Aber ein Traum …

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Mein neues Buch – „Noch einmal daran gedacht“

NOCH EINMAL DARAN GEDACHT

Neuerscheinung!

Ir sult sprechen willekommen:
der iu maere bringet, daz bin ich.
allez daz ir habt vernomen,
daz ist gar ein wint: nû fraget mich.
Walther von der Vogelweide

Wie versprochen steht nach dem erfolgreichen 1. Band „Noch einmal daran gedacht“ nun mein zweiter Band mit Artikeln aus meinem Blog in den virtuellen Regalen der Online-Buchhandlungen und ist beim Buchhändler des Vertrauens bestellbar. Selbstverständlich kann man wie immer auch mein neues Buch direkt über meine Wenigkeit erwerben; E-Mail genügt:

Noch einmal daran gedacht
Die besten Essays aus meinem Blog
„Aber ein Traum“
260 Seiten, illustriert
7,99 € als Taschenbuch und
2,49 € als Ebook

Ich habe auch diesen neuen Band so billig wie möglich gemacht und verdiene selbst nichts daran.

In „Noch einmal daran gedacht“ habe ich eine Auswahl aus meinen

      • halbautobiografischen Wahrlügen-Texten, aus meinen
      • originellen Essays und Glossen über die Literatur und das Schreiben,
      • Buchkritiken und
      • Kurzgeschichten

versammelt und gebe mal wieder ein paar tiefere und heitere Einblicke in mein Autoren- und Familienleben. Der umfangreiche Band ist üppig illustriert und enthält 103 Fußnoten(1).

Wer Vergnügen an kurzweiligen, mit Humor, Geist und Esprit geschriebenen Texten und meinen Gedankensplittern hat, wer Sprache liebt und sich gerne auf das Abenteuer „Denken“ einlässt, wird sich mit dem Buch in der Hand wohlfühlen und es genießen. (Und es haben sich sogar ein paar Gedichte zwischen die Prosa gemogelt – Entschuldigung!)

Um es – salopp übersetzt – mit meinem alten Kumpan Freund Walter zu sagen:

Heißt mich willkommen!
Der, der euch neue Gedanken und Geschichten bringt – das bin ich.
Und alles, was ihr vorher gehört habt, ist nur ein Furz.
Jetzt erzähle ich!

 

Das Inhaltsverzeichnis – Da ist für jeden etwas dabei!

Jetzt müssen nur noch mein Lektor und ich ein paar kleinere Korrekturen erledigen und hier und da noch etwas feilen – dann steht nichts mehr zwischen euch und dem Lesevergnügen!

Auch mein alter Kumpan Wolfgang hat schon sein Wohlgefallen an meiner „Wahrheit und Dichtung“ bekundet.

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(1) Ich weiß, mit Fußnoten habe ich ein kleines Problem; ich bin süchtig nach ihnen. Ich liebe sie einfach, auch wenn mir durchaus bewusst ist, dass es für einen Leser dadurch nicht leichter wird, meine Texte zu genießen.(1a)

(1a) Aber sind wir mal ehrlich: Wollen wir, dass uns alles leichtgemacht wird?

Leseprobe: Noch einmal daran gedacht – Leonard Cohen

Noch einmal daran gedacht
Essays, Kritiken und Glossen aus meinem Blog
260 Seiten, 8,99 €
Taschenbuch demnächst überall im Buchhandel
und auch als E-Book erhältlich

*

Ein missglückter Nachruf auf Leonard Cohen

Lieber Hans-Dieter Heun, du hast mich zwar darum gebeten, aber ich kann das nicht wirklich. Ich habe mich redlich bemüht, aber ich bin niemand, der einen Nachruf schreiben kann – auch nicht auf Leonard Cohen, dessen Musik dir wesentlich mehr bedeutet hat als mir. Ich bin einfach eine andere Generation. Mancher, der von uns gegangen ist, war mir wichtiger. Zwar habe ich in meinem Testament festgelegt, dass an meiner Feuerbestattung sein „Halleluja“ gespielt werden soll, dies aber in der todtraurigen Fassung von Jeff Buckley, die ich für die gelungenste, weil verzweifeltste halte. Ich will ein Meer von Tränen, das wie ein Wasserfall aus den Augen hinunter und von den Beinen der Trauernden bis zu meiner Urne hinüberschwappt. Frau Klammerle, das aber wirklich nur nebenbei, möchte übrigens „Meet me in the Dark“ von Melissa Etheridge – wer es nicht kennt: Das sind sechs Minuten geballte Depression. No one get’s out here alive.

Doch einen gelungenen Nachruf auf den alten Spielverderber Cohen kann ich einfach nicht aufs Papier bringen; ich kann überhaupt keine Gedächnisreden halten: Schließlich schreibe ich nie über andere, sondern nur über mich selbst. Denn nur von diesem Thema verstehe ich wirklich etwas.

Lass mich das erklären: In den 70er Jahrenn, in denen Cohen seine beste und erfolgreichste Zeit hatte, mit seiner Muse auf einer griechischen Insel lebte und fleißig Songs, Gedichte und Prosa produzierte (ich neide ihm dieses Leben, das ich selbst gerne auf diese Weise meine Zeit verschwenden würde), da nahm ich ihn nicht weiter wahr. Ich hörte vorzugsweise klassische Musik und die Platten meiner älteren Geschwister: Jimmi Hendrix, Eric Burdon, Deep Purple, Jethro Tull und die frühen Pink Floyd. Meine Schwester M. besaß zwar seine zweite Studioaufnahme „Songs from a room“ auf Vinyl, (dessen Coverrückseite übrigens das Intereur seines griechischen Rückzugsorts samt Muse zeigt), aber ich glaube nicht, dass ich die LP jemals auf meinem Plattenspieler rotieren ließ. Ich war unwissend, um nicht zu sagen, arrogant. Noch am Morgen des 9. Dezember 1980 blamierte ich mich, als ein betroffener Klassenkamerad mir vor der Stunde mit atemloser Stimme berichtete, man habe in der Nacht John Lennon ermordet. Ich musste ihn erst fragen, wer das denn eigentlich sei. Cohen war für mich höchstens die Stimme, die von einer knisternden verstaubten LP schlechte Laune und Weltschmerz verbreitete, wenn der Gastgeber seine Party beenden wollte. Sein unsicherer, murmelnder Vortrag, bei dem man ähnlich wie bei Bob Dylan nicht gerade behaupten konnte, Cohen sei ein guter Interpret seiner eigenen Lieder, war der ideale Stimmungstöter und Partymörder. Nach einer Plattenseite „Songs of Love and Hate“ war jeder so weit, dass er sich verzweifelt nach einem stillen Ort umblickte, an dem er sich an einem Hacken an der Decke aufzuhängen konnte. In diese Stimmung bringen einen heutzutage höchstens noch Nick Cave oder die Eeels. Cohen hörte man, wenn die Freundin weg war oder frühmorgens von den Übriggebliebenen bei philosophierendem Gelaber die letzten Alkoholreste gelehrt und gemeinsam der letzte Joint geraucht wurde. Mir erschienen für diesen Zweck damals die alten Blues-Miesepeter (Albert King – „As the years go passing by“) oder gleich ein Rachmaninow-Klavierkonzert geeigneter. Mitte der Achtziger veröffentlichte dann Jennifer Warnes eine Platte mit ihren Versionen von den bekanntesten Cohen-Songs: „Famous Blue Raincoat“. Ich lernte seine Lieder neu kennen und schätzen. Vor allem der geheimnisvolle Text von „First we take Manhattan“ hatte es mir angetan und ich spielte die Platte so oft, dass der damalige Freund meiner Schwester mir Prügel androhte, wenn ich sie noch einmal auflegen würde. Für mich war Cohen immer mehr Dichter als Songwriter und wenn man schon der bescheuerten Entscheidung folgen will, Folksängern den Nobelpreis für Literatur zu verleihen, dann hat ihn nicht Bob Dylan, sondern Leonard Cohen verdient, denn dessen Gedichte stehen meiner Meinung nach haushoch über den Textzeilen von Dylan.

Erst in den letzten Jahren vor seinem Tod, durch seine letzten zwei, drei Platten, lernte ich Cohen richtig zu schätzen und ich ließ mich von ihm durch die eine oder andere laue Sommernacht auf meiner Gartenterrasse begleiten. Seine letzten CD’s sind Rotwein-Musik für alte, weiße Säcke. Die Stimme war mit den Jahren tiefer, wärmer und dunkler geworden, das Geraune eines alternden Orakels, altersweise und milde. Man höre nur „Going home“ von der 2012er CD „Old Ideas“. Da passt alles. Das sind drei Minuten, die mich bei jedem Anhören in eine andere Welt, in ein anderes Leben verfrachten, in eine „Es hätte sein können“-Stimmung:

„I love to speak with Leonard
He’s a sportsman and a shepherd
He’s a lazy bastard
Living in a suit“

Dennoch bleiben Cohens Musik und Texte ein Vergnügen, das ich mir nur in homöopathischen Dosen verschreibe und auf nüchternen Magen Unwohlsein und Weltschmerz auslöst. Und ich hatte Recht: Ein Nachruf, wie du ihn von mir wünschtest, HD, ein echter Nachruf war das nicht. Aber ich habe mich zumindest bemüht …

 

Der Hl. Abend damals – Wahrgelogenes (Teil 4)

[Zum ersten Teil …]

(Ich konnte nicht einfach so aufhören, deshalb habe ich einige Drogen eingeschmissen, der Erkältung getrotzt und meine Geschichte zuende erzählt. Wenn es euch zu sentimental ist, dann gebt Grippostat die Schuld.)

Eine schöne Bescherung

Sie stritten also an Weihnachten, meine Eltern: ausdauernd, lautstark und bitterböse. Sie zerfleischten sich manchmal gegenseitig in ihrem hektischen Bemühen, ein gelungenes Familienfest zu feiern. Jeder kannte die Verletzbarkeiten des anderen und besonders mein Vater hatte ein sicheres Gefühl dafür, was wirklich wehtat und dort stach er mit Vorliebe und ohne Rücksicht auf Verluste hinein(1). Die Tränen meiner Mutter flossen während der Bescherung und danach reichlich und es waren eben nicht nur Tränen der Rührung über den schönen Baum und die herzzerreißenden Gesänge während der Besinnung, sondern leider auch oft genug andere, Tränen der Verletzung, der Wut, des Leids.  In meinem Gedächtnis stritten die beiden an jedem Weihnachten, Jahr für Jahr für Jahr – aber ich mag mich von meinen Erinnerungen so trügen lassen wie beim Schnee.

Bescherung! Der Zwerg im Vordergrund bin ich. Für die Nachgeborenen: Damals war die Welt schon farbig, aber ich habe das Foto von einem uralten Dia abgescannt und die schlechte Qualität durch die Sepiatöne verschleiert.

Man kann uns also mit Fug und Recht eine dysfunktionale Familie nennen, an der jeder Psychologe und Soziologe seine wahre Freude hätte. Jedes von uns Kindern hat aus dieser Familie einige psychische Deformationen und Neurosen ins Erwachsenenleben mitgenommen. Doch dabei darf man nicht vergessen, dass sich meine Eltern in jedem Jahr auf Neue geradezu verzweifelt darum bemühten, uns ein gelungenes und behütetes Weihnachten erleben zu lassen, uns überhaupt eine glückliche Kindheit zu schenken. Es ist ihnen im Großen und Ganzen gelungen. Das war schon damals und – ehrlich gesagt -, auch heute keine Selbstverständlichkeit, wenn ich an die vielen kaputten, ja, traumatisierten Kinder denke, denen ich in meinem Brotberuf begegne und die so etwas wie eine Familie oder ein Weihnachtsfest nur vom Hörensagen kennen.

Und was die Streitigkeiten meiner Eltern angeht, die einmal sogar dazu führten, dass meine Mutter ins Hotel zog, sich einen eigenen Topf kaufte, und wild entschlossen war, sich scheiden zu lassen: Beide leben noch; mein Vater noch recht rüstig für seine bald 92 Jahre allein in der Wohnung, die er seit fast vierzig Jahren bewohnt, meine Mutter ist seit acht Jahren vollkommen dement und liegt in einem Pflegeheim ganz in seiner Nähe. Sie ist gerade 90 geworden und längst nur noch ein ausgemergelter, bis auf die Knochen abgemagerter leidender Körper, der, hat er mal die Lider nicht geschlossen, blicklos an die kahle Decke starrt und von Krämpfen gezerrt wird. Die liebende Seele, die ihn einst belebte, ist schon vor Jahren komplett verloren gegangen – der Mensch, der meine Mutter einmal war, ist zwar noch nicht beerdigt, aber schon lange tot. Mein Vater besucht sie trotzdem regelmäßig, obwohl ihm der Gang den steilen Stephinger Berg hinauf immer schwerer fällt. Dann beugt er sich in ihrem Zimmer zu ihr herab, streichelt ihr zärtlich über die Wange und wenn sie dabei tatsächlich die Augen öffnet, dann flüstert er: „Manchmal glaube ich, dass sie mich erkennt …“

Bei uns Kindern herrschte nach dem besinnlichen Augenblick endlich eitle Freude. Wir hatten es geschafft, unser Hl. Abend war durch seine schier endlose Katharsis gegangen. Wir rissen die Decken von den Geschenkpaketen und bis man uns ins Bett brachte, spielten wir mit unseren neuen Sachen, klauten dem anderen die Leckereien aus seinem mit Süßigkeiten übervollen „Bunten Teller“. Ich baute an meinen Legos, ließ meine neuen Cowboys (2) ihre ersten Abenteuer erleben, blätterte im neuen Fünf-Freunde-Buch, ärgerte mich, dass ich wieder keinen Kaufmannsladen bekommen hatte und hatte keine Zeit, mich um die Erwachsenen zu kümmern. Meine Mutter war aber schon wieder bei der Arbeit. Die Verwandschaft, die uns besuchte, wollte verköstigt werden. Diese konsumierte erhebliche Alkoholmengen und kalte Wurst- und Käseplatten, verputzte halbe Eier, die mit Mayonaise und Fake-Kaviar belegt waren, Fischhappen und Schinken, flätzte hemdsärmelig und zumindest in den 60ern noch kettenrauchend auf den Sofas und Stühlen. Wir Kinder fielen irgendwann mit rotglühenden Wangen und vollkommen überdreht vom Spielen in einen unruhigen, fiebernden Schlaf, die Eltern überfressen und abgefüllt mit Bier, Wein, Sekt und Schnaps.

