Aber ein Traum …

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Montag, 23.09.19 – Rückmeldung

Montag, 23.09.19

So lasst mich denn erneut beginnen …

Dann ist es also nach diesem langen Sommer doch noch Herbst geworden. Am Morgen liegen zähe Nebelschwaden auf den Schmutterwiesen und die frühe abendliche Kälte treibt einen von der Terrasse des Altweibersommergartens ins düstere Haus hinein, in dem auch schon ein-, zweimal der Holzofen seinen Dienst aufgenommen hat. Die Wetteraussichten: Mies, es soll die ganze Woche regnen. Überall hat längst die Sommerpause begonnen: Alle sind längst aus ihrem Urlaub zurück (wenn sie nicht mit Thomas Cook geflogen sind), Lehrer und Schüler sind endlich wieder zumindest wochentagstags in die Klassenzimmer weggegeräumt, die Kühe sind von der Alm und die Politiker haben ihr Alltagsgeschäft, mit viel Geschrei wenig zu tun, wieder aufgenommen und Lebkuchenpakete sprießen wie die Pilze im Wald aus dem Boden der Supermärkte. In den Restaurants erscheinen Kürbissuppen im Tagesangebot, die Shortlist für den deutschen Buchpreis ist online und auch für mich wird es Zeit, meine Blogauszeit zu beenden. Auch wenn es mir diesmal sehr, sehr schwer fällt.

Oh, danke der Nachfrage, es war sehr schön in den letzten zwei Monaten. Frau Klammerle und ich sind auf einige Berge gestiegen und haben Städte besichtigt, genossen la dolce vita in einem Weingut am erstaunlich touristenfreien italienischen Iseosee und haben eine halbe Bibliothek leergelesen, gut gegessen und gekocht und die eine oder andere Flasche Wein geöffnet. Ich habe einen alten Roman (Nutzlose Menschen) überarbeitet, ihn unter Ausschluss der Öffentlichkeit „veröffentlicht“(1) und freilich auch an meinen anderen Projekten gefeilt. Wenn ich ausnahmsweise einmal ehrlich bin: Überanstrengt habe ich mich nicht und eigentlich könnte es so weitergehen, lesend, wandernd, schreibend, faulenzend, genießend. Jedoch ist der Mensch ein soziales Wesen und ich fühle mich schon ein wenig von meinem Umfeld (Frau Klammerle, die schon seit Wochen wieder arbeitet) bedrängt, das die Erwartung hat, dass ich endlich wieder mit meinem Alltag zu beginne, mit meinem Brotberuf zum Lebensunterhalt beitrage, Hausarbeiten erledige und das soziale Leben wieder aufnehme. Sie hat ja recht …

Darum ein seufzender Blick zurück ins Tal und dann sei mir herzlich auf meinen Seiten willkommen, mein lieber unbekannter Leser; egal, ob du zum Inventar gehörst oder mich neu entdeckt hast. Hier beginnt eine neue Staffel mit neuen Gedankensplittern, neuen Texten und neuen Ausszügen aus meinen Büchern. Vielleicht hat ja der/die eine oder andere Lust, mich auf meinem langen, steilen und überaus steinigen Abenteuerpfad hinauf in den Olymp der Literatur ein paar Höhenmeter zu begleiten. Ich würde mich freuen.

Wir lesen uns.

PS. Und keine Sorge, ich überanstrenge mich schon nicht. Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Die nächsten Ausflüge ins Lechtal und vor Allerheiligen nach Südtirol sind schon fest eingeplant, falls es meinem alten Stinker-Diesel noch einmal gelingt, sich durch den TÜV zu mogeln.

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(1) Ich weiß, hier habe ich einen Satz veröffentlicht, der zweimal „veröffentlicht“ enthält. Es ist an der Zeit, es hier öffentlich der Öffentlichkeit zu sagen: Ich bin kein Deutschlehrer. Sollte einer dieser strengen Zunft unter meinen Lesern sein (ich will es bezweifeln), so darf er den Satz ruhig mit Rotstift unterstreichen und ein großes „A“ an die Seite seines Bildschirms schreiben – der Korrekturrand meiner Aufsätze waren immer voller „A“, daran bin ich gewöhnt. Ich glaube aber, dass nur Deutschlehrern Wortwiederholungen auffallen.

Nachdenken über meinen Blog

Tja, lieber Leser, du hast es sicher auch bemerkt. Es ist November … deshalb verzeih mir diesen Text. Im November, besonders wenn man anschließend auf eine Beerdigung muss, darf ich das.

Omne animal post coitum triste, behauptet ein Aphorismus aus dem 18. Jahrhundert, der fälschlicherweise Aristoteles untergeschoben wurde. So weit würde ich zwar aus eigener Erfahrung nicht gehen, aber eines stimmt – zumindest bei mir: Nach dem Bücherschreiben der Autor traurig. Seit einer Woche ist mein neuer Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ im Buchhandel erhältlich und ich warte ungeduldig auf eine Reaktion meiner eingebildeten Leser – doch es kommt keine. Der Schriftsteller ist einer, der glaubt, es würden alle so aufgeregt wie er selbst auf sein neues Buch warten. Doch er lügt sich in die Tasche, jeden Tag und mit jedem Buch aufs Neue. Auf die „Wahrheit“ wartet niemand und ich bin bislang der einzige, der meinen Roman gelesen hat.

Jammer, jammer … du weißt schon, der traurige Autor. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Ich versuche es mal so: Die Zeitumstellung ist vorbei und die Nächte und meine Dämonen haben vor drei Wochen an Sanhaim nicht wie vorher schleichend, sondern mit einem Handstreich den Abend erobert. Mein Brotberuf zwingt mich im Dunkeln aus den Federn und ich kehre erst heim, wenn es wieder dunkel ist. Nicht, dass ich dabei allzu viel Sonnenlicht versäumen würde; denn hier, in unmittelbarer Nähe der Donau, liegt bei Hochdrucklagen den ganzen Tag ein zäher, grauer Nebel über der Landschaft und er lässt sich nur selten und nur für wenige Stunden vertreiben. Es ist eben ein typischer November hier, vielleicht ein wenig zu trocken, aber ebenso trist und deprimierend, wie er das seit meiner Kindheit in jedem Jahr ist. Und im November sterben die Menschen.

Jammer, jammer … ihr wisst schon, der traurige Autor. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Vielleicht so: Es ist leicht, über das Internet zu schimpfen und ich suche auch fast täglich nach den Gründen (außer meiner Ruhmsucht und Selbstverliebtheit), aus denen ich drei- bis viermal in der Woche meine Literatur und meine Gedanken blogge. Mein Brotberuf erlaubt mir zwar eine gewisse Freizeit; doch dieser selbstgewählte, aber nach sechs Jahren bloggen ein fröhliches Eigenleben führende Zwang, mich hier auf diesen Seiten einer eingebildeten Öffentlichkeit zu prostituieren, nimmt viel zu viel meiner Zeit in Anspruch, die ich lieber mit Frau Klammerle, Freunden oder einem Buch verbringen sollte. Denn meine Prosa lesen, das habe ich in den sechs Jahren, in denen ich meinen Blog führe, gelernt, lesen, das macht im Internet niemand (Es gibt eh von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen, die das tun. König Literatur ist tot, es lebe Königin Netflix-Serie). Denn eigentlich – da sind wir uns hoffentlich einig, lieber Leser, den ich mir immer einbilde, ist Literatur (außer kurzer Lyrik) nicht für dieses schnelllebige und nach der nächsten Sensation gierende Medium gemacht. Die modernen Menschen haben die Aufmerksamkeitsspannen von Essigfliegen(1) und ich bin mir sicher, dass auch diese Ausführungen schon viel zu lang sind, um mehr als einen kurzen, überfliegenden Blick von den Besuchern deines Blogs zu bekommen.

Jammer, jammer …

Dennoch möchte ich das Internet mit seinen unzähligen Möglichkeiten und meinen eigenen Blog nicht mehr missen, sie haben nicht nur die Gesellschaft, sondern auch meine kleine Welt vollkommen verändert: Meine Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Internet war meine ganz persönliche Revolution, meine „Renaissance“. Danach war meine Erde eine Kugel und drehte sich um die Sonne. Ich bin vielen, vielen Menschen begegnet, mit denen ich offline niemals in Kontakt gekommen wäre und die mir – im Guten wie im Schlechten – weiterhalfen. Manche – wenige, aber immerhin – von ihnen darf ich inzwischen als Freunde bezeichnen. Ich schätze, dass gut die Hälfte meiner Leser mich zuerst online entdeckte. Ohne den Blog wiederum würde ich vor mich hin privatisieren, tausend Texte und Geschichten beginnen und nichts zuende bringen. Diese Seite gibt mir Halt und Führung, presst eine Struktur in mein Leben, denn sie zwingt mich an jedem Tag, für meine eingebildeten Leser, die alle wissen wollen, wie es mit meinen Figuren oder mit mir weitergeht, zu schreiben. Meine Romane hätte ich ohne die Ordnung und die Termine, die mein Blog mir auferlegt, niemals fertiggeschrieben. Bin ich deshalb ein „Online-Autor“, was immer das auch bedeutet? Eher nicht, denn alle meine Texte entstehen zuerst auf dem Papier und werden – wenn überhaupt – auch eher in Buchform als als E-Book konsumiert. Aber klar, Sucht spielt hier eine Rolle, die Meinung, man würde etwas versäumen, wenn man auf seiner Terrasse in der Sonne sitzt. Der Griff zum Smartphone und der Kontrollblick, ob jemand etwas erwiderte, den Blog besuchte oder dort ein „Gefällt mir“ hinterließ, eine kaum kontrollierbare, lästige und schlechte Gewohnheit, die mir manchmal wie das Kratzen an einem juckenden Ausschlag erscheint. Manche haben Heroin, Zigaretten, Alkohol, manche ihren Fernseher, ich habe das Internet … Meine Sucht kann ich mir aber auch schnell wieder abgewöhnen kann, wenn Vodaphone zickt oder ich gerätelos in den Urlaub fahre.

Das Leben allerdings, da gebe ich dir völlig recht, ist anderswo – an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Nicht hier in Augsburg, nicht im November. (2)

Liebe Grüße, Nikolaus

Dies ist kein informelles Gemälde meines Freundes Norbert Kiening, sondern der eben abfotografierte Himmel über Augsburg.

 


(1) Sohn Nr. 1, der Biologe, hat vor ein paar Jahren in Oxford an Essigfliegen geforscht. Sie können sich knapp zwanzig Sekunden daran erinnern, dass irgendwo eine Gefahr droht, dann haben sie es wieder vergessen und fliegen erneut in sie hinein. Zwanzig Sekunden, hm … eigentlich ganz schön lang. Ich muss mein Urteil revidieren. Die Aufmerksamkeitsspanne eines modernen Menschen ist schlechter als das einer Essigfliege. Übrigens: Sohn Nr. 1 ist in der Lage, durch reines Betrachten das Geschlecht einer Essigfliege  zu bestimmen. Aber das wirklich nur nebenzu.

(2) Aber zum Glück bäckt Frau Klammerle nächstes Wochenende wieder Weihnachtsplätzchen und Lebkuchen. Das wird mich retten.

Wake me up when September ends! (Eine sommerliche Blogpause)

Die Bayerische „Rockantenne“ gehört zu den wenigen Sendern, die ordentliche Musik spielen (auch wenn sie auf dem Blues-Auge blind sind). Leider ist ihr Programm zumindest tagsüber recht eingeschränkt und es ertönen immer wieder die gleichen Songs. Damit unterscheiden sich sich kaum von den anderen Stationen, aber es ist immerhin größtenteils Rock, der da in Heavy Rotation läuft und nicht irgend ein Helene-Fischer-Xavier-Naidoo-Hiphop-Rhianna-Scheiß. Gelegentliche Fehlgriffe wie die neuen Trallala-Pop-Liederchen von den Toten Hosen (Tage wie diese) seien ihnen verziehen.

Man sollte den Redakteuren aber vielleicht einmal verraten, dass Frank Zappa auch andere Lieder als Bobby Brown einspielte, Pink Floyd mehr als Another Brick in the Wall kann, Alice Cooper auch andere Songs als School’s out und Poison hat und AC/DC-Stampf auch bei der hundertsten Wiederholung nicht besser wird. Nightwish jodeln gefühlt alle zehn Minuten Nemo, dann ertönt Lady in Black. Und wenn ich Sonntagmorgen beim Frühstück noch einmal Hotel California oder Behind Blue Eyes – beides eigentlich schöne Titel – höre, schmeiße ich mich aus dem Küchenfenster im Erdgeschoss. Auch ist es wenig sinnvoll, im Februar The Boys of Summer oder von Green Day Wake me up when September ends zu spielen. Obwohl mein jüngerer Sohn behauptet, von letzterem bekäme er immer Kopfschmerzen, ist das eigentlich ein nettes und auch sehr trauriges Lied, aber die Dauerschleife, in der es gespielt wird, nervt wirklich.

Warum erzähle ich euch das alles? Weil ich Lust dazu habe und weil ich und mein Blog jetzt endlich die verdiente und längst angekündigte Sommerpause machen, ‚till September ends. Um meinen 92jährigen Herrn Vater zu zitieren: „Es muss auch mal gut sein. Alles ist nur eine Weile schön.“

Ich lasse die Arbeit hier bis Mitte oder Ende September vollständig ruhen und schreibe offline meinen Roman „Der Weg, der in den Tag führt“ zuende, der im Winter erscheinen soll und das Prequel zu meiner Fantasy-Saga „Brautschau“ abschließt. Ich werde meinen Garten pflegen, cool in Biergärten chillen, mit Freunden grillen(1), faulenzen und in der Sonne liegen, dicke Bücher lesen, Nächte durchdiskutieren und mich in der Schnapsbrennerei versuchen. Dann mache ich noch Urlaub in Österreich, wandere mit Frau Klammerle im Tannheimer Tal und am Dachstein herum, wellnesse mit ihr dazwischen in einem Schilcher-Weingut in der südlichsten Südsteiermark. Ich werde acht Wochen lang keine neuen Artikel mehr veröffentlichen. Vergesst mich nicht vollkommen in dieser langen Zeit.

Diejenigen unter euch, die es ohne mich nicht aushalten, findet auf meiner Texte/Kontakt-Seite seit kurzem die Links zu meinen literatischen Texten im Blog und kann mir dort auch eine E-Mail schreiben, die ich selbstverständlich beantworten werde. Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn ihr den Mut aufbringen würdet, den Gegenwert eines Kaffees oder einer Pizza investieren und ein Buch von mir erwerben würdet – es vielleicht sogar irgendwo bewertet.

Ich grüße die zufällig auf meine Seiten stolpernden Gäste, meine Follower und Freunde, die mich hier trotzdem besuchen kommen. Ich wünsche uns allen einen wundervollen, sonnigen, erfrischenden und erholsamen Sommer voller Einsichten, Genuss und Erfahrungen.

Ich werde Kraft und Ideen sammeln und melde mich wieder zurück, wenn der September endet. Weckt mich bitte nicht vorher.

Liebe Grüße,

Eurer Nikolaus Klammer

Vielleicht begegnen wir uns ja zufällig auf einem einsamen Wanderweg hoch über der Welt …


(1) … komm doch einfach bei mir vorbei, wenn dir danach ist und du in meiner Nähe bist.

In the Summertime

SUMMERTIME

In diesem Jahr kamen die Mücken spät, erst Mitte Juli. Wie die Wespen sind sie auffallend klein, aber aggressiv. Zielsicher finden sie die eine Stelle, die ich nicht mit Autan besprühte oder stechen gleich durch die Kleidung hindurch. Auch ihr Gift scheint gemeiner zu sein; die betroffene Hautpartie juckt ewig. Allerdings sind durch die häufigen Gewitter die Gelegenheiten eher selten, den Abend mit wohligem Ennui auf der Terrasse zu verträumen. Darum hält sich das Mückenproblem in Grenzen.(1) Man muss nur die Türen und Fenster geschlossen halten, damit sie einem nicht die Nachtruhe rauben. Aber das fällt bei den Abendtemperaturen leicht, die sich zielgerichtet dem Nachtfrost nähern. Ich habe schon überlegt, ob ich einheizen soll. Dafür schießen im dampfigen Morgennebel der seltenen wärmeren Tagen die Schwammerl aus dem Boden. Auch wenn ich nur selten Essbare finde. Aber Fliegenpilze sind auch viel hübscher anzusehen als Steinpilze.

Die Terrasse – mal wieder in nachmittäglichem Gewitterregen …

Die Idee zum folgenden Text hatte mein Freund Peter S., der meinte, ich solle doch mal über die sommerlichen Mückenabende  schreiben. Er sagte, er sei eben erst Rentner geworden und er habe deshalb wenig Zeit. Aber meine Bücher und meine Texte würde er auf jeden Fall noch lesen, spätestens im nächsten Jahr, mit seinem neu erworbenen Tablet auf seiner Terrasse. Nur wenig später wurde bei ihm ein besonders bösartiger Krebs diagnostiziert. Er starb wenig vor Weihnachten. Diesmal ist es ein trauriger Rückblick für mich.

*

Heute habe ich keinen Grund, mich aufzuregen. Es war eine schöne Woche: Die Arbeit ging leicht von der Hand und ich musste mich dabei auch nicht überanstrengen. Das Wetter ist sommerlich, aber die Temperaturen in angenehmen Alt-Herren-Bereichen. Kurz, um es mit George Gershwin zu sagen (Alle dürfen jetzt mitsingen. Ich bevorzuge allerdings die Fassung von Janis Joplin):

Summertime,
And the livin‘ is easy
Fish are jumpin‘
And the cotton is high

Your daddy’s rich
And your mamma’s good lookin‘
So hush little baby
Don’t you cry …

Also, es gibt keinen Grund zum Schreien. Allerdings sind da jene Mistviecher, die abends über meine Gartenterrasse herfallen und die Ruhe des Autors nach dem Sturm empfindlich stören, der gemeinsam mit Frau Klammerle bei Kerzenlicht an einem Glas Pfälzer Rosé nippt (Cuveé Tabernus – sehr empfehlenswert! Den gibt es inzwischen auch als 5-Liter-Karton; das hält eine Weile vor), dabei den geschmacklos altrosafarbenen Phlox beim Blühen bewundert und wertvolle Aphorismen für die Nachwelt (und seinen Blog) erdichtet.

Diese Plagegeister sind zum einen Teufels Beitrag zur Schöpfung –  jene weiblichen Mückenvampire, die sich durch das feuchte Klima der letzten Monate explosionsartig vermehrten, in überaus durstigen Wolken das Mondlicht verdunkeln und sich auf uns herabsenken und juckenden Blutzoll fordern, die anderen sind seltsame, fett brummende und ungelenke Juli- oder Augustkäfer von Daumennagelgröße, deren Hobby es scheint, mit voller Wucht gegen mein Panoramafenster zu knallen und dann wie besoffen weiterzutaumeln. Gibt es die überhaupt – Augustkäfer? Vielleicht sind es auch amerikanische Spionagedrohnen, die ein paar meiner weltbewegenden Gedanken abfangen wollen. (Seit kurzem folgt den Artikeln auf meinem Blog ein amerikanisches Modemagazin. Ob das irgendwie zusammenhängt?)

Als würden die neugierigen Blicke der Nachbarn schräg gegenüber nicht schon reichen. Immerhin steht jetzt die Goldrute so hoch, dass sie zum Spannen in den ersten Stock gehen müssen …

Gegen die Mücken hilft nur die Chemiekeule. Vergesst die Hausmittelchen wie Citronelladuftkerzen, mit Nelken gespickte Orangen und stinkende Weihrauchpflanzen – es sei denn, Ihr wollt es im Sommer einen Hauch weihnachtlicher – und verschwendet euer Geld nicht für Ultraschallpfeifen, Elektrofallen und ähnlichen, wie Frau Klammerle das ausdrücken würde, Schnickschnack. Schutz bietet allein DEET. Allerdings riecht man und frau danach klebrig nach Büffel, was der leichten Sommerliebe und den Trieben abträglich, aber immerhin: Die großen Schnaken (auf gut Günzburg-Schwäbisch formuliert: Uz Schnookn hans han!) stechen nicht. Trotzdem umschwirren sie weiterhin wütend sirrend meine Ohren und stoßen mit den Julikäfern zusammen, verbrennen sich gemeinsam die Flügel an der Kerze und landen zischend und nach Hühnchen riechend im heißen Wachs. Die Chemie gelangt zwangsläufig an die Lippen und das Gift in den Wein, der sich in eine ungenießbare Azeton-Lauge verwandelt.

Aber, wie gesagt: Die Fische springen, und Jerry Cotton(2) ist high.

Himmlische Ruhe herrscht auf einer sommerlichen Terrasse.

Wäre da nicht der Nachbar hinter der drei Meter hohen Thujahecke, der jetzt sofort, dringend, auf der Stelle, es muss einfach sein, geht nicht anders, den Rasen mäht und die laut vibrierende Heizungsanlage von den alten Leuten gegenüber, die sich in regelmäßigen Abständen einschaltet und unnötigerweise einen Boiler aufheizt. Und die Jugendlichen, die ihre aufgebohrten Maschinen hinten am Spielplatz testen und der IC nach Ulm und die dicken Lastwägen, die den Müller-Joghurt vom Nachbarort (der ja laut Werbung im Allgäu liegt) aus in alle Herren Länder transportieren. Und die Altherrenmannschaft vom TSV Diedorf spielt in schwarz-gelben Wespentrikots hinten auf dem nahen Sportplatz laut umjubelt gegen den FC Bieselbach(3). Der Nachbar zur Linken ist inzwischen in seinem Strandkorb – man gönnt sich ja sonst nichts – sanft entschlummert und sendet seine balzenden Schnarchgeräusche herüber. Jetzt schleimen auch endlich die Nacktschnecken auf ihrem Abendspaziergang zum Pflücksalat quer über den Terrassenboden. Sie machen wenigstens keinen Lärm dabei.

Beruhig dich, kleines Mädchen, es gibt kein‘ Grund zum Schrei’n.

Was für eine Sommernacht.

Heute hatte ich wirklich keine Veranlassung, mich aufzuregen …

Falls jemand von euch diese oder ähnliche Erlebnisse aus meinem aufregenden Leben auch an Orten lesen möchte, bis zu denen das Internet nicht hinreicht, also irgendwo im Amazonas-Dschungel, an einem gottverlassenen thailändischen Strand oder einfach in Niederbayern, dann kann ich mein Buch „Noch einmal davon gekommen“ empfehlen, das voll dieser Geschichten ist und sich als ideale Urlaubs- und Ferienlektüre anbietet.


(1)  Den letzten Sommerurlaub verbrachten wir im Chianti. Dort wütet die kleine Tigermücke, die ein paar eklige Krankheiten überträgt und dazu nicht nur nacht-, sondern auch tagaktiv ist und einen schon beim Frühstück quält. Selbst DEET hilft gegen diese Miniaturmonster kaum und ihre Stiche jucken furchtbar. Da kommt noch was auf uns zu mit der Klimaerwärmung. Dagegen ist unsere einheimische, schwäbisch-Diedorferische Mücke ein harmloses Insektchen.

(2) Kennt den edlen und tapferen G-Man vom FBI eigentlich noch einer? Ab den 60ern erlebte er in unzähligen Heftchenromanen wilde Verbrecherjagden in N.Y., half seinem minderbegabten Kollegen Phil Decker aus der Patsche, kriegte in jeder Folge das Mädel ab und wirbelte lässig auf den Absätzen herum, während er seine Browning aus dem Schulterhalfter riss, um dem bösen Kerl ein drittes Nasenloch zu stanzen. Abends fand er dann noch die Zeit, bei einem Highball als Ich-Erzähler seine Erlebnisse aufzuschreiben. Es gibt auch ein paar unsägliche Sechziger-Jahre- Verfilmungen mit dem an Mädels nicht allzu interessierten George Nader; in denen groteskerweise München so tut, als läge es an der amerikanischen Ostküste.

Ein Jerry-Cotton-Heftchen reichte genau einen öden Schulvormittag lang und konnte gut versteckt unter einem aufgeklappten Schulbuch unter der Bank gelesen werden, ohne dass der Lehrer misstrauisch wurde.

(3) Die Ortschaft gibt es wirklich; sie liegt im idyllischen Zusamtal zwischen Horgau und Zusmarshausen und hat als einzige Sehenswürdigkeit einen spätgotischen Holzaltar. Die letzte aufregende Zeit erlebten die Bieselbacher im Mai 1648. Da fand dort die letzte große Feldschlacht des Dreißigjährigen Kriegs statt, die auf deutschem Boden ausgetragen wurde. Ach, ja, beim Bieselbacher Fischer hole ich mir immer meine frischen Lachsforellen, wenn ich grillen will. Im Moment ist Bieselbach mit dem Auto leider nicht zu erreichen, weil die Ortsstraße renoviert wird.

