Aber ein Traum …

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„Aber ein Traum“ und die Doppelgänger – Eine Abhängigkeit von Hoffmann

 

»Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis dahin stummes Ringen unterbrach. Die Situation weiter ausnutzend, setzte ich mich auf ihn und rang ihn nieder. Ich fasste seine Handgelenke, brachte dabei meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war. Ich rang nicht mit einem Zwillingsbruder, den gab es gar nicht – ich rang hier mit mir selbst, mit einer Kopie meines Ich. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel Zwei

»Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi … hi … hi … Brü­der­lein … Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir … lasse dich nicht … lasse … dich nicht …«

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächtnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum den Schlüssel haben. Dies ist eine durchaus beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ich fühle mich dabei wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppeltgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem Kater Murr (2) gelesen. Das war wie eine Erlösung, besser: wie eine Initiation. Das vor düsterer Romantik und gothischem Horror triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vollkommen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, auf einen Doppeltgänger meines eigenen Textes.

Ich wusste zwar noch, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, nämlich das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja mit den Brüdern Alban und Ruben Waldescher ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans „Aber ein Traum“ gestellt hatte. Ich glaubte allerdings, ich hätte E. A. Poes Varianten dieses Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF- und Fantasy-Autoren (Androiden und Gestaltwandler) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, diese digitalisierte, ‚entfremdete‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht werden – in ihr ist das Bild des Doppelgängers, der uns unserer nur eingebildeten Einzigartigkeit brutal beraubt, modern und zeitgemäß.

»Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”«

aus: E.A. Poe, William Wilson

»Dann trifft mich das heiße Licht, schneidet sich in einer Explosion aus Pein in meinen Unterleib wie in weiche Butter, durchdringt ihn mühelos. Es hinterlässt rasende Schmerzen tief unten im Rücken, Schmerzen, die mich schreien machen. Den Schrei kann ich nicht hören. Ich kippe nach hinten, schließe im Fallen die Augen. Hier bin ich tot.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Epilog

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und bedauerlicherweise unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Ensembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein wunderbares Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker im Dunstkreis um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors selbst. Und es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat …

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil einer Masse, der sie nicht entkommen können.

Samstag, 19.09.20 – Feuer im Herzen und ein Traum

Samstag, 19.09.2020

Liebe unbekannte Leserin,

hast du auch ein paar Lieblingswörter, deren Klang dir wie ein gelungener Löffel bei „The Taste“ auf der Zunge zergeht? Natürlich muss auch die Bedeutung mit dem Klang harmonieren. Sie ist der Duft, der die Leckerei spielerisch umschmeichelt – um bei meinem mehr als schrägen Beispiel aus der Küche zu bleiben. Bei mir sind das zum Beispiel die Wörter „Socke“, „Weichbild“ oder „Aequinoctium“. Letzteres – nämlich die herbstliche Tagundnachtgleiche – bedroht uns ja in diesen Tagen und macht mich Sommersonnenanbeter bange. Mir kann es nie hell und warm genug sein und nun ist es längst wieder dunkel, wenn ich morgens zur Arbeit aufbreche und bald wird es auch finster sein, wenn ich abgekämpft von ihr heimkehre. Das hinterlässt einen bittersüßen Geschmack nach Federweißem, Zwiebelkuchen, Steinpilzen und Kürbissuppe auf meinen Lippen, leider ist er vermischt mit feuchter Verwesung, Abschied und Tod. Dieses Jahr ist für mich im Privaten und für uns alle auch im Öffentlichen bislang ein furchtbares und niederschmetterndes gewesen und nun setzt es vehement zum Endspurt an. Keine Ahnung, was es noch für uns alle vorbereitet hat. Der Blick in die Nachrichten lässt mich erschaudern und das Schlimmste ahnen. (1)

Die hitzigen Spätsommertage in der letzten Woche jedoch habe ich durchaus als ein Geschenk empfunden und wirklich genossen. Aber sollte man ein Geschenk nicht eigentlich behalten dürfen? (2) Zumindest wäre es schon einmal schön, wenn man einen dieser letzten Sommerabendmomente, wie wir einen gestern auf unserer Gartenterrasse erleben durften, ein wenig in die Länge ziehen könnte oder wie einen alten Speicherpunkt in einem Computerspiel wieder starten dürfte. Obwohl es nach Untergang der Sonne rasch empfindlich kühl und klamm wurde, als vom sternenklaren Nachthimmel die Feuchtigkeit herabfiel, gelang es Frau Klammerle und mir, mit Hilfe unseres kleinen, aber tapfer brennenden und wärmenden Azteken-Ofens und eines fruchtschweren Muskatellerweins noch einmal den Sommer heraufzubeschwören und wenn es auch nur für zwei Stunden war.

