Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (4. Kapitel – Schluss)

Endlich kehrte Edaine zurück und brachte auf einem Tablett eine geöffnete Weinflasche und ein bereits eingeschenktes Glas mit. Jonas hatte ja noch vom Weißwein und sie selbst wollte offenbar beim Tee bleiben. Sie stellte das Getränk vor Binderseil ab und Jonas bemerkte dabei eine etwa postkartengroße Fotografie mit gezacktem Rand in ihrer Hand. Edaine streckte ihm die Aufnahme zögernd und erst nach einem fragenden Seitenblick auf Linus entgegen. Der hatte sich jedoch seinen Wein gegriffen und trank das Glas mit zwei, drei gierigen Schlucken leer. Dabei tanzte sein hervorstechender Adamsapfel krampfhaft auf und nieder.

„Ist doch wahr. Hat mich dieses Erzählen durstig gemacht!“, keuchte er schließlich.

Er schenkte sich nach. Jonas betrachtete inzwischen das Bild. Die schwarzweiße, von der Zeit bräunlich ausgeblichene Abbildung zeigte drei Personen, die in einem nicht näher bestimmbaren und kahlen Raum standen. Es waren ein Mann und eine Frau. Die Frau trug einen Säugling auf dem Arm. Sie war eine schlanke Dunkelhaarige mit Pagenkopf und trug ein seit dem Anfang der Siebziger Jahre aus der Mode geratenes, sicherlich schreiend buntes Ministrickkleid mit einem breiten Gürtel und dazu bis zu den Knien emporreichende Stiefel. Ihr Aussehen erinnerte Jonas spontan an die Schauspielerin, die in der englischen Fernsehserie „The Avengers“ die Agentin Emma Peel gespielt hatte. Ihr Name fiel ihm gerade nicht ein. Er war sich jedoch sicher, dass er diese Frau noch nie gesehen hatte. Wenn das Foto tatsächlich vierzig Jahre alt war, dann musste sie inzwischen eine ältere Dame sein. Jonas versuchte, sie sich älter vorzustellen, aber auch das löste in ihm keine Erinnerung aus. Anders war es bei dem Mann, der einen schlichten Anzug trug und stolz in die Kamera lächelte. Ihn erkannte Jonas sofort.

Es war ein Schock: Das war sein eigener Vater. Er sah genau so aus, wie er den inzwischen Demenzkranken von alten Familienfotos und Zeitungsbildern kannte: aufrecht, energisch, ein nun erloschener, aber damals funkelnd neugieriger Blick, dem nichts zu entgehen schien. Georg Habakuk war ein Mann der Tat gewesen, der seinen Sohn nach dem frühen Krebstod seiner Frau allein aufgezogen hatte. Auch wenn er mit dieser Aufgabe oft überfordert gewesen war. Jonas hielt das Bild schräg und führte es näher an seine Augen. Diese Frau neben seinem Vater, das war nicht seine Mutter. Hilde Habakuk sah auf den wenigen Abbildungen, die Jonas von ihr kannte, vollkommen anders aus.

„Der Mann dort ist mein Vater. Woher ist das Foto und wer ist die Frau?“

„Dies ist Lina“, stellte der Bildhauer fest, als wäre damit alles geklärt.

Binderseil machte eine dramatische Pause und nahm einen weiteren Schluck von dem billigen, bitteren Rotwein, kaute ihn, die Lippen gespitzt, als wäre er ein Kenner. Falls er vorhatte, sich auf dem schnellsten Weg zu betrinken, dann war er auf einem guten Weg. Jonas bemerkte, dass er leicht zu schielen begann. Das war ein sicheres Zeichen, dass Linus zuviel hatte.

„Gut, dies ist also die Frau von Alban Waldescher, die sein Bruder Ruben entführt hat. Was hatte mein Vater mit ihr zu tun?“, fragte Jonas ungeduldig nach. Ihm gingen die Verzögerungstaktik von Linus und seine Sauferei immer mehr auf die Nerven.

„Das Baby auf Linas Arm: Das bist du.“

„Ich?“

Jonas betrachtete noch einmal das Bild: Es war möglich, warum auch nicht? Das konnte er schon sein, dort auf dem Arm der Unbekannten. Der Zeitkontext kam hin. Aber dies konnte auch jedes andere Kind sein, auf der alten, inzwischen schimmlig braunen und ausgeblichenen Abbildung war nicht einmal das Geschlecht des Säuglings zu erkennen. Zudem entdeckte er jetzt eine merkwürdige Doppelbelichtung. Ein zweites Kleinkind ruhte mit ihm auf dem Arm der Frau, es war wie ein leicht verschobener und flüchtiger Nebelschleier, der sich teilweise mit dem deutlicher erkennbaren Baby überlappte. Ein Geisterbild. Trotzdem, Jonas spürte, dass er das Kind war und es würde auch die Anwesenheit seines Vaters erklären.

