Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 7)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Doch Sahar kämpfte nicht zum ersten Mal gegen einen der Barbaren aus dem unwirtlichen Tudasgart, das zwischen dem Rauen Gebirge und dem Großen Grabenbruch an der Grenze zu den Jenseitigen Landen lag. Junge, ungestüme Kling‘Arta wurden wegen der häufigen Hungersnöte immer wieder von ihren Stämmen, die in primitiven, hölzernen Taboren hausten und untereinander in Blutfehden und Religionsstreitigkeiten verstrickt waren, verstoßen und verdingten sich als Söldner in allen Armeen der Welt. Sie waren an allen Fürstenhöfen begehrte und gefürchtete Krieger, die voller Todesverachtung in die Schlachten zogen.

»Vorsicht, Großer«, murmelte er. »Manche Insekten können stechen!«

Sahar wartete ruhig, bis Wer‘Quer heran war. Dann nahm er seine geballte Hand aus der Tasche und hob sie seinem übermächtigen Gegner entgegen. der nur noch zwei Schritte entfernt war; schleuderte ihm eine Handvoll Salzkörner, die er während seines Märchenvortrags vom Bühnenboden aufgesammelt und dann zu sich gesteckt hatte, ins Gesicht. Er wusste, dass dies ein unfeiner Trick war, aber in einer offenen Auseinandersetzung konnte er dem tätowierten Hühnen nichts entgegen setzen. Das hatte er in seiner Ausbildung gelernt: Es war besser, einen Kampf ehrlos zu gewinnen, als ihn ehrenhaft zu verlieren. Besonders, wenn ein Gegner so überlegen war wie dieser. Der Kling‘Arta stolperte, heulte auf und hielt sich kurz seine Hände vor die Augen. Dabei vernachlässigte er wie erhofft seine Deckung.

Das Ende kam schnell. Sahar sprang ausweichend zur Seite. Gleichzeitig stach er gezielt mit seinem Degen zu und rammte seine fast wie ein Spielzeug wirkende Waffe bis zum Heft durch die breite Brust des Kriegers. Sie durchbohrte das Herz seines Gegners und trat an seinem Rücken wieder aus seinem Leib. Aber der Zusammenstoß, dem der Mönchssoldat nicht mehr ausweichen konnte, war trotzdem heftig. Der abwehrende Fausthieb des Kling‘Arta traf ihn krachend im Gesicht und brach ihm die Nase unter der Halbmaske, die er noch immer trug. Sahar wurde wie ein Sack Wäsche zur Seite geschleudert und stürzte halb besinnungslos in die Rosenbüsche.

Nach einer ganzen Weile war Sahar wieder einigermaßen bei sich und krabbelte aus den Dornen, die ihn zerstochen und seine schicke Galauniform zerrissen hatten. Er richtete sich mühselig auf und wischte sich mit den Ärmeln das Blut vom Mund, das in zwei Bächen aus seiner Nase lief. Ihn schmerzte jeder Knochen im Leib, aber er hatte bei dem kurzen Kampf keine weitere Verletzung davon getragen. Der tote Kling‘Arta kauerte zusammengesunken wie ein grauer Hügel auf dem Boden. Die Arme hingen schlaff herab und er hatte seinen kahlen Kopf, der durch die unzähligen Tätowierungen fast schwarz war, auf der massigen, von Sahars Waffe durchbohrten Brust liegen. Sahar humpelte näher, packte den Griff seines Degens mit beiden Händen und zog an ihm. Erst als er ein Bein zur Hilfe nahm und es gegen den Leib des Toten stemmte, gelang es ihm, seine Waffe zu befreien.

Endlich kippte die Leiche neben Galves lautlos ins Gras. Für jeden, der die beiden so entdecken würde, musste es so aussehen, als hätten sie sich in einem verzweifelten Kampf gegenseitig umgebracht. Sahar reinigte gelassen seine Klinge in der angewinkelten Beuge seines Arms und warf einen mitleidigen Blick auf die Schwalbe von Avril. Der Oberste, dessen durch eine Narbe verursachtes Dauerlächeln sich im Tod noch verstärkt hatte, war ihm sehr sympathisch gewesen und er bedauerte diesen sinnlosen Verlust. Wie würde es nun in der Lamargue weitergehen, nachdem in dieser Macht sowohl ihr Regno als auch die graue Eminenz hinter ihm ermordet worden waren? Würde es einen Krieg mit den Fünf Städten geben? Sahar gab es nur ungern zu: Auch Italmar nutzte diese Schwächung ihres östlichen Nachbarn, der auch das Protektorat über die Provinz ausübte, die altes Kernland des Kirchenstaats war, aber seit der Kokardenrevolution vor dreihundert Jahren selbständig war.

Der Mönch zögerte nur kurz, dann schob er seine Waffe zurück in die Scheide, die er am Rücken unter seiner Kleidung trug und kniete sich zu dem Leichnam hinunter, taste ihn mit professionellen Griffen ab. Sehr schnell wurde er fündig: In einer Innentasche der kurzen Uniformjacke entdeckte er einen in seinem Umschlag steckenden Brief. Es war viel zu dunkel, um ihn auf der Stelle zu lesen und er schob ihn in die Tasche. Nun erschienen ihm Galves gebrochende Augen vorwurfsvoll und er schloss sie sanft, während er ein eiliges Gebet an Oberone, den Herrn des Waldes, sandte.

Obwohl Miladí und ihre mörderische Dienerin einen großen Vorsprung hatten, nahm Sahar trotzdem ihre Verfolgung auf. Er hatte zwar wenig Hoffnung, sie noch einzuholen, aber ihr Fluchtweg war ihn die beste Möglichkeit, selbst unbemerkt aus dem Palast zu schleichen, ohne von der Treuwacht festgenommen zu werden. Schließlich trug er ja noch immer eine lamargische Uniform und sah mit der schmerzhaften Wunde im Gesicht sicherlich nicht sehr vertrauenerweckend aus.

Die hinter einer Efeuwand gut verborgene Pforte in der Gartenmauer erwies sich als ein geheimer Durchgang, den sicher einmal die Diebesgilde geschaffen hatte oder auch ein Namenloser, der sich gerne mit seinem Vezir unerkannt unter sein Volk mischen wollte. Er führte durch ein paar leere Stallungen hinaus auf die Hafenseite des Elfenbeinernen Palasts, wo die schroffe Mauer nur durch einen engen Kais vom an dieser Stelle strudelnd und eilig fließenden Marat getrennt war. Er sah zu dem gurgelnden, schwarzen Wasser eine Mannshöhe unter sich hinab. Hier hatte unmöglich ein Boot oder ein Schiff ankern und die Botschafterin aufnehmen können. Sie war also weiter zu Fuß geflohen. Doch in welche Richtung? Sahar hatte endgültig ihre Spur verloren. Er blinzelte, weil sich in diesem Augenblick jenseits des breiten Stroms über dem Stadtviertel Koras die Sonne erhob und ihre bereits jetzt am frühen Morgen hitzigen Strahlen in sein blutiges und schmutziges Gesicht sandte.

Sahar nieste und zuckte durch den plötzlichen Schmerz zusammen. Sollte Miladí ihm doch durch die Finger flutschen: Er glaubte an den Spruch Baruch im ersten seiner heiligen Bücher, wo geschrieben stand: „Unsere Wege führen zu vielen Kreuzungen und an einer von ihnen werden wir uns wiedersehen“. Darauf konnte er warten.

Neugierig nahm der Adept den bei Galves‘ Leichnam gefunden Brief aus dem Umschlag und entfaltete ihn. Die Handschrift kannte er nicht und die Unterschrift war nicht zu entziffern, aber was dort ein lamargischer Spion knapp und in militärischem Ton geschrieben hatte, warf ein ganz neues Licht auf die Geschehnisse der Nacht. Der Brief war an den Regno gerichtet, hatte diesen aber wahrscheinlich nie erreicht, weil ihn Galves vorher abgefangen hatte, legte dar, dass der älteste Sohn von Raul VI. hier in Karukora lebte und einer kurzen, aber stürmischen Liaison mit einer Palastangestellten während eines Staatsbesuchs entsprang. Noch erstaunlicher war, dass jener Sohn, von dem der Regno nie etwas erfahren hatte, noch vor seiner Hochzeit mit Dora Kahlja gezeugt worden war und deshalb in der Thronfolge noch vor seinen jüngeren Brüdern Raul und Rafik stand und zudem von der mütterlichen Linie her ein Bingh war, also direkt von der Dynastie des ersten Namenlosen abstammte. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, war dieser junge Mann, der Selin hieß, auch noch der Enkel von Alis, Sahars Konkurrenten bei dem Märchenwettbewerb! Der Briefschreiber warnte am Ende eindringlich vor einem angeblichen Plan des alten Märchenerzählers, der die bestehende Ordnung und das Leben einiger Mächtiger gefährden würde. Leider war diese Warnung sehr unklar und verworren.

Wenn das alles stimmte, was er gelesen hatte, waren die Konsequenzen ungeheuerlich und diese Nachricht musste sofort seinem Meister Jac Javac Mauvaise und dem Hohen Rat des Kirchenstaats übermittelt werden. Das war wichtiger als seine Suche nach Botschafter Adelph und dem flüchtigen Meister Siebenhardt, die er, falls sie überhaupt noch lebten, in der durch den Putsch aufgewühlten Wüstenstadt wahrscheinlich niemals finden würde. Das Machtgefüge der ganzen Welt konnte sich durch dieses Schreiben verändern. Sahar musste Karukora so schnell wie möglich verlassen.

Der junge Mönch sollte übrigens der Botschafterin der Oststädte schneller wiederbegegnen, als ihm lieb war. Aber dies ist eine weitere Geschichte …

Ende des 9. Kapitels

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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»Wohin so eilig, Miladí da Hiver? Wolltest du wirklich schon vor dem Nachtisch aufbrechen?«

Die schöne Frau, die es sehr eilig gehabt hatte, eine hinter Geißblatt und Efeu verborgene alte Assassinen-Pforte in der Mauer des rückwärtigen Palastgartens zu erreichen, blieb aufseufzend stehen. Sie drehte sich langsam zu Idrichson Galves und Sahar um, die sie ge­rade noch rechtzeitig eingeholt hatten, nachdem sie glücklich dem verzweifelten Kampf der lamargischen Soldaten mit den Treuwächtern im Speisesaal entkommen waren. Miladís Bewegung glichen denen eines Murlons, das sich bereit macht, sich im nächsten Augenblick auf seine Opfer zu stürzen. Hier, unter den hohen Weiden und zwischen den in geometrische Formen geschnittenen Büschen, war die Nacht dunkel und schattig; dem Licht der großen Fa­ckeln auf den Hauptwegen gelang es kaum, die schwarze Düster­nis kurz vor der Dämmerung aufzuhellen. Trotzdem funkelten die Augen der Diplomatin zornig auf. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, denn kurz vor Sonnenaufgang war die Nacht empfindlich kalt, wenn man wie sie nur einen tief ausgeschnittenen, seidenen Sarê trug. Ihren unhandlichen, langen Schal hatte sie längt auf ihrer Flucht verloren.

»Ihr zwei habt mir gerade noch gefehlt!«, keuchte sie und rang um Atem.

Galves trat vor und köpfte lässig mit einer spielerischen Be­wegung seines Säbels eine langstielige Rose, die er auf­hob und sich unter die Nase hielt.

»Ein wenig spät für einen Spaziergang allein im Garten, Gnädigste, findest du nicht? Wir würden uns gerne als deine Begleitung anbieten«, sagte er und sein von seiner Narbe in seine Gesichtszüge geschnittenes Lächeln verstärkte sich. Wer ihn kannte, wusste, dass er sich nun in Acht nehmen musste.

»Ich hätte gut darauf verzichten können, euch zwei Hampelmännern noch einmal zu begegnen«, gab sie wütend zur Antwort.

»Kein Grund, so unhöflich zu sein, Miladí. Fahre dei­ne Krallen ein. Ich hatte von dir mehr Klasse erwartet. Aber so ist das manchmal: Da blüht eine wunderschöne Rose an meinem Weg, aber sie duftet leider nicht und ihre Dornen sind spitz und giftig. Sie stinkt nach dem kotigen Untergrund, dem sie ent­sprungen ist.«

»Wenn ich dein Niveau nicht erreiche, Schwalbe von Avril, was gibst du dich dann weiter mit mir ab? Gehe deines Weges, solange du es noch kannst.«

»Dazu ist es längst zu spät.« Galves ließ die Rose achtlos fallen und nahm seine Kampfposition ein. Sahar stellte sich neben ihn und berührte ihn beschwichtigend an der Schulter.

»Sie scheint nicht bewaffnet zu sein und wir sollten wirklich in Erfahrung bringen, welchen Grund sie hat­te, einen Anschlag auf den Regno verüben zu lassen«, sagte er. Er wandte sich an Miladí, die die beiden spöttisch mus­terte.

»Ich nehme an, deine vermummte Dienerin hat den Bären vergiftet? Wo ist sie eigentlich hin? Wolltet ihr euch hier wieder treffen?«

»Wen stellst du eigentlich dar, Jüngelchen?«, erwiderte die Botschafterin grob. Sie war das Gespräch nun endgültig leid. »Ein einfa­cher Märchenerzähler bist du doch nicht, oder? Bist du vielleicht der Lustknabe von Galves?«

Nun zog auch Sahar seinen schmalen, kurzen Degen, den er unter seiner Kleidung verborgen hinter dem Rü­cken befestig getragen hatte. Er schwang seine Waffe über sei­nen glatten Schädel nach vorne und deutete mit ihrer Spitze auf die Frau.

»Ich heiße Sahar von Italmar. Merke dir diesen Namen gut. Ich suche im Auftrag meines Abbas nach Adelf von Südermar, dem Gesand­ten des Kirchenstaats. Er ist vor einem Monat spurlos verschwunden. Ich will meinen, dass du auch an diesem Verschwinden nicht ganz unschuldig bist, Druşba es Sakr.«

Galves warf einen ungläubigen Seitenblick auf Sahar.

»Du glaubst, sie …«

»Aber ja. Wer denn sonst? Dass mir das nicht vorher klar geworden ist. Ich nehme an, Miladí da Hiver ist für ihr Land das, was du für die Lamargue bist. Sie muss diese uralte Geheimgesellschaft der Kalten Hand wiederbelebt und sich selbst an ihre Spitze gestellt haben. Sie ließ Adelph verschwinden, weil er ihr auf die Spur gekommen ist und irgendwie von den Anschlagsplänen auf den Regno erfahren hat. Da bin ich mir sehr sicher. Aber ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass ausgerechnet die Botschafterin der Fünf Städte hinter dem Mordkomplott steckt. Doch es liegt eigentlich auf der Hand: Nur der Städtebund hat einen wirklichen Vorteil von Tod des Souveräns ihres Nachbarlandes. Die Verhandlungen zwischen der Lamargue und Karukora werden jetzt scheitern. Es wird mit ziemlicher Sicherheit zu einem Krieg zwischen den beiden mächtigen Widersachern des Städtebundes kommen. Ohne sich die Finger allzu schmutzig oder gar blutig zu machen, wird die Regierung in Écuyer ihre Einflusssphären. Wenn die Lamargue vom Krieg ausgeblutet ist, wird die Armee des Städtebundes als Retter dort einmarschieren. Dieses Spiel haben sie schon einmal vor 300 Jahren mit Italmar und der Provinz getrieben. Wenn zwei sich streiten … Ich frage mich nur, ob das Parlament von den Machenschaften ihrer Botschafterin weiß.«

Galves und Miladí hatten schweigend und aufmerksam Sahars Ausführungen zugehört, aber jetzt lachte die schöne Frau auf.

»Wenn ich dem Rat des Bundes so etwas vorgeschlagen hätte, dann würden die alten Leutchen dort noch bis zu ihrem Tod darüber debattieren, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Manchmal muss man am Parlament vorbei entscheiden.« Sie deutete vor den beiden Männern eine Verbeugung an.

»Du hast meinen Respekt, Sahar von Italmar. Du bist ein wirklich talentierter Märchenerzähler. Aber du hast eine winzige Kleinigkeit übersehen.«

Es raschelte im Gebüsch an der Seite und Sahar und Galves fuhren erschrocken herum. Ein Messer flog durch die Luft. Es traf den Obersten zielsicher und bohrte sich mit seiner Klinge in die Kehle der Schwalbe, bevor er reagieren konnte. Seine Augen wurden kreisrund, aber da war es schon zu spät. Galves konnte nicht einmal mehr einen Laut von sich geben und war bereits tot, bevor sein Körper rückwärts auf den Boden kippte. Sahar war vor Schrecken starr. Eine dunkle Gestalt richtete sich auf und trat heraus aus dem Unterholz. Es war die verschleierte Dienerin von Miladí. Als sie neben ihre Herrin trat, hatte sie bereits ein weiteres Messer wurfbereit in der Hand, aber Miladí winkte ab. Sie nickte ernst und fuhr fort, als wäre nichts geschehen:

»Du hast übersehen, Adept, dass die Kalte Hand viele Finger hat.“

Dann pfiff sie ein Signal. Eine weitere Person kam aus dem Gebüsch. Es war der halbnackte, tätowierte Kling‘Arta-Leibwächter der Botschafterin, der sich zwischen die beiden Frauen stellte und seiner Herrin etwas in seiner altertümlichen Sprache ins Ohr flüsterte. Der Hühne musste sich dazu herabbeugen, ließ aber den sprachlosen Mönchskrieger dabei für keinen Augenblick aus den Augen. Der gelehrte Sahar verstand die Worte ebenso problemlos wie Miladí und er packte den dünnen Griff seines Degens fester, während er mit seiner anderen Hand wie zufällig in die Hosentasche griff.

»Kadik ost‘A wert? – Soll ich das da erledigen?«

Die Botschaftern warf einen nachdenklichen Blick auf Sahar, dann nickte sie langsam.

»Diese schwarze Schmeißfliegen aus Italmar ärgern mich langsam. Wir treffen uns am vereinbarten Platz. Esnata, komm mit mir. Wer‘Quer wird hier alleine fertig.«

Während sich der Kling‘Arta drohend aufrichtete und seine schaufelgroßen Hände aneinander rieb, rannten Miladí mit ihrer Meuchelmörderin davon. Sahar machte sich bereit. Gegen diesen Koloss hätte wahrscheinlich nicht einmal der Regno eine Chance gehabt.

»Da tu al‘Q ide bahastik! – ich werde dich wie ein Insekt zerquetschen!«, brüllte Wer‘Quer und stürmte wie ein wütendes Woll-Einhorn aus Frostjie auf den kleinen, dünnen Mönch zu.

 

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 5)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Der Stumme schüttelte mitleidig den Kopf, nahm Eóra beschützend in den Arm und begleitete sie zur Zelle hinaus. In der Tür blieben sie noch einmal stehen und die Tochter sah zurück zu ihrem Vater.

»Ich wollte dich noch ein letztes Mal sehen und Muhar und Radik haben mir diesen Wunsch erfüllt. Verstehe doch. Ich liebe meinen Gemahl und würde alles für ihn tun.« Sie wandte sich endgültig um und Muhar führte sie eilig aus dem Kerker.

»Liebe!«, rief ihr Ómer hinterher und seine Stimme überschlug sich. »Du hast mich nur wegen der Liebe verra­ten? Wie erbärmlich. Kein Sud hat bisher irgendetwas aus Liebe getan. Sie vergeht wie ein Blatt am Baum. Wenn der Herbst kommt, dörrt sie aus und fällt nutzlos in den Kehricht. Aber der Baum selbst, das Geschlecht der Sud, bleibt bestehen, denn er hat Wurzeln in die Zeit und die Tiefe gebohrt. Liebe vergeht, doch die Macht bleibt beständig.«

Ómer schwieg. Ihm wurde plötzlich bewusst, dass seine Tochter würde seine Worte nicht mehr hören und auch nicht verstehen konnte. Radik, der noch in der Zelle verblieben war, rümpfte die Nase und kam einen Schritt näher. Er achtete sorg­fältig darauf, wohin er seine seidenen Pantoffeln setz­te. Er wollte seinen Triumph auskosten und übersah dabei vollkommen, dass sein alter Feind auch in dieser Situation ein gefährlicher Mann war.

»Und wo ist sie jetzt hin, deine Macht?«, fragte er spot­tend. »Ich habe dich entwurzelt.«

Ómer sprang auf. »Meine Macht willst du sehen? Ich zeige sie dir, du schwanzloser Bastard!«

Er stürzte sich auf Radik, dem es nicht mehr gelang zurückzuweichen und riss ihn mit sich zu Boden hinein in den schmutzigen Strohhaufen. Mit einem Satz saß er rittlings auf seinem Widersacher, der verzweifelt um sich schlug. Ómer hob die zweizinkige Fleischgabel, die er noch im Speisesaal hatte an sich bringen können, bevor ihn die Treuwächter ergriffen, und die er ganze Zeit unter seinem Gewand verborgen gehalten hatte. In der Aufregung und der Eile hatten sie es unterlassen, ihn zu durchsuchen, bevor sie ihn in die Zelle geworfen hatten. Mitleidlos rammte Ómer die Gabel in Radiks rechtes Auge, der gepeinigt heulte und sich aufbäumte. Aber es gelang ihm nicht, Ómer abzuabwerfen. Er beugte seinen Kopf herab und legte seine Lippen auf das Ohr des Gepeinigten, während er ihm seine Hand auf den Mund presste.

»Und für dich habe ich auch eine Lehre, die für mich genauso schmerzhaft war wie für dich jetzt, als ich sie begriffen habe. Unterschätze niemals einen Gegner. Selbst wenn er vor dir auf dem Boden liegt«, flüsterte er. Radik stöhnte nur.

»Oh, nein«, fuhr Ómer fort, »ich werde dir nicht das Leben nehmen. Diesen Schatten werde ich mir nicht auf die Seele legen. Du wirst hier verrotten.«

Er richtete sich wieder auf und drehte noch einmal grausam die blutige Gabel in der schrecklichen Wunde, die einmal das rechte Auge des Beschnittenen gewesen war. Radik schrie noch einmal auf, dann sank er bewusstlos in sich zusammen. Ómer warf seine besudelte Waffe zur Seite und schmierte gedankenverloren das Blut an seiner Hand in das schimmlige Stroh. Dann spuckte verächtlich aus, riss Radik zum Abschluss den gestohlenen Edelstein vom Turban und stand auf.

»Das gehört mir«, murmelte er und steckte das große Juwel, das bereits seinem fernen Vorfahren Turini gehört hatte und seit vielen Generationen im Besitz der Familie Sud war, in die Tasche seiner schmutzigen Pluderhose. Er überlegte fieberhaft. Jetzt blieb ihm nur eine schnelle Flucht, doch sie wollte gut geplant sein. Ein kopfloses Herumirren im elfenbeinernen Palast würde ihn nur wieder in die Hände der Treuwächter führen, die bestimmt wie ein zorniger Hornissenschwarm durch die Räume jagten. Ob es ihm gelingen konnte, sich unter die fliehenden Gäste seines in dieser Katastrophe geendeten Festmahls zu mogeln und zwischen ihnen verborgen den Palast zu verlassen? Nur mit einem blutigen und schmutzigen Hemd bekleidet wohl kaum. Die Wahrscheinlichkeit, dabei entdeckt zu werden, war viel zu hoch. In seine eigenen Gemächer konnte er auf keinen Fall zurückkehren, auch wenn er sich gerne andere Kleidung besorgt und sich aus seiner übervollen Schatzkiste bedient hätte.

Doch ein kluger Mann wie der ehemalige Vezir hatte für alle Schicksalswenden vorgesorgt. Er hatte noch einen Fluchtplan für schlechte Zeiten vorbereitet und er beeilte sich, ihn umzusetzen. Als der Attentäter, dessen Platz er vorhin in dieser Zelle eingenommen hatte und den jetzt Radik übernommen hatte, festgenommen worden war, hatte Ómer persönlich nach dem Weg gesucht, auf dem der Mönch in den Palast eingeschlichen und bis zum Thronsaal vorgedrungen war. Der schwer verwundete Adelph war zwar nicht ansprech- und damit auch nicht verhörbar, aber die Blutspur, die er in den Korridoren hinterlassen hatte, war deutlich genug gewesen. Sie hatte den neugierigen Vezir in einen heutzutage kaum benutzten Teil des Palastes nahe der Lagerräume bis zu der Stelle geführt, wo sie völlig überraschend vor einer scheinbar massiven Wand endete. Doch nach ein wenig herumprobieren hatte er einen gut verborgenen Schalter im bröckligen und arabesken Gipszierrat der Mauer entdeckt, der eine geheime Tür zu einem längst vergessenen Raum öffnete, dessen Rückwand gewaltsam aufgebrochen war. Von dort gelangte man über einen Tunnel zu den Kanälen, die die Abwässer des Gebäudes in den Syris leiteten.

Damit war das Geheimnis, auf welche Weise der Mönch aus Italmar bis zum Namenlosen hatte vordringen können, gelüftet. Es blieb zwar noch die Fragen offen, wer ihn dabei geholfen hatte und wer ihn angeschossen hatte, aber die wollte Ómer auf sich beruhen lassen, bis er Adleph verhören konnte. Den versteckten Eingang jedoch hatte er versiegeln und den Korridor davor von seinen eigenen Leuten Tag und Nacht bewachen lassen. Dies war zwar nicht der einzige Geheimweg, den es aus dem Elfenbein-Palast gab, von dem der Vezir wusste. Aber er lag dem Zellentrakt am nächsten und war deshalb seine erste Wahl bei der Flucht.

Ómer kümmerte sich nicht weiter um den langsam wieder erwachenden und sich in Schmerzen auf Boden wälzenden Rivalen, mit dem er längst abgeschlossen hatte. Er hatte sich entschieden und verließ deshalb eilig die Zelle. Ihre massive Tür versperrte er sorgfältig mit dem Schlüssel, der praktischerweise noch im Schloss steckte. Den nützlichen Schlüsselbund nahm er danach an sich, denn mit ihm würden sich für ihn auch andere Türen öffnen lassen. Er wollte ihn später in einem der vielen unterirdischen Kanäle entsorgen, wo ein schon lange vorbereitetes kleines Ruderboot auf ihn wartete, das ausreichend Proviant und eine gut gefüllte Kiste mit Goldmünzen und Pretiosen an Bord hatte. Mit diesen Reichtümern, die er als oberster Steuerbeamter aus den Taschen der Bürger von Karukora gestohlen hatte, wollte er den Marat überqueren und das Juwel der Wüste für immer verlassen, um irgendwo im barbarischen Süden, aus dem seine Familie stammte, neu zu beginnen.

Der kleine Mann aus dem Gefängnis, bevor ein Wächter auf die Idee kam, hier unten nach dem Rechten zu sehen.Er schlich an den vielen Zellentüren vorbei, in denen hunderte Gefangene eingesperrt waren. Die meisten hatten es nicht der Gerichtsbarkeit des Namenlosen, sondern seinem grausamen Minister Ómer zu verdanken, dass sie hier unten verfaulten. Hier und dort war nur ein leises Seufzen und Jammern zu vernehmen, manche schlug mit der flachen Hand oder mit blutigen Fäusten gegen das Holz ihrer Gefängnistüren. Doch hinter den meisten war es merkwürdig still.

Seltsam, dass ausgerechnet Adelph und nur er befreit wurde, überlegte Ómer. Und das diese Flucht während des Fests, das mit seiner Palastrevolution enden sollte, geschehen war, war doch ein wirklich merkwürdiges zeitliches Übereintreffen. Das konnte kein Zufall sein. Ob es mit Muhars Verrat und dem Anschlag auf den Regno zusammenhing? Warum hatte ihm der Märchenerzähler Alis vorhin zugezwinkert? Hatte er gewusst, was er für seinen Enkelsohn plante?

Und wer schließlich hatte den Regno Raul ermordet? Gehörte das zu den Plänen seiner Feinde oder steckte ein ganz anderer dahinter, an den er nicht dachte? Oder an die er nicht dachte?

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 4)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Ómers Verzweiflung war in eine neue Phase getreten. Nachdem er getobt und sich selbst in blindwütigem Zorn das Gesicht blutig gekratzt und seine edle seidene Kleidung zerrissen hatte, saß er nun als ein in sich zu­sammen gesunkener Haufen Elend in einer dunklen Ecke der fauligen, kleinen Zelle und bemitleidete sich.

Er war in den Palastverliesen vollkommen allein. Die Treuwächter hatten den ehemaligen Vezir ohne Umwe­ge zum Kerker des Elfenbeinpalasts gebracht und dort erschrocken feststellen müssen, dass die beiden Ge­fängniswärter betäubt am Boden lagen und eine der Zellen mit deren Schlüssel geöffnet worden war. Dort hatte man den Mönch gefangen gehalten, der sich Adelf von Südermar nannte und vor einigen Wochen ein missglücktes Attentat auf den Namenlosen verübt hatte. Er war nur deshalb noch nicht hingerichtet worden, weil Ómer Näheres über seine Hintermänner hatte erfahren wollen. Adelf hatte seine schweren Verletzungen zwar überlebt, war aber noch viel zu schwach für eine selbständige Flucht. Jemand musste ihm ge­holfen und die Wachen ausgeschaltet haben.

Die Treu­wächter hatten Ómer einfach durch die geöffnete Tür, in der noch immer der Schlüsselbund steckte, in die Zelle dahinter geworfen und ihn dort eingesperrt. Dann hatten sie die verwirrten Wachen, die keine Aussagen, was mit ihnen geschehen war, machen konnten, wach­gerüttelt und waren mit ihnen fortgeeilt, um den Aus­bruch zu melden und in dem Durcheinander der miss­glückten Palastrevolte, wo überall Treuwächter gegen abtrünnige Soldaten und lamargische Krieger kämpf­ten, nach dem Flüchtigen und seinem Helfer zu su­chen. Sie waren seitdem nicht mehr zurückgekehrt.

Ómer hob den Kopf und lauschte angestrengt. Durch das dicke Mauerwerk drang kein Laut von den Ausein­andersetzungen zu ihm herab. Das letzte, was er gese­hen hatte, als ihn die Wachen aus seinem eigenen Speisesaal führten, waren die über den überra­schenden Tod ihres Herren wütenden und verwirrten Soldaten des Regno ge­wesen, die sich selbstmörderisch auf die Palastwache und auf Paşa Ultem und seine Männer, die sie für die Untat verantwortlich machten, stürzten. Ómers Ge­danken gingen zu dem unglücklichen Raul. Wenn den Herrscher über die mächtige Lamargue nicht der Schlagfluss ge­troffen hatte, weil er zu viel aß und trank, dann hatte ihn jemand ermordet. Wer konnte dafür verantwortlich sein? Seine Frau Dora Kahlja und seine beiden Söhne würden nach dieser Untat nicht einfach zum Alltagsgeschäft übergehen, sondern die Köpfe der Verantwortlichen fordern. Wer also profitierte vom Tod des Bären und dem nun unvermeidlichen Krieg zwischen der Lamargue und Karukora?

Wer auch immer das getan hatte, er hatte bei Ómer eine letzte Hoffnung erweckt: Vielleicht kam ja in diesem Scharmützel im Speisesaal, das die Garde des Regno nicht ge­winnen konnte, weil sie zahlen- und waffenmäßig voll­kommen unterlegen war, auch der „Unterwerfer“ um. Das konnte doch im Eifer des Gefechts schon mal pas­sieren. Dann käme doch noch sein ungeborener Enkel an die Macht. Er hoffte nur, seine Tochter Eóra hatte sich in Sicherheit bringen können. Und vielleicht konnte sie überzeugend darlegen, nichts von dem Verrat ihres Va­ters gewusst zu haben, was übrigens ja nach Ómers Meinung auch der Wahrheit entsprach. Er hatte nie­mals mit seiner Tochter über seine Pläne gesprochen. Dann bestand doch noch alle Hoffnung, das eines Tages ein Namenloser aus dem Geschlecht der Sud den Fal­kenthron betrat – den Eóra noch unter ihrem Herzen trug.

Die Zellentür wurde quietschend geöffnet und riss den so tief Gefallenen aus seinen rosigen Träumen. Drei Schemen traten her­ein, die nicht hätten unterschiedlicher sein können. Ei­ner von ihnen brachte eine Laterne mit in das düstere, fensterlose Gefängnis. Nachdem sich Ómers Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte er die drei. Es waren sein Todfeind Radik Emre, der wahrscheinlich gekommen war, um ihn zu verhöhnen und sich an seinem erbärmlichen Anblick zu weiden, sein Diener Muhar und … seine hochschwangere Tochter Eóra! Sie hatte viel geweint, aber nun waren ihre Tränen getrocknet und ein entschlossener Aus­druck, den Ómer an ihr nicht kannte, lag auf ihrem Ge­sicht.

Der entmachtete Vezir richtete seinen Oberkörper stolz auf und reckte seine Adlernase in die Höhe.Wie war sie ausgerechnet in die Gesellschaft dieser beiden Männer geraten? Ihm kam ein ungeheuerlicher Ver­dacht. Doch noch wollte er ihn nicht wahrhaben. Statt­dessen erkundigte er sich zuerst nach dem Verlauf der Kämp­fe im Speisesaal. Der Seneschall antwortete:

»Sie sind vorbei. Es war ein schreckliches Blutbad, aber die Treuwächter waren siegreich und haben fast alle der Barbaren des Regno erschlagen. Nur noch we­nige sind auf der Flucht, doch sie werden den Palast nicht lebend verlassen. Sie sind ein merkwürdiges Volk, diese Lamarger. Stolz, aber dumm.«

»Sie wollten ohne ihren geliebten Regno nicht mehr leben. Was ist daran dumm? Ach ja, da fällt mir ein: Wie geht es denn dem Namenlosen?«

»Dem „Unterwerfer“ – alle Daimona des Himmels und der Erde und des Wasser singen von seiner Macht – wurde kein Haar gekrümmt. Der Allerbarmerin sein Dank.« Radik, der, wie Ómer erst jetzt bemerkte, tat­sächlich an seinem Turban den Edelstein des Vezirs trug, machte eine Pause, die er sichtlich genoss.

»In seiner grenzenlosen Güte hat übrigens der Na­menlose mich zu seinem treuen Vezir erhoben.«

»Nun«, Ómer lächelte sardonisch und bleckte dabei seine braunen Zahnstummel, »die Geschichte lehrt uns eines: Personalentscheidungen waren noch nie die Stärke der Bişra. Aber ich gratuliere dir. Deine jahre­langen Schmeicheleien wurden endlich belohnt. Wie fühlt es sich an, bis zur Schulter im Arsch des Namenlosen zu stecken?«

Radik ging großzügig über diese Beleidigung hinweg.

»Meine erste Amtshandlung war es selbstverständ­lich, dich wegen deines Verrates zum Tode zu verurtei­len, Ómer Sud«, flötete er zufrieden mit seiner hohen Kastra­tenstimme und Eóra seufzte auf. »Doch der Namenlose, dessen Barmherzigkeit seinem Volk milde ins Herz scheint, hat Gnade gezeigt. Du wirst nur die Hand verlieren, die du gegen deinen Herrn erhoben hast und den Rest deiner traurigen Tage als Rudersklave auf der „Schlafwandler im Gar­ten der Düfte“, der Flussgaleere des „Unterwerfers“, verbringen. Du kannst dich glücklich preisen, denn so bleibst du in der Nähe deines göttlichen Herrschers und seiner liebsten Gemahlin, die ihm bald einen Sohn gebären wird.“

Für Ómer war es an der Zeit, der Wahrheit in das ver­weinte, feiste Gesicht zu sehen.

»Dann warst es also doch du, die mich verraten hat, Eóra? Warum hast du das getan?«

»Weil ich meinen Gemahl liebe und er mich liebt, Va­ter«, flüsterte die junge Frau fast unhörbar. »Mein Bişra ist der Stern meines Lebens und mit ihm gemein­sam werden ich und unser Sohn über das Juwel der Wüste herrschen.«

Ómer lachte und bekam einen Hustenanfall. Die feuchte Zelle war seiner angegriffenen Gesundheit nicht gerade zuträglich. Wenn ihn Radik hier für län­gere Zeit verfaulen ließ, dann würde dem ehemaligen Vezir die Qual eines Galeerensklaven erspart bleiben. Wie grotesk doch die Fäden des Schicksals gewoben waren. Einmal in ihrem Leben hatte sich Ómers Toch­ter als seiner würdig erwiesen und gezeigt, dass sie eine echte Sud war. Ausgerechnet er selbst hatte dies zu spüren bekommen.

Als sich sein Atem wieder etwas beruhigt hatte, nick­te er mit hochrotem Kopf Muhar zu.

»Du hast ihr dabei geholfen, nicht wahr? Von dir hat Eóra davon erfahren?«, fragte er, überzeugt, dass er ins Schwarze traf. Der Stumme wollte zuerst zu einen Zet­teln und dem Stift greifen, aber dann senkte er einfach den Kopf.

»Ja, ich sehe schon. Das ist endlich deine Rache, weil ich dir die Zunge nahm. Ich gestehe, Muhar, ich habe dich unterschätzt. Ich bin blind in deine Falle gerannt. Nun. Dann weide dich an meinem Unglück, solange du es noch kannst. Es werden andere Tage kommen. Auch dein Schicksal wird sich wieder wenden, das prophe­zeihe ich dir. Karak‘Ora gesta wides, ma setre kobra Que. Karukora gibt reichlich, aber noch mehr nimmt es«, zitierte er ein altes wendisches Sprichwort.

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[Zur Fortsetzung …]

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 3)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

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Die suchenden Hände des Mönchs hatten links und rechts an den Seiten der Armlehnen zwei geschnitzte Arabesken gefunden, die wie die starren Augen von Echsen aussahen. Auf deren Mitte, auf die schlitzförmige Iris, legte er nun entschlossen seine Zeigefinger und drückte sie fest nach Innen. Adelf musste sich dabei anstrengen, denn der Mechanismus war alt und eingerostet, aber dann schnappten geräuschvoll zwei Riegel an der Hinterseite des Throns auf. Auf Rückenhöhe senkte sich dort kleine versteckte Klappe herab, hinter der sich offenbar ein Geheimfach verbarg, das der Mönch mit seinen seltsamen Sinnen erspürt hatte.

»C’est le noyau du caniche«, murmelte Juel.

Selin wand sich aus dem Griff des Meisterdiebs und eilte hinter den Falkenthron. Die anderen folgten ihm neugierig. Auch Adelf stand schwankend auf. Er schien sich nur schwer von seinem Sitz lösen zu können, als wäre er mit einem zähen Teer dort festgeklebt worden. Selin langte aufgeregt in das kleine Fach im Holz der Rückfront und beförderte eine schmale, in ein brüchiges Pergament eingeschlagene Platte hervor. Er befreite die Platte grob von ihrer schützenden Hülle. Das uralte braune Papier zerfiel ihm unter der Hand in seine Bruchstücke und segelte wie Herbstlaub zum Boden. Selin hob das rechteckige Fundstück etwas enttäuscht ins Licht. Er hatte etwas anderes – etwas viel Spektakuläreres – erwartet, als nur eine grüne Scheibe, auf der messingfarbene Linien ein seltsames und chaotisches Muster bildeten.

»Ist das alles?«, fragte er. »Was soll das denn sein? Das ist doch keine Landkarte!«

Juel trat neben in und bückte sich, untersuchte die ausgeblichenen, bräunlichen Tintenspuren auf den Papierstücken am Boden. Er hob eines auf und zerrieb es zwischen den Fingern.

»Die Karte hast du eben zerstört«, sagte er und stand wieder auf. »Das ist nicht so tragisch, denn du hast etwas viel Besseres …« Juel nahm ihm die Platte vorsichtig aus Selins Hand. Er betrachtete sie fasziniert.

»Nein, das ist zwar keine Karte, aber viel, viel mehr!« Er drehte die einen Handteller große Platte ein paar mal im Lichtschein der Fackeln herum und reichte sie dann ehrfürchtig an Selin zurück.

»Pass gut darauf auf«, flüsterte er, »dies scheint mir ein Vorgängerrelikt von unschätzbarem Wert zu sein und du solltest es niemandem zeigen. Es ist gut möglich, dass du damit sogar den Ewigen Krieg beenden kannst. Manchmal genügt es, ein kleines Steinchen an einer bestimmten Stelle ins Wasser zu werfen und alles ändert sich. So haben schon Weltreiche geendet – mit einem kleinen Stein. Ceci est parfois le cours du destin. Ich will behaupten, dass diese Platte, die die Vorgänger übrigens Platine genannt haben, viel wertvoller ist als die funkelnden Brillanten im Auge des Falken, für die sich die Diebesgilde interessiert. Wenn sie das wüssten, könnte es sein, dass sie ihr Abkommen mit euch ein wenig … modifizieren.«

Er warf einen warnenden Blick auf Semiras Dienerin, die das Interesse an dem Fund verloren hatte und auf den Thron kletterte, wo sie – breitbeinig auf den Armlehnen balancierend – mit ihrem Dolch an einem der großen Brillanten in den Augen des Falken herumstocherte, um ihn aus der Fassung zu hebeln. Das Holz des Stuhls knirschte und ächzte. Es klang, als wolle es sich über diese ruchlose Tat beklagen. Auch Adelf, der in der Nähe stand und mit einer Hand weiterhin die glatte, schwarze Oberfläche des Throns streichelte, schien nicht einverstanden. Er verzog das Gesicht und litt eine Qual, als fühle er den kalten Stahl am eigenen Leib, als würde die Diebin ihm selbst ihr Werkzeug in die Augenhöhlen bohren. Doch er sagte nichts und ließ sie gewähren.

Selin versteckte die grüne Platte eilig in seinem Hemd. Sollte sein Großvater entscheiden, was mit dem Fund anzufangen war.

»Aber wie soll uns dieser alte Gegenstand helfen, die Ebenen des Ewigen Krieges zu durchqueren?«, fragte er Juel, zu dem er immer mehr Vertrauen fasste. Obwohl er wusste, dass der Dicke ein Dieb war und wahrscheinlich eine beachtliche Liste von Gaunereien und anderen Gesetzesübertretungen auf dem Kerbholz hatte, hatte er doch das Gefühl, dass der angebliche Kaufmann es gut mit ihm meinte. Dieser seltsame Mann verbarg ein Geheimnis und eine Geschichte, die er gerne einmal gehört hätte.

»Du hast doch vorhin der Geschichte vom Ur-Meister Straif und seinem Schlüsseldolch gelauscht, die der Märchenerzähler vorgetragen hat«, erwiderte Juel und wirkte plötzlich sehr aufgeregt, »diese … Platine ist etwas ganz ähnliches. Sie ist der echte Weg, der in den Tag führt und nicht diese Papierfetzen, in die sie eingewickelt war. Auch diese Platine ist ebenfalls eine Art Schlüssel. Doch in ihr sind nicht die Schriften Baruchs verborgen. Ich bin solchen Gegenständen schon häufiger begegnet. Im Moment ist die Platine so nutzlos wie ein versiegeltes Buch in einer Sprache, die niemand versteht. Wir werden ein Gerät brauchen, das den Inhalt lesen kann. Ich habe zum Glück eines in meinem Kaufmannswagen.«/p>

Er sah sich kurz um, dann schob er nur für Selin sichtbar seinen Kragen ein wenig zur Seite. Ein Halsband wurde sichtbar, an dem eine weitere der seltsamen grünen Platten befestigt war. Sie war wesentlich kleiner als die Platine aus dem Thron und wirkte wie ein Schmuckstück.

»Schau hin, auch Adelf trägt solch eine um den Hals. Es ist das Symbol der Kirche der Gemeinschaft der leidenden Gene, das die wahrhaft Gläubigen bei ihrer Initiation zur Erinnerung an den Gründerabbas Straif verliehen bekommen. Damit erkennen wir einander. Doch unsere Platinen sind nur ein Abzeichen, ein wertloses Schmuckstück, von dem niemand mehr weiß, in welcher alten Vorgänger-Maschine es einmal steckte und wozu es diente. Es ist Schrott, der zuhauf bei Kellerausschachtungen oder in alten Bergwerksschächten gefunden wird. Die Hindersöhne schmücken damit die Wände ihrer Häuser und man kann sie auf den Märkten von Hossberg billig als Glücksbringer kaufen.«

Juel zögerte und nahm den jungen Mann zur Seite. Er senkte weiter seine Stimme, aus der inzwischen jeder Ost-Akzent verschwunden war, und Selin musste sich anstrengen, ihn noch zu verstehen. Doch es schien sich niemand für ihr Gespräch zu interessieren. Semira und Adelf sahen ungeduldig Jalah zu, die inzwischen das erste Auge des Falken an sich gebracht hatte und sich mit dem zweiten beschäftigte.

»Doch manche dieser Platinen haben noch ihre Kraft. Sie können Goleme besänftigen und Vorgängergeräten Befehle geben. Wenn ich mich nicht irre, macht Der Weg deinen Großvater und dich zu sehr mächtigen Männern. Ich hatte meine Zweifel, doch ich bin mir nun sicher, dass uns diese Platine nach Pardais führen kann. Und ich möchte, wenn ich darf, mit euch gehen.«

Es knackte hässlich und dann hielt Jalah triumphierend auch den zweiten Schmuckstein in der Hand. Eilig kletterte sie von dem entweihten Thron, der viel von seiner einschüchternden Wirkung verloren hatte.

» Jeder hat, was er wollte. Es ist an der Zeit, dass wir verschwinden!«

Juel legte kurz seine Hand auf die von Selin.

»Wir reden später weiter, wenn wir in Sicherheit sind.« Laut sagte er:

»Einen Moment noch, isch ‚abe beinahe etwas vergessen …«

Juel kramte in seiner Tasche und trat an den Thron. Dort legte sorgsam einen Zettel auf den Sitz, dann befestigte er ihn mit dem geliehenen Dolch, den er tief durch das Papier in das Holz trieb.

»Isch denke mal, das ‚ier wird der „Unterwerfer“ wohl kaum überse’en können«, stellte er dann mit einem fachmännischen Blick auf sein Werk fest. »Le cube est tombé!«

Selin, der schon hinter den anderen hergehen wollte, drehte sich noch einmal neugierig um.

»Was ist das denn?«

»Dies ist eine Nachricht für den Namenlosen. Alis hat sie mir gegeben. Isch sollte sie ‚ier zurücklassen. Isch weiß nicht, was auf ihr steht.«

Juel zuckte mit den Schultern und Selin tat es ihm nach, obwohl er seinen ganzen Besitz verwettet hätte, dass ihn der Dieb gerade belogen hatte. Juel hatte mit Sicherheit gelesen, was auf dem Zettel stand. Aber er fragte nicht nach. Er hatte schon lange aufgegeben, sich Gedanken über die Beweggründe seines Großvaters zu machen. Er vertraute ihm einfach, denn bisher hatten alle seine Pläne funktioniert. Sogar seine Semira würde ihn bei der Flucht nach Pardais begleiten. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, drehte das Mädchen sich zu ihm und winkte ihn weiter. Sie lächelte ihm zu und dem jungen Mann wurde es warm in der Brust.

Was konnte denn jetzt noch schiefgehen?

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