Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 7)

Ich wusste: Ich hatte nur diese eine Chance. René war mir körperlich überlegen und hatte inzwischen auch bewiesen, dass er skrupelloser und grausamer als ich sein konnte. Aber er war von den Mordgedanken, die ich in seinen Augen erkannte, abgelenkt. Wenn ich ihn los werden wollte, dann musste ich jetzt handeln. Der Überraschungsmoment war auf meiner Seite. Ich legte meine ganze Kraft und mein Körpergewicht in den Fausthieb. Mein ungeschickte Schlag traf René seitlich an der Wange und hob ihn von den Füßen. Etwas knackte hässlich. René kippte mit aufgerissenen, erstaunten Augen nach hinten. Sein Fahrtenmesser flog durch die Luft. Fast hätte mich die Wucht meines Boxhiebs mitgerissen, aber ich stolperte nur einen Schritt nach vorn und noch während mein Widersacher schwer auf den Rücken fiel und sich einmal um sich selbst drehte, wandte ich mich herum und rannte den Fahrweg hinunter, der nach einer sanften Kehre in den dämmrigen Bergwald führte.

René war vor Überraschung über meinen plötzlichen Angriff stumm geblieben und hatte nur gegrunzt, als er hinfiel. Nun aber hörte ich ein nahezu unmenschliches Gebrüll hinter mir – völlig entmenscht, wie von einem Tier. Ich sah zurück. Da ich den Hügel hinunter rannte, hatte ich bereits gut zwanzig Meter Abstand zwischen uns gebracht und die ersten Fichten erreicht. Aber jetzt rappelte sich René hoch, griff nach seinem Messer und nahm wie ein gereizter Stier die Verfolgung auf. Seine Beine flogen förmlich über den Weg auf mich zu. Er hörte keinen Augenblick mit dem Schreien auf, das als Echo von allen Seiten zurück geworfen wurde. Er holte auf!

In dem Moment geschah es. Mein Blick nach hinten war ein Fehler gewesen, denn ich hatte nicht mehr auf den Weg vor mir geachtet. Ich schlitterte über eine feuchte Stelle, rutschte auf dem glitschigen Kies aus und stürzte in das dichte Unterholz des Straßengrabens, rutschte durch große Pestwurzstauden, Brombeerranken,  und Strauchwerk und kugelte gut zehn Meter den steil abschüssigen Hang hinab, bis ich an einem bemoosten Baumstumpf hängen blieb.

Wäre mir das an einem anderen Tag passiert, wäre ich erst einmal für eine Weile außer Gefecht gesetzt gewesen und jammernd liegen geblieben. Ich war jedoch so ängstlich und von Adrenalin abgefüllt, dass ich beinahe sofort wieder auf die Beine sprang und mich an dem Steilhang ausbalancierte. Ich musste einen schrecklichen Anblick bieten: Ich blutete aus ungezählten Kratz- und Schürfwunden und aus der Nase, mit der ich gegen einen Stein gerutscht war, die Kleidung war schmutzig und zerrissen, der eine Fuß verstaucht und der Ringfinger der rechten Hand, mit der ich René geschlagen hatte, gebrochen. Das hatte ich übrigens in diesem Moment überhaupt noch nicht bemerkt. Ich spürte keine Schmerzen, war nur ein waidwundes Tier auf der Flucht vor dem Jäger und handelte ohne Kontrolle meines Verstands. Deshalb ist mir auch vieles von meiner Flucht nicht im Gedächtnis geblieben.

Wieder hinauf zum Weg zu klettern kam nicht in Frage, denn inzwischen hatte René bereits die Stelle erreicht, an der mein Sturz begonnen hatte. Also suchte ich mein Heil den in der beginnenden Dämmerung schwarz unter mir liegenden Hang abwärts, wo in der Tiefe ein Wildbach rauschte, den ich aber von meinem Standort aus nicht sehen konnte. Ich war noch nicht so weit, um über meinen Fluchtweg nachdenken zu können, aber ich spürte instinktiv, dass es für mich nur einen einzigen gab, nämlich dort hinunter und dann dem Bachbett folgen, mich irgendwo in der Finsternis zusammenkauern und verbergen. Auch René, der noch einige Höhenmeter über mir stand, hatte das erkannt und machte sich vorsichtig an den Abstieg zu mir herab, während ich bereits in hohem Tempo mehr abwärts rutschte als lief. Spätestens wenn ich in dem schmalen Bergeinschnitt, in dem wohl gerade einmal dieser rauschende Wasserlauf Platz fand, angekommen war und eine Klettertour über glitschige Steine beginnen würde, würde ich diesen Vorsprung sehr schnell wieder einbüßen.

