Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für die Kategorie “Über den Tellerrand”

Die dicken Bücher und ich

Obwohl ich mich selbst als eher langsamen Schreiber bezeichnen würde, heißt es ja immer wieder, ich sei ein „Vielschreiber“. Staple ich meine bislang veröffentlichten Bücher übereinander, ergibt das einen doch recht beachtlichen Turm, den ich in diesem Jahr um noch mindestens zwei geräumige Stockwerke erhöhen will.

Ich bin jedoch nur ein kleines Licht gegen andere und ich frage mich ernsthaft, wie es jemandem gelingen kann, tausendseitige Romanmonster zu schreiben; wie er seinen Alltag und sein privates Leben organisiert und vielleicht nebenzu noch einen Brotberuf ausübt und trotzdem fette Bücher schreiben kann. Ein paar Beispiele:

Die Tausend-Seiten-Rätsel.

Heinrich Albert Oppermann (1812 – 1870) schrieb neben der Arbeit in seinem Brotberuf als Rechtsanwalt und Politiker auch noch etliche literarische Werke, darunter den gut dreitausendseitigen (!) Generationenroman „Hundert Jahre“. Es ist laut Arno Schmidt der einzige politische Roman eines Deutschen. Ungefähr 100 Jahre dauert es auch, diesen leicht angestaubten Schmöker zu lesen. Wie viel Zeit Oppermann wohl benötigte, ihn ohne Laptop oder Schreibmaschine niederzuschreiben?

Georg Philipp Telemann (1681 – 1767) war in 2 Kirchen Kapellmeister und leitete die Hamburger Oper. Nebenbei entstanden so viele musikalische Werke in jeder damals bekannten Musikgattung, dass die Forschung auch heute ihren ganzen Umfang noch nicht ermessen kann. Man kennt über 3600 Werke, aber vieles ist verlorengegangen. Wenn man alles am Stück ohne Pause und Schlaf anhören will, benötigt man etwa 4 Monate. Wie schnell brachte Telemann mit einer gespitzten Gänsefeder und selbst angerührter Tinte aus Schweineblut und Ruß die Noten seiner komplexen Orchesterwerke aufs Papier?

Dies sind nur zwei etwas unbekanntere Beispiele von Künstlern, die ein kaum übersehbares Mammutwerk hinterließen. Die Liste ließe sich beliebig verlängern: Schriftsteller wie Balzac, Gutzkow, Meredith, Proust, Jules Verne, Pérez Galdós, Heimito von Doderer oder Tolstoj schrieben endlose Romanungetüme, die heutzutage kaum mehr jemand in die Hand nimmt, wenn sie nicht gerade aktuell verfilmt wurden. (1) Freilich entstehen auch heute noch ab und an solch dicken Wälzer, etwa „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace oder „Dein Name“ von Navid Kermani – von endlosen Fantasyroman-Bandwürmern wie „Game of Thrones„, „Otherland“ oder „Brautschau“ mal ganz zu schweigen -, aber dem modernen Schriftsteller stehen inzwischen einige Möglichkeiten zur Verfügung, sein Schreiben zu beschleunigen: Er hat in aller Regel einen Schreibcomputer und das Internet zur Verfügung (paste and copy), ein fleißiges Lektorat, das ihm die Korrekturen abnimmt und einen Verlag, der jederzeit über eine SMS erreichbar ist (Achtung: Ironie!). Dostojewski hingegen stand an seinem wackligen Schreibpult und beschrieb mit Bleistiften, die er ständig anspitzen musste, linierte Papiere. Balzac verzichtete auf Schlaf, hüllte sich zum Schreiben in eine weiße Mönchskutte, schüttete täglich 50 Tassen Mokka in seinen Schmerbauch, machte endlose handschriftliche Korrekturen auf den Fahnen seiner an ihm verzweifelnden Druckereien. Tolstoj ließ seine Frau Sonja Krieg und Frieden“ sechzehnmal abschreiben. Dazu hat jeder dieser Autoren noch eine umfangreiche Korrespondenzund eine schier unüberschaubare Anzahl an Kurzgeschichten hinterlassen, die alleine schon dicke Bände füllen. Viele der oben erwähnten waren zudem noch für Zeitungen und Zeitschriften tätig.

Warum erzähle ich das alles? Nun, weil ich mich ernsthaft frage:

Woher nahmen diese Autoren die Zeit, ihre gigantischen Werke zu schreiben?

Gut, ich weiß, es gab im 19. Jahrhundert noch keine Freizeitgesellschaft, vor allem kein Fernsehen oder Netflix; aber abends wurde im gutbürgerlichen Haushalt nicht geschrieben, sondern sich gegenseitig vorgelesen oder eine Abendgesellschaft besucht. Auch die patriarchische Gesellschaft funktionierte noch: Falls der Schriftsteller verheiratet war, machte die Frau die alltägliche Arbeit und kümmerte sich um die Kinder. Die anderen hatten dafür Bedienstete, die ihnen einen faulen Apfel in den Schreibtisch legten oder ihre Tischgespräche mitschrieben. Doch das alles erklärt nicht, wie es den Künstlern gelang, ihre fetten Tausend-Seiten-Wälzer zu schreiben, wann sie dazu die Zeit fanden.(2) Auf diese Menschen trifft auch nicht Jorge Sempruns Behauptung zu, man müsse sich als Autor irgendwann zwischen dem Schreiben und dem Leben entscheiden. Sie hatten alle – von Marcel Proust einmal abgesehen – ein Privatleben, pflegten ihre Steckenpferde (3), verliebten sich und machten Reisen.

Manchmal glaube ich, dass früher, vor dem Maschinentakt, den uns die Moderne vorgibt, eine Minute länger war als heute, dass sich die Erde heute schneller dreht und die Zeit mit ihr.  Es heißt, als Gott die Zeit schuf, habe er genug von ihr gemacht. Aber er hat sie ungerecht verteilt. Mir rinnen die Tage wie Sand durch die Finger. So viel nehme ich mir morgens beim Aufstehen vor, doch so wenig kann ich beenden, bevor es Abend wird.

Ich bin wohl im falschen Jahrhundert geboren. Vor 200 Jahren, da hätte noch ein großer Autor aus mir werden können. Heute jedoch fehlt einfach die Zeit dazu…

Manuskript2

Zwei Seiten vom Manuskript meiner neuen Erzählung. Ob sie jemals fertig wird?

______________________

(1) Mich ärgert es als Autor maßlos, wenn ein Roman im Buchhandel plötzlich auf dem Titel ein Foto aus der Verfilmung trägt und darüber in Verwechslung von Ursache und Wirkung aufdringlich „Das Buch zum Film“ zu lesen ist. Die Cinematografie ist eine Afterkunst; oftmals nett, aber belanglos. Und was wären diese hochgejubelten Schauspieler ohne den Autor, der ihnen die Worte in den Mund legt, den Maskenbildner, der sie schön macht, den Beleuchter, der sie ins richtige Licht rückt, den Kameramann und den Regisseur, die ihnen erklären, wie sie sich zu bewegen haben? Eine noch größere Untat begeht gerade Piper, deren Kreative sich nicht entblödeten, die aktuelle Taschenbuchausgabe von Thomas Hardys „Tess“ ausgerechnet mit einer Aussage der 50-Shades-of-Gray-Produzentin (meine Hand weigert sich, den Namen der „Autorin“ zu schreiben) zu bewerben, sie habe beim Schreiben ihres unsäglichen Machwerks an diesen großen Roman denken müssen. Ausgerechnet! Aber darüber habe ich mich schon einmal aufgeregt.

(2) Ich habe es ausprobiert und eine Seite von Dostojewskijs letztem großen Roman „Die Brüder Karamasoff“ mit der Hand abgeschrieben. Ich benötigte dafür ziemlich genau eine Viertelstunde, ohne Korrekturen, ohne Nachdenken, ohne Recherche. Wie schnell schrieb der große Russe solch eine Seite? Brauchte er 30 Minuten, eine Stunde, länger? Wie schaffte er das in seinen 60 Lebensjahren, obwohl er vier Jahre im Straflager saß, an Epilepsie und Spielsucht litt? Schließlich hinterließ er acht weitere Romane ähnlichen Umfangs, Novellen und Erzählungen, sein „Tagebuch eines Schriftstellers“ und gründete zwei Zeitschriften.

(3) Balzac versuchte reich zu werden, indem er in Paris in Gewächshäusern Ananas züchten wollte. Ein früher Frost machte seine Pläne zunichte.

 

Ein paar Gedanken zur der Erzählung „crisis“

hydria tam diu ad fontem portatur, donec vel tandem frangatur.*

brunnen1

Was man aus dem Brunnen ißt – Anthologie von Wolkenstein, Band III – 2004 – ISBN 3-93-1069-17-6

Ein brütend heißer, schier endloser Sommer; die abgestumpften Menschen leiden an Schlaflosigkeit, Depressionen und seltsamen Visionen. Ihre Begegnungen sind nur noch oberflächlich und zufällig. Doch etwas geht vor sich. Die Gesellschaft verändert sich, etwas scheinbar Neues entsteht in der Hitze der Nacht. Ein WORT wird in den Gassen geflüstert: Von vielen wie eine Erlösung begrüßt, heben Faschischmus und Rassismus ihr hässliches Haupt aus dem Schmutz der Gosse. Alle hören die Worte der Demagogen, sehen den Hass ihrer Anhänger, erleiden die blanke Gewalt auf den Straßen, aber niemand will widersprechen, einschreiten, gegen sie aufstehen, bis es zu spät ist.

Das alles habe ich bereits vor fünfunddreißig Jahren in crisis erzählt. Zu meinem Erschrecken ist diese Geschichte heute viel aktueller als damals.

*

Laut WordPress-Statistik hatte ich in den letzten Tagen keine Zugriffe auf meinen Blog. Das ist selbst für meinen kaum besuchten und unbeliebten Blog ernüchternd wenig. crisis wollte niemand lesen. Ich kann es verstehen. Denn crisis ist trotz ihrer kompositorischen Schwächen Literatur – und die passt nicht in die heile „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Bloggerwelt und ins Internet. crisis tut weh. Diese kurze Erzählung ist ein scharfes Messer ohne Klinge, dem der Griff fehlt. Aber das ist doch die Aufgabe von Literatur: Sie ist dieses Messer! Sie muss weh tun. Nur der Schmerz weckt aus dem Schlummer der Selbstgefälligkeit und der Gleichgültigkeit, in dem wir in unseren Wohlfühlnischen und Internetblasen liegen und wir mit Gleichgesinnten anerkennendes Schulterklopfen und „Gefällt mir“ austauschen.

*

Obwohl ich durchaus kein Freund davon bin, meiner eigenen Literatur eine Hermeneutik beizugeben – sie zu erklären -, glaube ich, dass die ebenso komplexe wie komplizierte Erzählung crisis, die ich in den letzten Tagen unter Ausschluss aller Öffentlichkeit bloggte, ein paar Erläuterungen nötig hat.

crisis ist einer der wenigen Texte von mir, die schon einmal von einem Verlag veröffentlicht wurden. Er entstand für eine inzwischen längst vergriffene Anthologie des Magdeburger Wolkenstein-Verlages (www.vonwolkenstein.de), deren Titel und Motto: Was man aus dem Brunnen ißt lautete und die 2004 dort erschienen ist.  Da ich ein Autor bin, der ungern etwas verkommen lässt, beruhte meine für die Antologie eingereichte Erzählung auf einem alten Fragment aus den späten Achzigern, das ich für die Anthologie stark erweiterte und ergänzte. Ich benutzte dazu Teile meines nie vollendeten ersten Romans Das Spiel, der aus der gleichen „Schaffensphase“ stammt und von dem ich erst kürzlich ein paar Ausschnitte bloggte. Dies mag vielleicht die Verwendung eines Diktaphons durch den Ich-Erzähler, seine rücksichtslose und weinerliche Egozentrik und das heute sehr fragwürdige Frauenbild des Textes erklären. Ich hielt es nicht für nötig, die Sturm-und-Drang-Elemente meiner Jugend zu glätten, da sie direkt aus der Seele des jungen Mannes kamen, der diesen Text begonnen und wieder einmal nicht zu Ende gebracht hatte.

moi7

Ein Portrait des Künstlers als junger Mann – Wasserfarben

Der Verlagsleiter, Robert Knorr von Wolkenstein, stellte ‚crisis‘ damals die folgenden einleitenden Worte voraus:

„Klammer nimmt sich der Macht des Wortes an, der Macht, die ein Wort haben kann, weil es das Denken speist, weil es das Sinnen bestimmt, Nahrung und Druckmittel ist, Lüge, Wahrheit und Manipulation gleichermaßen ausüben kann. Es ist die Angst, die uns treibt, es ist die Gier nach dem nicht versiegenden Quell unserer Wollust. In Klammers Geschichte gilt nicht die Befreiung durch das Wort, sondern nur die Macht des manipulierenden Gedankens, der das aufgreift, was an tierischen Atavismen in uns west.“ – Ist damit etwas erklärt? Ich weiß es nicht.

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten sind in dieser Geschichte alle Wörter kleingeschrieben – mit Ausnahme des WORTes und des geheimnisumwitterten ER, auf den alle wie auf einen Messias warten. Ich halte die durchgehende Kleinschreibung normalerweise für einen überflüssigen Manierismus, den ich meide (nach dem Motto: Achtung! Ich schreibe klein – jetzt folgt Literatur!). Ich will es dem Leser nicht unnötig schwer machen und es gibt außer Arroganz  und Faulheit zumeist keinen Grund, dies zu tun. Hier jedoch erschien mir die Kleinschreibung als eine Möglichkeit, die Gleichförmigkeit und amorphe Stupidität der Tagesläufe des Erzählers auch optisch wiederzugeben. Sie sind ein langweiliger, immer wieder wiedergekäuter Brei aus sich zum Verwechseln ähnlichen heißen Sommertagen und -nächten ohne Höhepunkte, Entwicklungen und Ereignisse. Allein die Versprechen von IHM und das WORT ragen heraus, stehen wie Türme in der niedrigen Sumpflandschaft. Und doch sind es nur Lügen, die bereits meinen Vater zerstört haben; hohle Phrasen aus dem Repertoire der Agitatoren und Hassprediger, der Betrüger und Mörder, die schon einmal ganz Deutschland in den Abgrund gelockt haben und es nun erneut tun wollen. Spätestens seit AfD und Pegida sind sie wieder da: laute und, frecher denn je suchen sie nach Anhängern und sähen ihre verdorbene Saat der Gewalt, die immer wieder, wie zuletzt in Hanau, in Mord und Terror mündet. Man hört sie an den Straßenecken und in den Kneipen, auf öffentlichen Plätzen, in den social media. Ihre  WORTe finden sich in den Reden der Wutbürger und inzwischen auch der willfährigen Politiker. Unglaublich, was heute von diesen geistigen und realen Brandstiftern aus der rechtsradikalen Ecke wieder öffentlich gesagt und getan wird, welche WORTe sich ihre ekelhaften Demagogen erlauben dürfen. Das hätte einen Trupp SA’ler zu stehenden Ovationen hingerissen. crisis will ein Warnruf sein, doch ich weiß, er wird ungehört verhallen, denn es ist Literatur. Die liest niemand. Die Nazis können lauter schreien als ich, ihre WORTe sind einfache und im Zweifelsfalle werden sie mich eben totschlagen. Darin sind sie ja besonders gut.

Aber wie oben schon gesagt: Niemand liest mich hier und deshalb kann ich hier auf diesem Blog schreiben, was ich will. Das hat auch seine Vorzüge.

*

So unglaublich und erschreckend das klingen mag: Die Gespräche, die in crisis geführt werden, sind alle authentisch. Sie sind Abschriften von Tonbanddokumenten, die ich als junger Mann aufgezeichnet habe. Wie der Erzähler war auch ich mit einem kleinen Diktaphon unterwegs und schnitt die Wortwechsel mir unbekannter Personen am Nebentisch mit. (Vorsicht: Ich mache das manchmal heute noch und mein Mikrophon ist unaufälliger als damals). Die hilflose Ohnmacht des Erzählers in crisis, der von Gewaltvisionen und anonymen Mächten in den Tod gehetzt wird, entstammt übrigens meiner E.T.A.-Hoffmann-Lektüre. Ausgerechnet, wird man vielleicht denken. Aber Hoffmann ist ein zwar vielgelesener, leider ebenso oft unterschätzter wie missverstandener Autor, dem ich vieles für mein eigenes Werk verdanke. Letztlich klingen in ‚crisis‘ bereits die Hauptthemen meiner Roman Aber ein Traum und Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren an: Fremdheit, Ausgeliefertheit, Unsicherheit.

67

Plakat zu meinem ersten Theaterstück: „67“

*

Bevor die Nazis begannen, Menschen zu verbrennen, verbrannten sie deren WORTe, verbogen sie, machten sie zu einem Werkzeug ihrer Verbrechen. Dadurch ist es ihnen tatsächlich gelungen, dass viele deutsche Autoren in ihrer Heimat vollkommen in Vergessenheit gerieten und ihre Werke heutzutage, wenn überhaupt, nur noch antiquarisch erhältlich sind. Eine ganze Generation an Schriftstellern wurde vernichtet und nach dem Krieg musste die deutsche Literatur wieder stotternd und hilflos von Neuem beginnen. Das darf nicht noch einmal geschehen. Auch deswegen habe ich crisis geschrieben. Auch wenn sie unter der Brandung des Twitter-, Instagram-, WhatsApp- und Facebook-Geschwätzes sang- und klanglos untergehen wird. Im Internet findet die Bücherverbrennung unserer Tage statt.

Sie opfern Schlaf, um Philosophie zu lernen. Man sollte im Gegenteil Philosophie studieren, um schlafen zu lernen.

—————————–

* wörtlich: Das Wasser wird so lange zur Quelle gebracht, bis es endlich gebrochen werden möge. Heute sagt man: Der Krug geht so oft zum Brunnen, bis er bricht.

Silber – Eine Kurzgeschichte

Silber, das ist ja Silber. ein raum zeit zu gehen da wohnt noch keiner Ein Monolog über mich. ein raum zeit zu gehen da wohnt doch einer Zwei, die gemeinsam reden, müde Stimmen. da hat Mehr wäre Lüge, oder vielleicht auch nur hör doch da drüben die stimme lass doch ein Spiel? nicht wahr Auch Wirklichkeit ist Schweigen. da drüben nein da ist alles anders Ich muss es sagen. Die Räume warst hast sind gewohnt. Auch die Gestalt. Wie immer. hat Leerlauf. Leergang oder Mühen: da drüben nein da ist alles anders Es lohnt sich nicht. nein da möchte ich nicht einmal sterben Alles gewohnt, nichts Neues und doch: du fragst mich Ich bin nahe am Schweigen, nach überdecke mit Worten: lösungen fragst du Das ist Silber. du

Ich hab mir den Bart mit einer Haushaltsschere gestutzt. Es war nichts anderes greifbar. Wo ist eigentlich… egal; zögernd überm Waschbecken, dem Alibert zugeneigt, wie immer. Mir selbst entgegen lächelnd. Aber: Werde ich dick? Mein Gesicht war schon schmaler. Vergeistigter. Es ist wie aufgebläht von Wohlleben und Kapitalismus, die Zornfalte ist doch nur noch ein umhegtes Steckenpferd. Jeder verhätschelt was, ein Haustier, eine Frau, so in der Art. Jeder das seine, ich weiß nicht. Ich habe meine Neurosen. Die sind gar nicht so pflegeleicht. Wenn man sie gewohnt ist, wird man Bürger. So wie mein Bruder, der sitzt in seiner teuren Wohnung mit Frau und Kindern. Das ist schon lächerlich bei dem. Rackert sich einen ab, hat sogar geheiratet. Muss man sich mal vorstellen, nein.

Die Schere war klebrig und stumpf. Jeder Schnitt war schwerer als der vorherige. Die Haare blieben wie Schamkräusel am Pissbecken hängen. Dann habe ich einen Pickel entsorgt. Ein Riesending an der Nase, richtig unappetitlich. Da hilft nur noch ausdrücken.

Ich bin ein Feigling. Trau mich nicht ran. Komm, ein bisschen Schmerz. Dann ist alles vorbei, kaum der Rede wert. Wenn es blutet, mach ich aber alles noch schlimmer, das sieht dann eklig aus. Der Pickel wird sicher bluten. Der ist ein Bluter. Ich sehe das. Und ich habe eine Pflasterallergie. Also so kann ich doch nicht unter Leute.

Als Zwischenbemerkung, zur Situation: Sitzen die beiden Mädchen im Sommacal nach der Schule und lassen sich von einem Zuhälter beschwatzen. Ich bin feige und still, knabbere hingebungsvoll am Anisplätzchen zum Kaffee. Draußen auf der Maxstraße holpert ein Bundeswehrlaster vorbei. Ein paar Blicke. Die Bedienung stinkt wieder nach Schweiß. Ich schwänze eine Vorlesung. Eindrücke sammeln, nenne ich das. Das war gestern. Ich habe mir den Bart gestutzt, fingere an einem Pickel. Das ist heute. Morgen? Irgendwie ist gestern bereits morgen. Sitzt da ein Zuhälter mit zwei Schülerinnen im Sommacal und gafft einem kurzen Rock hinterher. Seine fetten Finger tätscheln. Ich nage an einem Keks. Zum Kaffee. Irgendwie ist das Morgen. Und das Wetter? Ja, das Wetter. Das ist dem Monat entsprechend, würde ich sagen. Bald ist Herbst.

Mir ist das zu kalt. Für jemanden, der Schals und Handschuhe mag, gut. Aber mir ist das zu kalt. Vielleicht kommt bald Föhn. Ich spürte zwar nichts, als ich den Pickel ausdrückte, aber mir war, als ob bald Föhn wäre.

Da spritzt der Eiter, klatscht gegen den Spiegel. Und bluten tut es auch. Ich habe es gewusst.

Ich hatte ein Taschentuch in Reichweite. Ich bin ein vorsorgender Mensch. Presste es an die Nase, sah zur Uhr. Noch Zeit. Ein Rätsel will ich sein. Mir und den anderen. Um mich hinter dem Ohr kratzen. Jetzt. Ich habe dort einen grünen Streifen. Ja, hinter dem Ohr bin ich grün. Ha, ha. Das Brillengestell reagiert dort mit meinem Schweiß und oxidiert Grünspan. Nimmt das die Haut auf? Kann man davon Krebs bekommen? Oder eine Bleivergiftung?

Ich möchte mal wieder das Testbildpfeifen in der Glotze hören, gibt es das eigentlich noch? Bei der Rundumversorgung? Früher habe ich am Piepston erkannt, welcher Sender gerade „Nichts“ sendete. Ich habe das geübt. Ich wollte damit in „Wetten das?“ auftreten.

Oder ich zähle meine Bücher. sechstausendsiebenhundertneunundreißig, alphabetisch sortiert von Achternbusch, Herbert bis Zweig, Stefan. Und alles, was es dazwischen gibt. Die achtundertzweiundachzig im Arbeitszimmer nicht mitgerechnet.

Wenn nichts mehr hilft, räume ich die Wohnung auf. Therapie. Das sagte ich schon. Soll mich ablenken und be-chef-tigen. Sie beschützt mich.

Anders gesagt: Zwar habe ich noch ein paar Fragen, aber ich suche keine Antworten mehr. Ich bin nicht mehr so verbissen. Das sind noch die gleichen, selbstverständlich, aber sie sind, wie soll ich sagen, wichtiger? Nein, das ist nicht wahr. Existenzieller? Ja, wahrscheinlich. Aber ein Fremdwort macht nicht immer alles gut.

Also, wo war ich? Ich fange noch einmal an: Es sind die gleichen Fragen wie früher, aber sie sind existenzieller geworden. So in etwa. Gut.

Aber wenn ich es mir überlege. Existentiell?

Ich hab’s. Ich bin den Antworten nicht näher gekommen, aber sie sind nicht mehr ein dominierender Bestandteil meines Lebens. Dominierend dominant. Existentiell dominant. Dominierende Existenz. Schön. Wüsste ich keine Fremdwörter, würde ich welche erfinden. Exdoministenz. Das.

Das ist ein geschickter Themenwechsel. Er funktioniert. Der Selbstschutz. Ich bewundere mich. Ich kenne niemanden, der so viel Eleganz entwickelt, wenn er unbequemen Gedanken ausweicht. Es blutete auch nicht mehr. Die Stelle war gut verschorft und ich bemühte mich, nicht an ihr zu kratzen. Ich konnte mit der Herstellung meines Gesichtes fortfahren. Haare mussten gewaschen werden. Nägel geschnitten. Körperlotion, Toilettenwasser. Heute Abend würde ich perfekt sein. Das hatte ich im Gefühl. Ich war bereits jetzt in der Stimmung.

Kiening

Das habe ich mir letzten Samstag auch eingebildet. Letzten Samstag bekam ich einen Feind. Ich stand gut auf und war fit. Es kam ein Brief, der deutlich war; diese Art von Briefen, die auf dem Umschlag schon das Unglück verraten, das in ihnen steckt. Seitdem weiß ich nicht, wo ich beginnen soll. Klammere ich mich an der Zeit fest. Ich versuche auszuharren. Aber alles entgleitet mir. War diese Woche schon? Eine Woche. Sie ist mit einem Augenaufschlag abgetan. Und doch, mal ehrlich, seit dem Tag fühle ich mich im Auge eines Sturms. Die Zeit ruht. Nein, sie ist nur bewegungslos. Sie lügt.

Ja. Sie ist mein Feind.

Lüge, lüge, Lügner. keine sorge nur ein kurzes Inzwischen ist es ja deutlich. Mal wieder nur das gewohnte Bild, nichts Neues. Auch die Worte sind nur Reminiszenz. Aber sie sind wieder ehrlich und ernst gemeint. nein nicht einmal gestorben will ich will so bin ich ein paar sätze machen noch das alles du Hör auf. Muss ich das denn immer wieder sagen? Sei duldsam. Warte auf den Schluss. Auch wenn du dich langweilst. Deine Empfindung ist nur eine Varianz, eine geringfügige Abweichung von der Norm. Die Empirie gibt mir Recht. leben heißt dort lebendig begraben nicht mit mir ich steh auf verfolgte der erde nicht mit mir ich bin keine antwort ich bin ein programm.

Ich stehe also vor dem Nichts. Und das ist wahr, obwohl es wie eine Lüge klingt. Bei Aphorismen lüge ich immer. Weil der Kreter weiß: Die Generalisation ist die Mutter aller Lügen. Ja, sehr wahr. Jeder Philosoph kennt diesen Satz. Nichts. Was ist das? Ich stehe davor. Wovor? Stehe ich? Vielleicht sitze ich doch auch. Ich. Wer ist denn das?

Das ist ausgesprochen kasuistisch. Ich werde immer spitzfindig, wenn ich Zeit habe und langsam ins Sommacal schlendere. Ich weiß nicht, das liegt an den Menschen um mich herum, an der Umgebungskaries, klar: Was weiß ich, Stimmung eben, Über-all-einstimmung. Und dazu ich selbst. Frisch den Bart gestutzt, Haare gewaschen, überhaupt: Gewaschen und gut riechend. In zu enger Kleidung.

Ich werde doch wirklich zu dick.

So elegant, wie es mir möglich ist. Und jetzt bin ich auch noch Kasuist. Die Zornfalte ist tief gefurcht. Mein Kainsmal. Ein Herr-Mann mit inneren Narben. Hessingway. Der schmerzlich-grame Ausdruck um die Augen. Dieses: Welt, ich weine. Welt, ich fluche. Genau so gehe ich den Weg zur Verabredung. Der nachdrückliche Schritt des Helden an einem ganz normalen Abend im Herbst.

Nein, seit Tagen.

Seit Samstagen stehe ich vor dem Nichts. Ich bin am Ende. Es wird mir von Tag zu Tag bewusster. Obwohl ich mich mühe, die Schmerzen zu unterdrücken.

Psychosomagenschmerzen.

Die werden immer stärker. Da, an der Seite, nicht so weit rechts. Dort ist der Punkt. Da, ja. Ich denke, ich habe sie schon länger, nicht erst seit voriger Woche. Ich bin mir sicher. Sie sind schon seit Monaten da, eingeschlossen in Haut und Fleisch – auf unauffällige Weise präsent. Aber deutlich spüre ich sie erst seit einer Woche. Der Brief war wie ein Schalter. Jetzt kann ich die Schmerzen richtig einordnen. Ich glaube, ihre Dimension ist jetzt eine andere, sie strahlen. Und so gesehen gehören sie doch zu meiner gegenwärtigen Situation, sie sind ein Teil von mir. Es kann natürlich auch der Föhn sein. So ein Föhn, der ist doch was. Wenn er kommt.

Eine glänzende Ausrede zumindest. Und jetzt.

Jetzt bleibe ich an einer Auslage stehen, verharre, ich würde sagen, unschlüssig. Ich achte nicht auf den Inhalt des Fensters, ich suche meine Magenschmerzen. Aber ein Es-Teil meines Gehirns muss sich doch für das Dargebotene interessiert haben. Ich starre seit geraumer Zeit in das Schaufenster eines Miederwarengeschäfts, auf Negliges, Satin, Strapse, verpackte Fleischwaren, gemeinsam mit Dekoflitter-flatter appetitlich (Arno Schmidt hätte jetzt „appe-titt-lich“ geschrieben) dargeboten. Ich werfe vorsichtige Blicke zu den Seiten, dann schlendere ich betont gleichgültig weiter.

Ich bin bestimmt rot im Gesicht. Das kommt von der abendlichen Kälte, dem Bier, der frohen Erwartung. Ich verkünde euch eine große Freude.

Kaum. Aber meine Probleme sind mal wieder weit weg. Ich betrachte aufmerksam die Leute. Der hat die gleiche Hose wie ich. Mir steht sie besser. Bei dem schlottert sie, wirft Falten, außerdem ist meine sauberer. Das liegt am Waschmittel. Sie ist sondern rein.

Vielleicht noch einmal zur Situation: Gestern Abend: Fernsehen. Die Augen habe ich in die Glotze gesteckt, ganz nah am Flimmern, bis sich die Gesichter fast in Farbpunkte auflösen. Pointillismus. Bis zum Einschlafen; irgendein Debattierclub, in Ledersessel versunkene Freitaxabendreden. Den Bartwuchs der Wichtigtuer beobachten, selten das Thema gedankenverloren streifend: Damals, ja, da war ich noch. Ich könnte meinen mal wieder stutzen. Heute: Stimmungsvolles glöckchenhelles Schlendern in der Dämmerung. Erfolgshoffnung. Unterstützung der Kondomindustrie.

Bin ich unmoralisch?

Wer vor dem Nichts steht, kann nicht unmoralisch sein. Und morgen, das hatten wir schon. Das ist irgendwie gestern. Also Fernsehen, vielleicht diskutieren sie noch immer. Nur: Morgen ist eine Woche vorbei. So weit, so gut. Andere Gedanken sind stärker, relativieren vieles. Einen anderen Weg gibt es immer. Dieses Nichts ist zu endgültig. Es klingt gelogen wie die Liebe in einer Fernsehserie, talmiglänzende christliche Erbarmherzigkeit.

Zusammengefasst: Ich habe die Lage wohl richtig erkannt, mit „Nichts“ treffend genau beschrieben. Aber realisieren, „Nichts“ Sein lassen, ist mir nicht möglich. Meine Gedanken machen mich nicht schlauer.

Sie machen mich traurig. Eine Woche. Irgendwie ist das Morgen. Irgendwie ist das das „Nichts“. Suizid? Fremdwörter. Selbstmord. Mord.

Ich gehe durch die Nacht. Es ist nun Nacht. Jetzt habe ich meinen Schritt beschleunigte Lichter blenden mir ins Gesicht. Geräusche der Kälte sind um mich. Sie dringen durch den Schal, der mich nicht wärmt. Trauer tragen die Häuser. Eine skurrile Zeit ist das: Dezember. Zeit zwischen den Zeiten. Bewegungslosigzeit zwischen einem Lokal und Daheim, zwischen Frau und Frau. Unterwegs zum Nichts. Heute ist der Tag, an dem ich mit dem Suizid kokettiere.

Ja. Die Fremdwörter.

Was soll ich sagen. Narzissmus. Ein paar Worte vielleicht zu diesem Thema. Vergiss nicht, alles schon gehabt. Diesmal ist es etwas deutlicher und weniger Weihrauch. Aber trotzdem eine Wiederholung. Die zur Seite ins Unwesentliche gerutschte Vaterfigur, Dominanz der Mutter. delegation legende familie hausmachertherapie Hilft da nur für kurze Zeit die Kunst. Nimm doch die Romantiker, da wird es auf jeder Seite, die du liest, deutlicher. Die sind fast zu typisch. Der Doppelgänger, wo kommt der her? Narziss, Ödipus. Und dann, natürlich: Ich bin die Wonne der Welt, die meinen Neidern die Freude vergällt. Wie gut, dass einem jeden nur sein eigener Zustand behagen muss. Und die Moral, wo bleibt die Moral? das positive ja ein gespenst in seiner weiteren entwicklung hast hat sich verlaufen der katzenjammer die ärmsten da will ich nicht einmal begraben willl ich will bin ja pfahl bin ja spieß bin ja produziere meine eigenen totengräber ja du Der Untergang der Moral und der Sieg des Narzissmus sind gleich unvermeidlich. Vielleicht hilft da nur noch der Glaube: Es macht den Wert und das Glück des Lebens aus, in etwas Größeres aufzugehen, als man selbst ist. Heute ist euch der Retter geboren. lachhaft das ist ja da möcht ich nicht mal sterben Ja, wir haben es doch erlebt, gehört, wie moderne Deutsche das „Gegrüßet seist du, Maria“ aufgaben und an seine Stelle „Heil Hitler“ setzten. Was also bleibt? ich liebe mich

Jeder Platz ist gewohnt, von mir be-sitzt. Weniger der im Schlauch zum Klo; am Besten ist doch ein Vierertisch von an der Fensterfront. Vielleicht nicht gerade bei der Tür. Da zieht es im Winter. Ich habe genau den richtigen Platz erwischt, war kein Problem. Es ist die Zeit. Wenn die Nachmittagskaffetrinker heimgehen, das Abendpublikum noch vergeblich einen Parkplatz auf der Maxstraße sucht. In einer halben Stunde, weiß ich, wird es nicht mehr möglich sein, noch einen einigermaßen brauchbaren Stuhl zu finden.

Ich habe ein Pils bestellt. Schmeckt heute anders und wärmt nicht. Aber der bittere Geschmack löscht am besten den Durst.

Ich bin königshöflich zu früh. Was musste ich auch vom Capitol aus rennen? Jetzt kommt die Lange weilende Zeit der Sammlung. Ich habe nicht einmal ein Buch dabei, das habe ich ganz vergessen. Es macht immer Eindruck, wenn man etwas Kluges liest, dann setzt sich auch keiner zu einem. Man will ja nicht stören. Sie nehmen einem höchstens die Stühle weg. Also werde ich ernst und tiefsinnend warten, den Zeigefinger auf den Mund gelegt. Die Augen weit geöffnet, die Backen eingezogen. Das macht mich gleich etwas dünner. Penetrierend auf der Suche nach Augenkontakt. So wirke ich. Interessant vergeht doch die Zeit am schnellsten. Ich beobachte. Ich höre. Ich rieche. Warum muss ich eigentlich immer an einem Tisch sitzen, für den diese Landschweißpomeranze zuständig ist?

Da fällt mir Rudi ein. Den hasst sie, weil er einmal ohne zu zahlen das Lokal verlassen wollte; aus Schussligkeit, so ist er eben. Fertigte sie dann auch noch von oben herab ab. Abfertigte sie dann von oben her ab. Ab.

Nun, er kann noch viel arroganter sein als ich. Jetzt ist er ihr persönlicher Zechpreller. Das hat sie auch den anderen Bedienungen der Kellnerinnenmafia deutlich gemacht. Rudi sitzt nun unter liebevoll aufmerksamer Bewachung im Sommacal und einigen anderen Lokalen. Wenn er auf’s Klo geht. Egal. Und ihre Abneigung gegen ihn kriege ich auch zu spüren. Sie behandelt mich mit ausgesuchter, zuvorkommender Unfreundlichkeit. Wieder eine blöde Sache, die ich Rudi zu verdanken habe. Ich hoffe, ihm fällt nicht ein, heute ins Sommacal zu gehen.

Gestern haben die Unrasierten im Fernsehen über Narzissmus als psychische Krankheit geredet. Nach einer Stunde Worte um die Ohren, links und rechts, war ich überzeugt, dass Rudi und ich, nein, dass ich und Rudi, das heißt, dass eigentlich nur ich ein klassisch zu nennender Vertreter dieser Neurotikergruppe bin. Und ein Satz mit dreimal dass, das ist doch was. Na, dann auf mich: Prost.

Wenn ich so sitze. Ja, dann geht es mir gut. Viel zu gut. Und morgen ist mal wieder erst in einem Jahr. In einem Jahr. Unsinn! Morgen. Eine Farce ist das, butterweich gerührt, nur ein Geschmack. Das Heute.

Diese bewegungslose Lüge der Ruhe ist mein wirklicher Feind, die Falle, falle, der ich Farfalle bolgnese. Doch unter der Oberfläche bewegt die Unruh mein Uhrwerk. Tick, tack. Mein rechtes Augenlid ist wieder in regelmäßigen Abständen von hek-tic-schem Zittern befallen. Das hatte ich jetzt schon Jahre nicht mehr. Das letzte Mal in den Tagen vor dem Abitur.

Ausgedrückter Pickel und Magen schmerzen. So kann ich doch heute nicht mehr weiterleben. Jetzt ist es schon an der Zeit zu sterben. Die besten Heute hatte ich schon Gestern. Morgen kommt „Nichts“ mehr. Es kann nur noch schlechter werden. Träume, Tag für Tag. Schon wieder Suizid, werde ich doch manisch. Depressifremdwort. Nein. Kein Selbstmord. Was ich bräuchte, wäre anders. Dramatisch originell. Das bin ich mir schuldig. Vom einem Schulbus überrollt, an einem Staubsauerrohr erstickt, von einem Elefanten totgeschissen. Aber doch keine lange Krankheit, TBC, AIDS oder so. Krebs.

Oder ich heirate, arbeite, ziehe Kinder groß, werde der Bruder meines Bruders. Auch ein Selbstmord, wahrscheinlich der längste und quälendste. Aufhängen soll schnell gehen, wenn das Genick bricht. Sonst röchelt man noch drei Minuten und macht sich in die Hose. Alles ist besser als so weiter zu leben. Warum eigentlich?

Das hat man mir eingeredet. Meine Eltern waren so professionelle Einredner. Mein Vater. Und inzwischen habe ich keine Chance mehr. Ich kann mich kaum bewegen. Die Gitterstäbe meines Gefängnisses sind zwar kaum stärker als Strohhalme, aber ich habe einfach nicht mehr die Kraft, aufzustehen und sie einzureißen.

Lieber schließe ich die Augen und träume sie mir weg.

So lange bis alles zu Ende ist. Fehlt mir nur noch die Frau.

Und da kommt sie schon herein. Sie hat mir keinen Korb gegeben. Sie sieht mich nicht. Ich winke. Jetzt, sie lächelt. Vielleicht hat sie mich gar nicht mehr erkannt. Gerade gut sieht sie aus. Und ich bin heute in der richtigen Stimmung. Das merkt sie. Fangen wir mal an: Hallo, setz dich. Wie geht’s? Ich bin noch nicht lang hier. Ach. Ganz gut. Du siehst fantastisch aus. Ehrlich, ich bin hingerissen. Wenn ich nicht sitzen würde, würde ich umfallen. Ja.

Und so weiter und so weiter und so weiter. Das Wetter, ihre Ohrringe, was machst du an Weihnachten, meine künstlerischen Ambitionen, die Steuerreform. Die ganze Nummer. Atmosphäre. Und so weiter. Quod erat. Quod esset. Ach, das sage ich nur zu mir. Weißt du, ich bin mein bester Gesprächspartner. Da krieg ich immer die Antwort, die ich will. Ja, das Pils ist jetzt hier von einer anderen Brauerei. Ist immer noch besser als Hasen.

Und so weiter.

Ja.

Ja, genug Gerede. Es kommt nichts mehr außer Wiederholungen. Das war ein Resümee, ein euphemistischer Schwanengesang. Zum letzten Mal diese Figur und letzten Mal diese Nähe. Selbstgespräch, gelangweiltes. Das muss einmal ein Ende haben. Ich wollte was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht Was ich wollte. Ich wollte einen Schlussstrich, etwas, mit Worten zugedeckt. Einlullen wollte ich mich. Und Wirk. Was? Ach, ja. Wirklichkeit. Ja. Na, auch Wirklichkeit. Ein wenig zumindest. Zu wenig, um zufrieden zu sein, zu viel, um es als Lüge abzutun. Also doch auch ein wenig Gold, denn geschwiegen wird viel. Verschwiegen die Hauptsache. was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht was ich will das will ich nicht was ich bin das bin ich nicht Die fehlt im Bewusstmachungsprozess. Ich hatte nicht die Möglichkeit, mich mit ihr zu konfrontieren. Dazu war ich zu schwach, da habe ich Silber geredet.

Doch ich bin nahe am Schweigen. So nah war ich noch nie. Ich überdecke es nur noch mit Worten.

was ich will du fragst nach lösungen nach lösungen fragst du mich

Adventliche Süchte

Versuchungen sollte man nachgeben. Wer weiß, ob sie wiederkommen!
Oscar Wilde 

Jetzt naht sie wieder in rasantem Tempo, jene Zeit, die man aus unerfindlichen Gründen in dem südlichen, al­penländischen Raum, den ich bewohne, eine ’staade‘ (für die Nordlichter: ’stille‘) nennt, obwohl sie die mit Ab­stand hektischte im Jahreskreis ist, jedermann und vorallem -frau von Er­ledigung zu Geschenkeeinkauf, von Adventsfeier zu Famili­enfest, von Glühwein- zu Bratwurststand hetzt und alle Werbefritzen und Marktschreier ihre Warenangebo­te mit allerlei Glitzerzeug und Lametta behängt in die winterlich verschneite und frühe Nacht brüllen oder mir aufs Handy schicken. Als würde man sich in einer Zeitschleife befinden, wird gefühlt der Abstand zwischen zwei Hl. Abenden immer kürzer und obzwar die Discounter schon im September mit prallgefüllten Regalen voller Schokoladenweihnachts­männermilitärparaden (so ein Wortwurm geht nur im Deutschen, einfach wundervoll!) vorwarnen, überfällt mich Weihnachten immer wieder überraschend.

„Was, nur noch eine Woche?“ – Kurze, stockende, kopf­schüttelnde Fassungslosigkeit. „Eben war doch noch Herbstanfang.“

Alle Jahre wieder versuche ich die Adventstage zu ent­schleunigen und will als zwar durchaus sentimentaler, aber nichts desto weniger vollkommen, um nicht zu sagen, verstockt Ungläubiger – besonders wenn ich die Haare geschnitten habe -; wohl eher ‚agnostischer‘ Mensch, meine Familie geduldig dazu überreden, dem diesjähri­gen Weihnachtsstress auszuweichen und das Fest irgendwann im Juli zu feiern, stoße aber für mich vollkommen unbegreiflich auf wenig Verständnis.

„In diesem Jahr brauchen wir doch keinen Baum! Ein Gesteck tut es auch!“, versuche ich es trotz besseren Wis­sens.

