Aber ein Traum …

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Alle Jahre wieder: Der Sonnenhut blüht und der Blog ruht

Der Sonnenhut vor dem Haus blüht. Ich sehe es mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Zum einen ist die Pflanze, die nun bis in den Oktober hinein unermüdlich blühen wird, eine Schönheit, die meinen Vorgarten veredelt. Aber ihre üppige Blüte läutet gleichzeitig den Spätsommer in meiner Gartenwelt ein. Die Tage werden bald spürbar kürzer, die Nächte kühl. Die bienenfleißigen Diedorfer Bäuerlein haben bereits ihr Getreide eingefahren und graben die Stoppelfelder um. Nebelbänke hängen am Abend über der Schmutter und die Spinnen flechten ihre von Tautropfen funkelnden Netze zwischen den Büschen, von denen manche bereits ihre Blätter verlieren. Bald gibt es wieder Federweißen und Zwiebelkuchen zu kaufen. Gefühlt hat dieser Sommer gerade erst gestern begonnen und nun naht bereits der Herbst dieses paradoxerweise auch endlosen Jahres 2020.

Je länger dieser etwas unbeständige und merkwürdige, aber auch der Pandemie zum Trotz wunderschöne Sommer andauert, umso weniger Lust verspüre ich, mich in mein stickiges Autoren-Kämmerchen zurückzuziehen und für meinen Blog Glossen und Artikel zu schreiben und auf Facebook und Instagram zu posten (1). Ich habe den Eindruck, dass du, mein lieber Freund und Follower, kaum mehr Freude daran hast, meine wirren Kopfgeburten zu lesen, denn im Sommer sind wir ja doch mehr (schwitzender) Körper als Geist. Literatur und Nachdenklichkeit passen besser in den Herbst und zu den langen, dunklen Winterabenden.

Mach es wie Amy.

Deshalb ist es für mich wie in jedem Jahr höchste Zeit, mich ein, zwei Monate im Internet ein wenig rar zu machen.  Denn das Erblühen meiner Echinacea Ende Juli ist noch ein anderer Markierungspunkt. Ich werde mir meinen alljährlichen Sommerurlaub gönnen. Wie in jedem Jahr sind für mich auch heuer die Monate August und September eine Zeit der Ruhe und Besinnung, bedeuten mir Entschleunigung und Erholung (und eine Phase des mönchischen Abnehmens; denn als personifizierter Jojo-Effekt habe ich mal wieder ein paar Kilo zuviel auf den Rippen). Frau Klammerle und ich werden ausgiebig Urlaub machen(2), wir renovieren unseren heruntergekommenen Balkon und ich werden den ersten Entwurf meines neuen Romans „Mánis Fall“ zuende führen (zumindest habe ich das vor). Und ich werde auf unserer Gartenterrasse mit einem Glas Wein in der Hand sitzen, mich ein wenig über die Mücken ärgern und in die Abendstille hinein träumend dabei zusehen, wie sich die Welt auch ohne mich drehen kann. Wenn du dich zu mir setzen möchtest, dann komm doch einfach vorbei! Meine Aktivitäten in den sozialen Netzwerken aber werde ich fast vollständig einstellen und ein analoges Leben führen. Du musst dir Nikolaus Klammer in den nächsten Monaten als einen glücklichen Menschen denken. Es kommt nun für meine Familie und mich die schönste Zeit des Jahres. Um es mal wieder mit Green Day zu sagen: Wake me up when september ends, dann lesen wir uns – hoffentlich gesund – wieder. Ich wünsche dir, du kannst diese Monate ebenso genießen wie wir.

Um dir den Entzug vom täglichen Klammer-Posting zu erleichtern: Es ist ebenfalls meine Tradition geworden, dass ich meine E-Books den ganzen August über verbilligt anbiete. Sie kosten ab nächster Woche in allen Shops im Internet oder beim Buchhändler deines Vertrauens nur noch 99 Cent! Das ist doch mal wirklich ein Angebot, das man einfach nicht ablehnen kann! Also, falls du noch Lücken in deiner Nikolaus-Klammer-Sammlung hast: Jetzt kannst du sie schließen. Einmal einen Eiscafé beim Italiener genießen, ist teurer und die Lektüre meiner Bücher ist genauso lecker und hält dabei länger vor.

Wenn du mich also wirklich vermisst: Meine Bücher sind eine ideale und unterhaltsame Sommerlektüre, egal, ob du sie auf dem Balkon, am Strand, auf einer Berghütte oder in einem Café liest. Ich würde mich freuen.

Meine zwölf E-Books sind vom 01. bis zum 31. August 2020 bei allen Buchhändlern zum Sonderpreis von 0,99 € erhältlich.

Habe eine schöne Zeit,

Dein Nikolaus


(1) Wenn du mir dort folgen möchtest: Nikolaus M. Klammer auf Facebook oder Niklas Klammer auf Instagram

(2) Ich glaube zwar, dass inzwischen jedes Südtiroler Hotel mir eine Werbe-Email gesendet hat, aber wie viele andere bleiben auch wir in diesem Jahr lieber in den heimatlichen Grenzen. Zuerst werden wir im Berchtesgadener Land Bergwandern gehen – sofern das Wetter es erlaubt – und später dann zwei Wochen in Burg im Spreewald paddeln, radfahren und „unser Leben chillen“. Zwischendrin erkunden wir unsere Bayerische Heimat und treiben uns zwischen Schwäbischer Alp und Fichtelgebirge herum.

Freitag, 05.06.20 Ein neuer Titel – ein neues Buch

Freitag, 05.06.2020

Ein verregnetes Wochenende hat durchaus auch seine Vorteile. Man fühlt sich nicht verpflichtet, den Sonnenschein auszunutzen und unbedingt etwas zu unternehmen. Der Garten gießt sich selbst, Frau Klammerle zerrt mich nicht aufs Rad oder Schusters Rappen, um gemeinsam unsere Schwäbische Heimat zu erkunden (1). In diesen Tagen kann ich endlich mal im Schlaraffenland meiner Literatur hausen, nachdem ich den Griesbreirand durchfressen habe, der im Ausfüllen der insgesamt 25 Seiten Witwenrentenformulare bestand, die ich als neuer Betreuer meiner dementen Mutter abzugeben habe.(2) Bin ich eigentlich der einzige, der diese Arbeit zum Kotzen findet und bei manchen der Auskünfte, die eingefordert werden, einen Tobsuchtsanfall erleidet? Davon mal abgesehen, dass ich das entsetzliche Beamtendeutsch nur so ungefähr und manches überhaupt nicht verstehe, anderes widersprüchlich ist … Die Hölle, stelle ich mir vor, besteht nur aus Formularen und Beamten, die nicht kapiert haben, dass sie nur meine Dienstleister sind. Schließlich bezahle ich sie gut dafür. Nein, diese kleinen Götter halten mich, der ich zum ersten Mal solch einen Antrag ausfülle, grundsätzlich für doof oder zumindest für einen Betrüger, der sich absichtlich dumm stellt.

*

Ich habe also viel Zeit, um nachzudenken. Ein Konstruktionsfehler meines 1. Brautschauromans »Meister Siebenhardts Geheimnis« war es, ihn mit einem einhundertfünfzigseitigen Prolog beginnen zu lassen, der etwa 30 Jahre vor der Haupthandlung spielt und praktisch erst am Ende des Buchs wieder eine Rolle spielt. Viele Leser fanden, ich hätte zwei unzusammenhängende Romane zusammengeklebt. Für den 2. Brautschauroman »Faiabas Erwachen«, an dem ich gerade arbeite, hatte ich eine ganz ähnliche Struktur geplant. Diesmal sollte der Prolog sogar 5880 Jahre vorher spielen und erzählen, wie die Welt von Brautschau wurde, wie sie ist. Ich bin gerade dabei, eine frühe Version dieses „Kapitels“ hier zu bloggen. Doch ich glaube inzwischen, dass es besser wäre, aus diesem Anfang, der übrigens im Gegensatz zum Rest der fantasy– und märchenlastigen »Brautschau«-Saga vollständig im Science-fiction-Genre angesiedelt ist, ein eigenes Buch zu machen. Es soll »Mánis Fall« heißen und von den letzten Tagen unserer Zivilisation berichten.(3) Ich denke, den Roman noch in diesem Jahr fertigstellen zu können.

Dies ist nun der erste Entwurf des Titelblatts. Wie gesagt, habe ich an diesem Wochenende Zeit für solche Spielereien. Wie gefällt es euch?

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(1) In den letzten Tagen hatten wir Urlaub, den wir ja – wie wir vor der Pandemie geplant hatten – eigentlich in einer Ferienwohnung im Herzen des Burgund verbringen wollten. Daraus wurde nichts. Deshalb eröffneten wir unsere Biergartensaison, kochten Spargel, tranken Burgunder und radelten im Aichacher Hinterland und ein Stück des Illerradwegs, erstiegen im Ries den »Zeugenberg« Ipf und wanderten im Ostalpkreis durch das Ugental. Ach, süße Heimat, was bist du so schön … (Wir wären trotzdem lieber in die Bourgogne gefahren)

(2) Und neben mir liegt noch ein Stapel von Formularen, die ich noch erledigen muss; fast täglich kommt ein neues dazu. Ich soll sogar die Einkommenssteuererklärung für meinen verstorbenen Vater machen!

(3) Máni ist übrigens der Name der Mondgottheit in der nordischen Mythologie. Am Tage des Weltuntergangs (Ragnarök) wird der Mond von dem Wolf Mánagarmr verschlungen und das dabei verspritzte Blut wird die Sonne verdunkeln.

Sonntag, 24.05.20 – Diese entsetzliche Erfolglosigkeit

Pfingstsonntag, 31.05.20

Zuerst einmal die gute (na ja, nicht für jeden) Nachricht: Die Maus, von der ich in der letzten Woche berichtet habe, versteckt sich nicht mehr im Schlafzimmer. Ich habe ja eine Lebendfalle aufgestellt und sie mit Popcorn und Schokolade gefüllt. Ich war mir sicher, ich würde die Maus darin fangen. Pustekuchen. Diese Falle ist so pazifistisch, dass sie sich nicht schloss, als die kleine, braune Feldmaus meiner Einladung folgte und in der Finsternis der Nacht aus ihrem Versteck gekrochen kam. Sie fraß die Falle leer und stellte sich dabei so geschickt an, dass sie den Fangmechanismus nicht auslöste. Trotzdem wurden ihr Popcorn und Schokolade zum Verhängnis. Denn die Maus hatte in ihrer Gier Amy, die Katze, übersehen, die zu meinen Füßen in meinem Bett lag. Tatsächlich wartete meine Katze genüßlich ab, bis die Maus satt war und wieder aus der Falle kam, dann hüpfte sie mit einem Aufschrei auf ihr Opfer, das ihr in der Nacht zuvor entkommen war und diesmal, vollgefressen wie es war, keine Chance hatte. Erst in diesem Moment wurde auch ich wach (es war mal wieder kurz nach vier Uhr). Viel war allerdings nicht mehr zu sehen. Amy, die vielleicht doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen plagte, packte sich die Maus und rannte wie der Blitz mit ihr im Maul durch die Katzenklappe hinaus aus der Wohnung. Ich habe keine Hoffnung, dass sie ihre wiedergefundene Beute vor der Haustür mit einer Verwarnung laufen ließ, sondern befürchte eher, dass ich demnächst beim Unkrautjäten auf die kümmerlichen Überreste einer Katzenmahlzeit stoße. Dann wäre das die Geschichte, in der Amy über Umwege Popcorn und Schokolade fraß.