Ich konnte in der aufziehenden Dunkelheit kaum die Bodenbeschaffenheit erkennen. Ich stolperte erneut, krallte mich mit meiner heilen Hand verzweifelt an einigen Grasbüscheln fest und verhinderte so einen Sturz in die Tiefe. Der Abstieg war selbstmörderisch. Beim nächsten Ausrutscher hatte ich vielleicht nicht mehr so viel Glück und würde die fünfzig Höhenmeter bis zum Bach hinunterfallen. Jetzt begannen auch die Schmerzen und sie waren so stark, dass mir schwindlig und schlecht wurde. Vor allem der gebrochene Finger fühlte sich an, als hätte er sich in ein glühendes Kohlestück verwandelt. Mein Herz raste und ich hätte mich beinahe übergeben. Von weiter oben konnte ich René triumphierend lachen hören. Obwohl er mit Bedacht abstieg und den Hand in längeren, flachen Serpentinen querte, kam er näher. Er wusste, er hatte gewonnen. Ich konnte ihm nicht mehr entkommen. Er würde mich gleich einholen und dann würde er mir mit dem großen Fahrtenmesser, das er trotz der Gefahr, sich selbst aufzuschlitzen, in der Hand hielt, den Rest geben.

Doch gleichzeitig wurde mir klar, dass er mich niemals erreichen konnte, wenn ich das nicht wollte. Dies war Rubens Welt und nicht meine. Hier war ich ein gottgleiches Wesen, dessen Willen die Berge, die Erde und alles Leben auf ihr unterworfen waren. Ich konnte sie mit einem Fingerschnippen auslöschen oder unter meinen Befehl bringen. Das galt zwar nicht für meinen Verfolger, denn ich hatte ihn ja aus meiner Welt mitgebracht, aber ich konnte doch zum Beispiel den Grund unter seinen Füßen beeinflussen und dann war er es, der haltlos in die Tiefe stürzte. Nein, Gewissensbisse hatte ich nicht, mir ging es nur ums Überleben. Ich atmete tief ein und versuchte meinen jagenden Puls zu beruhigen, dann konzentrierte ich mich, versuchte in meiner Vorstellung ein Bild davon zu malen, wie ich meine Umgebung verändern wollte. Ich war nicht in der Lage, mich so tief in mich selbst zu versenken, um wie im vorigen Sommer Großes zu bewirken und ganze Landschaften zu formen, aber der plötzlich unter Renés Füßen auftauchende kleine Spalt im aufsplitternden Gestein genügte vollkommen. Er stolperte im vollen Lauf und vollkommen überrascht in ihn hinein, fand keinen Halt, weil sich plötzlich alle Äste der Lärchen zur Seite bogen und kugelte anschließend rechts von mir den Steilhang hinunter. Die Erde unter seinem Körper hatte sich in eine matschige Rutschbahn verwandelt, auf der es für ihn kein Bremsen gab. René spuckte und fluchte, als er vorn über auf dem Bauch liegend an mir vorbei schlitterte und tief unten vom Unterholz und der Nacht verschluckt wurde.

Das war das letzte Mal für lange Zeit, dass ich René sah. Er verschwand auf diese groteske Weise aus meinem Leben und tauchte erst viel später wieder auf, als ich kaum mehr an ihn dachte. Lange war ich der Meinung, der von mir verursachte Sturz hätte ihn getötet, aber das stellte sich als Irrtum heraus. Doch diese Geschichte will ich dir heute nicht erzählen, Abakoum. Die habe ich für den anderen Tag aufgehoben. Ich will dir berichten, was mir weiter geschah.

Der Einsatz meiner Kräfte hatte noch etwas bewirkt, eine Veränderung, die ich nicht bezweckt hatte, die mir aber das Leben rettete. Plötzlich flirrte die Luft um mich und zum ersten Mal konnte ich es wie treibende Spinnenfäden im Licht glitzern sehen: Es waren die Bande, die die Welten miteinander verschnürten. Es waren wirklich nur schmale Fädchen, wie zufällig von einer Rolle Nähgarn abgerollt und im wie willkürlich im Wind tanzend. Sie tauchten auf und verschwanden mit einem Blinzeln, als wären sie der durchsichtige Staub in der Tränenflüssigkeit meiner Augen. Aber ich spürte mein Ziel. Es war links von mir im Wald. Dort manifestierte sich mein Wunsch, gerettet zu werden und nach Hause zurück zu finden in einem Übergang von Rubens Welt in eine andere. Damals hoffte ich noch, es wäre meine eigene, doch es sollte sehr viele Jahre dauern, bis ich wieder zu ihr zurück fand. Da ich mich nicht der Gefahr aussetzen wollte, Renés Schicksal zu teilen, formte ich mit meinem Willen einen bequemen Wanderweg, der den Steilhang kreuzte. Auf ihm humpelte ich der Stelle zwischen zwei Bäumen entgegen, durch die ich diesen grauenvollen Ort verlassen konnte.

Wohin würde er mich führen?

Einzelbeitrag-Navigation

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: