Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 8

5.
Samstag.
Früher Morgen

Die Straßen, die Martin lief, waren leer und verlassen. Die Schwabenmetropole Augsburg ist eine pfahlbürgerliche, ordentlich aufgeräumte Stadt, in der die meisten Einwohner nach zehn Uhr Abends auf ihrem Sofa vor dem Fernseher sitzen. Das ist auch an Wochenenden so: Sobald man die City verlässt, hat man das Gefühl, eine Geisterstadt zu betreten. Auf den großen Ausfallstraßen – sofern diese nicht wegen einer der vielen Baustelle gesperrt sind – ist meist nur noch Autoverkehr und die Bürgersteige sind verweist.

Es war bereits nach Mitternacht. Martin hatte sich wahrscheinlich verdächtig schnell von Goschad verabschiedet, aber das ungute Gefühl, dass ihm die Zeit davonrannte, drängte ihn zum Aufbruch. Er musste Klarheit in die Sache bekommen. Er brauchte Informationen und mindestens einen Verdächtigen in dem Mordfall, über den er gestolpert war. Denn im Moment deutete alles nur auf ihn und Haschek hin. Vor allem musste Martin wissen, wo der Architekt stand: Ob das Ganze nur ein Zufall war, oder Haschek ihn ans Messer geliefert hatte. Auch wenn er noch kein Motiv dafür sah. Martin spürte Goschads nachdenkliche Blicke in seinem Rücken, als er sich verabschiedete. Es war ein Fehler gewesen, mit ihm zu reden, das wurde ihm nun immer deutlicher bewusst. Immerhin hatte er sich ein Alibi verschafft, auch wenn es nur ein schwaches war, das einer genaueren Überprüfung nicht standhalten würde. Ja, er würde bei diesem Albert Blücher einbrechen müssen, noch in dieser Nacht.

Der Regen hatte endlich nachgelassen. Diesmal näherte sich Martin dem Büro des Detektivs nicht von dessen Vordereingang, der direkt an der Ulmer Straße lag, sondern er schlich sich von der Schißlerstraße aus an. Sie war eine vielen kleinen Seitenstraßen in dem Gässchengewirr zwischen Bahngelände und Wertach. Hier würde es wesentlich schwerer sein, in das Gebäude hinein zu gelangen, zumal Martin diesmal ohne sein bewährtes Brecheisen unterwegs war. Das Gebäude war ein niedriges Geschäftshaus. Im Erdgeschoss gab es türkische Brautmoden und einen Telefonshop, im ersten Stock die Detektei und eine Wohnung – vielleicht die von Blücher. Im zweiten war das Lager des Bekleidungsgeschäfts, dann kam schon das Dach.

Martin kratzte sich unschlüssig am Kopf. Wie sollte er in das Haus hineinkommen? Diesmal konnte er nicht einfach klingeln.

Ein dunkler Schatten tauchte neben ihm auf und blieb an seiner Seite stehen. Martin erschrak sich zu Tode, wand sich zusammenzuckend um. Ein junger Mann stand  neben ihm und wippte in den Beinen. Er mochte kaum zwanzig sein. Soweit Martin in der Dunkelheit sehen konnte, war er mit einer hellen Windjacke und Jeans bekleidet. Er lächelte Martin freundlich zu.

»Ist ein Einbruch in einer Nacht nicht genug?«, fragte er. Ja, es war ein Fehler, und einen kurzen Augenblick später tat es ihm auch wieder Leid, aber Martin konnte sich nicht beherrschen. Er schlug dem Jungen mit der flachen Hand ins Gesicht, verpasste ihm eine schallende Ohrfeige. Der wankte einen Schritt zurück und sofort tropfte Blut aus seiner geplatzten Unterlippe. Erstaunt fasste er sich an die schmerzende Wange. Gerade als Martin seine Standfestigkeit zu bewundern begann, kippte er doch und setzte sich hart auf den nassen Bürgersteig. Dort saß er, tastete vorsichtig mit seinem Mittelfinger in seinem Gesicht herum und sah ganz so aus, als würde er gleich zu weinen zu beginnen. Martin neigte nicht zu Gewalttätigkeiten und sein Gewissen meldete sich sofort. Das war also sein geheimnisvoller Verfolger, der ihm so viel Kopfzerbrechen bereitet hatte. Martin reichte ihm seine Hand, damit er sich wieder aufrichten konnte.

»Bist du etwa Albert Blücher?«, fragte er. Der junge Mann schüttelte weinerlich den Kopf.