Übrigens hat sie das Karma anschließend schwer gebeutelt, denn in der Nacht darauf bekam sie Ärger mit einer anderen Katze, die bei einem Kämpfchen brutal und fest in den Rücken gebissen hat. An dieser Wunde bildete sich dann ein gewaltiger, eitriger Abzess, der beim Tierarzt behandelt werden musste. Da es Frau Klammerle (immerhin Krankenschwester im Intensivbereich) nervlich nicht packte, war ich mit Mundschutz, Desinfektion, Abstandregelungen und einem flauen Gefühl im Magen dabei, als der Veterinär der armen leidenden Katze den stinkenden Eiter aus der Wunde quetschte, sie sorgfältig ausspülte und ihr zum Abschluss noch zwei Spritzen verpasste.

Keine Sorge, jetzt ist sie wieder auf der Höhe und gestern kam sie stolz mit einem kleinen Vogel in die Wohnung geschlendert. Nur noch ein kahler Fleck in ihrem flauschigen Fell erzählt noch von der Angelegenheit.

*

Und – ach! – da habe ich Optimist einen ganzen Stapel meines neuen Buchs zuhause, der nur Platz wegnimmt. Ich dachte, jeder würde ein Exemplar wollen, weil es mir so gut gelungen ist und ich wäre jetzt endlich im Schriftsteller-Olymp angekommen! Pustekuchen. Ich hätte es ja eigentlich aus meinen bisherigen Erfahrungen wissen müsssen: Für meine Literatur interessiert sich weiterhin keine Sau. Ich habe noch kein einziges Buch verkauft, auch nicht als spottbilliges E-Book. Die Leute wollen Nikolaus Klammer nicht einmal geschenkt.

Vielleicht sollte ich zwischen Cover und erste Seite Popcorn und Schokolade legen …

*

Und dann ist da noch die Sache mit dem Urlaub von Frau Klammerle und mir. Eigentlich wollten wir ja ins Burgund fahren und hatten bereits im Februar eine Ferienwohnung angemietet. Pustekuchen. Corona kam, wir mussten stornieren und die Hälfte unseres Geldes als Verlust abschreiben. Trotzdem haben wir nun über Pfingsten und darüber hinaus gemeinsam zwei Wochen Urlaub und wir werden sie eben in der Heimat verbringen. Ziel ist es trotzdem, ein gewisses Feriengefühl aufkommen zu lassen. Deshalb planen wir Ausflüge zu Fuß und Rad in die Umgebung und versuchen, unser Häuslein und unseren Garten als Ferienwohnung zu behandeln (keine Alltagsarbeiten, wenig putzen, viel „chillen“ usw.) Statt der Abtei Cluny besichtigen wir eben Kloster Andechs. Ich bin gespannt, ob uns das gelingt, zuhause abzuschalten.

Am Freitag haben wir zumindest unsere erste Radtour nach Blumenthal bei Aichach gemacht; also mal ins oberbayerische Hinterland von Augsburg, das wir normalerweise meiden. Wir sind lieber in unserem Wilden schwäbischen Westen oder im Allgäu unterwegs. Obwohl wir uns ein paar Mal verfuhren und eigentlich nicht dort rauskamen, wo wir hinwollten, alle Biergärten geschlossen waren und am Mittag das Wetter recht zweideutig und kühl wurde, hat es Spaß gemacht und durchaus ein wenig Urlaubsgefühl vermittelt. Später kehrte auch wieder der weiß-blaue Himmel zurück, wir saßen auf der Sonnenterrasse unseres Diedorfer „Ferienhauses“ und genossen den Schrobenhausener Spargel, den wir vom Nahen Osten mitgebracht haben. Immerhin ist der Weißwein, den wir dazu tranken, ein Weißburgunder.

