Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 6)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

»Wohin so eilig, Miladí da Hiver? Wolltest du wirklich schon vor dem Nachtisch aufbrechen?«

Die schöne Frau, die es sehr eilig gehabt hatte, eine hinter Geißblatt und Efeu verborgene alte Assassinen-Pforte in der Mauer des rückwärtigen Palastgartens zu erreichen, blieb aufseufzend stehen. Sie drehte sich langsam zu Idrichson Galves und Sahar um, die sie ge­rade noch rechtzeitig eingeholt hatten, nachdem sie glücklich dem verzweifelten Kampf der lamargischen Soldaten mit den Treuwächtern im Speisesaal entkommen waren. Miladís Bewegung glichen denen eines Murlons, das sich bereit macht, sich im nächsten Augenblick auf seine Opfer zu stürzen. Hier, unter den hohen Weiden und zwischen den in geometrische Formen geschnittenen Büschen, war die Nacht dunkel und schattig; dem Licht der großen Fa­ckeln auf den Hauptwegen gelang es kaum, die schwarze Düster­nis kurz vor der Dämmerung aufzuhellen. Trotzdem funkelten die Augen der Diplomatin zornig auf. Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper, denn kurz vor Sonnenaufgang war die Nacht empfindlich kalt, wenn man wie sie nur einen tief ausgeschnittenen, seidenen Sarê trug. Ihren unhandlichen, langen Schal hatte sie längt auf ihrer Flucht verloren.

»Ihr zwei habt mir gerade noch gefehlt!«, keuchte sie und rang um Atem.

Galves trat vor und köpfte lässig mit einer spielerischen Be­wegung seines Säbels eine langstielige Rose, die er auf­hob und sich unter die Nase hielt.

»Ein wenig spät für einen Spaziergang allein im Garten, Gnädigste, findest du nicht? Wir würden uns gerne als deine Begleitung anbieten«, sagte er und sein von seiner Narbe in seine Gesichtszüge geschnittenes Lächeln verstärkte sich. Wer ihn kannte, wusste, dass er sich nun in Acht nehmen musste.

»Ich hätte gut darauf verzichten können, euch zwei Hampelmännern noch einmal zu begegnen«, gab sie wütend zur Antwort.

»Kein Grund, so unhöflich zu sein, Miladí. Fahre dei­ne Krallen ein. Ich hatte von dir mehr Klasse erwartet. Aber so ist das manchmal: Da blüht eine wunderschöne Rose an meinem Weg, aber sie duftet leider nicht und ihre Dornen sind spitz und giftig. Sie stinkt nach dem kotigen Untergrund, dem sie ent­sprungen ist.«

»Wenn ich dein Niveau nicht erreiche, Schwalbe von Avril, was gibst du dich dann weiter mit mir ab? Gehe deines Weges, solange du es noch kannst.«

»Dazu ist es längst zu spät.« Galves ließ die Rose achtlos fallen und nahm seine Kampfposition ein. Sahar stellte sich neben ihn und berührte ihn beschwichtigend an der Schulter.

»Sie scheint nicht bewaffnet zu sein und wir sollten wirklich in Erfahrung bringen, welchen Grund sie hat­te, einen Anschlag auf den Regno verüben zu lassen«, sagte er. Er wandte sich an Miladí, die die beiden spöttisch mus­terte.

»Ich nehme an, deine vermummte Dienerin hat den Bären vergiftet? Wo ist sie eigentlich hin? Wolltet ihr euch hier wieder treffen?«

»Wen stellst du eigentlich dar, Jüngelchen?«, erwiderte die Botschafterin grob. Sie war das Gespräch nun endgültig leid. »Ein einfa­cher Märchenerzähler bist du doch nicht, oder? Bist du vielleicht der Lustknabe von Galves?«

Nun zog auch Sahar seinen schmalen, kurzen Degen, den er unter seiner Kleidung verborgen hinter dem Rü­cken befestig getragen hatte. Er schwang seine Waffe über sei­nen glatten Schädel nach vorne und deutete mit ihrer Spitze auf die Frau.

»Ich heiße Sahar von Italmar. Merke dir diesen Namen gut. Ich suche im Auftrag meines Abbas nach Adelf von Südermar, dem Gesand­ten des Kirchenstaats. Er ist vor einem Monat spurlos verschwunden. Ich will meinen, dass du auch an diesem Verschwinden nicht ganz unschuldig bist, Druşba es Sakr.«

Galves warf einen ungläubigen Seitenblick auf Sahar.

»Du glaubst, sie …«

»Aber ja. Wer denn sonst? Dass mir das nicht vorher klar geworden ist. Ich nehme an, Miladí da Hiver ist für ihr Land das, was du für die Lamargue bist. Sie muss diese uralte Geheimgesellschaft der Kalten Hand wiederbelebt und sich selbst an ihre Spitze gestellt haben. Sie ließ Adelph verschwinden, weil er ihr auf die Spur gekommen ist und irgendwie von den Anschlagsplänen auf den Regno erfahren hat. Da bin ich mir sehr sicher. Aber ich konnte mir bisher nicht vorstellen, dass ausgerechnet die Botschafterin der Fünf Städte hinter dem Mordkomplott steckt. Doch es liegt eigentlich auf der Hand: Nur der Städtebund hat einen wirklichen Vorteil von Tod des Souveräns ihres Nachbarlandes. Die Verhandlungen zwischen der Lamargue und Karukora werden jetzt scheitern. Es wird mit ziemlicher Sicherheit zu einem Krieg zwischen den beiden mächtigen Widersachern des Städtebundes kommen. Ohne sich die Finger allzu schmutzig oder gar blutig zu machen, wird die Regierung in Écuyer ihre Einflusssphären. Wenn die Lamargue vom Krieg ausgeblutet ist, wird die Armee des Städtebundes als Retter dort einmarschieren. Dieses Spiel haben sie schon einmal vor 300 Jahren mit Italmar und der Provinz getrieben. Wenn zwei sich streiten … Ich frage mich nur, ob das Parlament von den Machenschaften ihrer Botschafterin weiß.«

Galves und Miladí hatten schweigend und aufmerksam Sahars Ausführungen zugehört, aber jetzt lachte die schöne Frau auf.

»Wenn ich dem Rat des Bundes so etwas vorgeschlagen hätte, dann würden die alten Leutchen dort noch bis zu ihrem Tod darüber debattieren, ohne zu einem Entschluss zu kommen. Manchmal muss man am Parlament vorbei entscheiden.« Sie deutete vor den beiden Männern eine Verbeugung an.

»Du hast meinen Respekt, Sahar von Italmar. Du bist ein wirklich talentierter Märchenerzähler. Aber du hast eine winzige Kleinigkeit übersehen.«

Es raschelte im Gebüsch an der Seite und Sahar und Galves fuhren erschrocken herum. Ein Messer flog durch die Luft. Es traf den Obersten zielsicher und bohrte sich mit seiner Klinge in die Kehle der Schwalbe, bevor er reagieren konnte. Seine Augen wurden kreisrund, aber da war es schon zu spät. Galves konnte nicht einmal mehr einen Laut von sich geben und war bereits tot, bevor sein Körper rückwärts auf den Boden kippte. Sahar war vor Schrecken starr. Eine dunkle Gestalt richtete sich auf und trat heraus aus dem Unterholz. Es war die verschleierte Dienerin von Miladí. Als sie neben ihre Herrin trat, hatte sie bereits ein weiteres Messer wurfbereit in der Hand, aber Miladí winkte ab. Sie nickte ernst und fuhr fort, als wäre nichts geschehen:

»Du hast übersehen, Adept, dass die Kalte Hand viele Finger hat.“

Dann pfiff sie ein Signal. Eine weitere Person kam aus dem Gebüsch. Es war der halbnackte, tätowierte Kling‘Arta-Leibwächter der Botschafterin, der sich zwischen die beiden Frauen stellte und seiner Herrin etwas in seiner altertümlichen Sprache ins Ohr flüsterte. Der Hühne musste sich dazu herabbeugen, ließ aber den sprachlosen Mönchskrieger dabei für keinen Augenblick aus den Augen. Der gelehrte Sahar verstand die Worte ebenso problemlos wie Miladí und er packte den dünnen Griff seines Degens fester, während er mit seiner anderen Hand wie zufällig in die Hosentasche griff.

»Kadik ost‘A wert? – Soll ich das da erledigen?«

Die Botschaftern warf einen nachdenklichen Blick auf Sahar, dann nickte sie langsam.

»Diese schwarze Schmeißfliegen aus Italmar ärgern mich langsam. Wir treffen uns am vereinbarten Platz. Esnata, komm mit mir. Wer‘Quer wird hier alleine fertig.«

Während sich der Kling‘Arta drohend aufrichtete und seine schaufelgroßen Hände aneinander rieb, rannten Miladí mit ihrer Meuchelmörderin davon. Sahar machte sich bereit. Gegen diesen Koloss hätte wahrscheinlich nicht einmal der Regno eine Chance gehabt.

»Da tu al‘Q ide bahastik! – ich werde dich wie ein Insekt zerquetschen!«, brüllte Wer‘Quer und stürmte wie ein wütendes Woll-Einhorn aus Frostjie auf den kleinen, dünnen Mönch zu.

 

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