Dies war übrigens wieder eine der Wochen, die ich auf diesem Blog fast allein mit mir selbst verbrachte und allein durch die großen Hallen meiner Literatur wandelte. Das ist zwar durchaus eine angenehme Gesellschaft, aber eigentlich wollte ich doch etwas anderes. Entschuldige bitte meine harten Worte: Aber hier Selbstgespräche zu führen, das hat schon etwas von Selbstbefriedigung. Würden sich nicht ab und an die fleißigen Bots der chinesischen Suchmaschine baidu.com meiner erbarmen und überaus neugierig auf meinem Blog herumschnüffeln (Ja, ich finde auch, dass Xi Jinping wie Winnie der Puuh aussieht!), dann hätte ich in der letzten Woche überhaupt keine Zugriffe auf meiner Site gehabt. Angeblich folgen lt. Statistik 150 Personen diesem Blog. Ich habe deshalb etwas aufgeräumt und mich von den Dateileichen befreit. Jetzt sind dann noch  15 „Follower“ übriggeblieben. Für diese fünfzehn und für dich, liebe unbekannte Leserin, schreibe ich das hier.

Auf der anderen Seite steht mir Einsamkeit gut an und ich genieße die viel zu seltenen Phasen, in denen ich allein mit mir bin. Deshalb bin ich ein begeisterter Bergwanderer. Da lodert wirklich ein Feuer in meinem Herzen. Gäbe es jemanden, der mir diese Leidenschaft bezahlen würde, dann würde ich frohen Mutes und glücklich jeden Morgen aus dem Tal hinauf in die Freiheit der Berggipfel steigen. Leider bot 2020 mir kaum Möglichkeiten, dieser Passion nachzugehen, denn mir ist in diesem Jahr immer unwohl, wenn ich mit Mundschutz my home and castle verlasse und unter Menschen gehe. Österreich und Südtirol mied ich aufgrund der Pandemie. Und dann machten mir die Allgäuer, deren Berge eigentlich mein Hauptziel sind, sehr deutlich, dass ich bei ihnen unerwünscht bin. Seit sie ihre Gastronomie und Hotels wieder geöffnet hatte, jammerten und klagten sie über den stotternd wieder einsetzenden Tourismus und verglichen ihre Gäste mit Heuschreckenschwärmen. Ich gewann den Eindruck, dass sie zwar mein Geld, aber nicht meine Anwesenheit wollen. Dann eben nicht … Am Freitag nun gelang es Frau Klammerle und mir, uns für einen Tag freizumachen und wir nahmen unseren ganzen Mut zusammen und fuhren am frühen, nebligen Morgen von Augsburg aus – nicht ins Allgäu, aber strikt nach Süden auf der B17 und der B23 in die uns nächsten Ausläufer des Ammergebirges. Wie bestellt, lichtete sich der dichte und kompakte Nebel, der als grauer Bettbezug über dem Lechtal hing, am Ortseingang von Oberammergau und wir begannen einen wunderbar sonnigen und tatsächlich recht einsamen Bergwandertag, der uns über die Kofelspitze in einer weiten Runde um den Herrgottsschnitzer- und Passionsspielort herumführte. Der Kofel selbst, der so dominant und wie unbezwingbar über Oberammergau in den Himmel ragt, ist übrigens ein nur 1342 m hoher Scheinriese, der in ca. eineinhalb Stunden ohne Schwierigkeiten ersteigbar ist, wenn man man mal von einer harmlosen Klettereinlage direkt unterhalb des Gipfels absieht, bei der erfahrene Wanderer nicht einmal die linke Hand aus der Hosentasche nehmen). Doch die karge Felsspitze mit ihrem überdimensionierten Gipfelkreuz bietet in der klaren Septemberluft einen lohnenden und weiten Rundumblick. Diese erste richtige Bergtour in diesem Jahr war für uns ein wenig wie ein Nachhausekommen nach langer Zeit. Wir zehren noch immer von den Eindrücken des Tages, den wir traditionell in der Ettaler Schaukäserei mit dem besten Käsekuchen der Welt (ungelogen!) beschlossen. Das Feuer brennt!

Und jetzt wirst du dich fragen, liebe unbekannte Leserin, wo denn nach all diesen Worten eigentlich die Literatur geblieben ist? Sie tröpfelt gerade, anstatt zu fließen. Der Strom meiner Imagination ist in diesem heißen Sommer ein wenig ausgetrocknet. Doch demnächst kommen die Herbststürme und dann wird er wieder mehr Wasser tragen, versprochen. Ich werde übrigens in der nächsten Woche meine Arbeiten an meinem neuen Roman „Aber ein Traum“ abschließen und für meine fleißigen Lektorinnen Korrekturexemplare machen lassen. Dann wird mein Kind in die Welt entlassen. Hoffentlich wird es dort ein wenig besser bestehen können, als seine zwölf Brüder vor ihm. Hier noch ein Textschnipsel aus dem Buch. (3)

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(1) Und hier muss ich voller Schrecken ergänzen, dass diese momentane Jahreszeit, in der die Natur langsam ihre Kraft und Fülle verliert, exakt den Zeitpunkt wiederspiegelt, in dem ich mich nach Jahren gerechnet befinde: Im Herbst meines Lebens. Auch wenn ich mich nicht so fühle: Statistisch betrachtet hat längst mein letztes Daseinsdrittel begonnen, wahrscheinlich eher schon das letzte Viertel. (Wenn ich nicht schon morgen von einem Auto überrollt werde).

(2) Kürzlich wollte mir eines der vielen, aufgrund der Pandemie verzweifelten Hotels in Südtirol mit einer Werbemail Appetit auf einen Herbsturlaub mit einem Zitat machen, das angeblich von Henri de Toulouse-Lautrec stammt:

Der Herbst ist der Frühling des Winters!

Klingt erst einmal gut. Ist aber höherer Blödsinn. Tatsächlich hat dieser Nonsene-Satz gerade Konjunktur und man kann ihn häufig – den verschiedensten Leuten untergeschoben – im Internet finden. Das macht ihn nicht weniger unsinnig. Ich bin im 2. Frühling meines Lebens? Quatsch! Wenn der Herbst der Frühling des Winters ist, ist dann der Frühling der Herbst des Winters? Oder der Sommer der Frühling des Herbstes? Oder vielleicht gar der Herbst der Herbst des Herbstes? Auf jeden Fall ist es kein Wunder, dass Frau Klammerle, ich und meine Katze gerade unter gewaltiger Frühjahrs-Herbstmüdigkeit leiden …

(3) So etwas lieben besonders die Instragramer, die viel zu faul sind, sich auf einen längeren Text einzulassen. Literatur muss dort auf eine kleine Seite Toilettenpapier passen und wird auf ähnliche Weise konsumiert – abreißen, benutzen, wegspülen. #textschnipsel

Alle Jahre wieder: Der Sonnenhut blüht und der Blog ruht

Der Sonnenhut vor dem Haus blüht. Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zum einen ist die Pflanze, die nun bis in den Oktober hinein unermüdlich blühen wird, eine Schönheit, die meinen Vorgarten veredelt. Aber ihre üppige Blüte läutet gleichzeitig den Spätsommer in meiner Gartenwelt ein. Die Tage werden bald spürbar kürzer, die Nächte kühl. Die bienenfleißigen Diedorfer Bäuerlein haben bereits ihr Getreide eingefahren und graben die Stoppelfelder um. Nebelbänke hängen am Abend über der Schmutter und die Spinnen flechten ihre von Tautropfen funkelnden Netze zwischen den Büschen, von denen manche bereits ihre Blätter verlieren. Bald gibt es wieder Federweißen und Zwiebelkuchen zu kaufen. Gefühlt hat dieser Sommer gerade erst gestern begonnen und nun naht bereits der Herbst dieses paradoxerweise auch endlosen Jahres 2020.

Je länger dieser etwas unbeständige und merkwürdige, aber auch der Pandemie zum Trotz wunderschöne Sommer andauert, umso weniger Lust verspüre ich, mich in mein stickiges Autoren-Kämmerchen zurückzuziehen und für meinen Blog Glossen und Artikel zu schreiben und auf Facebook und Instagram zu posten (1). Ich habe den Eindruck, dass du, mein lieber Freund und Follower, kaum mehr Freude daran hast, meine wirren Kopfgeburten zu lesen, denn im Sommer sind wir ja doch mehr (schwitzender) Körper als Geist. Literatur und Nachdenklichkeit passen besser in den Herbst und zu den langen, dunklen Winterabenden.

Mach es wie Amy.

Deshalb ist es für mich wie in jedem Jahr höchste Zeit, mich ein, zwei Monate im Internet ein wenig rar zu machen.  Denn das Erblühen meiner Echinacea Ende Juli ist noch ein anderer Markierungspunkt. Ich werde mir meinen alljährlichen Sommerurlaub gönnen. Wie in jedem Jahr sind für mich auch heuer die Monate August und September eine Zeit der Ruhe und Besinnung, bedeuten mir Entschleunigung und Erholung (und eine Phase des mönchischen Abnehmens; denn als personifizierter Jojo-Effekt habe ich mal wieder ein paar Kilo zuviel auf den Rippen). Frau Klammerle und ich werden ausgiebig Urlaub machen(2), wir renovieren unseren heruntergekommenen Balkon und ich werden den ersten Entwurf meines neuen Romans „Mánis Fall“ zuende führen (zumindest habe ich das vor). Und ich werde auf unserer Gartenterrasse mit einem Glas Wein in der Hand sitzen, mich ein wenig über die Mücken ärgern und in die Abendstille hinein träumend dabei zusehen, wie sich die Welt auch ohne mich drehen kann. Wenn du dich zu mir setzen möchtest, dann komm doch einfach vorbei! Meine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken aber werde ich fast vollständig einstellen und ein analoges Leben führen. Du musst dir Nikolaus Klammer in den nächsten Monaten als einen glücklichen Menschen denken. Es kommt nun für meine Familie und mich die schönste Zeit des Jahres. Um es mal wieder mit Green Day zu sagen: Wake me up when september ends, dann lesen wir uns – hoffentlich gesund – wieder. Ich wünsche dir, du kannst diese Monate ebenso genießen wie wir.

