Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 3)

Bereits der nächste Tag bot mir eine Gelegenheit. Es war einer dieser klaren, kalten Frühherbsttage, in denen die Luft wie ein Vergrößerungsglas ist, das die Details auch der entferntesten Erhebungen und Täler heranholt und zum Leuchten und Strahlen bringt. Die Häuser, die Wälder, die Menschen, die grauen Mauern des Internats – alles wirkte wie von einem expressionistischen Bildhauer aus hellem Granit gemeißelt. In dem Tal herrschte ein extremer Nordostföhn, der auch die letzte Wolke vom Himmel geblasen hatte und den Schnee der Gipfel schmerzhaft grell leuchten ließ. Das war das ideale Wetter für den geplanten Wandertag. Meine Klasse machte in der Begleitung von mehreren Lehrern zusammen mit der Klasse von René eine Tour auf den örtlichen Hausberg. Es war eine Strecke, die ich schon oft gegangen war. Durch mein regelmäßiges Training war ich in bester Kondition und schon bald den anderen weit voraus.

Ich war freilich nicht der einzige, der nach einer Weile dem flügellahmen und unwillig vor sich hin trottenden Haupttrupp um einige hundert Höhenmeter und viele Serpentinen vorauseilte. Nur wenige Kehren des schmalen Bergwegs unter mir folgte mein Widersacher. René legte ein ordentliches Tempo vor und versuchte, mich einzuholen. Offensichtlich wollte er mir beweisen, dass er ein zumindest ebenso tüchtiger Wanderer war wie ich und mich zu einem Wettlauf die steile Flanke des Berges hinauf herausfordern. Und noch ein Stück unter ihm folgte Dr. Herni. Auch er mühte sich ab, zu mir aufzuschließen. Er sah es als seine Aufgabe an, seine Schäfchen zusammenzuhalten. Obwohl er noch weit hinter René und mir lief, drang sein gleichmäßiges, aber lautes Keuchen wie das angestrengte Zischen einer alten Dampflok zu mir empor. Mir schwante Übles. Herni würde alles andere als gut aufgelegt sein, wenn es ihm endlich gelang, uns Ausreißer einzuholen. Dieser Ungehorsam gegen seine ausdrücklichen Anweisungen würde uns beiden mit Sicherheit am Wochenende Hausarrest und einen zehnseitigen Besinnungsaufsatz auf Französisch einbringen.

Ich steigerte mein Schritttempo und verzichtete auf Verschnaufpausen. René tat es mir gleich. Bald spürte ich unterhalb der Rippen ein mit jedem Schritt heftiger werdendes Seitenstechen, doch ich ignorierte es. Die Auseinandersetzung mit Herni wollten wir so lange wie möglich hinausschieben. Nach einer Weile führte der Weg aus dem immer lichter gewordenen Bergwald hinaus und lief nach einem kurzen, fast senkrechten Anstieg, auf dem ich wieder einige Meter gut machen konnte, durch den niederen Latschenbewuchs unterhalb des mächtigen Felskegels des Bergs. Ich wusste, dass es nun relativ bequem unterhalb dieser Nordflanke herum zum Grat emporging, von aus man nach einer kleinen Kletterei das Gipfelkreuz erreichen konnte, das bereits jetzt schon ab und an in der Ferne zu sehen war. Es war bei unserem Tempo ungefähr noch eine halbe Stunde zu gehen. Obwohl sich meine Verfolger Mühe gaben, würde ich bestimmt vor René und dem wütenden Lehrer oben auf der Kuppe des Gipfels stehen.

Ich täuschte mich, denn es hatte seit dem letzten Mal, als ich diesen Aufstieg gegangen war, einen Felsabgang gegeben. Ich stand plötzlich an einer steilen Stelle vor einem ausgedehnten und glitschigen Geröllfeld, unter dem mein Weg verschwand. Dieser Abrutsch musste erst vor ein paar Tagen erfolgt sein, denn der Alpenverein hatte den Pfad noch nicht wiederhergestellt und das Geröll war feucht und voller Erde, dabei so locker, dass sich bei jedem Schritt, den ich mich probeweise vorantastete, eine kleine Lawine löste.

Während ich noch überlegte, ob es nicht gescheiter war, umzukehren und tiefer unten eine sicherere Passage zu suchen, als mich dem unabwägbaren Risiko einer Querung des Geröllfeldes auszusetzen, holte mich endlich René ein. Er rempelte mich von hinten an.

„Und? Hast Angst, weiterzugehen? Bist feig.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Er pflegte dabei einen übertrieben breiten, österreichischen Dialekt, der so herablassend und hochnäsig klang, dass ich sofort wütend wurde. Ich drehte mich herum und packte ihn vorne an den Tragegurten seines kleinen Rucksacks. Ich fand, es war nun endlich Zeit, unser Verhältnis ein für alle Mal zu klären. Wenn wir tatsächlich für ein ganzes Schuljahr ein Zimmer zu teilen hatten, dann musste sich bald etwas zwischen uns zu ändern, wenn das Ganze nicht zu Mord und Totschlag führen sollte.

