Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für die Kategorie “Über den Tellerrand”

Sweet Glowwine to go und some other adventliche Troubles

„Es gibt nichts Behaglicheres,
als einfach zu Hause zu bleiben“

„Ärgern wir uns nicht über die Dinge,
die wir nicht haben, sondern freuen wir uns
über das, was wir besitzen.“

Jane Austen

Tja, so ist das in diesem Jahr. Das große Sodbrennen und die frühmorgendlichen Kopfschmerzen fallen aus. Der Ausschank von Glühweinen ist verboten, die Christkindlesmärkte sind abgesagt und in privatem Rahmen darf ich nicht einmal meine Söhne gleichzeitig treffen. (1) Diese Adventszeit ist spürbar anders als die anderen, melancholischer und weniger farbenfroh. aber vielleicht hat diese Beschränkung auf das Wesentliche auch etwas Gutes und es kömmt tatsächlich ein wenig Besinnlichkeit und Ruhe in die sonst so hektischen dunklen Nächte vor dem Hl. Abend. Die gute Jane Austen ist in diesen Tagen wirklich eine gute Ratgeberin und die Lektüre ihrer Bücher die beste Begleitung, die man sich gerade wünschen kann.

Vergessen wir nicht, wie es noch im letzten Jahr war. Wollen wir eine solche Adventszeit wirklich wiederhaben?

Von allem viel zu viel

Eine Glosse aus dem Jahr 2018

Die Deutschen sterben aus!

Immer weniger Kinder werden geboren, ganze Dörfer veröden zu Geisterstäd­ten. Kirchen und Gasthäuser müssen schließen; es lohnt nicht mehr, Postboten von Tür zu Tür zu schicken, man schickt Drohnen und Roboter auf Rädern. Die wenigen, die überhaupt noch Brie­fe und Päckchen bekommen, sollen sie gefälligst selbst bei den seltenen Post-Service-Schaltern abholen, die sich in den staubi­gen Ecken irgendwelcher  Zeitschriftenläden in der fer­nen Stadt verstecken. In der Lausitz ist wieder Wolfsge­heul über den vereinsamten, aber durch meinen Soli aufgeblühten Landschaften zu hören und die Rudel lauern den vereinzelten Rentnern auf, die sich aufgrund ihrer Al­tersarmut nur noch eine Billigbusreise mit Wärmede­ckenverkaufsvorführung in der Provinz leisten können.

Jeder kennt diese Nachrichten. Immer, wenn den Re­dakteuren dieser Tage nichts mehr einfällt, Trump sei­nen Mund hält – schließlich muss er ja auch mal schla­fen oder Golf spielen -,  irgendein Model einmal nicht mit halb- oder vollkom­men nacktem Hintern in eine Kamera winkt oder uns ausnahmsweise der Bayerische Ministerpräsident mal nicht die Welt erklärt, dann wird die Titelseite der Zeitungen mit der Horrormeldung von der gefährdeten Tierart „Deutscher“ befüllt und uns ein großes, textsparendes Diagramm gezeigt, das einem Pilz ähnelt. Das aber ei­gentlich eine Pyramide sein sollte – oder so ähnlich. Die Renten, die Sorgen … Diese Meldung erscheint seit Jahrzehnten in schöner Regelmäßigkeit und wird ebenso erregt debattiert und kommentiert wie die gerade heutzutage so bedeutende Frage, ob man weiterhin dulden sollte, dass der Hl. Nikolaus zum Weihnachtsmann amerikani­siert wird und immer häufiger keine Mitra, sondern eine rote Mütze trägt. (2) Aber auch das Aussterben der Deutschen ist meiner Meinung nur eine dieser absonderlichen Weltverschwörungs­theorien wie Chemtrails, Hohlwelt-Eidechsenwesen, geimpfte Kontrollchips und die Illuminaten. Warum fällt nur mir allein das auf?

Diese Lüge ist schnell entlarvt. Jeder kann selbst das Ex­periment machen und morgen Nachmittag versuchen, mit einem übervollen öffentlichen Verkehrsmittel in die vorweihnachtlich geschmückte Innenstadt zu fahren –  falls er sich überhaupt in die enge, von Körperdünsten dampfende Straßenbahn hineinquetschen kann – um sich an­schließend durch verstopfte Fußgängerzonen zu schie­ben, damit man im Kaufhaus seiner Wahl endlich einmal frühzeitig ein Geschenk für die Liebsten zu erwerben. In der qualvollen Enge allerorten, dem Gestoße, dem Gerempel und Gedränge, dem Gequetsche und Gequängel, den endlosen Schlangen an den Kassen, wird der Gedanke, der Deutsche sei in seiner Existenz bedroht, zur Groteske. Denn all die agoraphoben Bürger haben sich demons­trierend versammelt und genießen es, ohne Ängste über den übervollen mit Buden und Glühweinständen vollge­stopften Rathausplatz zu wandeln, wenn sie sich zwi­schen den zermalmenden Menschentrauben überhaupt willentlich vorwärtsbewegen können und nicht einfach von der Flut aus schwitzenden Leibern, Einkaufsta­schen und Kinderwägen mitgerissen und an Orte und Örtchen abgetrieben werden, an die sie niemals gelan­gen wollten.

Oder er sollte in diesen Tagen auf einen Christkindels­markt gehen, um dort einen übersüßten, Sodbrennen er­zeugenden Glühwein, eine verkohlte Bratwurst in einer staubtrockenen Semmel oder als Vegetarier eine undefi­nierbare, fetttriefende Masse – die sich aus welchem Grund auch immer „Kartoffelpuffer“ nennt – zu genießen und sich dazu vom Band überlaut schmalzige Weihnachtslieder interpretiert von Wham!, Heino, den Regensburger Domspatzen und Freddy Quinn in die Ohren blasen lassen. „Oh, du fröliche“ (sic!), um den Herrn Friederbusch aus meinem Weihnachtsmärchen „Karl-Heinz, der Weihnachts­hund“ zu zitieren. (3)

Es ist ein Gelüst, das mich – ich gebe es unumwunden zu – zur Adventszeit ebenso suchtartig packt wie das ge­neralstabsmäßige Vernichten aller Plätzchen von Frau Klammerle, die diese gerade in mühe- und liebevoller Kleinarbeit zubereitet hat. Dies ist übrigens eine ab- und suchtartige Ab­hängigkeit, die mich längst nicht mehr glücklich macht (der Glühmarkt, nicht das Vertilgen der „Loibla“), son­dern wie die Qual einer unerwiderten, manischen Liebe in mein Herz sticht. Ich bin in dem Alter, in dem man erkennt, dass früher tatsächlich mehr „Lametta“ war und weniger Menschen, die sich gegenseitig zwischen den Buden zerquetschten, es war noch keine abendfül­lende Beschäftigung, einen Glühpunsch zu ergattern und anschließend einen klebrigen, wackligen Bistrotisch zu finden, auf dem man das dampfende Getränk abstel­len kann.

