Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Minnedichtung – Ein Essay (VII)

Beschluss

[…]

Ich kann nicht über dich klagen,
du tust meinem Herzen wohl.
Ich will die Wahrheit sagen:
Bei dir ist es wundervoll.

Geschrieben im vierzehnhundertzweiten Jahr
ohne einmal abzusetzen – Wort für Wort.
Und glaube mir, das ist wahr:
Du bist meine Liebe, bist mein Hort!


Oswald von Wolkenstein (1377 – 1445) wird gerne als der letzte Minnesänger beschrieben. Doch er ist bereits eine Figur aus der Morgendämmerung einer neuen Zeit; ein selbstbewusster Künstler, der seine Person nicht hinter den Genreregeln der Minne verbirgt, sondern mit ihren Formen spielt, um sich selbst und sein Denken vor sein Publikum zu stellen. Brixen spendet er einen Gedenkstein mit einem stolzen, aber realistischen Portrait seiner selbst. Das Millennium der Mittelalters ist vorbei, seine tausend Jahre vergangen …

minneendMan kann trefflich darüber streiten, in welchem Jahr sie nun begannen und in welchem sie endeten. (1) Dies scheint eine der Lieblingsbeschäftigungen der Mediävisten zu sein, spielt aber im Zusammenhang mit diesem Essay nur eine geringe Rolle. Die Menschen damals empfanden ihre Welt als einen monolithischen, unveränderbaren Block – eine statische Welt, in der Begriff „Neues“ fest mit „Ketzerei“ verknüpft war, denn Gott hat die Welt fertig geschaffen. Es kann daher nichts Neues geben. Genuine Erfindungen des Mittelalters sind selten, meist wurde nur aus der Antike Überliefertes verbessert. Eine Ausnahme stellen Geräte des bäuerlichen Lebens wie die Schubkarre oder das Spinnrad dar.

Viele Forscher setzen als das Ende der Antike das Jahr 476 an, in dem der letzte weströmische Kaiser Augustulus abgesetzt wurde, doch zumindest im byzantinischen Reich lebte Rom und seine Kultur noch viele Jahrhunderte weiter. Die weithin bekannteste Jahreszahl, die das MA zur Neuzeit abgrenzen soll, ist 1492, in dem Kolumbus Amerika betritt, die Reconquista das Emirat von Granada erobert und Mauren und Juden aus Spanien vertreibt. Leonardo da Vinci zeichnet seinen „vitruvianischen Menschen“, Martin Behaim fertigt den ersten Globus. Die Welt, die vorher eindimensional auf Gott gerichtet war, bekommt Tiefe und Breite. Doch auch dieses Datum ist anzweifelbar – in Deutschland währte das MA bis zur Refomation und den Bauernkriegen des 16. Jhd’s. Auch der Begriff Renaissance (2) als Schwelle zwischen dem „tausendjährigen Gottesreich“ und der Neuzeit ist zweifelhaft, denn das MA selbst kennt einige Renaissancen. Das Hochmittelalter, also die Zeit der Minnesänger, ist eine solche, ein Umbruch in Lebensart und Denken, der durch das im letzten Kapitel erwähnte Laterankonzil von 1215 markiert ist. Leben wir heute wieder in solch einer Umbruchzeit, haben wir mit der Relativität der Zeit und dem Internet weitere Dimensionen für uns entdeckt?

Das MA jedenfalls ist fern, es ist weiter weg denn je. Was bleibt von den Sängern, von ihren Liedern und Epen? Von den Humanisten des 16. Jhd’s wurden sie als roh und naiv abgetan, nachdem sie die antiken Dichter und Denker wiederentdeckten, die ihnen umso vieles wertvoller und tiefer schienen. Autoren wie Shakespeare oder Cervantes machten sich über die Lyrik, die Weltsicht und die Sitten ihrer Vorgänger lustig, auch sie griffen lieber über das Millenium des MA hinweg in die Antike, um  dort ihre Vorbilder zu finden. Alte Handschriften verschwanden im Staub der Archive und verschimmelten wie das Nibelungenlied als Dämm-Material in Zwischenwänden.

Nach der Erfindung des Buchdrucks veränderte sich rasant die Schriftsprache, die Minnedichtungen wurden vom Volk kaum mehr verstanden. Es gab neue und wichtigere Themen. Keiner interessierte sich mehr für Vogelweide und Co., wenn er Grimmelshausen und Gryphius lesen konnte. Dass beide ohne die Minnesänger nicht denkbar sind, von den ’naiven‘ und ‚rohen‘ fahrenden Sängern und Rittern des Hochmittelalters die deutsche Dichtung und auch der Roman (3) erfunden wurden, war vergessen.

Mit dem Beginn des 19. Jhd’s kam es dann während der Romantik zu einer verklärenden und verlogenen Wiederentdeckung des Mittelalters. Man flüchtete sich geradezu in diese Vergangenheit, „… als sich alle einer Mitte neigten und auch die Denker nur den Gott gedacht,“ und das „Ich“ noch nicht verloren war (4). Man rettete die Handschriften vor dem Verfall und gab Anthologien heraus, unzählige Ritterromane wurden gedruckt, Burgengesellschaften renovierten Ruinen, Wagner schrieb den „Ring“ und Ludwig II. von Bayern ließ Neuschwanstein errichten. Diese späte Angstblüte des MA’s war der kollektive Fluchtpunkt einer unterdrückten und reglementierten, einer verkrüppelten Gesellschaft. Nicht einmal die Sozialreformer blieben von diesem Mittelalterfieber verschont (5). Das 20. Jahrhundert vergisst diese verlogene Romantik in ihren Kriegen und Kulturkämpfen schnell, heute sind die Minnesänger wieder vergessen, ihre Texte quälen höchstens mal ein paar Germanistikstudenten und Literaturwissenschaftler und dienen als Steinbruch für Mittelalterrock.

Und doch sind Vogelweide, Neidhard, Tannhäuser, Hartmann und ihre Zeitgenossen die Riesen, auf deren Schultern wir nachgeborenen Zwerge sitzen und weit ins Land der Poesie blicken. Sie haben das Tor geöffnet, durch das wir Autoren alle hindurchgehen. Wir dürfen sie nicht vergessen, das haben sie nicht verdient.

Oh weh, dass Weisheit und Jugend,
deine Schönheit und deine Tugend,
du niemandem kannst vererben,
wenn tot du bist und deine Lippen sterben.

So wird der Weise klagen,
denn wer an deinen Lippen hing,
versteht, was er verloren hat,
was mit dir zugrunde ging.
Den Worten traure ich, und
den süßen Weisen hinterher. (6)

[ZUM ERSTEN TEIL]

Fußnoten

(1) Zur Erinnerung: Die „tausend Jahre“ sind eine Zahlenangabe aus dem MA, „tausend“ hieß – ich habe es bereits erwähnt – „eine ganz, ganz lange Zeit, die keiner mehr berechnen oder überblicken kann“. Zwar bestimmte der Angelsachse Beda Venerabilis (673–735) sich nur um wenige Jahre verrechnend die Geburt Christi als Jahr 1 der Zeitrechnung (ein Jahr „Null“ gibt es nicht), aber diese Vorstellung verbreitete sich nur langsam und kam bei der bäuerlichen Bevölkerung überhaupt nicht an. Es galt der julianische Kalender, der gregorianische setzte sich erst in der Renaissance durch (und wurde in den orthodoxen Ländern nicht übernommen); die Uhren auf den Kirchtürmen erschienen spät im 15. Jahrhundert. Sie läuteten mit ihren Stundenschlägen das Ende des MA ein, dem bislang unser Begriff der Zeit und ihre Einteilung in Stunden und Minuten fremd waren. Auch die Minnesänger waren sich sicherlich nicht bewusst, welches Jahr man schrieb. Sie sprachen grundsätzlich von „Zeiten“ und nicht von „Jahren“.

Auch die berühmt-berüchtigte ‚Milleniumsfurcht‘ des Jahres 1000 ist daher nur ein hartnäckiger Mythos aus dem 19. Jahrhundert. Niemand verkaufte sein Hab und Gut, legte ein Büßerhemd an und erwartete auf einem Friedhof die Apokalypse, das ja nach der Darstellung des Johannes am Ende der Tage noch einmal „tausend Jahre“ auf sich warten lassen würde. 99,9 % der Bevölkerung hatte keine Ahnung, wann sie lebten.

(2) Mancher Historiker würde diesen Begriff, der in der Hauptsache eine Erfindung von Jacob Burckhardt ist, am liebsten völlig streichen. Für Burckhardt beginnt die Neuzeit in den oberitalienischen Städten des 14. Jhd. Dort wird „der Schleier von den Dingen gezogen“, wie er es formuliert.

(3) Das ist in der Tat eine originale Erfindung des MA’s. Romane – zuerst in der Form von Heldensagen um König Arthurs Hof und Ritterromanen – gab es in der Antike nicht, ein paar Autoren wie Petronius oder Apuleius näherten sich zwar diesem Literaturgenre an, aber allein die Niederschrift auf Papyrusrollen war ein Hinderungsgrund. Erst mit der Erfindung des Kodex am Ende der Antike konnte auch der moderne Roman entstehen. Heute „rollen“ wir wieder mit unseren E-Books und im Internet. Der Roman als Kunstform liegt im Sterben.

(4) Gottfried Benn, „Verlorenes Ich“

 (5) „Im Mittelalter herrschte die Solidarität der Interessen in den Formen der Unfreiheit, in der Gegenwart herrscht die Freiheit ohne alle Solidarität, die Zukunft wird die Solidarität in den Formen der Freiheit bringen.“
Ferdinand Lassalle (1825 – 1864)

(6) Walter von der Vogelweide

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6 Gedanken zu „Minnedichtung – Ein Essay (VII)

  1. Das dachte ich mir schon.

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  2. Nö, lieber nicht, das waren Glückstreffer. Fremde Fehler sind schließlich auffälliger als eigene. ;D

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  3. Nochmals Danke. Ich bin über jeden gefundenen Fehler froh. Willst du nicht meinen nächsten Roman lektorieren? 😉

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  4. Noch einige Korinthen:
    Erster Absatz: „sich selbst und sein denken“ (sein Denken) und „Millenium der Mittelalters“ (Millennium des Mittelalters).
    Dritter Absatz: „weitere Dimension ür uns“.

    Hoffentlich falle ich dir damit nicht allzu sehr auf den Wecker …

    Schöne Grüße
    Christoph Waghubinger aka Lewenstein

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