Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für die Kategorie “Katzen”

Dienstag, 02.07.19 – Amy omnipräsent …

Amivorher

Amy – 15:27:12 Uhr

Amydanach

Amy 15:27:28 Uhr

Wie jeder gelehrte Feleologe (Katzentheologe) weiß, sind Omnipräsenz, Allgegenwart oder Ubiquität Fachbegriffe, die die allumfassende Präsenz einer Katze an mehreren Orten gleichzeitig kennzeichnen. Hier ist der Beweis: Zwischen diesen beiden Schnappschüssen liegen tatsächlich nur etwa 15 Sekunden, in denen ich schnell mein Arbeitszimmer verließ und damit meinen Bürostuhl preisgab, um mir ein Glas Wasser zu holen. Amy saß in dem Moment in einem anderen Zimmer auf einem ihr recht unbequemen Stuhl. Als ich nach Augenblicken zurückkam, lag sie wohl schon seit Stunden in vollkommenem Tiefschlaf in meinem Sessel.

Ich nehme an, Katzen haben die Möglichkeit, parallele Welten zu betreten und dadurch relative Zeitparadoxe in der unseren zu erzeugen, gleichzeitig da und nicht da zu sein (siehe auch bei Schrödinger) und einen Tag auf Wochen auszudehnen. Die gewonnene Zeit nutzen sie zum Schlafen.

Auf jeden Fall musste nun ich für den kurzen Rest des Nachmittags mit dem harten Holzstuhl vorlieb nehmen …

Freitag, 05.04.19

Freitag, 05.04.19

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, wie sehr ich diese doofen Aufkleber, die sich nie restlos vom Cover entfernen lassen, auf neuen Büchern hasse? Als ob ich ein Buch kaufen würde, nur weil es ein „Spiegelbestseller“ ist, neu verfilmtwurde oder angeblich von Stephen King empfohlen wurde!

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Mir ist vor meinem Bücherkauf (1) übrigens etwas für mich ganz Ungewöhnliches passiert. Wahrscheinlich werde ich langsam alt und dement. Wer meine Gedankensplitter regelmäßig liest, wird vielleicht wissen, dass ich ab und an zu diesen Caféhaus-Schreibern gehöre, die sich in eine Ecke des Lokals setzen, eine Lesebrille mit dicken Gläsern aufsetzen, ihr Moleskine und ihren bevorzugten Stift zücken und ihre Kopfgeburten unter indignierten (2) Aufsicht eines Publikums entwerfen. Schließlich ist Schreiben die einsamste Beschäftigung von der Welt und im Café ist man dann wenigstens nicht alleine dabei. Angesprochen wird man übrigens äußerst selten. Die Leute haben eine gewisse Scheu und Respekt vor Schreibenden und halten, auch wenn sie neugierig herübersehen, Abstand. Ein weiterer Vorteil ist: Sucht man eine Inspiration, dann zieht man die Brille von den Augen, sieht sich um und lauscht auf das Gespräch am Nebentisch. Schon sprudeln die Ideen.

Heute war ich nun im Stadtcafé in Augsburgs Bücherei, wo ich zuerst vergebens nach einem Wander- und Radtourführer für das Altmühltal suchte. Ich setzte mich ans Fenster mit Blick auf den geschäftigen Stadtmarkt, bestellte einen Milchkaffee und wollte weiter am 4. Teil des Geltsamer schreiben, dessen nächstes Kapitel ich schon vollständig im Kopf, aber noch nicht zu Papier gebracht habe und inzwischen damit etwas in Verzug geraten bin. Doch ich hatte meine Stiftebox vergessen – ausgerechnet! Das ist mir noch nie passiert. Weder in meiner Umhängetasche, noch in meiner Jacke war ein Schreibwerkzeug. Das ist für mich, als würde ich ohne Schuhe aus dem Haus gehen. Also stürzte ich den Café au lait brühendheiß hinunter, zahlte beim freundlichen, aber ob meiner unbotmäßigen Eile etwas konsternierten syrischen Kellner und raste auf direktem Weg ins nächstgelegene Schreibwarengeschäft, um mir meinen einhunderttausendsten Bleistift zu kaufen. Ist es jetzt auszeichnungspflichtige Werbung und bin ich ein Influenzer, wenn ich hier erwähne, dass mein Lieblingsstift der „Grip Matic 0.7“ von Faber-Castell ist, den man nie spitzen muss? Der liegt auch wesentlich besser als die anderen in der Hand. Von dem habe ich ungefähr fünf oder sechs verschiedene Exemplare griffbereit zuhause herumliegen. Der Härtegrad der Mine ist übrigens von der Qualität des Notizbuchs abhängig. Je besser das Papier, umso härter die Mine, die ich benutze.

