Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Werkstatt”

Renovierungsarbeiten

Frau Klammerle ist aus ihrem Winterschlaf erwacht, hat sich den Sand aus den Äuglein gerieben und die Kaffeemaschine rattert und dampft im Dauereinsatz. Missbilligend und verärgert sieht sie sich um und worauf auch immer in unserem Häuslein ihr Blick fällt: Sie entdeckt Unordung, Schmutz, Staub, Liegengebliebenes, Auflösung. Ich kenne dieses Phänomen an ihr; dies ist ihr in diesem Jahr etwas verfrühter FAW (Frühjahrs-Aufräum-Wahn). Gut schwäbische Kehrwochen sind im Haushalt des Schriftstellers angesagt und nichts bleibt, wo es vorher lag. Ein besonderer Dorn im Auge ist Frau Klammerle dabei mein Arbeitszimmer und der schmerzt sie schon seit Jahren. Von hier aus nimmt die schleichende Entropie ihren Ausgang und hier ist das Chaos am gewaltigsten. Freilich hat sie recht. Mir ist es einfach nicht möglich, in diesem kleinen Zimmer – das ich übrigens glücklicherweise von der Steuer absetzen kann – Ordnung zu halten. War es früher einmal pittoresk und meinem Stil und meiner Persönlichkeit entsprechend … nennen wir es mal euphemistisch „barock“, ist es inzwischen nur noch ein vermülltes Loch. In meinem höchstpersönlichen Augiasstall stapeln sich bis zur Decke in den Regalen, den Schreibtischen und selbstverständlich auch auf dem Boden Papiere, Materialien, Stifte, Zeichenutensilien, technische Geräte, Kabel, Bücher, Wanderführer, Rechnungen, uralte Kalender, Notizblöcke, Teetassen, CDs, Floppydiscs (!) und irgendwelcher Mist, den ich irgendwann einmal für irgendwie wichtig erachtet und deshalb aufgehoben habe; dazu kommen Katzenhaare, Abfall und Undefinierbares, das kurz davor ist, lebendig zu werden oder sich bereits bewegt. Dazu ein mehr schlecht als recht funktionierender Fluxkompensator und natürlich auch das Bernsteinzimmer. Ab und an fahre ich zwar verzweifelt mit schwerem Räumgerät durch den Raum, aber mir fehlt der Herkules, der endgültig ausmistet. Mein Arbeitszimmer ist auch der einzige Raum, den wir in den zwanzig Jahren, die wir in dem Haus wohnen, nie renoviert haben und er sieht inzwischen schon arg schäbig und heruntergekommen aus; er braucht dringend frische Farbe an Wänden und Decke.

Ich habe einfach keine Argumente mehr, den anarchischen Ist-Zustand beizubehalten. (1) Ihr wisst ja, dass ich als Mann evolutionär bedingt eine wesentlich größere Unordnungstoleranz als meine Frau besitze und noch dazu in den letzten Jahren recht weitsichtig geworden bin; aber sogar ich sehe es ein: Die kritische Masse ist erreicht. Frau Klammerle hat mich endlich doch noch überredet, dem Chaos ein Ende zu bereiten, bevor sich in meinem Arbeitszimmer Tore in eine Parallelwelt öffnen. In der Faschingswoche – wir sind Augsburger und damit bekennende Fastnachtsmuffel – wird renoviert und aufgeräumt. Wenn wir etwas wirklich wollen, dann können wir es auch erreichen; da sind wir wie Bob the builder. Doch bevor wir meine Arbeitsstätte streichen und komplett neu einrichten (2), muss ich den Raum vorher erst leermachen und das ganz alleine, denn nur ich weiß, was Kunst ist und was weg kann. Wir haben vor kurzem gezwungenermaßen zwei Folgen der Netflix-Aufräumserie mit dieser gespenstischen Japanerin gesehen, die sich zuerst im Lotussitz auf den Boden der Messie-Wohnung hockt und meditiert, um die gequälte Seele des Hauses zu spüren, dann das Entrümpeln in Phasen aufteilt und damit beginnt, dass sie alles in den Müll schmeißt, bei dem sie kein liebevolles Gefühl hat. So werde ich es NICHT machen, denn dann bliebe alles wie es ist … (3)

