Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 6)

Ich habe es dir schon einmal gesagt, Abakoum: Wenn du die ganze Wahrheit erfahren willst, musst du deinen Zweifel ablegen. Ich weiß schon, ich klinge wie einer dieser durchgeknallten Sektenführer. Manchmal fühle ich mich schon selbst wie einer dieser Verkünder ihrer verschrobenen Weisheiten, aber eines musst du mir glauben: Solange du Zweifel hast, wird es dir nicht gelingen, die Mauern zu sehen, gegen die du tagtäglich anstürmst.

Mir ist das schon klar. Es ist schwer zu schlucken, denn du hast noch nie von einem europäischen Krieg in den späten 60ern gehört, noch dazu von einem, in den die Schweiz verwickelt war. Aber dies ist auch nicht hier in deiner Welt passiert, sondern in der pervertierten, aus dem Takt geratenen Spiegelwelt meines Bruders Ruben, einer Welt, die sich schließlich selbst zerstörte und implodierte. Sie war nur eines der geplatzten Bläschen im Schaum, aus dem das Universum besteht, das seinem inneren Druck und seinen Widersprüchen nicht mehr standhielt. Aber das geschah erst zwanzig Jahre später und ist eine Geschichte, die dir unser gemeinsamer Freund Linus in der nächsten Woche erzählen wird. Von einem anderen Standpunkt aus hat er dir schon davon berichtet. Aber vergiss das. Ich will das Ganze für dich nicht noch komplizierter machen, indem ich noch eine oder zwei Spiegelebenen einführe. Lassen wir den Erzähler und den Leser beiseite.

Sagen wir einfach, dort drüben bei Ruben war aus dem kalten Krieg ein heißer geworden. Die Armeen des Warschauer Pakts und der NATO hatten sich wie die Mächte des 1. Weltkriegs in Mitteleuropa ineinander verbissen und verkeilt und verwüsteten die eben aus dem Trümmern des 2. Weltkriegs wieder auferstandenen Länder aufs Neue. Berlin war längst gefallen, weite Teile Skandinaviens und der beiden deutschen Staaten ein Schlachtfeld mit einer vollkommen unübersichtlichen Frontlinie, auf dem Kapitalismus und Kommunismus sich ihre Vorrangstellung zerfleischten. Hier auf dem Boden des alten Europas war das Vietnam dieser Welt. Noch fand der Krieg konventionell statt – was immer dieser Euphemismus bedeuten mag – und hatte niemand gewagt, die Atombombe einzusetzen. Gerade auf sowjetischer Seite scheute man noch davor zurück. Aber das war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis die Beraterstäbe der lokalen Ausgaben von Breschnew und Lyndon B. Johnson sich gezwungen sehen würden, auf diese ultima ratio zurückzugreifen. Gewaltige Flüchtlingsströme wälzten sich heimatlos und verzweifelt durch die zerstörten Länder, in denen jede Staatsmacht oder Infrastruktur innerhalb kürzester Zeit zusammengebrochen war. Überall herrschten Anarchie, Diktatur oder die blanke Willkür lokaler Despoten, marodierender Milizionäre, Söldnertruppen, einfacher Räuberbanden oder verwilderter Armeen. Ziel der Flüchtigen waren der Süden und der Westen Europas, doch dort strandeten sie in menschenunwürdigsten Verhältnissen in provisorisch errichteten Auffanglagern an den Ufern der Meere. Italien, Griechenland, Spanien oder Portugal wurden der Menschenmassen, die ihre Länder überschwemmten, nicht mehr Herr und auch dort brachen unter dem Ansturm sämtliche staatlichen Ordnungen zusammen.

Die humanitäre Katastrophe in Europa kann mit Worten kaum beschrieben werden. Zusätzlich zu dem Massensterben durch die kriegerischen Handlungen gab es an allen Orten Plünderungen und Vergewaltigungen, es wurde gebrandschatzt und gemordet. Überall fanden entsetzliche Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung statt. Ernten wurden vernichtet, wohin man auch sah, es gab nur Hunger, Folter, Leid und Tod. Krankheiten und Seuchen, die das moderne Europa längst vergessen und überwunden glaubte, brachen aus und Epidemien rafften Hunderttausende dahin. Schlepper verdienten Unsummen damit, zahlungskräftige Flüchtlingen Überfahrten auf Seelenverkäufern ins vermeintlich sichere Nordafrika und nach Vorderasien zu verkaufen. Allein die Schweiz hatte sich in Mitteleuropa mühsam ihre staatliche Souveränität bewahren können. Sie fuhr ihre seit Jahrhunderten bewährte Strategie, sich als neutraler Geldmarkt für die kriegsführenden Parteien zu öffnen und zugleich ihre Grenzen gegen alle zu verschließen, die Zuflucht auf dem vollen Rettungsboot in den Alpen suchten.

René und ich waren also im Auge des Sturms gelandet, als wir von der Bergflanke in die Welt von Ruben gestürzt waren.

„Krieg?“, staunte ich den Hüttenwirt fassungslos an und begriff kaum, was er da sagte. Der Bergbauer wandte sich zu mir.

„Ihr wisst, Jungen, ich muss euch bei der Gendarmerie melden.“ Er warf einen seltsamen Blick auf meine vom Ausheben von Hernis Grab verschmutzte Kleidung.

„Ihr seid keine Schweizer und nach normalen Wanderern seht ihr mir auch nicht aus. Wo sind denn eure Eltern? Wisst ihr das überhaupt?“

Ich wich etwas zurück, während René einen Schritt zur Seite trat. Er hielt den Kopf gesenkt. Der Mann hob beschwichtigend die Arme.

„Ihr müsst euch nicht vor mir fürchten, Buben. Euch wird nichts geschehen. Für euch ist der Krieg erst einmal vorbei. Es gibt Lager, in die wir die versprengten Jugendlichen ohne Begleitung bringen, die über die Grenze kommen. Dort werden sie euch gut behandeln und ihr werdet etwas …“

Der Gastwirt stockte mitten in seinem Satz und seine Augen wurden groß. Plötzlich lief ihm ein Blutfaden aus der Nase. Er röchelte, dann stolperte er nach vorn und fiel in meine Arme. Ich hielt den schlaffen, erstaunlich schweren Körper fest und starrte verblüfft auf das große Fahrtenmesser, das auf seiner linken Seite bis zum Griff in seinem Rücken steckte.

„Was hast du getan, René? Hast du den Verstand verloren?“, stammelte ich fassungslos und hielt den Mann aufrecht, denn ich hatte das Gefühl, dass er noch zu retten war, solange ich ihn nur stützte. René zuckte mitleidlos mit den Schultern. Obwohl er alles andere als schuldbewusst wirkte, war seine Stimme doch unsicher:

„Du hast doch gesagt, dies hier wären keine echten Menschen, sondern nur Marionetten, die allein in der Fantasie deines durchgeknallten Bruders existieren. Habe ich eben einer dieser Puppen die Fäden durchgeschnitten – Na und? Kannst ihn ja wieder zum Leben erwecken, wenn du willst. Aber möchtest du wirklich, dass er uns bei den Bullen verpfeift und wir in ein Lager kommen?”

Endlich legte ich meine Last sanft und vorsichtig zu Boden. Ich schüttelte den Kopf. Nein, das wollte ich nicht. René sprach sich mit seinen Worten selbst Mut zu, das hörte ich. Er wollte von mir eine Bestätigung, dass er richtig gehandelt und keinen brutalen Mord begangen hatte. Doch die erwartete er von mir vergebens. Zu erschüttert war ich von dem Geschehenen. Der Mann war in meinen Armen gestorben und obwohl er nur ein Spiegelbild des echten Hüttenwirts in meiner Welt war, hatte es sich echt angefühlt. Ich bekam Zweifel, ob die Menschen hier tatsächlich nichts empfanden, sondern nur die Echos von Gefühlen waren, die aus der Wirklichkeit herüber tönten. Dr. Hernis erster Tod – sein plötzliches Verschwinden letztes Jahr im Speisesaal – war viel zu abstrakt gewesen, um es ernst zu nehmen und wirklich Schuldgefühle zu entwickeln. Er war einfach weg. Erst sein zweiter Tod vor ein paar Stunden war auch sein tatsächlicher gewesen, doch das war nur ein Unfall. Selbst wenn der Hüttenwirt in meiner Welt munter und lebendig sein mochte: Mir die Hände blutig gemacht, das hatte ich erst jetzt. René mochte Ähnliches empfinden, aber er würde lieber durch die Hölle gehen, als das zuzugeben.

„Wie haben heute eine gute Quote“, sagte er und seine Stimme überschlug sich dabei beinahe. „Das war schon der zweite; wer weiß, ob er der letzte bleibt.“

In diesem Moment bekam ich zum ersten Mal Angst vor ihm und mir wurde klar, dass ich ihn loswerden musste – und zwar bald. Ich hatte den Eindruck,hilflos dabei zuzusehen, wie er sich mit schnellen Schritten dem Wahnsinn näherte.

René beugte sich herab zu der Leiche und zog mit einem Ruck das Messer aus dem Körper. Als hätte es die Wunde verschlossen gehalten, sprudelte sofort ein Schwall Blut heraus, der das blaue Leinenhemd dunkel einfärbte. René funkelte mich von unten an, das tropfende Messer zielte auf mich. Ihm war ein neuer Gedanke gekommen.

„Das kannst du doch rückgängig machen? Ich meine, du wirst ihn jetzt einfach verschwinden lassen?“, bettelte er.

Mir schien, er fürchtete sich vor meiner Antwort. Wahrscheinlich konnte ich das, aber nicht im Moment. Ich war noch viel zu durcheinander, um mich auf etwas anderes konzentrieren zu können, als auf meinen Fluchtinstinkt. In diesem Augenblick sandte die Sonne rote Strahlen auf den gegenüberliegenden Berghang. Es war ein letztes, schmerzhaftes Aufblitzen, bevor sie endgültig verschwand und uns in der Dunkelheit und Finsternis dieser trostlosen Welt zurück ließ. Die Klinge in Renés Faust funkelte noch einmal. Unsere Blicke trafen sich.

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