Doch am nächsten Tag waren wir im Gegensatz zu ihnen schon vor dem Hellwerden wieder auf den Beinen und spielten weiter. Die Eltern nüchterten langsam aus; es galt fürs Mittagsessen die Gans zu braten und – ganz wichtig für die Stegherr-Omi – den Weihnachtssegen des Papstes Urbi et Orbi zu sehen. Am 2. Feiertag trafen sich meine Eltern mit dem Onkel Siegfried und der Tante Inge zum Sektfrühstück mit anschließendem Schafkopf bis in die Nacht.(3) Auch dieser Tag endete für alle in einem Besäufnis und – weil mein Vater immer gewann – je mehr er trank, um so besser war er – und meine Mutter immer verlor – in einem formitablen Ehekrach. Dann war Weihnachten vorbei, man nahm sich vor, nie mehr etwas zu essen und erholte sich bis Silvester, wo schon die nächsten Katastrophen lauerten.

Was habe ich nun in meine eigene Familie übernommen? Natürlich nicht das Gänseklein, nicht die Wanderung am Hl. Abend und vor allem nicht den Streit. Das alles wäre mit Frau Klammerle auch nicht zu machen. Was uns aber immer wichtig war, war es, unseren Söhnen Weihnachten als etwas Einzigartiges, Besonderes zu präsentieren – ihnen den Zauber zu vermitteln, den ein gelungener Hl. Abend im Kreis der Familie ausstrahlt. Und das, obwohl ich überzeugter Atheist bin, denn die Feier der Geburt Christi‘ ist nur der Aufhänger. Nennt mich sentimental, aber für mich ist Weihnachten mehr; ein Moment, der wie Klebstoff wirkt und die Menschen, die ich liebe, zusammenhält. Morgen kommen die beiden Söhne zu uns; erwachsene Männer, die längst ihr eigenes Leben führen, um genau diesen Augenblick mit ihren Alten wieder zu erleben. So ganz falsch können wir es also nicht gemacht haben.

Ich wünsche jedem so ein Weihnachten.

___________

(1) Dabei war sein Herz selbst voller innerer Wundmale, die nur oberflächlich vernarbt waren und sofort wieder aufbrachen, wenn Alkohol im Spiel war. Als 17jähriger Soldat der Waffen-SS war er während des Kampfs um Berlin verwundet und für fünf Jahre in russische Kriegsgefangenschaft gekommen, wo er an jedem Tag um sein Überleben kämpfen musste und als kranker, gebrochener Mann zurückkehrte, dem die Nazis seine Jugend und seine Ideale geraubt hatten.

(2) So beginnen Schriftsteller: Im Jahr 1968 bekam ich eine Cowboy-Postkutsche mit Kutscher und ein paar bösen Indianern geschenkt und ich spielte am 1. Feiertag damit auf dem Wohnzimmerteppich. Im Hintergrund lief der Fernseher und von den Nachrichten, die dort liefen, bekam mein Cowboykutscher seinen Namen: „Johnson“, benannt nach dem damaligen amerikanischen Präsidenten. Mein Johnson erlebte viele, viele Abenteuer und war einige Jahre später gemeinsam mit dem tapferen Sioux Siosi (der Name beruht auf einem Lesefehler) der Held meiner ersten Schreibversuche.

(3) Ja, ich weiß, M.! Hier bin ich die Geschichte schuldig, wie du und unser Bruder gemeinsam eine riesige Parfümflasche in die Luft jagten (3a), während ich bei den Eltern im Schlafzimmer gruschtelte und anschließend vergaß, meine Spuren zu verwischen. Es stank drei Tage nach Veilchenduft – oder, wie es meine Mutter ausdrückte: „Puh, hier stinkt es ja wie in einem serbischen Männerpuff!“ Ich erzähle das alles ein andermal. Versprochen!

 

Der Hl. Abend damals – Wahrgelogenes (Teil 3)

[Zum ersten Teil …]

Die fliegende Lutherbibel

Ich habe mich inzwischen etwas schlauer gemacht; das Internet macht es möglich. In den Jahren zwischen 1968 und 1980, aus denen ich meine Weihnachtserinnerungen für diesen Text geschöpft und sie zu einem paradigmatischen Hl. Abend zusammengebastelt habe, hat es in Augsburg immerhin vier weiße Weihnachten gegeben – nämlich ’70, ’73, ’75 und ’76. Das sind immerhin doppelt soviele wie es sie seit der Jahrtausendwende gab, wo nur in den Jahren 2001 und 2010 Schnee lag. Für dieses Jahr ist mal wieder Starkregen angesagt. (Und für alle, die noch immer nicht an einen Klimawandel glauben: Zwischen 1960 und 1970 gab es sogar sieben Jahre, in denen es an Weihnachten schneite.) Aber genug von der Statistik und zurück zu dem kleinen, dicklichen Jungen, der nun so kurz vor dem Höhepunkt seines Jahres vor Aufregung zitterte und der nur noch das kurze Fegefeuer des besinnlichen Teils des Hl. Abends vor sich hatte, bis er endlich ins Paradies eintreten konnte und mit seinen neuen Legos und seinen Cowboy-Mänschgerle spielen durfte.