Es beginnt schon mit dem Problem, dass mein Dorf kei­nen Weihnachtsmarkt hat. Da man in Diedorf nicht ar­beitet oder lebt, sondern nur zum Schlafen aus der Stadt herausfährt, ist das wahrscheinlich auch überflüssig, verlangt aber von mir – der ich ja ein bekennender und begeisterter Anhänger der Sportart Extreme-christkind­lesmarket-going bin – dass ich den Witterungsverhält­nissen zum Trotz ins Auto steigen und fahren muss, wenn ich nicht Frau Klammerle überreden kann, dies zu tun. Wenn ich dann doch einen Parkplatz gefunden habe – meist so weit vom Geschehen entfernt, dass ich gleich hätte laufen können – und mich tatsächlich wie ein Dschungelforscher durch den dampfenden Urwald zum Glühweinstand durchgekämpft habe und bei der Gelegenheit meinen armen studenti­schen Namensvetter St. Nikolaus über den Haufen ge­rannt habe, der dort für einen Hungerlohn von einer gie­rigen Kindertraube umgeben Nuss und Mandelkern ver­teilen muss, kommt das nächste Problem.

„Ich hätte gerne einen Glühwein.“

Verständnislos sieht mich der Verkäufer an, deutet stumm auf das Schild über seinem Haupt und ich merke: Es gibt keinen Glühwein mehr … Es gibt heißes Bier mit „Stich“, kochenden Amaro im Weinglas, Marillen-, Mira­bellen-, Heidelbeer-, Holunder-, Brombeer-, Kirschwein, drei Sorten Kinderpunsch, Eierpunsch, „Eggnog“, war­men Weißwein mit und ohne Zucker, vegan, aus biologi­schem Anbau, fair gehandelt oder einfach aus dem Te­trapack, Jägertee, Tee mit Schuss, mit Rum, mit Whis­ky, mit Absinth, mit Kandis und mit Rahm. Es gibt Grog. Von hinten werde ich gegen die Theke und schmerzhaft an den Topf gepresst, in dem ein Glüh­punsch seit Stunden vor sich hin köchelt und inzwischen außer Alkohol so ziemlich alles enthält, was ungesund ist. Ich deute kurzentschlossen auf das Heizgerät:

„Zweimal“, rufe ich kurzentschlossen, ohne zu ahnen, was dort drinnen vor sich hin blubbert – eh egal, das kos­tet alles dasselbe und es schmeckt auch gleich widerlich. Ich zah­le den Punsch und einen ungeheuerlichen Pfand, den ich nie einlösen werde, da die Schlange vor der Rückgabe, an der ich mich als letzter anstellen würde, länger ist als die vor der Getränkeausgabe, verschütte die Hälfte über einer von einer Rentnerin gezogenen Einkaufstasche auf Rädern und als ich endlich Frau Klammerle im Gewühl wiederentdecke, ist das pappige Gesöff kalt und ungenießbar.

Die Deutschen sterben aus? Ha! Jedenfalls nicht in der Vorweih­nachtszeit. (4)

Ernsthaft? Wollen wir, dass es im nächsten Jahr wieder so ist?

Ich wünsche eine schöne Adventszeit.

Nikolaus Klammer

 

 

 

 

 

 


(1) In meinem Brotberuf treffe ich übrigens werktags 30 Personen aus unterschiedlichen Haushalten und dies in einem kleinen Raum bei schlechter Belüftung und mehrere Stunden lang. Aber das spielt anscheinend keine Rolle. Wenn wir arbeiten, sind wir offenbar immun …

(2) Ich – Nikolaus M. Klammer – trage im Winter übrigens meistens eine schwarze Baskenmütze. Das wollte ich nur mal bemerken.

(3) Ich erinnere an das wundervolle Weihnachtsmärchen, das ich an den Adventssonntagen auf Instagram live vortrage. Aber ich will dafür eigentlich über­haupt keine Werbung machen, denn die Qualität spricht für sich. Doch jetzt mal ehrlich: „Karl-Heinz, der Weihnachtshund“ ist wirklich eine tolle Geschichte; wer sie nicht liest, wird sich noch in Jahren Vorwürfe wegen dieses Versäumnis­ses machen!

(4) Diese Glosse und viele, viele weitere findet sich in meinem wunderbaren Buch:

Noch einmal davon gekommen

Dieser schöne Band ist für wenig Geld überall im Buchhandel erhältlich und ein ideales Weihnachsgeschenk für jung und alt. Kommt Leute! Unterstützt mal zur Abwechslung einen hungernden Autor.

„Aber ein Traum“ und die Doppelgänger – Eine Abhängigkeit von Hoffmann

 

»Mein Feind fiel auf den Rücken und keuchte. Das war der erste Laut, der unser bis dahin stummes Ringen unterbrach. Die Situation weiter ausnutzend, setzte ich mich auf ihn und rang ihn nieder. Ich fasste seine Handgelenke, brachte dabei meinen Mund ganz nah an sein Ohr. Etwas war falsch und ich wusste gleichzeitig, was es war. Ich rang nicht mit einem Zwillingsbruder, den gab es gar nicht – ich rang hier mit mir selbst, mit einer Kopie meines Ich. Der böse Zwilling war nur eine Konstruktion.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Kapitel Zwei

»Ich stand auf, aber kaum war ich ei­ni­ge Schrit­te fort, als, aus dem Ge­büsch her­vor­rau­schend, ein Mensch auf mei­nen Rü­cken sprang und mich mit den Armen um­hals­te. Ver­ge­bens ver­such­te ich, ihn ab­zu­schüt­teln – ich warf mich nie­der, ich drück­te mich hin­ter­rücks an die Bäume, alles um­sonst. Der Mensch ki­cher­te und lach­te höh­nisch; da brach der Mond hell­leuch­tend durch die schwar­zen Tan­nen, und das to­ten­blei­che, gräß­li­che Ge­sicht des Mönchs – des ver­meint­li­chen Me­dar­dus, des Dop­pelt­gän­gers, starr­te mich an mit dem gräß­li­chen Blick, wie von dem Wagen her­auf. – »Hi … hi … hi … Brü­der­lein … Brü­der­lein, immer, immer bin ich bei dir … lasse dich nicht … lasse … dich nicht …«

aus: E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, 2. Teil

Die Ähnlichkeit der beiden Textausschnitte ist frappierend. Sie ist ein Beweis dafür, wie sich Lektüren über Jahrzehnte hinweg in einem Erinnerungskeller des Gedächtnisses ablagern, zu dem nur das Unbewusste und vielleicht der Traum den Schlüssel haben. Dies ist eine durchaus beängstigende Untertunnelung meines heutigen Ichs, die durch die Jahre und die Zwiebelschalen meiner Person bis tief in die Vergangenheit zurückreicht. Ich fühle mich dabei wie eine Marionette, die keinen eigenen Willen hat, sondern von unsichtbaren Fäden gezogen wird; von einem „Ich“, das in mir ist, das ich aber nicht kenne, einem Doppeltgänger in mir selbst.