„Schnickschnack! Zu Weihnachten gehört ein Baum! Aber auf die Geschenke könnten wir vielleicht verzich­ten.“ (1)

„Genau meine Meinung. Am besten sind wir Weihnach­ten überhaupt nicht zuhause.“

„Weihnachten sind wir immer zuhause. Wie in jedem Jahr. Die Söhne kommen und am Sebastianstag auch deine ganze Sippschaft. Ich weiß noch gar nicht, wie wir die alle im Wohnzimmer unterbringen.“

„Wenn wir auf den Baum verzichten würden, hätten wir mehr Platz …“

„Ein Baum muss sein. Punkt. Aber ich werde in diesem Jahr vielleicht ein paar Loibla(2) weniger backen, vielleicht nur die halben Rezepte. Du bist dick genug.“ (3)

Damit bin ich bei meinem Thema angelangt. Und diesmal regt es mich wirklich auf. Ich gestehe es: Ich bin süchtig nach Weihnachtsbackwerk und Süßigkeiten. In jedem Herbst, wenn die ersten Anzeichen für einen nahenden Advent nicht mehr zu übersehen sind, Lebkuchenfirmen mir fürsorglich ihre Prospekte ins Haus schicken, der Teeladen meines Vertrauens sein leicht vergilbtes Schild mit dem einen verheißungsvollen Wort wiederfindet und ins Schaufenster hängt: „Lebkuchenbruch“, ich kompli­zierte Umwege beim Einkaufen mache, um den Süßwa­renauslagen auszuweichen, dann ist es wieder so weit: Dann reift bei mir der Entschluss, auf keinen Fall wie­der in meine seelische und körperliche Abhängigkeit von Spekulatius und den unbeschreiblich leckeren Zimtsternen meiner Frau zu verfal­len. Dich, Gewürzspekulatius, der du so genial mit Tee harmonierst, aber in allen Zahnzwischenräumen kleben bleibst, mit deinen 70 Kalorien pro Stück, der du das rei­ne Fett bist, extrem ungesund und dabei sicher auch noch krebserregend, dich, Teufel, lasse ich in diesem Jahr nicht in meine Nähe! Weiche von mir, du mit schwarzer Scho­kolade überzogener Lebkuchen, saftig, nussig und mit einer Überfülle an Geschmack gesegnet, dass mein Großvater dich sogar in sein Bier eintunkte, du diaboli­sche Erfindung mit deinen 388 Kalorien, zu fast der Hälfte bist du aus ungesundem Zucker! Nicht mit mir, diesmal nicht! Ich werde stark sein und den Versuchungen widerste­hen.

Ein Teil der diesjährigen Auswahl. Dass das Bild etwas unscharf ist, liegt an den Tränen der Rührung, die ich beim Fotografieren in den Augen hatte.

Und tatsächlich gelingt es mir, mich im November noch zurückzuhalten, ich bin ja ein erwachsener, mitten im Leben stehender Mann, der sich und seine unterirdi­schen Gelüste im Griff hat. Ich bin rein, esse Salat, Obst und jetzt gerade in der dunklen Jahreszeit viel Gemüse. Ich bin ein Mönch, ein Gesundheitsapostel. Dann – pünktlich zum ersten Advent – hat Frau Klammerle gebacken. Zimtsterne, Florentiner, Vanillekipferl, Gewürz- und Stollenbollen, Schokoladenbrot, Betmännchen, Ausstecherle, Maronen, und, und, und … aber weniger dieses Jahr, nur die Hälf­te. Behauptet sie zumindest. Aber sie macht Fotos von ihren Werken und verschickt sie über „WhatsApp“ an nei­dische Freundinnen. Plötzlich liegen da auch Spekulati­us und wagenradgroße Lebkuchen beim Vorrat, Schoko-Klammer-Nikoläuse (ja, der Scherz ist alt …) und andere weihnachtliche Leckereien. Habe ich die gekauft? Ich kann mich nicht erinnern, ich war wohl nicht bei Sin­nen, schlafwandelte wahrscheinlich durch den Supermarkt.

Und der Inhalt unseres Adventskalenders wird von Jahr zu Jahr süßer und größer.

Also, eine Sünde kann ja nicht schaden, nur ein „Loib­le“, frisch vom Blech. Ich bin wie ein trockener Alkoholi­ker: Ein einziger Zimtstern stürzt mich zurück in die Sucht. Und ich esse und esse und esse. Und esse. Und nehme heimlich die Batterien aus der Personen­waage im Bad. Die zeigt eh immer zuviel an. Denn auch meine winterlichen sportli­chen Aktivitäten wie extreme-christkindlemarket-going und hot-glowwine-trinking helfen nur bedingt, das Gewicht zu wahren. Ich werde mir ein paar weitere Hosen kaufen müssen und im Frühjahr, versprochen: Da werde ich wieder fasten. Bis Ostern. Dann gibt es Schokoeier, Osterhasenhohlfiguren, Osterzopf …

Ach, wie schwach ist doch der Mensch, wenn er Nikolaus M. Klammer heißt. (4)

Einen schönen Advent wünscht Euch allen

Nikolaus Klammer

 

 

 

 

 

 


(1) Achtung, eine Warnung an die Männer, die diese Glosse lesen. Frau Klammerle sagt zwar wie jedes Jahr, dass sie keine Geschenke will, aber sie meint es nicht so.  Mein Rat: Glaube niemals deiner Frau, wenn sie an ihrem Geburtstag oder eben zu Weihnachten ver­kündet, in diesem Jahr brauche sie keine Geschenke! Das ist eine ganz gemeine Falle. Kaufe daher das größte, teuerste und wundervollste Geschenk, das du finden kannst. Überrasche sie, denn sie hat sicher ebenfalls et­was ganz Tolles für dich, wenn es wahrscheinlich auch nicht die neue Playstation ist, die du dir eigentlich wünscht, sondern vielleicht ein Wellness-Gutschein für zwei, da­mit du wieder etwas in Form kommst nach der Weih­nachtsvöllerei.

(2) Loibla, auf Augschburgerisch auch Plätzle genannt. Mein westbayerisch-hochdeutsches Wörterbuch übersetzt unzureichend mit „kleines Weihnachtsgebäck, Plätzchen“. Jedes Jahr ver­fällt Frau Klammerle in der Woche vor dem ersten Ad­vent der Blätzle-Backwahn-Sekte. Das ist ihre Sucht.  Wer tolle Rezepte kennt, darf sie gerne schicken; Frau Klammerle ist stets dem Neuen aufgeschlossen und ich bin gerne bereit, dieses Neue auch zu probieren.

(3) Diese Drohung machte sie tatsächlich im letzten Jahr wahr: Sie hat keine Loibla gebacken und meine Söhne und ich saßen 4 entsetzliche Adventswochen auf dem Trockenen. Die Herren Söhne verfielen in eine Schockstarre und ich in eine solch entsetzliche Depression, dass wir das traurigste Weihnachten ever erlebten. Ein Horror, der in diesem Jahr nicht stattfindet, da Frau Klammerle unser Flehen erhört und wieder gebacken hat.

(4) Diese und viele weitere Geschichten findet ihr hier:

Noch einmal davon gekommen

Dieser schöne Band ist für wenig Geld überall im Buchhandel (natürlich auch als Ebook) erhältlich und ein ideales Weihnachsgeschenk für jung und alt. Kommt Leute! Unterstützt mal zur Abwechslung einen hungernden Autor.

Martin, Julian und „rabimmel, rabammel, rabumm“

Heute ist Martinstag und es ist für den Abend Regen angesagt. Die selbstgesbastelten Laternen der nassen und frierenden Kinder werden zischend verlöschen und aufweichen, wenn man den Umzug nicht gleich in einer muffigen Turnhalle stattfinden lässt; immer schön zu zweit im Kreis herum. Dann gibt es zwar mehr „Laterne, Laterne“, aber noch weniger „Sonne, Mond und Sterne“ und auch das Abschlussfeuer erweist sich als eine schwierige Herausforderung. Das Quängeln und Weinen der lieben Kleinen wird die Nerven der Eltern bis hin zur herausgeforderten körperlichen Züchtigung und weit darüber hinaus strapazieren. Ein gelungenes Familienfest, so ein Martinsumzug in der Kita. Jedes Jahr von Neuem ein Höhepunkt der Familienaufstellung.

