Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 12)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

„Das Ende meiner Geschichte kann in den Geschichtsbüchern des alten Bingh-Reiches und in Lakmis eigenen Aufzeichnungen, die glücklicherweise die Zeiten überdauert haben, nachgelesen werden.

Der URS brachte das tapfere Mädchen ohne Zwischenfälle in Sicherheit. Der pferde- und auch fahrerlose Wagen steuerte in atemberaubender Geschwindigkeit gen Westen an den Rand des Schlachtfeldes und noch ein Stück darüber hinaus in Wüstennacht hinein, bis er stoppte und seinen Passagier entließ. Kaum hatte Lakmi ihr Gefährt verlassen, nahm es wieder Fahrt auf und kehrte auf den Reifenspuren, die es hinterlassen hatte, wieder zurück. Lakmi sah sich um und wurde von Lichtern angelockt, die nicht allzu weit entfernt in einer Senke flackerten. Von TYCHO geführt stieß sie noch in der selben Nacht auf eine winzige Oase inmitten der öden Toten Wüste. An ihr lagerte eine kleine Karawane, die schweren Süßwein aus dem barbarischen Süden gen Karukora beförderte und von ihrem Weg abgekommen war.

Die Oase lag jenseits der Handelsrouten und war nur wenigen Karawanenführern bekannt. Sie wurde wegen ihrer Nähe zu den Schlachtfeldern gemieden, aber ein Sandsturm, dem man ausweichen wollte, hatte den Handelszug zu Lakmis Glück von seinem ursprünglichen Pfad abgebracht. Die plötzlich aus dem buchstäblichen Nichts auftauchende Frau wurde von den erstaunten Händlern freundlich aufgenommen und kehrte mit ihnen gemeinsam nach fünf Tagen zurück in ihre Heimatstadt, in der sich schnell das Gerücht über das Mädchen verbreitete, das die Schlachtfelder des Ewigen Krieges bereist hatte – und wieder heimgekommen war. Es dauerte nicht lange, dann gelangte diese unerhörte Geschichte auch vor den Thron des Namenlosen, der sich in sie verliebte und um sie freite. er musste jedoch noch viele Jahre warten, bis die tapfere Lakmi sein Werben erhörte.

Als erstes jedoch eilte Lakmi zurück zu ihren Eltern, die längst alle Hoffnungen hatten fahren lassen, ihre Tochter einmal wieder lebendig in die Arme schließen zu können. Wie ich euch bereits berichtete, schaffte sie es mit der Hilfe ihres Zauberstabes, ihren siechen Vater Lafar von seiner schweren Krankheit zu heilen. Und als übers Jahr ihre Brüder von ihren Abenteuern zurückkehrten, fanden sie den gesunden Bürstenmacher fröhlich pfeifend und werkelnd in seiner Werkstatt vor. Was war das für eine fröhliche Familienzusammenkunft!

Lakmi-âs-Sekr war jedoch schon längst wieder weitergezogen, denn ihr Fernweh war eine der Krankheiten, die auch ihr TYCHO nicht zu heilen vermochte. Ich kann euch leider nicht mitteilen, ob sie bei ihren Reisen schließlich bis nach Pardais gelangte und dabei ihre Karte vom Weg, der in den Tag führt, benutzte. Ich weiß auch nicht, was aus ihrem Zauberstab TYCHO geworden ist. Aber es gibt schon viele Jahrhunderte das hartnäckige Gerücht, Lakmi hätte beide – die Karte und den Stab -, irgendwo im alten Palast von Karukora verborgen. Vielleicht sind diese Artefakte ja beim Großen Brand verloren gegangen, vielleicht warten sie noch immer auf einen mutigen Entdecker …

Was jedoch Asgëir, den Delphi und Unsterblichen, betrifft: Er wartete noch lange vergeblich bei der Falltür in den Ruinen auf Lakmis Rückkehr aus dem Worum. Endlich jedoch, nach vielen, vielen Monaten – Zeit bedeutete ihm ja wenig-, gab er die Hoffnung auf, schulterte resigniert sein Gepäck und suchte an anderen Stellen auf der Welt nach den restlichen Stäben der Macht, die wiedervereinigt die gewaltigste Waffe, die die Erde je gesehen hatte, wären. Diese Stäbe fanden dann tatsächlich vor gut zehn Jahren im Land des grausamen Zares Sander XII. zueinander und das Schicksal von Asgëir erfüllte sich.“

Alis zögerte nur kurz.

