Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 7)

Ich wusste: Ich hatte nur diese eine Chance. René war mir körperlich überlegen und hatte inzwischen auch bewiesen, dass er skrupelloser und grausamer als ich sein konnte. Aber er war von den Mordgedanken, die ich in seinen Augen erkannte, abgelenkt. Wenn ich ihn los werden wollte, dann musste ich jetzt handeln. Der Überraschungsmoment war auf meiner Seite. Ich legte meine ganze Kraft und mein Körpergewicht in den Fausthieb. Mein ungeschickte Schlag traf René seitlich an der Wange und hob ihn von den Füßen. Etwas knackte hässlich. René kippte mit aufgerissenen, erstaunten Augen nach hinten. Sein Fahrtenmesser flog durch die Luft. Fast hätte mich die Wucht meines Boxhiebs mitgerissen, aber ich stolperte nur einen Schritt nach vorn und noch während mein Widersacher schwer auf den Rücken fiel und sich einmal um sich selbst drehte, wandte ich mich herum und rannte den Fahrweg hinunter, der nach einer sanften Kehre in den dämmrigen Bergwald führte.

René war vor Überraschung über meinen plötzlichen Angriff stumm geblieben und hatte nur gegrunzt, als er hinfiel. Nun aber hörte ich ein nahezu unmenschliches Gebrüll hinter mir – völlig entmenscht, wie von einem Tier. Ich sah zurück. Da ich den Hügel hinunter rannte, hatte ich bereits gut zwanzig Meter Abstand zwischen uns gebracht und die ersten Fichten erreicht. Aber jetzt rappelte sich René hoch, griff nach seinem Messer und nahm wie ein gereizter Stier die Verfolgung auf. Seine Beine flogen förmlich über den Weg auf mich zu. Er hörte keinen Augenblick mit dem Schreien auf, das als Echo von allen Seiten zurück geworfen wurde. Er holte auf!

In dem Moment geschah es. Mein Blick nach hinten war ein Fehler gewesen, denn ich hatte nicht mehr auf den Weg vor mir geachtet. Ich schlitterte über eine feuchte Stelle, rutschte auf dem glitschigen Kies aus und stürzte in das dichte Unterholz des Straßengrabens, rutschte durch große Pestwurzstauden, Brombeerranken,  und Strauchwerk und kugelte gut zehn Meter den steil abschüssigen Hang hinab, bis ich an einem bemoosten Baumstumpf hängen blieb.

Wäre mir das an einem anderen Tag passiert, wäre ich erst einmal für eine Weile außer Gefecht gesetzt gewesen und jammernd liegen geblieben. Ich war jedoch so ängstlich und von Adrenalin abgefüllt, dass ich beinahe sofort wieder auf die Beine sprang und mich an dem Steilhang ausbalancierte. Ich musste einen schrecklichen Anblick bieten: Ich blutete aus ungezählten Kratz- und Schürfwunden und aus der Nase, mit der ich gegen einen Stein gerutscht war, die Kleidung war schmutzig und zerrissen, der eine Fuß verstaucht und der Ringfinger der rechten Hand, mit der ich René geschlagen hatte, gebrochen. Das hatte ich übrigens in diesem Moment überhaupt noch nicht bemerkt. Ich spürte keine Schmerzen, war nur ein waidwundes Tier auf der Flucht vor dem Jäger und handelte ohne Kontrolle meines Verstands. Deshalb ist mir auch vieles von meiner Flucht nicht im Gedächtnis geblieben.

Wieder hinauf zum Weg zu klettern kam nicht in Frage, denn inzwischen hatte René bereits die Stelle erreicht, an der mein Sturz begonnen hatte. Also suchte ich mein Heil den in der beginnenden Dämmerung schwarz unter mir liegenden Hang abwärts, wo in der Tiefe ein Wildbach rauschte, den ich aber von meinem Standort aus nicht sehen konnte. Ich war noch nicht so weit, um über meinen Fluchtweg nachdenken zu können, aber ich spürte instinktiv, dass es für mich nur einen einzigen gab, nämlich dort hinunter und dann dem Bachbett folgen, mich irgendwo in der Finsternis zusammenkauern und verbergen. Auch René, der noch einige Höhenmeter über mir stand, hatte das erkannt und machte sich vorsichtig an den Abstieg zu mir herab, während ich bereits in hohem Tempo mehr abwärts rutschte als lief. Spätestens wenn ich in dem schmalen Bergeinschnitt, in dem wohl gerade einmal dieser rauschende Wasserlauf Platz fand, angekommen war und eine Klettertour über glitschige Steine beginnen würde, würde ich diesen Vorsprung sehr schnell wieder einbüßen.

Ich konnte in der aufziehenden Dunkelheit kaum die Bodenbeschaffenheit erkennen. Ich stolperte erneut, krallte mich mit meiner heilen Hand verzweifelt an einigen Grasbüscheln fest und verhinderte so einen Sturz in die Tiefe. Der Abstieg war selbstmörderisch. Beim nächsten Ausrutscher hatte ich vielleicht nicht mehr so viel Glück und würde die fünfzig Höhenmeter bis zum Bach hinunterfallen. Jetzt begannen auch die Schmerzen und sie waren so stark, dass mir schwindlig und schlecht wurde. Vor allem der gebrochene Finger fühlte sich an, als hätte er sich in ein glühendes Kohlestück verwandelt. Mein Herz raste und ich hätte mich beinahe übergeben. Von weiter oben konnte ich René triumphierend lachen hören. Obwohl er mit Bedacht abstieg und den Hand in längeren, flachen Serpentinen querte, kam er näher. Er wusste, er hatte gewonnen. Ich konnte ihm nicht mehr entkommen. Er würde mich gleich einholen und dann würde er mir mit dem großen Fahrtenmesser, das er trotz der Gefahr, sich selbst aufzuschlitzen, in der Hand hielt, den Rest geben.

