Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Wochenlese 06.01. – 12.01.2014

Soppa

Chris Inken Soppa
Unter Wasser

 Dieser von einem Berliner Literaturverlag in der edition karo herausgegebene Roman der Konstanzer Journalistin und Autorin Chris Inken Soppa wurde mir von dem Schriftsteller und Lebenskünstler Hans-Dieter Heun empfohlen. Er erzählte mir, er habe das Buch atemlos und angeregt in einem Zug durchgelesen. Mein Freund Heun, der häufig durch diesen Blog spukt – wir schrieben gerade gemeinsam den Weihnachtshund – ist zwar ein Vielschreiber, aber alles andere als ein Vielleser. Wenn er mir also begeistert ein Buch geradezu aufzwingt, dann hat seine Meinung Gewicht. Die Autorin selbst war von meiner Kritik, die ich sie vor der geplanten Veröffentlichung lesen ließ, alles andere als begeistert. Ich war deshalb lange mit mir uneinig, ob ich sie bloggen sollte, habe mich jedoch endlich doch dazu entschieden, weil ich meine, dass eine Schriftstellerin auch mit etwas kritischeren Stellungnahmen umgehen können sollte. Zudem ist eine ehrliche Kritik m. E. eher dazu geeignet, den einen oder anderen zum lesen des Buches zu animieren, als eine offensichtliche und überzogene Lobpreisung.

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Der Ich-Erzähler Thomas berichtet in „Unter Wasser“ vordergründig die Geschichte seiner Begegnung mit der religiösen Nora; es ist eine vorsichtig tastende Beziehung, die durch die eigenen menschlichen Unzulänglichkeiten und Traumata und nicht zuletzt auch wegen beider familiärer Umfelder zum Scheitern verurteilt scheint. Unter der Oberfläche dieser Liebesgeschichte nutzt Thomas den Text für eine Abrechnung mit seiner Vergangenheit, in der in seiner Jugend eine gut verdrängte Tat verborgen liegt, die ihn immer wieder ans Wasser des Bodensees und zur Selbstaufgabe, im Höhepunkt des Romans zu einer missglückten Selbsttötung treibt. Dabei hält Thomas immer viel Abstand zum Leser. Er beobachtete den meist antriebslosen, manchmal hinterhältigen und in vielerlei Hinsicht gebrochenen „Helden“ voller innerer Narben, der weniger handelt, als vielmehr gehandelt wird, mit Unverständnis und Kopfschütteln. Da konnten auch die anderen Figuren wenig retten. Bis auf ein im letzten Drittel des Buches recht unmotiviert auftauchendes Obdachlosenpaar und eine Tante als deus ex machina sind sie alle recht unsympatisch gezeichnet und wirken wie aus einer Familienaufstellung herausgelöste Stereotype, denen es kaum gelingt, eigene Konturen zu entwickeln. Das ist sicherlich auch ein wenig ironisch und karikierend gemeint, der Leser jedoch möchte gerade den personalen Erzähler gerne adoptieren und sich mit ihm vergleichen. Dieser Weg wird ihm von der Autorin konsequent und bewusst verbaut.

Während des Lesens stellte sich immer wieder die Frage, an wen Thomas sich mit seiner stellenweise masochistischen Selbstdarstellung eigentlich richtet, wem er das alles offenlegt; schließlich gibt er sogar eine Tat zu, für die er nicht belangt wurde. Diese Frage blieb bis zum Schluss unbeantwortet. Auch wann er schreibt, während der Geschehnisse oder erst danach, ist nicht schlüssig, der Abstand zum Erzählten ist in den Kapiteln unterschiedlich groß. Dennoch las sich alles in der Tat flüssig und interessant und ich war neugierig, wohin mich Thomas, bzw. die Autorin, führen würden und Soppa gelingt es auch, den Roman abgerundet zu einem befriedigenden Ende zu bringen, das den Konflikt in einer klassischen Katharsis auflöst.

Obwohl „Unter Wasser“ also in seinen besten Kapiteln an ein Werk von Martin Walser aus den späten 70ern erinnert und in seinen schlechtesten  an einen Konstanzer Tatort, also eine Leseempfehlung verdient, muss der Kritiker doch anmerken, dass er selten einen schlechter lektorierten Roman als diesen in den Händen hielt, wenn er denn überhaupt ein Lektorat erfahren hat. Es finden sich recht häufig Druckfehler, im deutschen völlig ungebräuchliche Fremdwörter („ruminative“ Vorwürfe, S. 87) und schräge bis unsinnige Sätze, die kein Verlag so hätte stehen lassen dürfen. („..der schmalen, aber teuer wirkenden Uhr an ihrem Zeigefinger.“, S.30 – „…wo sich verstecken, ohne unentdeckt zu bleiben?“, S. 123 – „Ihre ungleichen Augenfarben fixierten mich im Zentrum zweier zornig schwarzer Pupillen.“, S. 171. Die Auszeichnungen stammen von mir.)

Um es deutlich zu sagen: Dies ist nicht der Autorin, sondern allein dem Verlag zuzuschreiben, der äußerst schlampig gearbeitet hat und den kleinen Roman-Diamanten eintrübt. Es steht zu hoffen, dass eine 2. Auflage, die das Buch verdient hat, solche Fehler ausmerzt.

Dann wird es ein Vergnügen und ein Gewinn sein, ihn zu lesen.

Von der Autorin ist in der editon karo ein weiterer Roman erschienen: „RING DER NARREN –Kostüm und Offenbarung“. Er kann wie „Unter Wasser“ über den Buchhandel bezogen werden.

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2 Gedanken zu „Wochenlese 06.01. – 12.01.2014

  1. Freilich. Jedem das Seine. Meine Meinung ist nichts weiter – als eine Meinung. Ich bin alles andere als ein Literaturpapst und oft bekrittele ich genau die Dinge, die ich selbst falsch mache. Nur wer im gleichen Glashaus sitzt, kann mit Steinen werfen…

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  2. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Anzumerken wäre vielleicht, dass ich mich beim seltenen Lesen wohl eher in der Stimmung verliere, denn auf Kleinigkeiten achte … degustibus non esse disputandum … oder gut niederbairisch: Katz Klammer mog Meis, i owa ned

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