Doch Übung macht den Meister. Deshalb habe ich im kleinen begonnen und als erstes Projekt meinen Blog renoviert, der ja mein Arbeitszimmer im Internet ist und unter ähnlichem Durcheinander und Übermüllung litt. Er glänzt nun aufgeräumt in frischen Farben und neuer Struktur. Ich habe auch in den Geldbeutel gegriffen, ihm eine neue Adresse verpasst (Nikolaus-Klammer.blog) und ihn werbefrei gemacht. Es ist alles noch nicht ganz fertig – hier und da muss noch etwas nachgefeilt und der Keller entrümpelt werden. Ich weiß nach meinem Zusammenbruch vom letzten Wochenende (4) auch noch nicht, mit welchen neuen Inhalten ich meinen Internetauftritt in der Zukunft füllen will, aber ich bin schon ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Ich hoffe, ihr seht das ähnlich.

Kommentare, Lob, aber auch Spott und Kritteleien, Verbesserungsvorschläge und Anmerkungen sind hiermit ausdrücklich erwünscht, erhofft und erbeten!

Und nachdem alles so gut geklappt hat, bin ich nun auch bereit und durchaus willens, die Virtualität zu verlassen und mein Arbeitszimmer im realen Leben in Angriff zu nehmen. Ich werde über die Fortschritte und Rückschläge zeitnah berichten.


(1) „Das brauche ich alles noch!“ – „Zeitverschwendung!“ – „So will ich das!“ – „Das hat alles seinen Ort.“ – „Ich finde immer, was ich suche.“ – „Ordnung ist nur etwas für Kleingeister, das Genie steht über dem Chaos.“ – „Das ist wertvoll!“ – „Ich habe eben nie die anale Phase erreicht.“ – „Das willst du doch nicht wirklich wegschmeißen?“ – „Wer ständig aufräumt, bei dem herrscht die Unordnung im Kopf.“

(2) Hurra, wir fahren endlich mal wieder an einem Samstag zum IKEA und kaufen in dem Gewühl etwas anderes als Teelichter und Pfannenschaber.

(3) … und Frau Klammerle würde wahrscheinlich als erstes mich in den Müll schmeißen.

(4) Merkwürdigerweise ist mein verzweifelter letzter Artikel „Ich lüge mir selbst in die Tasche“ der bislang am häufigsten aufgerufene in diesem Jahr und er hat meine Followerzahl erhöht. Versteh einer dieses Internet.

Was hier wie ein symbolhafter Stinkefinger aussieht, ist die Statistik für den Tag, an dem ich „Ich lüge mir selbst in die Tasche“ veröffentlichte. Wie man sieht, gingen die Zugriffe durch die Decke …

Nachdenken über meinen Blog

Tja, lieber Leser, du hast es sicher auch bemerkt. Es ist November … deshalb verzeih mir diesen Text. Im November, besonders wenn man anschließend auf eine Beerdigung muss, darf ich das.

Omne animal post coitum triste, behauptet ein Aphorismus aus dem 18. Jahrhundert, der fälschlicherweise Aristoteles untergeschoben wurde. So weit würde ich zwar aus eigener Erfahrung nicht gehen, aber eines stimmt – zumindest bei mir: Nach dem Bücherschreiben der Autor traurig. Seit einer Woche ist mein neuer Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ im Buchhandel erhältlich und ich warte ungeduldig auf eine Reaktion meiner eingebildeten Leser – doch es kommt keine. Der Schriftsteller ist einer, der glaubt, es würden alle so aufgeregt wie er selbst auf sein neues Buch warten. Doch er lügt sich in die Tasche, jeden Tag und mit jedem Buch aufs Neue. Auf die „Wahrheit“ wartet niemand und ich bin bislang der einzige, der meinen Roman gelesen hat.

Jammer, jammer … du weißt schon, der traurige Autor. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Ich versuche es mal so: Die Zeitumstellung ist vorbei und die Nächte und meine Dämonen haben vor drei Wochen an Sanhaim nicht wie vorher schleichend, sondern mit einem Handstreich den Abend erobert. Mein Brotberuf zwingt mich im Dunkeln aus den Federn und ich kehre erst heim, wenn es wieder dunkel ist. Nicht, dass ich dabei allzu viel Sonnenlicht versäumen würde; denn hier, in unmittelbarer Nähe der Donau, liegt bei Hochdrucklagen den ganzen Tag ein zäher, grauer Nebel über der Landschaft und er lässt sich nur selten und nur für wenige Stunden vertreiben. Es ist eben ein typischer November hier, vielleicht ein wenig zu trocken, aber ebenso trist und deprimierend, wie er das seit meiner Kindheit in jedem Jahr ist. Und im November sterben die Menschen.

