Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Das goldene Kalb – Teil 3

3.
Freitag.
Vormittag

Am nächsten Morgen hatte Martin Liebermann erhebliche Schwierigkeiten mit dem Aufstehen. Er war übernächtigt und sein Kopf pochte heftig. Selbst eine ausgiebige Dusche und zwei Aspirin konnten den Schmerz kaum lindern. Woher sein Kater kam, vermochte er nicht zu sagen. An den zwei Gläsern Weinbrand, die ihm Haschek gestern ausgegeben hatte, konnte es doch wohl nicht liegen. Auf jeden Fall war es ihm heute unmöglich, zur Arbeit zu gehen. Diesmal brauchte er nicht einmal eine Ausrede. Mit einem Anruf meldete er sich bei seinem Vorgesetzten krank.

Gegen zehn Uhr trat er aus seiner Wohnung in einem Sozialbau im Lauterlech, um in einem billigen Café in der Stadt zu frühstücken. Dabei stahl er seinem Nachbarn die Freitagsausgabe der AZ, die vor dessen Tür auf dem Fußabstreifer auf ihren rechtmäßigen Besitzer wartete. Das machte Liebermann durchaus regelmäßig, aber so selten, dass nie ein Verdacht auf ihn fiel. Zumindest vermutete er das, denn sein Nachbar, ein Maler namens Georg Hauser, hatte sich noch nie beschwert.

Es war stark bewölkt und nieselte leicht. Das schöne Wetter hatte wieder einmal nur für einen Tag angehalten. Liebermann wollte in den Ihlebäck in der Karolinenstraße, einem der vielen Ihle-Cafés, die Augsburg wie eine Besatzungsmacht in ihrer Umklammerung halten. Der kurze Spaziergang in der kalten, feuchten Luft den Leonhardsberg empor, tat ihm nicht so gut, wie er erhofft hatte. Der dumpfe Schmerz in seinem Schädel ließ sich einfach nicht vertreiben. Er hatte sich hartnäckig knapp über der Nasenwurzel festgesetzt.

Liebermann setzte sich in der überheizten Bäckerei nahe beim Ausgang an einen kleinen Tisch und blätterte den Lokalteil der Zeitung aufmerksam durch. Wie er erwartet hatte, fand er nichts über Sonnenberg, nicht die geringste Andeutung. Die letzte Seite widmete sich mal wieder dem Kasperletheater des Stadtrates um den Ausbau des Bahnhofs.

Der dünne Kaffee und die zähe, aufgebackene Butterbrezel erzeugten einen schalen Geschmack im Mund. Und gleichzeitig kamen Liebermann erneut Zweifel, ob er sich wirklich richtig entschieden hatte, als er sich auf Hascheks Plan eingelassen hatte. Nun, die fünfundzwanzigtausend Euro, auf die der Architekt und er sich gestern nach einigem Feilschen geeinigt hatten, konnte er wirklich gut brauchen. Seine Schulden brannten ihm unter den Nägeln und dieses Geld war mehr als ein warmer Regen. Er hatte auch keine Skrupel, was den kleinen Einbruch betraf, er passte problemlos durch sein nicht allzu engmaschiges Gewissen. Größere Schwierigkeiten erwartete er sich bei der Durchführung nicht. Das war zwar vielleicht etwas zu optimistisch gedacht, aber er hatte zu Hause ein Schlüsselset und für alle Fälle eine stabile Brechstange, die mit so ziemlich jeder Tür fertig wurde. Zusätzlich musste er in einem Gebäude wie dem in der Frölichstraße, das er am Abend noch begutachtet hatte und in dem sich hauptsächlich Büros und Praxen befanden, keine besonderen Rücksichten auf Geräuschunterdrückung zu nehmen.

