Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Jagdszenen einer Winternacht

Vielleicht wurde es gestern schon bemerkt: Ich bin wieder da.

Nachdem der Kundendienst meines Providers am Frei­tag überraschend schnell vor der Haustür stand, eine halbe Stunde am Signalfluss bastelte und ein neues, staubfreies Modem anschloss,  ist die Geschwindigkeit meines Internetanschlusses wieder ausreichend flott. In der Woche davor hatte ich Übertragungsraten, die mich an die guten alten Analogmodem-Zeiten (56 k) erinner­ten, als ich mir noch einen Kaffee kochen konnte, bis eine Seite am Bildschirm aufgebaut war. Seit damals bin ich koffeinsüchtig.

Aber heute war wieder alles im grünen Bereich. Ich wollte ausschlafen und für meine treuen Leser frischgestärkt meinen Heimatkrimi „Das goldene Kalb“ fortsetzen. Aber meine umtriebige Katze Amy hatte für mich ein anderes Programm: Statt Bettruhe und einer gemütlichen morgendlichen Verbrecherjagd an meinem Schreibtisch gab es stattdessen mitten in der Nacht eine Mäusejagd. Und die läuft noch immer!

Das kam so:

KatzeninitialVor geraumer Zeit demolierte ich bei dem vergeblichen Versuch, bei mir selbst einzubre­chen, meine Haustür. Der eine oder andere erinnert sich vielleicht an diesen für mich so peinlichen Moment, über den er weiter oben ausführlich unterrichtet wurde. Familie Klammer lehnte sich also finanziell weit aus dem Fenster und ließ sich im letzten Jahr eine neue Haustüre einbauen – mit teurer Katzen­klappe, die ausschließlich die unsere, aber nicht die Kat­zen der Nachbarn oder gar einen Waschbären hereinlässt – dachten wir zumindest anfänglich. Und damit begann der eigentlich erwartbare Ärger. Von diesem Moment an brachte uns Amy in ihrem Maul von ihren Ausflügen regelmäßig halbtote Nager mit in die Wohnung und Frau Klammerle an den Rand des Ner­venzusammenbruchs, wenn sie (die Katze, nicht meine Frau) diese mitten auf dem Wohnzimmerteppich ver­speiste oder voller Stolz als Jagdbeute präsentierte und für die Sauerei auch noch Lob erwartete. Und das manchmal zweimal in einer Nacht; ab und an war auch eine allzu freche Meise dabei. Hard workin‘ cat …

Doch nun hat der Winter sein blütenweißes Leintuch über dem Garten ausgebreitet und des Nächtens wird es ordentlich kalt. Zeit für Winterschlaf und Waffenruhe zwischen Katz und Maus. Dachte ich zumindest.  Weit gefehlt, denn weder Mäuse noch Katze ruhen. Nach der trügerischen Weihnachts- und Januarruhe wurde vorgestern die Jagdsaison eröffnet. Ich wurde Freitagnacht von einem triumphierenden Katzenschrei geweckt, der nichts Gutes verhieß. Und richtig. Auf dem braunen Teppich unten im Wohnzimmer saß zufrieden schnurrend meine Katze, vor ihr lag eine winzige, absolut tote Spitzmaus.* Amy frisst diese Jagdbeute nicht; offenbar sind diese Tiere nicht ihr Geschmack. Ich musste die Leiche deshalb mitten in der Nacht entsorgen und barfuß im Schlafanzug zur Mülltonne tappen. (Gehören tote Mäuse eigentlich in die graue Restmülltonne, in die braune Biotonne oder kann ich sie in meinem Komposthaufen begraben?)

Amys liebste Jagdbeute sind jedoch Feldmäuse – die sind für meine Katze eine Art von „Überraschungsei“. Spannung, Spiel und Schokolade (oder so etwas ähnliches). Meist bleiben von dem unglücklichen, putzigen Tierchen mit den schwarzen Knopfaugen und dem hellbraunen Fell nur der Schwanz und die Gallenblase übrig, der Rest wird mit wohligem Schmatzen verspeist. Das hört sich so ähnlich an, als würde die Katze Cornflakes ohne Milch knuspern.

Manchmal jedoch kann die Maus entkommen. Sie hat ihre Chancen. Im Garten ist das kein Problem. Aber manchmal verkriecht sich der halbtote Nager und legt sich irgendwo in der Wohnung zum Sterben hin – unter einem Schrank, hinter einem Regal und erst kürzlich in einem meiner Wanderschuhe. Das bemerkte ich allerdings erst, als ich diesen vor meiner Tour auf dem Parkplatz unterhalb meines Berges anziehen wollte und mich wunderte, was sich da so seltsam weich im Schuh anfühlte. Ich hoffe, das arme Tier hatte einen sanften, schmerzfreien und vom Geruch in meinem Wanderschuh benebelten Tod.

Doch heute Nacht flüchtete die überraschend agile Feldmaus, nicht nur vor Amy, sondern auch mir, der ich sie um 03:34 Uhr mit Pappschachtel und Kehrschaufel bewaffnet retten und im Garten freilassen wollte. Katze und Mensch verfolgten sie daher in bester Tom-und-Jerry-Tradition gemeinsam durch alle Zimmer, suchten hartnäckig ihre Spur unter Bücherregalen, dem Sofa, unter Schränken und hinter dem Kühlschrank.

Endlich – nach einer längeren Hetzjagd – flüchtete sich die Maus gerade noch eben unter den Schwedenofen und verkroch sich hinter einer seitlichen Metallabdeckung, die ich nur öffnen kann, wenn ich den ganzen Ofen abbaue. Seitdem ward die Maus nicht mehr gesehen. Und seitdem (inzwischen sind es acht Stunden) hockt Amy aufmerksam vor dem Ofen. Sie lauert geduldig, weicht keinen Zentimeter von ihrem Platz. So fand sie Frau Klammerle, als sie heute morgen von der Nachtwache heimkehrte und so sitzt sie noch immer da. Ich habe gerade nachgesehen. Offenbar weiß sie (Amy, nicht Frau Klammerle), dass sie Mist gebaut hat. Frau Klammerle verabschiedete sich mit den Worten ins Bett, sie würde gerade alle Katzen der Welt hassen.

Ich bitte nun empfindliche Gemüter unter meinen Lesern nicht fortzufahren, sondern hier aufzuhören. Denn ich befürchte, dass wir die Maus nie wieder sehen. Wahrscheinlich ist sie erschöpft und schwer verwundet hinter der Abdeckung verendet und wird dort langsam durch die Hitze des Holzofens mumifizieren, denn ich komme unmöglich von außen an sie heran. Hoffentlich stinkt der Kadaver während der Verwesung nicht zu arg. Ich bin jedenfalls nach der vergeblichen Nachtjagd zu müde, um heute die Leichen meines Krimis zu entsorgen und bin wieder meiner Kaffeesucht verfallen, um zumindest noch diesen Tatsachenbericht aus meinem grausamen Landleben zu schreiben. So etwas steht nie in der „Landliebe“.

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Auf der Lauer

In diesem Bild ist eine kleine Maus versteckt. Aber weder Amy noch ich wissen, wo…

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*Anmerkung für den Biologen in der Familie: Die Spitzmaus (Soricida) ist ein Insektenfresser und kein Nagetier und damit nicht mit der Maus verwandt. Sie können laut und schrill pfeifen, wenn ihnen Gefahr droht.

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2 Gedanken zu „Jagdszenen einer Winternacht

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  2. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Iiiiih Mäuse!

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