Jammer, jammer … ihr wisst schon, der traurige Autor. Ich wollte eigentlich ganz anders anfangen.

Vielleicht so: Es ist leicht, über das Internet zu schimpfen und ich suche auch fast täglich nach den Gründen (außer meiner Ruhmsucht und Selbstverliebtheit), aus denen ich drei- bis viermal in der Woche meine Literatur und meine Gedanken blogge. Mein Brotberuf erlaubt mir zwar eine gewisse Freizeit; doch dieser selbstgewählte, aber nach sechs Jahren bloggen ein fröhliches Eigenleben führende Zwang, mich hier auf diesen Seiten einer eingebildeten Öffentlichkeit zu prostituieren, nimmt viel zu viel meiner Zeit in Anspruch, die ich lieber mit Frau Klammerle, Freunden oder einem Buch verbringen sollte. Denn meine Prosa lesen, das habe ich in den sechs Jahren, in denen ich meinen Blog führe, gelernt, lesen, das macht im Internet niemand (Es gibt eh von Jahr zu Jahr immer weniger Menschen, die das tun. König Literatur ist tot, es lebe Königin Netflix-Serie). Denn eigentlich – da sind wir uns hoffentlich einig, lieber Leser, den ich mir immer einbilde, ist Literatur (außer kurzer Lyrik) nicht für dieses schnelllebige und nach der nächsten Sensation gierende Medium gemacht. Die modernen Menschen haben die Aufmerksamkeitsspannen von Essigfliegen(1) und ich bin mir sicher, dass auch diese Ausführungen schon viel zu lang sind, um mehr als einen kurzen, überfliegenden Blick von den Besuchern deines Blogs zu bekommen.

Jammer, jammer …

Dennoch möchte ich das Internet mit seinen unzähligen Möglichkeiten und meinen eigenen Blog nicht mehr missen, sie haben nicht nur die Gesellschaft, sondern auch meine kleine Welt vollkommen verändert: Meine Begegnung und Auseinandersetzung mit dem Internet war meine ganz persönliche Revolution, meine „Renaissance“. Danach war meine Erde eine Kugel und drehte sich um die Sonne. Ich bin vielen, vielen Menschen begegnet, mit denen ich offline niemals in Kontakt gekommen wäre und die mir – im Guten wie im Schlechten – weiterhalfen. Manche – wenige, aber immerhin – von ihnen darf ich inzwischen als Freunde bezeichnen. Ich schätze, dass gut die Hälfte meiner Leser mich zuerst online entdeckte. Ohne den Blog wiederum würde ich vor mich hin privatisieren, tausend Texte und Geschichten beginnen und nichts zuende bringen. Diese Seite gibt mir Halt und Führung, presst eine Struktur in mein Leben, denn sie zwingt mich an jedem Tag, für meine eingebildeten Leser, die alle wissen wollen, wie es mit meinen Figuren oder mit mir weitergeht, zu schreiben. Meine Romane hätte ich ohne die Ordnung und die Termine, die mein Blog mir auferlegt, niemals fertiggeschrieben. Bin ich deshalb ein „Online-Autor“, was immer das auch bedeutet? Eher nicht, denn alle meine Texte entstehen zuerst auf dem Papier und werden – wenn überhaupt – auch eher in Buchform als als E-Book konsumiert. Aber klar, Sucht spielt hier eine Rolle, die Meinung, man würde etwas versäumen, wenn man auf seiner Terrasse in der Sonne sitzt. Der Griff zum Smartphone und der Kontrollblick, ob jemand etwas erwiderte, den Blog besuchte oder dort ein „Gefällt mir“ hinterließ, eine kaum kontrollierbare, lästige und schlechte Gewohnheit, die mir manchmal wie das Kratzen an einem juckenden Ausschlag erscheint. Manche haben Heroin, Zigaretten, Alkohol, manche ihren Fernseher, ich habe das Internet … Meine Sucht kann ich mir aber auch schnell wieder abgewöhnen kann, wenn Vodaphone zickt oder ich gerätelos in den Urlaub fahre.

