Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (2. Kapitel – Teil 5)

Verstehe mich recht, mein Abakoum: Ich war schockiert. Das Ganze mag zwar auf den ersten Blick lustig wirken, aber das war es absolut nicht. Wie erschlagen saß ich auf meinem Platz, um den das von mir verursachte Chaos tobte. Ich nahm mir auch fest vor, so etwas nicht wieder zu tun; Rubens Welt nie mehr meinen Willen aufzuzwingen. Aber ich hielt mich nur ein paar Tage daran, viel zu groß war die Versuchung. Was will man auch von einem Vierzehnjährigen erwarten, der sich als ein Superheld begreift. Die Frage, ob ich an diesem freundlichen Sommertag im Speisesaal des Schweizer Internats gemordet habe, weil ich mit einer unwilligen, schuldbewussten Geste die Existenz dieses Lehrers auslöschte, stellte sich mir damals allerdings nicht. Ich hatte zwar ein paar, ich möchte sagen, ‚unterirdische’ Gewissensbisse, aber da in der Vorstellung eines Schülers die Existenz des Lehrers an der Tür des Klassenzimmers endet und er sich für ihn, diesen vollständig mit seinem Beruf identischen ‚Lehrkörper’ kein Privatleben ausdenken kann, ist ihm sein Verschwinden auch nicht weiter unheimlich. Die grundlegenden Fragen stellte ich mir erst später; vor allem diese, ob meine Taten in Rubens Welt Auswirkungen auf meine eigene haben konnten – ob seine und meine Realität in so enger Abhängigkeit zueinander standen, wie die zwei Seiten einer Münze. Ich sollte die Antwort erhalten, bevor ich diese Fragen stellen konnte.

In der knappen Woche, in der ich noch in Rubens Leben herumspielte, bevor es wieder zu einem Wechsel kam, hielt ich mich also zurück. Zumindest ließ ich die Menschen in Ruhe, das war mir doch zu unheimlich. Die Geografie der Schweizer Alpen litt allerdings unter ein paar kosmetischen Eingriffen, die sie insgesamt ein wenig mehr der Vorstellungswelt eines Pubertierenden anpassten und ein wenig wilder und schroffer machten. Und dabei merkte ich erst, wie viel mir mit der entsprechenden Konzentration möglich war: Ich konnte Berge schaffen und schleifen und wenn ich auf einer Wanderung durstig wurde, ließ ich wie Moses eine Quelle sprudeln.

Dann kam der Wechsel. Er hatte sich bereits ein paar Tage vorher angekündigt. Das war nur ein unbestimmtes Gefühl der Deplaziertheit, das zunahm, eine Unruhe in der Nacht. Ich fühlte mich von einem fernen Geist berührt; Ruben rief mich, wahrscheinlich nicht einmal absichtlich. Ich kannte diese Symptome und ich sehnte ungeduldig meine Rückkehr in meine eigene Welt herbei. Auch wenn es nicht in meiner Macht zu liegen schien, suchte ich den Wechsel zu forcieren, indem ich wie Dorothy in Oz die Schuhe zusammenschlug und mich ganz auf zuhause konzentrierte. Der Tausch kam dann jedoch völlig unerwartet. Eben wollte ich noch in der Internatsbibliothek nach einem Band mit den atheistischen Gedanken von Diderot greifen und fasste stattdessen in einen Schmetterlingsflieder, der üppig blühend im Garten meines Elternhauses wuchs. Ich war wieder im ‚Eulenhorst’. Ich schreckte bei dieser Gelegenheit ein paar Pfauenaugen auf, die verwirrt um mich herumtorkelten. Diesmal war ich Ruben nicht in dem unheimlichen Zwischenreich, jenem Zünglein an der Waage, begegnet, der Austausch geschah wie früher von einem Moment zum nächsten. Ich hätte weinen können vor Glück. Gerüche, Geräusche und Wärme drangen ungestüm auf mich ein – eine überwältigende Symphonie an Eindrücken, an echtem, wirklichem Leben, das ich in den langen Wochen drüben so schmerzlich vermisst hatte. Es war das Erwachen aus einem klebrigen, konturlosen Traumgespinst hinein in die Realität eines lärmigen, sonnendurchfluteten Morgens. Ich war wieder ich – Alban – und fest entschlossen, nie mehr in jene Welt der Schattenmarionetten zurückzukehren.

Ich sah mich um. Ich befand mich in der weitläufigen, fast parkähnlichen Gartenanlage hinter der Villa und wusste gleichzeitig, dass etwas nicht stimmte. Mir kam ein Gedanke, der mir trotz seiner Offensichtlichkeit bisher noch nicht in den Sinn gekommen war: Was war, wenn Ruben hier die gleiche Macht hatte wie ich in seiner Welt? Und wenn er sich gleich mir dieser Macht bewusst geworden war – wenn ich in eine veränderte, entvölkerte Realität zurückkehrte? Ein Charakter wie der seine hätte in den wenigen Wochen einen Genozid durchführen können. Ich hielt vielleicht die Macht in den Händen, seine Welt zu zerstören, aber es konnte gut sein, dass er die gleiche hier besaß. Ja, ich witterte Unheil und stand eine ganze Weile starr auf dem Rasen, versuchte meinen Pulsschlag zu beruhigen und lauschte vergeblich nach Geräuschen und Stimmen von Menschen.

Vor mir im Gras liegend entdeckte ich eine Metallschachtel mit kleinen Schraubendrehern; ich glaube, man nennt so etwas ein Uhrmacherset. Ich nahm den Behälter mit dem Werkzeug in die Hand und musterte ihn. Auf der Rückseite war ein Aufkleber angebracht, der das Set als mein Eigentum auswies. Offenbar hatte sich Ruben während meiner Abwesenheit weiter mit seinen Elektronikhobbys beschäftigt. Er war ja auch nicht wegen schlechter Französischnoten in ein Internat verbannt worden. Ich öffnete die Schachtel. Einer der seltsam geformten Schraubendreher fehlte, einer der kleineren. Ruben hatte das Set wahrscheinlich in der Hand gehalten und fallen lassen, als der Tausch über uns kam. Das erschien mir bedeutsam, auch wenn ich nicht wusste, was genau es mir sagte. Ich klappte die Schachtel zu und schob sie in meine hintere Hosentasche. Dann entschloss ich mich endlich, ins Haus zu gehen und mich meinen Ängsten zu stellen.

Man gelangte vom Garten über eine Hintertreppe und eine kleine Terrasse, auf der an warmen Sommertagen gegessen wurde, direkt in die für die wenigen Leute, die das Haus bewohnten, viel zu ausladende Küche, die auch zu einem großen Speiselokal gepasst hätte. In der Zeit vor meiner Geburt hatte mein Vater die Küche mit allem möglichen modischen Schnickschack und der neusten Technik ausstatten lassen – damals ein Hobby von ihm – aber sie seit dem Tod meiner Mutter Agnes nicht mehr betreten. Selbst wenn er sein Abendessen auf der Terrasse einnahm, ging er lieber um das Haus herum, als den kürzeren Weg durch die Küche zu nehmen. Aus einem Grund, den ich nie erfahren habe, mied er diesen zentralen Ort, an dem die Lebenslinien aller anderen im ‚Eulenhorst’ lebenden Personen zusammenliefen; vielleicht hatte er auch nur Angst, seinen immer perfekten Anzug zu beschmutzen oder Küchengerüche mit in die Arbeit zu nehmen.

So war es nicht weiter verwunderlich, dass ich in der Küche nur die zwei Personen vorfand, die sich dort die meiste Zeit aufhielten – den Koch und meinen Onkel Balder, der hier den beiden einzigen Leidenschaften in seinem Leben nachgehen konnte, dem Essen und dem Koch, mit dem er eine niemals offen eingestandene Liebesbeziehung hatte, die ich erst als Erwachsener in ihren vollen, tragikomischen Ausmaßen begriff. Ihr Alibi waren die Speisen und so kam es, dass beide Gourmets durch ihre butterverliebten Küchenexzesse sogar für die Maßstäbe Ende der sechziger Jahre als wohlbeleibt galten und sie mir, da sie nebeneinander standen, die massigen Rücken zuwandten; dadurch den Blick auf das verstellten, was auch immer sie stumm und regungslos begutachteten. Ich roch angebranntes Fleisch, dazu verschmorte Kabel und etwas undefinierbar Süßes, vermischt mit dem stumpf metallischen Geruch von gekochten Innereien. Ich nahm an, eines ihrer Speisenexperimente sei in die Hose gegangen und sie ließen deshalb die Köpfe hängen.