Als ich „Aber ein Traum“ vor ein paar Jahren zu schreiben begann, lag meine Hoffmannlektüre lange zurück. Die Elixiere des Teufels (1) hatte ich im Alter von 16 Jahren gleich nach dem Kater Murr (2) gelesen. Das war wie eine Erlösung, besser: wie eine Initiation. Das vor düsterer Romantik und gothischem Horror triefende Werk um den entlaufenen Mönch Medardus aber inzwischen vollkommen vergessen. Umso größer war meine Überraschung, als ich beim Wiederlesen der Elixiere in dieser Woche auf die oben erwähnte Stelle stieß, auf einen Doppeltgänger meines eigenen Textes.

Ich wusste zwar noch, dass dort eines der beliebtesten Themen der Romantik, nämlich das des bösen Zwillings, behandelt wird, das ich ja mit den Brüdern Alban und Ruben Waldescher ebenfalls in den Mittelpunkt meines Romans „Aber ein Traum“ gestellt hatte. Ich glaubte allerdings, ich hätte E. A. Poes Varianten dieses Themas mehr zu verdanken, in erster Linie den Erzählungen „William Wilson“ und „Der Mann in der Menge“(3).  Auch R. L. Stevensons Dr. Jeckyll und Mr. Hyde lagen mir näher; schließlich auch „Dorian Gray“ von Oskar Wilde oder Franz Kafka, der dafür gesorgt hat, dass dieses von ihm in allen seinen Romanen benutzte Motiv seinen Weg in die Moderne fand und auch heute noch vor allem von SF- und Fantasy-Autoren (Androiden und Gestaltwandler) fröhlich benutzt wird.

Die Unsicherheit unserer modernen Existenz, das dünne Eis, auf dem wir uns tagtäglich bewegen, der Fremde, der uns aus dem Spiegel entgegen blickt, diese digitalisierte, ‚entfremdete‘ Welt, in der wir nur noch ein Teil einer Statistik sind, in der jede Empfindung und jeder Gedanke in jedem Augenblick tausendmal gespürt und gedacht werden – in ihr ist das Bild des Doppelgängers, der uns unserer nur eingebildeten Einzigartigkeit brutal beraubt, modern und zeitgemäß.

»Es war Wilson; aber seine Sprache war kein Flüstern mehr, und ich hätte mir einbilden können, ich selber sei es, der da sagte: “Du hast gesiegt, und ich unterliege. Dennoch, von nun an bist auch du tot – tot für die Welt, den Himmel und die Hoffnung! In mir lebtest du – und nun ich sterbe, sieh hier im Bilde, das dein eigenes ist, wie du dich selbst ermordet hast.”«

aus: E.A. Poe, William Wilson

»Dann trifft mich das heiße Licht, schneidet sich in einer Explosion aus Pein in meinen Unterleib wie in weiche Butter, durchdringt ihn mühelos. Es hinterlässt rasende Schmerzen tief unten im Rücken, Schmerzen, die mich schreien machen. Den Schrei kann ich nicht hören. Ich kippe nach hinten, schließe im Fallen die Augen. Hier bin ich tot.«

aus: Nikolaus Klammer, Aber ein Traum, Epilog

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(1) E.T.A. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels. Neben dem höchst amüsanten und bedauerlicherweise unvollendeten Kater Murr sind die düsteren Elixiere der einzige Roman des vielseitigen Genies, das auch malte und – heutzutage leider fast vergessen – ein bedeutender Komponist war. Seine Klaviersonaten, seine Sinfonie und seine Opern (z. B. Undine) kann man heute wie ‚missing links‘ zwischen Mozart und Beethoven hören. Es gibt einige wenige Aufnahmen dieser Musik, meist jedoch von zweitrangigen Ensembles. Zu empfehlen ist der Jahreszeit angemessen sein wunderbares Misere b-moll (z. B. zusammen mit der Es-Dur-Sinfonie), die durchaus neben dem berühmten Requiem von Mozart bestehen kann, dem Hoffmann in tiefer Verehrung den ‚Amadeus‘ entliehen hat.

(2) E.T.A. Hoffmann, „Lebensansichten des Katers Murr, nebst fragmentarischer Biografie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“ Den auch heute noch oft gelesenen und beliebten Roman gibt es in erstaunlich vielen, teilweise wundervoll illustrierten Ausgaben, als Hörbuch und freilich auch als kostenloses E-Book bei den üblichen Verdächtigen. Schon der sperrige Titel weist auf das Ziel hin, die Erziehungsromane der Aufklärung und die schmalzigen Liebesromane der Romantiker im Dunstkreis um die Brüder Schlegel zu persiflieren, aber es enthält mit den Kreisler-Abschnitten auch eine versteckte Autobiografie des Autors selbst. Und es ist eine Lektüre, die noch nie jemand bereut hat …

(3) Der eher unbekannte „Mann in der Menge“ ist neben „Das verräterische Herz“ die beste kurze Geschichte von Poe. Hier verfolgt der Erzähler einen Tag und eine Nacht lang unerkannt einen Mann in der Menge, der ihm aufgefallen ist. Dabei stellt er fest, dass jener von ihm Observierte, der ihm wie eine Verkörperung des Verbrechens erscheint, keine Heimat hat, sondern sich nur dort aufhält, wo er in Menschenmengen untertauchen kann. Der Erzähler und der ‚Massenmensch‘ – ich glaube, es ist das erste Mal, dass dieser Begriff in der Literatur auftaucht – sind Doppelgänger, eben Teil einer Masse, der sie nicht entkommen können.