Doch gleichzeitig wurde mir klar, dass er mich niemals erreichen konnte, wenn ich das nicht wollte. Dies war Rubens Welt und nicht meine. Hier war ich ein gottgleiches Wesen, dessen Willen die Berge, die Erde und alles Leben auf ihr unterworfen waren. Ich konnte sie mit einem Fingerschnippen auslöschen oder unter meinen Befehl bringen. Das galt zwar nicht für meinen Verfolger, denn ich hatte ihn ja aus meiner Welt mitgebracht, aber ich konnte doch zum Beispiel den Grund unter seinen Füßen beeinflussen und dann war er es, der haltlos in die Tiefe stürzte. Nein, Gewissensbisse hatte ich nicht, mir ging es nur ums Überleben. Ich atmete tief ein und versuchte meinen jagenden Puls zu beruhigen, dann konzentrierte ich mich, versuchte in meiner Vorstellung ein Bild davon zu malen, wie ich meine Umgebung verändern wollte. Ich war nicht in der Lage, mich so tief in mich selbst zu versenken, um wie im vorigen Sommer Großes zu bewirken und ganze Landschaften zu formen, aber der plötzlich unter Renés Füßen auftauchende kleine Spalt im aufsplitternden Gestein genügte vollkommen. Er stolperte im vollen Lauf und vollkommen überrascht in ihn hinein, fand keinen Halt, weil sich plötzlich alle Äste der Lärchen zur Seite bogen und kugelte anschließend rechts von mir den Steilhang hinunter. Die Erde unter seinem Körper hatte sich in eine matschige Rutschbahn verwandelt, auf der es für ihn kein Bremsen gab. René spuckte und fluchte, als er vorn über auf dem Bauch liegend an mir vorbei schlitterte und tief unten vom Unterholz und der Nacht verschluckt wurde.

Das war das letzte Mal für lange Zeit, dass ich René sah. Er verschwand auf diese groteske Weise aus meinem Leben und tauchte erst viel später wieder auf, als ich kaum mehr an ihn dachte. Lange war ich der Meinung, der von mir verursachte Sturz hätte ihn getötet, aber das stellte sich als Irrtum heraus. Doch diese Geschichte will ich dir heute nicht erzählen, Abakoum. Die habe ich für den anderen Tag aufgehoben. Ich will dir berichten, was mir weiter geschah.

Der Einsatz meiner Kräfte hatte noch etwas bewirkt, eine Veränderung, die ich nicht bezweckt hatte, die mir aber das Leben rettete. Plötzlich flirrte die Luft um mich und zum ersten Mal konnte ich es wie treibende Spinnenfäden im Licht glitzern sehen: Es waren die Bande, die die Welten miteinander verschnürten. Es waren wirklich nur schmale Fädchen, wie zufällig von einer Rolle Nähgarn abgerollt und im wie willkürlich im Wind tanzend. Sie tauchten auf und verschwanden mit einem Blinzeln, als wären sie der durchsichtige Staub in der Tränenflüssigkeit meiner Augen. Aber ich spürte mein Ziel. Es war links von mir im Wald. Dort manifestierte sich mein Wunsch, gerettet zu werden und nach Hause zurück zu finden in einem Übergang von Rubens Welt in eine andere. Damals hoffte ich noch, es wäre meine eigene, doch es sollte sehr viele Jahre dauern, bis ich wieder zu ihr zurück fand. Da ich mich nicht der Gefahr aussetzen wollte, Renés Schicksal zu teilen, formte ich mit meinem Willen einen bequemen Wanderweg, der den Steilhang kreuzte. Auf ihm humpelte ich der Stelle zwischen zwei Bäumen entgegen, durch die ich diesen grauenvollen Ort verlassen konnte.

Wohin würde er mich führen?

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 6)

Ich habe es dir schon einmal gesagt, Abakoum: Wenn du die ganze Wahrheit erfahren willst, musst du deinen Zweifel ablegen. Ich weiß schon, ich klinge wie einer dieser durchgeknallten Sektenführer. Manchmal fühle ich mich schon selbst wie einer dieser Verkünder ihrer verschrobenen Weisheiten, aber eines musst du mir glauben: Solange du Zweifel hast, wird es dir nicht gelingen, die Mauern zu sehen, gegen die du tagtäglich anstürmst.

Mir ist das schon klar. Es ist schwer zu schlucken, denn du hast noch nie von einem europäischen Krieg in den späten 60ern gehört, noch dazu von einem, in den die Schweiz verwickelt war. Aber dies ist auch nicht hier in deiner Welt passiert, sondern in der pervertierten, aus dem Takt geratenen Spiegelwelt meines Bruders Ruben, einer Welt, die sich schließlich selbst zerstörte und implodierte. Sie war nur eines der geplatzten Bläschen im Schaum, aus dem das Universum besteht, das seinem inneren Druck und seinen Widersprüchen nicht mehr standhielt. Aber das geschah erst zwanzig Jahre später und ist eine Geschichte, die dir unser gemeinsamer Freund Linus in der nächsten Woche erzählen wird. Von einem anderen Standpunkt aus hat er dir schon davon berichtet. Aber vergiss das. Ich will das Ganze für dich nicht noch komplizierter machen, indem ich noch eine oder zwei Spiegelebenen einführe. Lassen wir den Erzähler und den Leser beiseite.

Sagen wir einfach, dort drüben bei Ruben war aus dem kalten Krieg ein heißer geworden. Die Armeen des Warschauer Pakts und der NATO hatten sich wie die Mächte des 1. Weltkriegs in Mitteleuropa ineinander verbissen und verkeilt und verwüsteten die eben aus dem Trümmern des 2. Weltkriegs wieder auferstandenen Länder aufs Neue. Berlin war längst gefallen, weite Teile Skandinaviens und der beiden deutschen Staaten ein Schlachtfeld mit einer vollkommen unübersichtlichen Frontlinie, auf dem Kapitalismus und Kommunismus sich ihre Vorrangstellung zerfleischten. Hier auf dem Boden des alten Europas war das Vietnam dieser Welt. Noch fand der Krieg konventionell statt – was immer dieser Euphemismus bedeuten mag – und hatte niemand gewagt, die Atombombe einzusetzen. Gerade auf sowjetischer Seite scheute man noch davor zurück. Aber das war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Beraterstäbe der lokalen Ausgaben von Breschnew und Lyndon B. Johnson sich gezwungen sehen würden, auf diese ultima ratio zurückzugreifen. Gewaltige Flüchtlingsströme wälzten sich heimatlos und verzweifelt durch die zerstörten Länder, in denen jede Staatsmacht oder Infrastruktur innerhalb kürzester Zeit zusammengebrochen war. Überall herrschten Anarchie, Diktatur oder die blanke Willkür lokaler Despoten, marodierender Milizionäre, Söldnertruppen, einfacher Räuberbanden oder verwilderter Armeen. Ziel der Flüchtigen waren der Süden und der Westen Europas, doch dort strandeten sie in menschenunwürdigsten Verhältnissen in provisorisch errichteten Auffanglagern an den Ufern der Meere. Italien, Griechenland, Spanien oder Portugal wurden der Menschenmassen, die ihre Länder überschwemmten, nicht mehr Herr und auch dort brachen unter dem Ansturm sämtliche staatlichen Ordnungen zusammen.