„Was habe ich dir getan? Warum mischt du dich in mein Leben ein?“, brüllte ich René an und schüttelte ihn dabei. Er wehrte sich zuerst nicht, denn er war von der plötzlichen Attacke überrascht. Doch dann wurde auch er schnell zornig. Er stieß mich mit beiden Armen von sich weg. Da ich ihn nicht losließ, stolperten wir beide auf das unsichere Geröll hinaus und rutschten erschrocken ein Stück abwärts. Nur wenig unter uns war eine Felskante, über die es sicher dreißig Meter senkrecht in die Tiefe ging.

Nein, der Ort für unsere Auseinandersetzung war denkbar schlecht gewählt, aber jetzt gab es für uns kein Halten mehr. Wir balancierten uns über dem gähnenden Abgrund aus, suchten einen festen Stand, nahmen Boxhaltung an und schlugen uns wortlos; verbissen nach einer Lücke in der Verteidigung des anderen suchend. Da wir allerdings beide regelmäßig mit dem Turnlehrer Sparringübungen machten, waren wir ebenbürtig. René und ich mussten schon einen lächerlichen Anblick abgeben, wie wir in unseren klobigen, grauen Bergschuhen, mit den kurzen Lederhosen und den Rucksäcken knapp über der Bruchkante auf tückischem Grund vor und zurück tänzelten und immer wieder einen vergeblichen Ausfall nach dem Kopf des Gegners unternahmen, der wirkungslos in dessen Armdeckung verpuffte. Aber dem Dr. Herni war alles andere als zum Lachen zumute, als er uns endlich eingeholt hatte.

„Herbrechtsgasser! Waldescher!“, schrie er und seine Stimme überschlug sich. Er bellte im schärfsten Befehlston, der ihm zur Verfügung stand.

„Unterlassen Sie diesen Unfug auf der Stelle!“

Wahrscheinlich sah er uns Streithähne schon zusammen mit seiner Karriere in die Tiefe stürzen. Wir nahmen kaum Notiz von ihm. René senkte allerdings ein wenig seine Deckung und warf einen kurzen, abgelenkten Blick nach hinten. Das war meine Gelegenheit. Die Rechte schoss gerade noch vorn und traf meinen bulligen Feind mitten auf die Nase. Das brachte ihn aus dem Tritt. Er stolperte und fiel halb zur Seite, zu seinem Glück gegen den Berg. Sofort gab der lose Untergrund nach und er rutschte weg. René packte mich verzweifelt an dem Besatz meiner weiten Lederbundhose und zog mich mit sich herab. Erst in diesem Moment wurde mir klar, was auf dem Spiel stand, aber da war es schon zu spät. Aber wir stürzten nicht ab – noch nicht. Mit einem mutigen Satz war der Lehrer bei uns und hielt mich am Rucksack fest. Für eine Endlosigkeit, die in Wirklichkeit vielleicht nur wenige Sekunden dauerte, bildeten wir eine bewegungslose Kette. Herni öffnete den Mund, wollte einen Vorwurf aussprechen, vielleicht auch einen Fluch. Er kam nicht mehr dazu. Das Geröll unter seinen Füßen geriet in Bewegung und er kippte, riss uns alle über die Felsennase in den Abgrund.

Ich wollte schreien und kam gleichzeitig auf dem Boden auf; viel zu früh. Ich tat mir nicht einmal sehr weh, weil ich halb über René stürzte und auf seinem Körper zum Liegen kam. Er stöhnte auf und robbte sich von mir weg. Meine Hände griffen in feuchtes, duftendes Gras. Verblüfft richtete ich mich halb in die Höhe. Mein erster Blick fiel auf René, der neben mir im lange nicht mehr geschnittenen Krautwirrwarr der Almwiese neben einem gewaltigen Kuhfladen saß und sich den Kopf hielt. Der Lehrer lag auf dem Bauch und streckte alle Viere von sich. Seine Lage wirkte unbequem. Ich sah näher hin: Er rührte sich nicht. Unter seinem Kopf erblickte ich erschrocken eine große Blutlache. Ich kroch zu Herni, aber für ihn kam jede Hilfe zu spät. Sein Kopf ruhte in einem zum Körper seltsamen Winkel neben einem blutverschmierten Stein. Die Augen waren geöffnet und noch immer lag viel Vorwurf in seinem starren Glotzen. Offenbar gefiel ihm nicht, was er gerade im Jenseits erblickte. Denn er war tot, war nach dem kurzen Sturz mit seinem Schädel auf dem soliden, spitzen Felsbrocken aufgeschlagen und hatte sich dabei das Genick gebrochen.

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