Um dir den Entzug vom täglichen Klammer-Posting zu erleichtern: Es ist ebenfalls meine Tradition geworden, dass ich meine E-Books den ganzen August über verbilligt anbiete. Sie kosten ab nächster Woche in allen Shops im Internet oder beim Buchhändler deines Vertrauens nur noch 99 Cent! Das ist doch mal wirklich ein Angebot, das man einfach nicht ablehnen kann! Also, falls du noch Lücken in deiner Nikolaus-Klammer-Sammlung hast: Jetzt kannst du sie schließen. Einmal einen Eiscafé beim Italiener genießen, ist teurer und die Lektüre meiner Bücher ist genauso lecker und hält dabei länger vor.

Wenn du mich also wirklich vermisst: Meine Bücher sind eine ideale und unterhaltsame Sommerlektüre, egal, ob du sie auf dem Balkon, am Strand, auf einer Berghütte oder in einem Café liest. Ich würde mich freuen.

Meine zwölf E-Books sind vom 01. bis zum 31. August 2020 bei allen Buchhändlern zum Sonderpreis von 0,99 € erhältlich.

Habe eine schöne Zeit,

Dein Nikolaus


(1) Wenn du mir dort folgen möchtest: Nikolaus M. Klammer auf Facebook oder Niklas Klammer auf Instagram

(2) Ich glaube zwar, dass inzwischen jedes Südtiroler Hotel mir eine Werbe-Email gesendet hat, aber wie viele andere bleiben auch wir in diesem Jahr lieber in den heimatlichen Grenzen. Zuerst werden wir im Berchtesgadener Land Bergwandern gehen – sofern das Wetter es erlaubt – und später dann zwei Wochen in Burg im Spreewald paddeln, radfahren und „unser Leben chillen“. Zwischendrin erkunden wir unsere Bayerische Heimat und treiben uns zwischen Schwäbischer Alp und Fichtelgebirge herum.

Diese Sommerlektüren (4) – Arno Schmidt

Alle Dichter wollen weniger gelobt und fleißiger gelesen sein.
Gotthold Ephraim Lessing

Es widerstrebt mir, den scheinheiligen Tanz ums goldene Kalb und den Feuilleton-, Medien-, Verlags- und Buchhandelsrummel um runde Geburts- oder Sterbedaten unserer Dichter und Denker mitzumachen. Man lobt sie routiniert und wohlvorbereitet an ihren Jubiläen, um dann bereits ein paar Tage später die nächste Sau durchs mediale Dorf zu hetzen. Die Erinnerungen und Ehrungen werden des überschwänglichen Feierns müde wie Christbaumschmuck im Januar eiligst zurück in den Keller geräumt, bis die nächste runde Zahl droht. Gelesen werden diese Autoren trotzdem nicht.

Aber für Arno Schmidt (1914 – 1979) müsste ich eine Ausnahme machen, weil er mir wirklich am und manchmal auch schmerzlich auf dem Herzen liegt: Schließlich ist Schmidt der herausragendste und humorvollste, der intelligenteste und zugleich provozierendste Autor, Essayist und Übersetzer, der von uns Deutschen nach dem 2. Weltkrieg mit Nichtbeachtung und Interesselosigkeit abgestraft wurde. Hierzulande werden keine unbequemen Autoren mehr eingesperrt oder mitsamt ihren Bücher verbrannt, man ignoriert sie einfach, ordnet sie bequem in ihren historischen Kontext ein(1) und vergisst sie. Oder man wirft ihnen – auch das ist typisch deutsch – „Nestbeschmutzung“ vor; was den Autor noch nachhaltiger vernichtet, als ihn ganz einfach zu erschießen. Arno Schmidt passierte beides. Er wurde als genialer Außenseiter zu einer wenig beachteten Fußnote im Kapitel „Nachkriegsliteratur der BRD“ degradiert und sein bitterböser Kulturpessimismus und sein verzweifeltes Aufreiben am Deutschen Untertanenwesen als defätistisches Fäkieren eingestuft.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Schmidts Wohnhaus in Bargfeld, in seinem Stil fotografiert.

Sicherlich war an dem fehlenden Nachruhm auch der ärgerliche Streit um die Rechte an seinem Werk schuld. Das führte dazu, dass eine Zeitlang nur atemberaubend teure Nachdrucke der in den 50er und 60er Jahren im Fischer-Verlag veröffentlichten Bücher oder zu ebenfalls gesalzenen Preisen die von der Arno-Schmidt-Stiftung herausgegebenen Gesamtausgaben erhältlich waren.(2)

Und ich gebe es gerne zu: Es ist nicht leicht, Arno Schmidts Welt zu betreten, er macht es dem Leser und auch sich selbst nicht einfach. Keiner schreibt wie er. Schmidt ragt wie ein Mount Everest aus den seichten Vorgebirgen der deutschen Nachkriegsliteratur in sauerstoffarme Höhen. Er ist einzig, aber ganz und gar nicht artig. Sein – formulieren wir es mal euphemistisch – eigenwilliger Umgang mit Grammatik und Zeichensetzung, seine am stream of consciousness und den Wielandschen und Jean-Paulschen satzungethümen Bleistiftwüsten geschulter, synästhetischer, oft monologischer Stil, in dem manchmal jedes Wort und oft auch jedes Satzzeichen eine Anspielung an ein- bis zwei von ihm mitgedachte, aber durchaus nicht hingeschriebene Literaturquellen (3) und unbewusste freudianische Fehlleistungen sind, seine – der Generation, zu der er gehört, geschuldeten – muffigen sexuellen Fixierungen (man kann von einer Vorliebe für Alt-Herren-Witze reden) sind zum Fremdschämen und alle wirken wie eine fest verschlossene Tür in sein Gedankengebäude, eine Tür, die nur mit äußerster Anstrengung und aller Geduld und Aufmerksamkeit geöffnet werden kann. Das lohnt sich allerdings. Hat man sich erst einmal an die anspielungsreiche und exzentrische Ausdrucksweise gewöhnt, kann Schmidt süchtig machen. Und diese Liebe hält ein ganzes Leben an.

Schmidt2Arno Schmidt
Schwarze Spiegel
(suhrkamp BasisBibliothek 2006)

Zum Einstieg in sein überbordendes Werk sei hier seine feine kleine Erzählung „Schwarze Spiegel“ angeführt, eine erstaunlich klassische, dystopische Science-Fiction-Geschichte, von der es in der zeitgenössischen deutschen Literatur viel zu wenige gibt, weil hierzulande Genrewerke nicht ernst genommen und als Unterhaltung abgetan werden.(4) Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase liest sich diese Anti-Utopie flüssig und spannend und enthält doch alles, was ein Schmidt-Œuvre ausmacht. Eine weitere gute Möglichkeit, Schmidt kennenzulernen, sind seine Radioessays über meist vergessene Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts, in denen er die Ergebnisse seiner literaturarchäologischen Arbeiten als appetitanregende Häppchen serviert. Dass Johann Karl Wezel oder Karl Philipp Moritz heute wieder gelesen werden, ist der Schmidtschen Radio-Werbung zu verdanken, einige seiner weiteren, äußerst lesenswerten Entdeckungen gibt es beim 2001-Verlag in der Reihe „Haidnische Alterthümer“. Arno Schmidt war auch ein fleißiger Übersetzer englischer und angloamerikanischer Literatur. Hier seien eine kongeniale, stellenweise neudichtende Poe-Übertragung erwähnt, seine Verdienste um John Fenimore Cooper, Jules Verne oder auch Karl May, die in Deutschland als Jugendbuchautoren verschätzt und deren Werke verstümmelt wurden oder seine zugegebenermaßen exzentrischen Bulwer-Lytton-Übersetzungen, die allerdings nur antiquarisch erhältlich sind.(5)

Obwohl es Arno Schmidt Zeit seines Lebens nicht einfach fiel, von seinem literarischen Schaffen zu leben und er im Alter immer zynischer und bitterer wurde, gibt es doch eine Sache, um die ich ihn aufrichtig beneide. Er fand in dem außerordentlich intelligenten und belesenen Millionär Jan Philipp Reemtsma(6) einen Förderer, der ihn mit einem Geldbetrag unterstützte und damit aller materieller Sorgen enthob. Schmidt konnte sich in seinen letzten Lebensjahren in seine Zettelkästen und seine Literatur vergraben und ich nehme an, dass er genau dort glücklich war.

Wenn ich nicht unbedingt muss, dränge ich mich keinem mehr auf : ich habe im Zimmer weit größere Freiheit;
und die Welt der Kunst & Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare.
Arno Schmidt, Julia, oder die Gemälde

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(1) Arno Schmidt gilt vielen als eher zweitrangiger James-Joyce-Epigone, der oft noch schlechter lesbar ist als sein Vorbild. Die haben sich noch nie an Joyce im Original versucht. Arno Schmidt ist zumindest in einer Sache dem kurzsichtigen Iren überlegen: Er ist selten langweilig.

