Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 5)

[Zum 1. Teil]

„Sie sind unterwegs“, stellte Marini fest und ließ den Arm des Autors los. „Non preoccuparti per tua figlia – Keine Sorge, mein Freund! In diesem Moment befinden sich Isa und Mercedes bereits im Rayon  beim alten Mann und sind dort in Sicherheit.“

Rayon?“, fragte Klammer, der diesen merkwürdigen Ausdruck nun bereits zum zweiten Mal hörte. Er war zwar stolz auf seine umfassenden Fremdwortkenntnisse, die er gerne und häufig in seinen Romanen verwendete – schließlich war es für einen Schriftsteller immer besser, ein kompliziertes Fremdwort zu benutzen, als die einfache deutsche Entsprechung. Aber mit diesem Begriff wusste er nichts anzufangen. Doch Marini antwortete ihm nicht. Er winkte beschwichtigend ab und eilte hinter Verena Salva her, die ihre Schritte zum Hoteleingang lenkte.

Klammer seufzte. Es kostete ihn einige Überwindung, zurück in die Gasse zu sehen. Tatsächlich bewahrheitete sich seine Befürchtung. Die Buchhandlung war nicht mehr an ihrem Ort und mit ihr war seine Tochter fort. Wo gerade noch eine Auslage mit guter italienischer Literatur geworben hatte, befand sich nun ein rostiges, bodenlanges Gitter, das den Blick ins Innere des Schaufensters und die Tür daneben versperrte. Der trostlose Anblick der öden römischen Vicolo machte Klammer erst bewusst, was er gewonnen und glich darauf wieder verloren hatte. Für einen allzu kurzen Moment des flüchtigen Glücks hatte er Isa in den Armen halten dürfen und alles hatte darauf hingedeutet, als wären alle Schwierigkeiten überwunden und die Rätsel würden ein ENDE finden. Doch wie schnell war dieser Wunschtraum verflogen! Der Autor fühlte es: Er war wieder auf sich gestellt und stand vor neuen, vielleicht noch schwierigeren Herausforderungen. Deshalb folgte er seinen beiden Begleitern nur widerstrebend und voller böser Vorahnungen in das klimatisierte Foyer des Raphaels.

Er irrte sich nicht: Das Spiel gegen die Hyänen war in eine neue Runde gegangen. Sein feister Verleger Welkenbaum hatte seinen bequemen Sitzplatz auf der Dachterrasse verlassen und war mitsamt dem wertvollen Buch so spurlos verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.

 ❧

Welkenbaum fragte sich, ob er wirklich schon ganz wach war. Die Wohlklänge eines barocken Musikstücks, das von leisen, knisternden und knackenden Nebengeräuschen, wie sie die Wiedergabe einer Vinyl-Schallplatte mit sich bringt, begleitet wurden, füllten den nicht gerade kleinen, fensterlosen Raum. In dessen Mitte lag der Verleger auf einer schäbigen roten Stoffcouch und starrte blicklos an die Decke. Er hatte noch einen weiten Weg von seinem Falltraum hinein in die Wirklichkeit zu gehen und es dauerte eine gefühlte halbe Ewigkeit, bis sein Verstand endlich die Sonate wahrnahm, die sein Ohr schon lange hörte und deren Melodie seine Lippen mitsummten. Es kostete ihn ein gewaltiges Maß an Konzentration, sich auf die Kaskaden der perlenden Gänge des Cembalos und das elegische Seufzen der Streicher zu konzentrieren. Doch die überaus reine und feinstrukturierte Klarheit des Adagios, die ihm jede nahende Tonfolge im voraus verriet und genießen ließ, bevor sie tatsächlich erklang, half ihm, langsam aus seiner tiefen Betäubung zu erwachen. Es war beglückend und befriedigend, sich von dieser Musik an die Hand nehmen und von ihr zurück in die Welt führen zu lassen. Aber es benötigte viel Zeit, denn sein Geist war endlos tief in ihm selbst begraben gelegen.

Welkenbaum kaute deshalb auf etwas säuerlichem und abgestandenen herum und gab sich ganz den Harmonien hin. Endlich begriff er auch, was seine an die Decke gerichteten schon lange Augen betrachteten: Es war ein aus roten Ziegeln errichtetes Tonnengewölbe, von dessen Zentrum eine warme und unzureichend helle Lampe herab hing, die es nicht schaffte, den weiten Raum vollkommen auszuleuchten. Die zum Großteil mit leeren Regalen verstellten und unverputzten Wände lagen im Dunklen. Mit seinem Wahrnehmen seiner Umgebung geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Die Schallplatte kam an einen Kratzer, an dem sie hängen blieb, sprang zurück und ein halber Cembaloakkord erklang von Neuem und dann noch einmal und noch einmal … Doch in Welkenbaums Gehirn passierte genau das Gegenteil: Er kam endlich wieder in die richtige Spur und erwachte endgültig. Er erinnerte sich mit einem Mal deutlich an die Momente vor seinem Traumsturz in diesen Keller hinab. Er hatte auf dem Dach des Hotels in Klammers Buch gelesen und viel zu viel Bier getrunken. Dem Roman, der eine aberwitzige Geschichte über einen sowjetischen Gulagsträfling erzählte, war eine sepiafarbene Fotografie beigelegt gewesen. Auf ihr war eine junge Frau mit Tropenhelm auf dem Kopf und Kleidung aus der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts abgelichtet gewesen. Die Aufnahme wirkte wie ein publicity still aus einem uralten Tarzan-Film, das die abgebildete Schauspielerin als Autogrammkarte vervielfältigt hatte. Was ihm fast den Verstand geraubt hatte: Die gutausehende Forscherin sah haargenau wie seine Verlobte aus. Auch wenn sie auf dem Foto eine andere Frisur trug, hatte Welkenbaum sie doch sofort an ihrer unverwechselbaren Körperhaltung und an ihrem kecken Profil erkannt.

Anschließend … ja, was war dann eigentlich geschehen? Jemand muss ihm etwas ins Bier getan haben, irgendeine KO-Droge. Und er wusste genau, wer ihm das angetan hatte. Es waren die beiden Alten gewesen, die ihn schon den ganzen Nachmittag über beobachtet hatten.

„Herrgott! Zefix!“, rief der Verleger aus und wollte von dem muffigen Sofa aufspringen, das wohl schon seit dem Biedermeier hier unten in dem dunklen Kellerraum vermoderte. Dabei musste er auf recht schmerzhafte Weise feststellen, dass sein linker Arm diese Bewegung nicht mitmachen konnte, da sein Handgelenk mit einem der Löwenfüße des alten Liegemöbels über massive Handschellen verbunden war. Er landete äußerst unsanft auf den kalten Fliesen und verrenkte sich die Schulter. Welkenbaum nieste in den zentimeterdicken Staub am Boden, jammerte kurz auf, um sich dann in einen bemerkenswerten Wutanfall zu steigern. Zum Glück war der bayerische Dialekt so reich wie kaum eine andere Sprache auf der Welt mit passenden Kraftausdrücken gesegnet – und diese gotteslästerliche Schimpfkanonade wurde von der ewig wiederholten Tonfolge der kaputten Schallplatte untermalt. Ohne eine Pause zu machen, kniete sich Welkenbaum hin und versuchte, das Sofa ein wenig hochzuheben, um seine Handfessel unter dem Fuß hindurchzufädeln, aber das Möbel gehörte anscheinend zum Inventar und war für ihn unlösbar mit dem Boden verschraubt. Dadurch wurde seine Wut noch größer.

„Sakrisches ***ding, verrecktes! Hurasakrament!“, brüllte er, dass die Wände wackelten und rüttelte verzweifelt an dem Sofa. Es war nicht auszumachen, ob er den Plattenspieler, das Sofa, seine Handschelle oder alles zusammen meinte, aber endlich bewirkte sein Fluchen eine Reaktion. Die nervtötende Tonfolge endete mit einem dissonanten Knirschen, das entsteht, wenn man mit der Nadel des Plattenspielers über das Vinyl kratzt. Eine Tür öffnete sich, durch die seine beiden Entführer zu ihm hereintraten. Ein weiteres und helleres Deckenlicht wurde eingeschaltet und nun konnte Weltenbaum, der seine Brillen vermisste, mehr von dem großen, fensterlosen Ort erkennen, in dem man ihn festhielt. Es schien sich um das Kellergewölbe eines alten Archivs zu handeln. Große, bis an an die Decke reichende Holzregale, die alle leer waren, bedeckten drei Seiten des Raums, in dessen Mitte er an das Sofa gefesselt auf dem lange nicht mehr gereinigten Boden saß. Nur die Seite mit der Tür war anders. Hier stand ein alter, wertvoll aussehender Sekretär an der Ziegelwand und darüber hing ein großes, dunkles Ölgemälde, das einen Geistlichen zeigte – wahrscheinlich einen Kardinal, der mit finsterem Blick unter buschigen Augenbrauen hervor missbilligend auf den Verleger herabsah, als wäre er über dessen Schimpfwörter ebenso empört wie die Entführer.

„Reißen Sie sich zusammen und hören Sie endlich auf, so entsetzlich zu fluchen!“, sagte der alte Mann und seine Begleiterin vollendete: „Das ist ungehörig! Sie sind an einem heiligen Ort.“

[Fortsetzung nächste Woche …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 4)

[Zum 1. Teil]

Klammer hörte ein Geräusch hinter sich. Verenas Miene verfinsterte sich. Marini war ihnen gegen ihre Anweisung gefolgt und ebenfalls aus der Buchhandlung getreten. Gerade verschloss er die Tür gewissenhaft hinter sich. Offenbar war es um den Gehorsam ihrer Gefolgsleute – Pagen? – doch nicht so gut bestellt, wie Klammer gedacht hatte. Er war neugierig, wie sich Marini verteidigen würde.

„Waren meine Anweisungen etwa nicht deutlich genug?“, fragte Verena scharf.

Certo! Das waren sie. Ich meinte aber, es wäre doch besser, wenn ich auch mitkomme. Mercedes und Isa kommen gut ohne mich zurecht, aber euch kann ich helfen“, führte Marini gelassen aus, nachdem er den Schlüssel sorgfältig in seine Hosentasche gesteckt hatte. „Überlege doch mal, Elena: Drei sind erst einmal wesentlich überzeugender als zwei  – schließlich kenne ich im Gegensatz zu Niccolo die ganze Geschichte – und dann könnten wir vielleicht doch noch unseren geplanten kleinen Ausflug in die Bücherkeller des Vatikans unternehmen und das andere Exemplar stehlen. Außerdem sind deine Kenntnisse über Rom ein wenig veraltet, oder?“

Verena legte den Kopf schief und kniff ein Auge zusammen, während sie den kleinen Mann aufmerksam musterte. Klammer erschien diese Körperhaltung wie auswendig gelernt und sehr gekünstelt. Ihm war, als hätte er sie oder eine ganz ähnliche schon einmal in einem Film oder auf einem Foto gesehen, aber obwohl es ihm auf der Zunge lag, fiel ihm einfach nicht ein, bei welcher Gelegenheit das gewesen war. Das Gesicht der geheimnisvollen Frau war vollkommen leer, dann nickte sie.

„Irgendwie glaube ich, du hast auch noch einen anderen Grund, uns zu begleiten, oder?“ Sie lächelte wissend, aber Marini zuckte nur mit den Schultern.

