Aber ein Traum …

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In den Bücherkellern des Vatikans (16)

<– zum 15. Teil …

Aber dann kam der Nebel. Sein erstickender Schleier leuchtete blendend von innen heraus und merkwürdige Lichtreflexe funkelten in ihm. Er wurde auch in der Nacht kaum düsterer, sondern nur ein wenig gelber, als würde jemand Kurkuma in den Milchbrei einer каша rühren. Da war es bereits ein abenteuerliches Unterfangen, sich von den Baracken zu den Latrinen zu tasten, ohne sich dabei hoffnungslos zu verirren. Dieses Mikroklima in der künstlichen Caldera von Antenora war selbst jetzt im beginnenden Herbst einzigartig und ein Naturphänomen, das man hier im Oblast noch nie gesehen hatte. Zu dieser Jahreszeit zogen von Norden her heftige Sturmwinde über die eisigen, staubtrockenen Hochebenen des Putorana-Gebirges. Sie nagten an den Spitzen unserer aufgehäuften Erdpyramiden und verwehten deren Dreck und Staub bis weit hinunter ins Flachland und bis nach Nganatgi, auf das der Staub aus unserer Grube wie ein Ascheregen fiel. Die die LKW-Fahrer berichteten, allein unsere tiefe Grube sei mit dem merkwürdigen Nebel gefüllt und sie hatten es sehr eilig, wieder fortzukommen. Diese abergläubischen Wogulen flüsterten untereinander davon, dass Xul’ater, der Herrscher der Unterwelt, den Nebel geschickt hätte, weil er erzürnt war, dass wir in seine heiligen Stätten vordrangen und seine Gebeine entwendeten. Sie sagten, von der Ferne würde Antenora wie ein milchiger See wirken, wie das blinde Auge eines Urweltungeheuers, das hier begraben lag.

Die Gefangenen, die tief unten am Grund der Grube schufteten, waren aufgeklärte Sowjetmenschen. Sie glaubten nur an die Geister, die sie nach dem Genuss einer Flasche Wodka zu Gesicht bekamen. Aber auch sie wussten furchtsam zu erzählen, dass der Dampf tatsächlich von unten wie direkt aus der Hölle käme und nicht über Nacht vom Himmel gefallen wäre. Er würde handwarm und stickig aus mehreren Spalten aus dem Erdreich der Ausgrabung emporquellen, als wäre dort unter unseren Füßen ein tätiger Geysir. Der Dampf würde an den Austrittsorten merkwürdigerweise intensiv nach Zitrusfrüchten riechen und in unangenehm in der Nase stechen.

Wenn die Gefangenen am Morgen mal ihr Arbeitsquadrat gefunden hatten, war es in dem Nebel allerdings beinahe angenehm. Trotz des Seiles, durch das alle miteinander verbunden waren, damit sich niemand verlief oder den Wahnwitz eines Fluchtversuchs unternahm, war er fast ein angenehmerer Aufenthaltsort als die Baracken, in dem es seit einiger Zeit immer häufiger zu Streitigkeiten und spontanen Gewaltausbrüchen kam. Die Temperatur glich unterhalb des Lagers der in einem Badeort am Schwarzen Meer. Man fühlte sich in dem hell leuchtenden, fürs Auge kaum durchdringbaren Wattemeer, in dem die Wassertropfen wie Diamantenstaub glitzerten, merkwürdig geborgen. Die Wärter kontrollierten einen kaum und verließen nur selten ihre Kontrollpunkte. Erst nach Ende der Schicht holten sie die Seile ein. Doch da waren die vielen geisterhaften Stimmen und Geräusche um einen herum. Sie klangen seltsam verzerrt durch die Milchweiße heran. Es war, als hätte man seinen Kopf in Wasser getaucht. Unmöglich, festzustellen, ob die Gesprächsfetzen und Töne von nah oder fern ans Ohr drangen oder gar die Richtung anzugeben, aus der sie kamen – manche schienen von einem anderen, fremden Ort oder einer anderen Zeit zu stammen. Es gab Gefangene, die schworen bei den Honigtöpfen ihrer бабушка, sie hätten gregorianische Chorgesänge gehört. Dann wieder echoten dunkle Schlagschatten herum, tauchten aus dem Nichts, erschreckten einen, wuchsen zu gewaltiger Größe, um dann blitzartig wieder in sich zusammenzufallen. Die Schatten grotesker Fabelwesen waren zu entdecken, verwachsene Riesen und die ruhelosen Seelen der im See Ertrunkenen gaukelten einem vor den Augen.

So weit es möglich war, ignorierte jedermann diesen Irrwitz, der wie ein Albdruck auf den Gemütern der Gefangenen und selbstverständlich auch der Wächter lastete. Aber je länger die seltsame Inversionslage andauerte und wir im ›Milchsee‹ schwammen, umso nervöser und gereizter ging es in den Baracken zu und langsam breitete sich Verfolgungswahn aus. Das Gerücht machte die Runde, es wäre etwas in der Luft, das diese Zustände auslöse. Alle in Antenora sehnten sich nach der Kälte und der Finsternis zurück.

Ihren allgemeinen Höhepunkt erreichte die Hysterie in der zweiten Woche, als kurz hintereinander ein Anschlag auf das Leben von meinem Fedor verübt wurde und Sascha Senjunin, der das Planquadrat neben ihm bearbeitete, spurlos verschwand. Es war, als hätte ihn eines der Nebelungeheuer gefressen. Habe ich dir schon von Sascha erzählt, mein Freund? Ich glaube nicht, deshalb lasse es mich hier rasch nachholen und verzeihe mir die Wut, mit der ich zurückblicke: Um Senjunin von den anderen Saschas, die wir zuhauf im Lager hatten, zu unterscheiden, wurde er von allen голубое саша – ›himmelblauer Sascha‹ gerufen. Er war vor seiner Karriere als Gulageinsasse Tänzer im Kirow-Ballett der berühmten Waganowa gewesen. Sascha, was ja eigentlich ›der Männer Abwehrende‹ heißt, war wirklich kein sehr passender Name für jemanden, der als Prinz Siegfried im ›Schwanensee‹ einige Erfolge feiern konnte und mit unserem großen Nationalkomponisten die Vorliebe fürs eigene Geschlecht teilte. Er hatte auch das gleiche verschreckte Mopsgesicht Tschajkowskys, in dem der gleiche kurz geschorene und hellbraune Vollbart wuchs. Die zärtliche Pflege seiner Manneszierde kostete Sascha fast seine ganze freie Zeit. Er war aber trotzdem eine zartgliedrige, überaus elegante Erscheinung geblieben, die in keine Schublade passte und für die das Wort androgyn erfunden wurde. Trotzdem war er wie jeder Balletttänzer sehr muskulös und zäh.

