Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 2)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Lafar lächelte und segnete Masur. Er freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste seinem Ältesten beschert hatte. Anschließend trat Seqr neben Masur und kniete ebenfalls vor seinem Vater. Er sprach:

„Mein über Alles geliebter Vater. Ich fand im Norden hinter dem Großen Wall, der unsere Wüste von den dunklen Wäldern trennt, Stätten des Wissens, des Fortschritts und der Philosophie. Und als ich staunend durch diese Städte wanderte, stieß ich auf eine gewaltige Bibliothek, in der auf Büchern, Folianten und Pergamenten all diese viele Jahrtausende alte Weisheit aufgeschrieben steht. Doch – ach – nur wenige Gelehrte studierten aufmerksam und ehrfürchtig in diesen gesegneten Hallen. Der Staub lag fingerdick auf den Goldschnitten der Bände, die niemand mehr las. Da nahm ich die Bürste, die du mir gegeben hast, reinigte die Bücher und Regale von dem uralten, verkrusteten Dreck, den Spinnweben und den Stockflecken. Dabei wünschte ich mir, ich könne all die Dinge, die in ihnen aufgeschrieben standen und fast vergessen waren, lesen. Und wie du es prophezeit hast, mein lieber Vater, ist es dann auch gekommen: Mein Wunsch wurde erfüllt. Ich wurde ein Mitglied der Gemeinschaft der Lesenden und Lernenden und mein Wissen wuchs von Tag zu Tag. Das ist der wahre Reichtum und ich benötige deshalb dein Erbe nicht. Aber ich weiß nun, dass es das wahre Glück ist, ein Buch aufzuschlagen, den säuerlichen Geruch seine Bindung und den stumpfen seines Papiers zu riechen, mit angefeuchtetem Finger durch die Seiten zu blättern, die Sätze und all die Geschichten, die Erfahrungen und die Erfindungen, die Weisheiten und die Sagen zu studieren, die darin wie in einem Schatzkästlein verborgen sind und dabei die Zeit, den Tag und den Ort zu vergessen. Das ist Glück.“

Und Lafar segnete auch seinen zweiten Sohn und freute sich mit ihm gemeinsam über das Glück, das die Bürste Seqr beschert hatte. Schließlich trat Jasde an das Lager seines Vaters, verbeugte sich und sagte:

„Ich ging in den Westen, in die zerstörten und zerklüfteten jenseitigen Länder voller Gefahren, Gewalt und Kummer. Dort, hinter dem Babelmassiv, hinter dem bodenlosen Spalt, ist ein Leben nichts wert und der Tod lauert überall, im Schwert eines Räubers, im Reißzahn eines Raubtiers, im Gift einer Pflanze und im Lächeln einer schönen Frau. Viele Abenteuer und Gefahren hatte ich zu bestehen. Ich wurde von Dieben überfallen und halbtot liegen gelassen, musste Täler, gefüllt mit giftigem Gas, durchwandern und Berge erklimmen, deren Höhe mir den Atem nahm. Ich sah unaussprechbare Dinge, schreckliche und schöne. Und ich begegnete vielen Menschen, bösen, wie auch guten. Doch ich benötigte auf meiner Reise kein einziges Mal die Bürste, die du mir schenktest, denn jeder Tag erfüllte mir von selbst meinen einen Wunsch, den ich hegte: Ihn gesund zu überstehen, damit ich nach einem Jahr und einem Tag zu meiner Familie zurückkehren kann. Deshalb wusste ich auch bis heute, bis zu diesem Moment, in dem ich über Schwelle unseres Hauses trat, noch nicht, was das wahre Glück ist. Ich entdeckte es erst, als ich hier meine Mutter, meine Brüder und dich, meinen Vater, lebend wiederfand. Das wahre Glück ist es, bei den Menschen zu sein, die man liebt.“ Sprach es, nahm die Bürste, die ihm Lafar vor Jahr und Tag gegeben hatte, beugte sich herab und putzte mit ihr den Kehricht vor dem Bett seines Vaters zusammen.

„Und mein einziger Wunsch ist, dass ihr alle für den Rest unseres Lebens mit mir verbunden seid.“ Dann umarmte er zuerst seine Mutter und anschließend seinen kranken Vater, der sich plötzlich viel kräftiger fühlte, aus seinem Krankenlager aufsprang und nach einer heißen Suppe verlangte. Es war, als wäre er nie darnieder gelegen. Was für eine Freude herrschte da im Hause des alten Bürstenmachers! Jeder umarmte den anderen, weinte vor Liebe und pries den Tag.

Und deshalb erbte Jasde, der Jüngste, die Werkstatt seines Vaters. Er zog wieder in das Haus seiner Eltern und die Bürsten, Feger und Handbesen, die er unter der Anleitung des Alten, der wieder vollständig genas, herstellte, waren die schönsten und besten in ganz Karukora und verkauften sich so gut, dass Jasde bald darauf ein Mädchen aus der Nachbarschaft freien und es heiraten konnte. So oft sie konnten, kamen seine Brüder aus dem Süden geritten und aus dem Norden gelaufen und die Feiern im Hause des Lafar waren die fröhlichsten und ausgelassensten unter der Wüstensonne. Denn wahrhaft glücklich ist nicht, wer Reichtum und Wissen anhäuft, sondern wer Menschen findet, die ihn auf seinem Lebensweg begleiten und ein Stück seiner steinigen Wanderung mit ihm gehen.