Ich trat einen geräuschvollen Schritt näher. Onkel Balder zuckte ertappt zusammen und drehte sich flink auf dem Absatz, die Hände abwehrend nach vorne gestreckt. ‚Wie ein Tänzer,’ dachte ich. Ich hatte dem fetten Mann, der sonst seine Massen nur mit Anstrengung und langsam in Bewegung setzte, der sogar zögernd und gedehnt sprach, solch eine flinke Reaktion nicht zugetraut. Nun sah ich es: Zu beider Füßen lag jemand am Boden, halb verdeckt durch eine niedere Anrichte. Der Onkel flüsterte meinen Namen, als würde die Person da unten schlafen und er wolle sie nicht durch einen lauten Ton wecken. Sein Blick war eine seltsame Mischung aus Misstrauen und Mitleid. So hatte er mich noch nie angesehen. Nur dieser Blick und das zögernde, leise: „…Alban,“ von seinen Lippen, als müsse er sich überzeugen, dass ich es wirklich war, machten mir deutlich, dass etwas Entsetzliches geschehen war, das mein Leben zur Gänze ändern würde. Ich drängte mich zwischen Onkel und Koch, starrte fassungslos auf eine auf dem Bauch liegende Leiche, die die beiden eben erst entdeckt hatten. Deren Geruch war es, der die Küche schwängerte. Es war der schmale Körper von Lina Brunswick, der dort unten halb auf den Fliesen lag. Ihr hautenger, knielanger Rock war hoch nach oben gerutscht, dass er die schwarzen Strumpfbänder offenlegte, die in ihre hellen Oberschenkel schnitten. Schuhe waren keine zu sehen. Kurz fixierte ich die Strumpfnähte ihrer Nylons, die exakt ausgerichtet ihre Beine teilten. Ich empfand das als ungehörig und mein Blick rutschte weiter. Und – oh, Abakoum – ihr Kopf! Es war zu entsetzlich: Er lag im noch funkensprühenden Aufwärmkasten der riesigen Mikrowelle. Es war eine „Radarange“, das erste jemals in Serie hergestellte Mikrowellengerät, ein Ungetüm in der Größe einer modernen Bratröhre, das gut 250 Kilo wog und mehr an einen überdimensionierten Herd als an einen der heutigen Plastikkästen erinnerte.

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Es war gut, dass ich nicht sah, was dieses Monstrum dem Kopf und den Schultern meiner Erzieherin angetan hatte, als sie ungeschützt der Strahlung ausgesetzt war, aber die in die Haut gebrannten, geschmolzenen Reste ihrer dunkelgrauen Perlonbluse, der Geruch und eine undefinierbare Flüssigkeit, die von der nach unten geklappten Tür auf den Boden herabtropfte, reichten, dass mir überfallartig schlecht wurde und ich mein Frühstück – das ich aus dem Internat in der Schweiz der anderen Welt mitgebracht hatte – in die nahe Spüle erbrach. Die beiden Männer sahen mir ruhig zu, bis ich keuchend um Atem rang und nur noch bitteren, gelben Schleim hervorwürgte.

„Hans-Peter, ich bringe den Jungen hier raus,“ sagte mein Onkel erstaunlich ruhig zu dem fetten Koch, als würde er über alltägliche Angelegenheiten reden. Er nahm dabei meinen Arm. Wenn ihn mein Erbrochenes, das dem ganzen Grauen eine neue Duftnote gab, anekelte, ließ er es sich nicht anmerken, „und dann rufe ich die Polizei. Lass niemanden mehr in die Küche.“ Er zögerte. „Vor allem meinen Bruder nicht. Wir wissen, dass das da,“ er deutete von ungefähr hinter sich, „kein Unfall war.“ Und mit einem raschen Blick auf die Spüle ergänzte er: „Reinige das gründlich. Es dürfen auch keine Spritzer übrigbleiben. Wir müssen den Jungen um jeden Preis raushalten. Er war nie hier. Verstehst du?“ Ich fing einen mich abschätzenden Blick des nickenden Kochs auf, dann drängte mich der Onkel aus der Küche. Sein Griff an meinem Arm war fest und zwingend, er dirigierte mich wie ein Kleinkind.

„Was ist denn passiert?“ fragte ich stotternd, ließ mich widerstandslos zu meinem Zimmer im ersten Stock führen. Es war gut, sich der Entscheidungskraft eines Erwachsenen überlassen zu können. Meine Frage war angesichts dessen, was ich gesehen hatte, ziemlich dumm. Noch war der Schock über meine plötzliche Rückkehr und den makaberen Fund viel dominierender als alle anderen Gefühle. Trauer über den Verlust empfand ich noch lange nicht. Die kam erst viel, viel später, eigentlich erst nach Monaten, in den langen Nächten des folgenden Winters, der nie mehr einem Frühling weichen wollte. Ich glaube, ich hatte noch gar nicht realisiert, dass es meine geliebte Lina war, die da tot vor mir gelegen war, sich obszön im Tode mit hochgeschobenem Rock darbietend. Onkel Balder verharrte am ersten Treppenabsatz und musterte mich einmal von oben bis unten, als würde er mich zum ersten Mal in seinem Leben sehen. Diese Musterung fiel nicht zu meinen Gunsten aus, das sah ich. Seine Antwort kam so zögernd, als würde er sich erst beim Sprechen eine Meinung bilden:

„Hör zu. Ich weiß, dass man dieses Unding da in der Küche, diese Monstrosität, die Hans-Peter und ich höchstens mal zum Milchaufschäumen benutzen – keine Ahnung, was Julian dazu bewogen hat, dieses Ding zu kaufen, die Zukunft der modernen Küche ist es jedenfalls nicht – egal, wer die ‚Radarange’ einschalten will, muss vorher die Tür mit dem Hebel fest verschließen, kräftig einrasten lassen. Sobald sie offen ist oder nur der Hebel oben, schaltet sich auch diese teuflische Strahlung ab. Da muss jemand intensiv gebastelt haben, jemand, der einiges von Technik versteht.“ Er machte eine längere Pause, dann gab er sich einen Ruck und fasste in seine Tasche, holte einen länglichen Gegenstand heraus, den ich zuerst nicht identifizieren konnte. „Den habe ich auf dem Boden gefunden, direkt neben… Frau Brunswick. Er passt zu den Schrauben am Türschloss. Da – vielleicht kannst du etwas damit anfangen. Ich würde ihn an deiner Stelle gut verwahren.“ Der Onkel schob mir einen dünnen Schraubendreher in die Hand, den ich sofort als dem Set zugehörig erkannte, das Rubens beim Wechsel im Garten hinterlassen hatte. Auch wenn ich das Offensichtliche immer noch nicht sah, spürte ich mit einem nadelfeinen Schmerz einen Klumpen in mir herabsacken, schwer in den Unterleib fallen und sich dort wie eine heiße Explosion ausbreiten. Mein Onkel schob mich weiter die Treppe hinauf, während er weiter wie mit sich selbst redete:

„Ich kann mir nicht denken, dass Lina an der ‚Radarange’ herumgebastelt hat. Was hätte sie auch für einen Grund gehabt? Sie hatte vor dem Ding und seiner unsichtbaren Strahlung wie wir alle einen Heidenrespekt – vor allem seit wir im letzten Monat alle zusammen ‚Planet der Affen’ im Rex gesehen haben. Ich weiß nicht, warum die Amis solche Horrorfilme machen.“ Wir waren jetzt vor der Tür zu meinem Zimmer angekommen. Neu war, dass dort ein Zettel hing, auf dem rot unterstrichen ‚Draußen bleiben’ stand, in meiner Handschrift geschrieben und doch nicht von mir. „Du bleibst heute den ganzen Tag in deinem Zimmer, hörst du? Egal, was passiert. Ich will, dass du dich nicht von der Stelle rührst. Ich schau später noch einmal nach dir und bringe dir etwas Essen. Jetzt muss ich wohl zu deinem Vater…“ Damit schob er mich in mein Zimmer. Ich stand in der vertrauten Umgebung und sah mich um, den verräterischen Schraubendreher noch immer in der Hand. Das Zimmer hatte sich kaum verändert, Ruben hatte es im Großen und Ganzen so gelassen, wie er es vorgefunden hatte. Trotzdem erschienen mir seine Abmessungen verzerrt, dieser Effekt stellte sich jedoch, wie ich wusste, bei jeder längeren Abwesenheit ein. Da fiel mir doch etwas auf. Ich öffnete wieder meine Tür. Onkel Balder war erst ein paar Schritte weit gekommen; der Gang, den er jetzt zu unternehmen hatte, kostete ihn viel Kraft.

„Onkel. Wo ist Kolja?“ rief ich ihm hinterher. Er drehte sich halb zu mir, runzelte überrascht die Stirn. Dann zuckte er die Achseln, nahm meine Vergesslichkeit als Zeichen des Schocks.

„Aber das weißt du doch, Alban. Jemand hat ihn vor zwei Wochen vergiftet. Es tut mir leid.“ Die Tür fiel ins Schloss. Als nächstes weiß ich noch, dass ich auf meinem Bett saß, vor mich hinstarrend. Erst der Tod meines Hundes hatte in mir das wirkliche Entsetzen ausgelöst und mir bewusst gemacht, dass ich das alles nicht nur träumte. Das war das Willkommen des verlorenen Sohnes in seiner Welt.

In der Ferne hörte ich meinen Vater schreien – laut und verzweifelt. Er schrie sich heiser wie ein Geisteskranker.“.

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