Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Freitagsaufreger (XXVII) – Alle sind schuld

Wer den Schaden hat, braucht für den nächsten nicht zu sorgen.

Ich bin da einer ganz wichtigen Sache auf der Spur. Es ist nur eine simple Änderung meiner Einstellung und meiner Sicht auf die Dinge vonnöten und ich werde anschließend nie mehr einen Freitagsaufreger schreiben müssen, weil ich er sinnlos geworden ist. Ich werde mein Leben im Griff haben und nie mehr larmoyant – ich liebe dieses Wort – über die Schicksalsschläge jammern müssen, die mir wöchentlich begegnen. Ich will recht verstanden werden: Mein Pech, die Unfälle und Missgeschicke werden nicht weniger werden, ich werde sie nur besser vertragen können, denn ich weiß, dass ich sie nicht verhindern kann.

Das kam so:

Wie in der letzten Woche angekündigt, entwickelt sich auch 2014 der Januar zu einem zwar recht milden – ich liebe dieses Wort! –  aber doch endlosen Monat voller Grausamkeiten und Niederschläge. Es ist heute gerade mal die Hälfte von ihm vorbei und nach den letzten Tagen fürchte ich bereits die noch kommenden. Als wolle der Januar sich an mir rächen, dass ich mich in der letzten Woche wehleidig und despektierlich über ihn äußerte, ihn als übellaunigen und heimtückischen Gesellen darstellte und ihm sogar seine beiden Feiertage absprach (was kümmert mich die Wahrheit, wenn sie meine Beweisführung stört?), quälte er mich in dieser Woche mit einer Reihe von Unglücken.

Es begann am letzten Wochenende, als mich Frau Klammerle überredete, mit ihr gemeinsam zur Rückenmassage zu gehen. In der letzten Zeit sind wohl aus Altersgründen ein paar leicht schmerzende Verhärtungen in meiner Schultermuskulatur aufgetaucht, die sich die Arme hinabziehen, vor allem durch den linken hinab in die Hand, mit der ich beim Autofahren das Lenkrad und beim Computerspielen verkrampft die Maus umklammere, wenn es darum geht, lebende Skelette und Goblinhorden auszumerzen. Klar, so ein Leben als edler Waldläufer geht auch in den Rücken. Leider brachte die Massage keine Verbesserung, sondern eine Verschlimmerung meiner Beschwerden. Ich habe gelesen, dass man das einen „Erstanwendungsschmerz“ nennt. Vielleicht hätte ich gleich mit der zweiten Anwendung beginnen sollen und die erste einfach auslassen; auf jeden Fall knirscht und knackt es jetzt in meiner Wirbelsäule, ich habe zusätzlich Nackenschmerzen und die bösen Buben in meinem Rollenspiel zeigen mir eine lange Nase. Zusätzlich fing ich mir in dem Wellness-Bad, das wir zwecks Rückenmassage aufsuchten, eine lästige Erkältung zu, die noch immer dumpf über der Nasenwurzel hängt und für ein amorphes – ich liebe dieses Wort! – Unwohlsein sorgt. Was sind die Geburtsschmerzen der Frauen schon verglichen mit einer ordentliche Männergrippe?

Am Sonntagabend wollte ich dann mein Auto rückwärts aus der Garage fahren. Weil ich beschäftigt war, gleichzeitig eine andere Musik in den CD-Player zu schieben (Frau Klammerle hatte wieder „Weichspüler“-Poprock gehört und mir stand eher der Sinn nach „Kadavar“ oder „Black Sabbath“), konnte ich meine volle Aufmerksamkeit nicht ganz der Tatsache widmen, dass die Garage doch recht eng ist und der Wagen sehr nah an der Wand stand. Um es kurz zu machen: Der rechte Seitenspiegel ist ganz und gar nicht mehr, was er mal war…

Apropos Glück und Glas: Noch am gleichen Abend sah ich mich gezwungen, aus der Maschine das fertig gespülte Geschirr herauszuräumen, wobei eines der schönen Weingläser zu Bruch ging, weil es zwischen einem Topf und einem Teller eingeklemmt war. Dabei fielen die Scherben in den Innenraum der Spülmaschine. Beim Entfernen derselben schnitt ich mich in die eh schon geplagte Linke. Als ich zurückzuckte, stieß ich unglücklich gegen einen der Geschirrwägen, der kippte und sich scheppernd auf dem Küchenboden entleerte, was weiteren Glas- und Tellerbruch zur Folge hatte.

Ich stoppe hier mal, könnte aber problemlos diese Reihe von Missgeschicken fortsetzen, ich will jedoch nicht noch weinerlicher und wehleidiger rüberkommen als üblich. Die erwähnten Katastrophen reichen für meine Beweisführung. Denn ich stellte im Rückblick etwas erstaunliches fest: An all meinen Unglücken bin ich nie selbst schuld, sondern immer jemand anderer. Die Rückenschmerzen und die Erkältung habe ich, weil Frau Klammerle mich zu einer Massage überredete, der allerersten in meinem Leben. Den Rückspiegel habe ich geschrottet, weil Frau Klammerle das Auto so schlecht parkte, dass es zu nahe an der Garagenwand stand und die Geschirrmaschine räumte ich nur aus, weil sie es mir befahl. Sie hat das Weinglas so fest eingeklemmt, dass es zerbrechen musste und verursachte damit auch die weiteren Scherben.

Wenn es mir also schlecht geht, ich Mist baue oder etwas kaputt mache, bin nie ich selbst verantwortlich, sondern immer jemand anderer. Die logische und eigentlich immer verfügbare Schuldige ist natürlich  die Ehefrau, sie kann ich für die meisten meiner Missgeschicke verantwortlich machen. Dann folgen mein Arbeitgeber, die Söhne, die Katze. Sie zwingen mich zur Arbeit, zum Hausputz, zum Kochen, sie verstecken meine Sachen und drängen mir allerlei sportliche Freizeit-Aktivitäten auf. Wegen ihnen muss ich nachts aufstehen, Einkaufen gehen, Reparaturen im Haushalt erledigen, Holz schleppen und mit komplizierten technischen Geräten hantieren. Würden sie alle mich in Ruhe Nichts machen lassen, würde auch nichts passieren. Nur wo gehobelt wird, fallen Späne. Wenn ich an meinem Großen Meisterroman oder an meinem Blog schreibe, dicke Bücher lese oder Sudokus löse, in finsteren Verliesen Monster metzle oder einfach nur auf dem Sofa liegend eine Beethoven-Sinfonie genieße, passiert nie etwas.

Es hat also keinen Sinn, mich weiter über die Unbilden in meinem Leben aufzuregen, denn ich kann nichts ändern: Schuld an ihnen habe nicht ich, sondern immer die anderen. Die Gesellschaft ist schuld!

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Nachdem ich das erkannt habe, lebt es sich wirklich leichter.

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2 Gedanken zu „Der Freitagsaufreger (XXVII) – Alle sind schuld

  1. Pingback: Auf Kur – eine Kurzgeschichte von Hans-Dieter Heun | Aber ein Traum...

  2. Hans-Dieter Heun sagte am :

    Weisheit der Altvorderen: Was du nicht willst, das man dir tu, das tu auch nicht … Was willst du hier?

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