Aber ein Traum …

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Samstag, 26.09.20 – Herbstgejammer und ein Thermenbesuch

Samstag, 26.09.2020

Liebe unbekannte Leserin,

eigentlich müsste dies heute wieder ein übelgelaunter und dunkelgrau depressiver Brief werden. Doch über meine Misserfolge als Autor und meine Sorgen im Privaten will ich schweigen. Ich möchte nicht zu denen gehören, die sich anderen zumuten, obwohl sie sich selbst kaum ertragen können. Ich habe schon einmal darüber geschrieben, kann ich mich erinnern:

Pünktlich wie die nasskalten Herbststürme, die Lebkuchen und die Nikoläuse in den Supermarktre­galen, den Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maro­nenrezepten auf den Speisekarten der Gaststätten und die künstliche Erregung, wer wieder einmal nicht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises steht, ist ab Ende September in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder auch wie ich meinen, es zu sein -, ein Phä­nomen zu beobachten, das exakt bis zum ersten Advent reicht: Obwohl es noch einen guten Monat hin ist, erinnert man sich plötzlich wieder an den No­vember mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchleri­sche Pseudotrauer, ich will sie mal Das Große Herbstjammern nennen. Sie wird im Advent von der Weih­nachts-Weinerlichkeit und der Feiertags-Betroffenheit abgelöst. Dann folgt wie ein Naturgesetz die Winterdepression.

Es ist, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Som­mer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große der Zunft erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betrof­fenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Frankfurter Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzu früh von uns Gegangenen nach­drucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen gro­ßen Autoren, der mitten im Sommer in seiner Villa auf Fuerteventura starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.(1)

Apropos Sommer: Wo waren sie in den letzten Mona­ten, die herbstgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Ab­schied, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depressi­on, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namen­loses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn sei­ne Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furcht­bar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jam­mern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen … Und in drei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät an­fangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mit­teilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören. Meine zweihunderttausend Instagram-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfin­det eh niemand so tief und ehrlich wie ich. Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht

Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.

Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen von der Tiefe meiner Lyrik. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

Nachtrag: Was immer gegen die Herbstdepression hilft, ist eine Finnische Sauna; da schwitzt der Autor alles aus, was ihn belastet. Frau Klammerle und ich verbrachten den gestrigen Freitag in Bad Wörishofen in der Therme des Kursorts, wo wir ein paar Sauna- und Massagegutscheine aufbrauchten, die sich seit unseren letzten Geburtstagen angesammelt hatten. Es war unser erster Besuch in einer Wellness-Oase seit dem Pandemiebeginn. Es war schon eine recht merkwürdige Stimmung, die dort herrschte und im Hinterkopf nagte beständig die Coronafurcht. Aber nach einer gewissen Eingewöhnungszeit genossen wir einen gelungenen Tag. Wahrscheinlich ist eine 90°C heiße Sauna der vor einer Ansteckung sicherste Ort der Welt (Mein Arbeitsplatz ist es nicht, wie ich in dieser Woche erfahren musste). Die Abstandsregelungen wurden streng beachtet und man konnte die Therme nur mit Voranmeldung betreten. Dadurch war es für einen Freitag ungewohnt leer und das kalte Regenwetter passte perfekt.

Wir werden so etwas wieder häufiger machen.

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(1) Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Fake-Nachricht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

Die Bilder an meiner Wand – EINS (Sehen und Warten)

Ein Künstlerschicksal

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ Kaltnadel/Ätzradierung 1972

Dieter Kühn „Sehen und Warten. Meditation existenziell“
Kaltnadel/Ätzradierung 1974

Diese Radierung von Dieter Kühn (bitte nicht mit dem leider schon verstorbenen und von mir sehr geschätzten Autor gleichen Namens verwechseln) mit dem etwas sperrigen Titel „Sehen und Warten. Meditation existenziell“ hängt in meiner Wohnküche und war eine der Inspirationen für den Roman „Aber ein Traum“, der Ende des Monats erscheinen soll.

Der wirklich nicht allzu bekannte Künstler Kühn war in den Frühen Siebzigern der Freund meiner älteren Schwester. Es war eine toxische Beziehung. Kühn hatte mit schweren psychischen Problemen zu kämpfen, die ihn schließlich in den Suizid trieben. Als sich meine Schwester wegen seiner psychotischen und sogar ihr Leben bedrohenden Schübe von ihm trennte, machte sie es auf die einzig richtige Weise. Sie zog einen Schlussstrich, von heute auf morgen. Sie vernichtete in ihrer damaligen Wohnung systematisch alle Erinnerungsstücke an ihn und zerstörte dabei Fotos, Gemälde, beeindruckende, surrealistische Bleistift- und Tuschezeichungen und auch Texte, Verse und Briefe des Malers. Allein diese Radierung überlebte die verzweifelte Auslöschung ihrer ersten großen Liebe, weil sie sie zufällig umgedreht als Hintergrund-Passepartout für ein Poster von Jimi Hendrix benutzt und dort vergessen hatte. Irgendwann Ende der Achziger gelangte dann das Bild in meinen Besitz und seitdem begleitet es mich. Ich begegne ihm an fast jedem Tag, wenn ich an meinem Esstisch sitze.

Das Motiv ist natürlich im Zeitkontext zu sehen: Sartre, Camus, Dali – man beachte die zerfließenden Brillen –  Surrealismus, Existenzialismus, Black Soul, die frühen Pink Floyd, LSD, die Heideggersche „Geworfenheit des Menschen“ und freier Sex. Wer das Plattencover von Isaak Hayes‘ „Black Moses“ kennt, weiß auch, warum ihm das  Männergesicht so bekannt vorkommt. Kühn hat den Kopf auf der Radierung übrigens seitenverkehrt nachgearbeitet und leicht verändert, so dass es tatsächlich nicht mehr Hayes, sondern eher dem Maler selbst gleicht. Aus der Kapuze von Hayes Hoody ist eine Art Haare/Federn/Taubenkopf-Kappe geworden. Die Frau daneben, die mit dem Künstler in eine ungewisse und, im Nachhinein betrachtet, sehr kurze gemeinsame Zukunft sieht, ist übrigens meine Schwester. Auf ihrer Stirn, die wie die vertrocknete und aufgeplatzte Erdkruste wirkt, beobachten uns zwei Katzenaugen. Damit ist sie gut beschrieben. Die Schemen im verwaschenen Hintergrund sollen wahrscheinlich ebenfalls die beiden darstellen – geworfene, dem Schicksal ausgelieferte Figuren wie in einem „Mensch-ärgere-dich-nicht“-Spiel, die in den Spinnenfäden der Zeit gefangen sind.

Mir erzählte dieses Bild  schon von Anfang an eine ganz andere Geschichte: Alban Waldescher (der in meinem Roman wie der Mann auf dem Bild beschrieben wird) und Lina Brunswick habe ich direkt aus der Radierung gefischt. Seit einigen Jahren sehe ich in dem Bild nicht mehr meine Schwester und Dieter Kühn, sondern die beiden Hauptfiguren meines Romans „Aber ein Traum“.

Liest man übrigens den Titel des Romans „Aber ein Traum“ und hat ein paar meiner Blogeinträge verfolgt, kann man vermuten, mich hätte der amerikanische Autor E. A. Poe zu meinem Werk inspiriert. Die Wahrheit ist viel komplizierter. Zwar hat mich Poe in meiner Jugend beeindruckt und auch beeinflusst, als ich mit Vierzehn das von Arno Schmidt & Co. übersetzte Gesamtwerk las (auch „Eureka“) und ich habe ihn in der Geltsamer-Reihe ein Denkmal gesetzt. Aber er ist nur indirekt durch das weiter unten wiedergegebenen Gedicht mit „Aber ein Traum“ verknüpft. Zurück zu Dieter Kühn, dessen Radierung „Sehen und Warten“ ja neben meinem Kühlschrank hängt. Er hat Anfang der Siebziger Jahre einen renommierten und damals mit tausend Mark recht hochdotieren Kunstpreis der Stadt München gewonnen. Ob es schon ein Zeichen seiner beginnenden psychischen Erkrankung, ein Statement oder einfach der Leichtsinn eines Künstlers war, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber er gab das gesamte Geld an einem Nachmittag für Schallplatten aus (Mein Maler Jonas Nix aus „Die Wahrheit über Jürgen“ hat einige Züge von Kühn übernommen).

Ein Teil der schwarzen Vinylscheiben verblieb später im Besitz meiner Schwester – die hat sie nicht zerstört; sie waren für sie von der Beziehung nicht „vergiftet“. Unter dieser Musikauswahl fand ich – viele Jahre später – die Musiker, die meine heiße Liebe zur Klassischen Musik ablösten. Nachdem ich, bis ich etwa achtzehn war, nur die aufdringlichen slawischen Romantiker gehört hatte (Tschaikowsky, Rachmaninoff, Dvorak et al.), rückten nun sehr folgerichtig die Progrocker in mein Gesichtsfeld, also die Jon-Lord-lastigen Deep Purple-Platten, Jethro Tull, die frühen Genesis, Bo Hannson, Mahavishnu Orchestra, ELP, Eloy, Mike Oldfield und Pink Floyd, um nur ein paar zu nennen. Manches war wirklich ein Kulturschock für mich.

Von allen Musikern gab es die eine oder andere exemplarische Scheibe in der üppigen Sammlung meiner Schwester, manches kaufte ich mir. Auf dem Pink Floyd-Album „Atom Heart Mother“ (Ich liebe es!) ist der 13minütige Titel Alan’s Psychedelic Breakfast. Dort taucht auch der Name Alan Parsons auf dem Cover auf und wurde mir bewusst. Deshalb schaffte ich mir von dessen Gruppe ihr Debutalbum „Tales of Mystery and Imagination“ an, ein Konzeptalbum über Edgar Allan Poe, das eine Zeitlang bei mir im Dauerbetrieb lief. Ich kann noch heute zum Leidwesen von Frau Klammerle jedes Lied mitsingen. In den Jahren danach entdeckte ich den Blues für mich und die Platte von Alan Parsons verstaubte im Regal.

Die Erfindung der CD brachte es mit sich, sich zwangsweise einige der Lieblingsalben ein zweitesmal zu kaufen, darunter war auch die „Tales of Mystery and Imagination“. Ich legte die CD in den Player, öffnete schon den Mund, um: „Thus quoth the Raven, Nevermore, nevermore, never!“ mitzugröhlen, als zu Beginn der CD etwas völlig anderes passierte. Nach ein paar psychedelischen Klängen rezitierte eine sonore tiefe Stimme das Gedicht „A dream within a dream“. Auf dem Beizettel der Silberscheibe war dann zu lesen, dass diese Stimme zu Orson Welles gehörte, der für Alan Parsons kurz vor seinem Tod noch zwei Poe-Gedichte eingesprochen hatte und diese endlich im Gegensatz zur Schallplatte in der Enhanced Version enthalten seien.

Und so stammt über den Umweg Dieter Kühn – Progrock – Pink Floyd – Alan Parsons Projekt – Erfindung der CD und Orson Welles der Titel zu meinem Roman direkt von E. A. Poe. Ich danke allen Beteiligten.

A Dream Within A Dream

Take this kiss upon the brow!
And, in parting from you now,
Thus much let me avow-
You are not wrong, who deem
That my days have been a dream;
Yet if hope has flown away
In a night, or in a day,
In a vision, or in none,
Is it therefore the less gone?
All that we see or seem
Is but a dream within a dream.

I stand amid the roar
Of a surf-tormented shore,
And I hold within my hand
Grains of the golden sand-
How few! yet how they creep
Through my fingers to the deep,
While I weep- while I weep!
O God! can I not grasp
Them with a tighter clasp?
O God! can I not save
One from the pitiless wave?
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?

Edgar Allan Poe

Mein neues Buch – „Noch einmal daran gedacht“

NOCH EINMAL DARAN GEDACHT

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Wie versprochen steht nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den virtuellen Regalen der Online-Buchhandlungen und ist beim Buchhändler des Vertrauens bestellbar. Selbstverständlich kann man wie immer auch mein neues Buch direkt über meine Wenigkeit erwerben; E-Mail genügt:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
7,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Ich habe auch diesen neuen Band so billig wie möglich gemacht und verdiene selbst nichts daran.

In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen

      • halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen
      • originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben,
      • Buchkritiken und
      • Kurzgeschichten

versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere und heitere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der umfangreiche Band ist üppig illustriert und enthält 103 Fußnoten(1).

Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen Texten und meinen Gedankensplittern hat, wer Sprache liebt und sich gerne auf das Abenteuer „Denken“ einlässt, wird sich mit dem Buch in der Hand wohlfühlen und es genießen. (Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt – Entschuldigung!)

Um es – salopp übersetzt – mit meinem alten Kumpan Freund Walter zu sagen:

Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

 

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Auch mein alter Kumpan Wolfgang hat schon sein Wohlgefallen an meiner „Wahrheit und Dichtung“ bekundet.

_______________

(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen.(1a)

(1a) Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Vorankündigung: „Noch einmal daran gedacht“

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ steht nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den Startlöchern:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
demnächst als Softcover und als Taschenbuch

 Heute erhielt ich mein Korrekturexemplar vom Verlag und ich bin zuversichtlich, dass der Band in zwei Wochen im Internet und im traditionellen Buchhandel erhältlich sein wird. Wie immer wird es eine Taschenbuch- und eine billige EBookausgabe geben. In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben, Kritiken versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der Band ist üppig illustriert und enthält über 100 Fußnoten(1). Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen, Gedankensplittern hat und Sprache liebt, wird sich hier wohlfühlen. Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt.

Um es noch einmal mit meinem Freund Walter v. d. V. zu sagen:
Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Zwei Brüderbücher – endlich vereint!

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen. Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Dienstag, 24.09.19: Die Große Depression

Dienstag, 24.09.19
Noch drei Monate bis Weihnachten

„Oh, Jammer und Not. Oh, dräuend Ungemach.
Oh je, oh jemine, die Sorgen! Die Sorgen!“
Donald Duck

Alles ist nur eine Zeitlang schön.
Vorerst.
Nikolaus Klammer

Pünktlich wie die verheerenden Herbststürme in den USA, die Lebkuchen und Nikoläuse in den Supermarktre­galen, den Kürbiscremesuppen, Wildwochen und Maro­ni-Rezepten auf den Speisekarten der Gaststätten und die künstliche Erregung, wer wieder einmal nicht den Literaturnobelpreis bekommen hat, ist ab Ende September in allen literarischen Zeitschriften, Feuilletons, Blogs und Foren, bei allen Dichterlingen und jenen, die es noch werden wollten – oder wie ich nur meinen, es zu sein -, ein Phä­nomen zu beobachten, das exakt bis zum ersten Advent reicht: Obwohl es noch ein paar Monate hin ist, erinnert man sich plötzlich wieder an den No­vember mit all seinen makaberen Festtagen. Es riecht überall nach Verzweiflung, Verwesung und Tod.

Mit den morgendlichen Nebeln, die ein viel zu früher, eiskalter Nordwind aus den klammen Wiesen über die feuchten, grauen Wege treibt, auf denen letzte bunte Blätter wie tote Schmetterlinge kleben, kultivieren die Literaten ihre ach so tiefempfundene, ach so heuchleri­sche Pseudotrauer, ich will sie mal Das Große Herbstjammern nennen. Sie wird im Advent von der Weih­nachts-Weinerlichkeit und der Feiertags-Betroffenheit abgelöst. Dann folgt bis in den März hinein die Winterdepression.

Es is geradet, als hätten sie voller Ungeduld den ganzen Som­mer darauf gewartet: Wie bestellt legen auch gleich ein paar Große der Zunft erschöpft ihre Stifte zur Seite und den Geist in die Hände einer trauernden Nachwelt. Plötzlich springt jeder auf diesen Zug auf und drückt seine Betrof­fenheit in mehr oder weniger gelungenen Nekrologen und larmoyanten Erinnerungen aus. Die Journalisten reiben sich die Hände, weil sie ihre längst geschriebenen genialen Nachrufe endlich gegen Bares im Feuilleton unterbringen können und die Verleger sind erfreut, weil sie pünktlich zur Buchmesse die Werke des – egal, wie alt er war – immer allzu früh von uns Gegangenen nach­drucken können und diese sich wie geschnitten Brot verkaufen. Ich glaube, es gibt keinen einzigen gro­ßen Autoren, der mitten im Sommer in seiner Villa auf Fuerteventura starb. Vielleicht wird hier von der Verlagsmafia auch manches Ableben künstlich hinausgezögert.(1)

Apropos Sommer: Wo haben sie sich eigentlich in den letzten Mona­ten versteckt gehalten, jene aschgrauen, wehmütigen, todessehnsüchtigen, morbiden Gedichtlein und Texte voll von Herbst, Ab­schied, Weltschmerz, frühem Leid, Bedauern, Melancholie, Depressi­on, Krankheit, Verzweiflung? Lagen sie am Strand in der Sonne? Wie Saunaschweiß perlen sie jetzt auf den erhitzten Stirnen der Lyriker und tropfen mit salzigen Tränen vermischt aufs Papier oder die Tastaturen! Ach, so klamm und kalt ist dem Poeten plötzlich, ein namen­loses Gefühl greift ihn fest und unbarmherzig ans Herz und engt seine Brust. Wie einsam und verlassen ist er doch mit einem Mal, wie gleichgültig behandeln ihn sei­ne Mitmenschen – so furchtbar allein ist er mit seinen tiefen Empfindungen und Sorgen. So sehr trägt er am Gewicht der Welt, am Kummer seiner Menschheit, dass ihm jeder Schritt zur schleppenden Qual wird. So schrecklich ist das Absterben der Natur und so furcht­bar dabei sein eigenes Los, so bedeutungsschwanger die Kürze der Tage und die lange, frostkalte Nacht. Jam­mern auf höchstem Niveau. Ach, wir sind doch nur Staub im Wind.

„Oje, morgens ist es jetzt schon immer länger dunkel. Und abends auch. Da brauche ich tatsächlich Licht im Bad! Ich musste schon die Heizung anmachen, festes Schuhwerk und die dicke Jacke aus den hinteren Schrankwinkeln ziehen … Und in drei Monaten ist Weihnachten! Wann soll ich da nur mit meiner Diät an­fangen können?“

Das ist doch ein Gedicht wert! Das muss ich allen mit­teilen, darüber muss man schreiben dürfen. Meine Herbstdepression, die interessiert die anderen, die teile ich. Ich habe traurige Worte, die will jeder hören. Meine zweihunderttausend Facebook-Freunde kennen das gar nicht, das muss ich ihnen erklären! Von denen empfin­det niemand so tief und ehrlich wie ich. Vielleicht kriege ich ja von allen ein „Gefällt mir“. Ich nenne das Gedicht:

Herbstnacht
Ein Wasserfall von Kälte stürzt hernieder.
Die Menschen werden fahl und grau.
Asche dunkelt den Himmel.
Lichter erwachen
zu geisterhaft glitzerndem Leben.
Müde bleichen Sterne
in schweren Wolkenmeeren.
Nacht wimmert zwischen den Ästen,
beweint den verlorenen Tag.
Die Stadt erbricht lasterhaftes Tun.
Schlaf sinkt wie Tod herab.
Schwärze schluckt den Lärm.
Nebel geifert grauen Qualm.
Alles still, Gott so fern:
Albträume Wahnsinniger.

Gut, nicht? Ich bin selbst ganz betroffen von der Tiefe meiner Lyrik. Ich werde mir jetzt eine Flasche Bordeaux öffnen und noch ein paar Tränen über das Schicksal der Menschheit vergießen. Dann schmecken die ersten Schoko-Lebkuchen noch viel besser.

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PS. Diesen inzwischen gut abgehangenen, aber nie veraltenden und ähnliche ältere Texte dieses Blogs habe ich in meinem Büchlein „Noch einmal davon gekommen“ gesammelt, das demnächst mit „Noch einmal daran gedacht“ eine Fortsetzung erhält.

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(1) Und damit habe ich jetzt auch einmal ein Fake-Nachricht in die Welt gesetzt. Ich bin gespannt, wann ich es bei web.de als Schlagzeile lese.

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