Der alte Mann denkt larmoyant an Weihnachten, wie es früher einmal war …

Man sieht es dem Foto an: Ich habe es geschafft. Ich gehe als typischer Babyboomer, der im längsten und kältesten Schneewinter des 20. Jahrhunderts geboren wurde, inzwischen mit Siebenmeilenstiefeln auf die 60 zu und gehöre also endlich ebenfalls zu den älteren, weißen Männern, die das Narrativ des 21. Jahrhunderts dominieren und jede andere Stimme mit ihrer Wortgewalt, ihrem Rasissmus und ihrem Antifeminismus unterdrücken. So behauptet es zumindest das Imago, das heute unsere Gesellschaft bestimmt und sich damit einen recht merkwürdigen Feind zugelegt hat, der allerdings nur in den Köpfen existiert. Gut so, in dieser Rolle fühle ich mich wohl und ihr Grundstein wurde sicherlich an den Hl. Abenden gelegt, bei denen ich als Kind das Vergnügen hatte, sie im Kreise meiner kleinbürgerlichen und typisch bundesrepublikanischen Familie miterleben zu dürfen. Was dort bei der Bescherung im kleinen – im unserem Mikrokosmos geschah – war, wenn auch leicht verspätet, paradigmatisch für die westdeutsche Gesellschaft Ende der 60er bis in die Mitte der 70er Jahre. Das Zeitgenössische hielt Einzug. (1)

Aber zuerst musste nach den klassischen geplatzen Würstchen mit Kartoffelsalat von uns Kindern abgespült und abgetrocknet werden, während der Hausherr im Wohnzimmer die letzten Vorbereitungen zum feierlichen Teil traf und anfangs noch die echten, später dann die elektrischen Lichter am Baum entzündete. Das musste schnell gehen, denn bald wurden die Eltern meines Vaters und weitere Verwandtschaft zum Weihnachtsabendessen erwartet und dann musste die Bescherung abgeschlossen sein. Traditionell wurde der Höhepunkt des Abends dann von meinem Vater mit einem Glöckchen eingeläutet, das wir allerdings meist überhörten. Glück, heißt es, sei die ewige Wiederkehr des ewiggleichen. Wenn das stimmt, war mein Weihnachten sehr glücklich, denn sein ritualisierter Ablauf änderte sich kaum. Er sah in seinem besinnlichen Teil vor der Bescherung stimmungsvolle Musik und die Lesung der Weihnachtsgeschichte vor, die meine Mutter mit ihrer uralten, zerfletterten Lutherbibel in der Fassung von 1912 unternahm. Das war der einzige Moment im Jahr, in dem diese zum Vorschein kam – danach verschwand die Bibel wieder für 365 Tage in einem Schrank. Meine Mutter las salbungsvoll und getragen, aber niemals fehlerfrei. Sie stolperte immer über die gleiche Stelle, bei der sie ihren Finger anfeuchten und umblättern musste. Sie begann mit Lukas 2.1:

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war.

… und endete bei 2.20:

Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Obwohl ich wirklich abgelenkt war und während ihrer Lesung ungeduldig abzuschätzen versuchte, was sich für Geschenke für mich unter dem Tücherhügel unter dem Baum verbargen, kann ich diesen antiquierten Text noch immer auswendig. Ich hatte als Kind natürlich merkwürdige Vorstellungen davon, wie eine Schätzung ablief; ich stellte sie mir als eine große Waage vor, auf der man gewogen wurde. Warum der römische Kaiser sich für das Gewicht seiner Untertanen interessierte, war mir aber ein Rätsel. Auch die Worte, die Maria in ihrem Herzen bewegte, stellte ich mir wie das Schaukeln vor, mit dem man einen Säugling in den Schlaf wiegt. Auch hier tauchte wieder das Bild einer Waage auf, was mich doch ziemlich verwirrte. Meine Schwester M. (1) hat mir mal erzählt, sie bemühte sich immer, mich bei der Lesung nicht anzusehen, weil sie sonst einen Lachkrampf bekommen hätte. Ich muss dabei wirklich wie ein überfahrener Frosch ausgesehen haben.

Meine Geschwister, meine Mutter und die Stegherr-Omi

Vor und nach Lukas wurde in den 60ern Hausmusik gemacht, das heißt, meine Mutter, meine Schwester und auch mein Bruder flöteten(2) oder M. spielte auf dem Akkordeon, während die Stegherr-Omi ein aus ihrem Ärmel gefischtes Taschentuch in der Hand zerknitterte, in das sie still hineinheulte, während sie den in diesem Jahr wieder besonders gelungenen Baum bewunderte. Dazu wurde falsch und nicht allzu textsicher gesungen. In späterer Zeit legte mein Vater dann nur noch seine Weihnachts-Schallplatte auf und vor der Lesung erklang in der Version von Rudolf Schock(3) und den Regensburger Domspatzen „Stille Nacht“, danach „Oh, du Fröhliche“ (Über diese Reihenfolge wurde manchmal gestritten). Meist hatte er Probleme, im schummrigen Kerzenlicht, das der Baum ausstrahlte, die Nadel des Plattenspielers richtig aufzusetzen und es ertönten vor der stillen Nacht mit einem hässlichen Quietschen die letzten Takte von Eine Muh, eine Mäh: „Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä … Ratadschingderattabum!“