»Den Namen habe ich noch nie gehört. Ich heiße Stefan Schiller. Und warum haben Sie mich geschlagen? Ich habe Ihnen doch nichts getan.«

Wenn nicht der dunkle Fleck an seiner Lippe gewesen wäre, hätte Martin neidlos anerkennen müssen, dass er wirklich gut aussah. Er war dunkelhaarig und die Haare waren modisch kurz geschnitten. Seine großen, in Tränen schwimmenden Augen erinnerten ihn an den Hund, den er einmal besessen hatte. Sie sahen genauso treu und fassungslos nach Mitleid suchend in die böse, kalte Welt. Und als ihm das deutlich wurde, wusste Martin, wer da vor ihm stand.

»Jetzt weine nicht gleich«, sagte er und berührte Stefan an der Schulter. »Ich entschuldige mich, okay? Bei mir ist einfach eine Sicherung durchgebrannt. Du musst das verstehen. Ich hatte einen Scheißtag. Warum verfolgst du mich schon die ganze Zeit?«

»Das hast du bemerkt?« Er wechselte jetzt ebenfalls aufs Du.

»Du hast dich geschickt angestellt«, schmeichelte ihm Martin, um ihn weiter zu beruhigen, »aber ich habe schon den ganzen Tag vermutet, dass ich einen Schatten habe.« Martin sah sich um.

»Vorne am Oberhauser Bahnhof ist das Bobs, das hat noch bis drei Uhr auf. Da können wir reden und etwas essen. Komm, gehen wir dort hin. Ich bin dir eine Erklärung schuldig und du, denke ich, schuldest mir ebenfalls eine. Du kannst übrigens Martin zu mir sagen.«

Schiller zögerte, zog ein Stofftaschentuch hervor, das er mit der Zunge befeuchtete und mit dem er anschließend aufmerksam und vorsichtig an der Wunde an seiner Lippe herumtupfte. Erst nachdem er sich aufmerksam sein Blut auf dem Taschentuch besehen hatte, nickte er.

»Ja, du hast recht, Martin. Das ist bestimmt besser. Aber tu mir bitte nichts mehr.« Martin versprach es ihm.

Das Bobs, eine ehemalige Gasthausbrauerei, ist der Sammelpunkt der Oberhauser Nachtschwärmer und der Leute, die spät in der Nacht noch Hunger und Durst bekommen. Das Lokal war deshalb um die Zeit, als die beiden es betraten, noch ordenlich gefüllt. Allein in einem kleinen Winkel im ersten Stock fanden sie noch zwei Stehplätze an einem erhöhten, halbrunden Tisch. In dem überhitzten Gastraum, umgeben von lautem Stimmengewirr und der fast im Lärm der Worte untergehenden schmalzigen Musik, merkte Martin plötzlich, wie müde er war. Etwas Schweres hatte sich auf seine Lider gesenkt und er musste immer wieder gähnen. Dennoch rasten seine Gedanken, kreisten um die letzten Stunden. Schiller, ein wirklich aufmerksamer Junge, bestellte Espresso für beide und für sich eine riesige Holzofenpizza. Martin neigte dankbar den Kopf.

In diesem Lokal war es kaum heller als auf der Straße, aber Martin waren nicht die bewundernden Blicke entgangen, mit denen ein paar der anwesenden Frauen seinen Begleiter gemustert hatten. Für kurze Zeit versuchte Martin, sich vorzustellen, wie der junge, attraktive Mann von dem unansehnlichen und dicken Haschek geküsst wurde, aber es wollte ihm nicht gelingen. Schiller sah ihm nicht danach aus, als würde er so etwas wegen Geld machen. Martin wusste, dass er sich täuschen konnte, denn schließlich fand er, er selbst würde auch nicht wie ein Einbrecher und ein notorischer Spieler aussehen. Mit seinem Geld konnte Haschek wahrscheinlich jeden kaufen. Es war nur eine Frage der Summe.

»Also, warum hast du mich verfolgt, Stefan?«, begann er. Schillers Antwort kam schnell. Er hatte sie sich wahrscheinlich schon vorher zurecht gelegt.

»Ich war eifersüchtig.« Er hatte sein Gegenüber wohl mit dieser Antwort schockieren, vielleicht auch provozieren wollen, aber das ging gründlich schief. Martin brauchte eine Weile, bis er Schillers Worte begriff. Sein Lachen schien den jungen Mann jedoch nicht zu kränken. Er versuchte sogar, zu lächeln. Allerdings verwandelte sein aufgeplatzter Mund den Ausdruck in eine schmerzvolle Grimasse.