Seit 1934 ging das homophobe Väterchen Stalin auch massiv gegen Schwule vor und ließ sie zu Tausenden in Arbeitslager deportieren oder gleich exekutieren. Die miefig bäuerlichen Vorstellungen unseres ›Stählernen‹ von Gesellschaft und Familie hatten die Vorstellungen der kulturell-liberalen Avantgarde der Zwanzigerjahre verdrängt und fanden bei uns Russen einen überaus fruchtbaren Nährboden. Auch heute sind noch in der realsozialistischen Gesellschaft der UdSSR fest verankert, wo jeder Homosexuelle als ›Päderast‹ bespuckt und geächtet wird. Dennoch ließ man den ›himmelblauen Sascha‹ in Antenora meist in Ruhe. Tatsächlich erweckte er bei einigen kaum eingestandene Begehrlichkeiten, über die ich lieber Stillschweigen bewahren möchte. Rückte ihm doch einer zu nahe, war er durchaus in der Lage und auch willens, ihn sich notfalls mit einem gezielten Fausthieb vom Leib zu halten. Er war ein Einzelgänger und hatte eigentlich nur näheren Kontakt zu Fedor und damit auch zu mir. Mein Freund, der sich ja als ein geschickter Schwarzmarkthändler entpuppt hatte, ließ Sascha häufig an seinen kleinen Geschäften teilnehmen und besorgte für ihn die Döschen mit ungarischer Bart-Wichse, Borodist-Öle und die Bürsten aus Wildschweinborsten. Frage mich nicht – ich habe keine Ahnung, über welche Kanäle Fedor im tiefsten Sibirien an solche exquisiten Dinge kam. Obwohl ich ebenfalls von seinem Handel profitierte, hielt ich mich ja von der illegalen, aber äußerst lukrativen Schattenwirtschaft fern, in die die Hälfte der Gefangenen, Wärter und Arbeiter von außerhalb verwickelt war.

Es war bereits später Nachmittag und Fedor, der den ganzen Tag unten in seinem Planquadrat gearbeitet hatte, wartete schon eine ganze Weile auf seine Schaufel gestützt auf das zweimalige Zerren an dem Seil, das mit einem Haken an seinem Gürtel befestigt war und an der Hauptleine hing, die einen zurück ins Lager leitete. Das war das Signal, dass es Zeit für den langen und blinden Rückmarsch war. Da hörte er plötzlich einen Warnruf seines Ahnen Peptaj – er erklang so deutlich in seinem Ohr, als würde der Schamane direkt neben ihm stehen. Fedor fuhr herum und sprang erschrocken einen Schritt zur Seite. Diese reflexhafte Bewegung rettete in das Leben. Eine lange, gerade Klinge, die wie ein Schwert geformt war, blitzte an seiner Seite auf. Er vermutete, dass es das Bajonett der Kalaschnikow eines Wächters war. Wie später bei einer Kontrolle festgestellt wurde, war genau so eines einen Tag vorher aus der Waffenkammer verschwunden. Ganz entkam Fedor der grausamen, rasiermesserscharfen Waffe jedoch nicht. Sie schnitt sich in seine Kleidung, bohrte sich allerdings statt in seinen Bauch knapp oberhalb der rechten Hüfte ins Fleisch. Dabei riss sie eine hässliche und stark blutende Wunde auf, aber den Schmerz nahm Fedor in seinem Schock kaum wahr. Er ließ sich sofort fallen, riss dabei eilig an seinem Seil und brüllte aus Leibeskräften:

» На помощь! Zur Hilfe!«

[Zum 17. Teil …]

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In den Bücherkellern des Vatikans (15)

<– zum 14. Teil …

Auf jeden Fall konnte ich Krakows geheimes Reich ungehindert und ohne Probleme betreten. Ich machte Licht und war enttäuscht. Meine alten Erinnerungen an das Eiszeitmuseum und die Laboranlagen in Antenora hatten mich die mit allen technologischen und architektonischen Raffinessen ausgestatteten unterirdischen Hallen eines James-Bond-Bösewichts erwarten lassen. Ich betrat jedoch nur einen nüchtern und karg eingerichteten Kellerraum ohne Fenster. Er war kaum besser als eine Besenkammer: Gurgelnde Heizungsrohre liefen an der Decke entlang und die grauen Betonwände, die die Maserung ihrer ehemaligen Bauverschalung zierte, waren nicht einmal überstrichen. An einer Seite entdeckte ich eine weitere, diesmal abgesperrte Tür, in der allerdings der Schlüssel steckte. Wie ich gehofft hatte, ist dort ein Ausgang aus dem Altersheim: Wie ich durch einen schnellen Blick feststellte, gelangt man durch diese Tür in die Heizungsgänge. Von hier aus werde ich später bestimmt einen Weg ins Freie finden und unbemerkt entschlüpfen können. Sicherlich wird man dann schon nach mir suchen. Wenn der Frühdienst bemerkt hat, dass ich nicht in meinem Zimmer geschlafen habe und mich scheinbar in Luft aufgelöst habe, wird man das Heim gründlich durchforsten.

Es heißt, die Persönlichkeit eines Menschen würde sich nicht zuletzt auch in seiner Einrichtung widerspiegeln. Wenn dies so ist, dann hat Krakow keinerlei Persönlichkeit – oder er ist kein Mensch. Wenn ich je eine Bestätigung für diesen Verdacht benötigt hätte, dann hatte ich ihn hier gefunden. Die Einrichtung in diesem Raum besteht aus einem unbequemen Holzstuhl, einem großen Tisch, auf dem seitlich der blinkende Kasten der Abhöranlage, ein Magnetaufzeichnungsgerät und ein CM-1810-Personal Computer neuester sowjetischer Fertigung stehen. Von solchen technischen Geräten, von denen ich absolut nichts verstehe, lasse ich besser meiner Finger. Doch dass auf dem Sideboard neben dem Eingang Krakows Samowar bereitstand, versöhnte mich mit meinem unfreiwilligen Versteck. Ich hätte es schlechter treffen können.

Ich entschied also, es mir hier bis zum frühen Morgen gemütlich zu machen. Der Stuhl ist ungepolstert und die Sitzfläche drückt hart auf meine Hämorriden. Aber immerhin ist es wegen der kaum isolierten Rohre angenehm warm, während ich draußen im Fahrstuhlschacht wie ein Hund gefroren habe. Ich konnte mir sogar kurz erlauben, ein wenig die schweren Augen zu schließen und mich auszuruhen, bevor ich meine Aufzeichnungen fortsetzte. Die Wirkung des starken Tees hielt mich zwar wach, aber in meinem Alter benötigt man nicht mehr viel Schlaf. Außerdem fürchtete ich mich vor den Geistern, die mich nächtens in meinen Träumen heimsuchen. Nun ist ja wahrscheinlich auch noch der junge Wyschnin hinzugekommen. Anstatt in die vorwurfsvollen Augen all der Menschen zu starren, die ich überlebt habe, konnte ich stattdessen meinen heutigen Tag planen. Ich werde später versuchen, mich durch die Keller und die Wäscherei unbemerkt aus dem Kollontai hinauszuschleichen. Dann werde ich den ›Schlüssel‹ aus seinem Versteck holen und ihn zur Buchhandlung bringen. Weiter will ich nicht nachdenken. Ein weiteres meiner sieben Leben ist vorbei, aber das neue hat noch nicht begonnen. Dieses Geheimbüro ist ein Wartesaal und ich hoffe, mir wird es nicht wie Lew Tolstoi ergehen, der der Tod auf dem Bahnhof von Astapowo einholte, wo er gerade auf den nächsten Zug wartete.

Nachdem ich meine verklebten Augen wieder geöffnet hatte, fiel mein Blick auf die breite Schublade des Tischs, die ich natürlich sofort neugierig öffnete. Darin fand ich endlich ein paar wirklich nützliche Dinge: Da lag Krakows Füllfederhalter, mit dem ich jetzt auf meinen Blättern schreibe. Daneben ein ordentlich dickes, mit einer Geldklammer zusammengehaltenes Bündel Rubelscheine – insgesamt 1500 Rubel, also etwa das Zehnfache meiner Rente. Für mich ist das ein kleines Vermögen, das nun in meiner rechten Hosentasche ruht und das ich gut investieren werde. Und dann lag in der Schublade noch eine gut geölte Makarow Typ PB (pistolet bes’schumnyj) mit einem abschraubbaren Schalldämpfer. Die Armeevariante war unter Generalmajor Nischenko meine Ordonnanzpistole gewesen und ich kenne mich deshalb gut mit ihr aus. Mit einem raschen Handgriff entlud ich sie und nahm das Magazin heraus. Von den acht 9 x 18 mm Standardkugeln fehlte eine. Die Makarow war erst kürzlich abgefeuert worden. Wahrscheinlich hielt ich die Mordwaffe in der Hand, mit der sich Krakow von seinem Sekretär befreit hat und nun waren meine Fingerabdrücke drauf. Auch sie werde ich mitnehmen müssen und sie später in einem Newa-Kanal entsorgen. Oder ich behalte sie vielleicht, fällt mir gerade ein. Denn auch ein Krakow ist nicht gegen Kugeln gefeit.

Der bemerkenswerteste Fund aber war meine mit ein paar Blutspritzern besudelte Wodkaflasche ohne Etikett, in der noch ein paar Schlucke durchsichtige, mit öligen Schlieren versetzte Flüssigkeit schwamm. К черту! – ›Zum Teufel!‹ Selbstverständlich ließ ich die Finger von dem Schnaps, denn diese Flasche hatte ich sofort wiedererkannt. Es war meine eigene, mit deren Hilfe ich Lasar vergiftet hatte. Sie war die ganze Zeit – wie ich es vermutet hatte – im Besitz von Krakow gewesen. Er hatte sie tatsächlich an sich gebracht und sie hier verborgen. Es lag auf der Hand, weshalb er dies getan hatte. Das Blut war wohl das von Wyschnin …

So! Nachdem ich dich nun auf den neuesten Stand gebracht habe, mein lieber Leser, will ich die Stunden bis zum Morgen nutzen, um meine Erlebnisse in Antenora fortzusetzen. »Na, endlich«, höre ich dich sagen, »das wird auch langsam Zeit, Towarischtsch!« Gut, dann gib mir noch einen Moment, damit mein Geist wieder durch die Zeit zurückwandern kann. Mit einem Gläschen in meinen vom vielen Schreiben krampfenden Fingern fiele es mir leichter …

›С лёгким паром!‹ – ›Möge dich der Dampf umschmeicheln!‹

Diese Tage im Herbst waren aus Watte gemacht. Glaube mir, mein eifriger Leser, der Nebel fühlte sich genau so an und er sah auch so aus, als sei eine feuchte, kalte Wolke direkt aus dem Himmel in die Grube von Antenora gefallen. Sie lag nun gärend in der Kuhle des Gulags wie ein Brotteig in seinem Backkorb. Der nasse Nebel war beinahe greifbar dicht; er besaß eine schwere Stofflichkeit, die jedermann das Atmen so erschwerte, als würde er an einer Wasserlunge leiden. Man sah keine drei Meter durch sein Wabern hindurch. Wäre es in der Grube wärmer gewesen, hätte man den Eindruck bekommen können, man genieße einen freien Tag im баня einer der zwei großen Leningrader Badeanstalten, die Aleksandr Nikol‘skij Anfang der Dreißigerjahre erbaut hat. Doch du kannst ruhig mich beim Wort nehmen, Freund. Es war keine Oase zum Entspannen und Wohlfühlen, sondern ein Land, das aus schier undurchdriglichem Dampf und bald auch aus Tod errichtet war. Begonnen hatte das alles urplötzlich in der Nacht, nach der wir die eiszeitliche Frauenhand und ihr Armband entdeckt hatten, und es dauerte nur wenige Tage, bis sich die Antenora-Grube mit dem unheimlichen Nebeldunst füllte.

Nachdem mich Krakow ins Labor bestellt hatte, legte man auf seine Anweisungen hin auch vorsichtig den Rest des Leichnams freigelegt und brachte sie ebenfalls nach oben in seine Privatanlage. Die Männer, die die Mumie auf einer Krankenbahre abtransportierten, mussten dabei Gasmasken tragen und durften den wertvollen Körper nur mit Kunststoffhandschuhen berühren. Obwohl die federleichte Mumie steifgefroren und unbeweglich wie ein Stück Astwerk war, hatten die Träger den verstörenden Eindruck, die Tote würde nur schlafen und könnte in jedem Augenblick die Augen aufschlagen. Ihre Wangen waren eingefallen und die Haut dunkel und lederartig. Aber ihre Kleidung, die aus einer Hose aus grob zusammengenähten Fellstücken, einem langen, an der Taille gegürteten Hemd aus Hanffasern bestand, war nahezu unversehrt und von der Zeit kaum in Mitleidenschaft genommen. Dazu trug sie an den Füßen hohe Schnürstiefel aus Robbenfell – war also insgesamt nicht wesentlich anders angezogen als die örtlichen Jäger und Hirten, die im Gebirge lebten. Nach Aussage der Männer wirkte die Frau aus der Eiszeit, die sicher schon 12.000 Jahre alt war, lebendiger als mancher unter ihnen. Alle waren froh, als die Mumie ohne Zwischenfall im Labor hinter verschlossenen Türen angelangt war und der Alltag wieder beginnen konnte.

[Zum 16. Teil …]

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In den Bücherkellern des Vatikans (14)

<– zum 13. Teil …

»да – Ja. Aber ich wurde auch zu Ihrem Schutz abgestellt.«

»Als ob ich den brauchen würde! Seit vier Dekaden bewahre ich den ›Schlüssel‹ für euch auf. Auch wenn ich nie daran glaubte, dass einmal der Tag kommen würde, an dem die Pagen ihn zurückfordern würden. Ich habe ihn behütet. Das war ich meinem Peptej schuldig. In all den Jahren habe ich durchgehalten. Die Hyänen haben mich bespitzelt und wie ich jetzt weiß, niemals aus den Augen gelassen. Von der ›Buchhandlung‹ jedoch habe ich nie mehr etwas gehört – bis sie gestern wieder auftauchte!«

»Das geschah ausschließlich zu Ihrer Sicherheit, glauben Sie mir. Es wäre viel zu gefährlich gewesen, wenn wir weiter Kontakt mit Ihnen gehalten hätten. Aber wir waren immer in Ihrer Nähe, hatten immer einen Blick auf Sie. Aber wir mussten vorsichtig sein. Wenn die Hyänen geahnt hätten, dass Sie den ›Schlüssel‹ besitzen, würden Sie jetzt wohl nicht mehr leben.«

»Natürlich ahnten sie etwas, mein Junge. Besonders einer von ihnen. Wie eine Spinne hat er ein Netz um mich gewoben. Darin sitzt er seit Jahrzehnten geduldig und wartet. Wenn die Hyänen etwas besitzen, dann ist es Zeit. Sie bedeutet ihnen nichts. Auch jetzt hockt er im Geheimen und beobachtet mich. Zumindest versucht er es.« Ich deutete zur Badezimmertür, aus der das Rauschen der Dusche erklang.

»Ich dachte die ganze Zeit, es sei einer dieser grotesken Zufälle in meinem Leben gewesen, dass von allen ausgerechnet Taganow der Direktor des Kolonai wurde. Ich glaubte, er hielt mir nur für einen schwachsinnigen Alten unter vielen. Niemals kam mir der Verdacht, dass auch er mich erkannt hatte. Schließlich war ich ja direkt nach meiner Entlassung aus dem Gulag in meine jetzige Tarnexistenz geschlüpft und hatte sorgfältig mit der Hilfe der Pagen alle Spuren verwischt, die mich mit meinem früheren Ich verbanden. Das war nach der chaotischen Amnestie vom 17. März 1953 kein Problem, während der auch Antenora ›liquidiert‹ wurde. Hunderttausende kehrten abgerissen und ohne Papiere aus den sibirischen Lagern zurück. Da war es nicht schwer, mir die Identität von einem Unglücklichen zu stehlen, der nicht so viel Glück wie ich hatte und in Antenora erfroren war. Ich trat ins Militär ein und begann mein zweites Leben. Ich heiratete ›Птичка моя‹ – mein ›Vögelchen‹ und stieg bis zum Adjutanten von Generalmajor Nischenko auf, dem ich meinen Platz hier im Kollontai verdanke. Ich glaubte mich in Sicherheit. Nie hörte ich etwas von den Pagen, nichts von den Hyänen, nichts vom ›schwarzen Buch‹. Dies alles lag hinter mir wie ein Albtraum, aus dem ich erwacht war. Doch in all der Zeit gab es einen, der mir auf der Spur blieb und mich belauerte. Das erkenne ich erst jetzt. Seit ich ihn in Antenora beinahe getötet hatte, war er hinter mir her. Er trägt zwar ein neues Gesicht – das alte ist ja verbrannt! – aber seine Augen haben ihn verraten. Es sind die Augen der Hyäne.«

Jetzt war es an Wyschnin, schockiert zu sein. Diese Runde ging an mich. »Alter Mann, du meinst …«

»Ja. Dmitri Alexandrowitsch Krakow und Igor Igorowitsch Taganow sind ein und dieselbe Person.«