Der Umbruch von der Live-Hausmusik zum Vinyl geschah übrigens während des besinnlichen Teils eines Hl. Abends, als M. sich standhaft weigerte, Musik zu machen, niemand singen wollte und meine Mutter schließlich wütend ihre Bibel durch den Raum schleuderte und die Besinnung in einem monumentalten Streit gipfelte.

Aber für heute habe ich schon genug erzählt, ich mache morgen weiter.

[Wird morgen fortgesetzt …]

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(1) M. ist übrigens kein Pseudonym. So nenne ich meine Schwester eben, die ziemlich genau 9 Jahre älter als ich ist. Früher riefen wir sie meist „Trulle“. Sie musste als die Älteste unter uns Geschwistern als erste gegen die fatale Familienaufstellung rebellieren und dies fiel in die unruhigen Jahre nach der klassischen 68er-Revolution. Sie hörte Hendrix, verkaufte irgendwann ihr Akkordeon, um eine Stereoanlage zu erwerben und ging eine Mesalliance mit einem Künstler ein. Mein Vater, der sehr schnell mit harten Urteilen bei der Hand war, riss ihr Hendrix-Plakat von der Wand, weil er keine „Menschenfresser“ im Haus duldete, teilte Ohrfeigen(1a) aus und prophezeite ihr eine Karriere als Prostituierte. Mir hat er übrigens später weisgesagt, ich würde als Müllmann enden. Allein mein Bruder fand Gnade unter seinen gestrengen Augen. Tatsächlich war M. bis zu ihrer Pensionierung in diesem Jahr Förderlehrerin an einer Augsburger Grundschule und ich, naja, mir muss von Frau Klammerle sehr nachdrücklich befohlen werden, den Müll vors Haus zu bringen.

(1a) Psychische Gewalt zählte eigentlich weniger zu den Erziehungsmethoden meiner Eltern, auch wenn ihnen immer wieder einmal die Hand „ausrutschte“. Meist – ich gebe es zu – hatte zumindest ich es auch verdient; wenn ich z. B. mit einem Nahtauftrenner das frisch genähte Kleid meiner Mutter in Lametta zerschnitt (hat Spaß gemacht!) oder meinem Vater, der mich an einem Sonntagnachmittag zu einer seiner Wanderungen zwingen wollte, mit dem Götz-Zitat beschied, denn ich wollte lieber „Bill Bo und seine Bande“ sehen – was ich dann mit schmerzender Backe auch tat, während er wütend und allein durch die Wälder stapfte. Meine Mutter hat an diesem Nachmittag übrigens zum ersten Mal in meinem Leben leckere Bratäpfel gemacht und ich glaube noch immer, dass es da einen Zusammenhang gab.

(2) Durch die schlechten Erfahrungen haben es meine Eltern gar nicht erst versucht, mich an einem Instrument auszubilden. Zudem galt ich als vollkommen unmusikalisch.

(3) Es kann auch René Kollo oder ein anderer Heldentenor gewesen sein, da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich bin zu faul, meinen Vater zu besuchen und nachzusehen; aber er kommt am 2. Weihnachtsfeiertag zu mir und werde ihn fragen. Über den Versuch meiner Schwester, doch einmal bei der Besinnung statt Herrn Schock Mahilia Jackson die „Silent Night“ singen zu lassen, breite ich den Mantel des Schweigens.

[Zum 4. und letzten Teil …]

Der Hl. Abend damals – Wahrgelogenes (Teil 2)

[Zum ersten Teil …]

Der lange, düstere Nachmittag des Hl. Abends

Auch jenes grausame, geradezu finsterböse, an eine dunkelschwarze und blutige Satansmesse erinnernde, Mittagsmahl des Hl. Abends, das wie an allen anderen Tagen pünktlich um 12:oo Uhr „genossen“ wurde, war irgendwann gegessen und lag tonnenschwer im Magen. Danach ruhte der Herr; will sagen, mein Vater genehmigte sich seinen kurzen Mittagsschlaf, auf den er niemals verzichtete. Für seine drei Nachkommen begann nun die zerdehnte Zeit des Wartens und das Weihnachtsfieber setzte massiv ein. Diese nervöse, bis zur Bescherung anhaltende und sich langsam in ihren Symptomen steigernde Ideosynkrasie ist, denke ich, noch in keinem medizinischen Fachartikel beschrieben worden, aber recht weit verbreitet und epidemisch. Auch meine eigenen Kinder litten zeitweise bis über ihre Adoleszenz hinaus heftigst an ihr. Vor allem Sohn Nr. 2 war regelmäßig am Nachmittag des Hl. Abends schwerstens am Weihnachtfieber erkrankt.

Bei mir äußerte sich das Weihnachtsfieber mit heftiger, motorischer Unruhe – heute würde man eine ADHS diagnostizieren -, flauem Darmgrummeln und Durchfall (diese Symptome wurden vielleicht auch durch das „Gänseklein“ verurach). Dazu kam äußerste Gereiztheit, die mit erhöhter Temperatur und Schlafmangel gepaart war. Obwohl es keinen Grund dafür gab, wuchs meine exaltierte Aufgewühltheit mit dem Fortschreiten des Nachmittags in geometrischer Weise an und wurde von meinen gleichfalls am Weihnachtsfieber leidenden Geschwistern noch wechselweise verstärkt. Zwar hielten meine Eltern die Wohnzimmertür den ganzen Tag über verschlossen, aber ich wusste genau, dass es nicht das Christkind (1) war, das die Geschenke brachte, sondern meine Mutter, die sie irgendwann am Nachmittag aus ihrem schlechten Versteck im Schlafzimmer der Eltern holte und unter den Baum legte. Wir bekamen nichts vom Christkind geschenkt, sondern etwas zum Christkind. Ich wusste, mir würden  nahezu alle meine Wünsche, die ich am 1. Advent auf meinen Wunschzettel gemalt oder gekritzelt hatte, erfüllt werden, denn wir waren ja – wie bereits erwähnt – nicht arm und meine Eltern ließen sich gerade an Weihnachten nicht lumpen. Auch hatte ich normalerweise bereits im Vorfeld heimliche Erkundigungen eingezogen und bei passender Gelegenheit den Schlafzimmerschrank durchwühlt. Gruschdln nennt man das auf gut Augschburgerisch. Trotz allem litt ich schwerst am „Warten-aufs-Christkind“-Syndrom.

Nach seinem Mittagsschlaf, der regelmäßig lautstark von den Streitigkeiten seiner Kinder unterbrochen wurde, nahm mein Vater das Problem auf seine Weise in die Hand. Seine Kur war eine ausgedehnte, nachmittägliche Wanderung durch westliche Wälder, nördliche Felder, zum südlichen Hochablass und quer durch östliche Äcker (2), die ihn und uns Geschwister in seinem Schlepptau schließlich unfehlbar kurz vor 17:00 Uhr zum Alten Ostfriedhof führte, wo er vor der Aussegnungshalle ein weihnachtliches Blaskonzert der Freiwilligen Feuerwehr anhörte und die Kerzen am Grab seiner ersten Frau anzündete. Meist traf man hier auch Verwandschaft, die ihre eigenen Gräber besuchte. (3) Obwohl wir auch übers Jahr regelmäßig auf den Friedhof gingen, überwältigte mich dort an Weihnachten jedesmal eine bedrückende, fast beängstigende Stimmung und mich beschäftigte die Frage, ob die Toten dort in der schweren, feuchten Erde so froren wie ich und ob ihnen auch so langweilig war.

Danach ging es endlich mit der Schtrossaboh (Tram) nach Hause. Von der Haltestelle an der Frauentorstraße war es nicht mehr sehr weit bis zum Pfärrle, wo wir unter dem Dach gegenüber vom Alten Kautzengässchen wohnten (4). Obwohl sie höchstens drei oder vier Stunden dauern mochten, sind mir diese endlosen Wandernachmittage mit Friedhofsbesuch am Hl. Abend in meiner Erinnerung als die längsten verblieben, die ich je erlebte – nicht einmal der Freitagvormittag in der Schule dauerte so lang.  Ich habe sie grundsätzlich eisig kalt, düster, grauverhangen und neblig im Gedächtnis; obwohl sicher auch mal die Sonne schien oder Schnee auf der Landschaft glitzerte. Um mal ein Klischee zu bemühen: Zeit ist durch und durch relativ und vom Empfinden und der Tagesform abhängig. Am Hl. Nachmittag tropfte sie so zäh und feucht aus den niedrigen Wolken und dehnte sich so weit aus, dass sie mindestens für zwei Leben ausreichte. Der Versuch, uns Kinder auf diese Weise ruhiger zu stellen und gar müde zu machen, ging selbstverständlich schief und nach hinten los. Je länger der Marathon-Lauf durch die pittoresken Landschaften rund um Augsburg dauerte, um so hippeliger, kindischer und aufgeregter wurden wir.

