Aber ein Traum …

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Donnerstag, 13.06.19 – Auf gepackten Koffern

Donnerstag, 13.06.19
?. Fastentag, ich zähle nicht mehr mit

 

Nachdem wir gestern wieder aus dem Lechtal zurückgekehrt sind, ziehe ich mal eine kleine Zwischenbilanz. Bis jetzt ist dieser Urlaub so entspannend wie schon lange keiner mehr. Das Wetter war größtenteils schön und die Wanderungen inspirierend. Ich fühle mich wie schon lange nicht mehr im Einklang mit mir selbst und das Leben ist schön. Heute ist ein Zwischentag, um zuhause Blumen zu gießen, den Rasen zu mähen, die Räder herzurichten, ein paar Einkäufe zu erledigen und die benutzte Wäsche zu waschen und die Koffer neu zu packen, um dann morgen in aller Frühe mit einem kleinen Zwischenstopp in Rüdesheim am Rhein in die niederländische Provinz Limburg zu fahren, wo wir die nächste Woche mit Radfahren, Wandern und Städtetouren verbringen wollen. Wir haben es uns inzwischen angewöhnt, größere Strecken nie in einem Rutsch durchzufahren, sondern etwa bei der Hälfte eine Pause von ein-, zwei Tagen einzulegen, damit die Seele hinterherkommen kann und wir nicht als bleiche Zombies an unserem Ziel ankommen. Am Rheinsteig waren wir noch nie. Diese „Rhythmisierung“ hat sich inzwischen bewährt. Am nächsten Sonntag geht es dann auf ähnliche Weise wieder zurück ins heimatliche Augsburg, wobei noch nicht genau feststeht, wo wir pausieren werden.

Außer einigen Büchern(1) werde ich mir auch ein wenig Arbeit in den so fernen Norden mitnehmen. Da ist zum einen der 2. Teil von „Der Weg, der in den Tag führt“, an dessen letztem Kapitel ich arbeite (Ich veröffentliche hier trotz Pause an jedem Sonntag ein Stück von dem Roman – inzwischen kann man etwa 300 Seiten dieses Romans hier lesen) und werde mein Korrekturexemplar von „Nutzlose Menschen“ nach Fehlern durchgehen. Dieses Buch aus meinem „Jahrmarkt-in-der-Stadt“-Zyklus will ich Ende Juli in meinem kleinen, exklusiven Eigenverlag veröffentlichen (Hier kann man ein wenig reinlesen). Ich habe zwar inzwischen keinerlei Hoffnungen mehr, aber vielleicht interessiert sich ja doch jemand für meine Texte.

Der Weg ist das Ziel

Grüße, Nikolaus

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(1) Da ich mich mit meinen Urlaubslektüren immer dem Land anpasse, das ich besuche, habe ich diesmal den „Psalmenstreit“ von Maarten ‚t Hart und „Kriegslicht“ von Michael Ondaatje dabei – wobei letzterer etwas gemogelt ist, da er eigentlich ein kanadischer Schriftsteller niederländisch-tamilisch-singhalesischer Herkunft ist.

Mittwoch, 29.05.19 – Teepause

Mittwoch, 29.05.19
19 (-1). Fastentag

Warum kühlt Kaffee in einer Tasse eigentlich schneller aus als Tee? Und warum geht mir diese Frage gerade nicht mehr aus dem Kopf? Es ist ein amöbenhaftes, geistig recht begrenztes Leben, das ich gerade führe – eigentlich nur eine Existenz. Die Tage plätschern ohne Höhe- und Tiefpunkte dahin und meine Laune ist wie das Maiwetter – unbeständig, wechselhaft, zu kühl. Der Brotberuf nimmt mich gerade ziemlich ran und besetzt den Großteil des Tages; leiden müssen meine Literatur, mit der ich auf der Stelle trete und nicht vorwärts komme und dieser Blog, auf den ich im Moment wenig Lust habe. Was man, glaube ich, bemerken kann. Es ist jetzt nicht gerade eine Schreibblockade oder eine Krise, aber ich habe einfach wenig Lust (Was natürlich auch daran liegt, dass ich in den letzen Monaten kein einziges Buch verkauft habe und alle meine Versuche, Leser zu finden an einer für mich nicht übersteigbaren Mauer zerschellen). Ich brauche einfach dringend eine Auszeit, Urlaub, Lektüre, Anregungen, Gespräche. Dann hat der Stumpfsinn und damit auch mein Amöbenleben wahrscheinlich wieder ein Ende und die Karawane zieht weiter. Hoffentlich.

Heute ist ja auch schon mein neunzehnter Fastentag; genauer gesagt, der achtzehnte, da ich inzwischen wie angekündigt mit dem Intervallfasten begonnen habe und gestern ein Knäckebrot mit Hüttenkäse zum Frühstück, einen Apfel zum Mittag und einen Spargelsalat zum Abendessen genossen habe, um meinen vom mehrwöchigen Fasten in den Winterschlaf geschickten Magen nicht zu überlasten. Morgens hatte ich zum ersten Mal wieder einen kleinen Kaffee und Abends zum Spargel ein halbes Glas Pinot Blanc. Heute ist nun wieder ein Nulldiät-Tag, also gibt es Tee, Wasser und sonst – nix. Das klingt jetzt irgendwie selbstmitleidig und larmoyant oder auch angeberisch, je nach Sichtweise. Doch ich habe dabei ungefähr zehn Kilo abgenommen und es geht mir so gut, dass ich noch eine ganze Weile so weitermachen könnte. Ich bin inzwischen laut BMI-Tabelle nicht mehr adipös, sondern „nur“ noch übergewichtig.

Der Apfel gestern war übrigens gefühlt der beste, den ich in meinem ganzen Leben gegessen habe; auch wenn ich nur die Hälfte von ihm schaffte, weil ich sofort pappsatt war. Also, die Diät läuft und beeinflusst meine Stimmung wenig. Ich fühle mich fit, obwohl ich schon meine Beinmuskulatur schmerzhaft spürte, wenn ich eine Treppe in den ersten Stock hinauflaufe. Seit zwei Tagen kommt auch mal wieder unser Fitness-Crosstrainer zu Ehren, den ich vor 15 Jahren leichtfertig beim Discounter erworben habe und der seitdem in unterschiedlichen Räumen und immer im Weg still und leise vor sich hin verstaubte. Wer mich kennt und das liest, wird vor Erstaunen erstarren, denn Klammer und Sport sind zwei Wörter, die normalerweise nicht in einem Satz (nicht einmal in einem Roman) vorkommen. Und tatsächlich ist mir noch nicht ganz klar, warum ich diese Qual auf mich nehme und auf dem Folterinstrument täglich ein paar Kilometer bergauf laufe. Aber schließlich will ich ja morgen für ein paar Tage in die Berge und mich nicht vor Frau Klammerle schämen, wenn wir die paar hundert Höhenmeter auf den Falken steigen. Mal sehen, wie es wird …

Über Pfingsten sind Frau Klammerle mit Sohn 1 und 2 im Lechtal und gleich anschließend fahren wir für zehn Tage ins niederländische Arcen, wo wir radfahren, Tourismus betreiben und die Tage genießen wollen. Den Höhepunkt dieser Reise wird am Samstag auf der deutschen Seite der Grenze die große „Nacht der Gaukler“ in Geldern sein, ein internationales Zauberertreffen, das unser Freund Hajo Bier und seine Frau Conny alle zwei Jahre organisieren.

Deshalb werde ich bis Ende Juni diesen Blog ruhen lassen und eine schöpferische Pause machen. Ich hoffe, wir lesen uns danach wieder.

Grüße, Nikolaus

Mittwoch, 01.05.19 – Maimarkt

Mittwoch, 01.05.19

Tja, da bin ich wieder, nachdem der Blog drei Wochen Dornröschenschlaf hielt und ich in Südtirol und im bayerischen Altmühltal wanderte, mit dem Rad unterwegs war und – ich gebe es freimütig zu – durchaus Gar- und überhaupt nichts machte. Doch nun hat mich mein Alltag wieder eingeholt und es ist an der Zeit, die schlafende Schönheit mit ein paar kleinen Gedankensplittern zu wecken. Noch immer bin ich mental halb im Urlaub und da kömmt mir dieser freie Mittwoch, der meine erste Arbeitswoche in zwei homöophatische und damit leichterträgliche Häppchen trennt, durchaus gelegen. Zudem verspricht er, ein wolkenloser und warmer Tag zu werden, der mit der Familie auf der Terrasse verbracht werden kann. Die bienenfleißige Frau Klammerle hat zu diesem Zwecke bereits einen Rhabarberkuchen gebacken. Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen.

Auf dem Weg nach Beilngries: So muss ein Radweg sein, wenn man kein E-Bike (über diese Erfindung des Teufels schreibe ich ein andermal) besitzt.