Siehst du, Freund Leser, ich war ehrlich zu dir. Jetzt weißt du schon fast alles. Aber lass mich noch schnell ein paar Lücken füllen, bevor ich ich mich auf den Weg mache. Nachdem der arme Wyschnin meine Mitteilung verdaut hatte, brachen wir unser konspiratives Gespräch eilig ab, denn er musste sofort die ›Buchhandlung‹ informieren. Wir verabredeten uns auf morgen Nachmittag. Ich würde in der Zwischenzeit den ›Schlüssel‹ aus seinem Versteck holen, das selbstverständlich nicht im Heim ist, sondern an einem anderen Ort, den ich allerdings problemlos zu Fuß erreichen kann. Selbstverständlich erzählte ich ihm nicht, was ich sonst noch zu erledigen hatte. Denn meine kleine Sünde, Lasar mit Brennspiritus zu vergiften, ging ihn nun wirklich nichts an. Würde ich nach so vielen Jahren endlich von der Last befreit worden, die mir Wastija aufgebürdet hatte? Du erinnerst dich? Ich rede von Sebastian Kerr, dessen Urenkelin nun geboren war. War damit meine Aufgabe erfüllt, die begonnen hatte, als ich als grüner Junge im literarischen Club Väterchen Bulgakows Buch gestohlen hatte? Ich hoffte es.

Freilich ist inzwischen alles ganz anders gekommen. Aber das weißt du ja auch schon, mein aufmerksamer Leser. Nachdem Wyschnin die ›Wanze‹ wieder an ihrem ursprünglichen Platz angebracht und sich von mir verabschiedet hatte, muss er sich irgendwie verraten haben. Vielleicht war er sogar so töricht und hat Krakow (bei diesem Namen werde ich jetzt bleiben) konfrontiert. Ich weiß nicht, ob es ihm noch gelungen ist, die anderen Pagen vor dem Direktor zu warnen, bevor dieser ihn umgebracht hat. Und ich bin bei meinem Versuch, meine kleine Giftattacke auf Lasar zu vertuschen, über Wyschnins Leiche gestolpert und musste mich in Krakows Büro vor dessen Handlangern verbergen, die mich zwar nicht entdeckten, aber einschlossen. So weit – so schlecht.

Aber nachdem ich meine Gedanken geordnet hatte, während ich im Dunkeln hektisch mein abendliches Abenteuer aufnotierte, fiel mir wieder etwas ein, das Wyschnin in unserem kurzen Austausch erwähnt hatte: Krakow besaß offenbar in seinem Büro ein geheimes Zimmer, von dem aus er mich abhören wollte. Das musste ich finden und mich darin verbergen. Dort war ich vor der Rückkehr von Renat und Petr sicher, denn sie wissen sicher nichts von diesem Versteck. Es war nicht einfach in der Dunkelheit, aber ich habe die unscheinbare Tapetentür nach einigem Abtasten und Klopfen recht schnell gefunden. Länger dauerte es dann, bis ich den geheimen Öffnungsmechanismus entdeckte. Ich will dich nicht mit meiner Suche langweilen, denn schließlich weißt du ja schon, dass sie erfolgreich war und ich gerade in Sicherheit bin. Die verborgene Tür öffnete sich von Zauberhand, als ich ein Buch im Regal neben ihr nach vorne zog. Es war übrigens Houdinis The right way to do wrong, was ein bezeichnendes Licht auf Krakows Charakter wirft.

Sein Geheimversteck liegt leider nicht auf der gleichen Ebene wie die Zimmer des Direktorats, sondern viele Stockwerke tiefer im Keller des Heims verborgen. Dorthin führte mich eine Art Fluchttreppe aus Gitterrost-Stufen, die in einen Schacht hinein gebaut war. Er wurde wahrscheinlich ursprünglich vom Architekten des Kollontai für den Einbau eines Fahrstuhls entworfen. Da ich in dem Halbdunkel, in dem auf meinem Weg hinab nur ab und an mal ein kleines Notlicht brannte, nur wenig sah, tastete ich mich langsam und vorsichtig in die Tiefe. Zu meinem Glück gab es ein Geländer. Ich will nicht wieder über mein Alter jammern. Aber Treppensteigen, auch wenn es abwärts geht, zählt nicht zu dem bevorzugten Zeitvertreib eines bald neunzigjährigen Säufers mit Herzproblemen. Ich benötigte für meinen Abstieg eine gute halbe Stunde. Dabei bat ich die Wladimirskaja, die Gottesmutter von Wladimir, dass dies keine Sackgasse war und ich später den ganzen Weg wieder hinaufsteigen musste.

»Du bist doch Marxist und Atheist!«, sagst du unwillig. »Warum flehst du eine alte Ikone an, auch wenn sie ein Nationalheiligtum ist? Glaubst du, ein Götzenbild kann dir helfen?« Du hast recht. Ich glaube nicht an die Macht eines bemalten Holzbretts, auch wenn ich es manchmal bedauere. Aber ich habees nie bereut, wenn ich mir eine weitere Option freigehalten habe. Ein Stoßgebet an die Madonna schadet doch nicht. Schau mal: Die Tür am Fuß der Treppe, die ich endlich keuchend und abgekämpft erreichte und sich gefühlt kurz vor dem Mittelpunkt der Erde befand, wäre wahrscheinlich auch offen gewesen, wenn ich die Gottesmutter nicht darum gebeten hätte. Aber weiß man es?

[Zum 15. Teil …]

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In den Bücherkellern des Vatikans (13)

<– zum 12. Teil …

»Das war ein elektroakustisches Abhörgerät aus den alten Beständen des KGB«, stellte er fest. »Taganow, der selbst in den Siebzigern als Agent in Westdeutschland tätig war, hat einen direkten Draht zum Bolshoi Dom, dem ›Großen Haus‹ am Litejny-Prospekt. Die ›Wanze‹ ist eine KS3 aus chinesischer Produktion und sehr empfindlich. Aber jetzt sollten wir uns unbelauscht unterhalten können. Wir müssen das Gerät allerdings später wieder unter den Stuhl kleben, damit der Direktor keinen Verdacht schöpft.«

Staunend lauschte ich den pedantischen Erläuterungen des jungen Mannes. Durfte ich ihn nicht als weiteren Feind, sondern etwa als einen Freund betrachten? Er war noch nicht sehr lange Taganows Sekretär – vielleicht ein oder zwei Monate. Vorher hatte diesen Posten ein kleiner, dicker Weißrusse bekleidet, der von einem Tag zum anderen gekündigt hatte und verschwunden war. Im Nachhinein frage ich mich, ob hier auch die Helfer des Direktors ihre Hände im Spiel gehabt hatten.
Mit Wyschnin selbst hatte ich bislang noch kein einziges Wort gewechselt. An seinem ersten Arbeitstag stellte er sich kurz der versammelten Belegschaft des Kollontai im gemeinsamen Fernsehzimmer vor. Anschließend sah ich ihn nur noch von der Ferne. Immer folgte er seinem Direktor wie ein Schoßhündchen auf dem Fuß, um nur keinen von dessen Befehlen zu verpassen. Er war inzwischen so etwas wie ein unvermeidlicher zweiter Schatten von Taganow geworden. Sehr jung und sehr blass war er, dünn wie Birke. Dazu trug er ein einfältiges, nichtssagendes Gesicht ohne Kinn zur Schau. Seine Augen blieben unter versoffenen Schlupflidern verborgen. Nein, er hatte keinerlei Eindruck bei mir hinterlassen. Aber wahrscheinlich war das ja seine Methode, so unauffällig zu wirken. Aus diesem Grund beschäftigte sich niemand länger als einen Augenblick mit ihm und vergaß ihn sofort, wenn er sich abwendete. Gute Agenten zeichnet genau diese Eigenschaft aus, von der ich ebenfalls reichlich besitze. Das Bemerkenswerteste an ihnen ist, dass sie nicht bemerkenswert sind.

»Du meinst, Taganow hat gerade eben dieses Abhör-Dings hier unter meinem Stuhl versteckt?« Nun, das würde erklären, weshalb er sich die Mühe gemacht hat, mich aufzusuchen und mir die Kündigung nicht einfach über die Heimpost zustellen ließ. ›Убить двух зайцев.‹ – ›Zwei Hasen auf einmal erlegen‹, darin war er schon immer gut gewesen. Wyschnin nickte aufgeregt.

»Und nun hockt der Genosse Direktor bestimmt schon in seinem Geheimversteck unterhalb seines Büros und versucht, uns zu belauschen. Doch außer dem Rauschen der Dusche wird er nichts zu hören bekommen«, sagte er zufrieden. »Allerdings werden wir uns beeilen müssen, bevor er misstrauisch wird und mir auf die Schliche kommt. Schließlich reicht das warme Wasser höchstens für fünf Minuten. Dann wird es merkwürdig, wenn du weiter duschst.«

»Also gut, mein Junge. Dann gib mir mal die Zusammenfassung. Wer bist du wirklich und was willst du hier im Kollontai?«

»Mein Name ist tatsächlich Stepan Wyschnin. Ich hatte nicht die Zeit, mir eine Tarnexistenz aufzubauen. Aber ich bin zum ersten Mal im Einsatz und ein unbeschriebenes Blatt für die ›Hyänen‹. Ich studiere Slawistik an der SPbU und wurde erst im letzten Sommer rekrutiert.«

Ich hatte wieder einmal viele, viele Fragen. Aber ich schwieg und bemühte mich um einem ausdruckslosen Gesichtsausdruck. Zudem ahnte ich bereits, wohin uns dieser Zug brachte. Als ich keine Antwort gab, sah sich Wyschnin um. In Ermangelung eines Schreibgerätes tauchte er seinen kleinen Finger in mein Glas auf dem Küchentisch. Anschließend malte er akkurat ein mir wohlbekanntes Symbol in den Staub der Tischplatte. Da die Sonne schräg in den Raum fiel und die Feuchtigkeit zum Glänzen brachte, konnte ich es ohne Probleme erkennen und musste nicht meinen Platz auf dem Bett verlassen. Es war unser Erkennungszeichen.


»Du bist ein Page«, stellte ich fest. Wyschnin warf sich in Positur.

»Eins: Alles ist anders. Was euch auch erzählt wurde von euren Vätern: Es ist eine Lüge«, zitierte er die erste der ›Fünf Wahrheiten‹, die der Katechismus seiner Gemeinschaft waren.

»Zwei: Die Frau entstammt dem Schoß der Erde, der Mann den Wolken im Himmel«, ergänzte ich abwinkend. »Schon recht. Ich habe das nicht vergessen. Und du studierst, mein Junge? Ich dachte, die ›Buchhandlung‹ rekrutiert ausschließlich Schriftsteller?«

Der junge Mann lächelte zum ersten Mal. »Gibt es einen Russen, der kein Schriftsteller ist?«, fragte er etwas hochnäsig. »Die ›Buchhandlung‹ rekrutiert nur Menschen, denen es auch gelingt, sie zu betreten. Dazu muss man literaturaffin …«

»… und nicht ganz Teil dieser Welt sein. Ich weiß. Aber warum dieses plötzliche Interesse an mir? Ich habe seit gut fünfunddreißig Jahren nichts mehr von der ›Buchhandlung‹ gehört und dachte, ich könnte die paar Jährchen, die mir noch bis zu meinem 100. Geburtstag übrig bleiben, in Ruhe hier im Altersheim verbringen. Aber dann tauchst du hier auf und mit dir die ganze alte Geschichte, dich ich längst vergessen hatte. Weißt du, ›маленький брат‹ – ›kleiner Bruder‹, ein alter Freund von mir hat mir vorhergesagt, dass ich einhundert Jahre alt würde. Ich glaube ihm das, denn er trug schließlich die Seele eines Schamanen in sich, der die Zukunft vorhersehen konnte. Er sagte einmal …« Ich zögerte. Wyschnin sah mich stirnrunzelnd an und roch dabei vielsagend an seinem Finger, den er in den Polenschnaps getaucht hatte.