„Gehen wir endlich?“, fragte er und fügte nach kurzem Zögern geheimnisvoll hinzu: „Es wird schwierig genug werden.“

Vicolo della Volpe, Rom

Die Strecke nach vorne zur Kreuzung, an der die Vicolo della Volpe zuerst in die Vicolo della Pace und anschließend in die Via d‘Lorenesi mündete, wo das von Efeu überwucherte Hotel Raphael seinen Haupteingang hatte, war nur einige hundert Meter lang und die Gasse, die eigentlich allein für Fußgänger zugelassen war, war nur einige hundert Meter lang und die Gasse, war so schmal und eng, dass sie kaum Gelegenheit bot, nebeneinanderzugehen. So mussten die drei mit Verena Salva an ihrer Spitze im Gänsemarsch laufen und sich dabei ganz eng an die schmutzigen, braunen Hauswände pressen, um für die ihnen entgegenkommenden oder sie in tollkühnen, lautstark hupenden Ausweichmanövern überholenden Vespas kein Verkehrshindernis zu sein. Die Motorroller schwärmten plötzlich wie auf ein geheimes Signal hin einem aufgeregten Hornissenschwarm gleichend durch die eigentlich nur für Fußgänger zugelassene Vicolo. Die nahe Santa-Maria-del-Pace-Kirche hinter ihrer hohen, schimmelfleckigen Mauer läutete gerade zur Vesper.

Klammer drehte sich zur Seite, und ließ eine stinkende, in Altrosa lackierte Vespa an sich vorbei, auf der eine junge Römerin saß, deren dunkle Lockenpracht unter ihrem ebenfalls rosafarbenen Helm hervorquoll. Sie schien etwas zu ihm zu sagen, während sie ihn überholte, aber Klammer konnte sie wegen des infernalischen Lärms ihrer Maschine nicht verstehen.

Merkwürdig! Er fragte sich, ob die Uhrzeit der Grund war, aus dem so viele Zweiräder mit knatternden Zweitaktermotoren ihren Weg ausgerechnet durch dieses unscheinbare Gässlein bahnten, als wäre es eine Hauptverkehrsader. Dieses aus dem Nichts aufgetauchte Verkehrschaos hatte schon etwas Bedrohliches und er war längst darüber hinaus, diese Erscheinung als zufällig abzutun. Seit er dem Avvocato Ienalli begegnet war, schien im alles um ihn herum voller Zeichen und geheimer Codes. Er ertappte sich bei dem Gedanken, ob nicht auch die Anordnung der kleinen, holprigen Pflastersteine am Boden eine geheime Bedeutung besaß, die ihm nur verborgen war. Und nun erschien ihm auch der Weg durch die Gasse wesentlich länger als vorhin, als er sie auf der Suche nach der Buchhandlung vorsichtig in die andere Richtung hinuntergegangen war. Nach dem virtuellen Stadtplan, den er zuhause am Computer studiert hatte, war die Vicolo della Volpe nicht einmal hundert Meter lang und mündete in nördlicher Richtung beim Uhrengeschäft Brandizzi in die Via dei Coronari. Doch nun erschien sie ihm wie ein schier endloser, enger Schlauch, der sich mit jedem Schritt weiter vor ihm aufrollte und dessen Ende immer ferner wurde. War dies ein ähnlicher Effekt wie jener, den er gestern Vormittag auf der Kellertreppe in dem Haus in der Augsburger Altstadt erlebt hatte? Auch dort hatte es sich für ihn so angefühlt, als wären Jahre und nicht nur Augenblicke vergangen. Er verzögerte seinen Schritt und wandte sich halb zu Marini um, der zwei Schritte hinter ihm ging, die Hände in die Hosentaschen gesteckt hatte und schräg, aber unverkennbar, die Anfangstakte der Kleinen Nachtmusik pfiff. Der Italiener holte auf.

„Ich habe Ihr Buch gelesen“, behauptete Klammer, obwohl er nur den Abschnitt über die Illuminaten überflogen hatte. In Marinis Gesicht ging die Sonne auf und seine Augen wurden hinter seiner lupenartigen, schwarzen Hornbrille noch größer.

Davvero?“, fragte er erfreut und machte synchron mit Klammer einen Sprung zur Seite, um einer weiteren Vespa-Fahrerin auszuweichen, die von hinten angerollt kam. Marini musste schreien, um deren Krach zu übertönen. Auch dieser Motorroller war rosa lackiert, genau in dem Farbton, in dem auch der Helm gehalten war, den die Lenkerin keck über ihre herrlichen, schulterlangen Locken gestülpt hatte.

Kommen hier denn  immer wieder die gleichen Motorroller vorbei? Wie verrückt ist das denn? Wenn das ein Traum ist, fragte sich Klammer, wann habe ich dann eigentlich begonnen, ihn zu träumen? Marini, der die Konfusion sah, die in Klammers Gesicht erschienen war, schob ihn noch näher an die bröcklige, mit Graffitis beschmierte Mauer und fasste ihn vertraulich unter den Arm. Um das weiterhin stete und einfach nicht enden wollende Läuten der Kirchenglocken zu übertönen, schrie er dem Autor ins Ohr.

„Das muss dich beunruhigen, Niccolo. Diese merkwürdigen Zustände erscheinen immer, wenn die Buchhandlung zwischen zwei Orten transitiert. Es ist, als würde sie in ihrer näheren Umgebung ein Vakuum zurücklassen, in dem die Wirklichkeit wie ein altes Dieselaggregat einige Anläufe benötigt, bis sie stotternd wieder in Gang kommt. Ich habe keine Erklärung dafür, denn ich bin Historiker und kein Physiker. Der Spuk müsste aber gleich vorbei sein“, erläuterte er. Klammer verstand kein Wort. Die Römerin in Rosa fuhr ein weiteres Mal knatternd durch die endlose Gasse und an ihnen vorbei. Doch diesmal schien sie die Gruppe Fußgänger zu bemerken, denn sie drehte ihren Kopf nach ihnen.

„Was ist mit euch, wollt ihr hier Wurzeln schlagen?“ Verena, die schon ein gutes Stück vor den Männern war, drehte sich nach ihnen herum. Ihre Stimme übertönte ohne Schwierigkeiten den Lärm von den Vespas und dem Glockengeläut.

