Aber ein Traum …

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Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 4)

Obwohl ich mich vor der Berührung ekelte, suchte ich sicherheitshalber mit den Fingern nach einem Puls an dem abgeknickten Hals und beugte mich dann lauschend über die Brust des Toten. Plötzlich fror ich. René kam offenbar wesentlich besser damit zurecht, dass Dr. Herni den kurzen Sturz nicht überlebt hatte. Er sah mir eine Weile ohne Kommentar bei meinen Bemühungen zu. Schließlich fragte er:

„Wo sind wir eigentlich gelandet?“

Er deutete auf den Berg in meinem Rücken. Seine Frage war berechtigt. Dies war nicht mehr der Hang, den wir eben noch hinunter gefallen waren. Wir saßen auf einer flachen Almenwiese. In der Nähe stand eine größere Hütte, vor der ein paar hellbraune Kühe lagen und gelassen wiederkäuten. Wenig interessiert drehten sie ihre Köpfe und sahen müde zu uns herüber. Der Berg über uns war eine sensationell steile, himmelhohe Felswand, die auch einen geübten Kletterer vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt hätte. Diesen Abgrund waren wir auf keinen Fall hinab gestürzt, das hätte keiner von uns überlebt. Das war auf keinen Fall mehr der Hausberg über dem Internat.

Ich musste lachen, Abakoum. Es war die einzige Reaktion, zu der ich fähig war. Das Lachen trat unaufhaltsam zwischen meinen Zähnen hervor, es brach aus mir heraus, als würde ich mich mit ihm übergeben. Mir wurde klar, dass ich es doch noch geschafft hatte: Ich war zurückgekehrt in die Welt meines Bruders! Dieser drohende, überhängende Fels verdankte sein dramatisches Aussehen meinen spielerischen Experimenten des letzten Sommers, als ich begann, meine Kräfte auszuprobieren. Das war Rubens Erde und ich hatte in ihr zum zweiten Mal Dr. Herni umgebracht.

Ich steigerte mich in meinen Lachkrampf, bis René an mich herantrat und mir eine saftige Ohrfeige verpasste, die mich wieder zur Vernunft brachte. Er hatte keine Ahnung, wie knapp er davor war, dass ich ihn in Luft auflöste, denn das war meine erste wütende Reaktion, als ich die Finger seiner Hand auf meiner Wange brennen fühlte. Aber es gelang mir nicht. Es lag daran, dass ich ihn nur durch Zufall mit in das andere Land gezogen hatte, er aber eigentlich in die meine gehörte. Über die Personen und Dinge in ihr hatte ich schließlich keine Macht. Probeweise veränderte ich die Kühe, machte aus ihnen ein schwarz-weißes Fleckvieh. Es gelang mir mühelos. Ich war wieder im Besitz meiner Fähigkeiten; hier war ich ein Gott. René bemerkte meinen Eingriff nicht. Er fixierte mich und wartete, bis ich mich beruhigte.

„Wo sind wir?“, wiederholte er seine Frage. „Was ist geschehen?“

Wie sollte ich ihm das erklären? Wie würde er mich verstehen können? Ich stand ebenfalls auf und vermied dabei einen Blick auf die Leiche zu meinen Füßen.

„Ist doch egal“, erwiderte ich, „schauen wir erst einmal, dass wir von diesem Berg runterkommen. Ich weiß auch nicht, wie wir hierher gekommen sind. Aber ich kenne den Weg zurück zum Internat. Gehen wir.“

Ich wollte an René vorbei zur Almhütte gehen, von der ein Fahrweg hinab ins Tal führte. Er griff mich am Arm.

„Was machen wir mit ihm?“, fragte er. „Wir können ihn doch nicht einfach so liegen lassen.“

Er scheute sich ebenfalls, auf die Leiche von Dr. Herni zu sehen. Ich zuckte mit den Schultern. Dabei kam mir eine Idee, wie ich René loswerden konnte.

„Es war ein Unfall. Wir können nichts dafür. Wir geben in der Hütte dort Bescheid, die ist, glaube ich, bewirtschaftet. Von dort kann man über Funk Hilfe rufen.“

Ich hatte ich nicht vor, mit René in der Alm auszuharren, bis die Bergwacht oder die Gendarmerie auftauchte. Es würde mir schon gelingen, mich heimlich abzusetzen. Schließlich standen mir ja ein paar Zaubertricks zur Verfügung. Ich wollte weiter, aber René behielt mich weiterhin fest im Griff. Er musterte mich sehr aufmerksam, versuchte in dem unschuldigen Gesicht, das ich ihm darbot, zu lesen.

„Du verheimlichst mir was,“ stellte er dann fest, „glaub mir, ich werde dich keinen Augenblick aus den Augen lassen.“

Ich hätte zu gern gewusst, was sein Misstrauen geweckt hatte, aber er schwieg und ließ meinen Arm los. Gemeinsam gingen wir die kurze Strecke zur Hütte. Sie war zu unserer Überraschung verschlossen, die schweren Läden vor den Fenstern verriegelt. Auf den rohen Holztischen der Terrasse vor der Eingangstür lagen keine Plastikkärtchen mit dem Speiseplan. Die Saison konnte eigentlich Ende September noch nicht vorbei sein; schließlich graste ja auch noch das nun schwarz-weiße Fleckvieh friedlich hinter dem Haus. Wahrscheinlich hatten wir einen Ruhetag erwischt und der Hüttenwirt war kurz ins Tal gefahren, auch wenn kein Hinweisschild darauf verwies. René ließ sich erschöpft auf eine Bierbank fallen und sah mir ruhig zu, wie ich an der Tür klopfte und vergeblich versuchte, durch die Ritzen der Fensterläden zu spähen.

