilometer entfernt irgendwo im Südwesten lag und wie viele Städte des Gelobten Landes auf eine über dreitausendjährige wechselvolle und blutige Geschichte zurückblicken konnte, in der sich Heiden, Muslime, Juden und Christen gegenseitig massakriert hatten. Gab es hier überhaupt noch einen Flecken staubiger Erde, über dem nicht durch eine Gewalttat das Blut eines Menschen vergossen worden war? Und wie lange sollte das noch so weiter gehen?

„Ruben Frêneblanc?“, fragte ich nach. Dieser Name war in den Geschichtsbüchern, die ich gelesen hatte, nicht aufgetaucht. „Wer ist denn das?“

Ludger warf einen müden Blick auf mich und schnalzte mit der Zunge. Sein Reittier setzte sich gehorsam in Bewegung. Er lenkte es zur Seite und wir folgten dem Weg hinab zum Lager. Dabei erzählte er zornig:

„Du pilgerst durch diese Wüste und hast noch nie etwas von ihrem Fluch gehört? Ein gottverlassener Raubritter ist er, ein Teufel in der Gestalt eines Menschen; nichts weiter. Er ist die Sure des Schwerts. Er überfällt jene, die ins heilige Jerusalem ziehen. Er plündert und mordet sie, obwohl sein Sultan ihnen freies Geleit versprach. Er brandschatzt die Siedlungen, egal ob sie christliche oder muslimische Bewohner haben, presst sie in seine Leibeigenschaft. In den Kerkern seiner Feste hält er Edle gefangen, foltert sie und erpresst von ihren Familien hohe Lösegelder. In allen Städten des Heiligen Landes unterhält er seine bezahlten Assassinen, der Herr Konrad von Montferrat war eines ihrer Opfer. Der Herrgott verdamme ihn in die tiefste aller Höllen; die furchtbarsten der ewigen Qualen sind zu milde für ihn. Dieser Verräter pfeift auf den Frieden, den Saladin mit den drei Königen ausgehandelt hat. Gut verschanzt in seiner Burg hockt er wie eine fette Spinne in seinem Netz.

Frêneblanc kam mit dem Herrn Barbarossa ins Land, nachdem er daheim im Reich einen Erbstreit gegen seinen Zwillingsbruder verloren und dort nichts als einen Strick um den Hals zu erwarten hatte. Landlos war dieser Zweitgeborene ein Ausgestoßener und vogelfrei. Wie viele in seiner Lage schloss er sich den Kreuzfahrern des Kaisers an. Allerdings wollte er wohl nie die heiligen Städten von den Ungläubigen befreien, sondern nur Reichtum und Macht für sich selbst finden. Das war bei Pressburg, dort sah ich ihn zum ersten Mal. Frêneblanc ist ein schwerer, dunkler Mann mit einem mächtigen Bart, ein gewaltiger, aber jähzorniger und hinterhältiger Ritter, der selbst beim Tjosten nicht ehrenvoll kämpft. Er hatte Knappen in seltsamer Kleidung bei sich; sie ähnelte übrigens der deinen. Und eine Magd gehörte zu seinem kleinen Gefolge, die war in der Hoffnung – wahrscheinlich von ihm. Sie gebar den Knaben kurz nach der Einnahme von Philippopel. Das Kind ist nun bald drei Jahre alt. Aber das ist eine Geschichte, die dir ein anderer erzählen soll. Frêneblanc jedenfalls schloss sich wie ich und viele andere vor Akkon der Armee von König Richard an, nachdem der Kaiser so überraschend im Fluss Saleph ertrunken war. Noch vor der Einnahme der Stadt jedoch wechselte der Abtrünnige in der Nacht die Fronten, stellte sich in Saladins Dienste und nahm den Glauben der Ketzer an. Der edle Sultan machte ihn zum Herrn über die Feste Montedolor, die vor dir siehst. Und so belagern wir sie nun im Auftrag des Herzogs Hugo von Burgund, der den Schandtaten des Herrn Frêneblanc nicht länger tatenlos zusehen wollte. Uns führen der arme Herr Tierope von Sculp und seine tapfere Gemahlin, die edle Frau Edaine, zum Sieg. Ich werde euch zu ihnen bringen. Sie erwarten euch seit Langem.“

Über Ludgers Bericht, dem ich, von starken Kopfschmerzen und Schwindelgefühl geplagt, kaum folgen konnte, waren wir bei dem Eingang zu dem befestigten Kreuzfahrerlager angelangt. Die Wachen hatten uns schon von Weitem erkannt und schoben die Barrieren zur Seite. Wir ritten mitten durch das Lager zum Ufer des Oasensees, wo die Zelte der Anführer standen, was durch ihre Größe und die Schilde deutlich wurde, die vor den Eingängen an Stangen hingen. Das ganze Lager war in Bewegung. Es war nun, als hätte jemand mit einem Stock in den Ameisenhügel gestochen. Überall zogen sich Kämpfer mit Hilfe ihrer Knappen ihre Rüstungen an, nestelten an den Lederriemen ihrer Hosen, kümmerten sich um die Pferde, überprüften den Sitz der Gurte, ölten Scharniere oder schliffen ihre Schwerter. Viele knieten im Gebet vor den an vielen Kreuzungen errichteten kleinen Altären und ließen sich von wehrhaft gekleideten Priestern die Eucharistie geben. Andere übten miteinander die Aufstellungen ihrer Trupps, trainierten mit leinenumwickelten Schwertern den Kampf Mann gegen Mann oder schossen Pfeile auf Strohpuppen. Diener zogen auf klapprigen Wägen große Steine zu den Katapulten. Nur wenige Frauen waren zu sehen, diese wenigen kümmerten sich um die Feuerstellen oder eilten mit irgendwelchen Besorgungen beschäftigt zwischen den Zelten herum. In einer unbeschreiblichen, babylonischen Sprachverwirrung hallten Befehle, Beschimpfungen und Stoßgebete durch die Oase. Offenbar stand ein abendlicher Angriff auf die Burg kurz bevor.

