Aber ein Traum …

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Montag, 20.10.19 – Alles neu macht der … Oktober?

Montag, 20.10.19

Nein, ich bin durchaus nicht der Auffassung, dass der Herbst der Frühling des Winters ist!

Dieser Spruch, der mal Adalbert Stifter und mal Henri de Toulouse-Lautrec und mal einem anderen schlauen Geist zugeschrieben wird und den man in der letzten Zeit immer häufiger hört, klingt zwar höchst hintersinnig, er ist aber nur höherer Blödsinn.  Denn dann müsste doch der Frühling der Herbst des Winters sein? Oder der Sommer der Frühling des Herbstes? Oder vielleicht ist gar der Herbst der Herbst des Herbstes? A rose is a rose is a rose. Sollte aber doch etwas an dem Spruch dran sein, dann ist kein Wunder, dass ich gerade unter einer gewissen Frühjahrsmüdigkeit leide … oder gibt es kurz vor dem Winterschlaf auch eine Herbstmüdigkeit? Wie dem auch sei. Man könnte das klinische Ergebnis meiner Anamnese auch altmodisch einen schwachen Fall von Ideosynkrasie oder auch neumodisch einen Anflug von Burnout nennen, woran ich in diesen Tagen leide. Und da ich ja recht wehleidig bin (ich bin ein Mann), jammere und klage ich über mein schweres Schicksal und falle allen damit auf die Nerven. Früher hätten die Ärzte in solch einem Fall Bewegung in frischer Luft, Sommerfrische und wegen des Überschusses an schwarzer Galle einen kräftigen Aderlass empfohlen.

Auf jeden Fall fühle ich mich an diesem Montag, an dem sich mal wieder einer meiner „Follower“ von meinem Blog abgemeldet hat – gerade was auch die Sinnhaftigkeit meine literarischen Ergüsse angeht –  wie ein angeschlagener, schwankender Boxer, der sich mit unzureichender Deckung seit zehn Runden gegen einen übermächtigen Gegner behauptet und eigentlich längst das Handtuch hätte werfen sollen; nur noch Starrsinn und Trotz hält ihn auf den Beinen. Sein – mein – Widersacher ist die öffentliche Wahrnehmung, das Publikum, das ich manchmal viel zu verzweifelt zu erreichen suche, obwohl mir mein Verstand sagt, dass es ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Deshalb geht auch jeder meiner Konter ins Leere; ich habe z. B. noch keines meiner beiden neuen Bücher verkaufen können und bei niemandem Interesse oder gar Aufmerksamkeit erweckt, nicht einmal bei meinen Freunden und Verwandten. Ich blute längst aus Mundwinkeln und Nase, alles tut mir weh und ich schaffe es kaum mehr, die müden Arme schützend vors Gesicht zu heben. Jeder Schlag lässt mich zurücktaumeln.

Ich ziehe deshalb an dieser Stelle die Reißleine und werde ein wenig Urlaub machen und zwar in einer Gegend, wo zumindest die recht zuverlässige Wettervorhersage von Bergfex für das nächste Wochenende Großes verspricht; nämlich ins Martelltal im Südtiroler Vinschgau. Ich hoffe, dass dort der Herbst noch viel Sommer und Wärme in sich trägt(1). Und falls die Wetterfrösche sich doch irren sollten und es nasskalt und regnerisch wird – na, nicht so schlimm: Das Bergsteigerhotel, in dem Frau Klammerle und ich residieren, hat eine große Sauna- und Wellnesslandschaft. Nur das mit dem Aderlass, das werde ich sein lassen und mir vielleicht stattdessen eine Massage verschreiben. Ich werde also über die kommenden, massiv gehäuften, dunkelschwarzen Feiertage (2) in den Süden zur Sonne und in meine Berge verreisen und dem Blog und mir selbst mal wieder eine kleine Pause gönnen; mein Treibstofftank muss wieder gefüllt werden.

