Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 2)

Aber ein Traum, Fortsetzungsroman, Geschichte, Literatur, Philosophie, Roman

Bereits am ersten Tag der Sommerferien verfrachtete mich unser Chauffeur in das Internat in der Schweiz, dessen eine Anderswelt-Version ich ja bereits kannte und dies sich in meiner realen Welt nur unwesentlich von ihrer Kopie unterschied. Auch hier gab man mir ein eigenes kleines Zimmer, ich fand einen wirren Haufen von Leidensgenossen und strengen Lehrern vor, hatte eine große Bibliothek zur Verfügung und nach den vormittäglichen Wiederholungsunterrichten ausreichend Freizeit, die ich mit Wanderungen zu den umliegenden Tälern und Berghöhen ausfüllte. Es war jedoch ein Schock, der mürrischen Lehrkraft wieder zu begegnen, die ich auf Rubens Seite buchstäblich zum Teufel gewünscht hatte, als diese als einzige mitbekommen hatte, dass ich für ein Chaos im Speisesaal verantwortlich war. Als sich Dr. Urs Herni am ersten Tag als Klassenleiter für die Nachhilfewochen vorstellte, duckte ich mich eilig unter seinen immer beleidigten, vorwurfsvollen Blicken, die freilich ein Standardgesichtsausdruck von ihm waren. Sie hatten nichts damit zu tun, dass ich seine Kopie in Luft aufgelöst hatte. Mein Selbstvorwürfe hielten sich übrigens in engen Grenzen, denn der Lehrer stellte sich im Original als ein noch viel strengerer und unfairer Leuteschinder heraus. Herni nahm jede Nachlässigkeit und jeden Fehler der ihm anvertrauten Zöglinge persönlich. Er breitete bereits in der ersten Woche die ganze Palette an Strafmaßnahmen vor uns aus, die ihm durch die strengen Internatsregeln zur Verfügung standen. In dieser Zeit war in der Schweiz die schulische Prügelstrafe nicht abgeschafft; in den elterlichen vier Wänden ist sie dort noch heute erlaubt. Manch ein verträumter Schülerkopf, der statt Verben zu konjugieren, lieber aus dem Fenster zu den nahen, verschneiten Berggipfeln hinübersah und sich in eine rosigere Zukunft träumte, machte die Bekanntschaft mit Hernies Handrücken und seinem schweren Ehering, der mehr als nur eine Wange blutig riss. Ich bedauerte häufig, dass ich keine Macht mehr über ihn hatte, denn dieser Lehrer gehörte zu den widerwärtigsten Menschenquälern, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Und mein Leben war sehr lang, das kannst du mir glauben, Abakoum.

Ich selbst blieb übrigens von Hernis gröberen Bestrafungen verschont, die er so großzügig auch bei kleineren Vergehen austeilte. Er schränkte vielleicht einmal meine Freizeitmöglichkeiten ein, aber er hätte wohl nie die Hand gegen mich erhoben. Etwas ließ ihn trotz meines von ihm als ‚impertinent‘ bezeichneten Verhaltens und meines Lernunwillens zögern, auf mich das volle Programm anzuwenden. Zuerst dachte ich, es sei eine unbestimmte Furcht, die ihn zögern ließ; eine Ahnung, dass ich ihm unter bestimmten Umständen gefährlich werden konnte. Aber der Grund war ein viel einfacherer: Er hatte Angst vor meinem Vater. Ich bekam von Zuhause ein ordentliches wöchentliches Taschengeld überwiesen, mit dem ich mir zwar keine Extrabehandlung erkaufen konnte, aber es hatte sich schnell herumgesprochen, dass ich aus einer legendär reichen Familie stammte, die auch in der Schweiz gut vernetzt war. Dr. Herni war nämlich nicht nur ein Sadist, sondern auch ein schmieriger, kleiner Feigling.

Die anderen Internatszöglinge, manche für sieben Sommerferienwochen verurteilt, andere wie ich dort für länger zur Schule gehend, verprassten ihr am Wochenanfang mit der Post ausgezahltes Taschengeld eilig für Süßigkeiten, heimlich erworbene und im Gebüsch hinter der Turnhalle gerauchte Zigaretten, Comic-Hefte und Ähnliches. Sie standen spätestens vor Beginn des Wochenendes bei mir Schlange, um sich ein paar Franken zu leihen, die ich mit gesalzenen Tageszinsen spätestens nach der nächsten Salär-Auszahlung zurückverlangte. Dies war nur eines meiner vielfältigen Geldgeschäfte, die ich im Internat tätigte. Da ich mit dem Besitzer des Zeitschriftenkiosks unten im Dorf eine auch für ihn lukrative Sonderregelung aushandelte, konnte ich Playboy-Hefte verleihen und Alkohol verkaufen, immer die neuesten Rock-Singles beschaffen und betätigte mich als Ghostwriter von Deutschaufsätzen. Dadurch gelangte ich bereits nach vier Wochen in den Besitz einer ordentlichen Summe Bargelds, die ich in meinem Zimmer zwischen den Seiten einer französischen Grammatik versteckte, in die ich mit einem Cuttermesser ein Geheimfach geschnitten hatte. Ich hatte Poe’s The purloined letter gelesen und deshalb lag das Buch für jedermann sichtbar und griffbereit auf meinem Schreibtisch. Die anderen Handelswaren bewahrte ich hinter der Lüftungsklappe der Heizung auf. Obwohl meine Habseligkeiten mehrmals von Schülern und einmal auch von Dr. Herni bei einer seiner häufigen Kontrollen durchsucht wurden, wurde mein schnell wachsender Schatz nicht entdeckt.

In jenen Sommerwochen bereitete ich mich vor. Ich unterwarf mich einem strengen Tagesplan. Irgendwie ließ ich die vergeudeten Vormittage im Klassenzimmer über mich ergehen, oft las ich dabei unter der Bank in einem Buch. Nachmittags trainierte ich zuerst eine Stunde in der Sporthalle. Dann lief ich im Dauerlauf runter ins Dorf, machte meine „Einkäufe“ und rannte mit meinem von den Handelswaren schwer beladenen Rucksack die Serpentinen des Fußwegs zum Internat zurück. Nach dem Abendessen erledigte ich meine kleinen Geschäfte und las, bis um elf Uhr das Licht im Schülertrakt gelöscht wurde. An den Wochenenden, an denen mir der Klassenlehrer keinen Hausarrest verpasste, unternahm ich ausgedehnte Wanderungen in den umliegenden Bergen. Meine Tage waren denjenigen sehr ähnlich, die ich im Jahr zuvor in Rubens Welt verbracht hatte. Ich wartete auf meine Gelegenheit, wieder in sie zu wechseln und dachte, ihr auf diese Weise näherzukommen. Aber nichts geschah. Manchmal, kurz vor dem Einschlafen, dachte ich, ich würde Ruben für einen Moment spüren. Mir war, als müsse ich nur die Hand nach ihm ausstrecken, so nah fühlte ich mich meinem Bruder. Aber Ruben ergriff die dargebotene Rechte nicht. Es kam zu keinem Kontakt. Er schien vollkommen das Interesse an der wirklichen Welt verloren zu haben.

So hätte das noch ewig weitergehen können, aber dann kam mir ein Zufall zu Hilfe. Mit der sechsten Woche im Internat änderte sich meine Situation von Grund auf. Ich hatte mich inzwischen schon beinahe damit abgefunden, dass es mir in diesem Sommer nicht gelingen würde, mit meinem Bruder den Platz zu wechseln und mich einigermaßen bequem in meinem neuen, geregelten Leben eingerichtet, als es von einem Tag zum nächsten endete. Denn mit Beginn des neuen Schuljahrs kehrten die Urlauber von ihren Familien zurück und ich musste das Zimmer, das in den Ferien nur mir allein gehört hatte, plötzlich mit einem Jungen teilen.

René war alles andere als begeistert, in dem nicht besonders großen Raum einen Fremden vorzufinden, der ihm auf den ersten Blick unsympathisch war. Ich erwiderte diese Abneigung bald aus vollem Herzen. Leider war er eines der Alphatiere unter den Schülern und hielt sich einen Hof von treuen Anhängern, während ich mich von allen fernhielt und nur wegen der Schulden, die fast jeder bei mir hatte, geduldet wurde. Obwohl René die bullige und massive Erscheinung eines Preisboxers besaß und immer irgendwo im Gesicht stolz eine Schramme oder blaue Flecken am Oberkörper zur Schau trug, war er der einzige der Internatszöglinge, dessen Intelligenz der meinen zumindest ebenbürtig war. Er las ebenso viele Bücher wie ich und hatte in jedem Schulfach gute Noten. Auch er war vor Dr. Hernis Strafen weitgehend sicher. René ließ sich nicht auf Handelsgeschäfte mit mir ein und war sichtlich von dem allabendlichen Trubel in unserem Zimmer genervt. Er versuchte, sich von mir fern zu halten. Aber spätestens in der Nacht, wenn wir uns mit unserem Schnarchen gegenseitig wachhielten, funktionierte das Ignorieren nicht mehr.

Bereits in der zweiten Schulwoche startete er seinen Versuch, mich zu vergraulen. Seine Methoden, mir das Leben schwer zu machen, waren nicht allzu subtil, aber so hinterhältig, dass ich ihm nie eine Beteiligung nachweisen konnte. Meine Zahnbürste war plötzlich immer schmutzig, ich fand Ungeziefer in meinem Bett, meine Unter wäsche kam zerrissen und meine einzige Jeans mit Löchern aus der Wäsche, ein Hausaufsatz verschwand spurlos, jemand hatte in meine Wanderschuhe gepinkelt. Als einmal die Schülertoiletten mit Toilettenpapier verstopft wurden und dadurch eine mittlere Überschwemmung ausgelöst wurde, wurde ich von mehreren Seiten bei der Internatsleitung angeschwärzt. Ich musste meine Unschuld beim Direktor verteidigen. Er glaubte mir freilich kein Wort und verdonnerte mich dazu, zusammen mit dem Hausmeister eine Woche lang in meiner Freizeit die verschmutzen Kloschüsseln zu reinigen. Ich könnte die Liste noch lange fortsetzen. Ich wurde gemieden, in meinem Rücken wurde geflüstert und ich sah mich mehrmals in nicht provozierte Rempeleien verwickelt. Am meisten traf mich, dass sich meine Mitschüler plötzlich nichts mehr von mir liehen oder kauften. Mein einträgliches Geschäft endete von einem Tag zum nächsten. Zu meinem Erstaunen bezahlte noch jeder seine Schulden, dann versiegte meine Einnahmequelle. Woher die anderen Schüler plötzlich das Geld hatten, sich auszulösen, erfuhr ich, als ich ihre Franken und Rappen in einem unbeobachteten Moment zu den anderen in das Buchversteck legen wollte. Es war bis auf wenige Reste geplündert. Sie hatten mich mit meinem eigenen Geld bezahlt! Ich stand noch fassungslos mit der geöffneten Grammatik in der Hand vor meinem Schreibtisch, als René harmlos pfeifend mit den beiden größten Schlägern der Schule hereintrat. Wenn ich mir nicht eine Tracht Prügel einhandeln wollte, musste ich für den Moment kleinbeigeben. Aber ich war fest entschlossen, meinen Quälgeist zur Rede zu stellen und die Sache ein für alle Mal zu beenden. Meine Geduld war erschöpft.

Aber ein Traum – Roman (6. Kapitel – Teil 1)

Aber ein Traum, Fortsetzungsroman, Geschichte, Literatur, Philosophie, Roman

SECHS

Waldeschers Geschichte (Fortsetzung)

Die Beziehungen zwischen den Bruderwelten waren wie dünne Spinnenfäden – kaum sichtbar, aber klebrig und unglaublich fest und zäh. Lange bin ich davon ausgegangen, dass meine Welt die dominante war, der sich Rubens Abziehbild als harlequinesker Zerrspiegel unterordnete, aber die Fäden liefen von beiden Seiten, dünn zwar – wie gesagt – aber deutlich spürbar, wenn ich in einen lief. Du wirst dieses Gefühl noch kennenlernen, mein Abakoum.

Nach dem Tod von Lina Brunswick änderte sich alles. Das einzige Bindeglied, das die Familie zusammengehalten hatte, war verschwunden. Kälte und Einsamkeit drangen wie verstohlene Feinde in den ‚Eulenhorst‘ ein, der nun niemandem mehr eine Heimstätte war. Ein paar Angestellte hielten eine Art Hotelbetrieb aufrecht, im dem die drei Gäste einander so gut wie möglich aus dem Weg gingen. Mein Vater stürzte sich, soweit ihm das überhaupt machbar war, noch mehr in die Firmengeschäfte, die gerade zu dieser Zeit traumhafte Gewinne erbrachten. Wenn ich mich an die Monate nach den entsetzlichen Vorkommnissen erinnere, ist mein Vater überhaupt nicht existent. Mir ist, als hätte ich nicht Tür an Tür mit ihm gewohnt, sondern wäre durch einen Kontinent von ihm getrennt gewesen. Onkel Balder sah ich zwar täglich zu den Essenszeiten, doch auch das Verhältnis zu ihm hatte sich abgekühlt. Er hielt bewusst Abstand und ich spürte häufig einen prüfenden, nachdenklichen Blick auf mir ruhen, als werfe er mir etwas vor.

Ich bemühte mich, die entsetzlichen Geschehnisse rückgängig zu machen, aber so sehr ich mich anstrengte, ich konnte weder meinen Hund noch Lisa wieder lebendig machen. Alle bewährten Methoden, die in Rubens Welt so gut funktioniert hatten, schlugen in meiner eigenen fehl. Hier klappte kein einziger meiner telekinetischen Zaubertricks; selbst wenn ich Löcher in einen kleinen Gegenstand starrte und mir von der Anstrengung ganz übel wurde. Ganz davon zu schweigen, Gebirge zu errichten oder gar Menschen wiederzubeleben oder zu erschaffen. Heute weiß ich, dass es die schwerste Sache überhaupt ist, die eigene Welt zu ändern, die, in die man hineingeboren wurde. Der Grund ist hingegen ein einfacher: Es fehlt der Glaube. Wenn ich fest überzeugt bin, etwas gehe nicht, dann wird es mir auch mit der größten Anstrengung nicht gelingen, es doch zu tun. Nimm als Beispiel die Wehrmauer hinter uns, Abakoum. Ich kann dir jetzt erzählen, dass du einfach durch sie hindurch gehen kannst, als wäre sie nur eine Illusion aus Lichtstrahlen. Es gehören nur ein wenig Wille und Konzentration dazu, dann ist das so einfach, wie durch eine geöffnete Tür zu treten. Du wirst dich trotzdem scheuen, weil du an diese Mauer glaubst. Und du wirst dir die Nase blutig schlagen, wenn du es versuchst. Sie hat ihre Existenz in dir und das macht sie für dich fest und undurchdringlich. Und was für die Mauer gilt, gilt ebenso für alles um dich herum – es ist deine Wirklichkeit und es ist dir nicht gegeben, sie zu ändern. Du sitzt in deiner Höhle, Abakoum, siehst die Schatten künstlich geschaffener Gegenstände an der Wand und glaubst, das sei die Wirklichkeit. Nur wenn dich jemand wie ich bei der Hand nimmt und dich aus der Höhle hinausführt, jemand, der diesen Schritt schon vor dir gegangen ist, der dich unter den freien Himmel bringt, wo alle Ideen im klaren Schein der Sonne offen vor dir liegen – dann vielleicht wirst du begreifen und deine Welt verändern können. Oder du stirbst. Die Ideen dahinter, das Muster, das Gott gewebt hat, um Alles zusammenzuhalten, wenn du es entdeckt hast, dann wirst du es bestimmen und verändern können, auch wenn die Gefahr groß ist, alles zu vernichten. Denn schon der kleinste Eingriff kann unvorstellbare Auswirkungen haben, er ist der sprichwörtliche Schlag eines Schmetterlingsflügels in Brasilien, der einen Tornado in Texas auslöst. Wir leben in der möglichsten aller Welten, mein Junge. Eine Änderung kann sie unmöglich machen.

Aber lass mich weiter berichten. Mein Vater trat erst wieder nach einem ganzen Jahr in mein Leben. Das war eine Zeit, in der Ruben keinen Kontakt mehr mit mir suchte und ich auch nicht mehr in seine Welt wechselte. Nicht einmal an Weihnachten oder zu meinem Geburtstag im Juni bekam ich Vater zu Gesicht. Wenn ich mich recht erinnere, machte er eine längere Auslandsreise. Dann stand er plötzlich an einem Dienstagmorgen vor mir und schwenkte drohend einen an ihn gerichteten Brief meiner Gymnasiums. Die Leistungen des Schülers Alban Waldescher hatten sich dramatisch verschlechtert und die Versetzung in die höhere Klassenstufe war gefährdet.

Vater hatte nur drei Sätze für mich, als er in einem ungewohnten und deshalb umso erschreckenderen Wutanfall das Schreiben zerknüllte und es mir als Papierkugel gegen die Brust warf. Es war das erste und das einzige Mal, dass er seine Distanz verlor und mir gegenüber so etwas wie ‚elterliche‘ Gewalt anwendete, wenn auch auf eine ungeschickte, fast rührend hilflose Weise.

Ich bin über alle Maßen enttäuscht“, sagte er leise, auf den Papierknäuel am Boden starrend, als wisse er nicht, wie er dorthin gelangt war. „Für das nächste Schuljahr habe ich dich in einem Internat in der Schweiz angemeldet.“

Er zögerte, musterte meinen hilflosen Versuch, ein paar Widerworte zu stammeln. Er hatte mich vollkommen überrumpelt. Und im gleichen Augenblick wusste ich selbstverständlich, welches Internat er für mich gewählt hatte: Ich hatte es bereits im vergangenen Sommer unfreiwillig besucht. Er hob die Hand, um einen Einspruch zu verhindern.