Morgen wanderen wir in der Schwäbischen Alp. Und ich habe keine Ahnung, wie ich in diesen Absatz „Popcorn und Schokolade“ schmuggeln kann. Herzliche Urlaubsgrüße.

Bis bald! Euer Niklas.

Ja, auch zuhause ist es schön!

Sonntag, 03.05.20 – Ein zögernder Neuanfang

Sonntag, 03.05.20

Ich wollte, ich wäre irgendeine Beethovensche Sinfonie
oder irgend etwas, das fertig geschrieben ist.
Das Geschrieben-Werden tut weh.
Balzac

Heute wird mein Blog „Aber ein Traum“ 7 Jahre alt. (1)

Happy Birthday!

Deshalb wird es für mich höchste Zeit, ihn wiederzueröffnen und in ihm fortzuschreiben, mit ihm gemeinsam in meiner momentan etwas stagnierenden Entwicklung als Autor fortzuschreiten. Diese neun Wochen Schweigen nicht nur von meiner Seite waren die längste Auszeit, die ich mir je von meinem Blog-Tagebuch genommen habe. Selbstverständlich wollte ich meinen ganz persönlichen lockdown(2) schon früher beenden; der Gedanke an den Blog war wie eine lästiger Mückenstich,  der von Tag zu Tag stärker juckte. Aber zugleich wurde es für mich auch schwieriger, diesen Schritt auch tatsächlich zu tun und mein Verstummen zu beenden – mich endlich zu kratzen. Ich gewöhnte mich schnell an die Stille und hatte auch das Gefühl, dass meine Stimme von niemandem wirklich vermisst wurde. Also schob ich den Tag, an dem ich hier wieder schreiben würde, immer weiter vor mir her – oft aus guten Gründen, aber immer mit durchaus schlechtem Gewissen. Mit einigen Menschen geht es mir übrigens ganz ähnlich. Je länger die schweigende Phase zwischen mir und einem alten Freund dauert, um so weniger gelingt mir, über meinen Schatten zu springen und wieder Kontakt aufzunehmen.

Mein letzter Eintrag hier stammt vom 25. Februar. Es ist in der Zwischenzeit einiges geschehen, das mir die gut zwei Monate Schweigen in meiner Erinnerung viel länger erscheinen lässt. Ich wurde noch im Februar krank (kein Covid-19, vermute ich, sondern eine ganz stinknormale, aber sehr hartnäckige und mich niederschmetternde Influenza). Gleich nach meiner Genesung wurde ich wie viele andere von meinem Brot-Arbeitgeber in die Heimarbeit an meinen PC verbannt. In diesem Heimat-Exil befinde ich mich im Großen und Ganzen noch immer. Während Frau Klammerles Leben und Alltag als „systemrelevante“ (ein neuer Euphemismus für „mies bezahlt“ und „gefährlich“) Krankenschwester im Intensivbereich zwar arbeitsreicher, aber nicht unbedingt anders wurden, hat sich sich mein Zeitempfinden dadurch auf merkwürdige Weise verändert. Im Ewiggleichen der auferzwungenen Quarantäne, in der soziale Kontakte, sieht man mal von denen zu meiner Frau ab, nur noch über Videokonferenzen stattfinden, ich manchmal den Wochentag vergesse und das Fortschreiten in der Zeit nur an dem Wachstum der Pflanzen in meinem Gärtchen und der Zahlen auf der Waage messbar ist, entwickelte sich eine neue Art Alltag, die bitter-süß ist, die viel nimmt, aber auch gibt.Vielleicht muss man sich das Paradies ähnlich vorstellen.