*

Übrigens war ich an diesem Wochenende sehr fleißig, wenn auch nicht gerade literarisch. Ich habe an den Titelbildern meiner „Brautschau“-Romane gearbeitet, dessen nächsten – „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“ – ich in den nächsten Wochen zum Abschluss bringen werde, um ihn vielleicht noch in diesem Winter zu veröffentlichen. Da es mir trotz verzweifelter Hilferufe nicht gelungen ist, einen talentierten Gestalter oder Zeichenkünstler für mein Werk zu interessieren, musste ich dann eben doch in den sauren Apfel beißen und diese Arbeit selbst machen. Dies, obwohl ich für das Designen keinerlei Talent besitze, was man meinen anderen Titelbildern ja auch ansieht. Aber mir wurde ja von einigen glaubhaft versichert, die „Brautschau“-Cover seien besonders mies und würden einen potentiellen Käufer nur abschrecken. Auch wenn das sicher nicht der einzige Grund ist, aus dem ich keine Leser finde, ist an diesem Vorwurf sicher etwas dran. Daher habe ich mich an die Arbeit gemacht und die Titel der Serie komplett verändert; sie ein wenig an die Gepflogenheiten der professionellen Genre-Illustratoren angepasst. Und so sehen meine „Brautschau“-Bücher ab der nächsten Auflage aus:

Ich würde mich wirklich freuen, wenn ein Seemann dort draußen auf dem weiten Meer des Internets, der zufällig auf diesen Text, den ich wie meine anderen als Flaschenpost losgeschickt habe, seine Meinung zu meinen neuen Covern äußern könnte. Herzlichen Dank im Voraus!

Dann lesen wir uns im November wieder! Ich wünsche eine schöne Zeit und hoffe, dass ihr alle gut über die düsteren Feiertage kommt.

Euer Nikolaus.

Psst! Hier ist noch ein Entwurf für ein Brautschau-Geheimprojekt, an dem ich seit geraumer Zeit nebenzu arbeite (Aber nicht weiterverraten, bitte …).

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(1) Ich will ja niemanden neidisch machen:

(2) Reformationstag, Allerheiligen, Allerseelen, Samhain, Halloween, wie man diese Tage der Trübnis und der Beschwichtigungsrituale an die angebetete Todesgottheit auch nennen und begehen will – auf eurer Feier des Beginns der winterlichen Düsternis müsst ihr diesmal auf mich verzichten.

Am letzten Halloweenabend 2018 stand ein kleines, schüchternes Gespenst vor meiner Haustür und hielt mir stumm und fordernd seine noch leere Beutetasche entgegen. „Na, musst du mich nicht ‚Süßes oder Saures‘ sagen?“, fragte ich und er sah mich an, als sei ich komplett irrsinnig geworden. „Nein, nix Saures. Ich will Süßes“, erwiderte er nach einem Moment des Überlegens. Genauso will ich es nächste Woche halten – nix Saures, nur Süßes.

Mein neues Buch – „Noch einmal daran gedacht“

NOCH EINMAL DARAN GEDACHT

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Wie versprochen steht nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den virtuellen Regalen der Online-Buchhandlungen und ist beim Buchhändler des Vertrauens bestellbar. Selbstverständlich kann man wie immer auch mein neues Buch direkt über meine Wenigkeit erwerben; E-Mail genügt:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
7,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Ich habe auch diesen neuen Band so billig wie möglich gemacht und verdiene selbst nichts daran.

In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen

      • halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen
      • originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben,
      • Buchkritiken und
      • Kurzgeschichten

versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere und heitere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der umfangreiche Band ist üppig illustriert und enthält 103 Fußnoten(1).

Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen Texten und meinen Gedankensplittern hat, wer Sprache liebt und sich gerne auf das Abenteuer „Denken“ einlässt, wird sich mit dem Buch in der Hand wohlfühlen und es genießen. (Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt – Entschuldigung!)

Um es – salopp übersetzt – mit meinem alten Kumpan Freund Walter zu sagen:

Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

 

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Auch mein alter Kumpan Wolfgang hat schon sein Wohlgefallen an meiner „Wahrheit und Dichtung“ bekundet.

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen.(1a)

(1a) Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Leseprobe: Noch einmal daran gedacht – Leonard Cohen

Noch einmal daran gedacht
Essays, Kritiken und Glossen aus meinem Blog
260 Seiten, 8,99 €
Taschenbuch demnächst überall im Buchhandel
und auch als E-Book erhältlich

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Ein missglückter Nachruf auf Leonard Cohen

Lieber Hans-Dieter Heun, du hast mich zwar darum gebeten, aber ich kann das nicht wirklich. Ich habe mich redlich bemüht, aber ich bin niemand, der einen Nachruf schreiben kann – auch nicht auf Leonard Cohen, dessen Musik dir wesentlich mehr bedeutet hat als mir. Ich bin einfach eine andere Generation. Mancher, der von uns gegangen ist, war mir wichtiger. Zwar habe ich in meinem Testament festgelegt, dass an meiner Feuerbestattung sein „Halleluja“ gespielt werden soll, dies aber in der todtraurigen Fassung von Jeff Buckley, die ich für die gelungenste, weil verzweifeltste halte. Ich will ein Meer von Tränen, das wie ein Wasserfall aus den Augen hinunter und von den Beinen der Trauernden bis zu meiner Urne hinüberschwappt. Frau Klammerle, das aber wirklich nur nebenbei, möchte übrigens „Meet me in the Dark“ von Melissa Etheridge – wer es nicht kennt: Das sind sechs Minuten geballte Depression. No one get’s out here alive.

Doch einen gelungenen Nachruf auf den alten Spielverderber Cohen kann ich einfach nicht aufs Papier bringen; ich kann überhaupt keine Gedächnisreden halten: Schließlich schreibe ich nie über andere, sondern nur über mich selbst. Denn nur von diesem Thema verstehe ich wirklich etwas.

Lass mich das erklären: In den 70er Jahrenn, in denen Cohen seine beste und erfolgreichste Zeit hatte, mit seiner Muse auf einer griechischen Insel lebte und fleißig Songs, Gedichte und Prosa produzierte (ich neide ihm dieses Leben, das ich selbst gerne auf diese Weise meine Zeit verschwenden würde), da nahm ich ihn nicht weiter wahr. Ich hörte vorzugsweise klassische Musik und die Platten meiner älteren Geschwister: Jimmi Hendrix, Eric Burdon, Deep Purple, Jethro Tull und die frühen Pink Floyd. Meine Schwester M. besaß zwar seine zweite Studioaufnahme „Songs from a room“ auf Vinyl, (dessen Coverrückseite übrigens das Intereur seines griechischen Rückzugsorts samt Muse zeigt), aber ich glaube nicht, dass ich die LP jemals auf meinem Plattenspieler rotieren ließ. Ich war unwissend, um nicht zu sagen, arrogant. Noch am Morgen des 9. Dezember 1980 blamierte ich mich, als ein betroffener Klassenkamerad mir vor der Stunde mit atemloser Stimme berichtete, man habe in der Nacht John Lennon ermordet. Ich musste ihn erst fragen, wer das denn eigentlich sei. Cohen war für mich höchstens die Stimme, die von einer knisternden verstaubten LP schlechte Laune und Weltschmerz verbreitete, wenn der Gastgeber seine Party beenden wollte. Sein unsicherer, murmelnder Vortrag, bei dem man ähnlich wie bei Bob Dylan nicht gerade behaupten konnte, Cohen sei ein guter Interpret seiner eigenen Lieder, war der ideale Stimmungstöter und Partymörder. Nach einer Plattenseite „Songs of Love and Hate“ war jeder so weit, dass er sich verzweifelt nach einem stillen Ort umblickte, an dem er sich an einem Hacken an der Decke aufzuhängen konnte. In diese Stimmung bringen einen heutzutage höchstens noch Nick Cave oder die Eeels. Cohen hörte man, wenn die Freundin weg war oder frühmorgens von den Übriggebliebenen bei philosophierendem Gelaber die letzten Alkoholreste gelehrt und gemeinsam der letzte Joint geraucht wurde. Mir erschienen für diesen Zweck damals die alten Blues-Miesepeter (Albert King – „As the years go passing by“) oder gleich ein Rachmaninow-Klavierkonzert geeigneter. Mitte der Achtziger veröffentlichte dann Jennifer Warnes eine Platte mit ihren Versionen von den bekanntesten Cohen-Songs: „Famous Blue Raincoat“. Ich lernte seine Lieder neu kennen und schätzen. Vor allem der geheimnisvolle Text von „First we take Manhattan“ hatte es mir angetan und ich spielte die Platte so oft, dass der damalige Freund meiner Schwester mir Prügel androhte, wenn ich sie noch einmal auflegen würde. Für mich war Cohen immer mehr Dichter als Songwriter und wenn man schon der bescheuerten Entscheidung folgen will, Folksängern den Nobelpreis für Literatur zu verleihen, dann hat ihn nicht Bob Dylan, sondern Leonard Cohen verdient, denn dessen Gedichte stehen meiner Meinung nach haushoch über den Textzeilen von Dylan.

Erst in den letzten Jahren vor seinem Tod, durch seine letzten zwei, drei Platten, lernte ich Cohen richtig zu schätzen und ich ließ mich von ihm durch die eine oder andere laue Sommernacht auf meiner Gartenterrasse begleiten. Seine letzten CD’s sind Rotwein-Musik für alte, weiße Säcke. Die Stimme war mit den Jahren tiefer, wärmer und dunkler geworden, das Geraune eines alternden Orakels, altersweise und milde. Man höre nur „Going home“ von der 2012er CD „Old Ideas“. Da passt alles. Das sind drei Minuten, die mich bei jedem Anhören in eine andere Welt, in ein anderes Leben verfrachten, in eine „Es hätte sein können“-Stimmung:

„I love to speak with Leonard
He’s a sportsman and a shepherd
He’s a lazy bastard
Living in a suit“

Dennoch bleiben Cohens Musik und Texte ein Vergnügen, das ich mir nur in homöopathischen Dosen verschreibe und auf nüchternen Magen Unwohlsein und Weltschmerz auslöst. Und ich hatte Recht: Ein Nachruf, wie du ihn von mir wünschtest, HD, ein echter Nachruf war das nicht. Aber ich habe mich zumindest bemüht …

 

Vorankündigung: „Noch einmal daran gedacht“

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ steht nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den Startlöchern:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
demnächst als Softcover und als Taschenbuch

 Heute erhielt ich mein Korrekturexemplar vom Verlag und ich bin zuversichtlich, dass der Band in zwei Wochen im Internet und im traditionellen Buchhandel erhältlich sein wird. Wie immer wird es eine Taschenbuch- und eine billige EBookausgabe geben. In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben, Kritiken versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der Band ist üppig illustriert und enthält über 100 Fußnoten(1). Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen, Gedankensplittern hat und Sprache liebt, wird sich hier wohlfühlen. Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt.

Um es noch einmal mit meinem Freund Walter v. d. V. zu sagen:
Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Zwei Brüderbücher – endlich vereint!

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen. Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Dienstag, 08.10.19 – Die gehasste Sojawurst

Dienstag, 08.10.19

Es sind nun über 35 Jahre ins Land gegangen, seit ich für mich persönlich entschied, zumindest auf einem Gebiet ein besserer Mensch zu werden und Verantwortung für die Welt zu zeigen: Von einem Tag auf den anderen entschloss ich mich, auf Fleisch zu verzichten und mich nur noch „ovo-lacto-vegetabil“ zu ernähren. Der Grund lag nicht darin, dass ich keine tierischen Produkte mochte. Es war ein ganz persönlicher, recht einsamer moralischer Entschluss. Solange ich mich gesund mit pflanzlichen Alternativen ernähren kann, soll wegen mir kein Tier leiden müssen. So einfach war das. Niemals hatte ich irgendwelche missionarische Absichten und wollte jemanden zu meiner Lebensweise bekehren; das istnur eine Sache zwischen mir und meinem schlechten Gewissen, wenn ich Reportagen über Schlachthöfe und Massentierhaltung lese. Wie andere ihre Ernährung handhaben, ist ihre Entscheidung, in die ich mich nicht einmische und die ich auch nicht mit ihnen diskutieren will. Jedermann/frau soll sich so ernähren, wie er es für richtig erachtet. Wenn jemand Fleisch gerne essen möchte und das täglich und bei jeder Mahlzeit, dann soll er das tun. Ich will das eben nicht – das ist doch ganz einfach. Und ich will niemandem mit dieser Entscheidung lästig fallen. Das war von mir leider sehr naiv gedacht. Schnell musste ich feststellen, wie sehr allein die Tatsache meines Vegetarismus‘ die Menschen in meinem näheren und weiteren Umfeld provozierte, als wäre mein Verzicht ein gezielter Angriff auf ihre Lebensart, als wäre meine Person zu einem lebendiggewordenen Vorwurf geworden, der den „Carnivoren“ den Appetit verdirbt. Ich habe unzählige Bekehrungsversuche von Fleischessern hinter und wahrscheinlich auch noch vor mir. Ich weiß nicht, warum das so ist. Vor 30 Jahren waren es nur Bekannte, Freunde und meine Familie, die mir das Leben schwermachten und vor denen ich mich ständig dafür entschuldigen und verteidigen musste (und auch heute noch muss), dass ich die schreckliche Untat begehe und kein Fleisch konsumiere(1), heute im Zeitalter der sozialen Medien, überschwemmt mich ein Vegetarierhass, der mich fassungslos macht.

Damals, Anfang der 80er Jahre, als nur etwa 1 Prozent der Bevölkerung der BRD auf Fleisch verzichtete, war es übrigens keine einfache Sache, sich vegetarisch zu ernähren. Außer in der Pizzeria (Gelobt sei die italienische Küche! Es gibt keine bessere auf der Welt!) gab es in keinem Lokal eine nennenswerte Speisenauswahl für Fleischmeider und hätten der sparsame Schwabe und der Allgäuer nicht traditionell Kässpätzle auf der Karte, wäre ich wohl inzwischen auf irgendeiner Bergwanderung verhungert.(2) Fleischersatzprodukte wie Getreideküchlein, Aufstriche, Sojawurst oder Ähnliches gab es nur im Reformhaus, das war teuer, farblich abstoßend, von merkwürdiger Konsistenz und schmeckte oft grauenvoll. Dies hat sich zu meinem Glück geändert, in der Hauptsache, weil Vegetarismus im Moment eine Art Modeerscheinung ist und sich immer mehr Menschen – im Moment sind es über zehn Prozent der Deutschen und ihre Zahl steigt – für diese Ernährung entscheiden. Klar, dass die Lebensmittelindustrie hier viel Potential sieht und mit Leidenschaft in das Geschäft mit Vegetarismus und Veganismus eingestiegen ist, während übrigens die Reformhäuser diesen Trend vollkommen verschlafen haben und noch immer ihre alten, ungenießbaren Tofu-Bratstücke verkaufen. Inzwischen macht der Wurstfabrikant Rügenwalder Mühle fast 30 % seines Umsatzes mit seinen pflanzlichen Produkten.(3) Und dann gibt es da noch – inzwischen nicht nur in Bioläden, sondern auch in den Discountern – „Fleischersatz“-Burger, die Hamburger-Pattys simulieren; die besten soll es bei REWE geben. Das erfreut die Vegetarier, die jetzt plötzlich leckere Burger und nicht nur Zucchinischeiben grillen können – führt aber zu erstaunlichen Kommentaren im Internet, in denen blanker Hass, Abscheu und, ja, Rasissmus und Faschismus zu lesen sind(4). Mir ist bewusst, dass dies nur ein Nebenkriegsschauplatz in der Schlacht um die Deutungshoheit von Klimakatastrophe, Umweltzerstörung, Fridays for future, Fahrradfahren, Kreuzfahrten, Waldrodung, Migration, Nahost-Konflikt etc. ist, aber von den Verbohrten und braunen Irren, für die „Gutmensch“ ein Schimpfwort ist, wird die Schlacht um den veganen Burger, in der rechtschreibunsicher die unselige Nazisprache fröhlich Urständ feiert,  ebenso verbissen geführt, als wäre er so etwas Ähnliches wie das Fahren eines SUVs; ein Aushängeschild für eine übergriffige Lebensweise, die die eigene in ihrer Existenz bedroht. Es ist eine Auseinandersetzung, an der ich überhaupt nicht teilnehmen möchte. Ich will nicht ernsthaft darüber streiten, ob man „vegetarische Bratwürste“ „Würste“ nennen darf, weil es Ettikettenschwindel sei, der ein paar Senioren beim Einkauf verwirren könnte. Genauso wenig will ich darüber diskutieren, warum ein „Leberkäse“ „Leberkäse“ heißen darf, obwohl sich darin weder „Leber“ noch „Käse“ befinden(5). Tatsache ist, dass der „Fußabdruck“ dieser Veggie-Burger besser ist als der von normalen Hamburgern und absolut niemand gezwungen wird, die Dinger zu essen. Von mir schon gar nicht.

Nein, ich bin nicht unter die Foodblogger und Instagramer gegangen, die Bilder von ihrem Essen aufnehmen. Trotzdem: Das war vegetarisch und schon lecker (auch das Bier).


(1) Mein Vater glaubte lange, ich sei nicht nur Vegetarier, sondern auch schwul geworden und würde demnächst ins Kloster gehen oder auf dem Monte Verità nackt meinen Namen tanzen. Für ihn war mein Vegetarismus eine direkte Attacke auf seine strammdeutsche und einzig richtige Lebensweise. Ich bin froh, dass er zu alt ist, seine Lebenweisheiten bei Facebook zu verbreiten.

(2) Vor ein paar Sommern war ich am Müritzsee und auf der Insel Rügen. Dort haben Vegetarier keine Chance. Es gibt wirklich keine fleischlosen Alternativen in den Lokalen; sogar der Kartoffelsalat enthält Speckwürfel. „Wir haben Fisch.“ – „Das ist auch Fleisch.“ – „Dann nehmen Sie doch die Nudeln mit Soße von der Kinderkarte.“ – „Aber das ist doch eine Bratensoße!“ – „An der ist nur ein bisschen Fleisch dran.“ – „Ein bisschen Fleisch … Es gibt doch auch kein bisschen schwanger!“ Diese Diskussion habe ich ein dutzendmal führen müssen. Meine Vorurteile gegen den deutschen Osten haben sich bestätigt.

(3) Ich will gar nicht so genau wissen, wie viel Chemielabor im veganen Rügenwalder Aufschnitt steckt, aber das Zeug schmeckt erstaunlich gut und ist eine schöne Abwechslung auf der Semmel.

(4) Mit Sicherheit gibt es auch „militante“ Vegetarier und ich bin auch schon von der anderen Seite angegriffen worden, weil ich „bloß“ Vegetarier und nicht Veganer bin, aber die sind doch eine winzige Minderheit. Ich kann übrigens nicht einsehen, warum ich keinen Honig, Eier oder Milch zu mir nehmen sollte.

(5) Auch Soja- oder Mandelmilch darf nicht mehr „Milch“ heißen,  billiger Weißwein jedoch weiterhin als „Liebfrauenmilch“ verkauft werden. Merkwürdig. In einem „Jägerschnitzel“ ist auch kein Jäger drin und in der Kinderschokolade … aber das führt zu weit.

 

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