Hat er am Vormittag schon gesoffen? Diese Alten und ihre endlosen Geschichten. Ich konnte ihm diese Gedanken vom Gesicht ablesen. »Nein, nein!«, wehrte ich mich. »Ich bin zu alt für dieses Pagen-Spiel. Reicht es nicht, wenn ich auf euren Wunsch hin meine Erinnerungen an Antenora aufschreibe? Das wühlt mich mehr auf, als es gut für mein Herz ist. Also, was wollt ihr denn noch von mir?«

Wyschnin spitzte die Lippen und zögerte die Antwort heraus. Ich hatte durchaus Sinn für sein zutiefst russisches Gespür für Melodramatik, aber dieser Gesichtsausdruck, der mich an einen zertretenen Frosch erinnerte, machte vieles kaputt. Trotzdem erschütterte mich seine Antwort zutiefst:

»Das Mädchen ist geboren. Die Zeit der Wanderschaft wird enden«, sagte er schlicht.

Ich starrte Stepan Wyschnin an. Es dauerte eine Weile, bis seine Worte von meinem Ohr in meinen Kopf hinein wanderten. Mein eingerosteter Verstand machte sich nur schwerfällig an die Arbeit. Das hatte gesessen! Es war fast zu viel für mein altes, schwaches Herz, das damals in Sibirien eine akute Myokarditis überstehen musste, und ebenso vernarbt war wie meine wunde Seele. Als ich endlich begriff, was der Junge gesagt hatte, setzte mein Herzschlag einmal aus und kam dann nur stolpernd wieder in Gang. Ich schnappte nach Luft und das Verlangen nach einem ›Wässerchen‹ ließ mich erschaudern.

»Dann ist es so weit?«, fragte ich krächzend, nachdem ich den Schock ein wenig verdaut hatte. Das Sprechen fiel mir schwer, denn mein Mund war wie ausgetrocknet. »Wastija hat eine Enkelin?«

»Eine Urenkelin, um genau zu sein. Sie wurde Anfang des Jahres geboren und heißt Isabella.«

»Ein schöner Name. Wissen die Hyänen schon davon?«

»Noch nicht – vermuten wir zumindest. Aber das ist nur eine Frage der Zeit. Sie muss auf jeden Fall beschützt werden. Die russische Abteilung der Hyänen hat an diesem Wochenende eine Versammlung in Odessa. Deshalb fliegt Direktor Taganow mit seinem Jet vorgeblich zu einem geriatrischen Kongress am Schwarzen Meer. Mich würde nicht wundern, wenn es dort um Isabella geht. Für uns ist seine Spritztour jedenfalls eine Gelegenheit, die nicht so schnell wieder kommt.«

»Deshalb bist du hier. Ihr braucht den ›Schlüssel‹!«

[Zum 14. Teil …]

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In den Bücherkellern des Vatikans (12)

<– zum 11. Teil …

Meine Sinne verraten mir, dass du noch hier bist, mein Leser. Mir war gerade, als würdest du mir weiterhin über die Schulter sehen und begierig mitlesen. Ja, ich spüre sogar, wie du mich immer wieder mit dem Finger antippst, wenn ich kurz zögere, weil ich nach einem passenden Wort oder einer gelungenen Formulierung suche und dabei gedankenverloren einen Schluck vom Tee zu mir nehme.

»стоп – Stopp!«, rufst du zornig, »was ist denn das für eine Taschenspielerei? Alter Mann, du sitzt mitten in der Nacht im Büro des teuflischen Direktors. Du wurdest von seinen Handlangern eingeschlossen und musst befürchten, dass sie jeden Moment zurückkehren und dich entdecken. Wo also kommt nun plötzlich die Tasse Tee her, an der du nippst? Was hast du mir verschwiegen? Ich schätze diese Autoren-Taschenspielereien nicht!« Und da hast du recht. Da bin ich an deiner Seite, mein Freund. Wer von uns Autoren hätte nicht seinen Wein verfälscht? Manch giftiger Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da getan. Lass mich dir deshalb ganz nüchtern und wahrhaft von meiner neuen Situation berichten:

Ist dir eigentlich nicht aufgefallen, dass meine Handschrift seit Beginn dieses Kapitels wieder ruhig und gleichmäßig dahinfließt? Ich verwende zum Schreiben nicht mehr meinen Bleistiftstummel, sondern den sehr hübschen, goldenen Federhalter von Pan Tagenow, den er nur dazu benutzt, um seine schwungvolle Unterschrift unter seine Dekrete zu setzen. Ich finde, er macht sich sehr gut in meiner Hand. Die schwarze Tinte veredelt meinen Text. Falls ich mich hier irgendwie herauswinden kann, dann werde wohl ich den Füller, der bestimmt schon über 50 Jahre alt ist, behalten müssen. Ich verspreche, ich werde ihn für einen besseren Zweck verwenden, als Kündigungen, Mahnungen und Todesbefehle zu unterschreiben. Nämlich meine Geschichte weiterzuerzählen – bis zu ihrem Ende. Das edle Schreibutensil liegt gerade so gut in meiner Hand. Er gleitet nur so – gleitet über das Papier wie der Schlittschuh von Anatoli Wassiljewitsch Firsow von der Сборная über das Eis. Es ist ein Vergnügen, ihn zu benützen.