Das Leben allerdings, da gebe ich dir völlig recht, ist anderswo – an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit. Nicht hier in Augsburg, nicht im November. (2)

Liebe Grüße, Nikolaus

Dies ist kein informelles Gemälde meines Freundes Norbert Kiening, sondern der eben abfotografierte Himmel über Augsburg.

 


(1) Sohn Nr. 1, der Biologe, hat vor ein paar Jahren in Oxford an Essigfliegen geforscht. Sie können sich knapp zwanzig Sekunden daran erinnern, dass irgendwo eine Gefahr droht, dann haben sie es wieder vergessen und fliegen erneut in sie hinein. Zwanzig Sekunden, hm … eigentlich ganz schön lang. Ich muss mein Urteil revidieren. Die Aufmerksamkeitsspanne eines modernen Menschen ist schlechter als das einer Essigfliege. Übrigens: Sohn Nr. 1 ist in der Lage, durch reines Betrachten das Geschlecht einer Essigfliege  zu bestimmen. Aber das wirklich nur nebenzu.

(2) Aber zum Glück bäckt Frau Klammerle nächstes Wochenende wieder Weihnachtsplätzchen und Lebkuchen. Das wird mich retten.

Wie der Jahrmarkt weitergeht oder: Pläne fürs nächste Jahr

Lieber neugieriger Besucher meines Blogs,

 nach dem Buch ist vor dem Buch!,

 – um mal ein Zitat von Sepp Herberger abzuwandeln. Seit dem 8. November kannst du im Buchhandel meinen neuerschienenen Roman „Die Wahrheit über Jürgen“ als E-Book (2,49 €) oder als Softcover (8,99 €) erwerben.(1) Er ist der zweiten Band meiner „Jahrmarkt in der Stadt“-Reihe. Obwohl einige seiner Figuren auch in den weiteren Geschichten der Reihe vorkommen, kann er selbstverständlich auch ohne Kenntnis der anderen Bände gelesen werden. Wie fast alle anderen Erzählungen und Romane der Reihe ist „Die Wahrheit über Jürgen“ in meiner ersten „Schaffensphase“ entstanden, bevor ich Verantwortung für meine Familie übernahm und für über 15 Jahre mit dem Schreiben pausierte. Manche der Texte aus dieser Zeit blieben Fragment, von einigen gibt es nur einen Entwurf (oder einen Titel), alle müssen und mussten vor einer Veröffentlichung kritisch und akribisch überarbeitet werden.

Jahrmarkt in der Stadt – Band 1 und 2, bereits erschienen

Ich habe bereits mit der Arbeit am nächsten Band mit dem Titel „Stromausfall“ begonnen, den ich Mitte bis Ende 2019 veröffentlichen will. In ihm sind drei (vielleicht auch vier) Erzählungen aus der „Jahrmarkt“-Reihe versammelt. Der 4. Band soll dann der Kriminalroman „Das Goldene Kalb“ sein, der dann 2020 erscheint. Anschließend möchte ich die zwei Hauptstücke des Zyklus‘ fertigstellen, „Nutzlose Menschen“ und „Die fürsorgliche Schuld“, zwei umfangreiche Romanfragmente mit bisher jeweils etwa 400, bzw. 300 Seiten. Aber das ist noch Zukunftsmusik. In der nächsten Woche jedenfalls werde ich mit der Vorveröffentlichung der überarbeiteten Version von „Eine andere Art der Liebe“ beginnen, einer etwa 75 Seiten langen Erzählung, die ich stark verändern will. Mit ihr wird „Stromausfall“, der Band 3 meiner Reihe, eröffnet werden.

Jahrmarkt in der Stadt, Band 3 und 4

Dabei quält mich eine Frage: Sollte ich vielleicht doch vor den nicht einfachen und anspruchsvollen Erzählungen den fertigen und unterhaltsameren Kriminalroman „Das goldene Kalb“ veröffentlichen und ihn ins nächste Jahr vorziehen? Was meinst du? (2)

Dein Nikolaus


(1) Sag, was ist los? Warum ist es so schwer für dich, ein Buch von mir zu kaufen? Was riskierst du dabei? Meine Taschenbücher kosten so viel wie eine billige Pizza bei deinem Lieblingsitaliener und meine E-Books wie der kleine Espresso hinterher. Am Geld kann es also nicht liegen. Woran dann?

(2) Glaube mir,  mir wäre wirklich lieber, wenn du an meiner Abstimmung teilnimmst oder sogar einen Kommentar schreibst, als mir ein unnützes und nichtssagendes „Gefällt mir“ zu geben, mit dem ich absolut nichts anfangen kann. Ist das denn zuviel verlangt?

 

Das schwarze Urteil (Teil 3) – Kriminalerzählung

Mit dem nicht vollendeten „schwarzen Urteil“ habe ich ein drittes Mal das Genre des Kriminalromans bedient. Mein erster Versuch war der Roman „Die Verbrechen meiner Schwester“, das – fast noch ein Jugendwerk und damit sehr, sehr unausgegoren -, wahrscheinlich niemals meinen schwarzen Aktenschrank verlassen wird. Anfang der 90er habe ich dann „Das goldene Kalb“ geschrieben, das heute Teil meines „Jahrmarkt in der Stadt“-Zyklus ist und das ich als Buch wahrscheinlich in ein oder zwei Jahren herausbringen werde. Wer jetzt schon in den „Regionalkrimi“ reinlesen will: „Das goldene Kalb“ ist auch auf meinem Blog zu finden. 

Insgesamt bin ich der Auffassung, dass ich nicht zum Krimiautor tauge; auch wenn ich im 3.  und auch im 2019 erscheinenden 4. Teil meiner Geltsamer-Reihe erneut mit diesem Genre kokettiere und ich finde, dass mir zumindest der folgende Abschnitt des „schwarzen Urteils“ ordentlich gelungen ist. Ich hatte Spaß, diesen mir so fremden Text zu lesen, der mir so vollkommen aus dem Gedächtnis gefallen war, als hätte ihn ein anderer geschrieben.

Erster Tag:
Das Urteil

Die Studenten klopften ausdauernd mit den Knöcheln auf die Tischreihen vor ihnen. Kalvin nickte und wandte sich zur Seite, um seine Unterlagen einzusammeln. Er hoffte, damit die ungeliebte Beifallsbe­kundung verkürzen zu können. Der Hagel­schauer verebbte und sofort brandete oh­renbetäubender Lärm in dem Hörsaal auf, Stuhlklappen, Gesprächsfetzen, Lachen, Fußtritte. Er sah abgelenkt hinauf zu den hundert Studenten des Erstsemesters, die eilig zu den Ausgängen drängten. Es war heute sei­ne letzte Vorlesung gewesen, in der übernächs­ten Woche begannen die Klausuren. Er blickte in die Rücken der jungen Leute und bedauerte sie ein wenig. Im Sommersemes­ter musste ihre Zahl um die Hälfte dezi­miert sein, das war eine inoffizielle Vorgabe des Dekans. Dementsprechend schwer wa­ren Kalvins Prüfungsfragen für die Prüfung in seinem Fach; er würde wie in den letzten Jahren ohne Schwierigkeiten eine Durch­fallquote von annähernd sechzig Prozent in den Grundlagen der Informatik er­reichen. Diesmal würde er als Schwerpunkt­aufgabe einen rekursiven Al­gorithmus verlangen und er wusste, höchs­tens ein Zehntel der Studenten würde das richtige Ergebnis finden; die Mehrzahl käme nicht einmal auf einen Lösungsan­satz. Kalvins Fach würde den Studenten den Fangschuss versetzen, andere Klausu­ren wie Mathematik oder Physik gaben ih­nen dann den Rest. Natürlich war er deshalb bei den Erstsemestern ge­fürchtet wie die Nemesis unter den antiken Grie­chen. Der hartnäckige, schmeichelnde Ap­plaus eben war der hilflose Versuch gewe­sen, die grollende Gottheit etwas gnädiger zu stimmen. Kalvin fühlte sich in der Rolle des Scharfrichters nicht wohl. Seine Klau­suren in den höheren Semestern waren we­sentlich fairer und dort war er auch belieb­ter.