Schuld war übrigens mal wieder Amy, die Katze, die eine putzmuntere Feldmaus in die Küche schleppte und sie dort entkommen ließ. Durch die – bisher erfolglose – Jagd auf den flinken Eindringling habe ich meine Arbeitsutensilien vergessen, als ich noch aufgewühlt in die Stadt aufbrach. Aber die Falle ist aufgestellt!

Erschöpft von der Jagd. Betrachtet man die Fotos von meiner Katze auf diesem Blog, kann man den Eindruck bekommen, sie würde fast immer schlafen. Dieser Eindruck ist richtig.

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(1) Leonardo Padura, Joel Dicker und Pierre Bost; die drei sind meine Osterurlaubslektüre – falls Frau Klammerle nicht schneller ist und mir diese Bücher vor der Nase wegschnappt.

(2) Laut Meyers Großes Konversations-Lexikon von 1905 ist Indignation der „ gerechte Unwille über eine unwürdige, vom sittlichen Gefühl verurteilte Handlung.“ Das wollte ich nur mal anmerken.

Montag, 01.04.19

Montag, 01.04.19

Ratsal braucht kein Labsal. – Heidegger

Nein, ich werde nicht über die Zeitumstellung, den Brexit, Artikel 13, Schülerdemos oder meinen alten Euro-Kat-4-Diesel schreiben. Das sollen andere tun, die können das viel besser. Ich werde euch stattdessen ein weing von meiner Schriftstellerneurose berichten und von der Phänomenologie, dem Sein und der Zeit … aber davon später.

Der Ort meines ‚Da-Seins‘ (… oder des Verbrechens. Von welcher Seite man es eben betrachten will.)

Simone de Beauvoir erzählt irgendwo die Anekdote, wie auch sie einmal unter dem periodischen Grundproblem aller Schriftsteller gelitten hat, nämlich den unwiderstehbaren Drang zum Schreiben verspürte, ihr jedoch absolut nicht einfallen wollte, worüber. Dies und das Gefühl, ein Versager zu sein, kennt jeder Autor. Sie hatte Glück, denn wie ihr Gefährte Sartre und die meisten anderen existentialistischen Gestalten um die beiden herum, saß die Gute in diesem Moment nicht alleine in ihrem Kämmerlein vor Papier und angespitztem Bleistift, dessen stumpfe Seite sie nach einer guten Idee grübelnd langsam zerbiss, sondern sie war in Gesellschaft; ausnahmsweise mal nicht im Café de Flore oder im Deux Margots am Boulevard Saint-Germain, sondern zusammen mit Alberto Giacometti (1) in einem Bahnabteil. Der geniale Schweizer Bildhauer riet ihr, einfach ‚irgendetwas‘ zu schreiben – wahrscheinlich formte er selbst bei Ideenlosigkeit einfach ein paar seiner hübschen, dünnen Männlein, von denen er im Lauf seines Lebens ja eine ganze Armee produziert hat. Beauvoir beherzigte Giacomettis Rat und begann ihre leeren Seiten eifrig mit den ersten Entwürfen ihres philosophischen Hauptwerks „Das andere Geschlecht“ zu füllen.

Ich habe gerade ebenfalls den Ratschlag Giacomettis befolgt und schreibe ‚irgendetwas‘, obwohl ich keinerlei Inspiration und Idee hatte. Von mir ist jetzt selbstverständlich kein Grundlagenwerk des Feminismus‘ zu erwarten, aber immerhin ein Beispiel für meine stupende Belesenheit, meinen ausufernden und humorvollen Sprachstil und – was noch viel wichtiger ist – der Beginn eines Gedankensplitters, der im Moment nach bereits 300 Wörtern beinahe schon zu einem Drittel geschrieben ist und sich in flotter Geschwindigkeit auf sein Ziel von 900 hinbewegt, von dem ich eben noch nicht die geringste Ahnung hatte, wie es am Ende aussehen wird. Auch im Moment liegt dieses Ziel meiner heutigen literarischen Reise noch in ziemlich undurchsichtigem Nebel vor mir in der Zeit; auch wenn sich die eine oder andere Kontur bereits herausschält. Aber ich glaube, die turbantragende Grand dame des existentialisme wusste während ihrer Bahnfahrt im Jahre 1947 auch noch nicht, wohin sie ihr Text schließlich bringen würde.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Obwohl ich ebenfalls gerne in der Anonymität der Öffentlichkeit in einem Café oder in einem Stadtpark (2) schreibe, weil sich dort in der Masse die Einsamkeit des Autors viel besser ertragen lässt und sich mein ‚Da-Sein‘ als Autor erst durch das Bemerkt- und Beobachtetwerden von Fremden manifestiert und ‚entbirgt‘ – ganz so wie die Bedienung, die mir meinen Café au Lait serviert, erst dann in ihre Rolle schlüpfen und sie so ausfüllen kann, wie glaubt, dass der Gast, also ich, sie von ihr erwartet, wenn sie von mir ‚wahr‘ genommen wird -, sitze ich heute beim Schreiben dieses Textes vollkommen alleine auf der Terrasse meines kleinen Gärtleins in der milden Frühlingssonne und meine Umgebung neigt sich nur mir selbst zu. Die Dinge beobachten und beurteilen mich nicht. Falls es doch einen Zuseher gibt, einen neugierigen Nachbarn hinter dem geschlossenen Vorhang im Fenster im 1. Stock des Hauses gegenüber zum Beispiel, der mein Tun und Handeln missbilligt, dann bin mich mir seiner nicht bewusst und er ist deshalb nicht existent. (3) Hinter der hohen Thuiahecke rechts schimpft die polnische Mutter lautstark auf polnisch mit ihrer kleinen polnischen Tochter (oder mit dem polnischen Hund, so genau weiß ich das nicht. Ich glaube, beide heißen ‚Luzi‘). Ihre Stimme ist so krächzend, zornig und rau, als würde ihr Gaumen aus Sandpapier bestehen. Da ich kein Wort polnisch verstehe, die wütende Mutter auch nicht sehe und sie jeden Tag zu jeder Stunde mit Tocher und Hund schimpft oder mit überschwänglicher Begeisterung jeden Rülpser ihres Säuglings feiert, ist auch sie für mich nicht wirklich und ‚wirkend‘ da, sondern nur ein Hintergrundgeräusch, ein ‚An-sich‘ wie die zwitschernden Amseln, die knallgelben Narzissen, die summenden Bienen in den wilden, blauen Hyazinthen, der bequeme Gartenstuhl, auf dessen Polster ich sitze, der Druckbleistift, in meiner Hand und das Notizbuch auf meinem Schoß. Es gibt nichts, das meinen Gedankenfluss stören kann und ihn an seinem ungeregelten Dahinfließen hindert.

Auf diese Weise sind nun schon längst die 1000 Wörter, die ich mir vorgenommen habe und beinahe ein weiterer langer Blogartikel geschrieben. Jetzt muss ich noch schnell zwei Fotos machen und sie an der passenden Stelle einfügen. Ich hätte übrigens auch den Duden an einer beliebigen Stelle öffnen und die dort zufällig gefunden Wörter hierher übertragen können, denn niemand wird sich die Mühe machen, diesen Unsinn bis zu dieser Stelle zu lesen. Jeder mit ein wenig Vernunft hört früher auf und kümmert sich um Wichtigeres, wie zum Beispiel um seine Osterdeko oder Katzenvideos. Aber ich habe diesen Blödsinn geschrieben und nun kann ich mich für eine gewisse Zeit in der Vorstellung sonnen, ein Schriftsteller oder ein phänomenologischer Philosoph zu sein – bis ich dann morgen oder heute Nachmittag schon mit dem Bleistift in der Hand vor einer neuen leeren Seite sitzen und von neuem versuchen werde, ihn mit ‚irgendetwas‘ zu füllen. (4)

