Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 5

Das Ärztehaus in der Frölichstraße lag ganz in der Nähe des Bahnhofs an einer belebten Straßenkreuzung. Der hässliche Hochbau aus den Sechziger Jahren war von Parkplätzen und ein paar Alleebäumen eingerahmt und wirkte unbelebt. Ein ruhender Monolith, der von der Hektik des abendlichen Berufsverkehrs umspült wurde. Die Bar im Erdgeschoss, die gefühlt alle drei Monate den Besitzer wechselte, war mal wieder geschlossen. Hinter ihren hohen Fensterfronten standen in der Düsternis des Gastraums Stühle auf den Tischen. Nur im ersten Stock leuchten ein paar Fenster, sonst war das Gebäude dunkel. Die Büros und Praxen hatten längst geschlossen und die Beschäftigten waren auf dem Weg in den verdienten Feierabend.

Liebermann wusste von früher, dass Einbrüche in der Dämmerung häufiger gelangen als nächtliche, denn niemand rechnete ernsthaft um diese Uhrzeit mit ihnen. Im quirligen Berufsverkehr konnte man leicht untertauchen und wenn man zufällig doch jemandem begegnete, machte man sich in den Hausgängen noch nicht verdächtig. Die Nachtwächter begannen ihre Runden erst später. Liebermann beobachtet das Haus eine Weile von der gegenüberliegenden Seite. Über ihm kreischten Krähen. Irgend etwas hatte sie aufgestört. Dann wartete er geduldig auf Grün und ging an der Fußgängerampel über die Kreuzung. Er schlenderte wie von ungefähr näher an das Haus heran, in das er einbrechen wollte. In der Döner-Bude nebenan wurden bereits die übriggebliebenen Speisen für den nächsten Tag in große, graue Plastikkörbe geräumt und der Verkaufsraum von einer Angestellten gewischt. Dort achtete niemand auf ihn. Die Türschilder der Ärzte waren weiß, das oberste jedoch golden: „Sonnenheim, Malkeragentur“ stand dort in schwarzen Kapitälchen. Sonst nichts, keine Öffnungszeiten, keine Namen.

Liebermann richtete den Kragen seiner Jacke in die Höhe. Sah sich noch einmal absichernd um.

»Los geht’s!«, sprach er sich selbst Mut zu. Die gläserne Eingangstür war geschlossen und ließ sich durch Druck nicht öffnen. Das hatte er auch nicht anders erwartet. Jetzt schon die Brechstange zu benutzen, wäre freilich Unsinn gewesen. Es gabe eine viel einfachere Möglichkeit, ins Gebäude zu gelangen. Liebermann läutete dreimal bestimmt bei der Privatwohnung im ersten Stock. Nach kurzer Zeit ertönte tatsächlich ein Summer an der Tür. Der Eindringling kam problemlos in den Hausflur und versteckte sich schnell in einer Nische bei den Briefkästen. Dort wartete er im Schatten, bis das Licht im Gang wieder verlosch. Im ersten Stock nahm man sicherlich an, dass man einen der vielen Zeitschriftenausträger hereingelassen hatte. Nach etwa zehn Minuten fühlte sich Liebermann sicher und verließ sein Versteck. Niemand hatte nach ihm das Haus betreten oder es verlassen. Es wirkte wie ein Mausoleum. Liebermann trat zum Fahrstuhl, der ihn ihn ohne weitere Schwierigkeiten zu einem Absatz zwischen dem vierten und dem fünften Stock brachte.

Die Türen öffneten sich und der Einbrecher zuckte ertappt zusammen. Vor dem Aufzug wartete eine attraktive Blondine in einem für die Jahreszeit viel zu kurzen Rock. Sie drückte erschreckt ihre Handtasche an ihren Oberkörper. Dann runzelte sie die Stirn. Liebermann wollte sich schnell an ihr vorbeischieben. Er wendete dabei sein Gesicht etwas zur Seite, weg von der Deckenleuchte in den Schatten.