Die humanitäre Katastrophe in Europa kann mit Worten kaum beschrieben werden. Zusätzlich zu dem Massensterben durch die kriegerischen Handlungen gab es an allen Orten Plünderungen und Vergewaltigungen, es wurde gebrandschatzt und gemordet. Überall fanden entsetzliche Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung statt. Ernten wurden vernichtet, wohin man auch sah, es gab nur Hunger, Folter, Leid und Tod. Krankheiten und Seuchen, die das moderne Europa längst vergessen und überwunden glaubte, brachen aus und Epidemien rafften Hunderttausende dahin. Schlepper verdienten Unsummen damit, zahlungskräftige Flüchtlingen Überfahrten auf Seelenverkäufern ins vermeintlich sichere Nordafrika und nach Vorderasien zu verkaufen. Allein die Schweiz hatte sich in Mitteleuropa mühsam ihre staatliche Souveränität bewahren können. Sie fuhr ihre seit Jahrhunderten bewährte Strategie, sich als neutraler Geldmarkt für die kriegsführenden Parteien zu öffnen und zugleich ihre Grenzen gegen alle zu verschließen, die Zuflucht auf dem vollen Rettungsboot in den Alpen suchten.

René und ich waren also im Auge des Sturms gelandet, als wir von der Bergflanke in die Welt von Ruben gestürzt waren.

„Krieg?“, staunte ich den Hüttenwirt fassungslos an und begriff kaum, was er da sagte. Der Bergbauer wandte sich zu mir.

„Ihr wisst, Jungen, ich muss euch bei der Gendarmerie melden.“ Er warf einen seltsamen Blick auf meine vom Ausheben von Hernis Grab verschmutzte Kleidung.

„Ihr seid keine Schweizer und nach normalen Wanderern seht ihr mir auch nicht aus. Wo sind denn eure Eltern? Wisst ihr das überhaupt?“

Ich wich etwas zurück, während René einen Schritt zur Seite trat. Er hielt den Kopf gesenkt. Der Mann hob beschwichtigend die Arme.

„Ihr müsst euch nicht vor mir fürchten, Buben. Euch wird nichts geschehen. Für euch ist der Krieg erst einmal vorbei. Es gibt Lager, in die wir die versprengten Jugendlichen ohne Begleitung bringen, die über die Grenze kommen. Dort werden sie euch gut behandeln und ihr werdet etwas …“

Der Gastwirt stockte mitten in seinem Satz und seine Augen wurden groß. Plötzlich lief ihm ein Blutfaden aus der Nase. Er röchelte, dann stolperte er nach vorn und fiel in meine Arme. Ich hielt den schlaffen, erstaunlich schweren Körper fest und starrte verblüfft auf das große Fahrtenmesser, das auf seiner linken Seite bis zum Griff in seinem Rücken steckte.

„Was hast du getan, René? Hast du den Verstand verloren?“, stammelte ich fassungslos und hielt den Mann aufrecht, denn ich hatte das Gefühl, dass er noch zu retten war, solange ich ihn nur stützte. René zuckte mitleidlos mit den Schultern. Obwohl er alles andere als schuldbewusst wirkte, war seine Stimme doch unsicher:

„Du hast doch gesagt, dies hier wären keine echten Menschen, sondern nur Marionetten, die allein in der Fantasie deines durchgeknallten Bruders existieren. Habe ich eben einer dieser Puppen die Fäden durchgeschnitten – Na und? Kannst ihn ja wieder zum Leben erwecken, wenn du willst. Aber möchtest du wirklich, dass er uns bei den Bullen verpfeift und wir in ein Lager kommen?”

Endlich legte ich meine Last sanft und vorsichtig zu Boden. Ich schüttelte den Kopf. Nein, das wollte ich nicht. René sprach sich mit seinen Worten selbst Mut zu, das hörte ich. Er wollte von mir eine Bestätigung, dass er richtig gehandelt und keinen brutalen Mord begangen hatte. Doch die erwartete er von mir vergebens. Zu erschüttert war ich von dem Geschehenen. Der Mann war in meinen Armen gestorben und obwohl er nur ein Spiegelbild des echten Hüttenwirts in meiner Welt war, hatte es sich echt angefühlt. Ich bekam Zweifel, ob die Menschen hier tatsächlich nichts empfanden, sondern nur die Echos von Gefühlen waren, die aus der Wirklichkeit herüber tönten. Dr. Hernis erster Tod – sein plötzliches Verschwinden letztes Jahr im Speisesaal – war viel zu abstrakt gewesen, um es ernst zu nehmen und wirklich Schuldgefühle zu entwickeln. Er war einfach weg. Erst sein zweiter Tod vor ein paar Stunden war auch sein tatsächlicher gewesen, doch das war nur ein Unfall. Selbst wenn der Hüttenwirt in meiner Welt munter und lebendig sein mochte: Mir die Hände blutig gemacht, das hatte ich erst jetzt. René mochte Ähnliches empfinden, aber er würde lieber durch die Hölle gehen, als das zuzugeben.