Dieser Martin aber!

Dieser: Ach, so bescheidene, dieser: Ach, so heuchlerische römische Offizier, dessen Name ausgerechnet der Kriegerische bedeutet und den die Kirche uns als Paradigma christlicher Barmherzigkeit präsentiert, er wird auf seinem weißen, gut im Futter stehenden Pferd geritten kommen und Rosinenbrot verteilen.

Unter Dutzenden von verhungernden und leprakranken Bettlern, die nicht zuletzt deshalb vor den Toren der Stadt Amiens, damals Samarobriva genannt, frieren und leiden, weil die brandschatzenden, vergewaltigenden und raubmordenden Truppen des damaligen Unterkaisers Julian, dessen Legionen der Offizier angehört, die Stadt geplündert haben, unter diesen Obdachlosen wird er sich einen einzelnen herauspicken. Ihn wird er mit einem halben Reitermantel beglücken; kein Geld, kein Wasser, keine Nahrung, kein Harz IV., nicht einmal der Tod: Ein viel zu kleines rotes Stück Stoff ist seine Barmherzigkeit.

Dabei will Martin nicht den ganzen Mantel opfern, er, der nur in die Stadt zum Quartiermeister eilen muss, um sich einen neuen Reiterumhang zu holen und der doch genau weiß, dass zwei Hälften nie ein Ganzes ergeben. Dann wird er zufrieden mit sich und seinem Gott weiterreiten und einen Verhungernden zurücklassen, der unter dem zu kurzen Mantel, unter dem sein nackter, wunder Fuß hervorsieht, so lange ein bisschen weniger frieren wird, bis ein weiterer römischer Soldat das halbe Kleidungsstück als Armee-Eigentum erkennen und zornig konfiszieren wird. Nun, Martin ist später Bischof in Tours und heilig; den Bettler hat man wahrscheinlich erschlagen, wenn er nicht über kurz an Hunger oder Krankheit starb, sein Name ist nicht überliefert; aber er diente der Erbauung der Gläubigen …

Der äußerst lukrative und erfolgreiche Feldzug des Julian (331 – 363) gegen die Alamannen, an dem der Hl. Martin auf der Gewinnerseite teilnahm(1), diente dem gerade erst unter seinem Cousin Constantinus II. Mitregent gewordenen und äußerst ehrgeizigen jungen Unterkaiser zur Festigung seiner Macht. Er brauchte Geld und treue Legionen. Beides konnte er sich zuerst in Germanien und dann in Gallien sichern. Noch während seiner Eroberungen wurde er zum oströmischen Kaiser ausgerufen. Kaiser Julians Regierungszeit ist eine Phase der Restauration, der Gegenreformation. Er degradierte das eben erst unter Konstantin I. (288 – 337) zur Staatsreligion ausgerufene Christentum zu einer jüdischen Sekte unter vielen und versuchte mit aller Staatsgewalt, einen diffusen neuplatonischen Glauben einzuführen, der auf der alten Vielgötterei beruhte und den Sonnengott Helios in den Mittelpunkt stellte, den bereits Eliogabal, einer seiner Vorgänger, zum obersten Gott erkoren hatte; ein Gott, dessen Licht alle anderen überstrahlt: „Sonne, Mond und Sterne …“

Julians sehr tradtionellen Sonnengesänge „An den König Helios“ erinnern an Echnaton und bemerkenswerterweise auch an Franziskus. Ob er diesen Wandel aus Überzeugung, aus Atheismus oder aus Machtpolitik einleitete, darüber haben Historiker immer wieder  heftig diskutiert(2). Für die katholische Kirche ist er jedoch auch heute noch ein Abtrünniger, ein Ketzer: Julianus Apostata nennt sie ihn. Eine Wahrheit über Julian, wenn es überhaupt eine gibt, ist schwierig auszumachen, denn der Mensch der Spätanike versteckte sich geschickt hinter Regeln und Konventionen und gab nur wenig von sich preis.

Julian war nicht lange Kaiser. Schon in seinem dritten Regierungsjahr starb er überraschend in einem sinnlosen Feldzug(3) und sein Nachfolger Jovianus – übrigens während seiner Soldatenzeit ein Freund des Hl. Martin – macht alle Reformen eilig rückgängig und das Christentum wieder zur Staatsreligion. In der Literatur jedoch hat Julians kurze Herrschaft nachhaltige Spuren hinterlassen. Eine Unzahl Autoren hat seit der Spätantike über ihn und seinen Kampf gegen das übermächtig werdende Christentum geschrieben; jene historische Chance, etwas zurechtzurücken, die durch einen leichtfertigen Tod in einer unnötigen Schlacht vergeben wurde.

Wie würde Europa heute aussehen, wenn Byzanz heidnisch geblieben wäre, bis ins Mittelalter hinein? Autoren wie Eichendorff, Motte-Fouqué und Ibsen schrieben über oder gegen Julian, selbstredend auch der unsägliche, germanophile Felix Dahn und der in den dreißiger Jahren sehr erfolgreiche, aber heute recht unbekannte, stark von Dostojewski geprägte Dmitri Mereschkowski, der Julian und seine Zeit in einem umfangreichen und durchaus lesbaren, dabei leider etwas zu einseitigen Roman darstellt.(4) Diese Liste ließe sich noch beliebig verlängern. Einen Autor will ich noch nennen, der – nicht überraschend – als einziger Julians mutmaßliche, aber nicht bewiesene Homosexualität in den Fokus rückt: Julian von Gore Vidal.

Dieser Briefroman des 2012 hochbetagt verstorbenen amerikanischen Autors, der auch hier – wie immer in seinen historischen Werken – versteckt über die verlogene amerikanische Politik im allgemeinen und den Kennedy-Clan im besonderen schreibt, ist gut recherchiert und konstruiert und ein idealer Einstieg, wenn man sich für die wahren Hintergründe der gärenden Endzeit des römischen Reiches interessiert, deren geistige Auseinandersetzungen zwischen Christ und Antichrist den Heiligen Martin prägten, jenen doch äußerst zwiespältig zu betrachtenden Heiligen, der heute so harmlos auf seinem Pferd daher geritten kommt und sich von Kindern und Laternen begleiten lässt.

_______________

(1) Die Überlieferung sagt, der schüchterne Martin habe ein paar Mal den Dienst an der Waffe verweigert und dafür Büroarbeit gemacht. Als ich mich bei meiner ersten Kriegsdienstverweigerung auf Martin berief, wurde ich ausgelacht.

(2) Noch immer ist das Standardwerk „Julian, der Abtrünnige“ von Joseph Bidez aus dem Jahr 1940. Es ist nur noch antiquarisch oder in Büchereien erhältlich. Eine aktuellere, dabei auch für Geschichtslaien gut lesbare Gesamtdarstellung stammt von dem Althistoriker Klaus Rosen. „Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser“, Klett-Cotta, 2006

(3) Der Philosoph Fritz Mauthner behauptet übrigens in seinem überaus lesenswerten Roman „Hypatia“ von 1892 (bei mobileread als kostenloses E-Book erhältlich), in dem der Kaiser zu Beginn einen bemerkenswert religionskritischen Auftritt hat, Julian sei von einer christlichen Verschwörung umgebracht worden.

(4) Kostenfrei als Ebook bei Amazon.

Beitragsnavigation