8 Fragen, die man einem Autor keinesfalls stellen sollte

Acht Fragen, die man einem Autor nach der Lesung auf keinen Fall stellen sollte

Autoren – hier sind selbstredend immer auch das Autor und die Autorin gleich welcher geschlechtlichen Vorliebe, Ausprägung und körperliche und seelischer Ausgestaltung und Ausstattung mitgemeint – denn ich werde niemals den un­säglichen Gendergap oder einen anderen semiotischen Unfug in meinen Tex­ten einführen1 -, machen nie freiwillig eine Lesetour quer durch die Buchhandlungen der Provinzstädt­chen der Republik, um ihre Bücher anzupreisen und aus ihnen vorzutragen, sondern sie sind in aller Regel von ihrem Verlag dazu gezwungen worden, Werbung für ihr neues Werk oder sich selbst zu machen.

Durchaus jeder Au­tor – der ja, wie allgemein be­kannt -, am liebsten in seinem Dachjuchhe (Das Wort Dachjuche ist wie molestieren2 oder Idiosynkrasie eines von meiner privaten roten Liste der schönen, aber leider beinahe ausgestorbenen Wörter. Ich mag es und habe es gerade wieder bei dem leider schon verstorbenen Dieter Kühn gefunden. Es ist also auch eine Verneigung vor diesem Schriftsteller, wenn ich es in diesem Büchlein ein-, oder zweimal verwenden werde) einsam in sein Moleskine kritzeln oder auf die Tastatur hämmern möchte und alltäglich nach dem Motto »Ich will nichts erleben, denn ich bin Schriftsteller« lebt, hasst es, auf diese Weise in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden und sich dort zu pro­stituieren und vor Publikum zu »lesen«. Es gibt eine große Anzahl von Autoren wie z. B. Patrick Süskind oder Thomas Pynchon, die sich dieser Zumutung komplett entziehen und sich nicht einmal für ein Werbefoto ihres Verlags ablichten lassen. Schließlich sollte doch, auch wenn es heute aus der Mode ist, der Schriftsteller hinter seinem Werk verschwinden und nicht umgekehrt.

Denn solch ein literarischer Abend mit dem Autor geht selten gut. Vor einer äußerst über­schaubaren Gruppe beflissener Zuhörerinnen – in aller Regel sind das liebreizende Buchhändlerinnen, neugierige Leh­rerinnen oder gelangweilte Doktoren-Gattinnen kurz vor dem Kli­makterium, denn das »Lesen« ist ja heut­zutage eine rein weibliche Beschäftigung –, gibt der Autor mehr oder weniger verschämt Aus­schnitte aus seinem Werk zum Besten, die nur selten einen Ein­druck vom ganzen Buch vermitteln können. Er weiß, dass er der schlechteste Vermittler seiner ei­genen Texte ist, dass er zu leise oder zu laut spricht, nu­schelt, ohne oder mit viel zu viel melodramatischer Betonung spricht, stottert, blättert, zö­gert und auch mal ganz den Faden verliert. Aber die meisten hören ihm eh bald nicht mehr zu, denn eine klassi­sche Le­sung hat viel Ähnlichkeit mit der Pre­digt in der Kir­che; viele klappen nach ein, zwei Sät­zen ihre Ohren zu und lassen ihre Gedanken und Empfindungen wie Luftballons frei im Raum schwe­ben.

Ganz wenige Autoren haben schauspielerische Ta­lente und unterhalten ihre Zuhörer wirklich. Ihnen gilt meine volle Bewunderung. Ich könnte das nicht, denn wie die meisten Schriftsteller bin ich als real-existierende Person anstrengend und überaus langweil­ig – fade, schüchtern, menschenfeindlich. Würde je­mand schreiben und sich hinter sei­nen Werken und einem Pseudonym ver­stecken, wenn er ein offener, freundli­cher und sympa­thischer Zeitge­nosse wäre? Wohl kaum. Wie gesagt: Der kon­servative Schrift­steller ist ein eher widerbors­tiges, menschenscheues Wesen, das seiner Berufung in ei­nem kleinen, ab­schließbaren Kämmerchen nach­geht, unauffällig im Verborgenen an seinen Sätzen feilt und sie in die Ma­schine tippt oder gar aufs Pa­pier kritzelt. Er ist voller »promethi­scher Scham«, um mit Günther Anders zu sprechen. Das Schlimms­te ist ihm, direkt mit seinem Publikum konfrontiert zu werden und sich nach der Lesung noch der wie der Donner zum Blitz gehörigen und daher oft unver­meidbaren anschließenden Diskussion aussetzen zu müs­sen. Das schlimmste für den Autor: Selten will je­mand über den Inhalt sei­ner Texte sprechen oder sei­ne beeindruckende Sprachgewalt und die enorme Kraft bewundern, mit der er sein Thema beherrscht und den Finger in die offe­nen Wunden der Zeit legt. Nein, die meisten interessie­ren sich ausschließlich für Privates, Intimes, Peinliches, das er ei­gentlich nicht preisgeben will. Auch deshalb schreibt er ja.

Wenn du also, mein lieber Leser oder Zuhörer, nett zu mir sein willst, falls Nikolaus M. Klammer dem­nächst in der Buch­handlung deines Vertrauens auf­treten muss und Verwirren­des aus seinen Essays, An­strengendes aus dem »Jahrmarkt in der Stadt« oder gar den »Erinnerten Memoiren des Dr. Geltsa­mers« vor­trägt, dann meide bei der an­schließenden Diskus­sion die folgenden acht Fragen. Du quälst ihn damit. Und da die Qualität der hastigen Antworten in die­sem Fall nicht die Qualität der Fra­gen übersteigt, tust du nicht nur mir, sondern auch dir selbst einen Gefallen. Denn eigentlich möchte ich den Abend schnell beenden, direkt ins Hotelzimmer gehen, den Minikühlschrank plündern und mich mit der Beute unter der Bettdecke verkriechen.

*

Wir beginnen mit dem Klassiker aller Publikumsfra­gen:

I. Wie kommen Sie eigentlich auf Ihre Ideen? Wie fällt Ihnen so etwas nur ein?

Was soll der Autor dazu sagen? Dass ihm die besten Ideen in der Badewanne oder auf dem Klo kommen, dass er mal wieder viel zu viel gegessen und anschlie­ßend schlecht ge­träumt hat? Dass er das bei Dosto­jewski oder bei Facebook klaute? Mit Absinth experi­mentiert hat? Seine Nachbarn mit einem Nachtsicht­gerät beobachtete und den Nebentisch im Café be­lauschte? Oder dass er schlicht ein psychotis­ches, menschliches Wrack ist, dem so etwas Krankes ein­fach zwischendurch mal so einfällt?

In die gleiche Richtung zielt die nächste Frage:

II. Wie kann man nur etwas so etwas abartiges, misogynes, sadistisches, pornografisches oder politisch unkorrektes schreiben?

