Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Minnedichtung – Ein Essay (III)

Minnedienst

Das Frauenbild, das die deutsche Minnedichtung des 13. Jahrhunderts überhöht, stammt wie auch ihre Melodien ursprünglich aus dem Orient und kommt über die verfeinerten maurisch-französischen Sitten an die deutschen Höfe. In dem Buch des buntbestickten Kleides des Bagdaders Ibn al-Wassa aus dem 11. Jahrhundert, der auch in Europa begeistert gelesen wurde, gibt es folgendes Gespräch über die Liebe, das die seit dem 7. Jahrhundert entwickelten Auffassungen des Morgenlandes treffend zusammenfasst:

Da sagte ich zu ihm: »Bei uns in der Stadt ist die Liebe nicht so.« Da fragte er: »Und wie ist sie bei euch?« Da sagte ich: »Reiß ihr die Beine auseinander und wirf dich auf sie – das ist sie, die Liebe, bei uns!« Da rief er entsetzt aus: »Bei meinem Vater! Wenn du das tust, bist du nicht einer, der liebt, sondern einer, der Kinder will! […] Wisse! Liebe darf nicht mit lasterhafter Begierde verbunden sein. Wenn nämlich die wahre Liebe mit einer solchen Begierde vermischt wird, werden ihre Kräfte schwach, und ihre Bande werden bald gelöst sein. Leute von dieser Art wollen weiter nichts als Obszönitäten. […] Bei Allah! Es gehört nicht zur Art eines Gebildeten, von einer Geliebten zur anderen, von einem Geliebten zum anderen überzugehen! Es geziemt sich für Leute von feiner Lebensart einfach nicht, eine Geliebte durch eine andere, einen Geliebten durch einen anderen zu ersetzen! Die Liebe besteht nämlich darin, dass ihre geheimsten Dinge rein bleiben. Aber ach! Leider kommt es nicht mehr vor, dass Menschen einander mit reiner Zuneigung, anhaltender Lauterkeit und bleibender Liebe begegnen. Die Blutzeugen der Liebe sind verschwunden. Die Fesseln der wahren Liebe sind zerrissen. […] Leidenschaft ist Leiden. Nur derjenige vermag zu ermessen, was ich damit meine, der durch die Entfernung von den Stätten der Liebe und durch den Trennungsschmerz zum Weinen gebracht worden ist.«

Die Frau wird in diesem und in ähnlichen Texten zu einem anbetungswürdigen, alle menschlichen Tugenden besitzenden Wesen stilisiert, einem Ideal, dem es nachzueifern gilt. Das eben entstehende Rittertum des christlichen Mittelalters scheint auf diesen Entwurf der Liebe als entsagungsvolles Sehnen nach Tugend und Sittlichkeit gewartet zu haben, er verbreitet sich durch die Troubadures (1) rasch in ganz Europa und gipfelt im Minnedienst. Der Ritter wählt sich dabei in einer bewussten Entscheidung eine zumeist unerreichbare Dame für seine Verehrung, in der Regel ist dies die Frau seines Herrn oder Fürsten, ihr Alter und Aussehen sind vor ihrem Ansehen nebensächlich, Liebeserwiderung darf auf keinen Fall stattfinden. Für die wahre Liebe ist die real existierende Person unerheblich, sie ist eine Imago, ein Mittel zum Zweck des Sehnens und Leidens. Ihr weiht er sein ganzes Leben, für sie geht er in Turnier und Schlacht und freudig in den Tod. (Ich werde im Kapitel Lebensweisen noch einmal näher auf dieses Thema eingehen.)

Minne4Tatsächlich gibt es aber hinter dieser Liebe und der angebeteten Frau noch eine Ebene, nämlich die Liebe zu Gott und zu der Jungfrau Maria. Sie sind die ur-gründlichen Ziele des Ritters, sie sind die eigentliche Richtung seiner Ideale, nur auf sie richtet er sein Leben aus. Diese Verherrlichung des Weiblichen als der Verkörperung Gottes auf Erden, in der Literatur als Hohe Minne bezeichnet, will die ritterliche Gesellschaft von ihren Dichtern hören und sie wird von ihnen reichlich bedient. Aus der Überfülle dieser anbetenden und anpreisenden und heute auch etwas faden Literatur gebe im Folgenden einen typischen Ausschnitt aus einer Dichtung wieder, bei der man nie die eigentliche Adressatin – die Jungfrau Maria – aus den Augen verlieren darf. Ich zitiere Abschnitte aus dem exemplarischen Frauendienst des Ulrich von Lichtenstein (etwa 1200 – 1270), der sich bereits über den Verfall der höfischen Sitten beklagt. Übrigens wurde, schwer vorstellbar, zu solchen Versen die Laute geschlagen und getanzt:

Als ich noch ein kleines Kind war,
da wurde mir oft vorgelesen
und von klugen Menschen erzählt,
da
ss wohl keiner ein wertvolles Leben
gewinnen könne,
wenn er wohl nicht bereit wäre,
ohne zu Zögern
guten Frauen zu dienen:
Sie allein hätten den höchsten Dank.

Herz, Besitz und Seele und dazu das Leben
ich will das alles den Frauen geben.
Weil die reinen, süßen Frauen
das Leben des Mannes so wertvoll machen,
will ich den Frauen auf immer dienen,
egal, wie es mir auch ergehen mag.
Sie sind Herrin meines Lebens
ihnen gehört mein Herz.