Ich weiß, ich sollte auf den Punkt kommen. Aber das Alter hat eben einen geschwätzigen Narren aus mir gemacht. Ehrlich gesagt, fühle ich mich gerade trotz meiner misslichen Lage sehr wohl. Damit mir das Schreiben leichter fällt und du später meine Schrift besser entziffern kannst, habe ich die Schreibtischlampe am Tisch eingeschaltet. Die schönste Entdeckung in dem Kellerraum, in dem ich mich jetzt befinde, war es jedoch, dass im Kännchen des Samowars, der auf dem Sideboard an der Wand steht, noch genug bitterer Teesud schwappt und sich auch genügend Wasser im Aufwärmbehältnis darunter befindet. Es ist ein silberfarbener, schlichter und moderner Teebereiter, den ich nicht erst umständlich mit einem Spiritusbrenner befeuern muss. Er bringt das Wasser schnell mit einer elektrischen Heizspirale zum Kochen. Während ich vorhin das Sideboard leider vergebens nach einem wärmenden ›Wässerchen‹ durchsuchte – der niedrige Schrank enthielt nur Akten, die mich nicht interessierten –, blubberte der Samowar heimelig und sein aufsteigender Dampf erwärmte rasch das kleine Kännchen, das auf ihm steht. Ein Geruch nach Geräuchertem und Jasminblüten stieg mit dem Dampfaus dem Teekännchen auf. Wenn er schon den ›Schuss‹ vergaß, so hatte der Direktor zumindest an schöne, hauchdünne Porzellantassen und ein Schälchen mit Kandis gedacht, die griffbereit neben dem Samowar stehen. Ich habe mir großzügig von dem tiefschwarzen, an seiner Oberfläche ölig glänzenden Aufguss eingeschenkt, der wohl schon seit Tagen in seinem kleinen Kännchen köchelte und ihn mit nur wenig Wasser und viel Zucker verdünnt. Das muss mir ein Frühstück ersetzen. Oh, mein Freund, welch ein Genuss waren die ersten Schlucke! Mein Getränk schmeckt beinahe wie der Tschifir, jener hoch dosierte Schwarztee aus Irkutsk, von dem ein Tässchen so anregend ist wie ein Liter Kaffee auf einmal. Er hatte mir und meinen Mitgefangenen so manchen Abend im Gulag versüßt, weil er wie ein psychoaktives Narkotikum wirkt.

Auch wenn ich solch eine Wirkung heute noch nicht verspürt, so fühle ich mich jetzt wieder fit genug, meine Geschichte fortzusetzen. Glaube mir: Die beste Philosophie ist ein starker, heißer Tee. Du siehst also, mir geht es den Umständen entsprechend gut. Nun lass mich weiter berichten. Ich habe dir freilich etwas verschwiegen, nämlich ein Gespräch mit Wyschnin am Nachmittag, bevor ich zu meinem kleinen Abenteuer wegen meines gepanschten Wässerchens aufbrach. Aber dies geschah nicht, um dich zu täuschen oder zu verwirren. Das musst du mir glauben. Ich hatte meine Gründe. Ich wollte den Sekretär des Direktors schützen, weil ich ja befürchten muss, dass meine Aufzeichnungen in die falschen Hände geraten könnten. Aber nachdem er ermordet wurde – wahrscheinlich von Taganow persönlich -, habe ich keinen Grund mehr, auf ihn Rücksicht zu nehmen. Also lass mich an dieser Stelle eine Lücke füllen, die ich im zweiten Kapitel hinterließ:

Nach dem ›Freundschaftsbesuch‹ des Direktors und seines Sekretärs heute Vormittag, in dem die beiden mir mitteilten, dass man mir zum Quartalsende meine kleine Wohnung im ›Kollontai‹ kündigen werde, saß ich noch eine ganze Weile vor den Kopf geschlagen auf meinem Bett und starrte in die düstere Zukunft, die mich erwartete. Ich war so in meine trüben Gedanken versunken, dass es mir nicht einmal in den Sinn kam, meine flatternden Nerven mit dem einzigen Heilmittel zu beruhigen, das mir – sogar in Griffweite! – zur Verfügung stand. Ich spreche selbstverständlich von der Flasche Wodka, die ich zusammen mit meinen Aufzeichnungen hinter meinem Rücken versteckt hatte, als ich so überraschenden Besuch bekam. Ich zerbrach mir den Kopf über der Frage, was Taganow plante. Hatte er mich doch erkannt? Welchen Zweck verfolgte er, aus dem er mich nun so plötzlich aus seiner Nähe entfernen wollte? Nachdem wir so viele Jahre ruhig nebeneinander hergelebt und uns gegenseitig ausspioniert hatten? Warum griff er mich nun an, was hatte sich verändert? Lag es daran, dass die ›Reisende Buchhandlung‹ wieder in Piter aufgetaucht war?

Oh, ich könnte auf diese Weise noch eine Ewigkeit weitermachen, denn ich hatte viele Fragen. Doch ich weiß, wie sehr du nach Antworten verlangst, mein Freund. Deshalb machte ich Schluss mit meinen Grübeleien. Ich zuckte mit den Schultern und wollte mich gerade wieder an die Fortsetzung meines Textes über meine Erlebnisse in Antenora an den Küchentisch setzen. Da hob ich verwundert meinen Kopf, weil sich nach einem leisen Klopfen meine Wohnungstür erneut öffnete und Stepan Wyschnin eilig und dabei aufmerksam über die Schulter spähend bei mir eintrat. Ich fluchte und warf mich zurück in mein unordentliches Bett, verdeckte erneut mit meinem Rücken die verräterische Wodkaflasche und die Blätter mit meiner Geschichte. Ich muss auf Wyschnin so faul wie Ilja Iljitsch Oblomow gewirkt haben.

»Hat der Auftritt eben nicht schon gereicht? Warum werde ich so gequält?«, fragte ich schlecht gelaunt. »Ich werde noch Eintritt verlangen müssen.«

Wyschnin kam auf Zehenspitzen näher und bedeutete mir dabei mit dem Zeigefinger auf dem dünnen Mund, zu schweigen. Er trat an den Tisch, auf dem noch immer mein Zahnputzglas mit einem halben Schluck Wodka darin stand. Er beugte sich zu meiner Verwunderung herab und blickte unter die Tischplatte. Offenbar fand er dort nicht, was er suchte, denn er wandte sich kopfschüttelnd zu meinem Stuhl, auf dem eben der Direktor gesessen hatte. Eine plötzliche Ahnung ließ mich stumm bleiben und ich hinderte ihn nicht an seiner Untersuchung. Wyschnin wurde tatsächlich fündig. Triumphierend hob er einen kleinen, rechteckigen Knopf in der Größe einer Zehnrubel-Münze in die Höhe, der an einer Stirnseite eine kurze Antenne aufwies. Dann nahm er aus seiner Hosentasche eine Münzschatulle, in die er die Wanze behutsam legte. Anschließend ging er ins Badezimmer, wo er das Kästchen auf den Wannenrand stellte. Er stellte die Dusche an und kam dann zurück, schloss dabei die Tür hinter sich. Er räusperte sich.

[Zum 13. Teil …]

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