Deus vult!“, war der Schlachtruf, der von allen Seiten ertönte und begeistert von allen Rittern aufgenommen wurde. „Gott will es so!“

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Wir kamen in dem Gewimmel nur langsam voran und Ludger musste einige Umwege machen, bis wir endlich vor dem Zelt der Befehlshaber standen. Vor dem weiten, von einem weißen Tuch überspannten Eingang waren rechts und links an den Stangen zwei Schilde angebracht, die wahrscheinlich die Wappen des Herrn Tierope und seiner Gattin zeigten: Das linke zeigte eine goldene Harfe auf grünem Grund und mutete mir recht irisch an, das rechte war abstrakt, rot-goldene Rauten und davor ein schwarzer Gegenstand, den man mit viel Phantasie für eine seltsam verformte Taube halten konnte.

Ludger saß von seinem Falben ab, band mich los und half mir beim Absteigen. Das heißt, er ließ mich einfach auf seine Schultern kippen und trug mich ins Innere des geräumigen Zeltes, das mit Teppichen ausgelegt und notdürftig durch Tücher in mehrere Räume unterteilt war. Der Ritter setzte mich in einen nahen Sessel. Dann verneigte er sich vor einer kleinen, jungenhaft wirkenden Frau, die mit ein paar Männern um einen Tisch stand und mit ihnen offenbar gerade in einem altertümlichen Französisch den Angriffsplan besprach. Sie trug ein langes Kleid in der Farbe ihres irischen Schildes und hatte ihre langen, schwarzen Haare zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt. Mir fiel auf, dass sie keine Schuhe trug und barfuß auf dem Teppich stand. Obwohl sie von den ebenfalls nicht hochgewachsenen Rittern deutlich überragt wurde, dominierte sie eindeutig den Raum. Von ihr ging eine hoheitsvolle Autorität aus, wie ich sie noch selten erlebt hatte. Sie war der Anführer, das war sofort klar. Ich starrte nur noch, war längst nicht mehr fähig, all die Eindrücke zu verarbeiten. Ich wollte schlafen und dann aus diesem Albtraum erwachen. Mir war schwindlig und jetzt wurde mir auch schlecht.

„Den Pilger fand ich in den Felsen“, sagte Ludger neben mir. „Er braucht eure Hilfe, edle Frau Edaine. Er spricht wirr.“ Die Frau musterte mich überrascht und trat dann schnell zu mir, sah mir aufmerksam ins Gesicht, legte ihre Hand auf meine schweißnasse Stirn. Dann fühlte sie meinen Puls.

„Kannst du mich verstehen?“, fragte sie. Ich nickte, aber ich war nicht mehr in der Lage ihr zu antworten. Ich wollte ihr von Günec erzählen, der auf Hilfe wartete, aber es gelang mir nicht. Ihre dunklen, fast violetten Augen wirkten besorgt. Ging es mir wirklich so schlecht? Fast wäre ich in diesem Moment nach vorne von dem Stuhl gekippt, wenn mich mein Retter nicht gedankenschnell an der Schulter gepackt hätte.

„Er hat die Hitze“, stellte Edaine entschlossen fest und wand sich an Ludger:

„Die Diener sollen kühles Wasser und Lumpen holen und ihm ein Lager richten. Er muss liegen, die Beine höher als der Kopf. Sir Pablo, unterrichte meinen Mann! Sag ihm: Der Gesandte sei endlich gekommen.“

Einer der Ritter am Tisch trat vor, deutete eine Verbeugung an und eilte durch einen der Vorhänge. Edaine richtete sich auf und schüttelte den Kopf.

„Hast du schließlich doch noch zu uns gefunden“, murmelte sie und stützte mich ebenfalls.

„So lange haben wir auf dich gewartet. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass du halbtot aus der Wüste zu mir geschleppt wirst“, hörte ich noch.

Danach geht alles durcheinander in meiner Erinnerung. Ich muss auch eine Weile ohne Bewusstsein gewesen sein. Später lag ich auf jeden Fall ausgekleidet in einem Bett. Kerzen und Öllampen flackerten, es war irgendwann in der Nacht. Meine Beine waren durch eine Kissenrolle hochgelegt und eine Pflegerin wusch meinen Körper mit einem feuchten Tuch. Ich schämte mich wegen meiner Nacktheit, aber ich war so erschöpft, dass ich nicht einmal meinen Arm heben konnte. Die Vorhänge meines kleinen Krankenlagers teilten sich und Edaine sah herein.

„Du bist erwacht. Das ist gut.“ Sie trat mit einem Tablett in den Händen herein, auf dem sie eine kleine Arzneiflasche und einen Teller Suppe balancierte. Hinter ihr folgte der untersetzte Ritter, den sie Sir Pablo genannt hatte. Er schob eine Art von primitivem Rollstuhl vor sich her. Auf ihm saß ein älterer Mann. Er schien sich wirklich zu freuen, mich zu sehen.

 

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