Tja. Das hat man davon, wenn man sich vor Publi­kum öffnet und das innere Ungeheuer befreit und versucht, sich selbst durch Schreiben zu heilen.> Er­zählt man etwas Monströses, wird man für ein Mons­ter gehalten. Erfindet man einen üblen Rassisten oder Macho, ist man selbst einer. Und schreiben männliche Autoren gar über Frauen, finden sie sich plötzlich in einem Mi­nenfeld wieder, dem sie nicht mehr ausweichen kön­nen; egal, wohin sie sich wenden: Sie sprengen sich selbst in die Luft (siehe oben).

III. Wie autobiografisch sind Ihre Texte?

Ich weiß schon, das würdest du gerne wissen, liebe Leserin. Aber den Teufel werde ich tun. Alles was ich mache, ist au­tobiografisch. Auch wenn ich reife Jo­hannisbeeren vom Busch pflü­cke und sie mit Gelier­zucker einkoche, ist etwas von mir drin; ist dieses Glas Marmelade autobiogra­fisch. Genau wie die Bee­ren durch ein Sieb gepresst werden, um Schalen, Stängel und Ker­ne zu entfernen, fließt auch ein Text durch ein Gitter, nämlich durch das Raster meiner Persönlichkeit. Meine Geschichten sind durchtränkt vom Gelierzu­cker meiner eigenen Meinung. Man sieht: Wenn alles autobiografisch ist, ist nichts, was ich schreibe, auto­biografisch. Ich ma­che mir nicht die Mühe und arbei­te jahrelang an ei­nem Schlüsselro­man, um anschlie­ßend bei einer Le­sung den Schlüs­sel zu verschenken.

IV. Wie stehen Sie eigentlich zur aktuellen Politik?

Es ist seltsam. Autoren wird immer einiges zuge­traut. Sie sollen auf dem Stand der Forschung ste­hen, sich auf allen geisteswissenschaftli­chen und so­zialen Gebieten auskennen, ihr Wort eine moralische Instanz sein. Autoren stehen bei Demonstrationen in der ersten Reihe, lesen auf Wohltätigkeitsveranstal­tungen und schreiben glühende J’accuse…!-Artikel. Man sieht sie als Gutmen­schen und belesene Intel­lektuelle. Doch nicht alle heißen Jean Paul Sartre. Tatsächlich ist das eher selten der Fall. Autoren sind keine Denker. Sie haben keine neuen Ideen, die über­lassen sie anderen, besseren. Aber sie machen sie manch­mal durch einen Text populär. Auch in Deutschland sollte es sich lang­sam einmal durchspre­chen: Schriftsteller sind Men­schen wie du und ich. Die haben vielleicht gar nicht Kant oder Heidegger gelesen, überblättern den Politik- oder Wirtschaftsteil ihrer Zeitung, um schnell zum täglichen Sudoku-Rät­sel zu gelangen und wissen nichts Vernünf­tiges über AHAL-Regeln, Klimawandel, transatlantische Handelsabkommen oder die montenegrische Innenpolitik zu sagen. Aber sie ha­ben eine Meinung und einen Standpunkt und die finden sich in ihren Wer­ken. Wer sie kennenler­nen will, sollte die Bücher des Schriftstellers lesen. Ist es sinnvoll für Autoren, ihre Weltsicht wie all die Faceboo­ker, Istagramer und Twitterer wütend oder gar hasserfüllt hinauszupo­saunen? Ich denke nicht.

V. Wie stehen Sie zur Rechtschreibung?

Tatsächlich halte ich die Rechtschreibung für ein Gut, das immer mehr verloren geht und es macht mich verrückt, wenn in einem Buch auf ein »wegen« ein Dativ folgt oder gar die Rede von den »Einzigsten« ist. Trotzdem sträubt sich etwas in mir, »Leid tun«, »platzieren« oder »Frisör« zu schreiben. Denn Autoren sind in der Regel Instinktschreiber, nur we­nige haben Germanistik studiert und schlagen bei jedem Wort nach, welche Schreibweise Duden und Wahrig emp­fehlen. Ich behaupte frech, wer Germanistik studiert hat, kann kein guter Schriftsteller sein, da ihn sein Wissen um die deutschen Sprachre­gelungen daran hindert, frei von der Leber weg zu schreiben. Das gleiche gilt für Kritiker und Lehrer. Heinrich Böll soll der Unterschied zwischen »das« und »dass« nicht be­kannt gewesen sein (Da ist er ja in guter Gesell­schaft). Ich selbst habe mit Konjunktivsätzen und de­ren Verbformen erhebliche Schwierigkeiten und ken­ne zum Beispiel keine Kommare­geln; ich setze an den Stellen Kommas, bei denen ich beim Vorlesen eine kleine Pause mache. Zu 90 % ist das Komma dann doch genau an der richtigen Stelle, auch wenn ich viel zu viele mache. Den Rest sollte ein Lektor erledigen3. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die meis­ten Leser sehr großzügig über gewisse Rechtschrei­bunsicherheiten hinweggehen, weil sie selbst nicht so genau wissen, was denn nun eigentlich richtig ist.

VI. Welche Vorbilder haben Sie?

Bitte! Können wir das gleich überspringen? Denk doch noch einmal ernsthaft über diese Frage nach. Da könntest du mich ja gleich fragen: Bei wem ha­ben Sie Ihre Ideen geklaut? Ich habe keine Vorbilder. Nie ge­habt. Das sind nur Gerüchte. Doofe Frage eigentlich. Kein Autor hat Vorbilder. Vor mir gab es eh nieman­den, der mir das Wasser rei­chen konnte. Außer Balzac vielleicht, oder …

VII. Was halten Sie von Frau X oder Herrn Y?

Manche Autoren haben wütende Anhänger. Es sitzt seltsamerweise immer einer dieser Fanboys in mei­ner Lesung und bringt seinen Liebling aufdringlich ins Gespräch. Meist sind das Schriftsteller, denen ein wenig der Ruch der Trivialität anhängt, die man – warum auch immer – »verteidigen« muss. Stephen King ist dafür ein gutes Beispiel. Ich weiß nicht, wie oft ich schon über mein Verhältnis zu diesem Autor befragt wurde, obwohl ich nie auch nur eine einzige Seite von ihm gelesen oder ihn irgendwie erwähnt oder gar negativ über ihn geredet habe. Leute! In meiner Lesung will ich nur über mich reden und nicht über Daniel Glattauer oder den Herrn Kehl­mann. Die können sehr gut für sich selbst einstehen.

Und dann gibt es noch diese letzte, gefürchtete Fra­ge, die ich auf keinen Fall beantwor­ten will:

VIII. Was machen Sie eigentlich beruflich?

Auch wenn es so klingt: Diese naive Frage ist leider kein geschmackloser Witz, sondern sie wird ernstge­meint und wohlwollend immer und immer wieder ge­stellt. Nicht nur Autoren, sondern jeder Künstler kennt sie, denn sie taucht in geselliger Runde mit der gnadenlosen Unvermeidbarkeit eines Naturgesetzes grundsätzlich nach Lesungen, bei Vernissagen, nach Konzerten, Theateraufführungen auf. Sie rangiert ne­ben der Frage, woher nun eigentlich die Ideen herkä­men, unangefochten auf Platz Eins der dämlichsten Fragen, die man einem Kunstschaffenden stellen kann.

*

Diesen und andere Texte findest du, liebe Leserin, in meinem Essayband „Noch einmal daran gedacht“, der überall im Handel als Taschenbuch oder als günstiges E-Book erwerbbar ist.


1 Ich bin wie die meisten Schriftsteller in dieser Hinsicht au­ßerordentlich konservativ. Die Abschaffung des grammatischen Geschlechts, die Vergewaltigung der Schrift und der Sprache, um durch Sternchen oder geschlechtsneu­tralere Formulierungen eine Gendergerechtig­keit zu schaffen, die dann allenfalls auf dem Papier, aber noch lange nicht in Wirklichkeit existiert, ist nicht mehr ein Dummer-Jungen-Streich (oder muss man jetzt Dumme*r-Heran-wachsende_n_s-Streich sagen?).

2 Mein Verhältnis zu diesen Wörtern ist beinahe erotisch; sie streicheln meine Seele. Ihr müsst nicht im Duden nachsehen, wie ich das getan habe; die Bedeutung von »molestieren« ist »belästigen«. Es kommt von dem lateinischen molestare und taucht eigentlich nur in Büchern des 18. und 19. Jahrhun­derts auf.  Gelernt habe ich das Wort bei den »Jugenderinne­rungen eines alten Mannes« von Wilhelm von Kügelgen (1802 – 1867). Ich besitze eine alte Manesse-Ausgabe dieses wirk­lich lesens- und empfehlenswerten »Volksbuchs« des Bieder­maiermalers, die ich irgendwann einmal aus einer Bücher­ramschkiste gezogen habe und an denen ich mich, wie es der in Dresden aufgewachsene Kügelgen selbst ausdrücken wür­de, immer wieder einmal angeregt delektiere. In den »Erinne­rungen« findet sich gegen Ende des 5. Teils folgender, von mir hier stark gekürzt wiedergegebener Satz: »[..] mir ward ir­gendein Vergnügen oktroyiert, wie zu Beispiel [..], die Spat­zen mit der Windbüchse zu molestieren.« Ich lie­be solche alt­väterlichen Formulierungen, wie sie insbesonde­re Jean Paul bis nahe an die Unles- und Unverstehbarkeit benutzt hat. Ich konzediere hier unumwunden, wie sehr sie meinen eigenen Schreibstil persuadieren. Und da steht es, mein neues Lieb­lingswort: Mein Nachbar molestiert mich also mit seinem Ra­senmäher, während ich versuche, unter dem blühenden Kirschbaum ein Nickerchen auf meinem Deckchair zu unter­nehmen. Frau Klammerle molestiert mich mit der Restmüll­tonne, während ich mich gerade zu dichteri­schen Höhenflü­gen aufschwingen will. Mein Montagmorgen molestierte mich mit mittelmäßigen Magenschmerzen. Einfach schön! Die deutsche Sprache mag im 20. Jahrhundert prägnanter gewor­den sein, aber sie hat eindeutig an Schön­heit verloren. Aber ich will euch nicht ennuieren.

Diese Sommerlektüren (8) – Faulkner

Das Leben ist an Gut und Böse nicht interessiert…
Das moralische Gewissen des Menschen ist der Fluch,
den er von den Göttern anzunehmen hatte,
damit er von ihnen das Recht bekam, zu träumen.
William Faulkner

Dieser Sommer ist anders.

Er ist alt, ein Anachronismus. Er ist ein Sommer aus dem letzten Jahrhundert. Einer, den ich in „Stromausfall“ beschrieben habe; einer, wie er streng und unnachgiebig in meiner Erinnerung regelmäßig die Augustferien während meiner Schuljahre dominierte: Schwül, drückend, gewitterreich, dann grau, regnerisch und rasch abkühlend in der Nacht. Ein August, der morgens schon nach Oktober schmeckt. In dem bereits Nebel in der Frühe über den Feldern dampft, der sich dann nur zögernd und unwillig wie ein schlecht erzogener Hund vor der stechenden Sonne  in die Wälder flüchtet.

Selbst wenn der Morgen wolkenlos und frisch aus der Nacht tritt und der Tag heiß und trocken wird, sich eitel vom Regen der Nacht sauber gewaschen mit Tautropfen wie mit einer Perlenkette schmückt: Spätestens zur Mittagsstunde quellen wieder hitzige Wolken in den Himmel, erobert wie eine sich rasch ausbreitende Seuche tintenfarbenes Schiefergrau das Blau. Vom Luftdruck verblödete Schmeißfliegen taumeln ziellos und lästig brummend herum. Bremsen und kleine Mücken stürzen wie Kamikazeflieger auf ihre Beute. Träge, endlose Nachmittage, voller unbestimmter Erwartung und nie erfüllbarer Sehnsucht. In ihnen fällt sogar das Nichtstun schwer und jede Bewegung erzeugt Schweißtropfen auf der Stirn.

Dann, am Ende dieser blauen Stunden, folgt ein atemloser Moment der Bewegungslosigkeit, in dem nur die Grillen und von Ferne der ICE zu hören sind. Kein Blatt bewegt sich am Baum, die Natur lauscht und wartet. Bald bläst ein Unwetter den toten Nachmittag davon und der Abend ist so nass und feucht, dass sich das Papier meiner Lektüre wellt, das Hemd juckend auf dem Leib klebt und die Atmosphäre am Weinglas kondensiert.

Nein, der Coronasommer ist hier südlich der Donau kein Sommer des 21. Jahrhunderts. Die großen Ferienthemen wie Kornkreise, Sommerbaustellen und Schnapsideen aus politischer Sommerfrische tauchen in diesem Jahr nur am Rande auf. Kalte und heiße Kriege werden zwar weiterhin erbittert geführt, Ideologien und Religionen stoßen unversöhnlich aufeinander, Machtphantasien oder schlichtweg Irrsinn fordern täglich ungezählte unschuldige Opfer. Die Deutschen sind im Heimaturlaub und stehen im Stau. Wenn ich nicht schon längst den Glauben an die menschliche Vernunft oder an einen Gott verloren hätte, ich würde verzweifeln und ein Ende suchen. Aber so, im Zynismus und im Auge des Sturms, lebt es sich in diesem Sommer gar nicht schlecht. Man kann ja auch unter dem Vordach grillen. Ennui.

Und nun zur Sommerlektüre

Das Licht und die Stimmung dieses Sommers: Genau so muss es in den südlichen Staaten am Mississippi sein und das nicht nur eine Fegefeuer-Saison lang von ein paar Wochen, sondern eine lange Höllenewigkeit. Man denke nur an Elisabeth Taylor, die es sich in einem engen schwarzen Kleid als Katze auf dem heißen Blechdach gemütlich macht, an die frühen Romane von Truman Capote („Die Grasharfe“ und „Andere Stimmen, andere Räume„), an Rhett Butler, Onkel Tom (ja, ja, ich weiß. Die Sommerthemen) und an die Hitze der Nacht. Baumwollplantagen, große Villen mit Säulengängen, gewaltige Eichen. Dampfiges, regenreiches, subtropisches Klima, Sklavenhalter, Louisiana. Ein Schwarzer Diener in Livree reicht Highballs, die mit schwarz gebranntem Whiskey gemixt wurden. An den Gläsern kondensiert die hohe Luftfeuchtigkeit, blaue Stunden. Ennui.

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Niemand hat diese Welt besser und zugleich komplexer in seinen Büchern bewahrt wie der Nobelpreisträger Willam Faulkner (1897 – 1962), der bei all seinen teilweise kindischen Modernismen[1] ein genialer Erzähler war und nicht zuletzt auch ein kleiner Balzac. Seine vielen Novellen, Kurzgeschichten und die etwa 20 Romane aus der von ihm erfundenen, vom Mississippi durchflossenen Provinz Yoknapatawpha (kein Scherz!) mit ihrer Hauptstadt Jefferson sind eine Art Chronik seiner Zeit mit einem festen Figurenpersonal, die sich im großen und ganzen um die Familien Satoris und Snopes dreht.

Das Gesamtwerk – auch hier ähnelt Faulkner Balzac – ist auf Deutsch nur antiquarisch erhältlich, wichtige Werke wie die Snopes-Trilogie sind nicht in aktuellen Ausgaben erhältlich. Es gibt eine alte Taschenbuchedition von Diogenes, von der allerdings nur ein Teil im Buchhandel erwerbbar ist. Faulkner zu übersetzen ist übrigens immer eine Großtat und erzeugt Rauschen in den Blättern der Feuilletons. Kürzlich  ist bei Rowohlt eine aktuelle Übersetzung von Schall und Wahn erschienen, dem Hauptwerk des Südstaatenromanciers – für Faulkner-Beginner ist das Werk allerdings nahezu unlesbar; egal, in welcher Ausgabe. Auch der wundervolle Roman Licht im August wurde neu übersetzt.

Empfohlen seien für Einsteiger, die sich nicht schwindlig lesen und das Buch wutentbrannt in die Ecke feuern wollen, die Erzählungen und unter diesen die Kriminalgeschichten, für die Faulkner ein Faible hatte. Ich will behaupten, dass „Eine Rose für Emily“ die beste Krimi-Kurzgeschichte ist, die ich je gelesen habe. Wer es nicht ganz so kurzatmig haben will, dem sei in diesem Südstaatensommer der für Faulknerverhältnisse leicht und flüssig lesbare Roman „Griff in den Staub“ empfohlen, in dem dieser mit der Hand des Meisters geradezu lässig eine Stimmung aufbaut, vor der man nur bewundernd in die Knie sinken kann. Es ist eine Detektivgeschichte, die sich zu einem ganz großen Drama entwickelt.

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[1] Im Satz wechselnde Erzähler, Hauptfiguren mit gleichem Vornamen, Stream-of-consciousness, fröhliche Zeitsprünge und andere, ungezählte Manierismen. Faulkner ist Meister im Leserverärgern.

Diese Sommerlektüren (7) – Berg und See

„Hier werden wir bleiben,
was auch geschieht.
Und auf die Stimmen des alten Meeres hören.“
Norman Lewis

Es gibt eine Diskussion, die führen Frau Klammerle und ich in jedem Jahr. Wenn im Frühling die Entscheidung ansteht, wohin es uns in unserem gemeinsamen Urlaub ziehen wird, stehen grundsätzlich zwei Himmelsrichtungen zur Auswahl: Der Norden oder der Süden. Meine Frau will ans Meer. Sie will ein Cottage in Irland, im Watt wandern, finnische Fjorde, Radfahren auf Rügen, die salzige Nordsee der windgepeitschten Bretagne im Gesicht spüren. Mich hingegen zieht es in die Wärme. Ich möchte Renaissance in der Toskana, Alpenglühen am Rosengarten, Antiken in Griechenland, die Abgeschiedenheit einer Berghütte, das Zirpen der Grillen nach einem hitzeschweren Sommertag. Vor allem aber möchte ich nicht tagelang im Auto sitzen, um abgekämpft meinen Urlaubsort zu erreichen. Dieses Argument sticht in der Regel. Schließlich liegt Augsburg schon recht südlich an der alten Via Claudia und ich bin fast schneller in Rom als in Hamburg. In Italien ist zudem das Essen besser; dort würde niemand auf die Idee kommen, „Labskaus“ zu servieren. Warum sollte ich zu den Mücken und dem Regen des Vänersees fahren, wenn ich mich mit einem Vino Rosso in der Hand im abendlich warmen Licht des Lago Maggiore stechen lassen kann? Billiger ist es auch.