In der Zwischenzeit hatte meine Mutter, die in Berlin aufgewachsen ist und in einer Art Torschlusspanik in den Süden der Republik geheiratet hatte, jedoch den besten Nachmittag in ihrem Jahreslauf und ihrer verfloss viel schneller. Die Stegherr-Omi war zu Verwandtschaftsbesuchen und anschließend zum Rosenkranz und zur Kindermesse  gewatschelt(5). Sie hatte also ihre Ruhe in der sonst so quirligen Wohnung. Sie machte es sich, wie sie es ausdrückte, „besinnlich“, zündete ein paar Kerzen an, trank Tee und genoss ihr Leben. Sie wusste sehr gut, dass dies nur eine kurze Atempause war und danach die übliche Weihnachtskatastrophe folgen würde, die jedes Jahr aufs Neue damit begann, dass sie die Würstchen, die es vor der Bescherung zum schnellen Abendessen gab, zu lang im Topf beließ und oft auch noch mal schnell aufkochen ließ. Deshalb waren sie natürlich alle bis auf die fette Knacker, die sie als Gourmet-Höhepunkt als Curry-Wurst genoss, geplatzt und nur der Senf konnte ihnen noch etwas Geschmack geben. Und unweigerlich war dies der Grund für den ersten Hl. Abend-Streit meiner Eltern, wenn mein Vater und wir durchgefroren vom Friedhof kamen und, nachdem wir unsere Hände am kalten Wasserhahn aufgewärmt hatten, am Esstisch in der Küche Platz nahmen.

[Fortsetzung am nächsten Freitag …]

___________

(1) Meine Kindheit und Jugend fand in der tiefsten bayerisch-schwäbischen Provinz statt; man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie stumpf, grau und fade Augsburg, das unter einem spießbürgerlichen Leichentuch erstickte, damals war. Dort gab es keinen Weihnachtsmann oder gar einen Santa Claus, sondern das Christuskind und den Nikolaus. Es gab keine Rentiere, keine Coca-Cola-Trucks und schon gar kein „Rockin‘ around the christmas tree“, sondern Ochs und Esel, die Straßenbahn und „Still ruht der See“. Weihnachten war eine ernste Sache.

(2) Mein verschlossener und extrem schweigsamer Vater war ein Meister darin, bei Wanderungen Abkürzungen zu nehmen, die sich im Nachhinein als gut getarnte Umwege herausstellten. „Ist es noch weit?“ – „Nein, wir sind gleich da“, war der am häufigsten zu hörende Dialog, den wir mit ihm führten.

(3) Da fällt mir eine herrliche Geschichte über meinen längst verstorbenen Onkel Siegfried ein, der der geizigste Mensch war, den ich in meinem Leben kennengelernt habe. Gegen ihn ist Balzacs Vater Goriot ein Verschwender. Er hatte für das Grab seiner Mutter vor Jahren die erhebliche Anschaffung eines Adventskranzes mit vier Kerzen gemacht, die er allerdings nie entzündete, da er den uralten, braunen Kranz in jedem Jahr wiederverwendete und nicht jedesmal neue Kerzen kaufen wollte – für ihn, der ernsthaft sein Klopapier abzählte, damit niemand zu viel verwendete, wäre das eine ungeheuerliche und sinnlose Geldverschwendung gewesen. Als wir schon erwachsen waren,  haben meine Schwester und ich an einem Weihnachtsabend heimlich doch diese Kerzen angezündet. Sie brannten in der Hl. Nacht nieder und anschließend auch gleich noch der ganze staubtrockene Adventskranz und danach die Buchsbegrünung und die Erika-Bepflanzung des Grabes. Er hat nie erfahren, dass wir das gewesen waren und auch meine Eltern hielten dicht, als er am 2. Feiertag entsetzt von der Grabschänderei berichtete. Im nächsten Jahr hatte Onkel Siegfried übrigens einen neuen Kranz und Kerzen aus Kunststoff, die nicht brennbar waren (wir haben trotzdem vergeblich versucht, sie anzuzünden).

Ich weiß noch viele weitere Geschichten von ihm, die ich euch ein anderes Mal erzähle. Erinnert mich bei Gelegenheit daran.

(4) Im Erdgeschoss befand sich eine Bäckerei und es roch im Hausgang immer herrlich nach frischen Brezen und Brot. Unsere Nachbarin, die diesen Geruch nicht ausstehen konnte, versprühte deshalb immer Toiletten-Lavendelduft im Treppenhaus und ich rieche noch heute diese seltsame Mischung, wenn ich die Augen schließe und in meiner Vorstellung zu unserer alten Wohnung emporlaufe. (4a) Was haben wir als Kinder diese Frau gehasst! Doch dies ist eine andere Geschichte, die ich ein andermal erzählen werde.

(4a) Im Stockwerk unter uns wohnte übrigens der etwa gleichaltrige „Herr Braun“, heute gemeinsam mit dem entsetzlichen Silvano Tuiach der bekannteste Augsburger Kabarettist. Ursprürglich wollte er Pfarrer werden, also eigentlich ins gleiche Metier. Laut meiner Mutter habe ich oft mit ihm gespielt, aber ich kann mich nicht daran erinnern und ich denke, ihm geht es ebenso.

(4) Das „Watscheln“ ist wörtlich zu nehmen, denn sie hatte die dürrsten und krummsten O-Beine, die ich kenne. Jeder Cowboy wäre neidisch auf ihre Schteckerlfias gewesen.

[Wird nächsten Freitag fortgesetzt …]

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