Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Auf nach Weimar!

Schild an meiner Haustür

Da der Herr Geheime Rat von Goethe mir absolut nicht den Gefallen tun möchte, mich in meiner schwäbischen Heimat aufzusuchen, werde ich es wie Mohammed mit dem Berg halten, dem Beispiel meiner Freunde Hoffmann, Tieck und Heine nacheifern, in meinem diesjährigen Osterurlaub gen Norden ins Thüringen’sche aufbrechen und das daselbst in Weimar ansässige „Groszthier“ der deutschen Literatur visitieren und, falls ich ihn persönlich antreffen sollte und er nicht wie so oft auf Badekur ist oder sich in seinem Gartenhaus eingeschlossen hat, einige Flaschen Rheinwein mit ihm und auf ihn leeren. Man munkelt, er würde in jüngster Zeit Eintritt in sein Haus am Frauenplan verlangen – so weit ist es schon gekommen. Auch der eine oder andere Besuch bei der Gräfin Anna Amalia, den edlen Damen von Stein, von Kalb, Schröter, und selbstredend bei Christiane Vulpius, vulgo Frau Goethe – die alle einander so gar nicht mögen -, und heitere Abendgesellschaften mit den Herren Schiller, Herder, Jean Paul und fraglos auch mit Wieland et al. sind angedacht, sowie Theatervergnügungen, Konzerte und Abstecher nach Erfurt und die reizende Umgegend – falls das Wetter mitspielt -, auch gerne auf Schusters Rappen oder mit dem Velociped. Ich hoffe nur, dass dann vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick. Wahrscheinlich jedoch ist mein Sehnen vergebens; so schnell und kampflos zieht sich in diesem Jahr der Winter nicht zurück.

Ich bin neugierig, welche Anregungen mir die kleine Stadt in der Mitte Deutschlands bieten wird. Freilich ist meine „Weimarer Reise“ nicht nur eine allzu verfrühte Sommerfrische, sondern auch eine Recherche für den 4. Teil meines Romanwerks „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“, das zu großen Teilen im März des Jahres 1832 zu Weimar spielen wird. (Ja, richtig gelesen! Ich bin ein fleißiges Kerlchen und arbeite bereits am 4. Teil der Trilogie, nachdem ich die erste Fassung des 3. beinahe fertig und die berechtigte Hoffnung habe, sie noch im Sommer veröffentlichen zu können.)

Goethe

Mein Plastik-Goethe

Ich werde aufgrund dieser Pilgerreise zu den Altvorderen meiner Zunft diesen Blog, den ich den den letzten Wochen fleißig mit meinen kleinen Textchen gefüllt habe, zwei oder drei Wochen ruhen lassen und wünsche meinen Freunden, wenigen Lesern und auch allen, die in der letzten Zeit auf meinen Blog gestoßen sind, ein gesegnetes, sonniges, friedvolles und schokoladeneierreiches Osterfest.

Bis bald, euer Nikolaus.

Wochenlese 01. Juli – 07. Juli 2013

Das Programm meines persönlichen Fitnessbeauftragten (Frau Klammerle) sah für dieses wunderschöne Sommerwochenende zwei schweißtreibende Trainingseinheiten vor: Heute radelten wir heimatverbunden durch die lichten Westlichen Wälder (immerhin eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Deutschlands und vom heimwehkranken Exil-Schwaben Bert Brecht in einigen sehnsüchtigen Gedichten besungen) zum pittoresken (!) Zisterzienserinnenkloster Oberschönenfeld, wo ein leider etwas überlaufener Töpfermarkt stattfand, in dem wir aber doch mal wieder ein paar nutzlose Gartenkeramiken erwerben konnten (siehe: Geschmackloses).

ofeld1

Den Rückweg kürzten wir über Gessertshausen ab – das ist eine eher bedeutungsfreie Ortschaft an der B300, die wie mein etwas weiter östlich gelegenes Heimatdorf zum Speckgürtel Augsburgs zählt und mindestens seit der Römerzeit auf Entlastung durch eine Umgehungsstraße hofft. Auf dem Weg zum Bahnhof, an dessen Gleisen entlang der Radweg nach Diedorf führt, gerieten wir in einen Kirchenflohmarkt, wo neben erstaunlichem Krempel natürlich auch ein paar Pappkartons mit alten Büchern auf Leser warteten. Wenn wundert, dass ich fündig wurde? Unter John Knittel und Readers-Digest-Auswahlbüchern (der Seuche jedes Antiquariats) versteckt, stieß ich auf Bände einer Gesamtausgabe der Werke von Christoph Martin Wieland von 1860.

wielandChistoph Martin Wieland
Werke, Band 21 – 24

Ich erwarb die drei ledergebunden Bücher für 1 € pro Stück. Bücher – zeigte sich mal wieder – sind nichts wert. Und so bin ich endlich glücklicher Besitzer des lange schmerzlich vermissten, bereits in der Jugend begeistert gelesenen Agathodemon, des genialen Peregrinus Proteus und einiger Essays dieses vor genau 200 Jahren verstorbenen Autors, den zu lesen durchaus eine gewisse Anstrengung bedeutet, die aber jegliche Mühe wert ist. Nie ist ein deutscher Dichter näher an die klassische griechische Literatur und Philosophie herangerückt als Wieland und keiner besaß dabei so viel Humor. Viele seiner Werke gibt es inzwischen auch gratis als E-Books bei meinen Freunden von mobileread.

Für den Samstag sah das körperliche Ertüchtigungs-Workout meiner lieben Frau vor, den Keller vom Sperrmüll zu befreien und diesen (den Müll, nicht den Keller) mit dem Auto zum Wertstoffhof zu transportieren. Zur Müllsammelstelle führt nur ein einziger Schotterweg – zufälligerweise ist das auch noch die oben erwähnte Radstrecke am Bahngleis entlang, die zu eng für zwei Autos nebeneinander und die fröhlichen Ausflügler auf ihren Rädern ist. Nachdem man sich bis nach vorne durchgekämpft hat, muss man noch zwischen all den fetten Wägen der Rentner, die nur schnell ein paar leere Flaschen abliefern wollen, einen Abstellplatz fürs Auto zu suchen und es anschließend schwerbepackt mit Krempel der Aufsicht Recht machen, deren Auffassungen, in welchen Container welcher Abfall gehört, gelinde ausgedrückt eigenartig sind. Das kostet den ganzen Vormittag und wäre ein Thema für einen Freitagsaufreger.
Trotzdem liebe ich es, den Wertstoffhof aufzusuchen. Denn seit etwa zwei-, drei Jahren führt dort ein pensionierter Professor (zumindest bezeichnet ihn die Aufsicht als einen solchen) ein inzwischen wohlsortiertes öffentliches Gratis-Antiquariat mit den alten Büchern, die die Leute zum Papierabfall bringen. Daher kehre ich manchmal mit vollerem Kofferraum vom Wertstoffhof heim, als ich losgefahren bin und aus diesem Grund lässt mich Frau Klammerle nur ungern allein den Müll wegbringen. Gestern fand ich unter anderen (Bukowski, Thukidides, George Sand):

galsworthyJohn Galsworthy
Ein Mädchen wartet

Es war für mich ein Glücksgefühl wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Das Werk des engen Freundes von Joseph Conrad ist auf deutsch kaum erhältlich; es sei denn, man will die Forsyte-Saga lesen, für die Galsworthy zwar den Nobelpreis für Literatur erhielt, das aber insgesamt betrachtet sein schwächstes Buch ist. Den in der grün gebundenen antiquarischen Werkausgabe des Paul-Zsolnay-Verlages aus den 30er Jahren erschienen Roman – den ersten Band einer Trilogie – kannte ich überhaupt noch nicht. „Ein Mädchen wartet“ ist neben dem schwermütigen „Die dunkle Blume“ sein bestes Buch, ich habe den Roman begeistert in einem Zug durchgelesen.

Wer Fernsehserien wie Eaton Place oder Downton Abbey (wann kommt endlich die zweite Staffel in deutsche Fernsehen?) mag, wird von dieser Lektüre, auf die wunderbar der unübersetzbare englische Ausdruck „sophisticated understatement“ passt, hingerissen sein. Der aristokratische, leicht rückwärts gewandte Autor hat mit leichter, heiterer Hand in diesem in den Zwanziger Jahren spielenden Roman mit Dinny Cherrell eine der schönsten und emanzipiertesten Frauengestalten skizziert, der ich seit Jane Austens  ‚Lizzie‘ Bennet zwischen zwei Buchseiten begegnet bin.
Und nun muss ich verzweifelt nach den beiden anderen Bänden dieser Trilogie suchen…

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