„Ich weiß nicht warum, aber Elena schien weniger Probleme mit diesen Erscheinungen zu haben“, sagte Marini nachdenklich. „Ich glaube, sie nimmt sie kaum wahr.. Vielleicht liegt es an ihrem merkwürdigen Metabolismus.“

Klammer schüttelte nur den Kopf. Metabolismus! Er hatte keine Ahnung, wovon der kleine Italiener da eigentlich sprach und ihm war es im Augenblick auch vollkommen egal. Wenn nur endlich dieser merkwürdige, traumwandlerische Zustand vorbeigewesen wäre, in dem er wie einer endlosen Schleife an Déjà-vu‘s gefangen war! Am liebsten wäre er jetzt einfach aufgewacht und hätte das Leben fortgesetzt, das er bis vorgestern geführt hatte.

Als hätte ihn eine höhere Macht erhört, fuhr bei diesem Gedanken die letzte Vespa an ihm vorbei, endete das Vesperläuten und es wurde mit einmal auch wesentlich heller und wärmer in der schmalen und wieder vollkommen leeren Vicolo. Klammer stellte fest, dass die drei nur wenige Menter von der Kreuzung beim Hotel entfernt standen.

„Sie sind unterwegs“, stellte Marini zufrieden fest und ließ den Arm des Autors wieder los.

[Zum 5. Teil …]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 3)

[Zum 1. Teil]

Porca miseria! Wie konnte denn das geschehen?“, warf Marini zornig ein. Nach dem Fluch, der ihm herausgerutscht war, wechselte er in ein akzentfreies Hochdeutsch. „Was machen wir denn nun?“

Klammer hob schuldbewusst die Handflächen nach oben. Er fühlte sich plötzlich wie vor ein Gericht gestellt. Er wandte sich an Verena, die ihm vielleicht als Anwältin helfen konnte:

„Es schien mir das einzig Richtige zu sein. Ich wurde seit Innsbruck von diesem Avvocato verfolgt und ich wusste, dass er nicht nur hinter Isa, sondern auch hinter dem Geltsamer her war. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was dieses seltsame Buch so wertvoll macht, doch ich habe die einzige Gelegenheit genutzt, die sich mir bot, es in Sicherheit zu bringen, als ich mich heute Vormittag im Hotel Raphael nach euch beiden erkundigte. Ihr wart ja leider unterwegs … also, was sollte ich tun? Ich hatte auch nicht viel Zeit, nachzudenken.“

„Das war sicher ein guter Einfall, aber …“, setzte Isa an.

„… aber jetzt ist der Verleger in Lebensgefahr und das Buch könnte den Hyänen in die Hände fallen“, brachte Mercedes den Satz zuende. Weiterhin mit ihrem telefoninio beschäftigt, hatte bisher nicht den Eindruck gemacht, als würde sie zuhören. Aber nun hatte sie das Offensichtliche ausgesprochen.

„Das wäre eine Katastrophe, die wir unbedingt verhindern müssen. Welki sitzt im Moment auf der Dachterrasse unseres Hotels und ist von vielen Menschen umgeben“, sagte Verena nach einer kleinen Pause, in der alle betroffen vor sich hinstarrten. „Ich hielt es für das Beste, ihn dort sitzen zu lassen. Doch nachdem nun klar ist, dass uns die Hyänen auch hier aufgespürt haben, ist er dort nicht mehr sicher. Um Isa in die Hände zu kriegen, würden sie über Leichen gehen. Es wäre auch nicht das erste Mal.“ Verena hielt den Kopf schief, überlegte. Dann klatschte sie in die Hände. „Es geht nicht anders. Wir müssen unseren Plan ein wenig ändern. Ich werde zurückgehen und meinen Welki in alles einweihen müssen. Da wird er Augen machen! Ich hoffe, er kann es mir verzeihen und verdauen, dass ich ihn schon seit Monaten belüge! Gaetano, Mercedes und Isa, ihr solltet sofort gemeinsam mit der Bibliothek verschwinden – ihr wisst wohin. Isas Sicherheit hat Vorrang vor allem anderen. Die Hyänen dürfen nicht noch einmal so nah an sie herankommen wie in Brasilien. Wir treffen uns dann am vereinbarten Platz.“

„Aber wie werdet ihr uns folgen können?“, fragte Marini, auf dessen gerunzelter Stirn deutlich geschrieben stand, wie wenig Beifall dieser Entschluss bei ihm fand.

„Du hast vergessen, dass wir gestern Mittag mit Welkis Privatflugzeug auf dem Aeroporto Ciampino gelandet sind. Wir holen uns schnell neue Genehmigungen und fliegen euch dann mit der Maschine hinterher. Morgen oder spätestens übermorgen sind wir alle zusammen in der Schweiz im Rayon. Ich kann euch allerdings noch nicht sagen, auf welchem Flughafen wir landen dürfen, werde euch aber, sobald es möglich ist, informieren.“

Marini kaute an einer zweifelnden Antwort, aber er schluckte sie hinunter. Eines war Klammer während des Wortwechsels deutlich geworden: Verena Salva war die Anführerin und Mittelpunkt und spiritus rector des kleinen Bundes. Es gab keinen Widerspruch, wenn die angebliche Lyrikerin eine Entscheidung traf; auch wenn Marini offensichtlich nicht mit ihr einverstanden war.  Klammer kniff die Augen zusammen und musterte die Frau, die gelassen auf Marinis Zustimmung wartete und ruhig dessen Blick erwiderte. Sie war für ihn auf die Schnelle nicht zu durchschauen. Obwohl Klammer viel auf seine Menschenkenntnis hielt, wurde er einfach nicht schlau aus ihr. Als er gestern Morgen mit ihr telefoniert hatte, hatte sie ihm glaubhaft die „dumme Pute“ und vorgespielt und alle seine Vorurteile bestätigt, die er vor Frauen hatte, die Poesie schrieben. Doch als sie eben als deus ex machina über den armen Avvocato Ienalli hergefallen war und den Tag gerettet hatte, hatte sie auf Klammer wie eine in allen Kampfkünsten erfahrene, weibliche James-Bond-Ausgabe gewirkt. Dabei war sie eine zwar große, aber fast jungenhaft schmale Frau Mitte Dreißig, die ein kurzes Sommerkleid und Sandalen mit hohen Absätzen trug und einen vollkommen harmlosen ersten Eindruck machte. Nichts an ihrer Erscheinung ließ erahnen, wie stark und geschickt sie war. Doch ihre bezwingende Ausstrahlung und Dominanz war für ihn, da er nun direkt neben ihr stand, nahezu körperlich spürbar. Es gab eine merkwürdige Diskrepanz zwischen der hübschen Hülle und der alten Seele, die in ihr wohnte. Ihr Blick aus hellblauen, durchsichtigen Augen wirkten abgeklärt, weltweise und sie schienen Klammer so vollkommen zu durchschauen, als stünde er nackt vor ihr. Der Schriftsteller hatte so etwas noch nie erlebt: Das waren Greisenaugen in dem schönen, spöttischen Gesicht einer, von seinem Standpunkt aus betrachtet, noch jungen Frau. Es schien ihm überhaupt nicht mehr abwegig, dass in diesem Kopf Elena Kuipers Seele stecken könnte, der Geist jener taperen Dschungelforscherin, die – glaubte er Marinis Vorwort zu ihrem Tagebuch – doch schon seit über achtzig Jahren tot war. Aber wie war so etwas überhaupt möglich? Klammer wollte gerade fragen, ob die „Rosmarinkatze“ die Enkelin oder Urenkelin der Ärztin mit niederländischen Wurzeln war, da wurde er von Marini unterbrochen:

„Also gut, dann machen wir das so“, gab sich der ehemalige Jesuit endlich geschlagen, nachdem er eine Weile überlegt hatte. Aber seine weiterhin in Falten gelegte Stirn strafte seine Worte Lügen. Er war durchaus nicht mit Salvas Entscheidung einverstanden. Nun war Klammer an der Reihe, sich zu räuspern.

„Und was ist mit mir, Verena?“ Er konnte sich noch nicht überwinden, die Frau wie die anderen Elena zu nennen. Er wollte sich einfach nicht mit der Vorstellung anfreunden, diese dichtende Freundin seines Verlegers sei mit der Ärztin aus dem Tagebuch identisch und inzwischen 120 Jahre alt.

„Du gehst mit mir zu Welki mit, Nikolaus!“, sagte Verena bestimmt und packte ihn am Oberarm. Kurz versuchte er, sich loszumachen, doch es gelang ihm nicht. Ihr Griff war viel zu fest, eisern wie eine Handschelle.

„Warum kann Papa nicht mit uns kommen?“, warf Isa erstaunt ein.

„Weil ich ihn zum einen benötige, um Welki zu überzeugen. Wenn ich ihm ohne Zeugen mit unserer Geschichte komme, lässt er mich geradewegs in die Irrenanstalt an der Piazza Colonna einweisen.“

„Die gibt es schon seit zweihundert Jahren nicht mehr,“ bemerkte Marini lachend. Verena zuckte mit den Schultern.

„So? Als ich zuletzt in Rom war, gab es sie noch. Auf jeden Fall brauche ich die ganze endlose Geschichte nicht jedem einzeln erzählen, wenn ich Nikolaus mitnehme“, fuhr sie in sich hinein lächelnd fort. „Außerdem wird es Zeit, dass dein Vater endlich seine Arbeit als Page aufnimmt.“

Sie zog den von dieser plötzlichen Wendung vollkommen überraschten Klammer wie ein widerspenstiges Kind mit sich. Obwohl er eben wiedergefundene Tochter auf keinen Fall schon wieder verlassen wollte, war er so überrumpelt, dass der sich nicht wehrte, was ihm eingedenk ihrer Stärke eh nichts genützt hätte. An der Tür blieb Verena noch einmal stehen und sah zu der betroffenen Isa zurück. „Ich werde auf ihn aufpassen, keine Sorge. Deinem Vater wird nichts geschehen. Ihr seht euch bald wieder.“ Dann holte sie einmal konzentriert Luft und trat mit Klammer im Schlepptau aus der Buchhandlung, bevor er oder seine Tochter noch einmal Einsprüche erheben konnten.

Das Intermezzo im Buchladen hatte vielleicht zehn Minuten gedauert, aber die Vicolo lag still der Abenddämmerung und war vollkommen menschenleer. Im Schatten der sich nahe gegenüberstehenden Häuser war es spürbar kälter geworden. Das näherkommende Knattern von mehreren Motoren drang an seine Ohren. Klammer sah sich nach Ienalli um, doch er lehnte nicht mehr an der Häuserfront. Offenbar war mehr Zeit vergangen, als er gedacht hatte. Aber war er nicht nur ein paar Minuten in der Buchhandlung gewesen? Irgendwie hatte er jetzt das Gefühl, es sei inzwischen mindestens eine Stunde vergangen.

[Zum 4. Teil …]

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Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 2)

[Zum 1. Teil]

Auch Nikolaus Klammer fiel. Sein Sturz war jedoch wesentlich kürzer und sein Ergebnis schmerzhafter. Er stolperte in die kühle, dunkle Buchhandlung hinein und hatte kurz den Eindruck, Rom würde sich hinter ihm wie ein Fernsehbild, das jemand ausschaltet, schließen. Dann machte er Bekanntschaft mit dem Holzboden und schlug sich dabei heftig das Knie an. Drei erstaunte Augenpaare starrten den zu Boden gegangenen und aufstöhnenden Autor von dem Verkaufstresen aus an, an dem er erst vorgestern seinen überaus seltenen Balzac-Roman und den Geltsamer erworben hatte. Es waren zwei Frauen und ein Mann, die dort standen und sich offenbar angeregt unterhalten hatten, als Klammer ihr Gespräch durch seinen ungeschickten Auftritt unterbrochen hatte. Der Mann war ein mittelgroßer Italiener, dessen schwarze Haare wie bei einer japanischen Comic-Figur zu Berge standen. Er trug eine dicke Hornbrille, die seine ohnehin nicht kleinen Augen so vergrößerte, dass seine Miene wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen aussah. Wahrscheinlich – nein, sicher – war das Gaetano Marini, der Herausgeber von Elena Kuipers Dschungeltagebuch. Anhand des grobgerasterten Zeitungsfotos, das Klammer von ihm kannte, hätte er ihn nicht identifizieren können. Zumal er heute zivile, legere Kleidung und keine Soutane mit römischem Kollar trug. Hatte nicht Engold gestern erwähnt, Marini sei aus der Kirche ausgetreten und hätte geheiratet? Dann war wohl die attraktive Frau neben ihm seine Gattin Mercedes. Klammer kannte sie von seinem Bucheinkauf. Sie schien ihm noch immer an demselben Spearmint wie vor zwei Tagen zu kauen und war die einzige, die über seine Ungeschicklichkeit kicherte. Als Klammer die andere Frau erkannte, stiegen ihm die Tränen in die Augen. Das lag nicht nur an den Schmerzen im Knie. Seine Suche hatte ein Ende: Er kniete vor seine Tochter Isa!

Da war sie endlich. Er konnte sein Glück kaum fassen. Seine Isa! Gesund und fröhlich stand sie zwischen den Bücherreihen und strahlte ihn an. Sie hatte sich verändert, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Isa trug ihr von der Sonne ausgeblichenes Haar nicht mehr so lang wie früher, sondern kurz, fast militärisch geschnitten; was ihr aber nicht schlecht stand, sondern eine gewisse Strenge und Autorität verlieh. Die Haut an Gesicht und Armen war durch ihren Aufenthalt in Südamerika dunkel eingefärbt und sie hatte das eine oder andere Pfund abgenommen. Isa war in dem halben Jahr, in dem Klammer sie nicht mehr gesehen hatte, sehr erwachsen geworden. Er musste sich wohl oder übel damit abfinden, dass sie nun wirklich nicht mehr sein „kleines Mädchen“ war. Nur mit ihren grauen, gelbgesprenkelten Augen sah sie noch immer so erstaunt und neugierig in die Welt, wie sie das schon in den ersten Minuten nach ihrer Geburt getan hatte, als die Hebamme den stillen Säugling vorsichtig in Klammers Arme legte. Diesen gleichzeitig weisen und wissbegierigen Kinderblick hatte sie sich bis zum heutigen Tag bewahrt.

Verena Salva – oder Elena oder wie immer sie auch heißen mochte –, vor der Klammer das Antiquariat auf diese ungeschickte Weise betreten hatte, mit der er im wahrsten Sinn des Wortes mit der Tür ins Haus gefallen war, beugte sich zu ihm und half ihm zurück in die Senkrechte.  Dabei fiel Klammer auf, wie stark die Freundin von Welkenbaum war. Sie stellte den untersetzten Autor praktisch nur mit einer einzigen flüssigen Handbewegung auf die Füße, die sie überhaupt nicht anzustrengen schien. Doch dann gab es für ihn nur noch die Freude des Wiedersehens. Er humpelte eilig auf Isa zu, fiel ihr in die Arme und umarmte sie so fest, als würde er sie nie mehr loslassen wollen. Die Tränen flossen reichlich über seine Wangen. Er wusste nicht, ob es die Rührung oder der stechende Schmerz in seinem Knie war, der ihren nicht enden wollenden Fluss verursachte – wahrscheinlich war es eine Mischung aus beidem. Doch der Autor hielt seine Tochter nicht nur so lange und fest umklammert, weil er sie endlich in Sicherheit und geborgen in seinen Armen wusste, sondern auch aus einem anderen, eigennützigeren Grund. Er bekam dadurch die Gelegenheit, sich nach den Ereignissen ein wenig zu fassen und zu beruhigen. Allzuviel war in kürzester Zeit auf ihn eingestürzt, hatte seine Welt auf den Kopf gestellt und ihn fast um den Verstand gebracht, hatte ihn verwirrt und verängstigt. Sicherheiten waren erschüttert worden, er wurde von unheimlichen Verfolgern gejagt und das Leben seiner Familie und sein eigenes wurden bedroht. Klammer war erschöpft, übermüdet, ausgehungert und nun schmerzte auch noch sein Knie nach dem unglücklichen Sturz eben. Er musste schon eine jämmerliche Figur abgeben!

Die Umarmung seiner Tochter gab ihm seine Kraft zurück und langsam ging es ihm besser. Wenn seine Erlebnisse der letzten Tage ein Roman gewesen wären, den er selbst geschrieben hatte, dann wäre nun eine gute Gelegenheit gewesen, das Wort ENDE unter die Geschichte zu setzen. Doch solch einen Kniff konnte man sich nur als Schriftsteller leisten, denn in der Wirklichkeit endet eine Geschichte für den Hauptdarsteller – ihn selbst – niemals, auch wenn sich die Wirklichkeit, die er gerade erlebte, nicht gerade real anfühlte, sondern eher aus einem Albtraum zu stammen schien. Er hob den Blick von Isas Schulter, in die er bislang seinen Kopf vergraben gehalten hatte. Er fand den geduldigen, aber auch etwas peinlich berührten Augenkontakt von Marini; während dessen Frau Mercedes kaugummikauend neben ihm stand und sich offensichtlich langweilte, denn sie hielt ein Smartphone in der Hand und wischte abgelenkt und flink mit dem Daumen über das Display. Ein Räuspern in seinem Rücken brachte Klammer endlich dazu, zögernd seine Tochter loszulassen und einen Schritt zurückzutreten. Isa lächelte verlegen. Unter ihrer Urlaubsbräune war sie errötet und sie nickte ihrem Vater liebevoll zu.