„Gut, dann bin das also ich. Noch einmal, woher hast du das Bild?“, fragte er und gab die Aufnahme zögernd an Edaine zurück, die sie vorsichtig auf eine Kommode legte.

„Dein Vater hat es mir gegeben“, erklärte Linus.

„Ich wusste nicht, dass du ihn kennst.“

Binderseil zögerte.

„Diese Geschichte soll er dir selbst erzählen.“

Er richtete sich in seinem Rollstuhl auf und griff nach der Flasche, füllte sein bereits wieder leeres Glas, bevor er weitersprach. Der billige Rotwein schien schnell zu wirken, denn seine Stimme klang schleppend.

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„Aber ich werde dir sagen, was mir Alban Waldescher erklärte, bevor er mich hinter seinem Bruder und Lina hinterherschickte, an einen Ort und eine Zeit, wo ich dann deinem Vater begegnete. Moderne Philosophen behaupten, es gebe keine Welt, weil sie Alles sei und damit per definitionem auch Alles beinhalten müsse. Da Alles aber keine Teilmenge von Allem sein kann und die Welt nicht in sich selbst geborgen, gebe es sie auch nicht. Man kann einen Koffer nicht in sich selbst packen. Aus dem gleichen Grund könne es auch nicht Nichts geben. Tatsächlich ist dieser Gedanke uralt und stammt von dem Sophisten Gorgias von Leontinoi.“

Er stolperte zweimal über den Namen.

„Das hat mir zumindest mal dein Vater so erklärt. Dieser spitzfindige Gedanke ist ein klassischer logischer Trugschluss wie Zenons Geschichte vom Wettlauf zwischen Achill und der Schildkröte. Denn er blendet aus, dass es in einem multidimensionalen Universum auch noch ein Daneben gibt.

Du kannst dir das wie die Schaumblasen auf einem frisch gezapften Bier vorstellen. Es gibt in der Mitte eine große, stabile, an der alle anderen kleben. Das ist die wahrscheinlichste, die beste aller möglichen Welten. In ihr leben wir und sie wird erst in einigen hundert Milliarden Jahren kollabieren. Rund um sie herum sind an ihr weitere Blasen verankert und an denen noch viel mehr, vielleicht unendlich viele. Alle diese anderen Welten sind kleinere Varianten der ersten. Manche sind ihr sehr ähnlich, unterscheiden sich nur in Einzelheiten, andere sind ihr komplett fremd, unwirklich, ohne Naturgesetze und Leben. Je weiter eine Welt von der Hauptblase entfernt ist, um so mehr verzerrt sie sich. Sie wird unwahrscheinlicher, instabil und eigenartig. Deshalb platzen sie irgendwann und lösen sich in Nichts auf, werden aber sofort von neuen Schaumblasen ersetzt, die aus dem Bier emporsteigen.“

Der Bildhauer, der nun auch sein drittes Glas geleert hatte, sah das verzweifelte Augenrollen von Jonas und beeilte sich, von seiner Schaum-Theorie wegzukommen, die er sich mühsam zusammengebastelt hatte, um eigentlich Unerklärliches für sich selbst zu deuten. Er hatte zunehmende Schwierigkeiten, den Erzählfaden und die passenden Wörter zu finden.

„Um mich auf meine weiteren Abenteuer in einer anderen Welt vorzubereiten, hat mir Alban das in dem kleinen Zimmer damals so erzählt:

„Der Schleier zwischen hier und den nächsten Blasen ist ganz dünn“, sagte er, „wie ein Spinnennetz, das man mit einem schnellen Schritt durchtreten kann. Es bleiben zwar ein paar Fäden an dir kleben und sie kitzeln dich im Gesicht, aber du bist drüben, auf der anderen Seite, in der Anderen Welt. Ein Wechsel ist einfach, man muss nur an ihn glauben können. Die einzige Nebenwirkung sind seltsamerweise heftige Rückenschmerzen, als würde dir jemand einen Dolch in die Lenden stoßen. Unbewusst zwischen Wachen und Träumen hast du diese seidenzarte Grenze schon häufig überwunden. Auch Kinder wechseln oft die Seiten. Im einen Moment siehst du sie noch kopfüber am Klettergerüst herumspielen, im nächsten sind sie so spurlos aus der Welt gefallen, als hätten sie niemals existiert. Sie tauchen plötzlich wieder an einem ganz anderen Ort auf; auf der Rutsche oder zehn Meter weiter im Gebüsch. Niemand hat gesehen, wie sie dorthin gelangten. Es sind meist einsame, verstockt wirkende Kinder, die wenige Freunde haben und ganze Nachmittage träumend in den Bäumen hocken, die solche Kunststücke fertig bringen. Mit der Pubertät verliert sich dann in aller Regel diese Gabe, aber sie verschwindet nie vollkommen. Manchmal genügt eine emotionale, die Grundfesten der Persönlichkeit erschütternde Erfahrung, etwas, das dich vollkommen aus der Bahn wirft; ein Unfall, eine Krankheit oder auch nur eine Gedichtzeile, die dich berührt. Dann gleitest du hinüber ins Daneben. Manchmal für einen Nu, manchmal für immer.“

Alban erzählte sogar, es gäbe ein paar offizielle Türen zwischen hier und dort. Es sind Schlupflöcher, die die Architekten der Schaumblasen offengelassen haben; ob das Absicht oder Pfusch am Bau ist, konnte er nicht sagen. Wie er mir später mal zeigte, ist sogar irgendwo hier in der Straße solch ein Durchgang in die anderen Lande, allerdings einer, bei dem du nie weißt, wo du landest.

„Wenn du von der Alten Metzg in die Bäckergasse abbiegst“, führte Alban aus, „und die paar Stufen die Stadtmauer hinunter und anschließend quer durch den Kräutergarten gehst, den vergessenen Spielplatz in deinem Rücken lässt, dann stößt du auf eine Nische zwischen zwei uralten Häusern. Dort ist ein Durchgang. Er führt übrigens in den Keller meines Hauses – den „Eulenhorst“ – und dort hinter die Regale, in denen mein Onkel Balder seine wertvollen Weine aufzubewahren pflegte. Ich habe diesen Weg vor ein paar Jahren zufällig entdeckt, als ich die letzte Flasche 67er Chateau Neuf suchte. Leider führt er nur in eine Richtung.

Es gibt noch viele weitere Türen. Ich glaube, auch Ruben kennt einige und durch eine hat er Lina hierher entführt. Gut, dass ich seine Wege durch die Welten erspüren kann. Das ist wie ein sonderbarer Geruch oder ein glühender Ariadnefaden, dem ich mühelos folgen kann. Auf diese Weise gelangte ich schon kurz nach ihm hierher in diesen Süden. Er bemerkte das freilich, denn auch ihm bleibt meine Anwesenheit nicht verborgen. Ruben warf mir alles entgegen, was er hier als Gegner für sich rekrutieren konnte. Er verschanzte sich in der Burg. Mein Bruder hat ein Faible für alte Gemäuer und egal, wohin er jetzt wieder geflohen ist, es wird eine Festung in der Nähe sein. Nach ihr musst du suchen. Da wir ja mehr als Zwillinge, sondern eigentlich ein- und dieselbe Person sind, kann ich ihn gut einschätzen. Er mich jedoch ebenfalls, deshalb entkommt er mir immer wieder.

Die meisten Bewohner der anderen Welten haben keinen eigenen Willen, sie sind Reflektionen; Spiegelbilder, die ein Lichtstrahl der Realität in sie hinein geworfen hat. Sie sind meinetwegen die Schatten, die die Ideen an die Wand projizieren. Der feste Wille kann sie unter seinen Befehl zwingen, so wie er über den Wind und die toten Dinge gebieten und sie auch mit einem Fingerschnippen auslöschen kann. Die Menschen dieses wundervollen, friedliebenden Stückchens Erde warfen sich mir wie die willenlosen Zombiefluten in einem Horrorfilm entgegen. Ruben ließ ganze Gebirge auf mich herabregnen, entfesselte Monsterstürme und biblische Plagen. All dem wäre ich beinahe hilflos ausgeliefert gewesen. Je stärker sich eine Welt von meiner eigenen unterscheidet, umso schwieriger ist es für mich, auf sie Einfluss zu nehmen.