„Wie haben heute eine gute Quote“, sagte er und seine Stimme überschlug sich dabei beinahe. „Das war schon der zweite; wer weiß, ob er der letzte bleibt.“

In diesem Moment bekam ich zum ersten Mal Angst vor ihm und mir wurde klar, dass ich ihn loswerden musste – und zwar bald. Ich hatte den Eindruck,hilflos dabei zuzusehen, wie er sich mit schnellen Schritten dem Wahnsinn näherte.

René beugte sich herab zu der Leiche und zog mit einem Ruck das Messer aus dem Körper. Als hätte es die Wunde verschlossen gehalten, sprudelte sofort ein Schwall Blut heraus, der das blaue Leinenhemd dunkel einfärbte. René funkelte mich von unten an, das tropfende Messer zielte auf mich. Ihm war ein neuer Gedanke gekommen.

„Das kannst du doch rückgängig machen? Ich meine, du wirst ihn jetzt einfach verschwinden lassen?“, bettelte er.

Mir schien, er fürchtete sich vor meiner Antwort. Wahrscheinlich konnte ich das, aber nicht im Moment. Ich war noch viel zu durcheinander, um mich auf etwas anderes konzentrieren zu können, als auf meinen Fluchtinstinkt. In diesem Augenblick sandte die Sonne rote Strahlen auf den gegenüberliegenden Berghang. Es war ein letztes, schmerzhaftes Aufblitzen, bevor sie endgültig verschwand und uns in der Dunkelheit und Finsternis dieser trostlosen Welt zurück ließ. Die Klinge in Renés Faust funkelte noch einmal. Unsere Blicke trafen sich.

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 5)

Na, gut. Und was machen wir jetzt? Übernachten wir hier oder steigen wir ab? Oder zauberst du uns wie die Bezaubernde Jeannie mit einen Augenzwinkern zurück?“

Das würde ich wirklich gern, aber ich weiß nicht, wie das geht. Ich habe es noch nie geschafft, aus eigenem Entschluss nach Hause zurückzukehren. Das ist immer alles nur mit mir geschehen. Ich wurde zu diesen Wechseln der Welten immer von Ruben gezwungen. Er ist dazu offenbar in der Lage, warum auch immer. Und ich will eigentlich die Macht, die ich hier besitze, so wenig wie möglich anwenden.“

Aus großer Macht entsteht große Verantwortung“, warf der comicbegeisterte René ein und nickte dabei wissend.

Du hast Recht“, stimmte ich zu, „ich verstehe sie nicht und ich glaube, meine Kräfte können wirklich gefährlich sein. Ich kann gefährlich sein. Ich habe Angst, dass ich etwas kaputt mache, das ich anschließend nicht mehr reparieren kann. Und dass es Kreise zieht, sich ausdehnt. Weißt du, wie bei einem Stein, den man in einen See wirft. Diese Welt könnte dabei wie eine Seifenblase platzen.“

Okay. Ich verstehe. Was also dann?“

Ich deutete auf den Werkzeugschuppen neben der Hütte, dessen Tür zwar geschlossen, aber nicht versperrt war. „Als erstes sollten wir den Lehrer begraben.“

Das war eine harte und undankbare Knochenarbeit, zu der wir uns zwangen. Ich kann dir heute nicht mehr erklären, weshalb wir sie überhaupt unternahmen; warum wir nicht einfach unsere Sachen packten und das Weite suchten. Wir glaubten wohl, wir wären es dem Lehrer schuldig, ihn nicht wie ein totes Tier einfach in der Wiese liegen zu lassen. Obwohl Dr. Herni zu Lebzeiten ein Sadist und Leuteschinder gewesen war, den bestimmt niemand in meiner Welt vermisste, waren wir doch beide der Meinung, dass wir ihn beerdigen sollten. Wir waren schließlich zivilisierte Christen.

Das erzählt sich alles heute ganz einfach. Aber es zu tun, Abakoum, war eine Knochenarbeit. Wir schufteten mehrere Stunden und mussten dauernd gegen Tränen und Übelkeit ankämpfen. Jeder von uns tat einmal zur Seite, um sich zu übergeben. Das Ausheben des Grabes im vor Blicken geschützten Schatten eines großen Felsen machte uns erhebliche Schwierigkeiten. Wir fanden zwar in der kleinen Scheune eine Picke und eine Schaufel und der Boden war weich und lehmig. Jedoch stießen wir schnell auf Steine und etwas tiefer auf den blanken Felsen unterhalb der Wiese. Schnell gerieten wir ins Schwitzen und mussten immer wieder pausieren, um uns der neugierig heran trottenden Kühe und deren bissiger Fliegenbegleitung zu erwehren. Wir waren zwar jung und strotzten vor Kraft, aber wir laugten uns bei der Arbeit völlig aus. Wir hätten es nie geschafft, Hernies letzte Ruhestätte auszuheben, wenn ich nicht doch ein paar Mal meine Zauberkräfte eingesetzt und ein paar der Steine in Luft aufgelöst hätte. Kürzlich hatte ich einer „Raumschiff-Enterprise“-Folge gesehen, wie ein von kosmischer Macht besessenes Crewmitglied ein solches Grab mit einem Augenaufschlag ausgehoben hatte – mitsamt Grabstein und Inschrift. Aber ich hatte auch nicht vergessen, dass dieser Steuermann durch seine Kräfte verrückt geworden war. Und davor fürchtete ich mich. Auf den starren und sich unseren Anstrengungen wie unwillig und trotzig widerstrebenden Leichnam hatte ich übrigens überhaupt keinen Einfluss. Schließlich stammte der tote Lehrer ja aus meiner eigenen Welt und unterlag deshalb nicht meinen Zauberfähigkeiten. René und mir blieb daher nichts anderes übrig, als ihn gemeinsam zu der notdürftig ausgehobenen Grube zu schleppen und ihn dann mehr schlecht als recht mit Erde und Steinen zu bedecken. Kurz standen wir dann vor dem Grab und überlegten still, ob wir ein paar Worte sagen sollten; ein Gebet vielleicht.