(2) Man versuche nur einmal, von Schmidts Haupt-, Fuß-, und Meisterwerk „Zettels Traum“ eine für Normalverdiener erschwingliche Ausgabe zu erhalten.

(3) Ein Link zur Schmidtschen Referenzbibliothek. Die meisten der Bücher sind urheberrechtsfrei und stehen als PDFs eingescannt zum Download zur Verfügung. Viele von ihnen gibt es allerdings auch bei den üblichen Verdächtigen als ordentlich überarbeitete EPUBs.

(4) Hier sei auf Franz Fühmann verwiesen, dessen Saiäns-fiktschen leider komplett vergessen ist. Über den leider inzwischen fast vergessenen Autor und den Einfluss, den er auf meine Literatur hat, müsste ich auch einmal schreiben.

(5) Ich empfehle in der Übertragung von Schmidt „Was wird er damit machen“ von Edward Bulwer-Lytton. Diese alte zweibändige dtv-Ausgabe habe ich in einem Tübinger Antiquariat entdeckt. Bei mobileread gibt es – freilich in zeitgenössischen Übertragungen – einige weitere der absolut lesenswerten Romane des viktorianischen Autors, den Schmidt sehr verehrte.

(6) Falls Jan Philipp Reemtsma zufällig mitliest: Bitte, Herr Millionär! Hier sitzt ein katzenfreundlicher Autor, der wie Arno Schmidt dringend eines Gaius Cilnius Maecenas bedarf, um meine kleineren finanziellen Durststrecke überdauern zu können. Ich übersende Ihnen gerne meine Bankverbindung und werde einen meiner Söhne nach Ihnen benennen – wenn gewünscht, auch alle. Hier noch ein Foto von Amy als glücklicher Sommerkatze für Sie persönlich zum Ausdrucken und in den Geldbeutel schieben und in der Bekanntschaft herumzeigen. Katzenbilder, heißt es, rühren das Herz.

amyliege

Der Oktopus (eine Kurzgeschichte a la Heun)

Heute hat ein guter Freund von mir Geburtstag; ein Freund, den ich in den letzten Jahren leider etwas aus den Augen verlor (oder er mich, wie man es auch betrachten will). Selbst wenn wir uns leider in vielerlei Hinsicht voneinander entfernt haben: HD, ich denke heute an dich und feiere schön dort oben in deinem niederbayerischen Paradies zusammen mit 264 rothaarigen Feen! Den Prosecco habe ich schon auf Eis gelegt.

Du weißt es: Diese Geschichte habe ich dir gewidmet.

*

Es folgt nun ein Capriccio im literarischen Stil meines Freundes Hans-Dieter Heun aus meiner umfang­reichen Texthalde. Ich weise in diesem Zusammenhang noch einmal auf seine Romane hin, die wirklich humorvoll und lesbar. Und schon lasse ich wie automatisch das Hilfszeitwort am Ende des Satzes weg; eine Auslassung, die den Heun’schen Stil maßgeblich prägt und unverwechselbar macht. Ich kann eben nicht nur Balzac nachmachen.)

Der Oktopus
Ein Capriccio(1) ala Heun

Ein Vorzug meines Rentier-Lebens (das ist jetzt nicht mit Rentier-Fleisch zu verwechseln, das zäh und tranig – ganz anders als der Rentier auf Tabor, wo zu wohnen ich das wohl verdiente Schicksal habe) ist das Glück, für und mit Freunden zu kochen – mit ihnen den besonderen Au­genblick: den einen Schluck, den einen Bissen teilen. Wenn dann mein lieber Freund und Trauzeuge – fast hätte ich Kupferstecher gesagt -, nämlich der bekannte Autor Ni­kolaus M. Klammer, seinen Besuch zu Silvester ankündigt: Dann ist dies des Glückes fast zu viel. Aber ist nicht je­der seines Glückes Koch?

Nichts weniger als ein Silvestermenü sollt’s also sein – und ein besonderes dazu. Der Herr Kupferstecher ist nicht allem Fleischli­chen abhold, kaut es aber nur ungern zwischen den Zäh­nen (wenn es einmal tot), jedoch ist er nicht bayeri­scher als der Papst und neben den Früchten des Ackers auch denen des Meeres zugeneigt – isst also neben Obst und Gemüse immer wieder einmal alles, was schwimmt. Da ich nicht erneut ein Zicklein in den Teich hinterm Haus werfen wollte – die armen Goldfische sind vom letzten noch durcheinan­der – ließ ich mir vom Münchener Großmarkt in aller Herrgottsfrühe einen hundsgemeinen Oktopus besorgen, der sich allerdings als sau-gemein herausstellte.

ERSTES GEDICHT VOM OKTOPUS

Ein Oktopus, ein Oktopus,
acht Arme hat er und kein’ Fuß,
ist die Speise, die man servieren muss.
Denn glücklich wird ein jeder Tisch,
belädt man Teller mit Tintenfisch.

Ein Oktopus, ein Oktopus,
ist ein wahrer Hochgenuss,
wenn er zart wie ein Zungenkuss.
Wird er dir gelingen,
werden deine Freunde Hymnen singen.

oktopusSo, nach dieser lyrischen Einlage tun wir was für die Bil­dung: Die fälschlich als Polypen bezeichneten Kraken – Octopoda vulgaria – italienisch Polpo – gehören zur Fa­milie der Kopffüßer und sind nicht mit Kalmaren oder Tintenfischen zu verwechseln … Sie wissen schon, jenen schlabberigen, fetttriefend frittierten Gummireifen, die Sie gemeinsam mit matschigem Majonäse-Knoblauch-Brei beim Italiener um die Ecke serviert bekommen.

Die lernfähigen Achtfüßer haben bezeichnenderweise 8 (in Worten: Acht) Arme und erreichen eine Gesamtlänge bis über 4 Meter. Für Bodenhaftung auf glatten Flächen sorgen reihenweise Saugnäpfe. Oktopussy ist ein nacht­aktiver Einsiedler und labt sich an Krebsen und Muscheln, der alte Feinschmeck, der … Er kann sich farblich der Umgebung anpassen und, wenn er sich nicht festgesaugt hat, pfeilschnell sein (wir reden noch vom Kraken und nicht von der Erbschaftssteuer). Die äl­testen Vertreter der achtarmigen Tintenfische tauchten vor etwa 264 Millionen Jahren auf. Genug der Bildung. Merken Sie sich die Zahl Acht. Das genügt.

Während am frühen Nachmittag der Besuch nebst mei­ner Gattin im Thermalbad zu Bad Birnbach bei 34° warmem Wasser pochierte, hatte ich Ähnliches mit dem achtarmigen Mittelpunkt der heutigen Tafel im Sinn.

Falls Sie alles nachkochen wollen (aber lesen Sie auf je­den Fall vorher zu Ende): Man nimmt den Kraken, spült ihn und schneidet den Kopf ab, was nicht ganz einfach, denn er sitzt zwischen Armen und Körper. Den Kopf wirft man weg (oder kocht ihn mit und erfreut später mit ihm diese Mistviecher von Kat­zen in der Gegend). Vom Sack zieht man die Haut ab, stülpt ihn um und entfernt die Innereien. Das Kauwerk­zeug zwischen den Fangarmen wird ebenfalls herausge­schnitten.

Fischer schlagen den Kraken nun gegen brandungsumbrauste, salzüberkrustete Felsen. Dem Oktopoden fehlt jedes stützende Skelett, deshalb haben seine Arme (8 Stück!) ein Eiweißgerüst aus elastischen und ver­zweigten Proteinen, die dem Bindegewebe von Landtie­ren ähneln. Durch die Gewalt platzende Zellen setzen Enzyme frei, die die Eiweißfasern zerschneiden und den Kraken zarter machen. Wenn wir das Eiweiß so behan­deln, dann wird eine Delikatesse daraus. Da ich nur we­nige Felsen mein Eigen nenne, klopfte ich meinen Okto­poden über dem Rand der Wanne im Badezim­mer windelweich. Sie können diese Arbeit auch auf Ihrer Küchenplatte, der edlen Travertinstein-Terrasse oder an den Säulen Ihres Vestibüls erledigen; wichtig ist, dass Sie wirklich brutal und rücksichtslos.

Haben Sie auf diese Weise Oktopussy fix und fertig gemacht, schneiden oder zerschnipseln Sie 4 Karotten, 1 Zwiebel, ¼ Sellerie, eine Stange Lauch, ½ Fenchel und bringen alles in ei­nem schweren Topf mit ca. 1 ½ l Wasser, ¾ l trockenem Weißwein, 4 Lorbeerblättern und 4 kleinen scharfen Chilischoten zum Kochen. Manche Köche legen noch alte Wein­korken ins Kochwasser, sie sollen feste Verfilzungen und Gummitextur des Fleisches ver­hindern. Am wichtigsten ist, einen Oktopus sanft zu dünsten oder knapp unter dem Siedepunkt zu pochieren, damit sich die Proteine langsam auffalten, lockere Netze bilden und Wasser binden. Sie können alle Techniken kombinieren, entscheidend ist die sensible Temperatur­steuerung. Und lassen Sie sich drei bis vier Stunden Zeit – mindestens.

Day of the tentacleKommen wir zur Katastrophe: Der Begriff Krake kommt aus dem Norwegischen und bezeichnet ein Seeungeheu­er, das trinkfeste Seeleute im Mittelalter entdeckten. Vieles spricht dafür, dass Homer in der Scylla einen Kraken beschrieb.