„Was geschieht jetzt?“, fragte er, als ich mich endlich resigniert zu ihm setzte und mir aus meiner Thermoskanne einen lauwarmen Tee eingoss.

Ich nahm einen Schluck, dann hielt ich ihm den als Tasse funktionierenden Verschluss hin. Er nahm ihn abgelenkt, hielt ihn, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, mit beiden Händen. Aber er trank nicht daraus. Stattdessen nickte er langsam. In diesem Moment begann unser Waffenstillstand. Mein Plan, ihn an der Hütte elegant loszuwerden, ging nicht auf. So leicht wurde ich René nicht los und ich hatte ja eine gewisse Verantwortung für ihn. Schließlich hatte ich ihn in Rubens Welt gezogen. Wir wurden keine Freunde – die sind wir heute noch nicht – aber wir begruben fürs Erste unsere Fehde. Wir spürten, dass wir aufeinander angewiesen waren. Schließlich trank René doch und er verzog den Mund.

„Kamille“, sagte er, „ich hasse Kamillentee. Da werde ich schon vom Geruch krank.“

Wir lächelten und René stellte die Tasse vor sich hin. Er nahm seine Arme nach hinten und drückte sein Kreuz durch. „Mir tut der Rücken weh. Seltsam. Liegt vielleicht am Sturz. Aber ich darf mich wohl nicht beklagen; eigentlich müsste ich wie der Herni tot und zerschmettert im Tal liegen. Aber jetzt erzähle endlich. Wir sind nicht zuhause. Das spüre ich. Du weißt, was passiert ist, nicht wahr?“

Also erzählte ich ihm die ganze Geschichte. Ihn weiter im Ungewissen zu lassen, war nicht fair. Ich verschwieg ihm allerdings die Sache mit Linas Tod und sprach auch nicht über meine Ziele. René hörte mir zu, ohne mich zu unterbrechen oder nachzufragen. Ich konnte ihm nicht ansehen, ob er mir glaubte oder nicht. Die Sonne warf bereits die langen Nachmittagsschatten auf die mächtige Felswand oberhalb der Hütte und die Kühe hatten sich über die ganze Almwiese verstreut, als ich zum Schluss kam.

„Und du besitzt hier wirklich Superkräfte?“, war die einzige Frage, die René nach meinem Bericht hatte. Ich konzentrierte mich und ließ den Deckel mit dem Tee von Geisterhand getragen zwischen uns in der Luft schweben. René sah mir zwar fasziniert zu, wirkte aber weder besonders erstaunt noch erschrocken. Seine exzessive Comiclektüre hatte ihn offenbar gut vorbereitet und er besitzt die Fähigkeit, sich sofort auf neue Situationen und Umgebungen einstellen zu können. Er ist ein Chamäleon. Wir waren auch noch blutjung damals. Er war gerade sechzehn geworden und ich nur unwesentlich jünger. Wir hatten eben unsere Kindheit wie eine zu eng gewordene Haut abgestreift. Aber noch war alles möglich, noch existierten die magischen Welten der frühen Jugend, die er vielleicht tatsächlich das ein oder andere Mal unabsichtlich im Spiel betreten hatte. Ich pflückte die Tasse aus der Luft und stellte sie zurück auf den Tisch.

„Ich kann hier die Dinge und die Menschen beeinflussen, aber es ist sehr anstrengend und macht mich schnell müde“, erklärte ich René. „Ich weiß selbst nicht, wie das alles funktioniert und zusammenhängt.“

René hatte doch noch eine weitere Frage.

„Und dieser böse Zwilling da, dieser Ruben, ist der jetzt bei uns? Ich meine, in unserer Welt? Ist er statt dir in den Abgrund gestürzt?“

Dieser Gedanke war mir überhaupt nicht gekommen. Aber René hatte recht: Wir hatten bei unseren Wechseln bisher immer die Plätze getauscht. Trotzdem glaubte ich nicht so recht daran, dass ich so viel Glück hatte und sich mein Problem mit meinem Bruder so einfach gelöst hatte.

„Ich weiß nicht. Diesmal war es anders. Ich habe Ruben nicht gespürt. Normalerweise habe ich beim Wechsel immer Kontakt mit ihm. Ganz kurz berühren wir uns. Das ist schwer zu erklären …“, zögerte ich und mein Zuhörer gab sich damit zufrieden. Er sah sich um.

„Na, gut. Und was machen wir jetzt? Steigen wir ab?“

Ich deutete auf den Werkzeugschuppen neben der Hütte, dessen Tür zwar geschlossen, aber nicht versperrt war.

„Später. Als erstes müssen wir den Lehrer begraben.“

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