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(1) Ich habe mich einmal  im Museum Berggruen in Charlottenburg äußerst verdächtig gemacht, als ich beim Betrachten von einer von Giacomettis Katzenskulpturen zu Frau Klammerle die leichtfertige Bemerkung machte, mein Empfinden für Recht und Moral würde genau hier an dieser Stelle enden. „Falls jetzt niemand zuschaut und das Kunstwerk keine Alarmanlage hat, nehme ich es jetzt mit und stelle die Katze unter unseren Kirschbaum auf“, sagte ich. Selbstverständlich traf beides zu und ich ließ meine Finger von dem filigranen Meisterwerk, das sich bei mir im Garten viel besser als im Museum ausgemacht – und zusätzlich als Scheuche die Vögel von meinen Kirschen ferngehalten hätte. Von diesem Moment an wurde die Familie Klammer auf ihrem Weg durch die Ausstellung die ganze Zeit über von vier Museumswächtern begleitet, die jede Geste misstrauisch beäugten und aufgeregt in ihre Funkgeräte flüsterten. Auch in der ägyptischen Ausstellung im Nebengebäude wurden wir bereits erwartet und von ein paar treuen Begleitern empfangen.

(2) Bevorzugt schreibe ich im alten Hofgarten in Augsburg, der seinen Winterschlaf beendet hat und ab heute wieder für so merkwürdige Erscheinungen wie mich geöffnet ist. Die barocken Zwergskulpturen dort und ich führen eine enge Beziehung. In einer Ecke steht übrigens auch ein öffentlicher Bücherschrank, in den ich ab und an ein paar meiner Werke stelle.

(3) Allerdings begann er in dem Moment, in dem ich ihn in Gedanken dort oben hinter der Gardine plazierte, zumindest für mich zu ‚wesen‘ und führt damit meine weitere Argumentation ein wenig ins Absurde. Ich fühle mich von ihm betrachtet, obwohl er wahrscheinlich gar nicht da ist.  Er ist in meiner Beweisführung ‚Schrödingers Katze‘ – bitte nicht mit der von Giacometti verwechseln.

(4) Ach, ja, heute ist übrigens der 1. April. Nur so als  kleiner Hinweis.

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Donnerstag, 28.03.19

Donnerstag, 28.03.19

In der heutigen Zeitung stand, die Leute würden mit 55 Jahren am meisten optimistisch in ihre Zukunft blicken – falls sie dann noch leben …

Nun, ich bin gerade über diese magische Schranke hinausgelangt und habe nicht den Eindruck, dass ich in den letzten Jahren immer optimistischer geworden bin. Im Gegenteil: War ich mit 30 noch der Meinung, ich würde demnächst als bedeutender Autor entdeckt und mit Geld, Ehrungen und von den liebevollen Zuwendungen attraktiver Buchhändlerinnen überhäuft, ist dies heute längst auf meiner privaten Insel der Träume abgelegt und vergessen. Mit 40 dachte ich, ich wäre unsterblich oder zumindest würde ich 120 Jahre alt werden und mit meiner Privatjacht in den Sonnenuntergang segeln; heute zwickt es mich beim Aufstehen im Rücken, jeden Tag habe ich mehr graue Haare auf dem Kopf. Ich bin kurz-, weit- und auch zwischensichtig und werde seekrank. Mit 50 noch glaubte ich, ich würde mit meinem Blog und meinen neuerwachten literarischen Kräften ein wenig Aufmerksamkeit und einen Achtungserfolg erreichen. Alles eitel ….

