Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Erste Anmerkungen zur „Feenliebe“

Im Sommer 2002 ist Hans-Dieter Heun abgesoffen.

Die damals unschuldig zum „Jahrhunderthochwasser“ gekrönten Überschwemmungen, die Herrn Schröder gerade noch einmal die Regentschaft retteten und uns allen einen Bundeskanzler namens Stoiber ersparten, wirkten sich zuerst in den Niederungen zwischen Donau und Inn aus, in denen Hans-Dieter in der Nähe von Bad Füssing wohnte. Fingerdick sprudelte plötzlich Grundwasser aus der lückenhaften Betonverschalung in den Keller seines Hauses, überall tropfte es und rannen Rinnsale über die Wände. Den eilig herbeigeschafften Pumpen gelang es nicht mehr, der Wassermassen Herr zu werden.

Ich war damals zufällig bei ihm zu Besuch* und kann mich noch gut erinnern, wie er in übergroßen Gummistiefeln durch sein unfreiwillig entstandenes Schwimmbad im Keller stapfte, hilflos den Blick nach oben wendete, milde den Kopf schüttelte, um dann entschlossen festzustellen:

„Mein nächstes Haus steht auf einem Hügel.“

blattUnd so kam es dann auch. Mit seiner Frau Michaela, seinem gigantischen Neufundländer George (eine inzwischen leider im Hundehimmel hechelnde und sabbernde große Seele) und seinen über Jahrzehnte angesammelten Kuriositäten zog er noch im selben Jahr weiter ins nördlichere Niederbayern, hinauf in die Gegend zwischen Pfarrkirchen und Vilshofen. In eine Landschaft, die für Promis und die Schickeria, ältere CSU’ler und stadtmüde Münchner in etwa das darstellt, was der Toscana-Fraktion der SPD die sanften Hügel zwischen Arezzo und Cortona sind: Ein dem Auge angenehmer, naturnaher Ruhesitz mit Golfplätzen und Kurbädern an jedem Ort. Nur gibt es im sog. Bäderdreieck keine Weingüter und kaum Renaissance, dafür aber in der nähereren Umgebung die Klosterbrauerei Aldersbach und mehr Barock, als man sich wünschen will. Zudem ist es eine verwunschene, bäuerlich geprägte Gegend. Oft ist sie menschenleer und herb, sogar abweisend und streng, aber dann wieder einladend und gemütlich. Auf eine geheimnisvolle Weise  ist sie der Welt und ihren Läufen abgewendet und auch in der Zeit verrückt. Um einen Spruch von Bismarck abzuwandeln: „Falls die Welt untergeht, reise ich nach Egglham, dort geschieht alles erst zwanzig Jahre später.“

Der alte, aus den zwanziger Jahren stammende Vierseit-Bauernhof mit dem Feldnamen „Tabor“, den Hans-Dieter anmietete, liegt zwar nur halb auf dem Hügel, mitten in Ackerland und Streuobstwiesen, allein durch eine schmale Landstraße von einem lichten Mischwald getrennt. Aber wenn es regnet, fließt das Wasser einfach ab, durch das Wohnhaus und die Ställe hindurch. Der Hof ist übrigens gut getroffen auf dem Titelbild des neuen Romans von Hans-Dieter zu sehen.

Tabor

Trotz der Ähnlichkeit: Auf der Treppe steht nicht die Hollerfee, sondern Frau Klammerle

Die nächsten Nachbarn, gestandene Alt-68’er, rotweinaffine Philosophen  und Überlebenskünstler (mache sind inzwischen auch schon Alt-75’er), leben weiter oben in einer etwas unübersichtlichen Landkommune.  Als ich die Familie Heun zum ersten Mal in ihrem neuen Refugium besuchte, war mir, als würde ich heimkommen. Manche Orte haben diese Wirkung auf mich. Sie strahlen Vertrautheit und Willkommen aus, es sind Plätze des Déjà-vu. Sie wecken eine Urerinnerung. Machmal tritt man durch eine fremde Tür und weiß: Man ist zuhause.

Für Hans-Dieter begann dort auf dem Hügel, weit, weit weg von jeder Zivilisation und dem Lärmen der Städte, ein neues Leben. Fasziniert erkundete er diese neue Welt, in die ihn sein Schicksal geführt hatte. Er beobachtete den Lauf der Natur und den Gang der Tage, erntete Birnen und Äpfel, suchte Pilze und hackte Holz. Er kochte Marmelade, war gastfreundlich und arbeitete an seiner Literatur. Seine Welt engte sich von ihm selbst kaum bemerkt auf das Tagwerk um sein Haus ein und wurde gleichzeitig weit und tief. Nur ein lahmes Internet verband ihn noch mit „Draußen“. Häufig schloss er sich dabei seinem Vermieter an, einem brummeligen, in sich selbst ruhenden Bauern, dem die Felder rund um Tabor gehören, auf seinem Hof Schweine mästet und leise vor sich hin philosophiert. Dieser Bauer, für den bereits Passau fern in der Fremde liegt, war ihm dann auch eines der beiden Vorbilder, aus denen er die Hauptfigur seines Romans „Feenliebe“ formte. Der zweite Bestandteil der Hybride war selbstverständlich Hans-Dieter selbst.

Hans-Dieter war schon immer ein begeisterter Freund der keltischen Mythen, der Anderswelt, den Eldern, den Feen. Oben auf Tabor hat er sie gefunden: Unter den Hollerbüschen, hinter den Birken, im Fischweiher. Das kleine Volk raschelt nächtens in den Ställen, stibitzt dem Hund das Futter, sein warnendes Pfeifen ertönt im Gemüsebeet. Im Wald duckt es sich ins Moos und verbirgt sich unter dem Schatten eines Parasol. Im giftig-gelben Raps hockt es und spielt die Grasharfe. Es reitet auf den Hasen und den Wildschweinen und nascht von den Himbeeren, die an der warmen Stallwand reifen. Hans-Dieter sitzt im Sonnenuntergang vor Tabor und er lauscht ihren Geschichten. Sie sind verrückt und fantastisch, verlogen und wahr, paradox, märchenhaft sanft und deftig erotisch, dabei tief, geheimnisvoll, eine Schatztruhe, deren Schlüssel lange verloren war.

All das ist „Feenliebe“. All das.

Und noch viel mehr.

Feenliebe-Cover-gross[1]

Seit 1. Februar 2015 bei allen einschlägigen Online-Buchshops erhältlich und selbstverständlich auch beim Buchhändler des Vertrauens. (aaVaa-Verlag)

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* Ich brachte es damals trotz des Dauerregens fertig, mir den Sonnenbrand meines Lebens auf die Haut brennen zu lassen.

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Ein Gedanke zu „Erste Anmerkungen zur „Feenliebe“

  1. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Freund Klammer, Deine Sicht meiner Behausung ist so liebevoll verfasst, als ob Du selbst auf dem ‚heiligen‘ Berg dürftest ruhen. Nun ja, ab und an erholst Du ja Deinen schwäbischen Stadtschädel bei mir auf ländlichen Kissen. Überrascht es mich denn, dass Tabor Dir ebenfalls als Heimat erscheint? Nein, eher nicht, denn hier existieren noch die heimeligen Stellen im Wald, auf den Wiesen, den Feldern und in meinem Hof selbst, die freundliche Geborgenheit vermitteln. Und damit ebenso das Gefühl, endlich angekommen zu sein.
    Danke.

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