»Haschek hat am Donnerstag angerufen und Schluss gemacht«, fuhr er fort. »Wir waren jetzt fast ein Jahr zusammen, musst du wissen. Das war furchtbar überraschend für mich. Da gab’s keine Vorwarnung oder so, oder dass das Gefühl irgendwie, du weißt schon, … dass es kleiner wurde. Verstehst du, das kam von heute auf morgen. Er hat mich angerufen und einfach gesagt: Er möchte mich in der nächsten Zeit nicht mehr sehen.«

»Mag sein, dass ich jetzt ziemlich dumm frage«, unterbrach Martin das merkwürdige Geständnis, »aber ist das zwischen dir und Haschek wirklich eine Liebesbeziehung?«

»Kannst du dir das nicht vorstellen?« Martin merkte, dass der Freund des Architekten jetzt böse auf ihn war.

»Na ja, dann muss ich das ja wohl«, sagte er zögernd und jetzt verstand ihn Stefan.

»Du glaubst, er hat mich gekauft? Nein, dumusst mir glauben, ich liebe ihn aufrichtig. Weißt du, er ist ein unheimlich wertvoller Mensch, so voller guter Eigenschaften …« Martin zog seine Augenbrauen etwas gequält in die Höhe. »Doch, wirklich. Das ist er. Und jetzt …« Er stockte und es sah so aus, als würde er gleich zu weinen beginnen, aber er riss sich zusammen.

»Weißt du, wir haben uns noch am Mittwochnachmittag gesehen, bevor er zu seinem Schwiegervater zum Abendessen gegangen ist. Da war alles noch in Ordnung. Wirklich, er machte nicht die kleinste Andeutung. Er war glänzend aufgelegt und wir haben von einem gemeinsamen Urlaub geredet. Nur eine Träumerei, natürlich … wir müssen unsere Beziehung geheim halten, du weißt ja, wie das ist.« Er sah Martin erwartungsvoll an, hoffte wohl auf ein paar zustimmende Worte, aber der rührte stumm in seinem inzwischen kalten Espresso, den er mit zu viel Zucker gesüßt hatte. Es gelang ihm nie, die richtige Menge zu dosieren.

Diese große Liebe, die Schiller ihm da vorspielte, war ihm schon etwas verdächtig. Haschek war eben weder eine Schönheit, noch hatte er einen besonders liebenswerten Charakter, wie ihm schien. Das Anziehendste an ihm war sein Geld. Schiller, der hübsche Junge, hatte wohl ganz andere Chancen, als sich von einem dicken, älteren Mann verwöhnen zu lassen. Vielleicht verstand Martin ihn bloß nicht.

»Am Donnerstag dann, sehr früh«, fuhr Schiller fort, »noch bevor ich zur Arbeit ging, hat er mich auf’m Handy angerufen.« Erstaunlich, was man so erfuhr, Schiller war Hascheks Freund und er hatte es trotzdem nötig, zu arbeiten.

»Er war in seinem Büro, ich habe im Hintergrund die Geräusche gehört. Verstehst du, er war total kurz angebunden, sagte nur, er könne mich jetzt nicht mehr sehen, zumindest in den nächsten Monaten. Es sei etwas vorgefallen, das es ihm unmöglich mache, die Beziehung weiter aufrecht zu halten. Irgendwie hab ich aber gemerkt, dass er mir was verschwieg, dass er seine Worte wirklich bedauerte. Es muss am Abend vorher etwas vorgefallen sein. Vielleicht bei dem Essen. Ich hatte keine Möglichkeit, mit ihm zu reden, er hat sofort aufgelegt. Schau, ich konnte ihn nicht anrufen, oder so, er hat’s mir verboten, mich bei ihm zu Hause oder in seinem Büro zu melden, weißt schon, wegen seiner Frau. Na, hab ich mir gedacht, pass‘ ich ihn eben vor seinem Büro ab. Warum ich ihn dann nicht zur Rede stellte, sondern hinter ihm hergegangen bin, weiß ich selbst nicht mehr so genau. Auf jeden Fall hat er sich dann mit dir getroffen.«

»Und dann bist du eifersüchtig geworden und anstatt mit ihm zu reden, hast du mich verfolgt.«

»Ja, so ähnlich. Schau, ich hab ja vermutet, dass er ein Geheimnis hat. Mich hat interessiert, warum er mitten in der Arbeitszeit spazieren ging und sich mit dir traf. Ihr seid dann in das Café in der Bahnhofstraße. Durch die Fenster habe ich vom Kiosk gegenüber gesehen, wie bemüht er war, freundlich zu dir zu sein. Er hat dich an den Händen gefasst. Ich habe geglaubt, er würde mich mit dir betrügen.« Die Vorstellung, Hascheks Liebhaber zu sein, vergnügte Martin. Schiller nickte zustimmend.

»Ja, ich hab dich auch zu deiner Wohnung verfolgt. Ich wollte sehen, ob du dich am Wochenende noch einmal mit ihm triffst. Ich wollte euch in einer eindeutigeren Situation erwischen. Deshalb habe ich mich heute morgen vor deine Haustür gestellt und gewartet, bis du raus kommst. Dann bin ich dir gefolgt, bis du wieder in deiner Wohnung warst. Du, ich war wirklich eifersüchtig. Irgendwann gegen Mittag kam ich mir dann doch ziemlich dämlich vor. Ich entschloss mich, mit dir zu reden, was ich schon viel früher hätte tun sollen.«

»Aber ich war nicht da.«

»Ja, da hab ich kapiert, dass du zum Hinterausgang raus bist und plötzlich warst du wieder ganz schön verdächtig. Also hab ich im Hinterhof gewartet, bis du wieder zurück kamst. Und dann später am frühen Abend bist du erneut raus und du hattest eine Brechstange dabei, das war natürlich interessant und ich bin hinterher. Aber der Nachmittag bei dir hinterm Haus war so ziemlich der langweiligste, den ich je hinter mich gebracht habe.«

»Das war trotzdem eine gute Leistung. Du hättest Detektiv werden sollen«, sagte Martin nachdenklich. Stefan senkte geschmeichelt den Kopf. Doch, Martin war erleichtert. Wenn sein Gegenüber, das sich gerade gierig über seine Pizza hermachte, die Wahrheit sagte – und er glaubte ihm fast – dann hatten sich seine Probleme wegen des Verfolgers erübrigt und der Detektiv Blücher war vielleicht nur eine harmlose Randfigur. Unangenehm war jedoch, dass Stefan von seinem Einbruch wusste und sein Alibi zunichte machen konnte. Wenn am Montag etwas über den Toten in den Zeitungen stand, würde er Martin sicher für den Mörder halten. Damit war er nach Goschad schon der zweite, der ihn mit Sonnenheim in Verbindung bringen konnte. Recht überlegt, war das nicht nur unangenehm, es war fatal. Goschad würde wohl kaum zur Polizei gehen, sein Verhältnis zu ihr war etwas gestört, aber dem Jungen war das durchaus zuzutrauen. Es war wohl das Beste, sich seines Schweigens zu versichern, vielleicht sogar mit der Wahrheit oder einem Teil von ihr herauszurücken.

Vielleicht war Schiller aber auch ein abgefeimter Lügner und von Haschek oder einem dritten beauftragt, ihm hinterher zu schnüffeln. Auch wenn er noch so harmlos aussah und mit sich im Reinen seine Pizza vertilgte. Das war eine Möglichkeit, die Martin in Betracht ziehen musste. Es war besser, vorsichtig zu sein. Er begann also, zuerst ein wenig von sich zu erzählen und von seinem Verhältnis zu Judith, die seine Verbindung zu Haschek war. Bis zu diesem Moment hatte Schiller wahrscheinlich immer noch geglaubt, dass Martin schwul war.

»Heiner hat dich also für irgend etwas gebraucht, ja? Du warst wegen ihm in der Frölichstraße.«

Für einen Augenblick wusste Martin nicht, wer »Heiner« war, dann nickte er, erzählte zögernd von seinem Einbruch, verschwieg aber den Leichenfund. Schiller hörte aufmerksam zu, keineswegs verwundert oder in irgendeiner Form entrüstet. Die Sache passte offenbar auch durch sein nicht allzu engmaschiges Gewissensnetz. Vielleicht hielt er seinen Geliebten tatsächlich für unschuldig und den Einbruch für eine gerechte Sache, Martin für eine Art Robin Hood. Es konnte aber auch sein, dass er bereits von den Dingen wusste, die dieser ihm erzählte.

»Dann hat also der Mann, der kurz vor dir aus dem Haus rannte, die Unterlagen von Heiner vor dir gestohlen.«

Martin wurde kalt und er schluckte zweimal.

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