Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Wochenlese 18. – 24. August 2014

»Schaust du verträumt vom Turme nieder,
Du hochlandwilde scheue Maid
Im knappgeschnürten Purpurmieder,
In keuscher Herzensherrlichkeit,
So denk‘ ich einer Alpenrose,
Die einsam auf der Klippe steht,
Unsorgsam, ob bei Stein und Moose
Ein Menschenauge sie erspäht.«

Scheffel

Sehe ich aus dem Fenster meines Arbeitszimmers und träume den schnell ziehenden, grauen Wolken hinterher, die ihre Regenlast eben verschwenderisch über Haus und Garten entleerten und nun hier und da gönnerhaft einem Quadratzentimeter Himmel Platz gewähren, dann erkenne ich, wie  eitel meine Versuche der letzten Wochen waren, ein paar Sommerlektüre-Empfehlungen unter die Leute zu bringen. Denn dieser Sommer ist ein Oxymoron, ein August, der ein Oktober ist; ein Sommer unseres Missvergnügens. Es wäre also sinnvoller, bereits jetzt auf die sanften melancholischen Herbstautoren hinzuweisen, auf Thomas Hardy, dessen Werk geradezu von feuchten Laub durchtränkt und von Kartoffelfeuern erwärmt ist, oder auf Leonhard Frank [1] oder Kazuo Ishiguro, dessen „Was vom Tage übrigblieb“ der wahrscheinlich perfekteste Roman für die Jahreszeit der dampfenden Nebelbänke und frühen Fröste ist, für eine Jahreszeit, in der man die Versäumnisse des jäh vergangenen Sommers bedauert: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“ (Rilke)

Vor zwei Wochen schrieb ich in meiner Wochenlese über die See und ihre vielen, vielen Autoren, beginnend bei Homer und der weinroten See, auf der sich sein sympatischer Nichtsnutz Odysseus jahrzehntelang von der Laune Poseidons umhertreiben lässt. [2] Zu diesem Genre, das einen ganzen Verlag ernähren kann (der mare-Verlag, der eigentlich kein einziges schlechtes Buch veröffentlicht hat), fehlt noch die große literaturtheoretische Abhandlung eines eifrigen Germanisten, was Schriftsteller an großen Wasserflächen und weißen Segeln im Wind so fasziniert.

Berg1

Inzwischen war ich aber für ein paar leicht verregnete Tage und kühle, nasse Nächte mit Frau Klammerle („Nächstes Mal fahren wir ans Meer, versprochen, ja?“) im verschlafenen österreichischen Lechtal [3], wo sich auf steilen, hochaufragenden Gebirgsketten Murmeltiere [4] und Steinböcke heimlich Gute-Nacht-Geschichten zuflüstern. Ich bin begeisterter Bergwanderer, der ganze Tage in der Einsamkeit und der dünnen Luft des Hochgebirges verbringen kann, wenn er am Ende des schlammigen und steinigen Weges eine bewirtschaftete Hütte findet, in der er vom Wirt wie von einem Krankenpfleger umsorgt wird. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, auf den ich erst verzichten werde, wenn mich die Artrose in den Knien oder Ähnliches dazu zwingen werden. Ich bin tatsächlich schon seit beinahe 50 Jahren Mitglied beim Deutschen Alpenverein, weil mich mein Vater (begeisterter Extrembergsteiger, der auf den höchsten Gipfeln der Welt war), mich bereits dort anmeldete, als ich noch ein Kleinkind war.