Meine unwürdigen Lektüren

Die österreichische Literaturzeitschrift VOLLTEXT [1] führte eine Zeit lang die hübsche Kolumne Unwürdige Lektüren. In ihr wurde bei verschiedenen Autoren nachgefragt, für welchen Lesestoff sie sich so schämen, dass sie  ihn am liebsten verschweigen würden, weil er ihrer unwürdig sei.

Sieht man sich einmal bei Amazon die Liste der meistgelesenen E-Books an, welche – da das Cover nie sichtbar – man ja praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit  lesen kann, wird der Begriff unwürdig deutlicher. Mir richten sich immer wieder die Nackenhaare auf, wenn ich sehe, welche Art von Büchern von der Mehrheit gelesen werden. Da die meisten Besitzerinnen von E-Book-Readern Frauen [2] sind, sind es vor allem seichte, vorwiegend in der Provence spielende Liebesromane (damit man Lavendelfelder auf dem Titelblatt abbilden kann), sado-masochistische Unterwerfungsphantasien, Vampir-Fantasy und ab und an mal ein dicker Gesellschaftsroman oder ein blutiger Thriller. Zwischendurch taucht mehr oder weniger explizite Pornografie auf (Auch ein paar Männer besitzen E-Book-Reader).

Bei uns Autoren ist das anders. Bei uns ist es nicht die Unwürde unserer Lektüren, sondern die Art des Konsums derselben, über die zu schreiben uns eigentlich die Scham Stille auferzwingen müsste. Schriftsteller gehören in aller Regel zu den Gargantuas und Pantagruels der alles verschlingenden, wahllosen Viel- und Allesleser, auch wenn ihnen manches sauer aufstößt, im Gedärm grummelt und sie um die Nachtruhe bringt. Sie sind keine Gourmets, die kleine, übersichtliche Portiönchen von diesem und von jenem Wohlzubereiteten delektieren und sich bei einem kleinen Gläschen Wein an schmackhaften phantasievollen Häppchen erfreuen. Wir Autoren sind Säufer und Fresser, oft kannibalische Carnivoren, die jeden noch so verqueren Textbrocken mit wohligem Stöhnen und ohne Kauen in uneren Schlund stopfen und flüssig geschriebenes literweise hinterherkippen, um alles halbverdaut über unserem eigenen Werk zu erbrechen oder defäkieren. Wir sind krank, wir haben „Bücher“.

Noch immer gilt der Satz: „Wer ein Buch schreiben will, sollte vorher eintausend Bücher gelesen haben.“ [3]

Um dieses Flüssige, das die Kehle für den Anspruch schmiert, geht es mir heute; um meine Gute-Nacht-Lektüre. Robert Musil zum Beispiel, Heimito von Doderer, David Foster Wallace [4] oder Thomas Pynchon lesen sich nicht gut im Liegen, sie haben „Aufrecht-Sitzen-und-aufmerksam-und-andächtig-in-ihnen-lesen“-Bücher geschrieben. Das liegt nicht nur am Gewicht der Tausend-Seiten-Wälzer, durch das jeder kurze Halbschlaf und ein damit einhergehendes Erschlaffen der Armmuskulatur zur Todesfalle werden können, sondern auch an den gewichtigen Inhalten. Man sollte im Bett nichts Schweres konsumieren. [5]

Man schlägt das Buch auf. Sein Schatten schwebt wie ein drohendes Damoklesschwert über dem von des Tages Müh‘ und Last ermattet in die weichen Pfühle gesunkenen Haupt. Der Bucheinmerker – wenn er nicht wieder herunter gerutscht und verloren ist – hilft wenig. Man muss zurückblättern. Wer war schon wieder diese Agathe und von welcher Begebenheit redet sie da, verd … Habe ich das wirklich schon gelesen? Nach zwei Seiten verheddert sich der eh schon viel zu komplexe Inhalt mit den eigenen wirren Gedanken. Man liest einen Absatz dreimal und weiß immer noch nicht, was ihn ihm steht und … Wo war ich?

Nacht

Frau Klammerles Nachtkästchen.

Nein. Das geht einfach nicht. Auf der anderen Seite habe ich einfach noch Lust auf einen Mitternachtsimbiss. Mich hüngert nach dem einen oder anderen Lektürebrocken. Auch wenn ich es am nächsten Morgen auf der Waage bedauere. Auf diese Weise kommen meine Unwürdigen Lektüren ins Spiel. Es sind die Bücher, die auf meiner Leseliste nicht erscheinen und doch einen nicht unbeträchtlichen Teil dessen ausmachen, was ich an Geschriebenem konsumiere. Es sind Comics, die ich hier vielleicht noch als anspruchsvolle „Graphics Novel“ verkaufen könnte oder – hauptsächlich – triviale Science Fiction; Star-Trek-Bücher und Perry Rhodan, der Erbe des Universums.

Gerade ein Rhodan-Heft (in beiden Bedeutungen schön leicht und handlich) ist meine ideale Bettlektüre. Da meine Glossen und Texte nicht gelesen werden, kann ich hier mir selbst die Unwürdigkeit dieser Lektüre gestehen. Ich war ungezählte Male mit Gucky, dem Mausbiber, Atlan, dem Einsamen der Zeit, mit Icho Tolot, dem Haluter, und Alaska Saedelaere, dem kosmischen Menschen [6],  in, neben, unter und zwischen dem Universum unterwegs. Ich habe sogar schon einmal zum Privatvergnügen eine eigene Art Perry-Rhodan-Roman geschrieben, um zu sehen, ob ich so etwas im knappen Zeitrahmen von einer Woche kann. [7] Die inzwischen auf über 2900 Bände angewachsenen Heftchenromane und die dazugehörige, unübersehbare Menge an Taschenbüchern, Hörspielen und Computerspielen, die seit über 50 Jahren von einem Autorenkollektiv herausgegeben werden, sind beim besten Willen für eine Einzelperson nicht mehr alle lesbar und schwanken in ihrer Qualität zwischen gut gemachter Genreliteratur und „Geht überhaupt nicht“. Die Geschichtenzyklen der jüngeren Autorengeneration halten sich aber oft im oberen Mittelfeld auf. Auf einen Neueinsteiger wird die Perry-Rhodan-Welt mit ihrer Pseudophysik und ihren endlosen Handlungssträngen (Man ist ja zum Glück „unsterblich“) so komplex wie ein Heideggertext wirken, allerdings ist sie weit weniger bedeutend. Deshalb haben die Autoren der Serie einen Neustart verpasst, die „Neo-Reihe“ für die nächste Generation. Alles gibt es inzwischen selbstverständlich auch als E-Book. [8]

Ich betone: Ich lese das alles nur, damit ich satt und zufrieden einschlafen kann – nicht, weil es mir gefällt. Das würde ich nie zugeben…

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[1] VOLLTEXT (volltext.net) erscheint einmal im Quartal. In ihr kommen weniger die Kritiker, als die Autoren selbst zu Wort. Dadurch ist diese Zeitung wesentlich innovativer, origineller und interessanter als die einschlägigen deutschen Glanzlack-Magazine, die mir als Überzeugungstäter und Bücher-Abhängigen hartnäckig einreden wollen, wie viel Spaß doch Lesen mache. Felix austria.

[2] Im Gegensatz zum Kritisieren ist das Lesen heutzutage reine Frauensache.

[3] Vielleicht genügt es auch, ein Buch zu lesen, dessen Autor tausend Bücher gelesen hat.

[4] Wallace hat übrigens eine ebenso fetischhafte Vorliebe für Fußnoten [4a] wie ich. Ich selbst hasse sie übrigens bei anderen.

[4a] Er benutzt sogar innerhalb von Fußnoten Fußnoten.

[5] … und auf keinen Fall rauchen! Dadurch hat uns Frau Bachmann um den Genuss ihres Alterswerks gebracht. Wer Angst vor dem plötzlichen Buchtod im Bett hat, sollte zum E-Book greifen. Mal von ihrem Inhalt abgesehen, sind digitale Bücher weitaus weniger schmerzhaft als analoge, wenn sie einem auf den Kopf fallen.

[6]  Wer sich für diese Namen interessiert: www.perrypedia.proc.org

[7] Den Teufel werde ich tun und diesen Schund hier veröffentlichen. Ein paar Handlungsstränge tauchen übrigens in „Brautschau“ wieder auf.

[8] Da hat man dann praktischerweise gleich mal einhundert Hefte auf einmal auf dem Reader.

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