Aber ein Traum …

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Der Weg, der in den Tag führt – Fantasyroman (Kapitel 9 – Teil 4)

Der Weg, der in den Tag führt
Eine Geschichte aus der Welt von »Brautschau«

Zwl

Ómers Verzweiflung war in eine neue Phase getreten. Nachdem er getobt und sich selbst in blindwütigem Zorn das Gesicht blutig gekratzt und seine edle seidene Kleidung zerrissen hatte, saß er nun als ein in sich zu­sammen gesunkener Haufen Elend in einer dunklen Ecke der fauligen, kleinen Zelle und bemitleidete sich.

Er war in den Palastverliesen vollkommen allein. Die Treuwächter hatten den ehemaligen Vezir ohne Umwe­ge zum Kerker des Elfenbeinpalasts gebracht und dort erschrocken feststellen müssen, dass die beiden Ge­fängniswärter betäubt am Boden lagen und eine der Zellen mit deren Schlüssel geöffnet worden war. Dort hatte man den Mönch gefangen gehalten, der sich Adelf von Südermar nannte und vor einigen Wochen ein missglücktes Attentat auf den Namenlosen verübt hatte. Er war nur deshalb noch nicht hingerichtet worden, weil Ómer Näheres über seine Hintermänner hatte erfahren wollen. Adelf hatte seine schweren Verletzungen zwar überlebt, war aber noch viel zu schwach für eine selbständige Flucht. Jemand musste ihm ge­holfen und die Wachen ausgeschaltet haben.

Die Treu­wächter hatten Ómer einfach durch die geöffnete Tür, in der noch immer der Schlüsselbund steckte, in die Zelle dahinter geworfen und ihn dort eingesperrt. Dann hatten sie die verwirrten Wachen, die keine Aussagen, was mit ihnen geschehen war, machen konnten, wach­gerüttelt und waren mit ihnen fortgeeilt, um den Aus­bruch zu melden und in dem Durcheinander der miss­glückten Palastrevolte, wo überall Treuwächter gegen abtrünnige Soldaten und lamargische Krieger kämpf­ten, nach dem Flüchtigen und seinem Helfer zu su­chen. Sie waren seitdem nicht mehr zurückgekehrt.

Ómer hob den Kopf und lauschte angestrengt. Durch das dicke Mauerwerk drang kein Laut von den Ausein­andersetzungen zu ihm herab. Das letzte, was er gese­hen hatte, als ihn die Wachen aus seinem eigenen Speisesaal führten, waren die über den überra­schenden Tod ihres Herren wütenden und verwirrten Soldaten des Regno ge­wesen, die sich selbstmörderisch auf die Palastwache und auf Paşa Ultem und seine Männer, die sie für die Untat verantwortlich machten, stürzten. Ómers Ge­danken gingen zu dem unglücklichen Raul. Wenn den Herrscher über die mächtige Lamargue nicht der Schlagfluss ge­troffen hatte, weil er zu viel aß und trank, dann hatte ihn jemand ermordet. Wer konnte dafür verantwortlich sein? Seine Frau Dora Kahlja und seine beiden Söhne würden nach dieser Untat nicht einfach zum Alltagsgeschäft übergehen, sondern die Köpfe der Verantwortlichen fordern. Wer also profitierte vom Tod des Bären und dem nun unvermeidlichen Krieg zwischen der Lamargue und Karukora?

Wer auch immer das getan hatte, er hatte bei Ómer eine letzte Hoffnung erweckt: Vielleicht kam ja in diesem Scharmützel im Speisesaal, das die Garde des Regno nicht ge­winnen konnte, weil sie zahlen- und waffenmäßig voll­kommen unterlegen war, auch der „Unterwerfer“ um. Das konnte doch im Eifer des Gefechts schon mal pas­sieren. Dann käme doch noch sein ungeborener Enkel an die Macht. Er hoffte nur, seine Tochter Eóra hatte sich in Sicherheit bringen können. Und vielleicht konnte sie überzeugend darlegen, nichts von dem Verrat ihres Va­ters gewusst zu haben, was übrigens ja nach Ómers Meinung auch der Wahrheit entsprach. Er hatte nie­mals mit seiner Tochter über seine Pläne gesprochen. Dann bestand doch noch alle Hoffnung, das eines Tages ein Namenloser aus dem Geschlecht der Sud den Fal­kenthron betrat – den Eóra noch unter ihrem Herzen trug.

Die Zellentür wurde quietschend geöffnet und riss den so tief Gefallenen aus seinen rosigen Träumen. Drei Schemen traten her­ein, die nicht hätten unterschiedlicher sein können. Ei­ner von ihnen brachte eine Laterne mit in das düstere, fensterlose Gefängnis. Nachdem sich Ómers Augen an die plötzliche Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte er die drei. Es waren sein Todfeind Radik Emre, der wahrscheinlich gekommen war, um ihn zu verhöhnen und sich an seinem erbärmlichen Anblick zu weiden, sein Diener Muhar und … seine hochschwangere Tochter Eóra! Sie hatte viel geweint, aber nun waren ihre Tränen getrocknet und ein entschlossener Aus­druck, den Ómer an ihr nicht kannte, lag auf ihrem Ge­sicht.

Der entmachtete Vezir richtete seinen Oberkörper stolz auf und reckte seine Adlernase in die Höhe.Wie war sie ausgerechnet in die Gesellschaft dieser beiden Männer geraten? Ihm kam ein ungeheuerlicher Ver­dacht. Doch noch wollte er ihn nicht wahrhaben. Statt­dessen erkundigte er sich zuerst nach dem Verlauf der Kämp­fe im Speisesaal. Der Seneschall antwortete:

»Sie sind vorbei. Es war ein schreckliches Blutbad, aber die Treuwächter waren siegreich und haben fast alle der Barbaren des Regno erschlagen. Nur noch we­nige sind auf der Flucht, doch sie werden den Palast nicht lebend verlassen. Sie sind ein merkwürdiges Volk, diese Lamarger. Stolz, aber dumm.«

»Sie wollten ohne ihren geliebten Regno nicht mehr leben. Was ist daran dumm? Ach ja, da fällt mir ein: Wie geht es denn dem Namenlosen?«

»Dem „Unterwerfer“ – alle Daimona des Himmels und der Erde und des Wasser singen von seiner Macht – wurde kein Haar gekrümmt. Der Allerbarmerin sein Dank.« Radik, der, wie Ómer erst jetzt bemerkte, tat­sächlich an seinem Turban den Edelstein des Vezirs trug, machte eine Pause, die er sichtlich genoss.

»In seiner grenzenlosen Güte hat übrigens der Na­menlose mich zu seinem treuen Vezir erhoben.«

»Nun«, Ómer lächelte sardonisch und bleckte dabei seine braunen Zahnstummel, »die Geschichte lehrt uns eines: Personalentscheidungen waren noch nie die Stärke der Bişra. Aber ich gratuliere dir. Deine jahre­langen Schmeicheleien wurden endlich belohnt. Wie fühlt es sich an, bis zur Schulter im Arsch des Namenlosen zu stecken?«

Radik ging großzügig über diese Beleidigung hinweg.

»Meine erste Amtshandlung war es selbstverständ­lich, dich wegen deines Verrates zum Tode zu verurtei­len, Ómer Sud«, flötete er zufrieden mit seiner hohen Kastra­tenstimme und Eóra seufzte auf. »Doch der Namenlose, dessen Barmherzigkeit seinem Volk milde ins Herz scheint, hat Gnade gezeigt. Du wirst nur die Hand verlieren, die du gegen deinen Herrn erhoben hast und den Rest deiner traurigen Tage als Rudersklave auf der „Schlafwandler im Gar­ten der Düfte“, der Flussgaleere des „Unterwerfers“, verbringen. Du kannst dich glücklich preisen, denn so bleibst du in der Nähe deines göttlichen Herrschers und seiner liebsten Gemahlin, die ihm bald einen Sohn gebären wird.“

Für Ómer war es an der Zeit, der Wahrheit in das ver­weinte, feiste Gesicht zu sehen.

»Dann warst es also doch du, die mich verraten hat, Eóra? Warum hast du das getan?«

»Weil ich meinen Gemahl liebe und er mich liebt, Va­ter«, flüsterte die junge Frau fast unhörbar. »Mein Bişra ist der Stern meines Lebens und mit ihm gemein­sam werden ich und unser Sohn über das Juwel der Wüste herrschen.«

Ómer lachte und bekam einen Hustenanfall. Die feuchte Zelle war seiner angegriffenen Gesundheit nicht gerade zuträglich. Wenn ihn Radik hier für län­gere Zeit verfaulen ließ, dann würde dem ehemaligen Vezir die Qual eines Galeerensklaven erspart bleiben. Wie grotesk doch die Fäden des Schicksals gewoben waren. Einmal in ihrem Leben hatte sich Ómers Toch­ter als seiner würdig erwiesen und gezeigt, dass sie eine echte Sud war. Ausgerechnet er selbst hatte dies zu spüren bekommen.

Als sich sein Atem wieder etwas beruhigt hatte, nick­te er mit hochrotem Kopf Muhar zu.

»Du hast ihr dabei geholfen, nicht wahr? Von dir hat Eóra davon erfahren?«, fragte er, überzeugt, dass er ins Schwarze traf. Der Stumme wollte zuerst zu einen Zet­teln und dem Stift greifen, aber dann senkte er einfach den Kopf.

»Ja, ich sehe schon. Das ist endlich deine Rache, weil ich dir die Zunge nahm. Ich gestehe, Muhar, ich habe dich unterschätzt. Ich bin blind in deine Falle gerannt. Nun. Dann weide dich an meinem Unglück, solange du es noch kannst. Es werden andere Tage kommen. Auch dein Schicksal wird sich wieder wenden, das prophe­zeihe ich dir. Karak‘Ora gesta wides, ma setre kobra Que. Karukora gibt reichlich, aber noch mehr nimmt es«, zitierte er ein altes wendisches Sprichwort.

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[Zur Fortsetzung …]

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