Ich möchte, dass du bereits deine Ferien dort verbringst. Es ist schon alles vorbereitet.“

Damit schob er sich an mir vorbei, kehrte zurück in sein Arbeitszimmer, dessen Türriegel er geräuschvoll schloss. Für ihn sei die Sache damit erledigt, gab er mir damit zu verstehen. Einwände waren sinnlose Zeitverschwendung. Ich stand lange neben dem zerknüllten ‚Blauen Brief‘ im Gang, kämpfte mit meiner Wut und mit meinen Tränen und dem Wunsch, etwas kaputt zu machen. Mein Vater war ungerecht gewesen, ich spürte es wie eine offene Wunde. Ich wusste, was in dem Brief von der Schule stand, meine Noten in ein paar Fächern waren in der Tat nicht mehr ausreichend, aber das Schuljahr war noch nicht vorbei. Ich war mir sicher, dass ich das noch hinbiegen konnte. Was vielleicht auf einer Selbstüberschätzung beruhte, wenn ich heute darüber nachdenke.

Aus der Sicht meines Vaters machte seine Entscheidung allerdings doppelten Sinn. Er konnte sich nicht nur bessere Noten für mich erhoffen, sondern er schaffte mich auch aus seinem Sichtfeld. Ich musste nicht zuletzt wegen seiner Seelenruhe ins Internat; aus seiner Sicht trug ich die Schuld am Tod von zwei geliebten Menschen.Zumindest erinnerte ich ihn ständig an die gewaltsamen Tode meiner Mutter und Linas. An beiden hatte er nacheinander seine Existenz und seine Zukunft festgemacht und zweimal waren seine hochfliegenden Hoffnungen vor seinen Augen zerstört worden. Er hatte nicht mehr die Kraft, einen dritten Lebensentwurf in Angriff zu nehmen und übrigens auch keine Gelegenheit mehr dazu. Er starb im folgenden Frühjahr. Sein ungelenker Wutausbruch war das vorletzte Mal, dass er mit mir sprach.

Ich blieb vor Wut kochend und tief beleidigt im Gang stehen, bis ich resignierte und gleichzeitig die Entscheidung meines Vaters als Chance begriff. Dieser Augenblick pflanzte in mir den Samen eines Plans, der, wenngleich noch dunkel und verworren, im Verlauf der nächsten Wochen immer konkretere Formen annahm: Wenn ich in Rubens Welt eine Art Gott war, dann würde es mir vielleicht dort gelingen, den Dingen einen anderen Verlauf zu geben. Wenn ich in seiner Anderswelt Menschen verschwinden lassen konnte, konnte ich bestimmt auch welche schaffen. Außerdem musste in der anderen Welt Lina Brunswick noch am Leben sein, schließlich war sie drüben nie Kindermädchen im ‚Eulenhorst‘ gewesen und meinem Vater war dort diese Enttäuschung erspart geblieben. Was ich genau in die Wege leiten würde, war mir noch unklar, aber ich musste in Rubens Welt zurück. Sie bot mir die Chancen, die mir in meiner versagt blieben. Dort konnte ich mir das Paradies zurückerobern, aus dem ich hier vertrieben worden war. Sollte Ruben sich doch hier vergnügen, ich schenkte ihm meine Welt, wenn er mir dafür seine gab.

Dieser Plan war jedoch einfacher ausgedacht als durchgeführt. Schließlich war es bislang immer Ruben gewesen, der mich zum Platztausch gezwungen hatte, niemals war dies aus meinem freien Willen geschehen. Ich wusste nicht, wie ich das anstellen sollte. Aber ich war wild entschlossen, es zumindest zu versuchen.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil VIERUNDZWANZIG)

Geschichte, Gesellschaft, Jahrmarkt in der Stadt, Künstlerroman, Literatur, meine weiteren Werke, Nutzlose Menschen, Philosophie, Roman, Sprache, Zyklus

»Nutzen wir dir die Gelegenheit«, sagte Gitta, als ihr Andernaj weit genug entfernt schien, »und lass uns jetzt endlich von hier verschwinden. Das bringt doch alles nichts und jetzt habe ich wirklich Hunger.« Beate winkte ab, während sie ihren Wein austrank und das Glas zurück auf die Theke stellte.

»Nicht doch, ich denke gar nicht daran! Jetzt wird es doch endlich wieder interessant«, protestierte sie; dann sah sie Anderaj nachdenklich hinterher. »Warte mal einen Augenblick. Ich will nur etwas überprüfen, denn ich habe da so einen Verdacht.« Sie ließ die schwach protestierende Gitta stehen und folgte Andernaj aus dem Gastraum. Sie hatte sich nicht getäuscht. Der Alkoholiker stand in einem schmalen Vorraum, der zu den Toiletten und in die Küche führte. Er telefonierte und wie die meisten Handybenutzer in einer Lautstärke, als wäre er allein auf der Welt. Interessant, dachte sie, sein Bier kann er sich nicht leisten, aber er hat ein Telefon. Da ständig Menschen ein- und ausgingen und Andernaj ihr den Rücken zuwandte, bemerkte er sie nicht. Sie pirschte sich vorsichtig an ihn heran und stellte sich so nah hinter ihn, dass sie sein Gespräch belauschen konnte. Dabei hatte sie kein schlechtes Gewissen. Schließlich war sie es, die betrogen werden sollte. Da war sie sich absolut sicher.

»… was heißt zu früh?«, protestierte Alfons gerade und er klang gereizt. »Du hast ja keine Ahnung! Die Mädels sind nich‘ so doof wie dein Sapher! Soll ich ihnen vielleicht Krieg und Frieden vorlesen, um sie noch ein bisschen aufzuhalten? Dein Zeitplan is‘ dein Problem.«Er lauschte nickend. »Es musste doch alles natürlich sein, weißt schon, sich spontan ergeben. Ich hab auf jeden Fall getan, was ich konnte. Ich bin doch nun wirklich kein Schauspieler. Wir kommen jetzt. — Du, weißt du, wieviel ich gesoffen hab‘? Mir rutscht schon wieder dauernd das rechte Auge weg und dann sehe ich alles vierfach. — Ja, hehe. Weh‘ mir, das Alter! Außerdem bin ich kein Taxifahrer, das bemerken sie sofort, die Mädels sind doch nicht auf den Kopf gefallen. — Ha? Eine Stunde? Du hast ja ’n … ich mein, du machst mir Spaß. Ich kann froh sein, wenn sie noch da sind, wenn ich vom Klo komm‘. Die Alte vom Sapher würd‘ sich am Liebsten gleich verdrücken. Nur gut, dass sie auf ihre Freundin hört.  — Ja, die Czesny, du kennst sie ja. — So, da sind Sie sich also sicher, Dr. Mabuse, hehe? — Du musst es ja haben, is‘ ja nich‘ mein Geld. Ne halbe, höchstens. — Ja, gut, ich versuch’s.«

Beate bemerkte, dass Andernaj dabei war, sein Gespräch zu beenden.  Sie wollte nicht beim Lauschen ertappt werden und flüchtete eilig in die vornehme Damentoilette, bevor er sich umdrehte. Sie sah in den Spiegel, der über dem Waschbecken hing, nickte sich zu und begann zufrieden zu lachen. Ihr war klar, dass Andernaj nur mit Klammer telefoniert haben konnte. Alfons war also ein Teil der Intrige. Er sollte es eingefädeln, dass er sie und Gitta zu dem Maler Sontheimer lockte. Beate fühlte sich bestätigt. Sie hatte von Anfang an recht gehabt. Klammer hatte wie mit Brotkrumen eine Spur für die Frauen gelegt, er wollte von ihnen verfolgt werden. Sie waren ihm allerdings näher auf den Fersen, als ihm lieb war, denn er hatte Andernaj eindeutig den Befehl gegeben, sie noch ein wenig aufzuhalten. Nun, das würde ihm jetzt, da Beater alles wusste, ziemlich schwerfallen. Sie war gespannt, was dem versoffenen Dichter alles einfallen würde, um sie abzulenken. Dann fragte sie sich erneut, was Klammer wirklich wollte und warum Andernaj bei dieser Intrige mitmachte. Wurde er von dem Dr. bezahlt? Das Handygespräch schien darauf hinzuweisen. Auch dass die beiden Sontheimerbrüder darin verwickelt waren, schien ihr nun sicher. Konnten in Klammers historischer Novelle, die ja die Geschichte einer Intrige beschrieb, Hinweise auf seine Ziele versteckt sein? Sie musste sie unbedingt zu Ende lesen; noch bevor Alfons sie zu Klammer brachte. Nun, sie nickte sich selbst über den Spiegel aufmunternd zu, in jedem Fall wird Klammer in mir eine würdige Gegenspielerin finden. Was nötig war, war dafür zu sorgen, dass Gitta weiter mitspielte – keine leichte Aufgabe, denn als Saphers Ehefrau nahm alles natürlich viel ernster als Beate, die nun endgültig den Spielcharakter der Verwicklungen zu erkennen glaubte. Das Vorhaben, das Klammer in seinen Aufzeichnungen notiert hatte, nämlich Sapher zum Ehebruch verleiten zu wollen, hielt sie für einen seiner vielen falschen Fährten und Schwindeleien. Sie glaubte inzwischen, dass es nur ein Vorwand war, um der entschlusslosen Gitta den nötigen Antrieb zu geben, be seinem Spiel mitzumachen. Als sie in ihren Überlegungen an dieser Stelle angelangt war, kam Gitta herein.

Sie schüttelte den Kopf und lehnte sich gegen die Tür.  »Was denkst du dir, mich so lange allein zu lassen? Ich habe es da draußen mit dem Säufer keine Sekunde länger ausgehalten«, sagte sie angewidert. »Er wollte mich die ganze Zeit dazu überreden, als Erstes in seine Wohnung zu gehen, um ein Buch zu holen, das er von Sontheimer geliehen habe und ihm bei dieser Gelegenheit mitbringen wolle. Dabei tatschte er mich die ganze Zeit an. Ich würde jetzt gerne duschen.«

Beate musste schmunzeln. Andernaj, der, wie er vorhin erzählt hatte, überhaupt keine Wohnung besaß, sondern wahrscheinlich schräg gegenüber im Nachtasyl schlief, war nicht sehr einfallsreich. Gitta missdeutete die Vergnügtheit ihrer Freundin. Sie wurde wütend.

»Es mag ja sein, dass das alles für dich sehr lustig ist, aber ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Mir steht es bis zum Hals. Ich war eben, als ihr mich allein gelassen habt, schon so weit, zu fliehen und dich alleine zurückzulassen. Aber du hast meine Autoschlüssel eingesteckt. Aber jetzt fahre mich bitte endlich heim. Du kannst dich ja dann anschließend noch mit deinem Alfons vergnügen.« Sie zögerte. »Vielleicht ist ja Benjamin inzwischen wieder zu Hause.«

»Das glaubst du doch selbst nicht«, erwiderte Beate und wurde wegen der zögernden Haltung ihrer Freundin zornig. »Ich bin absolut sicher, dass wir deinen Mann bei diesem Sontheimer finden. Denk doch mal an die Überraschung von Benjamin, wenn wir dort aufkreuzen. Und dieser Maler würde dich auch interessieren, nicht wahr? Du interessierst dich doch so für Kunst. Das wäre doch eine tolle Gelegenheit, ihn persönlich kennenzulernen.«

»Ich habe einiges über ihn gelesen«, gab Gitta zögernd zu. »Er muss eine sehr interessante Persönlichkeit sein. Aber ich glaube nicht, dass ich heute in der Stimmung bin, Gepräche über Malerei zu führen.«  Gitte wartete auf eine Antwort von ihrer Freundin. Sie sollte für sie beide entscheiden. Beate spürte das.

»Wie oft sollen wir uns deswegen noch streiten? Ich will heim, ich bin müde, ich will das nicht, ich kann nicht. Du kommst wirklich jede Viertelstunde mit der gleichen Klage. Wir werden das jetzt ein für alle mal klären und dann heute nicht mehr darüber reden. Entscheide dich endlich. Was willst du wirklich? Es gibt noch immer die beiden Möglichkeiten von Vorhin: Entweder wir bringen zu Ende, was wir uns vorgenommen haben, nämlich deinen Mann aus den Klauen von diesem Klammer zu befreien -, oder wir vergessen alles und fahren heim. Also, wie siehts aus? Sontheimer oder Diebolz?«

»Du würdest lieber zu dem Maler gehen, oder?«, verzögerte Gitta ihre Antwort.

»Selbstverständlich. Das werde ich vermutlich auch dann machen, wenn du jetzt heimfährst. Ich möchte Klammer auch seine Tasche zurückgeben und ihm dabei in die Augen sehen«, sagte Beate trotzig. Gitta blickte treuherzig auf.

»Also gut. Aber entscheide bitte du«, erwiderte sie. Beate hatte Mühe, ernst zu bleiben.

»Wenn ich nicht vorhin mit eigenen Augen deine Entschlossenheit gesehen hätte, als es dir darum ging, Benjamin vor der Versuchung zu retten, könne ich es nicht glauben! Sag mal, willst du denn meinem guten Bekannten und Erzmacho Emilio Parma recht geben, der in einem philosophischen Seminar Weinigers Meinungen überspitzte und allen Ernstes abstritt, dass Frauen ein Über-Ich besitzen, weil immer die Männer zuerst ins Lokal gehen?«

Gitta hasste es, wenn Beate Parma erwähnte. Mit diesem schmierigen Pseudoitaliener, der inzwischen auf Kabarett umgesattelt hatte, hatte sie vor Jahren, als sie noch nicht mit Benjamin zusammen war, eine kurze Beziehung gehabt, bis sie bemerkte, was für ein ekelhafter Angeber und notorischer Fremdgänger Parma war.

»Dann lass uns eben zu Sontheimer gehen«, entschied sie und verließ mit einem kurzen, prüfenden Blick in den Spiegel die Toilette. Beate war über dieses kurze Aufflackern von Eitelkeit amüsiert und folgte ihrer Freundin lächelnd. Andernaj stand ziemlich verloren in der überfüllten Gaststube und wusste nichts mit sich anzufangen. Die Erleichterung, die beiden Frauen auf sich zukommen zu sehen, war ihm anzumerken. Er hielt die Aktenmappe mit Klammers Textn in den Händen, schien sie aber nicht geöffnet zu haben. Beate sah auf ihre Uhr, es war Viertel nach elf Uhr.

»Da seid ihr ja!« rief Andernaj, als das Paar heran gekommen war. »Warum geht ihr Mädels eigentlich nie allein auf’s Klo? Ich hab schon befürchtet, ihr habt mir ’nen Korb gegeben und es wird nix aus unserer Menage aux trois, hehe. Gehn wir zu euch oder zu mir?« Er kicherte anzüglich.

»Träume nur weiter, Alfons. Hebe dir deine Energie lieber für deine Gedichtchen auf, die sind nämlich in der letzten Zeit ein wenig impotent geworden«, erwiderte Beate bissig. Gitta bewunderte ihre Schlagfertigkeit, die bewirkte, dass der Dichter schuldbewusst den Kopf senkte. »Jetzt zeige uns, wo dieser Maler wohnt. Wir fahren dort hin.«

»Woll’n wir nich‘ erst noch was trinken? Ich könnt noch ’n Bier vertragen.« Jetzt kam die mit Klammer besprochene Verzögerungstaktik. Beate hatte nicht vor, ihn damit durchkommen zu lassen.  SIe schüttelte ungeduldig den Kopf.

»Ich werde jetzt schnell bezahlen. Du bist eingeladen. Dann gehen wir. Ich brauche dringend frische Luft, vielleicht hat es sich ja inzwischen etwas abgekühlt. In dieser Räucherkammer hier ist es wie in einer Sauna.«

»Ich hab‘ unsere Rechnung schon beglichen«, erwiderte Andernaj geschraubt und sehr stolz auf sich.

»Seit wann hast du denn Geld?«, fragte Beate erstaunt. Alfons drückte sein Kreuz durch und sah sie von oben herab an. Er legte seine Stirn in vorwurfsvolle Falten.

»Es ist nicht leicht, mich zu beleidigen, aber du hast es jetzt beinahe geschafft«, sagte er ernst und hatte seinen beiläufigen Gesprächston von einem Satz zum nächsten abgelegt. Er sprach nun Hochdeutsch. »Ich weiß selbst, dass ich nur ein Penner bin und nicht gut rieche. Aber einen Rest von Selbstachtung hab ich noch. So gut kennen wir uns nicht, dass du mich einfach so von oben behandeln kannst. Klar, du verachtest mich, aber ich haeb noch Gefühle, trotz allem. Meinst du denn, ich bin so glücklich in der Gosse? Meinst du, ich juble, wenn du mich mit Scheiße bewirfst?« Er machte eine dramatische Pause, in der Beate lächelnd den Kopf zur Seite legte. »Und wenn dir alles das egal ist und du keinen Anstand hast – wenn du dir so toll und überlegen vorkommst mit deinen Herz-Schmerz-Romanen, die sich so gut verkaufen, dich gemütlich in deiner Sagrotan-Wohnung, deinen wohlgeratenen Kindern und mit deinem kleinen Männchen eingerichtet hast, der dich Samstags und an den Feiertagen mal durchrammelt, dann nimm doch wenigstens Rücksicht auf den Künstler, der ich mal war und dessen Ruine vor dir steht, denk an die Gedichte von mir, die dir gefallen. Blute ich nicht ebenfalls, wenn man mich schneidet?«, jammerte Andernaj und machte das Maß voll. Täuschte sich die von diesen Worten angewiderte Gitta oder glänzten sogar plötzlich seine Augen feucht?

Beate jedenfalls seufzte. Alfons war wirklich mit allen Wassern gewaschen. Jetzt kramte er doch tatsächlich den Schauspieler hervor und hielt den Monolog des in seiner Ehre verletzten alten Sünders. Sie musste ihn sofort stoppen und sich auf keinen Fall in den angebotenen Streit einlassen, sonst standen sie noch in ein paar Stunden in dem Lokal.

»Ich habe tatsächlich kein kein Mitleid mit dir, Shylock. Aber ich entschuldige mich, denn ich wollte dich nicht kränken. Und ich bedanke mich für den Wein, den du mir spendiert hast«, unterbrach sie ihn und nahm ihm entschlossen die Aktenmappe aus der Hand, die er nur widerwillig herausgab. »Aber jetzt gehen wir endlich.«

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[Nach 24 Forsetzungen und etwa 250 veröffentlichen Buchseiten gehe ich mit den Nutzlosen Menschen in die – wie es so schön heißt: – wohlverdiente Sommerpause, denn ich will und muss meine Arbeitskraft in der nächsten Zeit für andere Projekte reservieren. Ich bin auch im Zweifel, ob es überhaupt Sinn macht, meine Romane auf diese Weise ins Netz zu stellen. – Nikolaus.]

Nutzlose Menschen – Roman (Teil DREIUNDZWANZIG)

Geschichte, Gesellschaft, Jahrmarkt in der Stadt, Künstlerroman, Literatur, meine weiteren Werke, Nutzlose Menschen, Philosophie, Roman, Sprache, Zyklus

Gitta wandte sich an Beate.

»Was wollen wir jetzt machen?«, fragte sie unschlüssig. Beate berührte leicht ihren Unterarm. Die beiden traten zwei Schritte zurück und waren durch den allgemeinen Lärm im Lokal vor Lauschern geschützt.

»Wir gehen auf keinen Fall heim«, erwiderte sie trotzdem so leise, dass sie von ihrer Freundin kaum verstanden wurde. »Ich bin nämlich gespannt, wie sich die Sache noch entwickeln wird.«

Gitta schüttelte den Kopf. »Ich denke, es ist vorbei. Klammer und Benjamin waren hier nur Essen und wohin sie jetzt sind, können wir nicht in Erfahrung bringen. Ich werde müde und will nicht alle Lokale in der Innenstadt nach den beiden absuchen.«

»Ich bin mir nicht so sicher. Überlege mal: Weit können sie nicht sein, Klammers Auto steht doch noch vor der Tür. Und dann will ich Alfons noch ein bisschen ausfragen. Er scheint einiges zu wissen. Vielleicht bekommen wir durch ihn ein brauchbares Bild von dem Chef deines Mannes.« Beate sah den Zweifel in Gittas Gesicht. »Schau, zum Üben ist es schon zu spät«, versuchte sie ihre Freundin zu überreden, »und wann waren wir zuletzt zusammen weg? Das ist sicher schon Monate her. Nein, heute Abend habe ich frei und Norbert hütet die Kinder. Das will ich ausnutzen.« Sie nickte Manfred zu, der seine Massen freundlich nickend an den beiden vorbei durch die dichtgedrängten Gäste schob und dabei wie ein Eisbrecher wirkte, der das Packeis der Arktis durchbricht. Er verließ das Lokal mit der Frau, die am Eingang auf ihn gewartet hatte.

»Aber dieser ekelhafte, stinkende Mann ist mir zuwider«, beharrte Gitta »Wenn du unbedingt noch ausgehen willst, habe ich ja nichts dagegen. Aber warum nicht woanders hin, vielleicht ins ICEHOUSE?«

»Nein, ich will Alfons noch ein paar Würmer aus der Nase ziehen. Nenne es Intuition, aber er weiß mehr, als er zugeben will. Außerdem habe ich meinen Wein noch nicht getrunken.« Beate lächelte plötzlich strahlend. »Die Sache macht mir jetzt wirklich Spaß; das ist alles ein bisschen wie im Krimi, findest du nicht? Ich will herausfinden, was Klammers Geheimnis ist.«

Was sollte Gitta dazu schon sagen? Sie war weit weniger amüsiert als ihre Freundin und der Schock, dass der Dr. ihre Ehe bedrohte, wühlte noch immer in ihrem Magen. Konnte Beate das schon vergessen haben oder nahm sie ihre Ängste einfach nicht ernst? Empfand sie das Ganze wirklich nur als ein gelungenes Abenteuer? Sah sie denn nicht, wie sehr Gitta litt? Oder sammelte sie etwa Eindrücke für ihren nächsten Roman?

»Ich persönlich glaube«, fuhr Beate fort, »dass Klammer nur ein intriganter Aufschneider ist, der ein wenig Kabale stiften möchte, weil er daran Freude hat. Nein, wirklich, wir sollten es als Spiel betrachten.«

»Na, Mädels, was habt ihr denn so Ernstes zu bereden? Wenn zwei flüstern, muss der Dritte um sein Leben fürchten. Lasst mich doch teilnehmen«, mischte sich Andernaj ein und trat zu den beiden Frauen. Er hatte nicht vergessen, sein Bier und Beates Weinglas mitzubringen. Sie nahm es und lachte ihn gewinnend an.

»Ich hätte noch ein paar Fragen mehr über Klammer. Wann hast du ihn kennengelernt?«, erwiderte sie, ihre seufzende Freundin ignorierend. Andernaj zog abschätzend die Mundwinkel herab und doch war ihm anzumerken, wie sehr er sich freute, das Gespräch fortsetzen zu können. Es geschah ihm nicht mehr allzu oft, dass er sich wie früher vor einem interessierten Publikum, noch dazu vor zwei jungen Frauen, von denen die eine sehr attraktiv war, produzieren zu können.

»Es gibt Menschen, von denen man sich später nicht vorstellen kann, man hätte sie irgendwann einmal nicht gekannt. Man hat das Gefühl, es gab kein Vorher, weil sie schon immer da waren. Sie sind in dieser Beziehung wie ein Bruder oder eine Schwester«, begann Alfons, als würde er den Beginn eines Romans von Tolstoj zitieren. Beate fiel auf, dass Andernaj sich bemühte, hochdeutsch zu sprechen, was ihm auch trotz der nicht verbergbaren süddeutschen Klangfarbe gelang, vielleicht zitierte er jemanden. Gleichzeitig entschied sie sich, ihn ernster zu nehmen, als sie dies, bislang durch die schlechte Meinung ihrer Freundin Elli – Andernajs Ex – beeinflusst, bislang getan hatte.

»Es müssen nicht einmal die besten Freunde sein, bei denen wir dieser Empfindung ausgesetzt sind, es sind im Gegenteil die eher flüchtigen Bekanntschaften; wann habe ich zum ersten Mal den Bäcker gesehen, bei dem ich meine Semmeln hole, oder meinen Nachbarn? Oder wann haben wir beide uns eigentlich zum ersten Mal getroffen? Dieses Unvermögen, sich zu erinnern, hat sicher seinen Grund darin, dass mich das erste Treffen nicht sehr beeindruckt hat. Dieser Mensch war nur einer unter vielen, denen wir täglich begegnen.« Er zögerte, denn Beate ächzte vernehmbar und gelangweilt. Sie war sich nun sicher, er zitierte irgendeinen Autor, wahrscheinlich sich selbst, dafür sprach die Plattheit der Gedanken. Es gab das Gerücht, Andernaj würde seit Jahren an einem unvollendeten Roman schreiben.

»Um nun meinen Ausflug über mein schlechtes Gedächtnis, das auch unter einigen Exzessen alkoholischer Natur gelitten hat, zu beenden«, fuhr er fort und fiel ein wenig zurück in seinen Dialekt, der aber bei weitem nicht so grob aufgetragen wirkte wie sonst, »ich kann mich nicht entsinnen, wann und wo ich Nikki zuerst begegnet bin. Wahrscheinlich in der Uni, eher in der Mensa als im Hörsaal, hehe – wir ham mal beide in den legendären Endsiebzigern Germanistik studiert; ich ’n paar Semester höher als er. Bei unserm ersten Gespräch, an das ich mich erinnern kann, da ham wir uns schon gekannt und hatten die kumpelhafte Nähe von zwei Leuten, die ihre Lebenssituation ähnlich empfinden. Wir wussten unsere Namen und hatten auch schon mal ein paar Worte gewechselt. Wir grüßten uns, wenn wir uns sahen, weißt schon, dieses her geschenkte, verschwörerische Grüßen, das herablassende Nicken und flüchtige Grinsen: ‚Wir haben uns!‘ Das ist wichtig, auch wenn darüber hinaus keine weitere Annäherung geschieht, man schenkt damit einander Existenz, das Recht, lebendig zu sein. Das Gegenteil davon ist das leere Grüßen in den Raum, das niemanden meint und nur für uns selbst eine Manifestierung unseres Seins ist. Philosophisch gesprochen …«

»Alfons! Bleib auf dem Teppich«, unterbrach ihn Beate mit einem Einwand, den er wahrscheinlich bei jedem Gespräch zu hören bekam und gewöhnt war. Andernaj schien auch für ihren Einwurf nicht weiter böse zu sein.

»Is‘ das nich‘ interessant?«, fragte er nur erstaunt und nahm dann seinen Faden wieder auf. »Nikki war damals nich‘ weiter beeindruckend; ein blasser, gerade der Mama entwöhnter Knabe, der älter und schlauer sein wollte, als er war und den Ehrgeiz hatte, es auch zu werden. Es gibt solche Typen, die auf die Dreißig zugehen und doch noch immer wie ’n altkluges Kind wirken. Er hatte schulterlange, dünne Haare, die er meist zu einem Zopf band und ein Mephistobärtchen. Er trug ausschließlich Schwarz; weißt schon, paint it black, die Intellektuellenuniform aller Möchtegerne: Jackett, diese unmöglichen Rollis aus Kunstfaser, in denen man immer nach Schweiß stinkt oder zumindest so aussieht, als würde man es tun, Stoffhose, spitze Schuhe. Er war zum Erbarmen dürr und eckig, ich weiß, es is‘ ’n Klischee, aber er erinnerte an ’nen Storch. Da fällt mir ein, um den Hals trug er immer ’ne Kette aus Holzperlen, an der unten ’n Bild von Thomas Quincey hing, der war damals sein Abgott. Wie die – wie hießen sich noch – die Sannyasin, genau. Nikki und ich kamen in Kontakt, weil wir beide Literatur machten oder zumindest glaubten, es zu tun. Da waren wir beileibe nich‘ die einzigen damals, hehe; damals machte jeder Literatur. Jeder is‘ ’n Künstler, und so, weißt schon.«

»Wo lebte er, als er studierte, wohnte er noch bei seinen Eltern?«, warf Gitta ein. Sie hatte bisher den Eindruck gemacht, als würde sie kaum zuhören, hatte sich abgelenkt im Wirtsraum umgesehen und sich dabei langsam beruhigt. Und je länger Andernaj sprach, umso sinnloser erschien ihr ihre Aufregung. Konnte es nicht sein, dass Benjamin längst zu Hause war, während sie wie eine aufgeregte Glucke nach ihrem verlorenen Küken suchte? Er war hier mit seinem Chef beim Essen gewesen, nur die beiden allein, daran war nichts Verfängliches. Vielleicht hatte Beate recht und sie jagte einen Papiertiger. Trotzdem, der Zweifel blieb. Sie fragte, weil sie Klammer besser begreifen wollte, denn er war ihr weiterhin unheimlich und nicht greifbar. Sie wollte Information, ihn in ein Schema bringen, dem er bislang erfolgreich floh. Sie hatte Schwierigkeiten, sich vorzustellen, dass ein Mann wie der Dr. überhaupt Eltern hatte und einmal jünger, gar ein Kind gewesen und nicht fertig vom Himmel gefallen war. Andernaj reagierte auf ihren Einwurf mit einem abschätzigen Zungenschnalzen.

»Was weiß ich? Ich weiß nich‘ mal, wo er jetzt wohnt, hat -glaub‘ ich – mehrere Wohnungen, reich genug is‘ er ja. Wo schlief denn ich damals? Mal hier, mal dort; is‘ jetzt kaum anders, hehe. Weißt du, wir sind Männer, die unterhalten sich anders als Frauen. Über solche Dinge redet man nich‘. Wenn wir uns trafen, sprachen wir über Kunst und vielleicht mal über Politik. Das hat sich bis heut nich‘ geändert. Über sein privates Leben, ich sagt’s schon, weiß ich nichts, wir ham uns auch zwischendurch mal zehn Jahre aus den Augen verloren, da war ich in Berlin, weil ich nicht zum Bund wollte. Ich kenn ’n paar seiner Bekannten, aber wenn du mich nach seiner Verwandtschaft oder nach seinen Beziehungen fragst, muss ich passen. Mit ihm geht alles, er is‘ ne Hohlform wie’n Schokohase. Er kann ein im kalten Krieg in ’n Westen eingeschleuster DDR-Spion sein, ’n Maulwurf, der nach der Wende vergessen wurde. Ich könnt‘ mir vorstellen, dass nich‘ mal sein Name stimmt, immer wenn ich den höre, muss ich an ’ne Phyton oder ’nen Oktopus denken. Is‘ er noch Jungfrau, homosexuell oder nekrophil, nimmt er Drogen? Hat er all die Bücher gelesen, aus denen er ständig zitiert – oder doch nur die Geflügelten Worte auswendig gelernt? Schreibt er noch, veröffentlicht er, vielleicht unter einem Pseudonym? Is‘ er Stephen King, Konsalik oder Herbert Achternbusch? Du wirst lachen, hehe, aber ich hab ihn noch nie aufs Klo gehn sehn, auch wenn wir stundenlang zusammen waren, ich hab aufgepaßt.«

Andernaj trank von seinem Bier. Jetzt konnte er in seiner Rede eine Pause machen, ohne eine Zwischenfrage befürchten zu müssen, denn er hatte sein Publikum endlich interessiert gemacht. Mit Genuss sprach er weiter: »Na, viel von dieser Phantomhaftigkeit hatte er damals schon, auch wenn die Maske noch nich‘ so perfekt war. Er war noch abhängig von der Meinung anderer und empfindlich, Mann, war der ’ne Mimose. Er konnte heulen, wenn ein Prof. vergaß, ihn zu grüßen oder jemand es wagte, seine Weltbedeutung als Literat in Abrede zu stell’n. Doch unverdrossen wagte er sich mit seinen literarischen Ergüssen vor uns, die wir ’n ausgesprochen kritisches Publikum waren. Sicher ’n Fehler, denn man kann mit fünfundzwanzig noch keine Meisterwerke schaffen. Er hat damals ein Theaterstück von sich inszeniert, eine modische Attacke gegen die hergebrachte Kunstform, gegen, wie er sagte; den Strich der Theaterarrangemente gekämmt, mit viel konkreter Poesie, abstrusem Surrealismus und abwegiger Philosophie: Das Unverständlichste von Marx, Ionescu, Brecht und Jerry Cotton in einen Topf geworfen und hastig umgerührt. Nikki, der Dunkle. Aber man darf bei seiner Kritik nich‘ mit einer zu festen Bürste fegen, sonst kann’s sein, dass man mit den Fusseln den ganzen Stoff entfernt. Is‘ übrigens ’n Spruch von Nikki und ich hab ihn mir ins Stammbuch geschrieben. Ich war in meiner Eigenschaft als Freelance einer neuen Szene-Zeitschrift in dieser Veranstaltung, versuchte damals fürs Feuilleton ganz nah ran an die Avantgarde der Stadt zu kommen. Natürlich interessierte sich niemand für diese Dinge, das hat sich ja bis heute nich‘ geändert, aber das Deckmäntelchen der Aufgeschlossenheit und des Liberalismus kleidete die Zeitung von Rainer Werner damals so gut, dass meine Artikel meist gesetzt wurden und ich vom Zeilenhonorar ein ausreichendes Taschengeld verdiente. Meinen Job hat heute übrigens Georg Hauser, den müsstest du kennen, Beate, oder? Klammers Stück war allerdings nich‘ kritikfähig. Was is‘ auch über ’n Theaterstück auszusagen, in dem sich über drei Stunden lang zwei nackte Männer gegenüberstehen, einander mit Farbe bepinseln und monoton über das Vergehen der Zeit und, typisch Nikki, die Zinspolitik der Bundesbank labern? Die Bürste, sagt‘ ich schon. Ich war natürlich der einzige Vertreter der Presse. Es kamen, glaub ich, eh nur zehn Leute zu der Aufführung, Freunde der beiden Akteure hauptsächlich, und Mädels, die sie nackt sehen wollten, hehe. Nikki hielt sich an mich. Wisst ihr, er war noch jung und wartete auf meine Kritik wie ’n junger Hund auf ’n Schokoladenkeks. Ich hatte aus Mitleid ein paar hohle Standardformulierungen parat, die sich zwar gut anhörten, aber nur verbergen sollten, wie erbärmlich ich sein Werk fand. Er merkte gleich, wie’s stand. Aber er rechnete mir hoch an, dass ich mich mühte, ihm die bittere Pille so schmackhaft wie möglich zu machen. Wir gingen dann zusammen in ’ne Kneipe und ham die ganze Nacht geredet, besser: Er schwafelte und ich gab ihm ab und an ’n Stichwort. Weißt schon, das war einer von den Monologen, die man in dem Alter führt, in dem man sich so gern reden hört. Kein Ziel war ihm zu groß: Er wollte Sensation machen, den Kunstbetrieb revolutionieren, ihr Robespierre und Napoleon zugleich werden. Klar is‘ er gescheitert: Was hast du gedacht, wenn man in dieser Stadt lebt? Die is‘ doch ’n Synonym für Gleichgültigkeit. Ich glaub‘, dass er’s selbst gewusst hat, aber wenn ich versucht hab, ihm das zu sagen, ging ihm der Rollladen runter. Also ließ ich’s sein und hörte zu. Und, weißt du, der konnte reden: Wahnsinn, was der schon damals alles unverdaut im Hirn hatte. Ich hab‘ immer die Typen von der APO bewundert, wenn ’se sich im Auditorium hingestellt ham und einem ihren Milchkaffee aus tausend linken Autoren und Philosophen drüberschütteten. Ich frag mich, wie ’se das gemacht ham, ich hab nie ’nen Satz von Marcuse oder Lukács verstanden oder mir merken können, du vielleicht? Wie diese Linken war Nikki auchr. Er hatte ein phänomenales Gedächtnis und war der geborene Demagoge, is‘ er heut noch, wenn er auch von links nach rechts gewechselt is‘. Weißt schon, er hat das charismatisch Fanatische, wenn er sich in Rage schwätzt. Un‘ verdammich, er war damals dauernd geladen. Aber in dieser Stadt schreiste dich heiser und niemand kümmerts. Auf jeden Fall ham wir uns als die besten Freunde getrennt.« Alfons sah nachdenklich auf den schmutzigen Boden.

»Zwei Monate später flüchtete ich vor’m Barras, war die beschissenste Zeit meines Lebens. In den Jahren, in denen ich ihn dann nicht sah, hat er sich verändert und nich‘ zu seim Vorteil. Ich kenn nur wenige Leute, die sich so geändert ham. Die meisten sind mit dreißig schon so, wie se mit vierzig san, vielleicht ’n bisschen bedächtiger, aber der Charakter is der gleiche, hat sich höchstens vertieft, die guten Eigenschaften sind schwächer, die schlechten stärker. Aber dass man neue hinzugewinnt, is doch außergewöhnlich. Nikki war plötzlich krankhaft ehrgeizig geworden. Klar, hatte ja schon früher große Rosinen im Mund, aber die waren alle auf die Kunst beschränkt und er hat nur gelabert und nich‘ viel für ihre Verwirklichung getan. Jetzt erinnerte er an diesen Romanheld von Balzac. Ich hab Titel und den Namen von dem Kerl vergessen, aber der hat jedenfalls eben seine Ideale zu Grabe getragen und steht nun auf dem Hügel des Père Lachaise, blickt hinunter auf Paris und ruft ergrimmt: Et maintenant…, à nous deux! Klammer selber hat sich jedenfalls mit ihm verglichen. Vielleicht war die Ablehnung seiner Literatur schuld – wahrscheinlicher aber ’ne Frau, hehe, die Welt hat ’nen Poeten verloren und ’nen zynischen Erfolgsmenschen gewonnen. In der Zeit, die ich Berlin vergammelte, brach er jedenfalls sein Studium ab und wechselte zur Juristerei, machte seine Examina und Praktika und blieb dann beim Staat, denn die Hierarchie der Ämter schien ihm ein guter Weg, Macht in die Hände zu kriegen. Hatte offenbar seinen ganz privaten Marsch durch die Institutionen geplant. Er täuschte sich, beim Staat braucht alles seine behördlich vorgeschriebene Zeit, es gibt keine Abkürzungen oder er verbaute sie sich mit seiner Arroganz, was weiß ich. Die Steine, die man ihm in ’n Weg legte, waren ordentlich. Er hätte es doch geschafft, klar, dafür is‘ er ja gemacht, aber dann brach ihm diese dunkle Geschichte das Genick. Naja, Manfred Sontheimer musste ja unbedingt ein Geheimnis daraus machen un‘ ich weiß eigentlich nix darüber.«

»Was ich vorhin schon fragen wollte: Ist er zufällig der Maler Sontheimer?« fragte Gitta, die sich brennend für zeitgenössische Kunst interessierte und in jeder regionalen Ausstellung als Besucherin zu finden war.

»Manfred is‘ sein jüngerer Bruder und nur ’n Mathelehrer am Fuggergymie«, erwiderte Andernaj abschätzig, im gleichen Moment wurde sein Blick starr. Beate fürchtete, dass er seine Abfüllhöhe erreicht hatte und nun umkippte oder sich erbrach. Sicherheitshalber trat sie zur Seite, aber Andernaj schlug sich nur mit der Hand gegen die Stirn. »Mann, war ich blöd. Doofgesoffen! Das is‘ es doch«, rief er. »Jetzt weiß ich, wo Nikki is‘. Die san in der Fabrik, in Sontheimers Atelierwohnung. Das ist nich‘ weit von hier und heut is‘ doch Freitag, da hat er offne Tür. Kommt, ich geh noch auf’s Klo und dann laufen wir rüber. Is gar nicht weit.«

Bevor Gitta oder Beate etwas antworten konnten, bahnte er sich schon einen Weg durch den Raum, was ihm nicht weiter schwer fiel, da seine Erscheinung die Leute schnell zurückweichen ließ.

Nutzlose Menschen – Roman (Teil ZWEIUNDZWANZIG)

Geschichte, Gesellschaft, Jahrmarkt in der Stadt, Künstlerroman, Literatur, meine weiteren Werke, Nutzlose Menschen, Philosophie, Roman, Sprache, Zyklus

»Lass mich da drin reden. Ich habe mehr Abstand als du. Erniedrige dich nicht und spiele nicht die Szene der betrogenen Hausfrau. Sie steht dir nicht. Du willst das wahrscheinlich nicht hören, ich weiß: Aber vielleicht ist alles ganz harmlos und du machst dich lächerlich. Denke daran: Man benötigt für eine Verführung immer zwei Beteiligte; denjenigen, der verführt und den, der sich verführen lässt. Merkst du nicht, wie entsetzlich es ist, dass du zu Benjamin kein Vertrauen hast? Hat er dir dazu einen Grund geboten?«

Gitta antwortete nicht, es tat ihr aber wohl, sich kurz gegen ihre Freundin zu lehnen und an deren Stärke teilzuhaben. Sie war nicht der Meinung Beates, die immer so schrecklich vernünftig war. Aber der Gedanke, in dieses überfüllte Lokal zu stürzen, um Klammer oder der Hure, die er auf Benjamin hetzen wollte, die Augen auszukratzen, dieser Gedanke, der ihr gerade noch als der einzig durchführbare erschienen war, um ihre Ehe zu retten, verlor nun, als er zur Ausführung stand, gewaltig an Attraktivität. Sie erschrak, dass sie in solch platten Klischees denken konnte. Es war sicher besser, erst einmal Beate vorzuschicken. Es blieb dann noch immer genügend Zeit, zu handeln, falls sich ihre Befürchtungen bewahrheiteten und Benjamin mit einer Frau im Brandwirt saß. Gitta befreite sich aus der Umarmung und machte eine Geste, die Beate den Vortritt ließ.

Die beiden Frauen bahnten sich einen Weg durch die im Eingang stehenden und gut gelaunt schwatzenden Leute. Nachdem der Biergarten geschlossen hatte, war das Lokal nun sehr voll; viele hatten nur mehr einen Platz an der Theke gefunden. Die Luft war so verqualmt und stickig, dass den beiden Nichtraucherinnen sofort Tränen in die Augen kamen. Sie sahen sich vergeblich in dem Gewühl nach einem bekannten Gesicht um. Unter dem vorwiegend jungen Publikum, das hier die Zeit aussaß und ‚vorglühte‘, bis die Diskotheken öffneten, waren die Gesuchten nicht zu entdecken. Beate schlängelte sich zwischen den an der Bar Stehenden hindurch und fragte den Wirt, der beflissen Gläser spülte, nach Klammer. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und übersah mit einem flüchtigen Blick den Raum.

»Klammer? Der war eben noch da.« Er polierte mit flinken Händen ein Weinglas. »Marga, ist Dr. Klammer schon gegangen?«, rief er quer durchs Lokal. Eine Bedienung, die eben aus dem Biergarten kam und ein Tablett mit leeren Weizengläsern balancierte, hob den Kopf und zuckte mit den Schultern, eine Geste, die nicht deutlich machte, ob sie eine Antwort gab oder bei dem Stimmengewirr nichts verstanden hatte.

»Nikki is‘ vor zehn Minuten raus. Kann auch ’ne Viertelstunde sein …«, wandte sich jemand von der Seite an Beate. Er stand neben ihr an der Theke und rutschte mit einem Bierglas in der Hand noch ein Stückchen näher. Sein verwahrlostes Aussehen und sein Geruch veranlassten Gitta, einen Schritt zurückzuweichen. Beate blieb ruhig stehen und legte Klammers hässliche Aktenmappe neben sich auf den Tresen.

»Guten Abend, Alfons«, sagte sie lächelnd. Gitta starrte sie ungläubig von der Seite an. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es möglich war, dass ihre Freundin diesen stinkenden Alkoholiker, der die beiden mit lüsternen Blicken abschätzte, überhaupt kannte und dann auch noch freundlich grüßte.

»Du kennst diesen Penner?«, füsterte sie in Beates Ohren, aber Andernaj hatte gute Ohren und antwortete etwas pikiert an deren Stelle:

»Das is‘ der Vorteil, wenn ‚mer in ’ner überschaubaren Stadt lebt. Überschaubar, das klingt besser als ‚kleinkariert‘, nich‘, is aber’s gleiche Wort. Ich mag das. Wenn ich morgen umfall‘ oder besoffen ins Rathaus kotz‘, wissen’s noch am Abend alle: Der Andernaj hat ins Rathaus gekotzt. Der Gedanke hat was Beruhigendes und es is‘ immer wer da, der mir ’n Bier spendiert.« Zur Bekräftigung trank er seinen Glas leer. »Aber dein Name is‘ mir grad nicht präsent, Mädel, das tut mir in der Seele weh. ‚Erinnere ich mich doch nur der Wolken…‘ un‘ so weiter, hab‘ ich mal auswendig gekonnt.«

»Erinnere ich mich doch nur der Wolken,
die beim Liebesspiel mit uns trieben,
und das Gras, es war grün.
Doch der Name, Mädchen, und das Gesicht,
der Atem an meinen Wangen,
die Glätte dieser Brust, sie sind vergessen.
Weiß, es war schön, mit dir zu liegen
und die Wolken lagen weiß im Blau …«

, ergänzte Beate und zog sich einen weiteren erstaunten Seitenblick ihrer Freundin zu.

»… jagten heiß das Blau.«, verbesserte Andernaj schulmeisterlich. „Sonst hätt ich zweimal Weiß und das wär ein schöner Scheiß.“ Dann klatschte er in die Hände. »Ich bin wahnsinnig geschmeichelt. Du hast das gelesen und kannst es auch noch auswendig? Kennst du etwa die anderen zehn Strophen auch?“ Er drehte sich zu Gitta, die sofort ihre Hand vor das Gesicht hielt. „Das geht in dem Stil so weiter und heißt: Beim Ersten Mal. Ist sicher eine meiner schönsten Balladen, wenn auch ’n bisschen kitschig.«

»Das ist beides wahr, auch wenn du dich kräftig beim Baal bedient hast. Ich bin eine gute Bekannte von Elli und bei ihr haben wir uns ein paarmal gesehen.«

»Genau, jetzt weiß ich’s wieder, du machst Musik, oder so was. Schreibst du nicht auch sonen Weiberkram mit Lavendel und Liebe in der Toscana? Elvira Böckelmann, hehe, die Liebe meines Lebens. Wie geht’s ihr?« Gitta, die dem seltsamen Wortwechsel bislang stumm und überrascht gefolgt war, erinnerte sich ihrer Wut und des Grundes ihrer Anwesenheit in dem Lokal.

»War Klammer allein?«, fragte sie und musste wegen dem Rauch, der in ihrer Kehle kratzte, husten. Andernaj sah erstaunt zu ihr und runzelte die Stirn.

»Äh, nee, da war einer bei ihm, so’n unscheinbar Blasser, Blonder; war wahrscheinlich einer seiner Jünger. Nikki geht nie ohne Publikum aus, ohne Eckermann für seine Aphorismen is‘ er nich‘ glücklich. Ham‘ sich, glaub‘ ich, ganz gut amüsiert, die beiden.«

»War … eine Frau dabei?« Es war Gitta anzumerken, wie viel Mühe ihr diese Frage machte.

»Nee, wär‘ mir aufgefallen, dafür hab‘ ich ’n Auge, hehe. Die waren allein und ham hier gegessen. Dann sind sie wohl abgedampft.«

»Weißt du zufällig, wo sie hin sind?«, fragte Beate, die einen kurzen Blick mit ihrer Freundin wechselte. Andernaj kämmte sich mit der Hand die spärlichen Haare aus der Stirn. Sie fielen sofort wieder zurück.

»Wirklich nich‘, vielleicht noch in irgend ’ne Kneipe, is‘ ja noch nich‘ spät. Kann sein, der Dicke ’ne Ahnung, der hat vorhin mal mit Nikki geredet.« Andernaj sah sich um. »Is‘ Manfred schon weg?« fragte er den Wirt, der die ganze Zeit interessiert zugehört hatte. Der deutete auf ein halbvolles Rotweinglas, das vor ihm stand.

»Wenn ja, dann hat er die Zeche geprellt«, sagte er. Andernaj nickte ergeben.

»Jetzt heißt’s warten, Mädels. Der Dicke is‘ auf ‚m Klo und das dauert.« Er verzog die Mundwinkel in ein, wie er glaubte, gewinnendes Lächeln. »Womit kann ich euch inzwischen die Zeit vertreiben?« Gitta wollte sich empört abwenden, aber Beate hielt sie am Arm fest.

»Du scheinst Klammer ganz gut zu kennen. Was ist das für einer?«, fragte sie, ihm aufmunternd zunickend. Andernajs Lächeln wurde spöttischer. Er wirkte etwas beleidigt.

»Was wollt ihr denn alle von ihm? Jeder fragt mich. Is‘ heut denn Klammertag? Soll ich euch nicht lieber was von mir erzählen?« Beate, die offensichtlich genau wusste, wie sie Andernaj zu nehmen hatte, erwiderte:

»Du mit deiner Menschenkenntnis. Du bist doch mit der ganzen Welt befreundet und kennst alle Gesichten. Du wirst doch etwas wissen.« Andernaj seufzte und warf einen scheelen Blick auf sein leeres Glas. Beate verstand den Wink und bestellte ihm ein volles und sich einen Pinot.

»Eins is‘ klar, über Nikki kann man stundenlang reden oder gar nich‘. Was ich über ihn weiß, hab‘ ich von ihm selbst und das ist nich‘ viel. Er hat den Deckel auf seinem Privatleben.« Er machte eine Kunstpause. »Einen berühmten Skandal gibt es allerdings. Einmal hat er sich aus seinem Schneckenhaus gewagt. Das is‘ schon ein paar Jahre her. Manfred kennt die Geschichte allerdings besser als ich. Aber wenn man vom Teufel spricht, hat ja gar nich‘ so lang gedauert …« Andernaj deutete auf einen fetten Mann, der sich eben mühsam auf einen Barhocker stemmte und verwundert die Aufmerksamkeit konstatierte, die sich auf ihn lenkte.

»Das is‘ Manfred. Manfred, du weißt doch einiges über Nikkis Leichen im Keller?« Das Gesicht des Dicken blieb unbewegt. Er musterte die Frauen abschätzig.

»Ich bin aber nicht so betrunken, darüber zu schwatzen. Das sind alte Geschichten und niemand kann ein Interesse daran haben, sie wieder in die Öffentlichkeit zu tragen.« Dies schien weniger auf die beiden Frauen als auf den noch immer aufmerksam zuhörenden Wirt gemünzt, der nun beleidigt abrückte, aber wahrscheinlich noch immer verstand, was geredet wurde. »Selbstverständlich war er nicht schuldlos, aber er war der vielleicht am wenigsten Schuldige und zugleich der Ehrenhafteste. Ihn hat die Sühne am härtesten getroffen, weil er die ganze Schuld auf sich nahm«, fuhr er geheimnisvoll und reserviert fort. Beate bewunderte seine schöne Stimme, hob aber spöttisch die Augenbrauen.

»Das war ja so vage wie mein Horoskop. Geht es nicht ein wenig genauer?« Manfred Sontheimer sah sie ernst von unten an; es war eine Melange aus Überheblichkeit und beleidigter Enttäuchung. Beate kannte diesen Blick aus ihrer Schulzeit. Das ist ein Lehrer, ging ihr durch den Kopf, dafür habe ich ein Gespür. Gleich fragt er mich aus und ich bin mal wieder nicht vorbereitet.

»Wer möchte das denn wissen?« Beate versuchte gleichzeitig mit Andernaj eine Antwort, der Dicke, der kein Wort verstand, beugte sich leicht vor und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dadurch geriet er näher an Gitta.

»Wissen Sie vielleicht, wohin Nikolaus Klammer heute Nacht noch wollte? Er ist mit meinem Mann unterwegs, den ich unbedingt wegen einer wichtigen Sache erreichen muss. Mein Name ist Gitta Mammensohn-Sapher«, nutzte sie die Gelegenheit und traf den richtigen Ton. Er lächelte und reichte ihr die Hand.

»Und ich heiße Manfred Sontheimer. Es freut mich, Sie kennenzulernen; Sie erinnern mich an meine Frau Lydia. Ich habe in der Tat eben noch mit Dr. Klammer, den ich flüchtig kenne, gesprochen, aber er ist vor einer Viertelstunde gegangen.« Obwohl sie diese Information bereits besaß, machte Gitta ein trauriges Gesicht.

»Und Sie wissen nicht zufällig…?«, verschluckte sie ihre Frage resignierend. Beate bemerkte, dass der Dicke und Andernaj einen kurzen Blick tauschten und der Poet leicht den Kopf schüttelte. Sie überlegte, in welchem geheimen Einverständnis die beiden standen und nahm sich vor, von nun an besser aufzupassen.

»Zu meinem Bedauern habe ich nicht die geringste Ahnung, was der Herr Dr. Klammer in seiner Freizeit unternimmt. Es tut mir aufrichtig leid. Für mich wird es jetzt auch Zeit, zu gehen«, sagte Manfred ruhig und trotzdem klang es wie eine Lüge. Er sah an Gitta vorbei zur Tür. »Dort wartet auch schon meine Verabredung.«

Gitta wandte den Kopf. Dort am Eingang stand eine attraktive dunkelhaarige Frau und winkte dem Dicken zu. Sie wirkte ungeduldig und verärgert. Gitta fand es erstaunlich, dass die beiden miteinander zu tun hatten; sie war mindestens zwanzig Jahre jünger als der fette Mann. Das konnte doch wohl nicht seine Frau sein, von der er eben gesprochen hatte? Manfred griff nach seinem Portemonnaie und gab dem Wirt ein Zeichen. »Kann ich die Rechnung haben? Das Huhn war ausgezeichnet; ich hoffe nur, dass sich bei dieser Hitze seine Belastung mit Salmonellen in Grenzen hielt,« versuchte er zu scherzen, doch außer Andernaj, der ein meckerndes Geräusch hören ließ, fand ihn niemand lustig.