Der Urlaub insgesamt war herrlich – danke der Nachfrage. Ich bin auf Berge und zu mittelalterlichen und römischen Burgruinen gestiegen, schwitzend den Limes entlanggeradelt, dicke Bücher gelesen und habe tausend neue Eindrücke, Ideen und auch Wörter gesammelt; doch ich möchte niemanden mit ausführlichen Beschreibungen dieser sonnigen Apriltage molestieren.

Einige verwirrende Fragen sind im Urlaub aufgetaucht, die mich nachhaltig beschäftigen. Was bedeutet das Wort „enteisent“ auf Mineralwasserflaschen, warum ist das Wetter immer am Wochenende schlecht, wer kam als erster auf die absurde Idee, Krebse zu kochen und zu essen und warum liest niemand meinen Blog? Tausend offene Fragen. Offenbar weiß jeder außer mir die Antworten – oder sie tun alle nur so …

Und das ist das neue Wort, das ich gelernt habe: „kollaudiert“. Das gibt es anscheinend sogar im Italienischen; in meinem Wortschatz war es bislang nicht vorhanden.

Eines der großen Rätsel in meiner Kindheit und frühen Jugend war der 1. Mai; neben Fronleichnam(1) war er für mich der geheimnisvollste und seltsamste Feiertag. Nicht, dass ich mich nicht über den überraschend auftauchenden und schulfreien Tag freute. Aber ich fragte mich Jahr für Jahr, warum es da einen Tag gibt, an dem man ausgerechnet die Arbeit feiert. Und weshalb hat man an ihm auch als Schüler frei? Schließlich hatte ich doch im Religionsunterricht gelernt, dass Arbeit ein Fluch Gottes sei („Im Schweiße deines Angesichts, bla bla, …“) und ich las in den „Klassischen Götter- und Heldensagen“ von Gustav Schwab, die Arbeit sei eine der Plagen gewesen, die neben Seuchen und Hungersnöten aus Pandoras Büchse entwichen ist(2). Ein Grund zum Feiern? Warum muss man stattdessen ausgerechnet am „Frei-Tag“ arbeiten? Warum heißt Bier plötzlich „Bock“? Und was ist das für ein seltsamer Brauch mit diesen Maibäumen, die in jedem Dorf wie Mobilfunkmasten in den Himmel wachsen? Läutet das die Spargelzeit ein?

Gut, einige Demonstranten tauchten rote Fahnen schwenkend in den 20:00 Uhr-Nachrichten auf, forderten die 35-Stundenwoche und Samstags frei. Ein paar vereinzelte Punker und Randalierer warfen mit Pflastersteinen und zündeten Autos an, aber das war alles weit weg von meiner provinziellen Heimat und ich wusste nicht, ob die Leute für oder gegen die Arbeit auf die Straße gingen. Fragte ich meinen Vater, machte er ein säuerliches Gesicht, schimpfte über die Gewerkschaften und die Kommunisten und erklärte mir dann ausführlich, dass der Führer diesen Feiertag eingeführt hätte und man ab dem 1. Mai nicht mehr über die Felder der Bauern laufen dürfe. Das war eine Erklärung, die mir die ganze Feiertagssache noch suspekter machte. Bei uns zu Hause wurde auch nicht demonstriert;  aber am Abend des 30. April wurde  alles nicht niet- und nagelfeste verräumt, weil es sonst in der sog. Freinacht verzogen wurde. Am Feiertag selbst spielten meine Eltern  mit Onkel und Tante den ganzen Tag „Schafkopf“, während ich gelangweilt vor der Glotze saß.

In späteren Jahren zog ich am 1. Mai mit einer katholischen Jugendgruppe traditionell singend und betend durch die westlichen Wälder  nach Maria Vesperbild (3). Das ist ein reichlich obskurer Marienwallfahrtsort mit seiner wunderwirkenden Fatima-Grotte, wo radikale Pfaffen in der Kirche gegen die Sittenlosigkeit der Jugend und allerlei Frauenfeindliches predigen und auf dem Parkplatz auch bei strömendem Regen mit einer Art Klobürste Autos und Motorräder gesegnet werden.  Wahrscheinlich wollten unsere Gruppenleiter räumlichen Abstand zur Stadt und zur Gewerkschaftsjugend schaffen, damit wir nicht auf dumme Gedanken kamen.

Maimarkt1

Und wie verbringe ich heute diesen „freien“ Tag? Wie alle Diedorfer: Es ist – wie immer – am 1. Mai schönstes Wetter. Die Hauptstraße hat sich in eine „Dult“ voller Verkaufsstände und Fressbuden verwandelt und ich schlendere entspannt durch die Menschenmassen über diesen Maimarkt, esse „Steckerlfisch“(4), versuche mein Glück am Rot-Kreuz-Losstand, kaufe ein paar nutzlose Sachen, Socken und Kuchen beim Musikverein und lande irgendwann im Bücherbasar der Gemeindebücherei, wo ich für wenig Geld dicke, ausgemusterte Romane erwerbe, die meine ohnehin schon überfüllten Regale noch voller machen. Später kommt dann  die Verwandschaft und wir genießen den Nachmittag und den hoffentlich lauen Frühlingsabend auf der Terrasse. Wer in der Nähe ist und Lust und Zeit hat, ist hiermit herzlich eingeladen, an unserem kleinen Fest teilzunehmen.

Maimarkt2O-Ton Diedorfer: „Jetz bin i durch, s Geld is weg. I geh wieder hoim.“

Update, 14:00 Uhr

Aus mir unerfindlichen Gründen scheint es in diesem Jahr keinen Steckerlfisch-Stand zu geben. Das stürzt mich in eine schwere Krise.

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(1) Welcher Leichnam ist da froh? (Happy Cadaver?) Und warum feiert die Kirche das mit Prozessionen?

(2) Die Heldensagen sind eines der Bücher meiner Kindheit; ein fetter, hübsch illustrierter Wälzer in einer für junge Leser bearbeiteten Fassung war das, der von meinen älteren Geschwistern irgendwann vertrauensvoll in meine Hände weitergereicht wurde und in der Wirkung auf mein Gemüt nur noch von den „5 Freunden“ und von „Winnetou“ übertroffen wurde. Der Text von Schwab (1972 – 1850) ist längst gemeinfrei und kann z. B. hier als Ebook gelesen werden.

(3) Ja, auch ich war einmal vom „Christusfieber“ angesteckt – zum meinem Glück ist diese gefährliche Geisteskrankheit wie das „Gedichteschreiben“ und die Pickel auf meiner Stirn inzwischen rückstandslos ausgeheilt. Die Erzählung „Die Lichtung“ aus meinem Buch Kleine Lichter, spielt großteils im vom katholischen „Engelswerk“ betriebenen Vesperbild, das dort Marienhaupt heißt. Übrigens gibt es das barocke Kirchlein des Wallfahrtsdirektors Erwin Reichart (der zum Thema Missbrauch und Frauenrechte bemerkte, „die Kirche könne sich nicht versündigen“) im Günzburger Legoland in Miniatur nachgebaut zu bewundern. Wer heutzutage nach fundamentalistischen und sektiererischen Christen sucht, wird in Vesperbild ohne Probleme fündig. Reicharts Vorgänger im Amt war der noch radikalere Prälat Wilhelm Imkamp, seines Zeichens „Komtur des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem“(!).

[4] Das ist fettige Makrele über Holzkohle gegrillt; Steckerlfisch ist eigentlich nur durch großzügige Ouzo-Beigaben einigermaßen unfallfrei verdaubar; aber man hat trotzdem die ganze Nacht etwas von ihr.

Dienstag, 09.04.19

Dienstag, 09.04.19

Am Wochenende, das – rein von Wetter her betrachtet – besser war als angekündigt und mich weniger zum Schreiben und dafür mehr zur Gartenarbeit (1) und zum Lesen animierte, habe ich ein neues Wort gelernt. Nein, nicht „kärchern“, sondern „molestieren“. „Molestieren“, das ist fast so schön wie „Dachjuhe“ oder „Ideosynkrasie“, „Socke“ oder „Expropriation“. Mein Verhältnis zu diesen Wörtern ist beinahe erotisch; sie streicheln meine Seele. Ihr müsst nicht im Duden nachsehen, wie ich das getan habe; die Bedeutung von „molestieren“ ist „belästigen“. Es kommt von dem lateinischen „molestare“ und taucht eigentlich nur in Büchern des 18. und 19. Jahrhunderts auf.  Gelernt habe ich das Wort bei den „Jugenderinnerungen eines alten Mannes“ von Wilhelm von Kügelgen (1802 – 1867), die es bei mobileread.com auch gratis als E-Book zum Lesen gibt. Ich besitze eine alte Manesse-Ausgabe dieses wirklich lesens- und empfehlenswerten „Volksbuchs“ des Biedermaiermalers, die ich irgendwann einmal aus einer Bücherramschkiste gezogen habe und mit denen ich mich, wie es der in Dresden aufgewachsene Kügelgen ausdrücken würde, seit ein paar Wochen angeregt delektiere.(2) In den „Erinnerungen“ findet sich gegen Ende des 5. Teils folgender, von mir hier stark gekürzter Satz: „[..] mir ward irgendein Vergnügen oktroyiert, wie zu Beispiel [..], die Spatzen mit der Windbüchse zu molestieren.“ Ich liebe solche altväterlichen Formulierungen, wie sie insbesondere Jean Paul bis nahe an die Unles- und Unverstehbarkeit benutzt habt. Ich konzediere hier unumwunden, wie sehr sie meinen eigenen Schreibstil persuadieren. Und da steht es, mein neues Lieblingswort: Mein Nachbar molestiert mich also mit seinem Rasenmäher, während ich versuche, unter dem blühenden Kirschbaum ein Nickerchen(3) auf meinem frischgestrichenen Deckchair zu unternehmen. Frau Klammerle molestiert mich mit der Restmülltonne, während ich mich gerade zu dichterischen Höhenflügen aufschwingen will. Mein Montagmorgen molestierte mich mit mittelmäßigen Magenschmerzen. Einfach schön! Die deutsche Sprache mag im 20. Jahrhundert prägnanter geworden sein, aber sie hat eindeutig an Schönheit verloren.

Aber ich will euch nicht ennuieren.

Amy molestiert mich, weil sie mir mal wieder meinen Platz auf den Deckchair weggeschnappt hat.

*

Ach ja, es ist wieder einmal soweit. Übermorgen brechen Frau Klammerle und ich unsere Zelte in Diedorf ab und verreisen in den hoffentlich sonnigen Süden. Unser alljährlicher Osterurlaub steht an, der uns bei in den nächsten Wochen zum Wandern, Genießen, Radfahren und Entspannen zuerst an den Kalterer See in Südtirol und dann ins Altmühltal führen wird. Dort will ich dann auch die Hauptarbeit am 2. Teil meiner Fantasysaga „Der Weg, der in den Tag führt“ abschließen, der im Frühsommer in den Buchhandel kommen soll. Mein Blog ruht deshalb bis Anfang Mai. Ich hoffe, ihr werdet mir bis dahin treu bleiben.

Urlaub (Symbolbild)

Aber jetzt will ich euch nicht länger molestieren. Ich wünsche allen Lesern, Followern, Freunden und zufällig Hereinschneienden eine wunderbare, friedliche und genussvolle Osterzeit, fette Schokoladeneier und anregende Begegnungen.

Euer Nikolaus

Dieser leider bereits leicht lädierte Hase ist unverkäuflich und ein frühes Meisterwerk von Sohn Nr. 2.

 

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(1) Unter anderem habe ich meine über den Winter doch arg verschmutzten Sandsteinfliesen meiner kleinen Gartenterrasse „gekärchert“, also mit Hilfe eines Wasserstrahls gereinigt. Es ist ein seltsam befriedigendes Gefühl, eine Fliese nach der anderen mit dem Kärchergerät abzuspritzen, sie von Dreck, grünem Moosbelag und einem hartnäckigen Grauschleier zu befreien. Nun habe ich zwar von der vibrierenden Spritze einen Muskelkater in der linken Hand, aber die Terrasse leuchtet in der milden Frühlingssonne wieder wie neu.

(2) Kügelgen – übrigens ein wundervoller Name, wenn man ihn sächsisch ausspricht – soll im Gegensatz zu seinem Vater Gerhard ein eher mittelmäßiger, pietistischer Maler gewesen sein, aber in seinem Buch macht er Geschichte und das Leben der Menschen während und kurz nach den Napoleonischen Kriegen so lebendig, als wäre  das alles – trotz der antiquierten Sprache – erst gestern geschehen. Zusätzlich erfährt man die interessantesten Dinge: Caspar David Friedrich, ein Freund der Kügelgenschen Familie, malte nackt, Goethe konnte sich vor den Zugriffen seiner Groupies kaum retten und die Kohle von verbrannten Elstern wurde erfolgreich gegen Epilepsie eingenommen.

(3) Ich habe gehört, „Nickerchen“ sei politisch nicht mehr korrekt. Frau Klammerle, die darin ungeschlagene Meisterin ist, meint, man sage jetzt „Powernapping“ und ich habe noch ein weiteres neues Wort dazu gelernt, das ich allerdings wohl eher selten in meiner Literatur verwenden werde.

Wanderer – Eine Kurzgeschichte

Ein Tag beginnt. Düster schlüpft er aus der starren Larve dieser Nacht. Zuerst ist der Morgen nur eine Ahnung, eine Hoffnung, die in der Willenskraft des Sehnenden erwacht. Er ist ein matter, kaum erkennbarer Widerschein im Grau der Wolken. Noch ist er vielleicht nur eine Täuschung. Leben kriecht aus dem Schutz der Nacht, noch ist es hilflos und schwach. Bewegung raschelt im Unterholz, speckig glänzendes Laub schwitzt braunes Nass.

Es regnet.

(R.) Es regnet ich gehe in die Feuchtigkeit durch mein Land aus Nebel und Nacht. Ein Vorhang aus Nässe fällt auf mich herab ich teile ihn schreite voran denn ich habe ein Ziel. Mich kann nichts erreichen mir ist nicht einmal mehr kalt. Vorne schlängelt sich mein Pfad durch den Wald er allein ist wichtig. Ich sehe zehn Meter weit. Dahinter ist ein Aschewirbel Dunkelheit verborgen Regen wie Nebelschleier. Aber zumindest brauche ich meine Taschenlampe nicht mehr. Sie flackerte zuletzt nur mehr Orange ich konnte in ihrem erschöpften Licht kaum die Zeiger meiner Armbanduhr erkennen ein Placebo für einen in Todeskrämpfen zuckenden Leib.

N. geht hinter mir ich weiß das. Wo wäre ich ohne ihn? Nur knapp ist der Abstand vielleicht zwei Schritten. Wenn ich jetzt verharre unsicher nach dem nächsten Schritt taste über diese schwarze feuchte Wurzel in den aufgeschwemmten Matsch darunter dann tritt er mir in die Fersen. Aber ich werde nicht stehen bleiben ich werde nicht stolpern nicht langsamer werden ich werde laufen fester Tritt in schwerem Schuhwerk eins zwei … einatmen ausatmen. Ich bin längst zu müde um stehenzubleiben.

Ich höre N. atmen. Er ist ein ruhiges gleichmäßiges Geräusch ein Gesang er feuert mich damit an. Noch ein Schritt noch ein Atemzug nicht zurücksehen. Der Berg in meinem Rücken existiert nicht mehr ich sage das immer wieder. Auf keinen Fall sehe ich hinauf und zurück. Ich verliere wenn ich den Kopf drehe. Noch ein Schritt. Ein Atemzug.

Wann ist N. verstummt? Er redete viel es half ihm durch die Nacht. Er erzählte von gestern immer wieder von gestern unterbrochen nur von Schimpfwörtern, wenn er daneben trat und ein paar Meter das abschüssige Geröll herabrutschte. Sofort stand er auf und sprach weiter suchte neue Lösungen wo es keine gab. Ein endloses Band von Worten trug uns den Hang hinab. Nun schweigt er starrt dem Morgen entgegen. Ich bin sicher der Morgen ist nah er kommt uns aus dem Tal entgegen begleitet von Regen und Wind.

(N.) Ich bin allein, allein in dieser Welt. Noch gestern gab es Menschen. Jetzt gibt es nicht einmal mehr das Gestern. Vor mir geht einer, leitet mich stur durch die Nacht und den Regen. Aber hat er denn ein Ziel? Wird dieser Pfad enden oder geht er immer weiter, endlos? Sind wir schon tot? Ich würde den Rücken vor mir gerne fragen; hinter dem Rucksackgestell und der blauen Daunenjacke muss doch ein Leben sein. Das ist keine Maschine, die im Rhythmus meiner Atemzüge durch den Schlamm stapft, als wäre ich es, der ihre Beine in Bewegung hält. Das ist ein Freund. Ich erinnere mich.

Ich könnte ihn berühren, wenn ich meinen Arm ausstrecken würde. Aber meine Finger sind taub und pelzig, mit Blut vollgelaufen. Würde er sie spüren? Ich könnte ihn anreden, aber ich habe seinen Namen vergessen. Eben wusste ich ihn noch … Er ist ein Freund, mit ihm konnte ich immer reden. Doch wenn ich es versuche, öffnen sich nur meine Lippen, ziehen sich zurück zu einer drohenden Fratze. Die Kiefer pressen die Zähne fest aufeinander, sie haben sich ineinander verbissen, hinten, nahe bei den Ohenr, kann ich die Knochen spüren, über denen sich meine Haut spannt. Ich werde nie mehr reden. Schweigend gehe ich in diesen neuen Tag. Wenn er denn kommt.

„Härrschaften! Die Damen und die Härren, liebä Kinderr! Stolz präsentieren wir ihnän das Wunder där sechs Kontinente: Der Mann ohne Mund! Träten sie näherr, träten sie ein in einän Raum der Magiie, der Fatasiie, där Imagination! Sähen sie den Schweiger, die mänschliche Tragöödie, die Tränen, die übär seine hohlän Wangen rinnen. Die Damen und die Härren, kommen Sie in seine Welt und lauschen Sie: Wenn Sie kein Geräusch hören, schafft ihre Einbildung eines. Und es wird sein, als würde er reden, der Mann ohne Mund.“

R., er heißt R.! Das ist doch schon einmal etwas. Vor mir läuft R. Wenn ich jetzt nicht diese dämliche Maulsperre hätte, wenn mein Arm nicht eingeschlafen wäre und ich mich nicht darauf konzentrieren müsste, in seine Fußstapfen zu treten …

Dann würde ich ihm sagen: „R., weißt du noch, wie es  war? Damals. Gestern…“

Und R. würde sagen: „Erzähl mir, N. Unser Weg ist noch lang.“

Träge Tropfen stürzen von den hohen Fichten. Der nadelweiche, federnde Boden schluckt sie lautlos. Die Stämme der Bäume sind schwarz. Sie stehen eng beieinander, aber sie berühren sich nicht. Respektvoll stehen sie in Habacht, warten auf Malcolms Befehl. Dieser Morgen ist still. Er lauscht hinaus, zögert, lässt sich Zeit. In seinen Ohren rauscht das Blut, quält ihn ein dünner Pfeifton. Eine Dohle krächzte eben kurz und unsicher, schwieg dann betreten. Kalter Dampf liegt zwischen den Stämmen in der bewegungslosen Luft. Ihr Atem schmeckt nach Torf.

(N.) Er hört wohl nicht zu. Nie hört mir jemand zu. Dabei sollte er mir zuhören.

‚Das ist die Geschichte, die nicht gut endet’, würde ich sagen. ‚Sie erzählt vom Beginn, du verstehst’, würde ich sagen. Du würdest dich halb wenden und mir wäre, als sähe ich in einen Spiegel. Ich wäre mein Gesicht gewöhnt, dennoch hätte der Anblick etwas Rührendes. Du hast ja auch schon oft gesagt, es seien gerade die Augen, die dich an daheim erinnerten.

‚Da war die Welt noch Welt und nicht Misthaufen’, würdest du beiläufig sagen, ‚obwohl ich mich mühe, dich zu begreifen. Die Sätze, die du mir gibst, kann ich nicht in mein Verstehen einbinden – daran scheitere ich; egal, wie sehr ich mich bemühe. Die Geschichte, die nicht gut endet, kenne ich schon.’

‚Willst du mich wütend machen? Langweile ich dich schon jetzt?’, würde ich fragen. ‚Es gibt viele Geschichten, die nicht gut enden. Du kennst nur eine von ihnen.’

‚Das ist nicht wahr’, würdest du erwidern, ‚diese Geschichten sind alle gleich. Kenne ich eine, kenne ich jede. Wie es nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur eine Geschichte, die schlecht ausgeht.’

‚Du musst auf meine Worte achten. Eine Geschichte, die nicht gut endet, ist etwas anderes, etwas tieferes. Wie ich Wahrheiten erfinden kann, kann ich auch Geschichten erfinden, die wahr werden, wenn ich sie dir erzähle. Wenn ich dir eine Geschichte von einem Mann erzähle, die nicht gut endet, dann lebt dieser Mann. Die Geschichte ist wahr.’

Jetzt würdest du zurücksehen, sehr aufmerksam auf mich blicken und nicken. ‚Das ist nicht wahr’, würdest du sagten, ‚dein Weltbild ist verschroben und weinerlich. Trotzdem will ich dir zuhören. Auch wenn deine Geschichte erlogen ist, klingen deine Worte gut, wenn auch manchmal etwas abgedroschen. Worte werden auch nicht wahrer, wenn man sie oft wiederholt.’

Du hast recht’, würde ich antworten, ‚aber nur mit deinem letzten Satz.’

Jetzt begänne ich zu erzählen. Dabei sähe ich zu deinen Fußstapfen, denen ich folgte und bewegte wie von ungefähr meine Finger, um die Blutzirkulation anzuregen. Selten starrte ich auf deinen Rücken, auf die Wasserperlen auf deinem Janker; eigentlich nur dann, wenn ich bei einem gut plazierten Wort deine nickende Zustimmung suchte. Sie bliebe fast immer aus, du nicktest wohl an anderen Stellen, aber es gäbe mir doch das Gefühl, du würdest zuhören.

‚Du hörst mir zu’, würde ich sagen, ’du bist anders, aber du hörst zu. Ich weiß, du wirst das nicht mögen, aber ich habe das Bedürfnis, dich zu streicheln, während du mir lauscht.’

‚Deine Geschichte verwirrt sich, du bist abgelenkt’, würdest du erwidern.

‚Es war alles bedeutend’, erzählte ich, ‚alles nur ein Mittel, um zu verdrängen. Von dem Tag an, an dem er erwachend sein Erwachen bemerkte, war alles bedeutend. Das Bein, das er zuerst aus der Decke zog und weit zur Seite drehte, damit es über den Rand des Bettes abknickend mit dem nackten Fuß den warmen und rauhen Teppich berührte, war wichtig. Die Lichtflecken, die seine Augen blendeten, als er sie öffnete, waren wichtig. Sein ganzes Leben war mit einem Mal bedeutend, es war in sein Dasein eingetreten.’

Hier würdest du mich räuspernd unterbrechen, wie es so deine Art ist. ‚Ja’, würdest du bemerken, ‚aber warum erzählst du das? Es ist nicht wichtig und auch nicht ehrlich. Warum musst du dich denn mit übertriebenen Gefühlsausbrüchen schmücken, mit Gefühlen, die nicht mehr in unsere Welt passen?’

‚Aber du wirst doch einsehen, wie ich aus dem Zustand des einen auf die Gesamtheit schließen kann. Ich will einen herausgreifen und ihn zeigen, wie er scheitert oder sich arrangiert. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht.’

Hier hättest du es eilig, mich zu unterbrechen: ‚Auch ein Arrangement ist ein Scheitern. Es ist die alltägliche Form des Scheiterns, die undramatische, die du in deinen Geschichten und Bildern gerne unterschlägst. Auf einem falschen Weg kann man nur wenige Schritte in die richtige Richtung gehen.’

‚Aber eine Übereinkunft kann auch eine Hoffnung sein. Doch du hast recht, davon wollte ich nicht erzählen.’

‚Ich toleriere deine Meinung’, würdest du nach einem kurzen Schweigen sagen, ‚aber sie ist falsch. Doch erzähle deine Geschichte weiter, ich hätte dich nicht unterbrechen dürfen.’

‚Ja’, würde ich triumphierend erwidern, ‚auch ich toleriere deine Meinung, denn sie ist so richtig wie die meine. Ich erzähle meine Geschichte gerne weiter. Ich weiß inzwischen auch, warum sie nicht gut endet. Eben wusste ich das noch nicht.’

So sollte unser Gespräch sein. Wenn du mir zugehört hättest. Vielleicht wäre dann alles anders gekommen.

 (R.) N. in meinem Rücken er schweigt. Ich hoffe geraume Zeit schon auf ein Wort von ihm das erklären würde wie er fühlt was er fühlt ob er fühlt was denn ist. Doch er schweigt. Wenn es einer weiß dann doch er hat ein viel engeres ein freundschafliches liebevolles ist sein Kumpel sie reden miteinander. Noch geht er hinter mir ein Schritt und noch einer und er führt hinab immer hinab wir sind auf dem richtigen Weg wenn es nur endlich wiederhole ich mir ein tausendmal verwirrender Gedanke wenn es denn wenn es nie mehr hell würde die Dunkelheit bliebe schließlich aber kam der Tag herauf an dem sich das Schicksal muss immer so wirken als wäre er ein Bankdirektor enden voller Schmerz und Leid nach einer Periode des Aufstiegs der Entfaltung nach einer ungeheuren Ausbreitung der Macht über die Natur schließlich nur ein Übergang zu neuer Barbarei. Richtiges Leben im Falschen.

Ach, N.

Blutend rot krallt Morgen kalter Hauch seine Federfinger in die Dämmerung küsst auffunkelnd die gezackten Bergzinnen goldene Flüssigkeit bernsteinfarben warm und weich mündet in eine ewige Nacht warte nur in Bälde ruhst auch du kritische Theorie.

Ein Zaun. Ein Steig, hinüber. Kühe hinterließen Fußtritte Wasserpfützen Leben da ein grüner Geruch. Es ist ein Zeichen Zivilisation wir nähern uns dem Tal bald werden wir die Lichter sehn gerettet sein in Reih und Ruh. Wir werden Lichter sehn sie werden uns führen. Und selbst wenn dieser Weg nun wieder etwas emporgeht das Ende ist nah noch ein kleiner Hügel eine waldige Strecke dann ein paar Felder. Wiesen. Straßen.

Licht.

 Der Wald schweigt. Er sammelt sich für den Tag.

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