René wandte sich als Erster achselzuckend ab und ging zurück zur Hütte. Ich senkte die Augen, um den Toten zumindest mit Schweigen zu ehren, ab da fiel mein Blick auf meine schmutzigen Hände. Weil ich Hernis Leiche bei der Schulter gepackt hatte, seinen pendelnden Kopf zwischen meinen Armen, hatte ich von dem kurzen Transport vom Unglücksort hinüber zum Grab viel Blut an ihnen. Von mir selbst angeekelt trat ich ebenfalls zurück. Ich wusch meine Hände wohl eine halbe Stunde lang am Brunnen vor der Hütte, hartnäckig scheuerte sie immer und immer wieder mit einem rauen Stück Schotter ab, befreite sie von der Erde und dem rostig geronnenen Blut, bis sie selbst ganz wund und rot waren. Ich hatte längst keine Spuren von Hernies Blut mehr an den Fingern. Aber ich konnte wie Lady Macbeth einfach nicht mehr aufhören, sie zu reinigen. René saß in der Zwischenzeit mit starrem und nach innen gekehrtem Blick in meiner Nähe, summte vor sich hin und bekam wahrscheinlich überhaupt nichts von meinem neurotischen Waschzwang mit.

Das stotternde Tuckern eines Zweitaktmotors beendete unser Selbstmitleid. Es knatterte aus dem Tal zu uns herauf. Wir lauschten den häufigen, wie Schüsse knallenden Fehlzündungen, die langsam lauter wurden. Über den gekiesten Fahrweg zur Alm hinauf näherte sich schnell ein Motorrad; aber noch befand es sich im dichten Nadelwald und wir konnten es von der Hütte nicht ausmachen. Nur sein wütender Hornissenton brummte wie eine Anklage in unseren Ohren. Wir sahen uns ertappt an. Mein vager Plan, die Tür zur Alm aufzubrechen und in ihr zu übernachten, wurde hinfällig, wenn uns tatsächlich jemand hier fand.

Das ist der Almwirt. Er muss nach seinen Tieren sehen“, stellte René fest. Er hatte sicher recht. Wer sonst sollte auch um diese Zeit aus dem Tal herauf fahren? Denn inzwischen war es ziemlich dämmrig geworden. Längst war die Sonne hinter den Berg getaucht und hatte dessen kalten Schatten auf die Wiese und die Gebäude geworfen. Noch glänzte der Himmel wie ein blauer Lack, auch wenn bereits der Abendstern zu sehen war und es von Minute zu Minute kälter wurde. Über die Wiese und das aufgeschüttete Grab des Lehrers zogen bereits ein paar Nebelfetzen. Von der Hütte aus verbarg der große Felsen den verräterischen Erdhügel, aber spätestens, wenn der Hirte seine Kühe zusammen trieb, würde er unsere Tat entdecken. Wie sollten wir das nur erklären? Ob wir noch die Zeit hatten, uns zu verstecken?

Gehen wir ihm entgegen“, schlug ich vor. Aber dazu war es bereits zu spät. Plötzlich war in unmittelbarer Nähe ein Lichtkegel auf dem Weg zu sehen und kurz darauf stoppte eine alte Zündapp mit Seitenwagen mit dem Hüttenwirt auf dem Sattel neben dem Brunnen. Ich kannte ihn vom letzten Jahr, auch wenn er sich sicher nicht mehr an mich erinnerte. Der kräftige Mann stellte den Motor ab und bockte seine Maschine auf. Er stieg ab und wand sich neugierig an uns:

Ja, Buben. Was macht denn ihr hier oben noch um diese Zeit?“, fragte er in nahezu unverständlichem Schwyzerdütsch. Ich erklärte ihm umständlich und verworren, das wir uns bei einer Bergwanderung verlaufen hatten und nun auf eine Unterkunft in seiner Hütte hofften, damit wir morgen ins Tal absteigen konnten. René nickte bekräftigend. Der Einheimische antwortete erst nach dem für die Menschen in Rubens Welt so typischen Zögern, das allerdings auch sehr gut zu einem Schweizer Bergbewohner passte.

Ja aber, meine Wirtsstube ist schon den ganzen Sommer geschlossen, das könnt ihr euch doch denken, oder? In diesen Zeiten kommt keiner hier rauf. Wo kommt’s denn her, Buben?“

Aus dem St.-Ottilien …“, wollte René bereits mit der Wahrheit herausrücken, aber ich unterbrach ihm mit einem lauten Einwurf.

Was meinen Sie mit: ‚In diesen Zeiten‘?“, fragte ich und wartete mit einem mulmigen Gefühl auf die sich erheblich verzögernde Antwort, die dann wie eine Bombe einschlug. Der Hüttenwirt runzelte die Stirn und sah mich verwundert an.

Ja, aber … Buben. Es ist doch Krieg, oder?“

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 4)

Obwohl ich mich vor der Berührung ekelte, suchte ich sicherheitshalber mit den Fingern nach einem Puls an dem abgeknickten Hals und beugte mich dann lauschend über die Brust des Toten. Plötzlich fror ich. René kam offenbar wesentlich besser damit zurecht, dass Dr. Herni den kurzen Sturz nicht überlebt hatte. Er sah mir eine Weile ohne Kommentar bei meinen Bemühungen zu. Schließlich fragte er:

„Wo sind wir eigentlich gelandet?“

Er deutete auf den Berg in meinem Rücken. Seine Frage war berechtigt. Dies war nicht mehr der Hang, den wir eben noch hinunter gefallen waren. Wir saßen auf einer flachen Almenwiese. In der Nähe stand eine größere Hütte, vor der ein paar hellbraune Kühe lagen und gelassen wiederkäuten. Wenig interessiert drehten sie ihre Köpfe und sahen müde zu uns herüber. Der Berg über uns war eine sensationell steile, himmelhohe Felswand, die auch einen geübten Kletterer vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt hätte. Diesen Abgrund waren wir auf keinen Fall hinab gestürzt, das hätte keiner von uns überlebt. Das war auf keinen Fall mehr der Hausberg über dem Internat.