Obwohl also meist die Vernunft (also ich) siegt, bleibt doch eine Sehnsucht, die ich mit Frau Klammerle teile, wenn ich ehrlich bin. Wer die „Binderseil-Erzählung“ meines Romans „Aber ein Traum“ liest, kann dort diese Faszination wiederfinden. Der erste ernsthafte Romanversuch, den ich im Alter von zarten 14 Jahren schrieb und freilich nie beendet habe, begann mit folgenden Worten (Achtung, jetzt kommt eine Jugendsünde!):

„Das Meer ruht niemals. In ewiger Bewegung kräuselt es schaumige Wellen empor und strömt dahin. Wie Könige erheben sich hohe Wellen. Ihre Spitzen tragen Kronen von blendendem Weiß, ihr Umhang ist durchsichtig grün. Sie schwimmen und ergießen sich sterbend in die Gischt des Ufers.“

Und so geht es noch ein paar Absätze weiter. Ich wusste eben den Anfang auswendig, obwohl ich den Text seit Jahren nicht mehr aus meiner Giftschublade holte. Es muss die Sehnsucht des Landbewohners sein, eine Ur-Erinnerung, eine Suche nach dem Mutterschoß des Meeres. Und ich meine hier nicht die müde, alte Badewanne Mittelmeer, die zumindest auf ihrer europäischen Seite (1) ein gezähmtes, zahnloses und verschmutztes Raubtier ist, sondern die Endlosigkeit des Großen Ozeans, den Atlantik, den Pazifik, die Schicksale, die sich an oder auf ihnen begeben …

Wie gut, dass da Schriftsteller sind, die vom Meer schreiben und die Sehnsüchte befriedigen können. Ihre Zahl ist Legion und ihr Heerführer ist Herman Melville.

Ich habe mich wieder einmal durchgesetzt und verbrachte die letzte Woche gemeinsam mit Frau Klammerle bei extrem hitzigen Wetter im Berchtesgadener Land. Vielleicht sollten wir noch weiter in den Süden fahren. Im Gepäck hatte ich auf jeden Fall den einen Roman von Josef Conrad (1857 – 1924), den ich noch nicht las, weil er außer in teuren Gesamtausgaben auch antiquarisch kaum erhältlich ist. Es ist sein letzter Roman „Der goldene Pfeil“, der nicht mehr ganz die Wucht seiner früheren See-Stücke erreicht, sondern wie „Mit den Augen des Westens“ mehr ein von Galsworthy beeinflusstes Gesellschaftsdrama ist. Conrad ist längst gemeinfrei und man kann einige seiner Werke bei den üblichen Verdächtigen als kostenlose E-Book-Ausgaben auf seinen Reader laden. Neben „Lord Jim“ ist „Herz der Finsternis“ sein bekanntestes Werk und es ist schlicht die beste Erzählung, die ich je gelesen habe. Conrad wurde übrigens in Polen geboren und erlernte die englische Sprache erst im Erwachsenenalter, die er dann allerdings so perfekt beherrschte, dass er als der sprachlich beste Romancier Britanniens gilt. Wer eine Ahnung davon haben möchte, sollte als Strandlektüre „Die Schattenlinie“ lesen, ein kleiner Roman, von dem Jakob Wassermann geschrieben hat, die Erzählung sei „so markant und unverwechselbar, daß man ihre Luft noch atmet, in ihrem Rhythmus noch schwingt, auch wenn ihr Inhalt, Fabel und Szene längst in der Erinnerung verblaßt sind.“ Vielleicht ist das das größte Kompliment, das man einem Autor machen kann. Ich wünschte mir, dass dies irgendwann einmal jemand über einen Text von mir sagen wird.

Die zweite Empfehlung ist Norman Lewis (1908 – 2003). Obwohl er ein geradezu magischer Geschichtenerzähler war und viele spannende Romane und Reiseberichte geschrieben hat, ist er in Deutschland nahezu unbekannt und kaum übersetzt. Wer das Glück hat, die Insel-Taschenbuchausgabe von „Die Stimmen des alten Meeres“ mit einem Vorwort von Cees Nooteboom antiquarisch zu ergattern, sollte diesen frühen „tourismuskritischen“ Roman unbedingt in diesem Sommer lesen. Er ist teilweise autobiografisch und erzählt aus der Sicht eines Fremden, wie die Moderne innerhalb von 3 Jahren die archaische Gemeinschaft eines spanischen Fischerdorfs zerstört, wie der bereits in den 50er-Jahren aufkommende Massentourismus bewirkt, dass über Jahrhunderte gewachsene Strukturen aufbrechen, uralte Traditionen vergessen werden, die Umwelt und die Lebensgrundlagen der Menschen vergiftet werden. Und es ist ein wundervolles Buch über das Meer und seine Anwohner.

Im paradoxen Gegensatz zu der ozeanischen Literatur, die sich wie ein Berg auftürmt, ist die alpine flach wie der Meeresspiegel. Es gibt kaum nennenswerte Bergliteratur. Woran mag das liegen? Dass viele Schriftsteller lieber am Sandstrand im Schatten einer Palme schreiben, wenn sie die Alkoholmengen des Vortages verdaut haben (Hemingway) und nicht im Frühtau zu Berge ziehen, fallera? Dort dann eher „Der alte Mann und das Meer“ als „Der alte Mann und der Berg“ entstehen? Dass Bergliteratur immer ein „Geschmäckle“ hat, wie die Schwaben es nennen, man sofort an Ludwig Ganghofer, Heidi, Luis Trenker, den Förster vom Silberwald, unsägliche nationalsozialistische Blut-und-Boden-Schinken, den Obersalzberg, Andy Borg und die Kastelruther Spatzen denken muss? Warum regt die atemberaubende Enge und Tiefe der Schluchten, das todweiße, kristallklare Eis des Gipfels, die menschenverachtende Majestät der Höhen nicht mehr und vor allem bessere Autoren an, ihnen ein Lied zu singen? Ich weiß es nicht. Gelungene Bücher gibt es selbstverständlich auch, zum Beispiel Jon Krakauers „In eisige Höhen“, das den Irrsinn des boomenden Mount-Everest-Tourismus beschreibt, der in schöner Regelmäßigkeit Katastrophen und Dramen produziert, die eines Shakespeare würdig wären. Die modernen Menschen spielen leichtfertig mit der Tragödie, weil sie nicht an sie glauben …

Also, liebe Schriftstellerkollegen, hier ist noch viel Stoff zu finden. Die Berge sind ein Steinbruch an Ideen, ein unbekanntes Land voller weißer Flecken, die auf ihren Erforscher warten. Oder um es mit Franzl Lang zu sagen:

„Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen,
steigen dem Gipfelkreuz zu,
in unsern Herzen brennt eine Sehnsucht,
die lässt uns nimmermehr in Ruh.“

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(1) Lawrence Durrell (1912 – 1990) spricht in seiner „Alexandria“-Romantetralogie von der richtigen und der falschen Küste des Mittelmeers. Betrachtet man das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge, von denen viele ihren Versuch, von der einen zur anderen Seite zu wechseln, mit dem Leben bezahlen, ist diese Einteilung noch heute aktuell. Durrells Griechenland- und Italien-Reisebücher aus den 40er- und 50er-Jahren (z. B. „Leuchtende Orangen“ oder „Bittere Limonen“) sind noch immer Standardwerke, die man im Reisegepäck haben sollte, wenn man nach Rhodos oder Zypern fährt.

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