So lebte die Familie des Bürstenmachers glücklich miteinander, bis nach vielen, vielen Jahren der Zerstörer aller Freuden, der Verwüster aller Heimstätten und der Vergifter aller Speisen zwischen sie trat. Verherrlicht sei die Allerbarmerin, die ihre Tränen für uns alle vergießt.«

Alis schwieg und breitete die Arme aus. Ob aus Lokalpatriotismus oder weil niemand bei einer Abendgesellschaft blutrünstige und gewalttätige Geschichten wie die von Sahar hören wollte, war der Applaus für den Alten stärker als der für den Erzähler aus dem rauen Norden, jedoch alles andere als überschwänglich und recht kurz. Die meisten Zuhörer hatten sich gefreut, dass Alis die Geschichte vom Bürstenmacher und einen drei Söhnen vortrug. Sie waren mit ihr aufgewachsen und erinnerten sich mit ein wenig Wehmut an ihre Kindheit, in der sie von ihren Ammen oder Großmüttern diese und ganz ähnliche Märchen vor dem Einschlafen erzählt bekommen hatten. Doch sie fühlten sich seltsam unzufrieden, fast ein wenig betrogen. Alis hatte zwar den überlieferten Regeln des Erzählens entsprochen und den traditionellen Text, der seit fast tausend Jahren zum festen Repertoire der nun aussterbenden Erzählerzunft gehörte, kaum abgewandelt. Aber er war mit dem Märchen überraschend schnell zu Ende gekommen und hatte in wesentlichen Teilen gekürzt. Zum Originaltext gehörten eigentlich unverzichtbar ausufernde Berichte über die Erlebnisse der drei Brüder in den Barbarenländern jenseits der Wüsten, die Karukora umschlossen – fantastische Erzählungen voller unglaublicher Abenteuer, in denen eine Armee mit fliegenden Pferden vorkam, feuerspeiende, sechsköpfige Monstren eine unterirdische Buchwelt bewachten und ein böser Zauberer in einer Burg voller magischer Fallen und teuflischer Goleme die schönste aller Jungfrauen gefangen hielt; all die aufregenden und wundersamen Aventüren, bei denen die Zuhörer als Kinder rote Ohren bekommen und vor Angst um ihre Helden ihre Bettlaken übers Gesicht gezogen hatten. Doch davon hatte Alis nichts berichtet. Er hatte das Märchen auf seine Grundaussage entbeint und dabei alle Zauberei und Wunder entfernt.

Als Alis überraschend schnell endete, seufzten deshalb etliche leise auf, bevor sie zu klatschen begannen. Sie bedauerten den Niedergang einer Kunst, deren Meister einst sogar ein eigenes Gildenhaus mitten in der Stadt geführt hatten. Sie waren in der Erwartung gekommen, eine üppige, sahnereiche und fette Torte verzehren zu dürfen und hatten ein trockenes Stück Brot bekommen. Deshalb warteten sie auch, bis sich der schläfrig wirkende Namenlose gemüßigt sah, langsam zu klatschen und fielen dann mehr höflich als begeistert ein.

Auch Selin, der noch immer hinter dem Vorhang saß und aufgeregt auf seinen Einsatz wartete, litt und er fragte sich, was seinen Großvater bewogen hatte, sich so kurz und wortkarg zu äußern. Er sah, wie Alis leicht den Kopf neigte und da wusste er, dass der Alte längst noch nicht fertig war. Denn er hatte auch die Schlussworte noch nicht gesprochen, die Ómer als Zeichen seines Aufstandes dienen sollten. Aber was würde nun folgen? Er würde es nicht mehr erfahren, denn Juel machte das Zeichen zum Aufbruch. Selin sprang auf seine Füße und folgte dem Meisterdieb, der durch eine Tür hinter einem Teppich verschwand.

Alis hob währenddessen die Hand und sofort verstummte der spärlich Applaus.

»So ist euch die Geschichte vom Bürstenmacher und der Suche nach dem wahren Glück überliefert worden und so wurde sie in der ältesten uns überlieferten Märchensammlung, dem „Hundertblütigen Jasminzeig“, überliefert. Im Laufe der Jahrhunderte, während die Geschichte von Mund zu Ohr ging und von Erzähler zu Erzähler weiter gereicht wurde, erfand jeder noch etwas dazu, bis endlich eine lange, schlaflose Nacht an den Feuern der Karawansereien nicht mehr ausreichte, sie zu Ende zu erzählen. Doch wovon nie jemand berichtete, weil es einfach vergessen worden war, ist, dass der Bürstenmacher Lafar nicht nur drei Söhne, sondern auch eine Tochter hatte, der er ebenfalls eine Bürste gab und die über Jahr und Tag in den Osten ging. Sie hieß Lakmi und von ihr und wie es ihr erging:

Das will ich euch nun berichten.

[Hier geht es weiter …]

Einzelbeitrag-Navigation

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: