Aber ein Traum …

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Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 2

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird voraussichtlich mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier noch eine Leseprobe aus dem ersten Kapitel dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
demnächst erhältlich gebunden und als E-Book

*

 

Klammer stand auf.

»Ich hole uns noch einen Kaffee. Eine kleine Viertelstunde haben wir sicherlich noch Zeit«, sagte er dabei. Sapher sah nachdenklich hinter ihm her. Nikolaus Klam­mer, Dr. der Jurisprudenz und ein verdienter Beamter im höheren nichttechnischen Dienst, der in einem schwer ab­schätzbaren Alter zwischen fünfundvierzig und fünfund­fünfzig stand, hatte eine mittelgroße, unauffällige und schlanke Gestalt. Er kleidete sich aber modisch und teuer, fiel daher überall auf und erregte wegen seiner Eleganz allgemein Bewunderung. In seinen etwas spärlich gewor­denen, sorgfältig frisierten und dunklen Haaren zeigte sich keine einzige graue Strähne. Sapher hatte schon Ver­mutungen darüber angestellt, ob Klammer sie wohl färbte.  Ob­gleich er Saphers direkter Vorgesetzter war und sich oft mit ihm unterhielt, war es Sapher während der Zeit, die sie nun in der gleichen Abteilung Tür an Tür sa­ßen, nicht gelungen, einen Einblick in Klammers Charak­ter, der etwas von der überraschenden Wechselhaftigkeit des Aprilwetters hatte, zu werfen. Nie konnte sich Sapher sicher sein, ob Klammer im Ernst mit ihm sprach, oder sich insgeheim über ihn lustig machte. Obwohl er selbst alles andere als ungebildet war, verstand er viele von des­sen intellektuellen, oft hermetischen Spitzen nicht, deren Bedeutung er manchmal am Abend in einem Lexikon nachschlug. Dabei hob sich, von ihm selbst kaum be­merkt, sein Gemeinwissen. Er hatte bei seinen Nachfor­schungen überrascht festgestellt, dass der belesene Klammer über ein exaktes, geradezu photographisches Gedächt­nis verfügte, das ihn in die Lage versetzte, lange Buchpas­sagen, Gedichte, aber auch Gesetzestexte auswendig und fehlerfrei aufzusagen. Sapher hatte, bevor er dem Dr. be­gegnete, weder geglaubt, dass es Menschen geben könnte, die zu solchen Erinnerungsleistungen fähig waren, noch hatte er jeman­den außer Klammer kennengelernt, der auf eine so seltsa­me, flatterhafte und leichtfertige, dabei durchaus anzie­hende Weise über nahezu jedes Thema zu räsonieren verstand. Sapher nahm an, der unverheiratete Dr. hatte Erfolg bei Frauen. Das war allerdings nur eine seiner Vermutun­gen, da er praktisch nichts über das Privatleben Klam­mers wusste; er konnte ebenso gut auch wie ein Mönch le­ben oder schwul sein. Was den ungewöhnlichen Beamten umgekehrt gerade an Sapher interessierte, blieb diesem ein unlösbares Rätsel. Zwar ahnte er, dass Klammer ir­gendetwas mit seiner Person verband oder gar plante, doch er hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sein Vor­gesetzter mit diesen häufigen Diskussionen knapp über Saphers intellektuellem Horizont abzielte.

Anderen Beamten gegenüber zeigte sich Klammer zwar freundlich, aber reserviert. In seinen Gesprächen mit ih­nen ging er nur selten über die Belange der Behörde hin­aus. In den alltäglichen Geschäften des Amtes war der Dr. ein mustergültiger, erfahrener und fleißiger Beamter, der seinen Posten als Oberamtsrat vorzüglich ausfüllte und dessen Wissen der Vorschriften und Rechtsbestimmungen sprichwörtlich war. Von Sapher abgesehen hielt er genau jenen Abstand zu seinen direkten Untergeordneten, der den nötigen Respekt vor der Person und der Fachautorität des Vorgesetzten erweckt. Dennoch war er im Amt eine halb mythologische Gestalt und stand in dem geflüsterten Ruch der Verschrobenheit. In seiner Vergangenheit muss­te es auch einmal einen Eklat gegeben haben, über den hinter vorgehaltener Hand ungenaue, aber phantastische Mutmaßungen die Runde machten. Der tatsächliche Vorfall, falls es denn je einen gegeben hatte, war ein gut gehütetes Geheimnis, das, so eines der Hauptgerüchte, der Grund war, aus dem Klammer trotz seines Alters und seinen Fähigkeiten nicht befördert wurde und zum Direk­tor aufstieg.

 »Du arbeitest beim Klammer?«, hieß es häufig und Sa­pher wurde mit einer bedeutsamen, dabei mitleidigen Miene bedacht. »Oje!«

In diesem mitfühlenden Laut schwang meist neben der Erheiterung eine Prise Schadenfreude mit. Wäre Klam­mer nicht sein direkter Vorgesetzter gewesen, hätte Sa­pher ihn sicherlich gemieden. Seit geraumer Zeit versuch­te er auch, sich hinter Klammers Rücken innerhalb der Behörde zu verändern. Das würde ihm jedoch kaum vor der nächsten Regelbeförderung gelingen und die stand erst in zwei Jahren ins Haus. Sapher selbst war zweiund­dreißig Jahre alt, etwas untersetzt, unscheinbar und hell-, fast rotblond. Da er saloppe Alltagsbekleidung bevorzugte, hatte er Mühe, sich der strengen Kleiderordnung des Am­tes, die Anzugjacke und Krawatte vorschrieb, unterzuord­nen. Seine Frau Gitta kannte er seit seiner Schulzeit und er hatte sie gleich nach seiner Vereidigung geheiratet. Die Ehe war kinderlos. Wenn er gezwungen war, seinen Le­benslauf zu schreiben, wurde der nie länger als eine halbe DIN-A4-Seite: Er hatte ihn auch geradlinig aus dem Gym­nasium über die gehobene Laufbahn zu diesem Posten ge­führt, wo er sich nun täglich mit diesem seltsamen Vorge­setzten und dessen unergründlichen Launen auseinander­setzen musste. Es war ungerecht, wie Klammer dem flei­ßigen Sapher seinen von Unbilden oder emotionalen Stür­men freien Lebensweg als spießbürgerlich vorzuwerfen. Er erregte im Gegenteil bei einigen seiner Bekannten Neid wegen der bruchlosen Karriere und der scheinbar geglückten Ehe. Sapher, den nicht einmal die Pubertät arg gebeutelt hatte, vermisste keineswegs die Unordnung eines weniger gesicherten Lebens. Er war mit der ruhigen Beziehung zu Gitta und seinem Beruf, der ihn ausfüllte, zufrieden. Jede Veränderung hätte ihn verstört.

Nikolaus Klammer war der einzige seiner Arbeitskolle­gen, mit dem er sich über Informelles austauschte. Zu den anderen, auch denen, mit denen er täglich zu tun hatte und die ihm von Alter und Einstellung näher waren, war das Verhältnis von seiner Seite zurückhaltend, fast abwei­send. Das lag in erster Linie an Saphers Unsicherheit und an seiner Furcht, sich Mitmenschen freundschaftlich zu öffnen. Er stand nicht zuletzt deshalb und wegen seines auffallenden Kontaktes zu Klammer in dem Ruf, eine Radfahrermentalität zu besitzen, arrogant zu Gleichge­stellten zu sein und sich bei seinen Vorgesetzten Liebkind zu machen. Dass er Klammers Nähe nun wirklich nicht suchte, sondern dieser sich im Gegenteil immer wieder aufdrängte, änderte an der allgemeinen Beurteilung nichts.

Teller klapperten. Die Kantine hatte sich zwischenzeitlich fast geleert. Die Angestellten hinter der Theke räumten Geschirr in die Spülmaschinen und bereiteten sich auf den Andrang zum Mittagessen vor. Klammer kam zurück und stellte drei Tassen Kaffee auf den Tisch. Sapher er­wartete zuerst eine neue Exzentrizität. Aber dann sah er, wie der Dr. einer Person zuwinkte, die sich in seinem Rü­cken befand. Er wandte sich halb herum und sah mit plötzlich einsetzendem Herzklopfen eine junge Frau nä­herkommen, die er vom Sehen kannte, die aber in einem anderen Flügel des Gebäudes arbeitete. Bislang hatte er noch kein Wort mit ihr gewechselt, da beider Abteilungen nur selten Austausch hatten. Nun würde er vielleicht etwas über das gut abgeschirmte private Leben seines Vorgesetzten erfahren können. Er spitzte, ohne es übri­gens zu bemerkten, die Lippen. Die heranschwebende Frau war ungewöhnlich attraktiv und jenen Tic ‚overdres­sed‘, der alle Blicke, auch neiderfüllte weibliche, auf die Qualitäten ihrer Körperlichkeit zog, die sie, sich deren Vorzüge durchaus bewusst, durch Art und Kleidung un­terstrich. Obwohl Sapher sich glücklich verheiratet fühlte und seiner Frau nicht nur aus Mangel an Gelegenheit, sondern auch aus Überzeugung treu war, wurde er doch jedesmal unruhig, wenn diese Schönheit in seine Nähe ge­riet. Er bestaunte sie mit großen Augen. Sie umgab sich mit einer erotischen Aura, mit der er nicht zurecht kam. Er rutschte unruhig mit dem Stuhl zur Seite. Sie setzte sich neben ihn an den kleinen Tisch und und bedachte ihn mit einem abgelenkten Kopfnicken, ohne dabei Klammer aus den Augen zu lassen.

»Sie habe ich gesucht, Herr Dr. Ich brauche Ihre Hilfe. Man hat mir in Ihrem Büro gesagt, dass ich Sie hier fin­den könnte. Bei mir sitzt im Moment ein Herr aus Grie­chenland, der behauptet, er sei vor etwa zwölf Monaten bereits einmal bei Ihnen registriert worden. Nun, im Computer haben wir ihn nicht, wenn sein Name nicht falsch geschrieben wurde. Könnten Sie deshalb in Ihren Akten nachsehen?«, fragte sie Klammer geschäftig und beugte sich halb zu ihm über die Tischplatte zu ihm hin.

Sapher sah die Beamtin von der Seite an und bewunderte den Profilschnitt ihres Gesichts, die Makellosigkeit ihrer Haut, die kein Pickel verunreinigte, und das perfekte Make-up, das sie morgens wahrscheinlich ebenso lang be­schäftigte wie der Sitz ihrer schwarzen, glatten Haare, die sie halblang trug. Sie hatte ein eng geschnittenes, grauka­riertes und sommerlich leichtes Kostüm an, dessen kurzer Rock im Sitzen viel von ihren bemerkenswert langen, haarlos glatten Beinen freigab, die in solch bedrohlicher, augenfälliger Nähe nicht gerade zu Saphers Seelenruhe beitrugen. An jedem Finger ihrer linken Hand steckten Ringe, sogar am Daumen. Sapher, den bereits der eine Ehering beim Tippen behinderte, fragte sich, wie sie auf diese Weise beladen arbeiten konnte. Der unauffällige Ge­ruch ihres Parfüms, der ein wenig an Rasierwasser erin­nerte, hing über dem Tisch. Sapher war viel zu sehr Ehe­mann und sich seiner eigenen Unzulänglichkeiten be­wusst, als dass er diese Schönheit mit dem Aussehen sei­ner Frau in Vergleich gebracht oder gar an den Versuch eines Flirts gedacht hätte. Sie war ihm ein lebendig ge­wordenes Model aus einer Modezeitschrift, viel zu perfekt und unnahbar, um in seiner Welt Realität zu nehmen. Klammer schob ihr über den kleinen Tisch einen der Kaf­fees entgegen. Sapher dachte in diesem Moment, die bei­den seien trotz des Altersunterschieds ein schönes Paar. Die Frau ignorierte das angebotene Getränk und holte aus ihrer kleinen Umhängetasche einen Zettel.

»Ich habe hier seine Personalien. Sein Name ist Konstan­tin Papadopoulos Kata … tasakinthoki … kiakis«, entzif­ferte sie und stolperte zweimal über den vielsilbigen Nachnamen, »was für ein Name! Können Sie, wenn Sie Ihre Kaffeepause beendet haben, nachsehen, ob Sie eine Akte über ihn haben? Es wäre wichtig.« War da ein Vor­wurf über ihren augenblicklichen Aufenthaltsort in ihrer Stimme? Sapher glaubte es fast.

»Konstantin Papadopoulos Katasakinthokiakis, selbstver­ständlich.« Der Name kam Klammer verblüffend glatt von den Lippen. Er nahm der Beamtin den Zettel ab und reichte ihn Sapher. »Sie werden sich doch darum küm­mern? Darf ich Ihnen übrigens meinen Herrn Kollegen, Monsieur Benjamin Sapher, vorstellen? Ich glaube, Sie hatten noch nicht das Vergnügen.« Er sprach den Namen wieder französisch aus.

Sapher warf einen scheuen Blick auf die Frau neben ihm. Er wollte Klammer berichtigen, sagte dann aber nur:

»Angenehm.« Wenn er ehrlich war, klang sein Name fran­kophon in der Tat besser; es schwangen ein ‚laissez faire‘ und Weltgewandtheit mit.

»Und das ist unsere Frau Rothschädl.«  Sie runzelte die Stirn, sah kurz zu Sapher, nickte erneut, registrierte wahrscheinlich zum ersten Mal bewusst seine Existenz. Ihr waren herrlich grüne, goldgesprenkelte Augen zu ei­gen, deren durchdringender Blick Sapher ein plötzliches weiches, wie durchsackendes Gefühl im Unterleib be­scherte. Er knitterte unschlüssig den Zettel mit dem Na­men des Griechen in seiner Hand.

»Sie trinken doch mit uns einen Kaffee?«, bestand Klam­mer.

»Aber Herr Katasakinthokiakis wartet auf mich in mei­nem Büro …« Jetzt kam auch sie mit dem fremdländi­schen Namen zurecht. Klammer streckte flink den Arm nach vorn und berührte sanft ihren Handrücken.

»Sie bleiben«, sagte er mit Nachdruck und die Beamtin blieb tatsächlich, offenbar war sie von seinem bestimmen­den Tonfall überrascht. »Lassen Sie Ihren Herrn Katasa­kinthokiakis ruhig warten. Ihr Anblick ist in der Tat ein wenig Geduld wert. Odysseus hatte zwanzig Jahre Ge­duld, bis er endlich seine schöne Penelope in die Arme nehmen konnte und schließlich steckt in jedem Griechen etwas von diesem listenreichen Heroen. Wir führen hier ein interessantes Gespräch, das Sie mit Ihrer Anwesen­heit bereichern würden. Bitte, Ihr Kaffee.«

Er schob die Tasse mit zwei Fingern der rechten Hand nä­her an die Beamtin heran. Sie führte den Kaffee tatsäch­lich sofort zum Mund, nippte. Dabei sah sie Klammer ins Gesicht, wirkte für einen Augenblick wie hypnotisiert.

»Nicht wahr, Frau Rothschädl, ich habe Sie erst kürzlich im Brandwirt auf der Lesung von Stefan Kappnath gese­hen«, fuhr Klammer fort. »Wann war das, am Dienstag vor einer Woche?«

Nutzlose Menschen – Roman (Leseprobe) – Teil 1

Ende dieses Monats, bevor ich mich in den Sommerurlaub verabschiede und wie in jedem Jahr zwei Monate lang ein analoges Leben führe, wird mein neues Buch „Nutzlose Menschen“ im Buchhandel erscheinen. Hier schon mal als Leseprobe für die ein oder zwei treuen Leser dieses Blogs ein paar Abschnitte des ersten Kapitels dieses zentralen Romans aus meinem „Jahrmarkt in der Stadt“-Zylus.

Nutzlose Menschen
Roman
250 Seiten
erhältlich gebunden und als E-Book

 

 

„Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden,
und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden,
aber sie tun und sagen es immer und immer wieder …“
Saki

*

ERSTES KAPITEL
Die Beamten

»Ironie ist teuer. Sie kann sich nur erlauben, wer sie sich wirklich leisten kann«, erwiderte Klammer lächelnd. Er wischte mit einer strengen, konzentrierten Bewegung ei­nen hellen Fussel vom Revers seines lindgrünen Jacketts. »Das ist, auf einen allzu kurzen und auch durchaus eu­phemistischen Nenner gebracht, die Essenz der Philoso­phie des Hippias und etwas, das der nüchterne Platon dem Sophisten endothym nicht verzeihen konnte. Auch dem Chaos kann sich im Übrigen nur der lustvoll hingeben, der es versteht, eine gewisse Ordnung zu genießen.«

Sapher zuckte hilflos mit den Schultern.

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Aber wie so oft verste­he ich Sie nicht.« Er drehte mit einer unbewussten Geste der Kapitulation seine Handflächen nach oben und seufz­te. »Wenn ich ehrlich bin, dann muss ich jetzt zugeben: Ich verstehe Ihre Plaudereien eigentlich nie. Sie sind doch jetzt seit zwei Jahren mein Vorgesetzter an der Behörde und fast an jedem Arbeitstag reden wir miteinander, nicht wahr? Und trotzdem habe ich immer den Eindruck, Sie reden nicht mit mir, sondern an mir vorbei, mit … ich weiß nicht, mit jemandem an einem ande­ren Tisch oder mit der Nachwelt. Ist das Ihre Absicht? Was sind denn das für Gedankengänge, die Sie immer wieder vor mir ausbreiten? Wen sollen sie beeindrucken? Mich verwirren Sie nur …«, sagte Sapher unsicher. Nikolaus Klammer erweckte bei ihm nicht den Eindruck, als habe er ihm zugehört. Sein Vorgesetzter sah mit seinem einge­frorenen Lächeln zum Fenster hinaus, als er antwortete:

»Es gibt nichts Erstaunlicheres als mich selbst«, zitierte er zum wiederholten Male seinen Lieblingsschriftsteller, »Sie und ich sind wie die zwei im Altersverhältnis zuein­ander umgekehrten Beamten Poiret und Bixiou. Verzei­hen Sie mir. Ich will Sie nicht verletzen, aber Sie sind ein eingeschränkter und – im positiven Wortsinn -, ein einfacher Bürger. Nehmen Sie es als Auszeichnung, wenn ich das nun sage, als eines der seltenen lobenden Worte aus meinem verbitterten Mund. Denn Ihre Rasse und Ihresgleichen, die doch den Staat erhalten, sind im Aussterben begriffen. Der Bourgeois stirbt in unserem bourgeoisen Land am Ennui und niemand verfasst seinen Nekrolog. Sie jedoch sind einer der letzten und das zeichnet Sie aus. Deshalb rede ich mit Ihnen auch nicht über Fußball, Autos oder Computer – von Dingen übrigens, von denen ich eh nichts verstehe.« Klammer wandte seinen Blick erst jetzt wieder zu Sapher, der ihm nun zwar aufmerksam, aber nicht minder fassungslos zuhörte.  »Der letzte Mohikaner, der letzte Kaiser, der letzte Zivi­list – der letzte Bürger! Ich denke, ich werde Ihnen zu Ehren einen Roman mit diesem Titel schreiben, ein homerisches Epos über die Suche nach einem Mann ohne Eigenschaften in einer verlorenen Zeit. Wissen Sie, Sa­pher, es ist ebenso leicht, sich ein Buch auszudenken, wie es schwer ist, eines zu schreiben. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach – und jetzt weiß ich auch endlich den ersten Satz des Werks, er ist mir gerade eingefallen.« Klammer setzte sich gerade und begann ausgelassen und von der eige­nen Eloquenz begeistert zu deklamieren:

»Hören Sie: „Aus dem bewegungslosen, amorphen Grau des heraufdämmernden, jungfräulichen Morgens, der in dieser schmutzigen, erbarmungslosen Verhöhnung all der Gründe, aus denen Menschen Städte bauten, so schnell al­terte und zahnlos wurde, vorverdaut von der sodomitischen Enge in den dampfigen Verkehrsmitteln, in einen Mantel stinkender Abgase gehüllt, schälte sich täppisch die ge­beugte Silhouette des letzten Beamten …“«

»Ich weiß nie, wann Sie sich über mich lustig machen. Wer ist dieser Bixiou, von dem Sie eben sprachen?«

»So unterbrechen Sie mich doch bitte nicht, denn solch ein Augenblick der Inspiration kommt unter Umständen nie wieder! Wenn ein kraftvoller Gedanke auf seinen traum­haften Schwingen einen Dichter entführt und ihn von den Umständen, die ihn hier einschließen, entfernt, indem er ihn durch die grenzenlosesten Regionen schleudert, wo die ungeheuersten Ansammlungen von Tatsachen zu Abs­traktionen werden, wo die größten Werke der Natur nur Bilder scheinen -, wehe ihm, wenn irgendein Lärm an sei­ne Sinne schlägt und die schweifende Seele in das Gefäng­nis von Fleisch und Bein zurückruft!«, ereiferte sich Klammer theatralisch. Wahrscheinlich zitierte er wieder einmal einen Autor des 1. Jahrhunderts, in dem er sich besonders wohl fühlte. Sein Gedächtnis war wirklich sensationell, denn alles, was er irgendwann gelesen oder aufgeschnappt hatte, konnte er lückenlos und fehler­frei wiedergeben. Er wirkte jedoch für einen Moment tat­sächlich verärgert.

»Sehen Sie, wenn der erste Satz stimmt, ist der Roman schon fast geschrieben, alles Weitere sind Fleiß und Zeit. Das sind zwei Dinge, die ich im Übrigen nicht besitze, denn Faulheit und Bewegungslosigkeit sind der normale Zustand aller Künstler.« Er legte die Hände vor seinem Mund wie zu einem Gebet zusammen. »Der erste Satz muss eine Mausefalle sein, er muss den Leser fassen und darf ihn für zweihundert atemlose Seiten nicht mehr von sich lassen. Was habe ich gesagt? Aus dem bewegungslo­sen, amorphen Grau eines beginnenden Morgens, der in unserer dreckigen Stadt so …, na, so schnell altert … und … und … vorverdaut wird?« Klammer runzelte die Stirn und machte dann eine wegwerfende Handbewegung. »Egal, es ist weg, eine weitere Perle ver­schwendet. Wir haben den Augenblick verloren. Nun wird Ihr Epos immer unvollendet bleiben. Es ist Bruchwerk, niedergeschrieben auf einem von der Zeit zerfressenen Pergamentfetzen. Es ist ein Fragment, das aus dem Fragment des ersten Sat­zes besteht. Das ist nicht viel, aber dieses Fragment, das doch Großes hoffen lässt, schenke ich Ihnen. Die­ses bewe­gungslose, amorphe Grau, ich eigne es Ihnen zu. Es ist ein Satz für Sapher.« Atempause. »Dabei fällt mir ein: Ihr Name, mein lieber Sapher, mein lieber Benjamin Sapher, das wollte ich Sie schon immer fragen, welcher willkürli­chen und humorvollen Gottheit verdanken Sie ihn? Er ist herrlich, ein Füllhorn des Wohlklangs, wie die So­natine von Ravel. Entschuldigen Sie bitte die schlechte Alliteratio­n, Herr Sapher, aber eine Metapher der Sappho kann nicht besser klingen: „… geschüttelt hat Eros mich wie der Sturm, der vom Berge her sich wild auf die Eichen stürzt.“ Wissen Sie übrigens, dass es nur ganz wenige Poe­ten gibt, deren Name allein schon ein wohlklingendes Gedicht ist? Ernst Jandl, Detlev von Liliencron, Durs Grünbein. Schrecklich, nicht wahr? Man will kein Gedicht von Menschen lesen, die so heißen. Aber hören Sie dage­gen: Hölderlin, Novalis, Walt Whitman, Sappho, Ovid und Erich Fried. Genießen Sie die Euphonie, das Versmaß, das Distichon. Benjamin Sa­pher, man muss Ihren Namen laut und mit französischer Akzentuierung aussprechen, um ihn völlig genießen zu können«, begeisterte sich der Dr., der mit jedem Atemzug, den er machte, auf ein neues The­ma zu stoßen schien.

»Meine Familie kommt von Großvaters Seite aus dem El­sass«, warf Sapher geschmeichelt ein.

»Vous appelez un chat un chat! Ihr Name ist strahlende Poesie, aber für ein bürgerliches Trauerspiel wie das un­sere ist er leider denkbar ungeeignet. Bei Schiller würden Sie eher von Kalb oder Wurm heißen – oder wie wäre es mit Schwerdgeburth? Das ist ein beredter, ein wunderba­rer Name, nicht wahr? So hieß, wenn ich mich recht ent­sinne, im vorigen Jahrhundert ein Freund von Johann Gottfried Seume, ein Maler … Haben Sie den „Spazier­gang nach Syracus“ gelesen?«

»Wie würde denn Klammer klingen?«, fragte Sapher leichthin und lächelte selbstsicher. In diesem Augenblick glaubte er, er könne seinem Vorgesetzten zum ersten Mal in diesem Gespräch Paroli bieten. Dessen Stimme wurde jedoch im Folgenden einen Hauch schärfer und kälter. Es war nur ein ephemerer Strich auf der Maßeinheit seiner Modulationsmöglichkei­ten, doch als er fortfuhr, genügte jener Hauch, Saphers Selbstzufrie­denheit über seine Schlagfertigkeit wie einen Krümel hinwegzuwischen und ihr Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnis wieder herzu­stellen:

»Sieh an, Sie zeigen Witz! Ihr Umgang mit mir erbringt erste Früchte. Also erscheint er doch nicht umsonst. Nun ja, vielleicht Klammer, warum auch nicht? Aber es lässt sich viel dagegen sagen. Der Name ist zu bedeutungs­schwanger, mit Inhalt und Symbolik überfrachtet. Niko­laus Klammer, das klingt wie Willi Loman, Wilhelm Meis­ter, Peter Kien, Stil­ler, Herr Keuner oder Darth Vader; da schwingt viel zu viel mit. Man darf einen Leser niemals für dumm halten, ihn nie unterschätzen. Deuten Sie nur an, wenn über­haupt. Sie dürfen mit dem Namen Ihrer Hauptfigur nicht gleich den ganzen Roman verraten. Neh­men Sie etwas opakeres, verschlüsselteres. Oder – noch besser -, Sie schlagen ein Telefonbuch auf, dort finden Sie so viele Namen und Geschichten …«

Sapher, der das merkwürdige Gespräch gerne beenden wollte, sah kurz auf seine Uhr. »Ich unterbreche Sie nur ungern, Herr Dr., aber die Arbeit ruft.«

»Es ist schon zehn?«, fragte Klammer, der nie eine Uhr trug.

»Bereits ein paar Minuten danach.«

Klammer schüttelte den Kopf: »Meine liebe Sappho, Sie werden mir unpünktlich. Aber bleiben Sie doch, heute ist Freitag und ich gebe Ihnen Dispens! Nein, wirklich. Krea­tive Menschen wie wir brauchen die Muße, ihre Gedanken zu entwickeln. Die Freiheit der Fantasie hat Marasmus zur Folge. Außerdem ist es hier unter dem Ventilator an­genehm kühl. Ist es paradox, wenn es mich bei dem Ge­danken an unsere überhitzten Zimmerfluchten fröstelt?« Klammer lachte, nahm Sapher an der Schulter und drückte ihn zurück in den Stuhl, aus dem er sich, über den Tisch gebeugt, bereits halb erhoben hatte. Ergeben gehorchte er dem sanften Druck seines Vorgesetzten. »Ihr Publikumsverkehr muss eben einen Moment warten. Viele werden es jetzt in der Urlaubszeit und bei diesem Wetter eh nicht sein. Ich will Ihnen etwas verraten. Es ist ein offenes Geheimnis und mich wundert, dass Sie es noch nicht kennen: Die Leute, mit denen wir es hier im Amt zu tun haben und die sich jeden Tag in unseren Gängen drängen, die wollen warten. Die kommen nur deswegen hierher. Helfen können wir ihnen nicht, das wissen wir beide nur zu gut. Die Leute ahnen das ebenfalls. Aber indem wir sie warten lassen, schenken wir ihnen eine kurze Hoffnung, einen versteckten Zugang zu Pandoras Büchse. Die halbe Stunde, vielleicht sogar Stunde, die sie ungedul­dig vor unseren Türen verharren müssen, in stummer Ei­fersucht in die Gesichter derer starrend, die näher bei der Tür sitzen oder einen Zettel mit einer niedrigeren Nummer in den Fingern haben, diese Stunde ist weit wichtiger als das kurze, ergebnislose Gespräch mit uns, unser resignie­rendes Kopfschütteln, unsere Vertröstungen, Formulare und neuen Termine, sogar unser Geld. Warum haben die­se Leute so selten etwas zum Lesen dabei oder sonst eine Beschäftigung? Warum stricken sie nicht einen Pullover? Haben Sie sich das schon einmal gefragt? Die Antwort ist: Weil sie sich das Warten nicht durch ei­nen Zeitvertreib verkürzen wollen- Denn in jenen endlosen Momenten des Geduldens hegen sie die geheime, ihnen selbst nicht ganz bewusste Hoffnung, es würde diesmal anders werden. Heute, bilden sie sich ein, sind sie nicht schon wieder um­sonst gekommen, sondern sie werden vielleicht wirklich etwas erreichen können. Das ist wie beim Lotto spielen. Solange die Ziehung der Zahlen noch nicht war, bin ich Millionär. Und gleichzeitig spüren die Leute: Es gibt noch etwas anderes, als wie Estragon  auf den Fluren von Behörden vergeblich auf das Erscheinen von Go­dot zu harren. Es wird ein Gefühl geweckt, eine Begierde nach der Familie und nach Betätigung. Wir schenken den Menschen etwas Nachdenken, ein Stück Leben, das sie in der modernen Welt verloren haben. Vielleicht ist das un­sere eigentliche Aufgabe als Beamte.«

»Sie sind wieder zynisch, Herr Dr.«

Klammer kniff wie verärgert die Augen zusammen und überraschte Sapher mit einem plötzlich ernsten, abschät­zenden Blick. Dann lächelte er und sein Gegenüber folgte seinem Beispiel unsicher. »Ich sagte schon, man muss sich Ironie leisten können. Ich hätte auch sagen können, dass ich bei meinem mickrigen Gehalt niemals ironisch, zy­nisch oder gar sarkastisch bin. Im Ernst, lassen Sie des­halb die Leute ruhigen Gewissens warten, wir unterhal­ten uns heute so gut.«

Sie unterhalten sich heute so gut, Herr Dr. Klammer, dachte Sapher. Zum ersten Mal während seines Gesprächs mit seinem Vorge­setzten sprach er einen Gedanken nicht aus. »Wer ist Bixiou?«, fragte er stattdessen erneut, ohne eine Antwort zu erwarten. Er bekam sie auch nicht.

Nutzlose Menschen – Der Jahrmarkt geht weiter …

Das Korrekturexemplar meines neuen Buchs „Nutzlose Menschen“ ist in der letzten Woche, die ich im Urlaub in Holland (1) verbrachte, angekommen und es sieht schon mal sehr gut aus.

Dieser Roman ist der Dreh- und Mittelpunkt meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe, mit dem ich über Jahre hinweg kaum verschlüsselt die Kultur meiner Heimatstadt Augsburg begleitet habe. Er spielt in der Mitte der 1990er Jahre und gibt am deutlichsten preis, welches unerreichbare Vorbild ich hatte, als ich den Zyklus entwarf:

Selbstverständlich war es die Comédie humaine von Honoré de Balzac. Die Literatur ist ein Monotheismus. Sie kennt Genies, Könige und Kaiser, aber nur einen Gott. Das ist Balzac. Vor ihm habe ich mich in den „Nutzlosen Menschen“ verneigt, darauf weisen nicht nur die den Titeln von Balzac-Romanen übernommenen Kapitelüberschriften hin. Der französische Romancier wird von der Hauptfigur Nikolaus Klammer häufig zitiert und in zwei Kapiteln darf der Leser auch eine Erzählung im Stil von Balzac lesen.

Obwohl die „Nutzlosen Menschen“ mit etwa fünfhundert Buchseiten der längste Text des Zyklus ist, spielt er nur an einem einzigen Sommerabend und schildert die Erlebnisse einer Gruppe von Leuten, die in die Fänge eines überlegenen Mannes geraten, der sich wie ein Regisseur in ihr Leben mischt und sie als die Akteure eines von ihm geschriebenen Drehbuchs handeln lässt. Denn er weiß:

Sie tun nichts, was wert ist, getan zu werden, und sagen nichts, was wert ist, gesagt zu werden, aber sie tun und sagen es immer und immer wieder. Diese Menschen mögen zwar nutzlos erscheinen. Aber mit Geschick und Einfühlungsvermögen kann ich sie zu allem bringen: Zur Größe, aber auch zum verabscheuungswürdigsten Verbrechen.

Dieser Mann ist der spöttische, unendlich belesene Beamte Nikolaus Klammer. Er war mir Namenspate für mein Autoren- und mein Internetpseudonym, obwohl unsere einzigen Gemeinsamkeiten die Vorliebe für Balzac und ein gesunder Zynismus sind. Wenn man das eine oder andere Werk des Zyklus bereits gelesen hat, dann ist man Klammer schon ein paar Mal begegnet, z. B. in „Die Wahrheit über Jürgen“ oder in „Ein kleines Licht“. „Nutzlose Menschen“ zeigt ihn jedoch als Hauptperson. Jede meiner Figuren hat das Recht, einmal im Mittelpunkt zu stehen, so wie jeder in seinem eigenen Leben die Hauptrolle spielt.

Es ist seltsam mit diesem Buch. Es tut mir weh, es ist ein Schmerzenskind. „Nutzlose Menschen“ gehört zu den besten belletristischen Texten, die ich bisher geschrieben habe und ich weiß, dass der Roman mit den meisten zeitgenössischen Erzählwerken und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zumindest mithalten kann – meiner bescheidenen Meinung nach manchmal sogar besser ist – aber  er hat nie Leser oder Öffentlichkeit gefunden, weil ich als Schriftsteller gescheitert bin und in der Masse derer schwimme, die es nie geschafft haben.

„Nutzlose Menschen“ ist ein Symbol für das, was hätte sein können und das, was ist. Auch von diesem Scheitern erzählt der Roman.

Wenn jemand nicht die Katze im Sack kaufen möchte und hier auf dem Blog ein wenig reinlesen möchte:

Nikolaus Klammer – Nutzlose Menschen
Roman aus dem Zyklus
„Jahrmarkt in der Stadt“

Obwohl ich seit Monaten keine Bücher (auch keine E-Books) mehr verkauft habe, werden ich und meine Lektoren die „Nutzlosen Menschen“ bis Mitte Juli nach Fehlern durchforstet haben und ich werde – trotzig und hartnäckig wie ich bin! – den Roman dennoch in meinem kleinen Selbstverlag veröffentlichen. Auch wenn es wirklich niemanden interessiert, so wächst doch die Nikolaus-Klammer-Abteilung in meinem Bücherregal.

Grüße in den hier im Süden wolkigen, aber bei euch hoffentlich sonnigen Sonntag.

Nikolaus

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(1) Was ich gemacht habe? Nun, in der Hauptsache bin ich mit Frau Klammerle Rad gefahren und habe die Natur bewundert. Die Maasduinen in der Provinz Limburg haben ein übersichtliches, vorbildliches und engmaschiges Radwegenetz, von dem wir hier nur träumen können. Zudem ist es dort so flach, dass ich mir, der ich nur ein normales und noch lange kein E-Bike (so alt fühle ich mich einfach noch nicht) besitze, nicht wie ein Paria vorkam und mit den Rentner-Radl-Kolonnen mithalten konnte.

 

Haare lassen – Eine Erzählung aus der Heimat (Leseprobe)

Der Weg in die Hölle ist mit Sofas, Computerspielen, Sudokus, Fernsehen, der Familie, Einkaufen, Essen, mit Faulheit, Verpflichtungen, Müdigkeit, Urlaub, Gartenarbeit, Sprachlosigkeit, dem fehlenden treffenden Wort, Ideenlosigkeit, Kaffeepausen, vollen Mülleimern und leeren Bierkästen, Waagen und Gewichtstabellen, Terminen und ein wenig auch dem Brotverdienst, mit Augenkontakten, Angst vor leeren Blättern, vor Häme, vor Qualitätsmängeln und Qualitätsverlust, vor Kritik und vor Alzheimer, aber auch mit Verdauung, Krankheit, Alter, Kopfschmerz (gleichgültig, ob psychosomatisch oder echt), Geschlechtsverkehr und der Vorbereitung auf denselben, innerer Leere, Bewegungslosigkeit, roten Ampeln, Vojeurismus und vor allem mit Büchern, Büchern und Büchern gepflastert.

Kein Wunder, dass ich auf diesem meinem Weg kaum vorwärtskomme.“

Vorbemerkung des Autors

Haare lassen
Aus dem Leben eines Tunichts

11.03., 10:15 Uhr
Café St. Anna

Die Uhr über dem Eingang kennt kein Zurück, lustig schreitet sie voran, scheint sich selbst überholen zu wollen. Der letzte Rest Schnee dieses Winters tröpfelt eifrig von den schrägen Dächern. Spatzen tummeln sich aufgeregt zwischen den leeren Bistrotischen und Stühlen draußen auf der Terrasse vor dem Café; ich sitze hinter dem großen Fenster allein an meinem Tisch und die Sonne strahlt mir warm ins Gesicht. Eine Tasse Cappuccino steht vor mir und ich wische mir den Schlaf aus den Augen. Mir wäre recht wohl an diesem ersten Frühlingstag, wenn da nicht ein Termin auf mich warten würde.

Es gibt kein Zurück mehr. Gestern noch, als ich den Termin unter dem sanften und zugleich zwingenden Druck meiner Mutter vereinbarte, war ich noch sicher gewesen, irgendwie heil aus der ganzen Sacher herauszukommen. Schließlich lag eine endlose Nacht lag vor mir und ich würde problemlos eine gelungene Ausrede finden. Das ist schließlich meine Spezialität, meine unangefochtene ‚Superheldenkraft’. Ich erzähle Ihnen jetzt mal etwas, aber das bleibt unter uns: Ich bin der Meister der Ausrede, Herr der ausweichenden, wohlgesetzten Worte, der Seitenpfade und versteckten Abkürzungen, der zwar absonderlichen, aber gerade daher umso wahrer klingenden Gespinste. Meine Kunst ist so groß, dass ich, selbst wenn ich tatsächlich einen gewichtigen Grund habe, etwas nicht zu tun, mich lieber mithilfe einer erfundenen lustigen Geschichte rechtfertige, als die langweilige und traurige Wahrheit kundzutun. Ich weiß, wie angeberisch das klingt – und wenn ich das schreibe, klingt es wohl nicht nur so -, aber ich bin bei meinen Lügengespinsten, durch die ich mich von allen möglichen Arbeiten, Verantwortungen, Terminen und Aufträgen drücke, noch nie ertappt worden.

Es gibt den einen oder anderen, der etwas ahnt, meine Eltern natürlich, und auch mein Bruder Lukas; am hartnäckigsten auf meiner Fährte ist mein Seminarleiter, Herr Hubertus Wandelbauer, der seit zwei Jahren, seit er die Kollegstufe übernommen hat, meine Ausreden fürs morgendliche Zuspätkommen sammelt und daraus einen eigenen Ordner erstellt hat, den er ‚Leitfaden zum kreativen Schuleschwänzen’ nennt und nur noch keinen Verlag gefunden hat, ihn zu veröffentlichen. Ich weiß davon, weil er dieses recht umfangreiche Vademecum der Redaktion der Abiturzeitung zur Verfügung gestellt hat, wo ich zwar ein zwangsrekrutiertes Mitglied bin, mich bislang aber erfolgreich davor gedrückt habe, die von mir versprochenen Artikel auch abzuliefern. Wenn die rothaarige Jeanette aus dem Physikkurs nicht ebenfalls mitmachen würde, würde ich auch  bei den Redaktionssitzungen nicht mehr auftauchen.

Ich weiß, Sie stellen sich jetzt die Frage, was ich mit dem ganzen Freiraum mache, den ich mir so mühselig – unter Aufwendung meiner ganzen Leistungskraft und Phantasie – verschaffe, jener Zeit, die ich gewinne, indem ich den Dingen aus dem Weg gehe, die ich eigentlich erledigen sollte. Nun, in aller Regel mache ich dann nichts, ruhe von der erschöpfenden Flucht vor der Verantwortung aus. Das mag nicht sehr aufregend klingen, ich weiß, aber es ist genau das, was mir zukommt. Ich bin überzeugt, dass mich Gott zu diesem Zweck geschaffen hat, dass es der Urgrund meines Seins ist, als bewegungslose, lässig am Bildrand im Gras hingestreckte Genrefigur zu wirken, eine auf den ersten Blick unwichtige, schemenhafte Gestalt zu sein, deren Fehlen dem Gesamtbild ein schmerzliches Ungleichgewicht geben, die Komposition zerstören würde.

Kennen Sie zum Beispiel das Gemälde ‚Der Mittag’ von Caspar David Friedrich? Sie haben doch einen PC!; ‚googlen’ Sie es, es gibt gute Abbildungen davon im Internet. Sehen Sie neben der Gruppe Kiefern da links einen Mann, auf seinen Spazierstock gelehnt, im Gras neben den Maulwurfshügeln stehen? Das bin ich. Stellen Sie sich nun vor, jemand hätte mich übermalt oder meinetwegen entfernen Sie mich mit einem Bildbearbeitungsprogramm selbst. Da wäre nur diese weite brandenburgische Landschaft, die feuchte Wiese, ein paar Bäume; auch der Wanderer rechts auf dem Weg hätte das Bild bereits verlassen – wie leer und bedeutungslos wäre das alles, das Auge glitte ohne Anhaltspunkt über den Ölschinken, Achselzucken – langweilig!

Bei den unzähligen Milliarden Individuen auf dieser unter ihrem Gewicht stöhnenden Erde muss es eben auch solche wie mich geben, Nebenfiguren, die niemandem weiter ins Auge fallen, von denen man sich auch nicht vorstellen kann, sie je zu vermissen, die aber eine wirbelnde und schwindelerregende Leere hinterlassen, wenn sie fehlen. Ich fülle eine Lücke aus, an der die Welt auseinanderzuklaffen und ins Chaos zu stürzen droht. Ohne meine Anwesenheit an genau diesem Ort würde alles zerreißen und untergehen. Ich bin der Faden, mit dem Gott den Kosmos zusammengenäht hat, ich allein verhindere die Entropie! Wenn das nicht alle Anstrengung wert ist, zu der ich schwacher Mensch fähig bin, dann nennen Sie mir einen besseren Grund, um zu leben. Ich für meinen Teil habe keinen gefunden und verteidige daher das Nichtstun mit aller Kraft; es ist das Lohnendste und zugleich Schwerste überhaupt; ich packe den Stier an den Hörnern und zwinge ihn in den Staub!

Reicht es da nicht schon, dass ich oft genug den ermüdenden Konventionen und Regeln folgen muss, die mir mein soziales Leben aufzwingt und die mir mein für die Welt so wichtiges Nichtstun sauer machen? Wenn ich also in die Schule gehe, einen Alltag im Rahmen meiner Rolle als Sohn, Bruder oder Freund nachgehe, mich mit lästigen Dingen wie Waschen, Schlafen, Essen, Zähneputzen, An- und Ausziehen, im Haushalt helfen, Lernen, am öffentlichen Nahverkehr und am Unterricht teilnehmen – dort zumindest körperlich anwesend sein -, wenn ich also all diese Dinge betrachte und noch tausend andere dazu; denn ich habe noch nicht die zeitraubenden Sozialkontakte erwähnt: Dann fühle ich mich von mir selbst getrennt und ausgehöhlt, verliere ich mich. Daher muss ich mir die wichtigen Freiräume durch meine Ausflüchte schaffen. Wenn ich also irgendwo – im Winter zumeist in meinem Zimmer oder in einem Café, im Sommer in einem Stadtpark (Ich präferiere den Hofgarten) – sitze und nichts mache, fühle ich mich geborgen, identisch, echt. Manchmal, wenn meine Augen vom Sehen vollgefüllt sind, kurz bevor sie sich ermattet zum Schlafe schließen, gelingt es mir, mein Empfinden in ein paar Gedichtzeilen zu fassen oder – seltener – einen Text wie diesen zu beginnen. Vielleicht greife ich auch zu meiner Gitarre, falle aber bald in einen leichten und traumlosen, dabei erfrischenden Schlaf, der mir die Kraft schenkt, meinen schweren Alltag weiter zu bestehen.

Leider wird dieses Leben, das so wichtig ist, immer wieder von unvorhergesehenen Ereignissen unterbrochen, die meine ganze Aufmerksamkeit, Geschicklichkeit und Kraft erfordern, um ihnen auszuweichen. Das sind Besonderheiten, die mein ordentlich eingerichtetes Leben zwischen sozialem Funktionieren und Nichtstun unter den wohlwollenden Blicken des Herrgotts gefährden. Als da zum Beispiel sind: Verwandtenbesuche, Kleidungskauf, die ein- bis zweimal im Monat zu Tage tretende Zwangsneurose meine Eltern, sich und ihre Söhne bewegen zu müssen, sie auf Berge zu ziehen oder in Museen zu drängen. Dies ist übrigens für meinen degenerierten Bruder ebenso lästig wie für mich. Er will sein Leben ausschließlich vor seinem Computer hockend verbringen, ist aber aufgrund seiner geistigen Defizite nicht wie ich in der Lage, den massiven Angriffen auf seine Lebensweise durch seine rhetorischen Fähigkeiten auszuweichen. Denn er besitzt keine. Lukas folgt daher wesentlich häufiger als ich den kulturellen Pfaden der Eltern, wo er doch lieber Horden von Orks niedermetzeln oder seinen privaten 2. Weltkrieg gewinnen oder via Snapchat mit seinen Kumpeln in rudimentärem und stümperhaftem Deutsch Belanglosigkeiten über Deutschrockgruppen und Fotos von knapp gekleideten Mädchen austauschen würde.

Von all diesen Angriffen auf meinen weise geordneten Alltag ist die schlimmste vielleicht – neben einem Zweiwochenaktivurlaub in Niederbayerischer Bäderlandschaft -, die plötzlich aus dem Nichts auftauchende Anmutung meiner Mutter, ich müsse mir nun mal endlich wieder die Haare schneiden lassen. Auf der einen Seite wäre es sicherlich praktisch, wenn meine Haare immer kurz bleiben könnten, schnell trockneten und nicht fettig in die Augen und sich in einer Außenwelle lockend auf die Schultern fielen, aber da der Herrgott das Vergehen der Zeit nicht mit der Uhr, sondern mit dem Wachsen der Haare und Nägel seiner Geschöpfe misst, ist der Ausbruch meiner Mutter, meist Sonntagmorgens am Frühstückstisch geäußert, nahezu blasphemisch:

Herrgott, deine Haare! Du musst nächste Woche unbedingt zum Friseur.“

Hier ist es das Beste, nickend Zustimmung zu heucheln und darauf zu hoffen, dass sie über den Drangsalen ihrer geschäftigen Woche alles wieder vergessen würde – was übrigens nach ihrem ersten Ausbruch noch recht wahrscheinlich ist. Aber nun ist die Sache auf der Welt, der Gedanke ausgesprochen, auf Wittgensteinsche Art denkbar geworden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich wieder auf ihrer Zunge manifestieren wird und diesmal um so nachdrücklicher und apodiktisch. Nun ist meine ganze Geschicklichkeit im Erfinden von Ausreden gefordert, um das Unvermeidliche hinauszuzögern, den partiellen Verlust meiner prächtigen Haartolle in einer demütigenden Foltersitzung, einer Form von waterboarding mit Verstümmelung, die dazu unverschämt viel Geld kostet, zu verlieren. Mit Douglas Adams bin ich der Meinung, dass Friseure und Steuerberater zu den nutzlosen Berufen zählen – ich würde noch Autohändler und Soldaten dazuzählen. Die verzichtbarsten unter diesen Professionen sind zweifelsohne die ausgebildeten Haarschneider, die sich selbst mit einem Apostroph-s schreiben. Was ist das für eine Welt, in der ich leben muss und in der es mehr Coiffeure als Buchhändler gibt? In meiner Not habe ich sogar schon einmal versucht, mir selbst die Haare zu schneiden, aber das Ergebnis war zumindest in den Augen meiner Mutter so zweifelhaft, dass sie mich persönlich zu einem Haircutter schleppte, der mir einen Archipel-Gulag-Bürstenkopf verpasste, der meine Klassenkameraden zu einem wochenanhaltenden Hohngelächter provozierte, das ich manchmal aus einem lusziden Traum aufschreckend noch heute vermeine dröhnen zu hören. Mir war nicht einmal die Gnade eines zweifelhaften Wetters und damit eine Mütze vergönnt, nein, die Sonne beschien fröhlich meinen kahlen Kopf, bis die Zeit auch diese Wunde heilte und der Herrgott Haare über der ganzen Sache wachsen ließ.

Und nun sitze ich in einem Café neben der St. Anna-Kirche und warte auf meinen Termin beim Friseur. Diesmal hat keine Ausrede gewirkt. Und schlimmer: Ich weiß nun keine mehr.

*

Stromausfall – Erzählung (Leseprobe)

Ende April erscheint mein neues Buch „Stromausfall“, das die drei Erzählungen aus der Marga-Trilogie in einem Band vereint: „Eine andere Art der Liebe“, „Labyrinthe“ und die titelgebende Geschichte „Stromausfall“, deren Anfang ich heute als Leseprobe vorstelle.

 

STROMAUSFALL

A: Ein Geflecht

Marga

Ich nenne sie nicht Marga; nur wenn Ich böse auf sie bin, sage Ich: Das hättest du wissen müssen, Marga, oder: Marga, was bist du heute dumm. Sonst sage Ich ich zu Marga.

Marga und Ich darf man nicht verwechseln. Beide Wörter sind Namen für die gleiche Person. Trotzdem: Marga und Ich sind in konstruktivistischem Sinne Prädikatoren, die die dieselbe Person meinen, aber in Wahrheit nicht bedeuten. Beider Sinnebenen sind sich ähnlich. Sie gleichen sich oft. Aber sie besitzen nur eine Schnittmenge, denn beide tragen einen Bereich in sich, der von dem anderen in absoluter Weise unterschieden und unterscheidbar ist. Im Text wird von Marga die Rede sein. Ich werde nur in den ergänzenden Anmerkungen erscheinen. Daher genügt es, allein Marga zu definieren. Das ist gut so. Denn Ich ist von mir nicht zu erfassen, da Ich ein Teil von Ich bin und Ich dessen Ränder, falls solche existieren, durch die Grenzen meines Horizontes nicht abschätzen kann. Die Person Ich tendiert ge­gen unendlich und ist in einer Definition nicht zu umreißen, denn man kann Unendliches nicht mit endlichen Begriffen umzäunen.

Anders Marga: Sie ist ein fest definierter Teil eines klar erfassbaren Umfeldes. Sie ist, völlig im Gegen­satz zu mir, Element eines Geflechts und kann durch ihre Beziehungen zu anderen Elementen be­schrieben werden. Das soziale Geflecht, in dem sich Marga bewegt, ist in der Beziehungsstruktur ihrer Elemen­te starr determiniert, nach den nur mündlich fixier­ten Gesetzen der Dorfgemeinschaft, welches ihrer Teile was tun darf und was nicht. Die letztent­scheidende Instanz ist die Haushälterin des Pfar­rers, ihr müssen sich sogar der Geistliche selbst und Gott beugen. Die Bestimmung des Geflechts muss im Ungewissen bleiben. Marga ist Tochter und Schwester. Sie besucht das naturwissenschaftliche-technologische Gymnasium im nächstgrößeren Ort. Das ist die Kreisstadt Sonthofen. Ihr Dialekt ist der ihrer Eltern. Es ist eine südliche, gebir­gige Sprachform, schwer und breit; weit vom Hochdeutschen entfernt und voller spezieller Wortschöpfungen, die bereits in Kempten schon nicht mehr verstanden werden. Dieser Dialekt ist längst durch den massiven Angriff des flachdeut­schen Ausflug­tourismus in einem verlustreichen Rü­ckzug begrif­fen. Marga ist sechzehn Jahre alt. Dabei hat sie nie in den Jahren gelebt, nicht einmal in den Tagen. Sie lebt ausschließlich in Augenblicken, in vergänglichen, aber bewussten Momenten. Manchmal denke Ich, es wäre klüger, Alter nach diesen Momenten zu zählen. Dies würde im Vergleich erfahrbar machen, wie viel jemand tatsächlich gelebt hat.

Die Beziehungen (geordnet nach ihrer augenblicklichen Bedeutung)

(1) Eine Freundin, mit der sie sich mehrmals in der Woche in der Schule und auch in ihrer Freizeit trifft, wird von ihr „Hanni“ genannt. Allein der Name genügt fürs Erste.

(2) Margas nächste, also zweitbedeutende Bezie­hung nennt sie „Schorsch“. Er ist im Frühjahr neunzehn geworden. Hier habe ich bereits das Dilemma: Bedeutet diese um den Wert Drei höhere Zahl, dass Schorsch älter, gar erfahrener ist? Mir scheint, wenn Ich Leben nach den oben erwähnten Augenblicken rechne, dann ist Marga älter und erwachsener als ihr Freund. Schorsch lernt beim Dorfschnitzer das edle Handwerk, aus rohen Holzblöcken Devotionalien und weltliche Bildwerke zu schaffen. Das ist durch den boomenden Tourismus in den Hörnerdörfern ein zukunftsicherer und angesehener Beruf. Schorsch betrachtet sich als arm, da ihn sein Lehrherr, wie er denkt, arg kurzhält. Was sind 270 DM im Monat, wenn man ein Motorrad besitzt? Marga und Schorsch sehen sich regelmäßig einmal in der Woche am Samstag.

(3) Margas als streng aber gerecht bekannte und von vielen gefürchtete Deutschlehrerin, von ihren Schülerinnen Frau Hinrich, oder, nach ihrer Art, sie anzuspre­chen, weniger respektvoll „Mädeles“ genannt, ist die Beziehung von ihr, die aus dem Rahmen des zu Er­wartenden fällt. (Was man eben landläufig „erwar­tet“ oder unter „Erwartung“ zu verstehen hat. Ich weiß, ich mache es mir hier etwas zu einfach. Wür­de Ich aber an dieser Stelle näher auf den Begriff einge­hen, würde meine Anmerkung zu gewichtig ausfal­len.) Regelmäßig zweimal im Monat, an dafür festgeleg­ten Tagen, besucht Marga mit Hanna und anderen Mädchen Frau Hinrich in deren Wohnung, man trinkt Tee und redet angeregt über Literatur und deren ge­sellschaftliche Aspekte.

Die Beziehungen (1), (2) und (3) sind

(4) den Eltern von Marga kein Dorn im Auge. Sie werden jedoch von ihnen mit einiger Skepsis beobachtet. Die Eltern nehmen ihre Erziehungsaufgabe ernst. Doch bleibt ihnen kaum Zeit übrig, ihre Tochter tatsächlich zu erziehen. Schließlich sollte sie inzwischen alt genug sein, auf sich selbst zu achten. Das ist eine Auffassung, der sich Marga anschließt und die sie ernst nimmt – ganz im Gegensatz zu den Eltern, für die dieser Satz ein Lippenbekenntnis ist, das sie immer dann im Munde führen, wenn ihre Tochter ungeliebte Arbeiten übernehmen soll. Die Beziehung zu den Eltern ist problematisch, da sie keine freiwillig aufgebaute, sondern, beiderseitig, eine gezwungene ist, die hauptsächlich formelle und pubertäre Schwierigkeiten belasten.

Die Beziehungen (5), (6) und (7) sind momentan eher unbedeutend, die Bedeutung ist entweder bereits vergangen oder sie wird sich erst in der Zukunft entfalten.

(5.) Bettina, Margas um drei Jahre jüngere Schwester, fällt ihr in erster Linie durch ihre aufdringliche Gegenwart lästig. Sie wird von ihr allerdings benützt, um sich von Aggressionen, die durch andere Beziehungen entstehen, zu befreien. Deshalb quält sie Bettina auf vielerlei Arten und bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

(6.) Marga hat Jens Wetzlar vor etwa vier Monaten zu Ostern zum letzten Mal gesehen. Sie hofft, ihm nicht noch einmal zu begegnen. Er ist ihr nicht unsympathisch. Sie erachtet die Beziehung nur für beendet. Es wäre Marga peinlich, wenn sie noch einmal aufleben würde und sie sich in Zukunft erneut mit Wetzlar auseinandersetzen müsste.

(7.) Ein Soldat, den Marga bisher noch nicht ken­nengelernt hat und dessen Namen sie nicht erfahren wird, wird zu einem kritischen Moment ihrer Ent­wicklung eine nicht gering zu bewertende Rolle spie­len. (Da Ich absolutes Erinnerungsvermögen besitze und dies vom Augenblick der Geburt Margas an, darf es nicht Wunder nehmen, wenn Ich auch in gewissen Gren­zen Zukünftiges von ihr weiß und Tendenzen ihres Schicksals mit nahezu absoluter Gewissheit ab­schätzen kann. Wenn man an die Konstruktion Zufall glaubt, miss­achtet man das Prinzip von Ursache und Wirkung. Bei vollkommener Kenntnis des Vergangenen lässt es sich exakt auf jedes zukünftige Ereignis schließen. Der freie Wille ist folglich nur eine Illusion. Dagegen kann man sich gefühlsmäßig verwehren, anzuzwei­feln ist diese Tatsache nicht.)

(8.) Es bleiben noch Marga und das Namenlose: Marga ist schwanger. Etwas noch nicht Fassbares hat vor vier Monaten in Unserem Inneren zu leben begonnen.

Anmerkungen

zu (1): Hanna Apler, Margas „Hanni“, hat seit geraumer Zeit erhebliche Verständnisschwierigkeiten im Unterrichtsfach Ma­thematik. Das liegt weniger an ihrem Fleiß und ih­rer Lernbereitschaft, als an ihrer Art zu denken. So kann ihr Marga, die zwar weniger fleißig ist, dafür aber einen deduktiven Verstand besitzt, kaum hel­fen, obwohl die beiden oft gemeinsam lernen. Da sie jedoch in der Schule nebeneinander sitzen, lässt Marga ihre Freundin bei Arbeiten abschreiben. Nur aus diesem Grund hat Hanna akzeptable schriftliche Mathematiknoten, denn ihr ist bereits vor zwei Schuljahren der Faden gerissen. Das war an dem Tag, an dem die Algebra das Rechnen mit Zahlen ersetzte. Fassungslos steht sie inzwischen vor mit geometrischen Funktionen und Gleichungen beschrifteten Tafeln, die ihr so geheimnisvoll und absonderlich wie ägypti­sche Hieroglyphen scheinen.

Doch Hanna ist keine Schmarotzerin, ide die enge Freundschaft mit Marga ausnutzt, um sich durch die Schulzeit zu mogeln. Häufig ist es Marga, die von Hannas Fleiß im Auswendiglernen profitieren kann, zum Beispiel in Fächern wie Sozialkunde, Biologie oder Erdkun­de, denen Marga vollkommene Interesselosigkeit entgegenbringt. Die Abschreibmethoden der beiden sind im inzwi­schen vierten gemeinsamen Schuljahr perfektioniert. Deshalb werden sie, trotz verstärkter Bemühungen der Lehrkräfte, nur selten des Unterschleifs überführt. Die wenigen „ungenügend“ oder „mangelhaft“ in den Notenlisten fallen daher nicht wei­ter ins Gewicht. Man kann von einer Symbiose spre­chen, einer für beide gewinnbringenden Überein­kunft, die durch die starke Sympathie, die sie für einander empfinden, funktioniert.

Ein Unterrichtsfach gibt es, in dem sie beide glei­chermaßen begabt sind und deshalb kaum Grund zum „Spicken“ haben: Deutsch. Hier sind sie mit­einander wetteifernd die Elite der Klasse und die Musterzöglinge von Frau Hinrich, die, so behauptet sie zumindest anderen Lehrkräften gegenüber, nur wegen den beiden Mädchen diese schwierige Klasse behält. Doch auch in Deutsch ist das Talent der Mädchen eindeutig unterschieden: Hanna ist dem Schönen, Wahren und Guten zuge­tan. Sie hat sich in ihrer frühen Jugend entschieden, Dichterin zu werden und schreibt in ihrer Kammer Bleistiftenden zerkauend Gedichtzeilen voller Tren­nungsschmerzen und Sonnenuntergängen, die sie aber nie­mandem außer Marga zeigt. Hanna ist für ihr Alter belesen. Sie hat sich einen antiquierten, aber leicht bekömmlichen Schreib- und Ausdrucksstil angeeig­net, der ihre inhaltlich uninteressanten Aufsätze flüssig lesbar macht und die Hauptursache für ihre gute Deutschnote ist. Marga hingegen erachtet diese amateurhafte Form von schöngeistiger Betätigung für verlogen und weltfremd. Hannas Gedichte nennt sie einen „Honigschmarrn“. Diese Wortschöpfung stützt meine Er­kenntnis. Marga ist nicht, wie sie selbst glaubt, grausam realitätsgläubig, sondern hat für unbe­dachte Momente eine gewisse Weiche bewahrt, die sie allerdings niemandem, nicht einmal Hanna oder gar sich selbst, eingestehen würde. Marga leidet stumm, wenn ihr Hanna mit über­schwänglichem Zittern in der Stimme ihre klangvol­len Kopfgeburten vorträgt. Nur die Freundschaft, die sie aus diesem Grund nicht leichtfertig aufs Spiel setzen will und das Wissen, wie wichtig Hanna ihre literarischen Ergüsse sind, hindern Marga dar­an, sie mit Verrissen zu konfrontieren. Statt des­sen lobt sie freundlich, wenn auch zögernd und uninspi­riert. Doch Hanna, die nur hört, was sie hören will, ist‘s zufrieden.

Margas Aufsätze sind besser als die ihrer Freundin. Sie sind nicht so literarisch ausgefeilt, ihre Gedankengänge sind jedoch originell, pointiert und klar strukturiert. Die Höchstnote bleibt ihr meist nur deshalb versagt, weil ihre Texte aufdringlich von ihrer persönlichen Auffassung durchtränkt sind, sie durch ihren Essaycharakter meist am vorgegebenen Ziel einer sachlichen Erörterung vorbeigehen. Margas Literaturinterpretationen sind jedoch brillant und erfassen sezierend klar die Ideen, die in den Texten stecken. Hanna zäumt das Pferd von der anderen Seite auf, indem sie mit Einfühlungsvermögen für Autoren und ihre Worte in den Text wie in ein religiöses Mysterium einzudringen versucht und doch meist zu den gleichen Folgerungen wie die nüchterne Marga gelangt.

zu (2): Schorsch, der mit der gleichen Hingabe und Zärtlichkeit Gewänderfalten von Nothelfern schnitzt, wie er Marga streichelt, sieht die Frage nach seiner Zukunft auf eine Auseinandersetzung mit einem einzigen Problem reduziert. Sie hat ihn zerfahren, jähzornig und nervös gemacht und ihm eine steile, senkrechte Falte in die Stirn gegraben, die sein ansonsten glattes Gesicht für Marga so in­teressant gemacht hat, dass sie sich in ihn verliebte. Schorsch will auf keinen Fall Soldat werden. Er hat vergebens über zwei Instanzen hinweg den Kriegsdienst verweigert. Wenn er seine Lehre in ei­nem Jahr abgeschlossen hat, kann ihn nur noch eine Krankheit oder weitere Abrüstung vor einer Einbe­rufung retten. Schorsch ist ein zerrissener Mensch und ein tragischer dazu. Nur wenn er schnitzt oder mit Marga zusammen ist, ist er mit sich eins. Die restliche Zeit sorgt er sich, leidet unter Selbstvor­würfen und Schlaflosigkeit.
Schorsch ist religiös und mit Leib und Seele Katho­lik. Es gibt keinen Sonntag, an dem ihn der Pfarrer in der Frühmesse vermisst. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist er durch seine Familie vorbelastet, in der Glaube Tradition hat. Ein Bruder seiner Mutter, den Schorsch seit seiner Kindheit bewundert, ist als Geistlicher am Bischöflichen Ordinariat in Augsburg für das Seelenheil derjenigen zuständig, die der arrogante Bischof selbst nicht empfangen will. Und eine Cousi­ne von Schorsch muss seit Jahren ohne sichtbaren Erfolg wegen religiösen Wahnvorstellungen statio­när in einer Geistesheilanstalt behandelt werden. Der zweite Grund für seine Gläubigkeit ist in sei­nem täglichen, intimen Umgang mit geheiligten Symbolen und Figuren zu suchen. Er hat ihm ein persönliches und freundschaftliches Verhältnis zu den Nothelfern, dem Jesuskind und der Mutter Ma­ria beschert. Dieser Glaube ist neben einer Unfähig­keit, sich zu artikulieren, der Grund, aus dem er in seinen Kriegsdienstverhandlungen vollkommen versagt hat. Es fällt niemandem schwerer als gerade einem religiö­sen Menschen, seine Gewissensnot glaubhaft zu ma­chen, da die Beisitzer, die sich in ihrem engbegrenz­ten Horizont einen solchen Glauben nicht vorstellen können, in ihrem Selbstverständnis davon ausge­hen, sie würden von den Verweigerern angelogen. Durch diese Ablehnungen hat sich in Schorsch eine für einen Katholiken seltene Skepsis und unter­drückte Wut gegen die Organe des Staates und de­ren Vertreter entwickelt. Diese Radikalisierung hat ihn dazu gebracht, in einer schier revolutionären Tat als einer von fünf Abtrünnigen im Dorf bei der Kom­munalwahl statt für die CSU für die Grünen zu stimmen.

Marga ist nach Jahren gezählt nicht alt genug, um wählen zu dürfen. Sie hat auch nicht vor, diese vor ihr als lächerlich empfundene, für sie paradoxerwei­se von mangelndem Demokratieverständnis zeugen­de Pflichtübung auszuführen. Sie hält es für gro­tesk, jemandem „ihre Stimme zu geben“. Sie hat sich entschlossen, ihre zu behalten und nur für sich selbst zu gebrauchen. Marga betrachtet übrigens den lieben Gott als eine besonders geschickte Konstruktion, Menschen in Dummheit und Armut zu belassen. Für Jesus Chris­tus hat sie ein dünnes, mitleidiges Lächeln übrig. Erst kürzlich hat sie das weite Feld der Philosophie und dort die seltsame Pflanze Baruch de Spinoza entdeckt. Sie fühlt sich, obwohl sie bei weitem nicht alles und das meiste falsch versteht, in den mathe­matisch ordentlichen Texten dieses Denkers gebor­gen. Marga behält ihre Auffassungen jedoch für sich und hat keinerlei Missionsbedürfnis, ganz im Ge­gensatz zu Schorsch, der jedermann an seiner Lie­besbeziehung zu Christus und der Mutter Maria teilhaben lassen will. Mit Gottvater allerdings hat er seine Probleme. Er hat das verunsichernde Gefühl, er habe sich weit von Gott entfernt. Auch aus diesem Grund hat er eine Ministranten­gruppe als Leiter übernommen. Er trifft sich einmal in der Woche mit den Zwölf- bis Vierzehnjährigen und diskutiert über Glauben und Ich-Findung oder er versüßt diese bittere Pille mit Spielen und Zeltla­gern.

Die Beziehung zwischen Schorsch und Marga ist eine, die man aus schwer fassbaren Gründen „plato­nisch“ nennt. Für Marga ist sie passend und ange­nehm. Schorsch hingegen sieht sich in einem schwe­ren Dilemma zwischen den Bedürfnissen seines Kör­pers, der nach Berührungen lechzt und seinen ver­wurzelten religiösen Moralvorstellungen, die sexuellen Verkehr vor der Ehe ausschließen. Würde ihn Marga nicht bis auf ein paar gelegentlich gewährte Küsse und Umarmungen auf Distanz halten, hätte er das amorphe Gefühl, das er für sein Gewissen hält, längst als etwas Überflüssiges und Lästiges zur Seite gelegt. Es stellt sich freilich die Frage, was die beiden aneinander kettet; was sie reden und fühlen, wenn sie gemein­sam sind. Falls es nicht eben ihre Grundverschie­denheit ist, die sie bindet, dann ist es mutmaßlich der gemeinsa­me Versuch, die Einsamkeit und Leere zu überwin­den, die sie in sich fühlen, ist es ein Drang nach Ge­borgenheit und Schutz, die sie nur beim je­weils an­deren finden können.

Schorsch weiß nichts von Margas Schwangerschaft.

 

So, das war jetzt eine lange Lesestrecke. Ich würde mich freuen, wenn jemand, der sich der Mühe unterwarf, den zugegebenermaßen nicht ganz einfachen Text zu lesen, mir eine Rückmeldung gibt. Soll ich noch einen weiteren Ausschnitt bloggen oder genügt es für einen Eindruck?

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