Ich musste lachen, Abakoum. Es war die einzige Reaktion, zu der ich fähig war. Das Lachen trat unaufhaltsam zwischen meinen Zähnen hervor, es brach aus mir heraus, als würde ich mich mit ihm übergeben. Mir wurde klar, dass ich es doch noch geschafft hatte: Ich war zurückgekehrt in die Welt meines Bruders! Dieser drohende, überhängende Fels verdankte sein dramatisches Aussehen meinen spielerischen Experimenten des letzten Sommers, als ich begann, meine Kräfte auszuprobieren. Das war Rubens Erde und ich hatte in ihr zum zweiten Mal Dr. Herni umgebracht.

Ich steigerte mich in meinen Lachkrampf, bis René an mich herantrat und mir eine saftige Ohrfeige verpasste, die mich wieder zur Vernunft brachte. Er hatte keine Ahnung, wie knapp er davor war, dass ich ihn in Luft auflöste, denn das war meine erste wütende Reaktion, als ich die Finger seiner Hand auf meiner Wange brennen fühlte. Aber es gelang mir nicht. Es lag daran, dass ich ihn nur durch Zufall mit in das andere Land gezogen hatte, er aber eigentlich in die meine gehörte. Über die Personen und Dinge in ihr hatte ich schließlich keine Macht. Probeweise veränderte ich die Kühe, machte aus ihnen ein schwarz-weißes Fleckvieh. Es gelang mir mühelos. Ich war wieder im Besitz meiner Fähigkeiten; hier war ich ein Gott. René bemerkte meinen Eingriff nicht. Er fixierte mich und wartete, bis ich mich beruhigte.

„Wo sind wir?“, wiederholte er seine Frage. „Was ist geschehen?“

Wie sollte ich ihm das erklären? Wie würde er mich verstehen können? Ich stand ebenfalls auf und vermied dabei einen Blick auf die Leiche zu meinen Füßen.

„Ist doch egal“, erwiderte ich, „schauen wir erst einmal, dass wir von diesem Berg runterkommen. Ich weiß auch nicht, wie wir hierher gekommen sind. Aber ich kenne den Weg zurück zum Internat. Gehen wir.“

Ich wollte an René vorbei zur Almhütte gehen, von der ein Fahrweg hinab ins Tal führte. Er griff mich am Arm.

„Was machen wir mit ihm?“, fragte er. „Wir können ihn doch nicht einfach so liegen lassen.“

Er scheute sich ebenfalls, auf die Leiche von Dr. Herni zu sehen. Ich zuckte mit den Schultern. Dabei kam mir eine Idee, wie ich René loswerden konnte.

„Es war ein Unfall. Wir können nichts dafür. Wir geben in der Hütte dort Bescheid, die ist, glaube ich, bewirtschaftet. Von dort kann man über Funk Hilfe rufen.“

Ich hatte ich nicht vor, mit René in der Alm auszuharren, bis die Bergwacht oder die Gendarmerie auftauchte. Es würde mir schon gelingen, mich heimlich abzusetzen. Schließlich standen mir ja ein paar Zaubertricks zur Verfügung. Ich wollte weiter, aber René behielt mich weiterhin fest im Griff. Er musterte mich sehr aufmerksam, versuchte in dem unschuldigen Gesicht, das ich ihm darbot, zu lesen.

„Du verheimlichst mir was,“ stellte er dann fest, „glaub mir, ich werde dich keinen Augenblick aus den Augen lassen.“

Ich hätte zu gern gewusst, was sein Misstrauen geweckt hatte, aber er schwieg und ließ meinen Arm los. Gemeinsam gingen wir die kurze Strecke zur Hütte. Sie war zu unserer Überraschung verschlossen, die schweren Läden vor den Fenstern verriegelt. Auf den rohen Holztischen der Terrasse vor der Eingangstür lagen keine Plastikkärtchen mit dem Speiseplan. Die Saison konnte eigentlich Ende September noch nicht vorbei sein; schließlich graste ja auch noch das nun schwarz-weiße Fleckvieh friedlich hinter dem Haus. Wahrscheinlich hatten wir einen Ruhetag erwischt und der Hüttenwirt war kurz ins Tal gefahren, auch wenn kein Hinweisschild darauf verwies. René ließ sich erschöpft auf eine Bierbank fallen und sah mir ruhig zu, wie ich an der Tür klopfte und vergeblich versuchte, durch die Ritzen der Fensterläden zu spähen.

„Was geschieht jetzt?“, fragte er, als ich mich endlich resigniert zu ihm setzte und mir aus meiner Thermoskanne einen lauwarmen Tee eingoss.

Ich nahm einen Schluck, dann hielt ich ihm den als Tasse funktionierenden Verschluss hin. Er nahm ihn abgelenkt, hielt ihn, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, mit beiden Händen. Aber er trank nicht daraus. Stattdessen nickte er langsam. In diesem Moment begann unser Waffenstillstand. Mein Plan, ihn an der Hütte elegant loszuwerden, ging nicht auf. So leicht wurde ich René nicht los und ich hatte ja eine gewisse Verantwortung für ihn. Schließlich hatte ich ihn in Rubens Welt gezogen. Wir wurden keine Freunde – die sind wir heute noch nicht – aber wir begruben fürs Erste unsere Fehde. Wir spürten, dass wir aufeinander angewiesen waren. Schließlich trank René doch und er verzog den Mund.

„Kamille“, sagte er, „ich hasse Kamillentee. Da werde ich schon vom Geruch krank.“

Wir lächelten und René stellte die Tasse vor sich hin. Er nahm seine Arme nach hinten und drückte sein Kreuz durch. „Mir tut der Rücken weh. Seltsam. Liegt vielleicht am Sturz. Aber ich darf mich wohl nicht beklagen; eigentlich müsste ich wie der Herni tot und zerschmettert im Tal liegen. Aber jetzt erzähle endlich. Wir sind nicht zuhause. Das spüre ich. Du weißt, was passiert ist, nicht wahr?“

Also erzählte ich ihm die ganze Geschichte. Ihn weiter im Ungewissen zu lassen, war nicht fair. Ich verschwieg ihm allerdings die Sache mit Linas Tod und sprach auch nicht über meine Ziele. René hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen oder nachzufragen. Ich konnte ihm nicht ansehen, ob er mir glaubte oder nicht. Die Sonne warf bereits die langen Nachmittagsschatten auf die mächtige Felswand oberhalb der Hütte und die Kühe hatten sich über die ganze Almwiese verstreut, als ich zum Schluss kam.