Kalvin legte die Unterlagen in seinen Ak­tenkoffer und schloss ihn mit einem zufrie­denen Gefühl der Endgültigkeit. Dann lä­chelte er befreit. Das Semester war zuende, nur mehr ein paar Prüfungsaufsichten in den nächsten Wochen, die lästigen Korrek­turen, bei denen ihm der Computer und seine Assistenten allerdings die Hauptarbeit abnehmen konnten; dann standen beinahe zwei Monate Urlaub ins Haus. Er würde die Zeit nutzen, um sein Ferienhaus auf Rhodos für den Sommer auf Vordermann zu brin­gen und freute sich auf die ruhigen Wochen außerhalb der Saison. Im Februar und März hatten sogar Touristenhochburgen wie Lindos oder Rhodos-Stadt einen ganz eigenen, unterkühlten Charme. Er würde lange Wanderungen machen und vielleicht endlich sein Buch über Die emotionale Intelligenz von EDV-Anlagen zuende schreiben. Schon lange schob er diese Arbeit vor sich her und der Wissenschaftsverlag, bei dem er seine selte­nen, aber in Fachkreisen geschätzten Arbei­ten publizierte, mahnte das Manuskript schonseit  geraumer Zeit an. Kalvin schob seine Aktentasche unter den Arm und verließ den Hörsaal nach einem letzten prüfenden Blick. Hinter der Tür wurde er von einer jungen Frau erwartet. Sein erster Impuls war, zu flüchten, sie un­verbindlich zu grüßen und weiter zu eilen. Doch dann stellte er fest, wie lächerlich er sich damit machte. Er blieb mit einem halb­en Lächeln vor ihr stehen, sah sich aber, als er sie mit seinem freien Arm um­fasste und flüchtig auf die Lippen küss­te, vorsichtig um. Er wagte diese Intimität nur, weil der kurze Gang, in dem sie stan­den, leer war. Dennoch löste er die Umar­mung schnell wieder. Es konnte in jedem Augenblick jemand um die Ecke kommen, Studenten oder der Dozent der nächsten Vorlesung, beide Begegnungen wären ihm gleich unangenehm gewesen.

„Was willst Du denn, Eli?“, fragte er. „Wir hatten ausgemacht, uns hier nicht zu tref­fen.“ Die Frau senkte den Kopf, ein wenig trotzig, wie ihm schien. Eli war Anfang zwanzig, ein großes, attrak­tives und dunkelhaariges Mädchen, dessen Selbstbewusstsein und Intelligenz in der Hauptsache dafür verantwortlich waren, dass Kalvin sich vor einem halben Jahr in sie verliebt hatte. Sie war Informatikstuden­tin im siebten Semester und er ihr Betreuer bei ihrer Diplomarbeit. Ausgerechnet ihm musste diese alte Lehrer-Schüler-Gesichte passieren, bei der er alle Mühe hatte, sie vor Kollegen und Studenten geheim zu hal­ten. Dabei erwartete Eli keinerlei Vergünsti­gungen in ihrem Studium von ihm und er war auch nicht gewillt, ihr welche zu ge­währen. Zu seinem Glück war sie eine aus­gezeichnete Studentin. Kalvin hatte sie anlässlich eines Studen­tenballs persönlich kennengelernt, obwohl sie ihm natürlich schon früher in den Vor­lesungen angenehm aufgefallen war. Nicht nur war sie die einzige seiner wenigen Stu­dentinnen, die sich wie eine Frau kleidete und benahm, sondern auch ihre Zwischen­fragen waren gewitzt, offenbarten einen leb­haft interessierten, dabei divergierenden Geist. Als er sich dann an jenem Fest, zu dem er nur aus Pflichtgefühl erschienen war, wegen der lauten Musik nah zu ihr ge­beugt, angeregt mit ihr unterhielt, nahm ihn ihre Fröhlichkeit und kompromisslose Lebensbejahung gefangen.

Der Dozent war jetzt 42 Jahre alt und hatte seit einiger Zeit das Gefühl, langsam zum alten Eisen zu gehören. Seit dem Tod seiner Frau vor nun sechs Jahren hatte er nur einmal eine flüchtige Bezie­hung gehabt und sich immer tiefer in seine Arbeit eingegraben. Dann begegnete ihm die­ses Mädchen und nichts war wie früher. Er hatte es nicht für möglich gehalten, dass ihm noch so etwas passieren konnte; aber ihre Art zu leben hatte ihn in den ersten Monaten der Beziehung mitgerissen und er war Eli, wenn er nun zurücksah, dankbar: Sie hatte ihm ein Glück geschenkt, das er vermisst hatte. Inzwischen war allerdings etwas Ruhe ein­gekehrt und, zwangsläufig, der Alltag. Er brachte Probleme und Ernüchterung, zu­mindest auf seiner Seite. Wenn sein Ver­hältnis zu der Studentin bekannt wurde, konnte es ihn seinen Job kosten; die tägli­che Geheimniskrämerei hatte längst begon­nen, ihn zu zermürben. Nüchtern betrachtet, hatte diese Liebe hatte keine Zukunft mehr. Auch deshalb war er entschlossen, seinen Urlaub in den Semesterferien allein zu ver­bringen. Er hoffte, er hatte auf Rhodos die Möglichkeit, alles zu überdenken. ‚Die Ent­fernung ist der großen Liebe Nahrung, der kleinen Liebe Tod‘, fiel ihm ein. Er hatte vergessen, wer das gesagt hatte, aber es war ein schlauer Spruch. Er sah Eli zärtlich an. Sie wich weiterhin seinem Blick aus und kaute an der Unter­lippe. Er fühlte sich stark und überle­gen, weil er sich einbildete, er könne sie mit einem Abstand betrachten, zu dem sie nicht fähig war.