„Deine Entführer …“, stammelte Klammer mit einem dicken Kloß im Hals, „… haben sie dir nichts getan? Ich hatte solche Sorgen.“

„Mich hat niemand entführt. Haben sie das behauptet? Nein, nein, das war eine Lüge. Es war zwar ziemlich knapp, als sie mich in dem Lokal in Brasília aufgespürt haben, aber ich konnte ihnen entwischen.“ Klammer seufzte erleichtert. Wie er schon vermutet hatte, hatte überhaupt keine Entführung stattgefunden. Die Hyänen, die es offenbar nicht nur in dem Berlinroman seines Großvaters Sebastian Kerr gab, hatten das nur vorgegaukelt, um an das Geltsamer-Buch zu kommen. Warum sie dann diese Scharade nicht aufrecht erhalten hatte, konnte er sich nicht erklären und übrigens auch nicht, wie es Isa geschafft hatte, innerhalb von eineinhalb Tagen von der Hauptstadt Brasiliens – was hatte sie eigentlich dort verloren? Sie hätte eigentlich in Lima sein müssen! – nach Rom in die Vicolo della Volpe zu gelangen. Ein Flug allein dauerte schon mindestens fünfzehn Stunden. Vielleicht geht es den Hyänen ja wie mir und es passiert ihnen alles viel zu schnell, dachte er. Ich habe sie einfach mit meiner Abreise überrascht. Sie mussten ihren Plan mit der fingierten Entführung aufgeben und mir den Avvocato auf den Hals hetzen.

„Es ist ja alles gut gegangen, Papa“, unterbrach Isa seine Gedanken. „Aber sag, wie geht es Mama?“

„Gut, nehme ich an. Ich habe ihr irgendeinen Bären aufgebunden, weshalb ich unbedingt nach Rom fahren musste. Ich glaube, das war auch in deinem Interesse, sie erst einmal aus der Sache herauszuhalten, oder?“

„Ja, das hätte alles noch viel komplizierter gemacht. Mama ist zuhause am Sichersten und am besten aufgehoben. Aber du musst doch hundert Fragen haben.“

„Nur hundert? Ich habe tausend Fragen! Ich weiß überhaupt nicht, mit welcher ich anfangen soll. Vielleicht erklärst du mir …“

„Das wird leider noch etwas warten müssen“, wurde Klammer von Verena unterbrochen. Sie war es gewesen, die sich eben geräuspert hatte. Nun stellte sie sich nun zwischen Vater und Tochter. Die große, blonde Frau drehte ihren Kopf hin und her und musterte die beiden nachdenklich. „Isa, wie ich erfahren habe, hat dein Vater das Buch nicht mehr. Er hat es ausgerechnet meinem Welki gegeben und der hat auch schon eifrig darin gelesen.“

[Zum 3. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie. In jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren IV – Ein phantastischer Roman (Teil 1)

 Nikolaus Klammer

Dr. Geltsamers
erinnerte Memoiren
„Ein phantastischer Roman“
in 5 Büchern

4. Buch:
In den Bücherkellern des Vatikans

Zwischen den Zeilen

Welkenbaum fiel. Er stürzte nun schon seit einer gefühlte Ewigkeit in gleichmäßiger, ruhiger Geschwindigkeit in einem rotgeziegelten Brunnenschacht senkrecht hinunter in eine schier grundlose Tiefe. Inzwischen hatte er sicherlich schon Stunden in dieser aberwitzigen Situation verbracht, von der er nicht wusste, wie er in sie hinein gelangt war, und sich längst an seinen Sturz gewöhnt. Obwohl er sich vor dem Ende seines endlosen Falls fürchtete, den er unmöglich überleben konnte, und Angst vor dem Zerschmettern auf dem Boden des Schachts hatte, genoss er doch den Augenblick und das beglückende Gefühl, frei wie ein Vogel zu sein und nur den Luftwiderstand um sich zu spüren, der ihn sanft umschloss und in die Tiefe begleitete.

Bereits seit vielen Jahren fühlte sich der Verleger in seinem aufgeschwemmten, unsportlichen und mit dem Altern immer schwächer und anfälliger werdenden Körper unwohl; er hatte sich von ihm entfremdet; seine weltliche Hülle führte ein eigenes, amöbenhaftes Leben, das seinem Geist, der sich in ihr wie ein Gefangener in einem viel zu kleinen Verlies vorkam, nicht gefiel und eigentlich verabscheute. Unaufhörlich zwickte ihn etwas, drückte, quälte, beengte und schränkte ihn ein. Häufig litt er unter Atemnot, stechendem Schmerz in den Leisten und an Krämpfen in den Schenkeln, stumpfer Taubheit in Fingern und Zehen. Sein täglicher und unverantwortlich hoher Alkoholkonsum, von dem er als einziger in seiner näheren Umgebung der Auffassung war, er hätte keine Probleme mit ihm, half ihm besser durch diese Beschwerden als jede Medizin, die er sich großzügig von seinen Hausärzten verschreiben ließ und brav schluckte. Auch wenn er sich freilich bewusst war, dass der „Betthupferl“-Whisky einen Großteil seiner Unbillen erst verursachte und die morgendlichen Konsequenzen seiner regelmäßigen Besäufnisse – Übelkeit, Herzrasen und stechendes Kopfweh – oft grausamer waren als die Schmerzen des Vorabends, die seine Sauferei betäuben sollte. Das war ein Teufelskreis, dem er längst nicht mehr entrinnen konnte. Ab 50 beginnt jeder Morgen mit einer neuen Wunde, erinnerte sich Welkenbaum an eine Bemerkung seines Vaters Oswald an dessen 90. Geburtstag, und jede Stunde beschert dir ein weiteres Leid. 90, dachte er, so alt werde ich bestimmt nicht. Doch all dies war nun wie weggeblasener Staub von den Regalen seiner Erinnerung und Seele und Körper fühlten sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit im gemeinsamen Sturz versöhnt. Wenn Welkenbaum an seine Krankheiten dachte, dann hatte er das Gefühl, als wären sie jemand anderem in einem anderem Leben geschehen. Sie waren für ihn wie etwas, das er vor längerer Zeit in einem weinerlichen Buch von Klammer oder von Kehlmann gelesen hatte – insgesamt doch eher unerfreuliche, selbstmitleidige Lektüren, bei denen man Erleichterung empfand, wenn man sie beenden konnte.