[…] Meine Freude war oft groß,
wenn ich betrachten konnte,
da
ss man meiner geliebten Herrin
das Wasser über ihre so weißen,
so zarten Hände go
ss.

Ich trug das Waschwasser heimlich fort,
aus Liebe trank ich es.
Das linderte meine Traurigkeit.


[…] Wohin auch immer ich ritt oder ging,
mein Herz entkam ihr nie.
Ob es nun Tag oder Nacht war,
meine Liebe gab mir die Macht,
da
ss ich sie überall sah,
das tat meine Liebe.
Wie weit entfernt ich auch war,
der Glanz ihrer Schönheit
erleuchtete mein Herz.

Und so weiter und so weiter, viele hundert Verse lang… Ulrich hatte Sinn für Dramatik; es ist von ihm überliefert, dass er sich einen Finger abschnitt, um ihn als Liebesgabe an seine Angebetete zu schicken. Obwohl wir heute mit dieser Art von Lyrik nicht mehr viel anzufangen wissen, uns ein solcher Gefühlsüberschwang peinlich berührt und in die Minnelieder häufig ungeschickt klingende Floskeln einfließen, die der Autor in der klassischen römischen, französischen oder eben arabischen Dichtung gefunden hat, dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, dass wir es hier mit einem Anfang zu tun haben; hier dichten plötzlich Männer und Frauen in ihrer Volkssprache und sie sind die ersten, die von der Liebe in solchen Worten zu singen beginnen. Die Minnedichter können nichts dafür, dass ihre Lieder, ihre Bilder und Formulierungen, die sie, das darf man nie vergessen, als erste fanden, so oft kopiert und schließlich Allgemeingut wurden, bis auch der Geschmack des Originals schal wurde. (2)

Deshalb wäre die deutsche Minnedichtung heute längst vergessen, zumindest für ein größeres Publikum uninteressant, wenn sie nicht selbst ein Mittel gefunden hätte, ihr Idealbild von der geistigen Liebe zu brechen. Ich spreche von der niederen Minne, die wohl besser als ebene Minne, als die Minne, die mit beiden Füßen auf dem Boden steht, bezeichnet werden sollte, und von dem Stilmittel der Ironie, das die Minnesänger erstmalig für das christliche Abendland entdeckten. Sie machen diese Dichtung abgesehen von der Schönheit ihres Ausdrucks noch heute lesenswert.

[ZUM VIERTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Unter diesen Troubadoures und später unter den Minnesängern gab es übrigens auch einige Frauen, die dann allerdings den idealisierten Mann anpriesen, hinter dem sich natürlich niemand geringerer als Christus, der Menschensohn verbirgt. Da kann es auch nicht verwundern, dass die wichtigsten Autoren der christlichen Mystik jener Zeit Nonnen wie z. B. die schon erwähnte Hildegard von Bingen (um 1098 – 1179) oder Mechthild von Magdeburg (um 1207 – 1287) waren. Von der letzteren seien hier ein paar Verse aus einem ihrer Minnelieder zitiert. Sie verraten deutlich die Braut Christi:

Herr, so harre ich deiner
mit Hunger und mit Durst,
mit Herzklopfen und viel Lust.

Ich harre der Stunde,
da aus deinem göttlichen Munde
die gewählten Worte fließen,
die nie jemand vorher gehöret hat.

Worte, die allein die Seele versteht,
die sich von der Erdenschwere befreit
und ihr Ohr an deinen Mund erhebt –
ja, sie allein begreift den Sinn der Minne.

Die Rolle der Frau im MA wird übrigens oft falsch gesehen. Die Damen an den Höfen zumindest konnten im Gegensatz zu ihren Männern häufig lesen und schreiben, beherrschten Musikinstrumente und betätigten sich überhaupt als Kulturträgerinnen. Sie holten die Dichter und Musiker in ihre „Salons“ und sorgten für deren Weiter- und Unterkommen. Ein beredtes Zeichen von dem Bild, das die Frau im Hochmittelalter von sich hatte, bietet das Schachspiel, das die Kreuzfahrer in dieser Zeit aus dem Orient mitbrachten. Es wurde zu einem beliebten Spiel der Frauen, die die Regeln allerdings so modifizierten, dass sie als mächtigste Figur die Dame einführten, die es in der Urversion nicht gab.

(2) Damals durfte man noch „Herz“ auf „Schmerz“ und „Glück“ auf „zurück“ reimen. Künstler schaffen zu ihrer Zeit immer die Klischees der Nachwelt. Heute ist z. B. die Mona Lisa nichts weiter als ein leeres und abgegriffenes Stereotyp; für daVincis Renaissancezeitgenossen war das Bild eine Revolution. Ein zeitgenössischer Kritiker Bruckners schrieb in der Augsburger Allgemeinen um 1880, er hoffe, dass „dieser Art von Katzenjammermusik nicht die Zukunft“ gehöre. Was er wohl über die Beatles gesagt hätte, deren Lieder bereits dreißig Jahre später für viele nur mehr ein süßliches Klischee darstellten?

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2 Gedanken zu „Minnedichtung – Ein Essay (III)

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