Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 12

[Ich mache weiter. Trotzdem.]

Haschek blieb für einen Moment die Luft weg.

»Liebermann, Sie sind wohl … du verdammter … « Ihm fehlten die Worte.

»Nochmal, ganz langsam für Sie. Ich sehe schon, Sie sind heute schwer von Begriff. Am Besten schreiben Sie mit: Ihr Martin ist raus aus dem Spiel. Sie haben neue Partner. Und unsere Verhandlungsbasis ist auch eine andere: Zwei Million.«

»Sagen Sie mal, Sie Vollidiot, für wie blöd halten Sie mich eigentlich? Außer uns beiden weiß doch keiner von der Sache.« Jetzt schrie er fast. Er spürte die Hysterie keimen, die er schon den ganzen Tag zu unterdrücken versuchte. »Zwei Millionen Euro! Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«

»Keinen Cent weniger. Beruhigen sie sich erst mal, denken sie nach, informieren sie sich. Wir rufen um sechs Uhr wieder an. Hören Sie?«

Haschek beendete das Gespräch, indem er das Telefon wütend auf den Boden schleuderte. Jetzt brauchte er unbedingt einen Schnaps, auch wenn er sich vorgenommen hatte, die Finger vom Alkohol zu lassen. Liebermann hatte wohl den Verstand verloren! Er hätte ihm natürlich mehr für die Zeichnungen gezahlt. Er wäre bis zu sechzigtausend gegangen, um sich seines Schweigens zu versichern. Aber zwei Millionen, das war Größenwahn. Haschek würde nie so viel Geld für die Pläne bezahlen. Das waren sie nicht wert. Das musste Liebermann eigentlich wissen.

Dann kam ihm ein Gedanke, der ihn schaudern machte: Was war, wenn der Anrufer nicht gelogen hatte und er tatsächlich neue Partner bei seinem illegalen Geschäft hatte? Aber wer konnte das sein? Spontan fielen ihm nur zwei Möglichkeiten ein. Zwei Interessengruppen gab es, denen er so etwas zutrauen konnte. Da war Judith, die vielleicht zufällig Wind von der Sache bekommen hatte und nun – in Zusammenarbeit mit einem ihrer Liebhaber – einen Profit herausschlagen wollte. Dann konnte er sich noch vorstellen, dass der Anrufer Peter Schmuck war, der gierigere und schmierigere der beiden Sonnenheimmakler. Der wusste vielleicht ebenfalls von der Haussuchung und brauchte jetzt noch schnell Geld, um sich abzusetzen. Diesem Schmuck traute er alles zu. Auch seinem Partner Josef Waggerle war nicht über den Weg zu trauen, aber von dem hatte Haschek schon eine ganze Weile nichts mehr gehört. Vielleicht war er bereits untergetaucht. Bei längerem Überlegen erschien ihm die Möglichkeit, dass ihn einer der Makler übers Ohr hauen wollte, als die wahrscheinlichere. Er war eine Weile versucht, Schmuck anzurufen, ließ es dann aber doch. Er wollte keine schlafenden Hunde wecken, falls der Makler nicht sein Erpresser war. Und dann blieb weiterhin die Möglichkeit, dass der Anruf von Liebermann gekommen war. Hascheks Wut auf den kleinen Gauner kehrte verstärkt zu ihm zurück.

So kam er nicht weiter. Er musste ein paar der Verdächtigen ausschließen. Der Architekt holte sich aus seinem Arbeitszimmer die Akte, die der Detektiv Blücher für ihn angefertigt hatte. Selbstverständlich hatte Haschek nie im Sinn gehabt, sie zu vernichten, auch wenn er es behauptet hatte. Und jetzt sah er auch, wie klug es gewesen war, dieses Druckmittel gegen Martin Liebermann nicht aus der Hand zu gegeben. Er schenkte sich einen weiteren Cognac ein. Langsam blätterte er das dünne Manuskript durch und bewunderte die klare und saubere Arbeit, die Blücher geleistet hatte. Der Mann hatte auf keinen Fall seinen Beruf verfehlt. Haschek suchte etwas. Was, das wusste er nicht so genau, aber mit dem Namen Goschad schien er es gefunden zu haben. Liebermanns Verbindung zu diesem ehemaligen Zuhälter und Diskothekenbesitzer musste er ausnutzen.