Wie gesagt: Er wusste weder, wie lange dieser Zustand des unablässigen Fallens schon andauerte und wie lange ihn das Schicksal noch gewährte. Doch er stürzte in gleichmäßigem Tempo in eine bodenlose Tiefe und war glücklich. Er konnte sich auch beim besten Willen nicht erinnern, wie er in diese Situation gekommen war. War er am Rand eines römischen Brunnenschachts, der hinab in die Katakomben führte, gestolpert oder von jemandem gestoßen worden? Er wusste es nicht. Und wie tief mochte dieser kreisrunde Ziegelschlauch noch sein, dessen Ränder er berühren könnte, wenn er seine Arme nur noch ein wenig weiter ausstreckte? Er glaubte, schon einen halben Tag hinabzufallen. Wie schnell wurde noch einmal der Körper eines Fallschirmspringers? 200 Kilometer in der Stunde oder mehr? Ging das nun so weiter bis zum Erdmittelpunkt – so ein Sturz würde etwa dreißig Stunden dauern –, oder gar darüber hinaus? Und was geschah dann? Welkenbaum entschloss sich, nicht weiter in seinem Gedächtnis nach den Physikkenntnissen seiner Jugend zu suchen, sondern diesen besonderen Moment ohne Schmerzen und Kummer zu genießen, so lange er dauerte. Sorgen und Schmerzen sind kein Frosch, die hüpfen nicht über Nacht davon. Das war auch ein Spruch seines Vaters.

Dies war doch schon immer Welkenbaums Problem gewesen: Er war niemals vollkommen entspannt. In den unruhigen nächtlichen Schlaf quälte er sich nur mit Bromazepam-Tabletten und altem Glenlivet und versuchte er ruhig zu sitzen, begannen seine Beine in rastloser Bewegung zu zittern und seine Füße schliefen ein. Nun jedoch war alles gut und das Leben schön. Warum konnte er es einfach nicht mehr genießen? Aber die Frage, was mit ihm geschehen war, nagte plötzlich an Welkenbaum. Sie stach als akuter, nadelfeiner Schmerz knapp über der Nasenwurzel in seinen Verstand und störte das vollkommene Glück, das er eben noch empfunden hatte. Gleichzeitig hatte sich auch in seiner Umgebung, dem monotonen, endlosen Brunnenschacht, in den er fiel, etwas verändert. Auch wenn der Verleger noch nicht begriff, was anders war. Oder war dies überhaupt kein Sturz, den er da erlebte? Vielleicht stieg er ja auch empor, nach oben, dem Himmel entgegen, wie ein mit Helium gefüllter Luftballon. Vielleicht war der gemauerte Schlund auch kein Schacht, sondern ein gewaltiger Kamin! Vielleicht lag er gerade im Sterben und dieser Fall oder Aufstieg war seine persönliche Nahtod-Erfahrung. Aber wurde nicht immer etwas von einem hellen Licht gefaselt, dem man entgegen flog? Wenn er sich nur erinnern könnte!

Welkenbaum konzentrierte sich auf seine rechte Hand, durch deren gespreizte Finger er den Fallwind fühlte und wollte sie drehen, um dadurch die Richtung festzustellen, in der er unterwegs war. Es misslang ihm vollkommen; er hatte keine Kontrolle über seine Muskeln. Wahrscheinlich ist das alles nur ein luszider Traum und ich schlafe morgens unruhig kurz vor dem Erwachen in meinem Bett, kam ihm in den Sinn und seine Kopfschmerzen wurden dabei stärker. Ach, wie langweilig. Träume will ich weder erleben, noch sie von jemandem erzählt bekommen. Das ist doch öde. Es gehört zu den sieben Todsünden eines Autors, von einem Traum zu berichten oder gar mit einem einen Roman zu beginnen. Das geht schon dreimal nicht. Niemand will das lesen. Und ich will jetzt aufwachen!

Welkenbaum konnte die Ziegelwand und seinen fetten, fallenden Körper sehen. Er trug übrigens einen leichten, sommerlichen Leinenanzug und unter dem Sakko, dessen Schöße fröhlich im Wind flatterten, ein hellblaues, von Bierflecken besudeltes Hemd, was ihm aus irgendeinem vergessenen Grund als ein wichtiges Indiz erschien. Trotzdem fragte er sich, ob er seine Augen tatsächlich geöffnet hatte oder es sich nur einbildete. Wenn er träumte, dann konnten diese Sinneseindrücke auch von seinem Geist an die Innenseite seiner geschlossenen Lider projiziert worden sein. Und wenn er diese auseinanderzwang, würde er unzweifelhaft erwachen. Er fokussierte seinen ganzen Willen und versuchte krampfhaft, seine Augen in die Wirklichkeit hinein zu öffnen. Der Schmerz, den diese Anstrengung verursachte, jagte wie eine alles überwältigende Hafenwelle vom Kopf ausgehend durch seinen gesamten Körper und erschütterte ihn. Er schnappte entsetzt nach Luft und konnte seinen unruhigen, eiligen Herzschlag an der Halsschlagader pulsieren fühlen. In diesem Moment sah er wie eine Vision ein Gesicht vor sich, dessen kleine, von unzähligen Krähenfüßen eingefasste Knopfaugen ihn gleichzeitig spöttisch und auch besorgt und abschätzend anblickten. Nein, er irrte sich, nicht ein verwittertes Antlitz war es, sondern es waren zwei, die – weil Welkenbaum vielleicht schielte – halb ineinander übergingen und ein Monstrum aus drei Augen, zwei Nasen und einem endlos breiten, verkniffenen Mund bildeten. Die Lippen bewegten sich, gelbe, braunfleckige Zähne wurden sichtbar, aber der Verleger konnte die Worte nicht verstehen, die der Zwitter flüsterte. Die beiden verschmolzenen Uralten waren sich sehr ähnlich. Es waren ein Mann und eine Frau; überaus faltige, ledrige, beinahe haarlose Köpfe, mumienhaft und starr. Was war das? Wer war das? Hatten etwa diese beiden Monstren ihn in den Brunnen gestoßen?

Welkenbaum zählte langsam bis drei und dann versuchte er erneut, das Gespinst, das sich inzwischen in einen Albtraum verwandelt hatte, zu verlassen, indem er seine Augen aufschlug. Verzweifelt zog der seine Stirn in Falten. Und dann gelang es ihm – überraschend schnell. Er starrte an die Decke eines Kellerraums.

[Zum 2. Teil …]

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