„Und du besitzt hier wirklich Superkräfte?“, war die einzige Frage, die René nach meinem Bericht hatte. Ich konzentrierte mich und ließ den Deckel mit dem Tee von Geisterhand getragen zwischen uns in der Luft schweben. René sah mir zwar fasziniert zu, wirkte aber weder besonders erstaunt noch erschrocken. Seine exzessive Comiclektüre hatte ihn offenbar gut vorbereitet und er besitzt die Fähigkeit, sich sofort auf neue Situationen und Umgebungen einstellen zu können. Er ist ein Chamäleon. Wir waren auch noch blutjung damals. Er war gerade sechzehn geworden und ich nur unwesentlich jünger. Wir hatten eben unsere Kindheit wie eine zu eng gewordene Haut abgestreift. Aber noch war alles möglich, noch existierten die magischen Welten der frühen Jugend, die er vielleicht tatsächlich das ein oder andere Mal unabsichtlich im Spiel betreten hatte. Ich pflückte die Tasse aus der Luft und stellte sie zurück auf den Tisch.

„Ich kann hier die Dinge und die Menschen beeinflussen, aber es ist sehr anstrengend und macht mich schnell müde“, erklärte ich René. „Ich weiß selbst nicht, wie das alles funktioniert und zusammenhängt.“

René hatte doch noch eine weitere Frage.

„Und dieser böse Zwilling da, dieser Ruben, ist der jetzt bei uns? Ich meine, in unserer Welt? Ist er statt dir in den Abgrund gestürzt?“

Dieser Gedanke war mir überhaupt nicht gekommen. Aber René hatte recht: Wir hatten bei unseren Wechseln bisher immer die Plätze getauscht. Trotzdem glaubte ich nicht so recht daran, dass ich so viel Glück hatte und sich mein Problem mit meinem Bruder so einfach gelöst hatte.

„Ich weiß nicht. Diesmal war es anders. Ich habe Ruben nicht gespürt. Normalerweise habe ich beim Wechsel immer Kontakt mit ihm. Ganz kurz berühren wir uns. Das ist schwer zu erklären …“, zögerte ich und mein Zuhörer gab sich damit zufrieden. Er sah sich um.

„Na, gut. Und was machen wir jetzt? Steigen wir ab?“

Ich deutete auf den Werkzeugschuppen neben der Hütte, dessen Tür zwar geschlossen, aber nicht versperrt war.

„Später. Als erstes müssen wir den Lehrer begraben.“

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 3)

Bereits der nächste Tag bot mir eine Gelegenheit. Es war einer dieser klaren, kalten Frühherbsttage, in denen die Luft wie ein Vergrößerungsglas ist, das die Details auch der entferntesten Erhebungen und Täler heranholt und zum Leuchten und Strahlen bringt. Die Häuser, die Wälder, die Menschen, die grauen Mauern des Internats – alles wirkte wie von einem expressionistischen Bildhauer aus hellem Granit gemeißelt. In dem Tal herrschte ein extremer Nordostföhn, der auch die letzte Wolke vom Himmel geblasen hatte und den Schnee der Gipfel schmerzhaft grell leuchten ließ. Das war das ideale Wetter für den geplanten Wandertag. Meine Klasse machte in der Begleitung von mehreren Lehrern zusammen mit der Klasse von René eine Tour auf den örtlichen Hausberg. Es war eine Strecke, die ich schon oft gegangen war. Durch mein regelmäßiges Training war ich in bester Kondition und schon bald den anderen weit voraus.

Ich war freilich nicht der einzige, der nach einer Weile dem flügellahmen und unwillig vor sich hin trottenden Haupttrupp um einige hundert Höhenmeter und viele Serpentinen vorauseilte. Nur wenige Kehren des schmalen Bergwegs unter mir folgte mein Widersacher. René legte ein ordentliches Tempo vor und versuchte, mich einzuholen. Offensichtlich wollte er mir beweisen, dass er ein zumindest ebenso tüchtiger Wanderer war wie ich und mich zu einem Wettlauf die steile Flanke des Berges hinauf herausfordern. Und noch ein Stück unter ihm folgte Dr. Herni. Auch er mühte sich ab, zu mir aufzuschließen. Er sah es als seine Aufgabe an, seine Schäfchen zusammenzuhalten. Obwohl er noch weit hinter René und mir lief, drang sein gleichmäßiges, aber lautes Keuchen wie das angestrengte Zischen einer alten Dampflok zu mir empor. Mir schwante Übles. Herni würde alles andere als gut aufgelegt sein, wenn es ihm endlich gelang, uns Ausreißer einzuholen. Dieser Ungehorsam gegen seine ausdrücklichen Anweisungen würde uns beiden mit Sicherheit am Wochenende Hausarrest und einen zehnseitigen Besinnungsaufsatz auf Französisch einbringen.

Ich steigerte mein Schritttempo und verzichtete auf Verschnaufpausen. René tat es mir gleich. Bald spürte ich unterhalb der Rippen ein mit jedem Schritt heftiger werdendes Seitenstechen, doch ich ignorierte es. Die Auseinandersetzung mit Herni wollten wir so lange wie möglich hinausschieben. Nach einer Weile führte der Weg aus dem immer lichter gewordenen Bergwald hinaus und lief nach einem kurzen, fast senkrechten Anstieg, auf dem ich wieder einige Meter gut machen konnte, durch den niederen Latschenbewuchs unterhalb des mächtigen Felskegels des Bergs. Ich wusste, dass es nun relativ bequem unterhalb dieser Nordflanke herum zum Grat emporging, von aus man nach einer kleinen Kletterei das Gipfelkreuz erreichen konnte, das bereits jetzt schon ab und an in der Ferne zu sehen war. Es war bei unserem Tempo ungefähr noch eine halbe Stunde zu gehen. Obwohl sich meine Verfolger Mühe gaben, würde ich bestimmt vor René und dem wütenden Lehrer oben auf der Kuppe des Gipfels stehen.

Ich täuschte mich, denn es hatte seit dem letzten Mal, als ich diesen Aufstieg gegangen war, einen Felsabgang gegeben. Ich stand plötzlich an einer steilen Stelle vor einem ausgedehnten und glitschigen Geröllfeld, unter dem mein Weg verschwand. Dieser Abrutsch musste erst vor ein paar Tagen erfolgt sein, denn der Alpenverein hatte den Pfad noch nicht wiederhergestellt und das Geröll war feucht und voller Erde, dabei so locker, dass sich bei jedem Schritt, den ich mich probeweise vorantastete, eine kleine Lawine löste.

Während ich noch überlegte, ob es nicht gescheiter war, umzukehren und tiefer unten eine sicherere Passage zu suchen, als mich dem unabwägbaren Risiko einer Querung des Geröllfeldes auszusetzen, holte mich endlich René ein. Er rempelte mich von hinten an.

„Und? Hast Angst, weiterzugehen? Bist feig.“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Er pflegte dabei einen übertrieben breiten, österreichischen Dialekt, der so herablassend und hochnäsig klang, dass ich sofort wütend wurde. Ich drehte mich herum und packte ihn vorne an den Tragegurten seines kleinen Rucksacks. Ich fand, es war nun endlich Zeit, unser Verhältnis ein für alle Mal zu klären. Wenn wir tatsächlich für ein ganzes Schuljahr ein Zimmer zu teilen hatten, dann musste sich bald etwas zwischen uns zu ändern, wenn das Ganze nicht zu Mord und Totschlag führen sollte.

„Was habe ich dir getan? Warum mischt du dich in mein Leben ein?“, brüllte ich René an und schüttelte ihn dabei. Er wehrte sich zuerst nicht, denn er war von der plötzlichen Attacke überrascht. Doch dann wurde auch er schnell zornig. Er stieß mich mit beiden Armen von sich weg. Da ich ihn nicht losließ, stolperten wir beide auf das unsichere Geröll hinaus und rutschten erschrocken ein Stück abwärts. Nur wenig unter uns war eine Felskante, über die es sicher dreißig Meter senkrecht in die Tiefe ging.

Nein, der Ort für unsere Auseinandersetzung war denkbar schlecht gewählt, aber jetzt gab es für uns kein Halten mehr. Wir balancierten uns über dem gähnenden Abgrund aus, suchten einen festen Stand, nahmen Boxhaltung an und schlugen uns wortlos; verbissen nach einer Lücke in der Verteidigung des anderen suchend. Da wir allerdings beide regelmäßig mit dem Turnlehrer Sparringübungen machten, waren wir ebenbürtig. René und ich mussten schon einen lächerlichen Anblick abgeben, wie wir in unseren klobigen, grauen Bergschuhen, mit den kurzen Lederhosen und den Rucksäcken knapp über der Bruchkante auf tückischem Grund vor und zurück tänzelten und immer wieder einen vergeblichen Ausfall nach dem Kopf des Gegners unternahmen, der wirkungslos in dessen Armdeckung verpuffte. Aber dem Dr. Herni war alles andere als zum Lachen zumute, als er uns endlich eingeholt hatte.

„Herbrechtsgasser! Waldescher!“, schrie er und seine Stimme überschlug sich. Er bellte im schärfsten Befehlston, der ihm zur Verfügung stand.

„Unterlassen Sie diesen Unfug auf der Stelle!“

Wahrscheinlich sah er uns Streithähne schon zusammen mit seiner Karriere in die Tiefe stürzen. Wir nahmen kaum Notiz von ihm. René senkte allerdings ein wenig seine Deckung und warf einen kurzen, abgelenkten Blick nach hinten. Das war meine Gelegenheit. Die Rechte schoss gerade noch vorn und traf meinen bulligen Feind mitten auf die Nase. Das brachte ihn aus dem Tritt. Er stolperte und fiel halb zur Seite, zu seinem Glück gegen den Berg. Sofort gab der lose Untergrund nach und er rutschte weg. René packte mich verzweifelt an dem Besatz meiner weiten Lederbundhose und zog mich mit sich herab. Erst in diesem Moment wurde mir klar, was auf dem Spiel stand, aber da war es schon zu spät. Aber wir stürzten nicht ab – noch nicht. Mit einem mutigen Satz war der Lehrer bei uns und hielt mich am Rucksack fest. Für eine Endlosigkeit, die in Wirklichkeit vielleicht nur wenige Sekunden dauerte, bildeten wir eine bewegungslose Kette. Herni öffnete den Mund, wollte einen Vorwurf aussprechen, vielleicht auch einen Fluch. Er kam nicht mehr dazu. Das Geröll unter seinen Füßen geriet in Bewegung und er kippte, riss uns alle über die Felsennase in den Abgrund.

Ich wollte schreien und kam gleichzeitig auf dem Boden auf; viel zu früh. Ich tat mir nicht einmal sehr weh, weil ich halb über René stürzte und auf seinem Körper zum Liegen kam. Er stöhnte auf und robbte sich von mir weg. Meine Hände griffen in feuchtes, duftendes Gras. Verblüfft richtete ich mich halb in die Höhe. Mein erster Blick fiel auf René, der neben mir im lange nicht mehr geschnittenen Krautwirrwarr der Almwiese neben einem gewaltigen Kuhfladen saß und sich den Kopf hielt. Der Lehrer lag auf dem Bauch und streckte alle Viere von sich. Seine Lage wirkte unbequem. Ich sah näher hin: Er rührte sich nicht. Unter seinem Kopf erblickte ich erschrocken eine große Blutlache. Ich kroch zu Herni, aber für ihn kam jede Hilfe zu spät. Sein Kopf ruhte in einem zum Körper seltsamen Winkel neben einem blutverschmierten Stein. Die Augen waren geöffnet und noch immer lag viel Vorwurf in seinem starren Glotzen. Offenbar gefiel ihm nicht, was er gerade im Jenseits erblickte. Denn er war tot, war nach dem kurzen Sturz mit seinem Schädel auf dem soliden, spitzen Felsbrocken aufgeschlagen und hatte sich dabei das Genick gebrochen.

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