„Aber das ist eine weitere Geschichte nach der Geschichte und ich will sie euch an einem anderen Tag erzählen“, endete er dann mit fester Stimme und wartete geduldig auf den Lohn des Erzählers, den Beifall seiner Zuhörer. Er setzte nach einem kleinen, zögernden Augenblick der Stille tosend ein.

Der Vezir Ómer, den seit geraumer Zeit eine beinahe unwiderstehbare Schläfrigkeit die Augenlider beschwerte, hätte seinen Einsatz, als er endlich, endlich, nach so vielen Worten am Ende von Alis‘ Geschichte kam, beinahe verpasst. Es war der donnernde Applaus, der ihn grunzend aus seinem Halbschlaf aufschrecken ließ. Der kleine Mann mit dem riesigen Turban sprang wie unter Strom gesetzt wieselflink auf die Beine und achtete nicht auf seinen Stuhl, der hinter ihm umfiel und zu Boden krachte. Er war nicht der einzige, der sich erhob. Im Publikum waren viele klatschend aufgestanden, um Alis für seine lange Geschichte zu danken. Manche waren tatsächlich begeistert, aber die meisten schenkten doch nur Beifall, weil sie damit diesen Teil des Abends endlich hinter sich gebracht hatten und nun die Nachspeisen gereicht würden. Auch die Tische mit den Adligen, den Würdenträgern, den vornehmen Gästen und den Diplomaten standen geschlossen von ihren Stühlen auf und applaudierten – alle außer dem Namenlosen selbstverständlich, denn es war nicht mit der Würde seines Ranges als Herrscher vereinbar, vor einem einfachen Märchenerzähler zu stehen. Doch auch er gab freundlichen Beifall.

Deshalb fiel nicht weiter auf, dass der Vezir den Soldaten, die den Raum bei der Eingangstür bewachten, ein aufforderndes Handzeichen machte. Einer von ihren öffnete geschwind die große Flügeltür und der Ser’Asker Paşa Ultem kam mit ein bewaffeten Trupp seiner Männer herein. Die Hände der Soldaten lagen auf ihren Schwertern und hinter ihnen wurde die Tür sofort wieder verschlossen. Der vom Vezir bestochene höchste General Karukoras schritt von seinen treusten Männern gefolgt durch die Tischreihen der Klatschenden langsam nach vorne zur Empore, direkt auf den Namenlosen zu, der ihn überhaupt nicht zu beachten schien. Auch der aufmerksame Hauptmann Galves, der nun hinter seinem Regno stand, und Sahar neben ihm bemerkten davon nichts – der verkleidete Mönch, weil er neidisch Alis‘ Verbeugungen beobachtete und Galves, weil er besorgt sah, dass sein Fürst beim Aufstehen schwankte und sich dann stöhnend gegen die Tischplatte stützte. Hatte der Bär zu viel getrunken? Das konnte Galves sich bei Raul, der lachend ganze Metfässer leerte und anschließend mit seinen stärksten Kriegern rang, eigentlich nicht vorstellen.

Ómer öffnete gerade den Mund, um den Befehl zu geben, den Namenlosen gefangen zu nehmen, da kam dieser ihm zuvor: Mit einer lauten und beißend scharfen Stimme, die dem jungen „Unterwerfer“ niemand im Saal zugetraut hätte – zu allerletzt sein Vezir -, forderte er Ruhe. Überrumpelt blieb Ómer stumm. Der Applaus endete und eine atemlose Stille lag über dem Raum. Alle starrten gebannt nach vorne. Der Blick des Herrschers ruhte jedoch ruhig auf den Elitesoldaten, die gemeinsam herantraten. Jetzt erhob auch er sich gelassen von seinem Platz.

Ser’Asker Ultem!“, sprach der Namenlose den alten Soldaten an, der die Bühne neben Alis erklommen hatte und wenige Schritte vor ihm stehenblieb. „Wer ist dein Herr? „Wer ist dein Herr? Wem gehört deine Treue?“

„Wer meine Männer und mich am Besten bezahlt“, erwiderte der General trocken und zog sein Schwert. Seine Soldaten taten ihm gleich. Der Namenlose schmunzelte unter seiner goldenen Maske und ihre roten Edelsteinaugen sprühten Feuer. Sahar spürte die Gefahr und trat zurück, damit er den Platz hatte, seine versteckte Klinge zu ziehen, die er in den Speisesaal geschmuggelt hatte. Wo war eigentlich die vermummte Dienerin der Miladí da Hiver abgeblieben? Gerade war sie doch noch hinter ihrer Herrin gestanden. Es war, als hätte sie der Erdboden verschluckt. Sahar sah sich um, konnte sie aber nirgendwo entdecken. Dafür bemerkte er, dass die Leibwache des Herrschers in seinem Rücken langsam ihre Piken senkte. Was ging hier vor?

„Und wer bezahlt dich am Besten?“, unterbrach der Namenlose Sahars Gedanken. Ultem und seine Begleiter gingen vor ihrem Herrscher in die Knie und stützten ihre Hände auf ihre Klingen, die sich vor sich hielten.

„Das seid selbstverständlich ihr, mein gnädiger Herr“, sagte er ruhig. Ein abfälliger Blick streifte Ómer, dessen Beine plötzlich butterweich wurden. „Der Vezir ist ein elender Geizhals. Möge die Allerbarmende ihn verfluchen!“ Ultem spuckte aus.

Verraten! Ómers schöner Plan war an den Namenlosen verraten! Wie ein Tier in der Falle warf der Vezir den Kopf hin und her, doch nirgendwo schien es ein Entkommen für ihn zu geben. Doch wer hatte ihm das angetan? Bestimmt sein Rivale Radik Emre, auch wenn er sich nicht vorstellen konnte, wie der törichte Seneschall, der am Rand des Tisches voller Verblüffung seine Augen aufriss, davon erfahren hatte – oder vielleicht … Omers irrender Blick fiel auf Alis, der unauffällig zur Seite trat und dabei süffisant in seine Richtung lächelte.

Der Namenlose beendete das Schauspiel mit einer wegwerfenden Geste.

<p style=“text-align: justify;“„Wachen!“, rief er, „nehmt diese Küchenschabe Ómer und schließt sie weg. Ihr jämmerlicher Anblick macht mich krank.“ Zwei Treuwächter rannten an Sahar vorbei nach vorne und ergriffen den Vezir an den Armen, der sich nicht wehrte und nur erschüttert den Kopf schüttelte. So schnell war noch nie ein hochfliegender Plan vernichtet worden.

Dann verbeugte sich der „Unterwerfer“ galant vor Miladí und dem käsebleichen Bären, auf dessen Stirn dicke Schweißtropfen standen.

„Verzeiht mir bitte dieses unerfreuliche Intermezzo – ein kleines, internes Problemchen, das uns nicht weiter den Abend verderben sollte. Ich bin neugierig, welche Desserts uns der Küchenchef gezaubert hat.“

Die schöne Miladí erwiderte die Geste des Namenlosen mit einem zynischen Lächeln auf den vollen Lippen. In diesem Moment kippte der Regno Raul vornüber und klatschte geräuschvoll mit Bauch und Gesicht auf den Tisch. Durch die Erschütterung kippten alle Kannen und Gläser um und ihr Inhalt ergoss sich wie Blutflecken auf die Tücher. Die Gesandte der Fünf Städte und der Namenlose fuhren zurück. Galves hatte seinem Herrn noch zu Hilfe eilen wollen, aber er kam zu spät. Er beugte sich fassungslos über seinen Herrn und legte zwei Finger seiner Rechten an dessen Hals.

„Mein Regno ist tot“, stellte er dann mit versteinerter Miene fest.

Dann brach in dem Saal das Chaos aus.

_______

Ende des 8. Kapitels

[Hier gehts zum 9. Kapitel …]

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 12)

  1. Pingback: Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 8 – Teil 11) | Aber ein Traum...

%d Bloggern gefällt das: