Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 5)

Na, gut. Und was machen wir jetzt? Übernachten wir hier oder steigen wir ab? Oder zauberst du uns wie die Bezaubernde Jeannie mit einen Augenzwinkern zurück?“

Das würde ich wirklich gern, aber ich weiß nicht, wie das geht. Ich habe es noch nie geschafft, aus eigenem Entschluss nach Hause zurückzukehren. Das ist immer alles nur mit mir geschehen. Ich wurde zu diesen Wechseln der Welten immer von Ruben gezwungen. Er ist dazu offenbar in der Lage, warum auch immer. Und ich will eigentlich die Macht, die ich hier besitze, so wenig wie möglich anwenden.“

Aus großer Macht entsteht große Verantwortung“, warf der comicbegeisterte René ein und nickte dabei wissend.

Du hast Recht“, stimmte ich zu, „ich verstehe sie nicht und ich glaube, meine Kräfte können wirklich gefährlich sein. Ich kann gefährlich sein. Ich habe Angst, dass ich etwas kaputt mache, das ich anschließend nicht mehr reparieren kann. Und dass es Kreise zieht, sich ausdehnt. Weißt du, wie bei einem Stein, den man in einen See wirft. Diese Welt könnte dabei wie eine Seifenblase platzen.“

Okay. Ich verstehe. Was also dann?“

Ich deutete auf den Werkzeugschuppen neben der Hütte, dessen Tür zwar geschlossen, aber nicht versperrt war. „Als erstes sollten wir den Lehrer begraben.“

Das war eine harte und undankbare Knochenarbeit, zu der wir uns zwangen. Ich kann dir heute nicht mehr erklären, weshalb wir sie überhaupt unternahmen; warum wir nicht einfach unsere Sachen packten und das Weite suchten. Wir glaubten wohl, wir wären es dem Lehrer schuldig, ihn nicht wie ein totes Tier einfach in der Wiese liegen zu lassen. Obwohl Dr. Herni zu Lebzeiten ein Sadist und Leuteschinder gewesen war, den bestimmt niemand in meiner Welt vermisste, waren wir doch beide der Meinung, dass wir ihn beerdigen sollten. Wir waren schließlich zivilisierte Christen.

Das erzählt sich alles heute ganz einfach. Aber es zu tun, Abakoum, war eine Knochenarbeit. Wir schufteten mehrere Stunden und mussten dauernd gegen Tränen und Übelkeit ankämpfen. Jeder von uns tat einmal zur Seite, um sich zu übergeben. Das Ausheben des Grabes im vor Blicken geschützten Schatten eines großen Felsen machte uns erhebliche Schwierigkeiten. Wir fanden zwar in der kleinen Scheune eine Picke und eine Schaufel und der Boden war weich und lehmig. Jedoch stießen wir schnell auf Steine und etwas tiefer auf den blanken Felsen unterhalb der Wiese. Schnell gerieten wir ins Schwitzen und mussten immer wieder pausieren, um uns der neugierig heran trottenden Kühe und deren bissiger Fliegenbegleitung zu erwehren. Wir waren zwar jung und strotzten vor Kraft, aber wir laugten uns bei der Arbeit völlig aus. Wir hätten es nie geschafft, Hernies letzte Ruhestätte auszuheben, wenn ich nicht doch ein paar Mal meine Zauberkräfte eingesetzt und ein paar der Steine in Luft aufgelöst hätte. Kürzlich hatte ich einer „Raumschiff-Enterprise“-Folge gesehen, wie ein von kosmischer Macht besessenes Crewmitglied ein solches Grab mit einem Augenaufschlag ausgehoben hatte – mitsamt Grabstein und Inschrift. Aber ich hatte auch nicht vergessen, dass dieser Steuermann durch seine Kräfte verrückt geworden war. Und davor fürchtete ich mich. Auf den starren und sich unseren Anstrengungen wie unwillig und trotzig widerstrebenden Leichnam hatte ich übrigens überhaupt keinen Einfluss. Schließlich stammte der tote Lehrer ja aus meiner eigenen Welt und unterlag deshalb nicht meinen Zauberfähigkeiten. René und mir blieb daher nichts anderes übrig, als ihn gemeinsam zu der notdürftig ausgehobenen Grube zu schleppen und ihn dann mehr schlecht als recht mit Erde und Steinen zu bedecken. Kurz standen wir dann vor dem Grab und überlegten still, ob wir ein paar Worte sagen sollten; ein Gebet vielleicht.

René wandte sich als Erster achselzuckend ab und ging zurück zur Hütte. Ich senkte die Augen, um den Toten zumindest mit Schweigen zu ehren, ab da fiel mein Blick auf meine schmutzigen Hände. Weil ich Hernis Leiche bei der Schulter gepackt hatte, seinen pendelnden Kopf zwischen meinen Armen, hatte ich von dem kurzen Transport vom Unglücksort hinüber zum Grab viel Blut an ihnen. Von mir selbst angeekelt trat ich ebenfalls zurück. Ich wusch meine Hände wohl eine halbe Stunde lang am Brunnen vor der Hütte, hartnäckig scheuerte sie immer und immer wieder mit einem rauen Stück Schotter ab, befreite sie von der Erde und dem rostig geronnenen Blut, bis sie selbst ganz wund und rot waren. Ich hatte längst keine Spuren von Hernies Blut mehr an den Fingern. Aber ich konnte wie Lady Macbeth einfach nicht mehr aufhören, sie zu reinigen. René saß in der Zwischenzeit mit starrem und nach innen gekehrtem Blick in meiner Nähe, summte vor sich hin und bekam wahrscheinlich überhaupt nichts von meinem neurotischen Waschzwang mit.

Das stotternde Tuckern eines Zweitaktmotors beendete unser Selbstmitleid. Es knatterte aus dem Tal zu uns herauf. Wir lauschten den häufigen, wie Schüsse knallenden Fehlzündungen, die langsam lauter wurden. Über den gekiesten Fahrweg zur Alm hinauf näherte sich schnell ein Motorrad; aber noch befand es sich im dichten Nadelwald und wir konnten es von der Hütte nicht ausmachen. Nur sein wütender Hornissenton brummte wie eine Anklage in unseren Ohren. Wir sahen uns ertappt an. Mein vager Plan, die Tür zur Alm aufzubrechen und in ihr zu übernachten, wurde hinfällig, wenn uns tatsächlich jemand hier fand.

Das ist der Almwirt. Er muss nach seinen Tieren sehen“, stellte René fest. Er hatte sicher recht. Wer sonst sollte auch um diese Zeit aus dem Tal herauf fahren? Denn inzwischen war es ziemlich dämmrig geworden. Längst war die Sonne hinter den Berg getaucht und hatte dessen kalten Schatten auf die Wiese und die Gebäude geworfen. Noch glänzte der Himmel wie ein blauer Lack, auch wenn bereits der Abendstern zu sehen war und es von Minute zu Minute kälter wurde. Über die Wiese und das aufgeschüttete Grab des Lehrers zogen bereits ein paar Nebelfetzen. Von der Hütte aus verbarg der große Felsen den verräterischen Erdhügel, aber spätestens, wenn der Hirte seine Kühe zusammen trieb, würde er unsere Tat entdecken. Wie sollten wir das nur erklären? Ob wir noch die Zeit hatten, uns zu verstecken?

Gehen wir ihm entgegen“, schlug ich vor. Aber dazu war es bereits zu spät. Plötzlich war in unmittelbarer Nähe ein Lichtkegel auf dem Weg zu sehen und kurz darauf stoppte eine alte Zündapp mit Seitenwagen mit dem Hüttenwirt auf dem Sattel neben dem Brunnen. Ich kannte ihn vom letzten Jahr, auch wenn er sich sicher nicht mehr an mich erinnerte. Der kräftige Mann stellte den Motor ab und bockte seine Maschine auf. Er stieg ab und wand sich neugierig an uns:

Ja, Buben. Was macht denn ihr hier oben noch um diese Zeit?“, fragte er in nahezu unverständlichem Schwyzerdütsch. Ich erklärte ihm umständlich und verworren, das wir uns bei einer Bergwanderung verlaufen hatten und nun auf eine Unterkunft in seiner Hütte hofften, damit wir morgen ins Tal absteigen konnten. René nickte bekräftigend. Der Einheimische antwortete erst nach dem für die Menschen in Rubens Welt so typischen Zögern, das allerdings auch sehr gut zu einem Schweizer Bergbewohner passte.

Ja aber, meine Wirtsstube ist schon den ganzen Sommer geschlossen, das könnt ihr euch doch denken, oder? In diesen Zeiten kommt keiner hier rauf. Wo kommt’s denn her, Buben?“

Aus dem St.-Ottilien …“, wollte René bereits mit der Wahrheit herausrücken, aber ich unterbrach ihm mit einem lauten Einwurf.

Was meinen Sie mit: ‚In diesen Zeiten‘?“, fragte ich und wartete mit einem mulmigen Gefühl auf die sich erheblich verzögernde Antwort, die dann wie eine Bombe einschlug. Der Hüttenwirt runzelte die Stirn und sah mich verwundert an.

Ja, aber … Buben. Es ist doch Krieg, oder?“

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