Aber Liebermann fühlte sich trotzdem unbehaglich. Lustlos und mechanisch kaute er an seiner Brezel. Die Vorahnungen waren sicher der Grund für seine Kopfschmerzen. Er konnte nicht sagen, warum er dieses Gefühl hatte, aber irgend etwas stank gewaltig und diese Vermutung verdichtete sich während des spärlichen Frühstücks.

Als er das Café verließ, war er fest entschlossen, seinem Instinkt zu folgen und Haschek einen Korb zu geben. Er suchte nach seinem Handy. Erst nachdem er eine Weile vergeblich seine Taschen abgeklopft hatte, viel ihm ein, dass er beim letzten Spiel versetzt hatte. Liebermann fühlte sich nackt. Gab es in Augsburg überhaupt noch Telefonzellen oder musste er wieder zurück in seine Wohnung laufen, um den Architekten von seinem eigenen Festnetzanschluss anzurufen? Da fiel ihm ein, dass die nächsten öffentlichen Telefone in dem städtischen Verwaltungsgebäude am Rathausplatz waren; das waren nur ein paar hundert Meter. Auf dem Weg dorthin sah er sich ein paarmal mehr im Reflex als mit Absicht um. Seit er wusste, dass ihn Haschek durch einen Detektiv beobachten ließ, fühlte er sich beobachtet.

Liebermann wusste die Privatnummer des Architekten, die ja auch die von seiner Geliebten war, auswendig. Als er wählte, hatte er erwartet, entweder Haschek oder eine Hausbedienstete an die Leitung zu bekommen, aber es war ausgerechnet Judith, die abhob. Verwirrt meldete er sich, anstatt sofort aufzulegen. Also stotterte er ein paar Worte und erzählte ihr, wie sehr er sie vermissen würde. Etwas Klügeres fiel ihm momentan nicht ein. Er hielt es für falsch, ihr von seiner Begegnung mit ihrem Mann zu erzählen. Es war klüger, wenn sie nichts von der Verbindung wusste. Judith reagierte natürlich ungehalten: Wie könne er nur so leichtsinnig sein! Wenn nun Heiner ans Telefon gegangen wäre! Er habe Glück, dass ihr Mann noch in der Arbeit sei und erst gegen Mittag wieder heimkäme. Es fiel Liebermann schwer, ein nervöses Lachen zu unterdrücken.

Ein paar Männer gingen singend an der Zelle vorbei, bereits am Morgen betrunken. Einer schlug übermütig mit der Hand gegen die erzitternde Glastür. Liebermann fragte Judith noch, ob sie sich wie ausgemacht am Mittwoch würden treffen können, aber sie hatte das sinnlose Gespräch bereits kurzentschlossen beendet und aufgelegt. Noch in der Zelle erkannte Liebermann, dass er gerade wegen Judith am Abend Hascheks Pläne würde stehlen müssen. Er musste es tun, um den Status quo aufrecht zu erhalten. Würde Haschek in eine Betrugsaffäre verwickelt, wäre Liebermanns Rolle als Liebhaber mit Sicherheit zu Ende. Sicher war das einer der Gründe, aus dem der dicke Architekt ihn ausgesucht hatte. Alles sollte beim Alten bleiben. Daran war Liebermann ebenfalls interessiert. Haschek schien ein talentierter Intrigant zu sein.

Liebermann trat aus der Zelle und sah sich um. Es regnete stärker. Nachdenklich schlenderte er langsam über den Platz, am Augustusbrunnen vorbei und dann rechts den Perlachberg hinunter, bewusst nahm er einen kleinen Umweg zurück nach Hause. Wieder fühlte er sich observiert. Am Abend zuvor hatte er das noch einer gewissen Paranoia zugeschrieben. Doch heute morgen war er sich ziemlich sicher:

Er hatte einen Schatten.

Hinter der Stadtmetzg, einem mächtigen Renaissancegebäude, in dem früher die Schlachthalle der alten Reichsstadt und nun das Sozialamt beheimatet war – also in etwa der gleiche Betrieb – begutachtete Liebermann scheinbar interessiert die Auslage des Spielwarengeschäfts „Holzwurm“. Dabei konnte er den Schatten sogar in der spiegelnden Scheibe auf der anderen Straßenseite langsam an der Kresslesmühle vorbeischlendern sehen. Aber an der nächsten Kreuzung war der Verfolger bereits wieder hinter Liebermann und die meiste Zeit unsichtbar für seine vorsichtig suchenden Blicke, die nicht verraten sollten, dass er etwas bemerkt hatte. Der Detektiv, wenn er es denn war, verstand sein Handwerk. Hätte Liebermann nicht vermutet, einen Verfolger im Genick zu haben: Ihm wäre nichts aufgefallen.

Der Mann trug einen grauen, weiten Hoodie, dessen Kapuze er gegen den Regen oder auch zur Tarnung über den Kopf geschoben hatte. Das von der Kapuze beschattete Gesicht kam Liebermann leider nie nahe genug für einen genaueren Blick. Liebermann hätte es anschließend nicht wiedererkannt. Warum hetzte ihm Haschek weiterhin diesen Detektiv auf den Hals? Liebermann entschied sich, ihn so schnell wie möglich abzuhängen und den Architekten genau diese Frage zu stellen. Wenn er glaubte, ein falsches Spiel mit ihm machen zu können, würde er ihn eines Besseren belehren. Liebermann eilte deshalb auf dem kürzesten Weg nach Hause, ging zur Vordertür rein, kramte aus einer Schublade in seiner Wohnung ein altes Handy hervor und schlich sich hinten über den Hof wieder raus. Er kletterte über ein paar Zäune und Mülltonnen, um auf der anderen Seite des Blocks im Reitmayrgässchen wieder die Straße zu betreten.

Haschek wohnte in Leitershofen, dem Vorort der hinter Tuja-Hecken versteckten großen und teuren Eigenheime. Liebermann war eine ganze Weile damit beschäftigt, dorthin zu gelangen, weil er mehrmals den Bus und dann die Straßenbahn wechselte, fast eine Stadtrundfahrt machte, um ganz sicher zu gehen, dass er seinen Verfolger abgeschüttelt hatte. Es war schon früher Nachmittag, als er endlich an der Rückfront zu Hascheks Haus stand und mit seinem Interesse den Hund weckte, einen scharfen, hässlichen Boxer, der aggressiv am Zaun hochsprang und ihn sabbernd bekläffte.

Wie sollte Liebermann jetzt an Haschek herankommen, ohne Judith zu begegnen? Er entschloss sich, noch einen Telefonanruf zu wagen und nahm das klobige Ersatzhandy zur Hand. Diesmal war glücklicherweise die Hausangestellte am Apparat, ein weiteres Mal hätte Liebermann nicht gewusst, was er Judith erzählen sollte. Er nannte einen falschen Namen, verlangte Haschek, und hatte wenig später tatsächlich den Hausherrn selbst am Telefon. Liebermann gab sich zu erkennen. Zuerst herrschte am anderen Ende der Leitung betretenes Schweigen, dann bat Haschek leise um etwas Geduld, weil er das Gespräch in sein Arbeitszimmer legen wolle. Eine Weile knackte es, dann war der Dicke wieder dran.

»Martin, warum rufen Sie mich an?«, fragte er ungehalten und außer Atem. »Wenn nun meine Frau…«

»Hören Sie«, unterbrach ihn Liebermann ungeduldig, »ich stehe hinter Ihrem Haus. Ich muss Sie unbedingt sprechen, jetzt gleich. Kommen Sie her.« Er sah sich um. »Hier gegenüber ist eine Sparkasse. Finden Sie das?«

»Selbstverständlich. Ist es wirklich nötig?«

»Es ist dringend. Kommen Sie sofort«, erwiderte Liebermann gereizt. Haschek überlegte.

»In zehn Minuten«, sagte er.

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