»Wollen Sie zu uns? Wir haben eigentlich schon geschlossen«, fragte die Frau und deutete auf ein großes Schild neben dem Aufzug, das darauf hinwies, dass die Büros der Makleragentur noch ein halbes Stockwerk höher zu finden waren. Liebermann schüttelte wie in Eile den Kopf und wand sich im Treppenhaus abwärts, ging schwerfällig ein paar Stufen hinab und um eine Ecke, wo er aus dem Gesichtsfeld der Frau verschwand. Dort war ein langer Gang, von dem etliche Türen abgingen. Er lag vollkommen im Dunkeln. Liebermann tat absichtlich so, als würde er beim Treppensteigen hinken, was mit seinem Kuhfuß im Hosenbein sehr echt aussah.

Er lehnte sich gegen die Wand und fluchte leise. Wahrscheinlich war er einer Angestellten von Sonnenheim begegnet. Das hatte einfach nicht passieren dürfen! Er war viel zu früh vor Ort. Warum hatte er nicht bis nach Mitternacht gewartet? Und diese Frau würde sich sicherlich an ihn erinnern, wenn sie nach dem Einbruch von der Polizei verhört wurde. Er konnte nur hoffen, dass sie ihn nur flüchtig gesehen hatte und ihn nicht genau beschreiben konnte.

Liebermann lauschte aufmerksam, aber sie folgte ihm nicht. Er hörte kurz das Klackern ihrer Pumps auf dem Steinboden, dann schloss der Fahrstuhl und rumpelte nach unten. Liebermann richtete sich erleichtert auf. In diesem Moment drang erneut ein quietschender Schritt an sein Ohr, aber er stammte nicht von den Pfennigabsätzen einer Frau, sondern von einem flachen Schuh, der über eine gewachste Stufe rutschte. Liebermann drückte sich erneut gegen die Wand und hielt die Luft an. Kam noch jemand hinter der Frau aus dem Büro der Makler? Jetzt war nichts mehr zu hören. Behutsam schlich sich Liebermann zurück zur Aufzugtür, dann folgte dem Hinweisschild hinauf zum Penthouse.

Es verunsicherte Liebermann, dass hier immer noch das Ganglicht brannte. Nachdem er mitten auf der Treppe war, ging es jedoch mit einem harten Klicken aus und es wurde schlagartig stockdunkel. Liebermann stolperte, die Brechstange löste sich aus ihrem Versteck im Hosenbein und fiel polternd auf die Steinstufen, rutschte mit lautem metallischem Scheppern hinab und schlitterte unten am Treppenabsatz gegen die Aufzugtür. Das Herz des vom Pech verfolgten Einbrechers drohte auszusetzen. Er verharrte atemlos, wagte kaum mit den Lidern zu zucken. Aber alles blieb still. Hier oben war anscheinend wirklich niemand mehr und bis zum ersten Stock war das Geräusch bestimmt nicht gedrungen. Die Fußtritte vorhin musste er sich eingebildet haben.

Liebermann wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, dann holte er flink sein Einbruchswerkzeug und nahm die Treppe von neuem in Angriff. Oben an ihrem Ende war es heller und er konnte seine Umgebung gut erkennen. Ein großes Fenster ließ etwas vom Abendlicht herein. Er konnte das Dach des gegenüberliegenden Krankenhauses sehen. Hier waren nur zwei Türen. Auf der einen stand: „WC – Nur für Besucher und Angestellte“, auf der anderen „Sonnenheim.“ Obwohl der Harnandrang in seiner Blase seit dem Missgeschick gewaltig war, verkniff es sich Liebermann, die Toilette zu benutzen. Stattdessen ging zur zweiten Tür, an der er seinen Kuhfuß zum Einsatz bringen wollte. Sie war offen, nur angelehnt.

Jetzt wäre der geeignete Zeitpunkt gewesen, heimzugehen und die ganze Sache zu vergessen. Es hätte wirklich keinen besseren gegeben. Aber Liebermann blieb. Er war neugierig geworden und es gab kaum eine Empfindung, die ihn absoluter beherrschte. Das war einer seiner Fehler: Er musste immer alles wissen, in fremden Wohnungen hätte er am Liebsten sämtliche Schubladen aufgerissen und in ihnen gewühlt. Er sah zum Schloss an der schweren, dunkelgrauen Tür. Ein Schlüssel steckte von außen.

Liebermann überlegte angestrengt. Niemand war wohl so vergesslich, den Schlüssel von außen ins Schloss zu stecken, dann nicht abzusperren und auch noch den Schlüssel in der Tür zu belassen. Nicht einmal diese Blondine, der er eben begegnet war. Es blieb also nur eine Möglichkeit: Jemand hatte aufgesperrt hatte und befand sich jetzt drinnen in den Büroräumen. Vermutlich einer der Makler. Das hätte auch das Licht im Treppenhaus erklärt, nicht aber, dass er bei dem Krach, den Liebermann gemacht hatte, nicht nachsah. Vielleicht stand jemand mit gezückter Waffe hinter der Tür und wartete auf ihn. Dieser Gedanke hätte Liebermann fast wieder zur Umkehr bewogen, aber er hatte sich ja längst anders entschieden.

Er tippte die Tür leicht mit dem Fuß an. Sie öffnete sich ein paar Zentimeter, bis sie der dicke Filz eines Teppichs abbremste. Soweit er es durch den Spalt erkennen konnte, waren drinnen keine Lichter an. Es war nichts zu hören, so sehr er auch lauschte. Ein seltsames Bohren in seinem Unterleib machte sich breit, einem Achterbahngefühl nicht unähnlich. Liebermann witterte die Gefahr. Er zog vorsorglich die Handschuhe an, die er mitgebracht hatte, packte die Brechstange als Schlagwaffe und öffnete die Tür mir der anderen Hand ganz. Er sah in einen kurzen breiten Gang, der als Vorzimmer und Garderobe benutzt wurde, die gegenüberliegende Tür war geschlossen. Am Kleiderständer hingen nur Bügel, keine Mäntel. Liebermann trat vorsichtig zum Schreibtisch: Ein PC im Ruhemodus, Terminkalender, spärlich beschriftet, Telefonanlage, Stifte, eine Fotografie von zwei fetten Kindern, ihr Geschlecht ließ sich bei der Dunkelheit nicht abschätzen. Dies war offensichtlich der Arbeitsplatz der Blondine.

Liebermann sah sich um, erst dann entschloss er sich, doch seine Taschenlampe zu benutzen. Viel heller machte sie nicht. Er hatte zuhause vergessen, die Batterien zu kontrollieren. Sie warf ein mattes, warmes Licht, in dem er sich auf die Dauer wohl die Augen verderben würde. Er trat hinter den Schreibtisch. Im niederen Aktenschrankwaren ein paar Dutzend Kundenmappen, nach Namen geordnet. Die Leute kannte er allesamt nicht. Ein Ordner über Haschek war nicht dabei, selbstverständlich. Mehr hatte dieser Vorraum nicht zu bieten. Er schlich zur mit hellem Furnier getäfelten Tür, die ins zum nächsten Zimmer führte. Sie war geschlossen. Liebermann ging in der Hocke und spähte durch das Schlüsselloch. Er konnte nur erkennen, das dort Licht brannte. Erneut lauschte er. Er richtete sich auf und atmete langsam ein. Dann erst nahm er seinen Mut zusammen und trat schnell durch die Tür, stieß mit dem Fuß gegen einen Aktenordner. Er leuchtete mit meiner Funzel herum. Hier sah es aus wie in jeder Chefetage der Welt: Hydrokulturen in den Ecken, informelle Farbklexe an der Wand, ein dicker, weicher Teppich, ein wuchtiger, kantiger Schreibtisch, vor und hinter ihm elegante Ledersessel, eine etwas unmotivierte Sitzecke vor der breiten Fensterfront, die auf eine Sonnenterrasse führte, eine Reihe Aktenschränke.

Anders waren lediglich ein Bebauungsplan der Stadt und ihres Umkreises an der Wand, dass die Schränke aufgerissen und durchwühlt, die Ordner über den Boden verstreut waren und selbstverständlich die Leiche, deren Hals so vollkommen zerfetzt war, dass der Kopf fast abgetrennt war. Eine Pfütze Blut weichte in den hellen Teppich. Liebermann stand mitten in der Lache. Daneben glänzte ein großes Küchenmesser golden im Licht der müden Taschenlampe.

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