„Also, was gibt es?“, wiederholte er freund­lich und unterdrückte seinen Wunsch, sie erneut zu umarmen. Er erwartete, dass sie von ihrer Liebe zu ihm reden würde und von ihrem Drang, in seiner Nähe zu sein, der sie sogar manchmal veranlasste, sich in seine Erstsemestervorlesungen zu setzen, was ihn verunsicherte und nicht selten aus dem Konzept brachte. Doch Eli überraschte ihn und sagte zögernd, sie könne die Verab­redung für den Abend nicht einhalten. Kal­vin runzelte ärgerlich die Stirn. Sein Mäd­chen hatte ihm noch nie einen Korb gege­ben.

„Und warum?“, fragte er beleidigt.

„Ich muss in der nächsten Woche zwei Wahlpflichtfächer nachholen und heute ist schon Donnerstag. Ich brauche unbedingt etwas Vorbereitungszeit.“

„Die schreiben sich doch von allein“, ent­gegnete Kalvin trotzig. Eli sog hörbar Luft durch die Nase ein.

„Wir waren uns einig: mein Studium darf nicht unter unserer Beziehung leiden. Ich habe einen Männerberuf gewählt und muss folglich deutlich besser als die Jungs sein, wenn ich einen guten Job kriegen will. Ich wünsche deshalb, dass wir uns bis zu mei­ner letzten Prüfung nicht mehr sehen“, sagte sie und die Schärfe ihrer Replik schüchterte Kalvin ein wenig ein.

„Und wie lange wird das dauern?“

„Bis zum 18. Februar, da habe ich theo­retische Physik; also zweieinhalb Wo­chen.“

„Aber am Sonntag darauf fahre ich nach Rhodos!“, warf er entsetzt ein. Eli zuckte mit den Schultern.

„Nimm mich doch mit.“ Daher wehte also der Wind.

„Aber wir haben darüber gesprochen … Ich brauche die Ruhe, um mein Buch zu been­den, erinnerst Du Dich?“

„… und ich brauche eben diese zwei Wo­chen zum Lernen“, sagte sie, hatte aber et­was von ihrer Sicherheit verloren. „Wir kön­nen ja telefonieren und uns vielleicht am Samstagabend treffen“, schränkte sie des­halb ein. Jetzt war es an ihm, hart zu sein. So konnte sie nicht mit ihm umspringen.

„Besser nicht, du brauchst die Zeit zum Lernen.“ Eli sah auf, zum ersten Mal in seine Au­gen. Eine Pause entstand.

„Dann nicht“, sagte sie und gab ihm einen schnellen Kuss auf die Backe, wandte sich ei­lig ab.

„Ich rufe dich an“, rief Kalvin ihr hinterher. Eli achtete nicht auf ihn, sie benahm sich, als hätte sie ihn nicht gehört. „Ich rufe Dich an“, wiederholte er und war­tete, bis sie aus seinem Blickfeld bog. Es war der zweite Streit in ihrer Beziehung ge­wesen, der erste hatte vor etwa vier Wochen stattgefunden. War es diesmal das Ende? Wenn ja, dann war es erstaunlich schnell gegangen. Obwohl ein schwerer Druck auf seinen Li­dern lag, empfand Kalvin bei diesem Ge­danken keine Trauer, sondern nur Leere in sich. Die Trauer würde vielleicht später kommen, nahm er an, am Abend, den er mit Eli hatte verbringen wollen.