Ich nähere mich dem Alter schneller, als ich es jemals glaubte. Sehe ich heute in die Zukunft, dann warten noch zehn Jahre Brotberuf, die mich vom Schreiben abhalten, auf mich und danach die Altersarmut, die ich – einziger Lichtblick – gemeinsam mit Frau Klammerle zahn- und geldlos vor mich hin schimpfend im Rollstuhl in irgendeinem heruntergekommenen Seniorenheim verbringen und an allem herummeckern werde. Meine Literatur wird dann längst vergessen und von meinen achselzuckenden Enkeln in einer Papiertonne entsorgt sein.

Vielleicht sollte ich es wie mein älterer Bruder machen. Der ist seit kurzem im vorgezogenen Ruhestand und strotzt seitdem vor Optimismus und Zukunftsplänen. Ich werde ihm zum Geburtstag ein Bierbrau-Set schenken, das scheint mir gerade sehr passend.

So. Da habe ich mich mal wieder ausgekotzt. Jetzt mache ich mir einen Kaffee und setze mich in meinen Lesesessel. Amy, die Katze wird sich schnurrend auf meinen Schoß schmiegen. Dann ärgere ich mich über das Sudoku im Magazin der Zeit, das sich nie ohne ausprobieren lösen lässt und erfreue mich an dem zwar kühlen, aber sonnigen Wetter, das draußen meinen Garten bescheint, in dem es jeden Tag grüner wird und mehr Narzissen blühen … Der Frühling kommt und wie in jedem Jahr glaube ich, er würde nie mehr gehen. Ich sehe zwar nicht sehr optimistisch in die Zukunft, aber doch recht zuversichtlich in diesen Tag.

Apropos Buchhändlerinnen: Ist euch auch aufgefallen, wie seltsam sie sich kleiden? Aber das ist eine andere Geschichte und ich werde sie an einem anderen Tag erzählen …

Das Foto ist genau vor einem Jahr in Weimar entstanden. Warum hat eigentlich die Buchhandlung meines Vertrauens keine Bücherkatze?

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Und hier noch eine kleine Leseempfehlung für kühle Frühjahrstage:

reinboldAdelheid Reinbold
König Stephan

Was für ein Ungeheuer von einem Roman!

Die Autorin starb vor 180 Jahren an „brandiger Halsbräune“ (so ihr Freund Ludwig Tieck im Vorwort der Erstausgabe) und griff in ihrem opus magnum eine Legende auf, die sich um den bald in Zweifel gezogenen Tod des portugiesischen Königs Stephan I. (1554 – 1578) bei der Schlacht von Alcazarquivir rankte.

Ich bin noch nie solch einem politisch vollkommenen und dabei herrlich unschuldigen, unkorrekten Roman begegnet, der ganze Kapitel lang die übelsten und dunkelsten Vorurteile gegen Muslime (im Roman „Mohren“ genannt), Schwarze und Juden ausbreitet. Dabei ist der Roman gleichzeitig überquellend von wilder und leidenschaftlicher Romantik, für die Zeit ungewöhnlich gewagter Erotik (auch zwischen Männern) und Sadomasochismus, Exotik, Blut, Schweiß, Tränen, der größten liebenden Hingabe und den schwärzesten Kabalen und Mordkomplotten. Hat man sich erst einmal an den sehr „alterthümlichen“ und umständlichen Stil gewöhnt, liest man diesen leider eben auch sehr rassistischen Vorfahr von „Shades of Grey“ aus dem frühen 19. Jhd. kopfschüttelnd und atemlos zugleich, schämt sich ein wenig über den Spaß, den man dabei hat und wundert sich, warum solch eine Perle keinen modernen Verleger gefunden hat und in den Antiquariaten verschimmelt.

Dresden und Leipzig 1839
(von mobileread.com als Ebook ausgegraben, dort findet sich auch eine Ausgabe ihrer gesammelten Novellen)

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Freitag, 15.03.19

Freitag, 15.03.19

Heute Morgen hat mir meine Kaffeemaschine „Bitte entkalken“ empfohlen. Ich fühle mich alt.

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Frau Klammerle ist Kinderkrankenschwester in einer Frühgeburtenintensivstation und von daher hat sie einen äußerst unregelmäßigen Tagesablauf, der sich ständig ändert: Nachtwachenwochen wechseln sich mit Früh- und Spätdiensten ab, an freien Tagen schläft sie deshalb lange aus. Insgesamt ist sie eher ein Nachtmensch und wird munter, wenn ich langsam die nötige Bettschwere erreiche. Ich bin inzwischen – daran sind vorallem zwanzig Jahre früh aufstehen und die Kinder in die Schule schicken Schuld – eher ein Morgenmensch. Meine beste Zeit ist zwischen 08:00 Uhr und Mittag. Um diese Zeit schreibe ich an meinen Texten.

Nach dem Auszug von Sohn Nr. 1 ist Katze Amy die einzige im Klammerschen Haushalt, die hohen Wert auf einen geregelten und pünktlich zu vollziehenden Tagesablauf legt. Er ist bei ihr exakt und auf die Minute genau durchgeplant und nichts macht sie unleidlicher, als die „Komme ich heute nicht, dann komme ich morgen“-Mentalität der beiden Menschen, denen sie großzügig erlaubt, dass sie ihr Leben mit ihr teilen dürfen. So muss morgens Punkt 06:00 Uhr (also demnächst noch eine Stunde früher, denn die Sommerzeit wird von ihr ignoriert) gefrühstückt werden. Es ist die Zeit, in der Frau Klammerle oft heimkommt und die Lösung für die drei bedeutenden philosophischen Fragen der Menschheit weiß: „Wo komme ich her?“ (Von der Nachtwache.) „Wo gehe ich hin?“ (Heim in mein Bett.) „Was soll ich tun?“ (Schlafen!) Nimm dies, Immanuel!

Sollten aber die Menschen um diese unfreundliche Uhrzeit, in der es jetzt im März gerade beginnt, hell zu werden, noch in den Federn liegen, werden sie mit sanftem, aber hartnäckigem Drängen dazu gezwungen, aufzustehen und stinkendes Futter in einen Napf zu füllen und ihn der Katze mit aufmunternden Worten zu kredenzen. Während der Mensch anschließend barfuß in der Küche steht und noch nicht recht weiß, ob er Männlein oder Weiblein ist, nascht Amy kurz an ihrer leckeren Geleespeise (1), macht einen kleinen Verdauungsspaziergang zum Garten des Nachbarn gegenüber und legt sich dann bis um 14:00 Uhr ins leere Bett im Schlafzimmer, am Nachmittag wechselt sie dann nach einem erneuten Spaziergang ihren Schlafplatz und legt sich unten in meinen Lesesessel (im Sommer liegt sie draußen auf der Terrasse), von dort erhebt sie sich vor 22:00 Uhr nur kurz gegen 17:30 Uhr, um ihr Abendessen einzufordern. Dann beginnt ihre aufregende Nacht, die sie an die interessantesten Orte der Umgebung führt und oft damit endet, dass sie etwas nicht mehr ganz Lebendiges heimschleppt und mir großzügig zum Spielen überlässt. Während Amy morgens laut in mein Ohr maunzt, mir mit der feuchten Nase ins Gesicht stupft, geräuschvoll ihre Krallen am Rattanstuhl kratzt, vom Kleiderschrank auf meinen Bauch hüpft oder mit meinen nackten Zehen Fangen spielt, bis ich endlich aufstehe, ist ihre abendliche Methode diffizieller: Sie starrt mir vorwurfsvoll und ausdauernd ins Gesicht, versucht, mich zu hypnotisieren und mir den telephatischen Befehl zu geben, endlich die Katze zu füttern. Wenn ich mich bewege, rennt sie aufgeregt in Richtung des Schranks, wo ich ihr Futter aufbewahre. Offenbar hält sie mich wie die Kaffeemaschine von Frau Klammerle für sehr vergesslich.

 

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(1) Warum gibt es eigentlich nur Katzenfuttersorten mit dem Fleisch von Tieren, die eine Katze im normalen Leben nie fangen und fressen würde und nicht statt Thunfisch und Rind zum Beispiel „Leckere Stückchen vom Spatz und  der Maus?“

 

 

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