Meine Scylla entpuppte sich als wür­diges Monster! Während ich sie vorsichtig köcheln ließ, wurden die acht Arme nicht weicher, sondern kleiner – schrumpelten wie der beste Freund des Mannes nach ei­nem Sprung in eiskaltes Wasser. Ursprünglich über ei­nen Meter groß (der Krake, nicht der Freund), war der saugemeine Oktopus nach einer Stunde im Topf um die Hälfte geschrumpft!

Das war kein Hauptgericht mehr, der Oktopus disqua­lifizierte sich zur kleinen Vorspeise. Aber ein Koch, der sich nicht zu helfen weiß, ist keiner. Der Freund und die Gat­tin planschten noch einige Stunden im Lauwarmen – ge­nug Zeit, umzuplanen: Tintenfischrisotto oder ein lecke­rer Salat ließ sich aus dem Tierchen auf jeden Fall noch gewinnen, wenn es nur endlich Mitleid mit mir hätte und sich er­weichen würde. Ich eilte in den Keller, die Vorräte kon­trollieren. Vielleicht musste ich einem im Eisschrank tiefgefrorenen Hasen das Schwimmen beibringen, damit jener den Tag rettete.

Als ich wieder in den Topf sah, zog es mir buchstäblich die Schuhe aus: Erneut war der Krake geschrumpft, hat­te die Größe eines gewöhnlichen Kalmaren – und war noch immer nicht weich. Das Tier machte sich lustig über mich, den Chef de Cuisine, den Maître!

Na warte! Ich schob meine weißen und gelochten Latschen zur Seite, spürte die kühlen Terrakotta-Fließen unter mei­nen ausladenden Fußsohlen. Ich erdete mich. Das war ein Zweikampf: Der größte Koch der Welt gegen den Kraken – da konnte es nur einen Gewinner geben. Zum Amuse-Gueule reichst du noch, dachte ich, das »freut das Maul«. Dich krieg’ ich weich – windelweich!

Wie die meisten Schriftsteller konnte man Nikolaus mit der Witwe Clicquot oder dem Baron Rothschild ab­lenken, bei den Damen war das schon schwieriger! Ich sah bereits den halblächelnden Blick meiner Holden auf mir lasten, mit dem sie mitleidig die Reste des Kraken begutachten würde: Nein, jetzt musste eine zündende Idee her.

ZWEITES GEDICHT VOM OKTOPUS

Oktopus, oh Oktopus,
was ich mit dir erleben muss.

Oktopus, oh Oktopus,
du bereitest nur Verdruss.

Oktopus, oh Oktopus,
jetzt ist aber endlich Schluss.

Ach, Oktopus, nun werd’ schon weich,
landest sonst gleich
als Futter bei den Fischen im Teich.
*

Wieder verging eine Stunde, dann sah ich erneut nach dem Kraken. Es roch verführerisch in der Küche. Ich nahm einen Schaumlöffel, fischte nach dem unbeugsa­men Monster. Sie werden es nicht glauben, aber ich lege meine Hand ins Feuer, denn ich lüge oder übertreibe nie:

Im Topf schwammen Karotten, Zwiebeln, Sellerie, Lauch, Fenchel, Lorbeerblätter, Chi­lischoten und sonst – nichts. Der Krake hatte sich einfach in Luft oder besser gesagt, in Wohlgeschmack aufgelöst … Wobei, das stimmt nicht ganz: Tief un­ten, unter dem Gemüse, auf dem Boden des Topfes, lag eine Kugel aus lila-schwar­zer Materie, hart wie eine Glasmurmel und tonnen­schwer. Es war unmöglich, den Topf anzuheben oder sie mit einer Schöpfkelle herauszufischen. Die acht Arme hatten sich wie die Milchstraße ineinander gedreht und dabei in ein schwarzes, materieschweres Loch verwandelt. Ich fühlte mich, als würde ich hinein­gezogen und hätte mich dort am Liebsten für alle Ewigkeit und noch länger versteckt.

»Was gibt es heute Abend Leckeres?« Meine Frau stand in der Küchentür, schnupperte. Frau Klammerle und mein Freund und Trau­zeuge schoben sich hinter ihr herein.

»Die Sauna macht hungrig«, rief er.

»Suppe«, sagte ich, »leckerste Oktopussuppe, das Beste, was es gibt. Das gibt es auf keiner Speisekarte der Welt. So eine einmalige Köstlichkeit kriegst du nur bei mir. Mein Pota­ge beschert sogar Mumien feuchte Träume.«

Und – glauben Sie’s mir oder nicht – ich hatte recht!

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(1) Bitte nicht mit einem „Carpaccio“ verwechseln, das sind zwei grundverschiedene Dinge.

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