Die Hausglocke läutete und nicht zum ersten Mal, wie er jetzt merkte. Haschek rief nach der Hausangestellten. Gleichzeitig fiel ihm ein, dass er allein zuhause war, da das Mädchen den Rest des Wochenendes frei hatte. Der Architekt legte die Akte zur Seite, richtete sich schwerfällig auf. Als er die wenigen Schritte in den Korridor ging, spürte er, wie betrunken er war. Er glaubte nicht, dass es schon auffiel. Aber er selbst bemerkte es und das reichte. Es schränkte ihn geistig etwas ein, machte ihn müde und unkonzentriert.

Es läutete wieder. Es klang ungeduldig, zornig. Haschek öffnete eilig, ohne sich vorher durch einen Blick durch den Türspion abzusichern. Deshalb wurde er vollkommen überrascht. Vor der Tür stand niemand anderer der Vorsitzende des Bezirksverbands der CSU, der Stadtrat Dr. Ludwig Hiller, Hascheks Schwiegervater. Er trug wie immer einen dunklen, maßgeschneiderten Anzug. Er wirkte ernst, seriös und unnahbar. Sein Blick war überlegen und kalt und nur sein Mund lächelte. Er sah seinem Mentor Bernd Kränzle erstaunlich ähnlich, auch wenn er sich nicht die Haare färbte. Der Übervater Kränzle färbte offenbar auf seine gesamte Umgebung ab. Hiller trug die Politikermaske nun schon so lange, dass er sie auch im privaten Bereich nicht mehr abstreifen konnte. Er grüßte Haschek kurzangebunden und drängte sich an ihm vorbei in die Wohnung. Als er dabei dessen Atem roch, verzog er unwillig die Miene und bedachte ihn mit einem unfreundlichen Blick. Haschek schloss hinter ihm die Tür. Wieder wunderte er sich, dass Dr. Hiller seine Tochter Judith und nicht Margarethe getauft hatte. Im Wohnzimmer blieb der Stadtrat stehen und maß seinen Schwiegersohn.

»Ist Judith daheim?«, fragte er. Haschek schüttelte den Kopf.

»Sie ist bei einer Freundin und kommt vor fünf, halb sechs Uhr nicht zurück.«

»Gut, dann können wir ungestört reden. Setz dich«, befahl Hiller und wies auf einen Stuhl. Haschek gehorchte. Hiller war der unangefochtene und absolute Diktator seiner Familie und was er befahl, musste sogleich ausgeführt werden. Allerdings sorgte er auch gut für seine Untertanen und Verwandten. Der Politiker war ein vollkommener Nepotist und herrschte über ein mafiöses Beziehungsgeflecht, blieb allerdings immer auf der legalen Seite, auch wenn er das Gesetz häufig zu seinen Gunsten auslegte und ein Meister darin war, die Grauzonen auszunutzen. Natürlich hatte Haschek von ihm den Tipp, dass Sonnenheim die Polizei ins Haus stand. Der Architekt war gespannt, was der alte Fädenzieher von ihm wollte. Solch ein persönlicher Besuch war ungewöhnlich; allerdings durfte er nicht reden, bis er nicht die Erlaubnis dazu bekam. Aber Hiller ließ ihn weiter im Ungewissen, schien die Armsündermiene des Architekten sogar zu genießen. Er hatte die halbleere Cognacflasche entdeckt, nahm sich ein Glas aus dem Schrank und schenkte sich ein. Erst dann setzte auch er sich und wärmte mit einer seiner breiten Hände vorsichtig den Alkohol. Dabei deckte er mit der anderen das Glas, während er es leicht schwenkte. Einatmend trank er den Cognac.

Haschek beobachtete stumm diese absichtlich verzögernde Zeremonie. Dabei versuchte er, nüchterner zu werden, was ihm allerdings nicht gelang. Sein schwindelnder Kopf machte ihm Schwierigkeiten. Es fiel ihm schwer, sich auf seinen Schwiegervater zu konzentrieren. Hiller stellte den Schwenker auf die Glasplatte des Tisches und brachte es fertig, dass es dabei nicht klirrte, dann warf der einen kurzen Seitenblick auf den Aktenordner, in dem Haschek vor seinem Besuch gelesen hatte. Dann begann er endlich:

»Deine Schwierigkeiten werden immer größer statt kleiner, Heiner«, sagte er und genoss den Reim. Er machte eine gemütliche Kunstpause, die Haschek fast zur Verzweiflung brachte. »Was hast du in der Sache Sonnenheim unternommen?«

»Ja … nichts, was hätte ich denn unternehmen können? Ich werde vielleicht zu meinem Anwalt gehen, um mit ihm über die Möglichkeiten zu reden … «

»Dazu wird es jetzt wohl zu spät sein. Warum hast du mir nicht früher von deiner Gaunerei erzählt. Dann hätte ich dir vielleicht noch helfen können.«

»Das ist längst vergossene Milch«, winkte Haschek ab. Einmal hatte er Judiths Vater beweisen wollen, dass er das Spiel ebenfalls beherrschte und sich von Peter Schmuck zu einem Alleingang überreden lassen. Und nun saß er in einer Patsche, aus der ihm wahrscheinlich nicht einmal mehr Hiller heraushelfen konnte.

»Deine Zeichnungen sind also noch dort, nehme ich an?«, fragte der Politiker und lehnte sich zurück. Er schob dabei die Akte über Liebermann etwas zur Seite, nahm sie aber nicht in die Hand.

»Vermutlich.«

»Du hast nicht versucht, sie von jemandem stehlen zu lassen?«

Haschek tat entrüstet, aber die Lüge fiel ihm schwer: »Darauf wäre ich nie gekommen …«

»Ist das die Wahrheit?«

»Ja.« Er spürte, dass er am Rücken zu schwitzen begann. »Ja«, bekräftigte er und fühlte sich unter dem zweifelnden und forschenden Blick seines Schwiegervaters wie nackt.

»Gut. Gut für dich. Gestern Nacht ist nämlich bei den Sonnenheimmaklern eingebrochen worden und so weit man bisher feststellen konnte, wurden hauptsächlich Akten und Unterlagen gestohlen. Geld war wohl keines im Büro. Du weißt, was das bedeutet?«

»Ja. Jemand wollte reinen Tisch machen, bevor die Polizei kommt. Das geht mit einem vorgetäuschten Einbruch am Besten. Sind meine Zeichnungen auch weg?«

»Die Polizei hat sie nicht gefunden. Allerdings wurde bisher auch nicht gründlich nach ihnen gesucht.«

»Das ist gut.«

»Wie man es nimmt. Sie könnte trotzdem auf dich kommen und das wäre fatal, denn dann würde ich ebenfalls in diese unerfreuliche Angelegenheit verwickelt. Dein Name taucht sicherlich in ihren Unterlagen auf. Und du bist ein Bekannter von Peter Schmuck.«

»Na, aber nur ein flüchtiger. Ich kenne ihn über meinen Bruder. Ich bin Schmuck nur ein paar Mal begegnet. Niemand weiß, dass seine Bauzeichnungen von mir stammen.«

»Trotzdem wird die Polizei zu dir kommen, früher oder später. Denn Schmuck ist tot«, erzählte Hiller gemütlich und genoss die Bombe, die er platzen ließ. Vor Haschek tat sich ein tiefes Loch auf. Er war froh, dass er saß.

»Tot?«

»Man hat ihm mit einem Küchenmesser den Hals durchgeschnitten. Er muss den Einbrecher überrascht haben.«

Jetzt verstand Haschek. Zwei Millionen für einen Toten. Das hob den Preis. Dieser Idiot Martin Liebermann hatte ihn also in einen Mord verwickelt. Er fluchte ausgiebig.

»Richtig, das könnte fatal werden«, bekräftigte Hiller die unflätige Reaktion des Architekten. Der zwang sich sofort zur Ruhe, der alte Mann durfte nichts merken. Falls bekannt wurde, dass er in einen Mord verwickelt war, würde Hiller ihn nicht mehr decken können. Hier ging es schließlich auch um dessen eigene Karriere und die war ihm wichtiger als sein Schwiegersohn. Er würde Haschek wie eine heiße Kartoffel fallen lassen.

»Na, so schlimm ist es ja auch wieder nicht«, wiegelte Haschek deshalb eilig ab. »Ich bin wirklich nur ein flüchtiger Bekannter von Schmuck. Ich habe mit der Sache nicht das Geringste zu tun. Selbst wenn die Polizei zu mir kommt, wird es doch wohl nur ein oberflächlicher Besuch. Und da ja anscheinend meine Pläne gestohlen sind, fehlt doch die engere Verbindung, die mich in den Mord verwickeln könnte. Na ja, ich will nicht pietätlos sein, aber irgendwie kommt mir das alles nicht ungelegen, ich muss schon sagen …« Haschek machte den Versuch eines Lächelns, seine Mundwinkel rutschen aber sofort wieder nach unten, als er die unbewegte und erste Miene von Hiller sah.

»Wenn ich es nicht bereits von dir gewöhnt wäre, würde mich deine Gewissenslosigkeit erschüttern. Aus einem so schrecklichen Verbrechen einen Vorteil ziehen zu wollen, das ist niedrig und billig. Das ist nicht einmal deiner würdig«, versetzte Hiller scharf. Haschek senkte gehorsam den Kopf. Allerdings kannte der Architekt den Politiker zu gut, um dessen Entrüstung für bare Münze zu nehmen. Da sprach gerade der Richtige. Er wusste, dass für Hiller Moral und Gewissen nur zwei Worte waren, die er ab und zu gewinnbringend anwendete, besonders wenn er abstritt, dass der politische Gegner sie kennen würde. Wenn jemand in einer solchen Position angelangt war wie er, dann konnte er nicht solche Hemmschuhe an den Beinen haben. In Hillers Keller stapelten sich die politischen Leichen, über die er gegangen war. Und die meisten waren aus der eigenen Partei.

Der Politiker und sein Schwiegersohn verstanden sich. Sie sprachen die gleiche Sprache, obwohl keiner von ihnen das jemals zugegeben hätte.

»Ja, du hast schon recht«, fuhr Haschek scheinbar geknickt fort. »Hat die Polizei schon einen Verdacht, wer es gewesen sein könnte?«

»Nun, freilich weiß ich nicht, was in den Köpfen der ermittelnden Kriminalbeamten so vor sich geht, aber laut meiner Informationsquelle tappen sie noch im Dunkeln. Sie haben auf dem Messer keine Fingerabdrücke gefunden. Außer den verschwundenen Akten weist nichts auf einen Einbruch hin. An der Tür zum Maklerbüro war keinerlei Gewaltanwendung zu entdecken. Sie suchen nach Josef Waggerle, dem Komplitzen von Schmuck. Aber der scheint wohl gerade im Süden Urlaub zu machen. Und dann gibt es noch eine Sekretärin, die sie befragen wollen, aber die scheint noch unter Schock zu stehen …«

»Ah, ja. Hat sie vielleicht etwas gesehen?«

Hiller betrachtete Haschek schweigend und nachdenklich. Er ahnte etwas. Hascheks Frage war eine Spur zu interessiert und neugierig für einen Unbeteiligten gewesen.

»Waggerle ist im Urlaub?«, schwächte der Architekt deshalb ab. »Der hätte doch das beste Motiv.«

»Das wird sich die Polizei auch denken. Aber Waggerle scheint mir dem Auto in Portugal unterwegs zu sein. Vielleicht – und das ist jetzt nur meine Mutmaßung – hat er sich längst abgesetzt und ist untergetaucht.«

Haschek dachte flüchtig an den Makler, der so etwas wie der stille Teilhaber von Schmuck war und diesem die ganze Geschäftsabwicklung überlassen hatte. Er war dem stämmigen, schweigsamen Mann nur ein- oder zweimal begegnet. Er hielt ihn aber für intelligent genug, sich und sein ergaunertes Geld rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

»Trotzdem«, fuhr Hiller fort, »das Problem mit den Bauzeichnungen hat sich noch nicht erledigt. Es besteht die Möglichkeit, dass der Mörder versuchen wird, dich mit ihnen zu erpressen.«

»Das glaube ich nicht, der wird doch keine Ahnung haben, dass die Pläne von mir sind.«

»Und warum hat er sie dann gestohlen?«

»Er wollte bestimmt einen Raubüberfall vortäuschen, seine wahre Absicht …«

Haschek wurde von Hiller unterbrochen:

»Eben, sieh es doch klar. Der Mörder war ein Bekannter von Schmuck und der hat ihm von deinen Zeichnungen erzählt.«

Gut kombiniert, dachte Haschek, nahe dran. Er wurde schlagartig nüchterner.

»Es liegt doch wohl auf der Hand, dass er versuchen wird, dich zu erpressen. Er hat sich noch nicht zufällig bereits bei dir gemeldet?«

Obwohl Hascheks Stimme jetzt sehr heiser war, kam ihm die Lüge doch glatt von den Lippen:

»Wo denkst du hin? Nein, natürlich nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das passieren wird. Ich glaube, du bauschst das alles zu sehr auf.« Er hoffte, dass sein Schwiegervater jetzt zufrieden war und ihn allein ließ, damit er über die ganze Sache nachdenken konnte. Aber den Gefallen tat ihm der alte Mann nicht. Hiller beugte sich wieder vor und nickte.

»Kennst du einen gewissen Arthur Schiller?«, fragte er ruhig. Fallen, nichts als Fallen hatte er heute für Haschek vorbereitet.

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