Zudem stand hier ja alles unter der Kontrolle meines Zwillings. Aber er hatte in seiner Arroganz vergessen, dass ich Hilfe habe. Es gibt überall in den Anderen Landen Nachkommen von Menschen, die irgendwann einmal zufällig oder bewusst in sie wechselten, ohne einen Weg zurückzufinden und dann dort Familien gründeten. Diese „Eingeborenen“ können die Anderen Welten wie ihre Wäsche wechseln. Man kann sie gut daran erkennen, dass sie selten Schuhe tragen, weil sie ihnen an den Füßen schmerzen. Sie haben keinen Namen für sich. „Elfen“ würde ganz gut passen, denke ich. Linas treue Freundin Edaine war an meiner Seite. Sie beschützte und unterstützte mich. Gemeinsam hielten wir die Zeit an und belagerten Rubens Burg. Wir konnten nicht verhindern, dass dieses Land bei unserer Auseinandersetzung ausgelöscht wurde, zuerst seine Bewohner, dann das Land an sich: Eine weitere Seifenblase, die geplatzt ist und wie ein abgeschlagener Kopf der Hydra Platz für neue schafft.“

Mir ging es wie dir, Jonas, ich hörte skeptisch diese Geschichte, warf ab und an einen Seitenblick auf Edaine und wollte mich mit diesem Konzept nicht anfreunden. Welten wie Tropfen im Meer? Elfen mit nackten Füßen? Zwei Brüder, die eigentlich einer sind, in einem mythologischen Kampf? Das war selbst mir mit meinen Drogenerfahrungen zu viel. Allein von der Vorstellung schien mir der Kopf zu platzen.“

Linus, der nun erhebliche Schwierigkeiten beim Sprechen hatte und zu stammeln begann, streckte sein Glas in Edaines Richtung, die die Weinflasche vorsichtshalber von ihm fortgestellt hatte und ihm den Rest nun recht widerwillig nachschenkte. Erneut trank der Bildhauer eilig wie ein Verdurstender. Diesmal war es das Glas zu viel. Er sackte aufstöhnend in seinem Rollstuhl zusammen; mit einem Mal vollkommen betrunken. Er kicherte und brummte zu Jonas Erstaunen die Anfangstakte der Titelmelodie einer alten Fernsehserie.

„Robin Hood, Robin Hood…“, sang er ohne ersichtlichen Zusammenhang, „reitet durch die Lande. Voller Stolz und Wagemut folgt ihm seine Bande. Es fürchten ihn die Bösen …“

Offenbar wusste er nicht mehr weiter, denn er stockte.

„Weißt du“, lallte er dann plötzlich, „dass ich schon mal Richard Löwenherz begegnet bin? Ein netter Kerl, aber stockschwul.“

Jonas erkannte die Symptome: Die schnelle Wirkung des Alkohols war allerdings erstaunlich. Ob sein allgemein schwacher Zustand und seine Schmerzmedikamente daran schuld waren oder ob Linus schon vorher getrunken hatte, war Jonas nicht bekannt.

„Was ist dann geschehen? Wie hast du meinen Vater getroffen?“, machte er noch einen Versuch, der den Bildhauer jedoch nicht mehr erreichte.

„… die Guten sind ihm gut – Robin Hood!“, fiel Linus wieder ein und er sang sein kleines Lied zuende. Danach schien er plötzlich traurig zu werden.

„Niemand will mit mir singen. Der kleine warme Richi, der mochte das Lied“, sagte der Bildhauer weinerlich, „der arme, warme …“

Sein Kinn sank auf seine Brust. Er hatte die Augen geschlossen. Jonas betrachtete mitleidig seinen alten Freund, den er schon so lange nicht mehr gesehen hatte und der nun leise schnarchte. Edaine zwinkerte ihm verschwörerisch zu.

„Ich hätte ihm nicht erlauben dürfen, den Wein zu trinken. Aber jetzt schläft er wenigstens, bis ihn die Krämpfe wieder wecken, die echten und die eingebildeten“, erklärte sie.

„Was ist, willst du heute hier übernachten? Ich kann dir das Gästebett herrichten, du sitzt eh schon drauf. Es ist spät und vorhin bist du auch einmal kurz eingenickt.“

Spät? Jonas sah überrascht zum Fenster. Es war tatsächlich schon dunkel draußen. Er sah auf seine Armbanduhr. Es war bereits nach zehn. Er hatte überhaupt nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Er überlegte. Was erwartete ihn schon zuhause?

„Gerne“, nickte er und sah auf ihre nackten Füße. Ihn fröselte.

„Aber sag mal: Ist die Geschichte, die Linus da erzählt hat, wirklich wahr? Bist du aus einer anderen Welt?“

Er erwartete ein Lachen der Frau mit den langen schwarzen Haaren, aber sie blieb ernst. Nachdenklich musterte sie ihn.

„Das glaubt er zumindest und es hilft ihm. Das allein zählt“, sagte Edaine und stellte sich hinter den Rollstuhl des Bildhauers, löste die Bremsen.

„Aber wenn du möchtest, kann ich dir später ebenfalls eine Geschichte erzählen. Und jetzt darfst du mir helfen, Linus ins Bett zu bringen.“

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