Ich kümmere mich viel um Frau Klammerle (4), lese dicke Bücher und schreibe viel regelmäßiger als vorher an meinen Texten. Urlaube wurden storniert, doch der kleine Garten hinter dem Haus war in dem herrlichen Wetter des Aprils beinahe ein Ersatz für die Feriendomizile in Frankreich und in der Toskana. Wir wandern und radeln statt im Gebirge in den heimatlichen Westlichen Wäldern herum und entdecken durch aus Schönes, Sehenswertes, das uns bisher verborgen blieb.  Und ich habe den Roman „Die Verliese des elfenbeinernen Palastes“, von dem es hier im Blog einige Leseproben gibt, fertiggestellt. Ich bin gerade mit Hilfe meiner fleißigen Testleser auf Fehlersuche und bei den letzten Korrekturabeiten. Dieser 2. Band meiner dystopischen „Der Weg, der in den Tag führt“-Trilogie ist mir meiner bescheidenen Meinung nach gut gelungen. Falls noch jemand hier Lust hat, das Buch (und selbstverständlich auch den 1. Band „Karukora“) als E-Book zum Testlesen oder gar zum Rezensieren gratis zu bekommen, sollte er/sie sich bitte bald bei mir melden, da ich das Buch spätestens Ende Mai in den Handel bringen möchte.

Lieber von mir mal wieder etwas voreilig herbeiphantasierter Leser, der du – wie ich hoffe -, erneut zu mir in mein Heim gefunden hast und mir zuhörst: Du siehst also, dass mir vieles wichtiger als der Blog war.  Mit ihm konnte ich nichts zum momentanen Weltgeschehen beitragen, was nicht schon hunderttausend Stimmen vor mir formuliert haben und du wirst sicherlich auch anderes zu tun gehabt haben. Auch deshalb habe ich bis heute geschwiegen, denn manchmal – auch wenn ich es nicht wahrhaben will – muss die Literatur hinter der Realität zurückstehen. Doch das soll sich nun wieder ändern.

Eine Sache bleibt mir noch übrig, die ich berichten muss. Wie ich befürchte, wird sie noch eine ganze Weile meine Gedanken und mein Leben beherrschen. Es ist das grausame Schicksal meines Vaters.

Das ist eine Fotografie von ihm irgendwann am Anfang der Sechziger Jahre. Mein alter Herr, der den 2. Weltkrieg und fünf Jahre russische Gefangenschaft überlebte und als begeisterter Bergsteiger die höchsten Gipfel der Welt erklommen hat, wurde am 13. April 93 Jahre alt. Aber eine Feier durfte nicht mehr stattfinden. Er hatte zwar ein paar Herzbeschwerden und konnte inzwischen nicht mehr gut laufen, aber er war bis vor kurzem noch recht rüstig und bei klarem Verstand gewesen. Er wohnte allein in seiner riesigen, mit Erinnerungsstücken vollgestopften Wohnung, aber ein unglücklicher Treppensturz Ende Februar zwang ihn knapp vor der Corona-Isolierung zurerst ins Krankenhaus, wo ich ihn wegen meiner Erkältung nicht besuchen konnte und dann in ein Heim, in dem übrigens auch seit über zehn Jahren meine vollkommen demente Mutter gepflegt wird, die niemanden mehr erkennt und inzwischen gefüttert werden muss. Von diesem Moment an hatten meine Geschwister und ich überhaupt keinen Kontakt mehr zu unserem Vater. Es herrscht ja in Bayern ein strenges Besuchsverbot. Da er fast vollständig taub war, konnte auch nicht mehr mit ihm telefonieren. Wir haben ihm noch Briefe geschrieben, aber ich weiß nicht, ob er sie gelesen hat. Denn sein Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag, auch sein Geist verwirrte sich. Kurz nach seinem einsamen Geburtstag wurde er erneut ins Krankenhaus eingeliefert und starb nach einer meiner Meinung nach vollkommen sinnlosen Knie-OP am 20. April – alleine und ohne seine Familie wiederzusehen. Die Urnen-Beerdigung muss wegen der Quarantänebestimmungen in kleinstem Familienkreis und ohne die üblichen tröstenden Rituale stattfinden.

 


(1) Dies war der erste Eintrag: „But a dream“

(2) Man lernt in diesen – um einen alten klingonischen Fluch zu zitieren – „interessanten“ Zeiten viele neue Wörter (und Verhaltensweisen).