[Zum 4. Teil …]

Wake me up when September ends! (Eine sommerliche Blogpause)

Die Bayerische „Rockantenne“ gehört zu den wenigen Sendern, die ordentliche Musik spielen (auch wenn sie auf dem Blues-Auge blind sind). Leider ist ihr Programm zumindest tagsüber recht eingeschränkt und es ertönen immer wieder die gleichen Songs. Damit unterscheiden sich sich kaum von den anderen Stationen, aber es ist immerhin größtenteils Rock, der da in Heavy Rotation läuft und nicht irgend ein Helene-Fischer-Xavier-Naidoo-Hiphop-Rhianna-Scheiß. Gelegentliche Fehlgriffe wie die neuen Trallala-Pop-Liederchen von den Toten Hosen (Tage wie diese) seien ihnen verziehen.

Man sollte den Redakteuren aber vielleicht einmal verraten, dass Frank Zappa auch andere Lieder als Bobby Brown einspielte, Pink Floyd mehr als Another Brick in the Wall kann, Alice Cooper auch andere Songs als School’s out und Poison hat und AC/DC-Stampf auch bei der hundertsten Wiederholung nicht besser wird. Nightwish jodeln gefühlt alle zehn Minuten Nemo, dann ertönt Lady in Black. Und wenn ich Sonntagmorgen beim Frühstück noch einmal Hotel California oder Behind Blue Eyes – beides eigentlich schöne Titel – höre, schmeiße ich mich aus dem Küchenfenster im Erdgeschoss. Auch ist es wenig sinnvoll, im Februar The Boys of Summer oder von Green Day Wake me up when September ends zu spielen. Obwohl mein jüngerer Sohn behauptet, von letzterem bekäme er immer Kopfschmerzen, ist das eigentlich ein nettes und auch sehr trauriges Lied, aber die Dauerschleife, in der es gespielt wird, nervt wirklich.

Warum erzähle ich euch das alles? Weil ich Lust dazu habe und weil ich und mein Blog jetzt endlich die verdiente und längst angekündigte Sommerpause machen, ‚till September ends. Um meinen 92jährigen Herrn Vater zu zitieren: „Es muss auch mal gut sein. Alles ist nur eine Weile schön.“

Ich lasse die Arbeit hier bis Mitte oder Ende September vollständig ruhen und schreibe offline meinen Roman „Der Weg, der in den Tag führt“ zuende, der im Winter erscheinen soll und das Prequel zu meiner Fantasy-Saga „Brautschau“ abschließt. Ich werde meinen Garten pflegen, cool in Biergärten chillen, mit Freunden grillen(1), faulenzen und in der Sonne liegen, dicke Bücher lesen, Nächte durchdiskutieren und mich in der Schnapsbrennerei versuchen. Dann mache ich noch Urlaub in Österreich, wandere mit Frau Klammerle im Tannheimer Tal und am Dachstein herum, wellnesse mit ihr dazwischen in einem Schilcher-Weingut in der südlichsten Südsteiermark. Ich werde acht Wochen lang keine neuen Artikel mehr veröffentlichen. Vergesst mich nicht vollkommen in dieser langen Zeit.

Diejenigen unter euch, die es ohne mich nicht aushalten, findet auf meiner Texte/Kontakt-Seite seit kurzem die Links zu meinen literatischen Texten im Blog und kann mir dort auch eine E-Mail schreiben, die ich selbstverständlich beantworten werde. Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn ihr den Mut aufbringen würdet, den Gegenwert eines Kaffees oder einer Pizza investieren und ein Buch von mir erwerben würdet – es vielleicht sogar irgendwo bewertet.

Ich grüße die zufällig auf meine Seiten stolpernden Gäste, meine Follower und Freunde, die mich hier trotzdem besuchen kommen. Ich wünsche uns allen einen wundervollen, sonnigen, erfrischenden und erholsamen Sommer voller Einsichten, Genuss und Erfahrungen.

Ich werde Kraft und Ideen sammeln und melde mich wieder zurück, wenn der September endet. Weckt mich bitte nicht vorher.

Liebe Grüße,

Eurer Nikolaus Klammer

Vielleicht begegnen wir uns ja zufällig auf einem einsamen Wanderweg hoch über der Welt …


(1) … komm doch einfach bei mir vorbei, wenn dir danach ist und du in meiner Nähe bist.

Beitragsnavigation