Warum – außer wegen meiner überbordenen Freude am ausführlichen, ausschmückenden Erzählen – berichte ich davon? Weil mir aufgefallen ist, dass es für solch einen Wanderurlaub eigentlich keine geeignete Sommerlektüre gibt. Im paradoxen Gegensatz zu der ozeanischen Literatur, die sich wie ein Berg auftürmt, ist die alpine flach wie der Meeresspiegel. Es gibt kaum nennenswerte Bergliteratur. Woran mag das liegen? Dass viele Schriftsteller lieber am Sandstrand im Schatten einer Palme schreiben, wenn sie die Alkoholmengen des Vortages verdaut haben (Hemingway) und nicht im Frühtau zu Berge ziehen, fallera? Dort dann eher „Der alte Mann und das Meer“ als „Der alte Mann und der Berg“ entstehen? Dass Bergliteratur immer ein „Geschmäckle“ hat, wie die Schwaben es nennen, man sofort an Ludwig Ganghofer, Heidi, Luis Trenker, den Förster vom Silberwald, unsägliche nationalsozialistische Blut-und-Boden-Schinken, Andy Borg und die Kastelruther Spatzen denken muss, wenn man sich das obige Bild ansieht (Rosa Wolken – Gott hat einen furchtbaren Geschmack…)? Warum regt die atemberaubende Enge und Tiefe der Schluchten, das todweiße, kristallklare Eis des Gipfels, die menschenverachtende Majestät der Höhen nicht mehr und vor allem bessere Autoren an, ihnen ein Lied zu singen? Ich weiß es nicht. Gelungene Bücher gibt es selbstverständlich auch, zum Beispiel Jon KrakauersIn eisige Höhen„, das den Irrsinn des boomenden Mout-Everest-Tourismus beschreibt, der wie erst kürzlich in schöner Regelmäßigkeit Katastrophen und Dramen produziert, die eines Shakespeare würdig wären. Die modernen Menschen spielen leichtfertig mit der Tragödie, weil sie nicht an sie glauben…[5]

Also, liebe Schriftstellerkollegen, hier ist noch viel Stoff zu finden. Die Berge sind ein Steinbruch an Ideen, ein unbekanntes Land voller weißer Flecken, die auf ihren Erforscher warten. Oder um es mit Franzl Lang zu sagen:

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,
steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,
die lässt uns nimmermehr in Ruh.“

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[1] Der heute kaum gelesene Sozialist und Pazifist Leonhard Frank (1882 – 1962), der die Nazizeit als Emigrant in höchst prekärer Lage überlebte und – obwohl er dann in Westdeutschland wohnte – nach dem Krieg in der DDR berühmter war als in der BRD, war ein fleißiger Autor. Als Herbstlektüre eignen sich hervorragend seine zusammengehörigen Romane „Die Räuberbande“ und „Das Ochsenfurter Männerquartett„. Bitte nicht mit Bruno Frank (1887 – 1945) verwechseln, der teilweise ein ähnliches Schicksal zu erleiden hatte und ebenso selten gelesen wird, aber im Gegensatz zu Leonhard ein Meister des kurzen, prägnanten Sprache ohne Ausschmückung war. An Brunos glänzenden, meist historischen Romanen („Cervantes„) und Erzählungen ist nichts Herbstliches.

[2] Ein lesenswertes modernes Beispiel: David Foster Wallace und seine brilliante Kreuzfahrt-PassionSchrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“, in der der allzu früh verstorbene Graphomane die Decks der Luxusliner  mit Dantes Höllenkreisen vergleicht. So alt und dement kann ich gar nicht werden, dass mir irgendwann der neuzeitliche Unfug der Luxuskreuzfahrten Spaß machen wird. Es wäre für mich als autistischen Misantrophen ein Graus, auf einem dieser „Loveboats“ die Donau hinunterzufahren oder auf einem Weltmeer mit Spiel, Spaß, Animation und fünf Inclusive-Mahlzeiten herumzukreuzen.

[3] Dort, wo Tal und Stirnen am engsten sind, der in Augsburg müde und alt gewordene Herr Lech sich noch als ein ungezügelt pubertäres Wildwasser in seinem Bett wälzt und die „Geierwally“ in der Wand hing. Wo es keine fleischlosen Gerichte gibt und der Polizist bei der Geschwindigkeitskontrolle versteckt am Straßenrand noch die Gelegenheit findet, mit seiner Freundin zu schnackseln. Felix austria… Kurz: Wo die Welt noch in Ordnung ist.

[4] Murmeltier

[5] Wen wundert’s? Ich selbst habe mich freilich auch schon bemüht, gute Bergliteratur zu schreiben. Siehe hier und insbesondere hier – selbstredend auch meine augenblickliche Montagserzählung „Stromausfall„.

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