(3) Ich habe inzwischen 5 verschiedene Konferenzprogramme auf meinem Rechner, weil jeder meiner Kontakte ein anderes präferiert. Ab und an spiele ich mit einem Freund über die Webcams Schach. Wir trinken dabei Bier und tun so, als würden wir wie früher im Abraxas sitzen. Das funktioniert übrigens erstaunlich gut.

(4) Wir hatten gerade unseren 33. Hochzeitstag und es soll ja nicht der letzte bleiben. Siehe auch hier: 29 Jahre

Donnerstag, 05.12.19 – Das Kreuz mit dem Rücken

Donnerstag, 05.12.19(1)

Was den tristen, nebelgrauen Feiertagen des Novembers nicht gelang, schaffte eine unachtsame Bewegung am letzten Sonntag: Ich wurde mir meiner Sterblichkeit bewusst und dies auf die schmerzhafteste Weise, die man sich vorstellen kann. Und das ging so:

Nichtsahnend ging ich an jenem 1. Adventssonntag meinen alltäglichen Geschäften nach, schmückte die Wohnung ein wenig weihnachtlich(2), räumte auf (nur ein ganz klein wenig), zum ersten Mal in dieser Saison erklangen die festlichen Töne von Jethro Tulls genialer Christmas-CD. Die frühe Nacht senkte sich wie eine gewaltige Pudelmütze über Diedorf herab, im Nebel des Gartens glitzerte die üppige saisonale Beleuchtung meines Nachbarn, gegen die meine nicht im Entferntesten anfunkeln kann. Eine Kerze brannte am Adventskranz; der Holzofen verbreitete Wärme und Frau Klammerles Duftöl-Diffusor „Gute Laune“-Geruch. Sie selbst suchte im Internet nach irgendwelchen Weihnachtsschnäppchen. Ich war dabei, das Abendessen zu kochen (selbstgemachte Fettuccine in einer Zitronen-Fenchel-Sauce). Kann ein Adventssonntag noch harmonischer und friedlicher sein?

Dann machte ich eine ungeschickte Bewegung zum Unterschrank hinab, wo die Töpfe stehen und innerhalb einer einzigen Sekunde war das alles vorbei, unwichtig, Tand und vollkommen unbedeutend: Ein rasender, stechender Schmerz, wie von einem in meinen Rücken gerammten breiten und stumpfen Küchenfleischmesser stach in meine rechte Hüfte und ich stand mit gebeugtem Rücken da und glaubte, dass ich mich nie mehr wieder würde aufrichten können.Sogar das Atmen tat weh. Ich glaube, man nennt dies einen Hexenschuss und es war mein erster. Ich hatte nicht einmal ansatzweise geahnt, wie weh so etwas tun kann und oft leichtsinnig über Leute gelästert, die „Rücken“ haben.(3) Dieser Schmerz hat mich noch immer nicht verlassen und meldet sich trotz Spritzen vom Arzt, hochdosierten Analgetika-Tabletten (die mit Glühwein eingenommen übrigens gut reinknallen), allerlei Salben und Wärmflaschen zuverlässig, wenn ich eine Bewegung mache, die die Unterstützung meiner Hüftmuskulatur benötigt – also eigentlich nahezu jede, wie ich zu meiner Bestürzung festgestellt habe. Erstaunlich schnell ist der Schmerz ein Teil meines Lebens geworden, der mir aber trotzdem immer wieder überraschend in den Rücken springt und mich bei den alltäglichsten Verrichtungen zu grotesken Verrenkungen zwingt und kleine Handlungen wie das Anziehen von Socken (4) zu zeitlich ausufernden Großtaten aufbläht. Allein das Aufstehen aus dem Sitzen oder gar Liegen ist ein Gewaltakt. Die schlimmste Erfahrung war für mich der vom Arzt empfohlene Versuch, einen kleinen Spaziergang zu machen, bei dem ich kaum zehn Meter weit kam, bis mich die heftigen Schmerzen zur Aufgabe zwangen. Der begeisterte Bergwanderer, der vor einem Monat noch im Martelltal unbelastet auf 3000er-Gipfel stieg, weinte verzweifelt.

Auch wenn ich noch lange nicht wiederhergestellt bin, geht es mir seit gestern jedoch etwas besser und ich liege nicht nur im Bett und jammere über mein grausames Los. Die berechtigte Hoffnung, am Wochenende wieder einigermaßen normal unterwegs sein zu können, schimmert als rosige Verheißung am Horizont. Ich kann mich wieder mit Selbstironie betrachten und sogar am Computer sitzen und schreiben, wie man hier lesen kann.

Plötzlich aber ist mir allerdings durch diese Misere bewusst geworden, dass ich tatsächlich in zwei Monaten 57 Jahre alt werde und eigentlich inzwischen ein alter Mann bin; einer von diesen alten, weißen und toxischen Männern, vor denen man gerade überall warnt. Daran habe ich ganz schön zu nagen. Selbstverständlich war mir theoretisch immer klar, dass ich wie alle anderen sterblich bin und altere, es eher früher als später mit den Wehwehchen losgehen wird und ich vergreisen und Stück für Stück alles verlieren werde, was mich ausmacht. Ich habe ja zuerst bei meinen Großeltern und dann bei meinen eigenen Eltern zugesehen, wie das passiert. Jetzt bin eben ich an der Reihe, auch wenn ich diesen Gedanken bislang recht erfolgreich von mir schob und ich mich genauso gefühlt habe wie vor dreißig oder zwanzig Jahren. Doch das ist nun vorbei: Das Russisch-Roulette-Spiel mit dem Tod, das ich nur verlieren kann, hat für mich am 1. Advent begonnen.

Tja.


(1) Mein lieber Unbekannter Leser! Morgen ist Nikolaus, da habe ich Namenstag. Falls es dich wirklich gibt und du zufällig in der Nähe bist, kannst du mir gerne heute Abend oder morgen ein kleines Geschenk vorbeibringen. Ich habe Gratisexemplare von meinen Büchern, Glühwein und Frau Klammerles sensationelle Loible da, von denen sie in diesem Jahr eine kaum verzehrbare Unmenge gebacken hat. Ich werde ganz bestimmt zu Hause sein, auch wenn mir das Bewirten etwas schwer fallen wird.

(2) Frau Klammerle findet ja, dass es auch mal zu viel des Guten sein könnte und der zehnte Nikolaus, die dreißigste batteriebetriebene Lichterkette und andere weihnachtliche Dekoartikel, die sich im Lauf unserer 30jährigen Ehe angesammelt haben und unser Wohnzimmer vermüllen und in eine Art Rothenburger Adventsramschladen verwandeln, unnötig sind. Ich sehe das völlig anders und schleppe bei jedem Kellergang noch mehr kitschige Porzellanengel und Kugeln nach oben, die sie dann in von mir unbeobachteten Momenten seufzend wieder nach unten in ihre Kiste in unserer Weihnachtsgruft zurückbringt.

(3) Frau Klammerle hat da mehr Erfahrung: Ihren ersten Hexenschuss bekam sie mit Ende 20, als sie mit Sohn Nr. 1 (damals noch seine Baby-Ausgabe) unglücklich die Treppe hinunter und dabei auf den Rücken fiel. Dem Kind ist übrigens nichts passiert, es landete weich auf ihr. Damals machte ich mich über sie lustig (eilfertig ist die Jugend), als sie anschließend wie eine Schildkröte auf allen Vieren durch die Wohnung kroch. Heute geht es mir genauso. Nemesis, die Schicksalsgöttin des „gerechten Zorns“, ist manchmal sehr geduldig, wenn sie eine Revanche plant.

(4) natürlich mit Weihnachtsmotiven …

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