Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Sonntag, 24.05.20 – Diese entsetzliche Erfolglosigkeit

Pfingstsonntag, 31.05.20

Zuerst einmal die gute (na ja, nicht für jeden) Nachricht: Die Maus, von der ich in der letzten Woche berichtet habe, versteckt sich nicht mehr im Schlafzimmer. Ich habe ja eine Lebendfalle aufgestellt und sie mit Popcorn und Schokolade gefüllt. Ich war mir sicher, ich würde die Maus darin fangen. Pustekuchen. Diese Falle ist so pazifistisch, dass sie sich nicht schloss, als die kleine, braune Feldmaus meiner Einladung folgte und in der Finsternis der Nacht aus ihrem Versteck gekrochen kam. Sie fraß die Falle leer und stellte sich dabei so geschickt an, dass sie den Fangmechanismus nicht auslöste. Trotzdem wurden ihr Popcorn und Schokolade zum Verhängnis. Denn die Maus hatte in ihrer Gier Amy, die Katze, übersehen, die zu meinen Füßen in meinem Bett lag. Tatsächlich wartete meine Katze genüßlich ab, bis die Maus satt war und wieder aus der Falle kam, dann hüpfte sie mit einem Aufschrei auf ihr Opfer, das ihr in der Nacht zuvor entkommen war und diesmal, vollgefressen wie es war, keine Chance hatte. Erst in diesem Moment wurde auch ich wach (es war mal wieder kurz nach vier Uhr). Viel war allerdings nicht mehr zu sehen. Amy, die vielleicht doch so etwas wie ein schlechtes Gewissen plagte, packte sich die Maus und rannte wie der Blitz mit ihr im Maul durch die Katzenklappe hinaus aus der Wohnung. Ich habe keine Hoffnung, dass sie ihre wiedergefundene Beute vor der Haustür mit einer Verwarnung laufen ließ, sondern befürchte eher, dass ich demnächst beim Unkrautjäten auf die kümmerlichen Überreste einer Katzenmahlzeit stoße. Dann wäre das die Geschichte, in der Amy über Umwege Popcorn und Schokolade fraß.

Übrigens hat sie das Karma anschließend schwer gebeutelt, denn in der Nacht darauf bekam sie Ärger mit einer anderen Katze, die bei einem Kämpfchen brutal und fest in den Rücken gebissen hat. An dieser Wunde bildete sich dann ein gewaltiger, eitriger Abzess, der beim Tierarzt behandelt werden musste. Da es Frau Klammerle (immerhin Krankenschwester im Intensivbereich) nervlich nicht packte, war ich mit Mundschutz, Desinfektion, Abstandregelungen und einem flauen Gefühl im Magen dabei, als der Veterinär der armen leidenden Katze den stinkenden Eiter aus der Wunde quetschte, sie sorgfältig ausspülte und ihr zum Abschluss noch zwei Spritzen verpasste.

Keine Sorge, jetzt ist sie wieder auf der Höhe und gestern kam sie stolz mit einem kleinen Vogel in die Wohnung geschlendert. Nur noch ein kahler Fleck in ihrem flauschigen Fell erzählt noch von der Angelegenheit.

*

Und – ach! – da habe ich Optimist einen ganzen Stapel meines neuen Buchs zuhause, der nur Platz wegnimmt. Ich dachte, jeder würde ein Exemplar wollen, weil es mir so gut gelungen ist und ich wäre jetzt endlich im Schriftsteller-Olymp angekommen! Pustekuchen. Ich hätte es ja eigentlich aus meinen bisherigen Erfahrungen wissen müsssen: Für meine Literatur interessiert sich weiterhin keine Sau. Ich habe noch kein einziges Buch verkauft, auch nicht als spottbilliges E-Book. Die Leute wollen Nikolaus Klammer nicht einmal geschenkt.

Vielleicht sollte ich zwischen Cover und erste Seite Popcorn und Schokolade legen …

*

Und dann ist da noch die Sache mit dem Urlaub von Frau Klammerle und mir. Eigentlich wollten wir ja ins Burgund fahren und hatten bereits im Februar eine Ferienwohnung angemietet. Pustekuchen. Corona kam, wir mussten stornieren und die Hälfte unseres Geldes als Verlust abschreiben. Trotzdem haben wir nun über Pfingsten und darüber hinaus gemeinsam zwei Wochen Urlaub und wir werden sie eben in der Heimat verbringen. Ziel ist es trotzdem, ein gewisses Feriengefühl aufkommen zu lassen. Deshalb planen wir Ausflüge zu Fuß und Rad in die Umgebung und versuchen, unser Häuslein und unseren Garten als Ferienwohnung zu behandeln (keine Alltagsarbeiten, wenig putzen, viel „chillen“ usw.) Statt der Abtei Cluny besichtigen wir eben Kloster Andechs. Ich bin gespannt, ob uns das gelingt, zuhause abzuschalten.

Am Freitag haben wir zumindest unsere erste Radtour nach Blumenthal bei Aichach gemacht; also mal ins oberbayerische Hinterland von Augsburg, das wir normalerweise meiden. Wir sind lieber in unserem Wilden schwäbischen Westen oder im Allgäu unterwegs. Obwohl wir uns ein paar Mal verfuhren und eigentlich nicht dort rauskamen, wo wir hinwollten, alle Biergärten geschlossen waren und am Mittag das Wetter recht zweideutig und kühl wurde, hat es Spaß gemacht und durchaus ein wenig Urlaubsgefühl vermittelt. Später kehrte auch wieder der weiß-blaue Himmel zurück, wir saßen auf der Sonnenterrasse unseres Diedorfer „Ferienhauses“ und genossen den Schrobenhausener Spargel, den wir vom Nahen Osten mitgebracht haben. Immerhin ist der Weißwein, den wir dazu tranken, ein Weißburgunder.

Morgen wanderen wir in der Schwäbischen Alp. Und ich habe keine Ahnung, wie ich in diesen Absatz „Popcorn und Schokolade“ schmuggeln kann. Herzliche Urlaubsgrüße.

Bis bald! Euer Niklas.

Ja, auch zuhause ist es schön!

Sonntag, 24.05.20 – Der ewige Turm

Sonntag, 24.05.20

Wann werdet ihr es begreifen, Freunde?
Ich schreibe auch, wenn mein Computer aus ist
und ich weder Notizbuch noch Bleistift in der Hand halte.

Nikolaus M. Klammer

Ein Verlagslektor würde beim Lesen des Anfangs dieses Textes die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, ihn bedenklich schütteln und in ihm den Gedanken wälzen, ob er überhaupt noch zu retten sei  – beide, der Text und der Schriftsteller(1). Aber spätestens seit dem „Mann ohne Eigenschaften“ ist es guter Ton unter uns Autoren, mit dem Wetterbericht zu beginnen. Deshalb ignoriere ich das. Also:

Gestern war so ziemlich der scheußlichste Regentag seit langer Zeit. Ein zorniges Tief aus dem Nordwesten brandete mit enormer Wucht gegen die Alpen und entließ bei seinem Vorüberziehen in deren herrlichen Vorland (in dem ich das Glück habe, leben sein zu dürfen), enorme Wassermassen. Es hinterließ Kälte und bei mir eine bemerkenswert deprimierte Stimmung. Sie hat sich trotz des sonntäglichen Sonnenscheins, in dem wieder muntere weiße Wolkenschafe ungestört von hässlichen Kondenzstreifen (2) über den bayerisch-blauen Himmel treiben, nicht verbessert. Das mag auch daran liegen, dass ich müde und unkonzentriert bin. Ich habe die halbe Nacht in meinem Schlafzimmer (Frau Klammerle hat Nachtwache) hinter einer kleinen, äußerst munteren Feldmaus hergejagt, die Amy, meine Katze fröhlich maunzend angeschleppt und dann sehr schnell aus den Augen verloren hat. Eine Weile begleitete sie noch aufmunternd meine Bemühungen, das Tier einzufangen, aber dann wurde es ihr schnell langweilig und sie suchte sich andere Vergnügungen. Jedenfalls schläft sie jetzt friedlich auf meinem Sofa (Frau Klammerle auch, allerdings im ehemaligen Zimmer von Sohn Nr. 2 unterm Dach). Die Maus ist noch immer nicht gefangen – wahrscheinlich versteckt sie sich hinter dem Kleiderschrank. Ich habe zwei Fallen aufgestellt (3) und nun warte ich. Meine Laune hat sich dadurch nicht eben gebessert.

Doch worum geht es eigentlich? Es ist das alte Lied und es ist von Rilke. Mein Vater, der vor gut einem Monat verstarb, wollte es übrigens auf seiner Todesanzeige stehen haben und ich habe ihm den Wunsch erfüllt:

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Da er nicht religiös war, mochte mein Vater nur die erste Strophe dieses Gedichts abgedruckt haben, doch es geht noch weiter:

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Dieser Turm, um den ich kreise – ungefähr einmal im Jahr -, das ist die Literatur (mein persönlicher Gott, wenn man so will). Er ist nicht nur uralt, sondern auch hoch und mächtig und erweist sich als vollkommen interesselos und unbeeindruckt von meinen Bemühungen, in seiner Umgebung emporzusteigen, um seine Spitze zu erreichen. Immer wieder aufs Neue komme ich an einen Punkt, an dem mich Abwinde ins Trudeln und fast zum Abstürzen bringen. Dann sacke ich ab und muss nach einer Thermik suchen, die mich langsam höher bringt. Im Moment befinde ich mich mal wieder bei solch einem Niedergang. Es hat sich viel angestaut in den letzten Monaten und es liegt als Gewicht auf meinen Schultern, das mir das Gleiten um den Turm noch schwerer macht: Die bedrückende äußere Situation, in der wir alle sind, die soziale Verarmung und Vereinsamung, die Trauer, die Brot-Arbeit. Mit meiner Gesundheit geht es bergab, ich nehme zu und bin launisch wie ein alter Straßenkater. Die Erfolglosigkeit und auch Sinnlosigkeit meiner literarischen Bemühungen (gerade habe ich ein neues Buch veröffentlicht, das niemanden zu interessieren scheint) gibt mir gerade den Rest.

Und da ist auch noch diese Maus! Ich bräuchte dringend Abstand und Urlaub, doch der ist ja gecancelt. Statt über Pfingsten wie ursprünglich geplant ins Burgund zu fahren und die Abtei Cluny zu besichtigen, gibt es – falls Herr Söder es uns gestattet – Tagesausflüge ins Ammergau und ins Kloster Ettal. (4) Deprimierend, nicht wahr? Ich weiß, vielen geht es ähnlich oder sie sind noch schlechter dran. Aber einmal im Jahr, wenn ich meine Runde um den uralten Turm gedreht habe, dann darf ich auch jammern. Schließlich gehört das Selbstmitleid schon immer zu meinen stärksten Gefühlen.

Aber genug jetzt. Leben ist mehr. Hier noch ein Bild von einer Hummel, die sich auf einer Schnittlauchblüte in Frau Klammerles Kräutergarten niedergelassen hat und dort „Pollenklößchen“ formt.(5) Das ist der Zopf, mit dem ich mich selbst aus dem Sumpf meines Selbstmitleids ziehen kann. So flauschig …

 


(1) Zum Glück wird nie ein Verlagslektor (oder meinetwegen auch eine Verlagslektorin) einen meiner Texte in die Finger bekommen. Dieser Beruf ist eh wie „Torfstecher“ oder „Stenotypistin“ nahezu ausgestorben.

(2) So entsetzlich diese Pandemie ist, die gefühlt nun schon zwei Jahrhunderte währt: „Corona“ nimmt viel, aber sie gibt auch zurück.

(3) Selbstverständlich sind das Lebendfallen. Ich bin Tierfreund und Vegetarier. Der beste Köder ist übrigens Marzipan, wie ich festgestellt habe. Freilich ist keines im Haus, deshalb habe ich Popcorn und Schokolade in die Fallen. Keine Ahnung, ob Feldmäuse das mögen. Kommt Zeit, kommt Maus. Im Winter haben wir 3 Wochen gebraucht, bis wir eine gefangen hatten, die sich unter dem Kühlschrank versteckt hielt und sich an unseren Lebensmittelvorräten bediente. Meine Schwiegertochter in spe hat sie „Piepsi“ getauft.

(4) Geheimtipp: In der dortigen Schaukäserei kann man den besten Käsekuchen der Welt essen. Ungelogen!

(5) Ja, ich wurde auch durch die „Biene Maja“-Zeichentrickfilme sozialisiert. Willi war immer mein Lieblingscharakter.

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