Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Estragon und ich (Rewind)

Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal ein Frühjahr wie dieses erlebt zu haben: Nach einem schneelosen Winter, der wie ein zahnloser Papiertiger wirkte, wechseln sich seit Wochen stabile Hochlagen ab, die eine strahlendblaue Decke mit frühsommerliche Temperaturen über meiner schwäbischen Heimat ausbreiten. Es fühlt sich an, als läge Bayern nicht nördlich sondern südlich der Alpen. Verglichen mit dem Vorjahr, in dem das Frühjahr gleich komplett ausfiel, weil der Winter wie die Rolling Stones seine Tournee verlängerte, ist die Natur gefühlte vier Wochen weiter. Schon für die nächsten Tage erwarte ich wieder einmal unzählige japanische Touristen in meinem kleinen Gärtchen, weil dann meine Kirsche üppig blüht. Und zu Ostern platzen wahrscheinlich schon die Pfingstrosen auf…

Im Kräuterbeet haben alle Pflanzen überlebt, unter anderen der südlichere Rosmarin und der Miniatur-Kiwi-Strauch; erstaunlicherweise auch der von mir im letzten Jahr spät gesetzte Estragon, der wie unten erwähnt nicht die winterfeste russische Variante, sondern die empfindliche, aber intensivere und schmackhaftere französische ist. Da es auch schon seit letzter Woche wieder Schrobenhauser Spargel gibt – das Öffnen der Spargelhäuschen neben den Straßen (von meiner Schwester liebevoll: „Schäußchen“ genannt) sind ein genauso sicherer Frühlingsbote wie die Krötenzäune am Wegesrand – wird nun auch mein Artikel vom 04. Mai des letzten Jahres frühzeitig wieder aktuell.

Den Weißwein jedenfalls habe ich schon kalt gestellt. Guten Appetit…

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2014: Mein Estragon badet in der Märzsonne

*

Es ist an der Zeit, das Kräuterbeet neu zu bepflanzen. Wie immer hat außer der Zitronenmelisse und dem Schnittlauch nichts den Winter überlebt, nicht einmal der Thymian – nur noch vertrocknetes, totes Geäst.

Estragon

2013: Französischer Estragon
(Artemesia dracunculus)
frisch gepflanzt

Also war ich in der letzten Woche beim Gärtner meines Vertrauens, um mich mit dem Allernotwendigsten einzudecken. Dabei fiel mir auch eine zarte Pflanze in die Hände, die ich nur wegen ihres Namens erwarb: Estragon. Ich hatte keine Ahnung, wie die Triebe und lanzenförmigen Blätter dieses Korbblütlers schmecken (anisartig, ein Wermutgewächs), wie groß er wird (ein Busch bis zu 150 cm hoch), noch dass es einen russischen (winterfest) und einen französischen Estragon (ich habe natürlich den, der keinen Frost verträgt) gibt oder dass dieses Gewürz unverzichtbarer Bestandteil der Sauce béarnaise und der klassischen französischen Kräutermischung (fines herbes) ist, deren getrocknete Variante (Kräuter der Province) der Höhepunkt der Dekadenz in der grausamen Küche meiner Mutter war, die sie sogar über Nudeln mit Ei streute.

Im übrigen gilt Estragon als verdauungsfördernd und harntreibend, ergänzt also hervorragend den frischen Spargel…

Wie man sieht – nach ein wenig Recherche bin ich nun schlauer und ich habe mich an mein erstes Gericht mit Estragon gewagt, einer Variante eines Kohlrabirezeptes, das ich hier gefunden habe.

Grüner Spargel mit Orangen-Ziegenfrischkäse-Estragon-Sauce

für 1 Person

300 g grüner Spargel, das untere Drittel geschält, in schmale Scheiben geschnitten

20 g Butter

1 Schalotte, 1 Knoblauchzehe, fein gehackt

50 ml Weißwein

50 ml frisch gepresster Orangensaft

50 g Ziegenfrischkäse, in 50 ml Schlagsahne verrührt

1 EL frisch gehackter Estragon, 4 Blätter frisch gehackte Zitronenmelisse, Kerbel

abgeriebene Schale einer halben Zitrone

Chili, Salz, frisch gemörserter Pfeffer, Schnittlauch gehackt (als Deko)

Butter in einer hochwandigen Pfanne zerlassen, Spargelstücke, Knoblauch und Schalotten etwa 3 min anschwitzen, dann mit Weißwein ablöschen und mit Orangensaft aufgießen. Das Ganze 5 – 7 min aufkochen lassen, bis der Spargel gar ist, aber noch Biss hat. Das Ziegenkäse-Schlagsahnegemisch dazu gießen, Estragon, Chili und Zitronenabrieb darüber. Alles sämig aufkochen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken, mit Schnittlauch bestreuen und sofort servieren.

Dazu gab es Weißbrot und einen frisch-fruchtigen Côtes de Tongues, den ich auch zum Kochen verwendete.

Spargel

Und das Resümee?

Nun, ich habe weder Talent zum Rezepteschreiben, noch zur Food-Fotografie (Es sah wirklich besser aus). Aber dies soll ja auch kein Rezepteblog werden…

Und, ja: Mir hat’s geschmeckt. Estragon darf gerne diesen Sommer im Kräuterbeet warten, Godot wird sicher ab und an vorbeisehen…

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