Aber ein Traum …

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Samstag, 12.09.20 – Von Lesebändchen, Attila und diesem Sommer

Samstag, 12.09.2020

Die liebe N., die meine Schwiegertochter in spe ist(1), arbeitet seit Anfang dieses Jahres als fertig ausgebildete Buchhändlerin in der Filiale einer Buchkette in Neuburg a. D. (2). Wie ich erfahren musste, ist sie noch skrupulöser und vorsichtiger im Umgang mit ihren Büchern als ich – und das will schon etwas heißen. Für N. sind Bücher ein sakrosanktes Heiligtum, das mit Ehrfurcht und Demut betreten werden muss und sie wohl auch ungern weiterverleiht. Ihre Bücher sehen noch ungelesener als meine aus. Da gibt es keinen umgebogenen Rücken, der Schutzumschlag ist nicht zerknittert, keine Seite wird durch einen Fettfleck verunziert – sie könnte ihre Bücher wieder zurück in die Buchhandlung stellen und noch einmal als neu verkaufen. Kürzlich lieh sie mir einen fetten Fantasyroman (3) und an ihm beging ich ein Verbrechen, das sie mir noch nicht ganz verziehen hat. Der Band besitzt als Service des Verlags ein eingenähtes Lesebändchen und wie immer begann dieses bereits, sich unten zu zerfleddern. Es war die einzige Stelle, an der erkennbar war, dass N. das Buch bereits vor mir gelesen hatte. Nun habe ich die Eigenart, dieser Entropie des geflochtenen Stoffbands dadurch entgegenzuwirken, indem ich es ganz unten mit einem Knoten versehe und es anschließend zwischen der letzten Seite und dem Einband deponiere. Denn ich finde Lesebänder, mit denen ich dann ununterbrochen zwanghaft neurotisch spielen muss, unpraktisch und benutze lieber Einmerker (4), die ich beim Lesen zur Seite legen kann. Vollkommen gedankenlos machte ich nun auch beim entliehenen Buch diesen Knoten, den ich so festzog, dass er sich nicht mehr auflösen lässt. Damit beschwor ich ein gewaltiges Donnerwetter über meinem Haupt zusammen. Schließlich würde das Buch im Regal auf diesem Knoten stehen und einen Abdruck in den Seiten erzeugen, wie mir N. erklärte. Ich weiß nicht, ob sie mir noch einmal ein Buch ausleihen wird.

Entschuldige, N.! Es wird nie mehr passieren; ich passe auf. Und um so mehr bewundere ich dich, dass du dich auf das Abenteuer einer Ehe mit Sohn Nr. 2 einlassen willst, dessen unbekümmerte, destruktive Art, die er schon als Kleinkind kultivierte und als Jugendlicher perfektionierte, viele, auch liebgewonnene Teile unserer Einrichtung und unsere Nerven schwer in Mitleidenschaft gezogen hat und mich vorzeitig ergrauen ließ, so dass Frau Klammerle schon vorgeschlagen wurde, doch ein Tagebuch wie die Mutter von Michel aus Lönneberga zu schreiben. Ich witzelte damals, die Klammers würden von den Hunnen abstammen und der Zweitname von Sohn Nr. 2 wäre „Attila“. Nun, du wirst ihn dir schon zurechtbiegen. Das ist meiner Frau mit mir auch gelungen. Und meine Eskapaden waren teilweise noch zerstörerischer (5).

*

Apropos „Attila“! Gestern stellte jemand auf der Ratgeberseite des SZ-Magazins die Frage, wie man die veganen, inzwischen peinlichen Kochbücher von Hildmann am Besten entsorgen könne; weil man ihn nicht weiter unterstützen wolle. Zum Glück besitze ich keine Werke dieses von manchen Leuten als Avocadolf titulierten Herrn, der wohl inzwischen alle Murmeln aus seinem löchrigen Säcklein verloren hat, sich im Bürgerkrieg mit Kinderblut saufenden Echenswesen des Deep State wähnt und feuchte Träume von Politikerhinrichtungen und einer Militärdiktatur hat. Eigentlich gibt es Einrichtungen für solche Menschen, aber aus mir unerfindlichen Gründen rennt Attila noch immer in der Gegend herum und verbreitet seinen Nazi-Irrsinn über das Internet. Mir war er schon vor seinen aktuellen Aussetzern suspekt, als er vor einigen Jahren in einer Folge des „Perfekten Dinners“ (Frau Klammerle liebt diese Sendung!) darüber schwadronierte, ob Veganer Oralsex haben könnten. Aber darf man deswegen seine Kochbücher ins Altpapier schmeißen oder sie gar verbrennen? Schließlich mache ich nicht einmal einen Knoten in das Lesebändchen eines Buchs. Hat man in Deutschland nicht schon genug Bücher vernichtet? Es ist ja nicht so, dass Attilas gebundene Tofuschnitzel-Rezepte (die nicht einmal urheberrechtlich geschützt sind) und Fitnessempfehlungen mit dem „Mythus des 20. Jahrhunderts“ oder mit „Mein Kampf“ vergleichbar sind. (6) Dass man den Avocadolf nicht finanziell unterstützen will, verstehe ich. Aber ist es so schlimm, seine Rezepte aus Büchern, die man vor Jahren erworben hat, nachzukochen? Vielleicht ist es das Beste, diese „unwürdige Lektüre“ im Keller zu vergraben und es der Nachwelt zu überlassen, was mit ihr zu geschehen hat.

Ich werde mich hüten, Attila mit Autoren der Weltliteratur zu vergleichen, aber wohin führt das, wenn ich das Werk nicht von seinem Schöpfer trenne? Viele Künstler waren misogyne, rassistische und unsympathische Schweinehunde, manche von ihnen waren Betrüger, sogar Mörder. Wahrscheinlich müsste ich die Hälfte der Weltliteratur verbrennen, wenn ich die Schöpfung für den Schöpfer verantwortlich mache und sie in Sippenhaft nehme. Wollen wir wirklich in solch einer schönen, neuen Welt leben?

*

Wie der letztjährige ist auch dieser Sommer wie ein alternder Rock’n’Roller, der immer wieder auf Tournee geht und einfach nicht in den Ruhestand will. Es ist jetzt Mitte September, aber die Blätter der Bäume sind alle noch grün (6) und die Rosen blühen. Morgens liegt zwar schon ein warmer, feuchter Nebel über den Schmutterwiesen, aber er löst sich rasch auf und das Thermometer nähert sich am Nachmittag der 30°-Marke an und soll sie nächste Woche auch überschreiten. Von Herbst ist noch wenig zu sehen, wenn man mal vom Federweißen in den Kühlregalen der Supermärkte und der Tatsache, dass es später hell und früher dunkel wird, absieht. Es herrscht geniales Wanderwetter! Von mir aus kann das noch bis Mitte Dezember so weitergehen. Trotzdem haben Frau Klammerle und ich gestern Abend gemeinsam beschlossen, dass es Zeit wird, den gefühlt endlosen Corona-Sommer langsam zu verabschieden, damit dieses entsetzliche, quälende Jahr voller privater und öffentlicher Katastrophen endlich zum Abschluss kommen kann. Wir erzwingen das jetzt und leben im Herbst (Das passt auch inzwischen zu unserem biblischen Alter!) Vielleicht kommt ja doch einmal etwas besseres nach. Deshalb genossen wir gestern unsere erste Kürbiscreme-Suppe und ich werde mir jetzt meine Herbstlektüren oben auf den SUB legen. Demnächst mehr davon!

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende, liebe unbekannte Leserin. Bis bald.


Oh, ja, heute gebe ich wieder fröhlich meiner zwang- und fetischhaften Obsession für Fußnoten nach!

(1) Sie und Sohn Nr. 2 haben sich kürzlich verlobt und werden im Frühsommer 2021 endlich auch heiraten. Die jungen Leute von heute sind merkwürdigerweise wieder so romantisch und machen um die ganze Heiratssache einen Riesenaufstand. Frau Klammerle und ich haben uns 1987, nachdem wir einige Jahre zusammengelebt hatten, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen (Naja, meistens zumindest …), gemeinsam beschlossen, dass wir jetzt heiraten. Zeit wurde es ja und die finanziellen Vorteile lagen auf der Hand. Da gab es keine Verlobungszeit, keinen Verlobungsring, keinen Kniefall im Licht eines kitschigen Sonnenuntergangs, sondern nur einen einfachen Behördengang mit Eltern und Trauzeugen. Wir haben übrigens nach unserer standesamtlichen Vermählung im April später im Jahr für die liebe Verwandtschaft auch noch größer und kirchlich geheiratet (In der Woche darauf bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten). Das war am 12. September – also genau heute vor 33 Jahren und dies war dann schon eher eine traditionelle Veranstaltung mit weißem Brautkleid und großer Feier. In der Folgezeit erwachte ich mehrmals schweißgebadet aus dem Alptraum, ich müsse noch ein drittes Mal heiraten. Und, ja, weil du es bist, meine neugierige, unbekannte Leserin, gibt es hier ein kleines Foto vom 12. September 1987. Es sieht aus, als würde Frau Klammerle vor Glück schweben.

(2) Neuburg an der Donau ist ein sehenswertes Residenzstädtchen mit einer hübschen Altstadt und einem Renaissanceschloss, um das herum alle zwei Jahre ein schönes historisches Fest gefeiert wird. Der Ort liegt am Donauradweg. Das musst du einfach mal besuchen und dabei in der Rosengasse die Buchhandlung aufsuchen, in der N. arbeitet. Sie wird dich fachkundig und freundlich beraten. Da das Sortiment dort recht übersichtlich ist, kann man leider keines von meinen Büchern erwerben, was wirklich, wirklich schade ist.

(3) Es war „Im Sturm der Echos“, der vierte und abschließende (?) Band der „Spiegelreisenden“ von Christelle Dabos. Das Buch ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eine Autorin ihre wirklich hübsch begonnene Fantasy-Saga komplett an die Wand fahren kann. Hätte sie doch besser wie George R. R. Martin auf einen Schlussband verzichtet. Der unübersichtliche, auf 600 Seiten zerdehnte Roman – immerhin ein Buch, das für jugendliche Leser gedacht ist – geht übertrieben brutal, ja geradezu sadistisch mit seinen Protagonisten um, deren Handeln und Denken vollkommen unverständlich und nie nachvollziehbar ist. Figuren und Erzählfäden, die in den Vorbänden sorgsam aufgebaut wurden, werden beiseite gewischt und spielen plötzlich keinerlei Rolle mehr. Die sogenannte „Auflösung“ ist makaber und unverständlich, vollkommen wirr, kryptisch und ließ mich fassungslos zurück. Erzähle mir niemand, er hätte den Plot auch nur ansatzweise verstanden. Nein, es war kein Vergnügen, das Buch zu lesen – es war wirklich eine Qual.

(4) Sowohl Frau Klammerle wie auch ich vertrauen eher schmalen Karton- oder Metallstreifen als dem geflochtenen Lesebändchen, das ja auch nicht in alle Buchbindungen eingenäht ist. Haben wir keinen zur Hand, behelfen wir uns mit einer Postkarte. Unser Problem ist nur, dass diese immer wieder auf magische Weise zu verschwinden scheinen, weil wir sie am Tatort unserer Lesereisen liegenlassen, sie in den ins Regal zurückgestellten, gelesenen Büchern vergessen, sie sich einfach in Luft auflösen oder von kleinen Bücherwürmern gefressen oder von Aliens entführt werden. Wir müssen also ständig für Nachschub sorgen.

(5) So habe ich einmal einen Küchentisch in die Luft gejagt, als ich mit Wunderkerzen experimentierte, mit einem Säbel mehrere Wohnzimmerstuhl-Lehnen zerhackt und Tintenflecken (ich jagte mit dem Füller eine Fliege) in den Vorhängen entfernt, indem ich sie kurzerhand aus ihm herausschnitt.

(6) Zumindest südlich der Donau, wo es in den letzten Monaten immer wieder ausreichend regnete. Sogar mein Kirschbaum, der normalerweise im September schon fast kahl ist, hat kaum verfärbte Blätter. Aber je weiter man nach Norden fährt, um so ausgetrockneter und verdörrter wird die Landschaft. Im Spreewald, in dem Frau Klammerle und ich letzthin Urlaub machten, ist das Wasser so knapp geworden, dass man alle Schleusen zwischen den labyrinthischen Wasserläufen gesperrt hat und wir unser Paddelboot mehrmals mühsam über Land ziehen mussten. Allerdings gab es dort auch kaum Mücken, während sie einem hier in Diedorf jeden der herrlichen Spätsommerabende vermiesen.

Freitag, 19.06.20 All diese Jahre …

Freitag, 19.06.2020

„Unser eigenes Älterwerden bemerken wir am deutlichsten, wenn unsere Kinder älter werden.“ Dieser Satz ist eine Binsenweisheit, aber er ist nichtsdestotrotz wahr. Heute hat mein Sohn Nr. 1, über den ich hier schon das eine oder andere Mal geschrieben habe, seinen 30. Geburtstag. Er ist damit schon vier, bzw. drei Jahre älter, als Frau Klammerle und ich es bei seiner Geburt waren – die gefühlt erst vor ein paar Wochen stattfand.(1)

Tatsächlich ist aber der 19. Juni des Jahres 1990 so lange vergangen, als wäre er anderen Personen in einem anderen Leben begegnet. Doch er ist einer der wenigen Tage, die mir bis in ihre Einzelheiten hinein in die Erinnerung eingebrannt sind. Dieser Dienstag vor 30 Jahren hat mein Leben (und freilich auch das von Frau Klammerle) vollkommen umgekrempelt und unsere Lebensziele neu definiert.

Es war ein heißer Tag, der ganze Juni 1990 war im Gegensatz zu dem in diesem Jahr sonnengeflutet und hochsommerlich. (2) Und wir lebten in einer anderen, sorgloseren Welt. Die Mauer war zwar einem halben Jahr gefallen,  es gab – zumindest  auf dem Papier – zwar noch zwei deutsche Staaten, aber der Ostblock war Geschichte und die blutigen Geburtswehen des heutigen Europas in den Balkankriegen hatten noch nicht begonnen. Noch waren die Revolutionen unschuldig und hoffnungsvoll. Nr. 1 in den deutschen Charts war Mathias Reim mit „Verdammt, ich lieb‘ dich!“ Es herrschte ein Gefühl der Erleichterung und des Optimimus‘ vor. Und es war Sommer und was für einer! Beckenbauers robuste Fußballnationalelf, die sich 1990 ihren 3. Stern eroberte, spielte an diesem Tag gegen Kolumbien und dieses Match war auch im Krankenhaus den meisten Leuten wichtiger als die Geburt von Nr. 1, den Frau Klammerle just während der Partie am frühen Abend  um 18:49 Uhr zur Welt brachte. Damals … Meine Hände zuckten gerade kurz von der Tastatur zurück. Es ist merkwürdig in diesem Zusammenhang von „damals“ zu schreiben, aber zu meinem Erschrecken passt es. Das war tatsächlich „damals“. Ich fühle mich gerade, als würde ich meinem Vater lauschen, wenn er vom Krieg erzählte. Also:

Damals gab es noch keine Handys, aber die Hebamme machte kurz nach der Geburt eine Polaroid-Aufnahme. Sie zeigt, inzwischen stark nachgedunkelt, zwei frischgebackene, durchschwitzte, vor Glück fast platzende Eltern mit einem zufrieden lächelnden, dunkelhaarigen, später strohblonden Neugeborenen (3100 g) zwischen sich. In meinem Gesicht steht eine faszinierte Verwirrung und auch Unsicherheit, die auch noch eine ganze Weile anhalten sollte. War mir da schon bewusst, dass mit diesem Gast, der sich für länger bei uns einnisten wollte, mein Leben in einen neuen Abschnitt eingetreten war? Dass ich mir von einem Moment auf den anderen Verantwortung aufgeladen hatte und mein Leben vorkommen umkrempeln musste?(3) Ich war damals, mit 27, noch immer damit beschäftigt, erwachsen zu werden. (4) Wir wohnten in einer billigen 3-Zimmer-Wohnung in der Augsburger Jakobervorstadt. Frau Klammerle arbeitete bereits als Kinderkrankenschwester in der Frühgeborenen-Intensivstation des Krankenhauses, in dem Nr. 1 das Licht der Welt erblickte. Ich tänzelte und pubertierte noch. Ich war in meiner ersten Phase als Autor und schrieb meine „Jahrmarkt“-Romane, hielt Lesungen, plante Theaterstücke, verplemperte meine Zeit im „Sommacal“ und im“Anna Pam“ und versuchte vergeblich, berühmt zu werden. Nebenzu prokrastinierte ich zuerst BWL, dann Informatik und das wenige Geld, das ich verdiente, kam über eine selbstständige Dozententätigkeit in der Hauptsache für die Papierfabrik Haindl herein, bei der ich Mitarbeiter-Schulungen in Bürosoftware (5) abhielt. Die ließ ich mir zwar schamlos gut bezahlen, aber sie fanden unregelmäßig und in großen Abständen statt. Bereits morgen würde ich einen dreitägigen Kurs in einem so überhitzten Raum unter dem Dach einer Firma leiten, dass dort ständig die Computer ausfielen und man auf den Netzteilen Spiegeleier braten konnte.

Schon bald würde Haindl in die Wirtschaftskrise der frühen 90er schlittern und auf meine Dienste verzichten; mein Informatikstudium scheitern. Und meine Bücher? Ach, eine Absage und eine Erniedrigung nach der anderen! Um überhaupt über die Runden zu kommen – Frau Klammerles Gehalt als Kinderkrankenschwester war lächerlich niedrig -, jobbte ich als Postzusteller und begann dann eine neue Ausbildung. Während unserer Arbeitszeiten (Frau Klammerle machte meist Nachtwachen) passte oft meine Mutter auf Sohn Nr. 1 und drei Jahre später auch auf Nr. 2 auf. Wir waren arm, es war anstrengend, aber im Nachhinein betrachtet, war es wahrscheinlich die glücklichste Zeit unseres Lebens.

Also gut, dann bin ich also alt! (Im Gegensatz zu Frau Klammerle, der es irgendwie gelingt, niemals alt zu werden) Heute wird gefeiert. Nr. 1 ist 30 geworden und er ist uns wohlgeraten. Längst ist er von zuhause ausgezogen, hat nach dem Abi in Freiburg und dann in Tübingen Biologie studiert und hat – ja, ich bin stolz – einen Masterabschluss mit einem Einser-Schnitt. Er arbeitet in einer internationalen Firma, die bioanalytische Dienste anbietet. Diese Arbeitsstelle hat ihn durch Zufall wieder nach Augsburg gebracht. Aber jetzt klingelt es an der Tür. Dort steht er mit einem selbstgebackenen Kuchen in der Hand.

Ein paar Tage später auf unserer Wohnzimmercouch. Ich wirke noch immer etwas verunsichert.

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(1) Nr. 1 hat selbst noch keine Familienplanung im Sinn; ja, er ist noch nicht einmal der Frau begegnet, mit der er eine gründen möchte. Er ist noch zu haben. Falls du, liebe Leserin dieses Blogs, ernstgemeintes Interesse daran haben solltest, mit ihm in Kontakt zu treten und es dich nicht abschreckt, dass du dadurch unter Umständen auch mich persönlich kennenlernst, dann schicke mir eine Mail. Ich leite sie an meinen Sohn weiter.

(2) Dieser Hitzesommer 1990 taucht übrigens in einigen der Geschichten, die ich in dieser Zeit schrieb, wieder auf; besonders in meinem Roman „Nutzlose Menschen“ (überall im Buchhandel erhältlich) und in der Erzählung „crisis“.

(3) Selbstverständlich ging das nicht von heute auf morgen. Frau Klammerle würde noch eine ganze Weile die einzige Erwachsene in unserer Familie bleiben. Vielleicht ist sie das heute wieder …

(4) Ein Schwabe wird erst mit 40 g’scheit.

(5) Das war die Goldgräberzeit, in der in allen Büros die ersten PCs auf den Tischen standen. Lotus 1-2-3, D-Base und Symphony, DOS-Einführungen. Vielleicht erinnert sich noch jemand. Ich besaß einen IBM-AT-Rechner (16 Mhz), auf dem ich meine Vorbereitungen machte und auch meine Texte abtippte, die ich dann auf einem Nadeldrucker aus der virtuellen Existenz ins Dasein holte. Wenn ich den Rechner morgens einschaltete und er dann über 5 1/4 Zoll-Diskette sein Betriebssytem lud, konnte man noch bequem eine Tasse Tee kochen, bis er sich erschöpft mit „A:>_“ meldete. Nicht nur an den Kindern merke ich, wie alt ich geworden bin …

Unser Weihnachten, damals … (Teil 5)

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Doch am nächsten Tag waren wir im Gegensatz zu unseren Altvorderen schon lange vor dem Hellwerden wieder auf den Bei­nen und spielten weiter mit unseren Legos. Die Eltern nüchterten nur lang­sam aus. Sie kämpften mit Sodbrennen und ihrer Verdauung, was sie allerdings für einen Sühne für die Völlerei des Vorabends nahmen. Aber auch sie mussten früh raus, zumindest meine Mutter: Es galt fürs Mittagsessen die obligatorische, traditionelle Gans zu bra­ten und – ganz wichtig für die Stegherr-Omi – den Weihnachtssegen des Papstes Urbi et Orbi im Radio zu hören und später dann im Fernseher live zu sehen. Nur dann war die erzkonservative Katholikin für das kommende Jahr gerüstet. Das fette Mittagessen mit rohen Klößen und Blaukraut als Beilage mündete für alle im Mittagsschlaf. Ein fauler Tag war das! Am 2. Feiertag trafen sich dann meine El­ternregelmäßig mit dem On­kel Siegfried und der Tante Inge zum Sektfrühstück (heute würde man das als einen Brunch bezeichnen) mit anschließendem Schafkopfspielen bis in die Nacht.(1) Auch dieser Tag endete für alle in einem Besäuf­nis und in einem formidablen Ehekrach, weil mein Vater immer gewann – je mehr er trank, um so besser war er -, und meine Mutter im­mer ver­lor. Dann war Weihnach­ten ganz plötzlich vorbei, viel, viel zu schnell, als hätte sich die Geschwindigkeit der Zeit ab der Bescherung mindestens verdreifacht. Man nahm sich vor, nie mehr etwas zu essen und erholte sich bis Silvester, wo schon die nächsten Kata­strophen, Zerwürfnisse und Sauf- und Fressorgien lauerten.

Endlich Besche­rung! Der Zwerg im Vordergrund bin ich. Meine Geschenke sind noch unter der Tischdecke hinten verborgen. Eine Anmerkung für die Nachge­borenen: Damals war die Welt schon farbig, glaubt es mir – mein Vater war einer der ersten mit einem Farbfernseher. Aber ich habe das Foto von einem uralten Dia abgescannt und die schlechte Qualität durch Sepiatöne verschlei­ert. Ich habe keine Ahnung, was in dem riesigen Paket im Vordergrund links war – wahrscheinlich selbstgestrickte, neue Norwegerpullis von einer Berliner Großmutter; denn mein alter sitzt ja schon verdammt knapp.

*

Was habe ich nun in meine eigene Familie übernom­men? Ich versuchte es anders zu machen, manches ging schief, doch einiges ist mir auch gelungen. Natürlich gab es nicht das gruslige »Gänseklein« zum Mittagessen(2), nicht die end- und ziellose Wan­derung am Hl. Abend, nicht den Geschenkerausch und vor allem nicht den Streit. Das alles wäre mit Frau Klammerle auch nicht zu machen. Ihre Vorstellung von Weihnachten ist die eines ruhigen, glücklichen Zusammenseins der Kernfamilie, in die Kindermesse am Nachmittag gehen, feiern, reden, die letzten Plätzchen essen, einen besonderen Wein öffnen, sich wertschätzen – und das ist gut so. Was uns aber immer wichtig war, war und ist es, unseren Söhnen Weihnachten als etwas Ein­zigartiges und Besonderes zu präsentieren – ih­nen den Zauber zu vermitteln, den ein gelungener Hl. Abend im Kreis der Familie ausstrahlt. Das Christfest ist ein Wert. Hier wird nicht der Jahrestag einer Schlacht, die Gründung einer Nation, ein Toter oder irgendetwas Politisches gefeiert, sondern schlicht ein neugeborenes Baby und die Dinge, auf die es wirklich ankommt: Leben, Liebe, Familie – welcher Feiertag hat das noch zu bieten? Und das sage ich, ob­wohl ich über­zeugter Atheist bin. Denn die Feier der Geburt Chris­ti‘ ist nur der Aufhänger. Nennt mich sentimental, aber für mich ist Weihnachten mehr; ein Moment, der wie Klebstoff wirkt und die Menschen, die ich liebe, zusam­menhält. Am Nachmittag des Hl. Abends kommen in jedem Jahr die beiden Söhne zu uns; er­wachsene Männer, die längst ihr eigenes Le­ben führen, um genau diesen Augenblick mit ihren Eltern wieder zu erle­ben. So ganz falsch können wir es also nicht gemacht ha­ben.

Ich wünsche jedem solch ein Weihnachtsfest.


(1) Ja, ich weiß, M.! Hier bin ich noch die Geschichte schuldig, nämlich die, wie du und unser Bruder gemeinsam versucht habt, einen festsitzenden Stöpsel aus dem Hals einer riesigen Parfümfla­sche zu befreien, die meine Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Dazu habt ihr den Literflakon einfallsreich  im Wasserbad eines Küchentopf auf dem Herd erhitzt. Dabei ist die Flasche natürlich zerplatzt, das billiges Eau de Cologne vermengte sich mit dem sprudelnden Wasser und Dampfschwaden von billigem Parfüm machten die Wohnung neblig. Dies alles, während die Eltern beim Onkel Karten spielten und ich gleichzeitig ihrem im Schlaf­zimmer gruschtelte, wo ich meines Vaters Nachtkästchen schamvoll versteckte Perry-Rhodan-Romane und auch ganz andere Hefte entdeckte und anschließend über dem heimlichen Lesen ver­gaß, meine Spuren wieder zu verwischen. Jeder Versuch, den Gestank durch Lüften aus der Wohnung zu bringen, war vergebliche Mühe. Es roch in jedem Zimmer drei Tage lang aufdringlich und kopfschmerzenfördernd nach Veil­chen – oder, wie es meine Mutter ausdrückte: »Puh, hier stinkt es ja wie in einem serbischen Männerpuff!«

Oder jene Geschichte, in der ich das Magnesium von 20 Wunderkerzen abkratzte, es in einer Schale auf den Küchentisch stellte und anzündete. Nach dem Löschen waren die schwelenden Brandlöcher im Tisch und im Linoleum des Bodens waren fast einen Zentimeter tief und alle Oberflächen bedeckte eine schmierige Ascheschicht. Manchmal wundere ich, wie ich meine eigene Jugend überlebt habe. Ich erzähle das aber alles ein andermal. Versprochen!

(2) Wir ernähren uns eh alle vegetarisch …

Unser Weihnachten, damals … (Teil 4)

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Vor und nach Lukas wurde in den 60ern Hausmusik ge­macht, das heißt, meine Mutter, meine Schwester und auch mein Bruder flöteten(1) oder M. spielte auf dem Ak­kordeon, während die Stegherr-Omi ein aus ihrem Ärmel gefischtes Taschentuch in der Hand zer­knitterte, in das sie still hineinheulte, während sie den in diesem Jahr wieder besonders gelungenen Baum bewunderte. Dazu wurde falsch und nicht allzu textsicher gesungen. In späterer Zeit legte mein Vater dann nur noch seine Weihnachts-Schall­platte auf und vor der Lesung erklang in der Version von Rudolf Schock(2) und den Regensburger Domspatzen »Stil­le Nacht«, danach »Oh, du Fröhliche« (Über diese Rei­henfolge wurde manchmal gestritten). Meist hatte er Proble­me, im schummrigen Kerzenlicht, das der Baum ausstrahl­te, die Nadel des Plattenspielers rich­tig aufzusetzen und es ertönten vor der stillen Nacht mit einem hässlichen Quiet­schen die letzten Takte von Eine Muh, eine Mäh: »Eine Muh, eine Mäh, eine Täterätätä … Ratadschingderatta­bum!«

Der Umbruch von der Live-Hausmusik zum Vinyl ge­schah übrigens während des besinnlichen Teils ei­nes Hl. Abends, als M. sich standhaft weigerte, Musik zu machen, niemand singen wollte und meine Mutter schließlich wü­tend ihre Bibel durch den Raum schleuderte und die Besin­nung in einem monumen­talen Streit gipfelte.

Im Hintergrund M., dann meine Wenigkeit mit schickem Norwegerpulli und rechts die Stegherr-Omi in unserem alten Wohnzimmer in Pfärrle 19.

*

Sie stritten also an Weihnachten, meine Eltern: aus­dauernd, lautstark und bitterböse. Sie zerfleischten sich manchmal gegenseitig in ihrem hektischen Be­mühen, ein gelungenes Familienfest zu feiern. Jeder kannte die Ver­letzbarkeiten des anderen und beson­ders mein Vater hatte ein sicheres Gefühl dafür, was wirklich wehtat und dort stach er mit Vorliebe und ohne Rücksicht auf eigene Verluste hinein.(3) Die Trä­nen meiner Mutter flossen während der Be­scherung und danach reichlich und es waren eben nicht nur Tränen der Rührung über den schönen Baum und die herzzerreißenden Gesänge während der Besinnung, son­dern leider auch oft genug andere, Tränen der Verletzung, der Wut, des Leids.  In meinem Gedächt­nis stritten die bei­den an jedem Weihnachten, Jahr für Jahr für Jahr – aber ich mag mich von meinen Er­innerungen so trügen lassen wie beim Schnee.

Man kann uns also mit Fug und Recht eine dysfunk­tionale Familie nennen, an der jeder Psychologe und Soziologe seine wahre Freude hätte. Jedes von uns Kindern hat aus dieser Familie einige psychische De­formationen und Neu­rosen ins Erwachsenenleben mitgenommen. Doch dabei darf man nicht vergessen, dass sich meine Eltern in jedem Jahr auf Neue gera­dezu verzweifelt darum bemühten, uns ein gelunge­nes und behütetes Weihnachten erleben zu las­sen, uns überhaupt eine glückliche Kindheit zu schen­ken. Es ist ihnen im Großen und Ganzen gelungen. Das war schon damals und – ehrlich gesagt -, auch heute keine Selbstverständlichkeit, wenn ich an die vielen kaputten, ja, traumatisierten Kinder denke, denen ich in meinem Brot­beruf begegne und die so etwas wie eine Familie oder ein Weihnachtsfest nur vom Hörensagen kennen.

Und was die Streitigkeiten meiner Eltern angeht, die ein­mal sogar dazu führten, dass meine Mutter ins Hotel zog, sich einen eigenen Topf kaufte, und wild entschlossen war, sich scheiden zu lassen: Beide le­ben noch; mein Vater noch recht rüstig allein in der Wohnung, die er seit fast vierzig Jahren bewohnt, meine Mutter ist seit acht Jahren vollkommen de­ment und liegt in einem Pflegeheim ganz in seiner Nähe. Sie ist heute 91 Jahre alt gewor­den und längst nur noch ein ausgemergelter, bis auf die Knochen abge­magerter leidender Körper, der, hat er mal die Lider nicht geschlossen, blicklos an die kahle Decke starrt und von Krämpfen gezerrt wird. Die liebende Seele, die ihn einst belebte, ist schon vor Jahren komplett verlo­ren gegangen – der Mensch, der meine Mutter einmal war, ist zwar noch nicht beerdigt, aber schon lange tot. Mein Va­ter besucht sie trotzdem regelmä­ßig, obwohl ihm der Gang den steilen Stephinger Berg hinauf immer schwerer fällt. Dann beugt er sich in ihrem Zimmer zu ihr herab, strei­chelt ihr zärtlich über die Wange und wenn sie dabei tat­sächlich zufäl­lig die Augen öffnet, dann flüstert er:

»Manchmal glaube ich, dass sie mich erkennt …«

*

Bei uns Kindern herrschte nach dem besinnlichen Augen­blick endlich eitle Freude. Wir hatten es ge­schafft, unser Hl. Abend war durch seine schier end­lose Katharsis gegan­gen. Wir rissen die Decken von den Geschenkpaketen und bis man uns ins Bett brachte, spielten wir mit unseren neuen Sachen, klauten dem anderen die Leckereien aus seinem mit Süßigkeiten übervollen »Bunten Teller«. Ich baute an meinen Legos, ließ meine neuen Plastikguss-Cowboys und Indianer(4) ihre ers­ten Abenteuer erleben, blätter­te im neuen Fünf-Freun­de-Buch, ärgerte mich, dass ich wieder keinen Kaufmanns­laden und keine Eisen­bahn bekommen hatte und hatte keine Zeit, mich um die Erwachsenen zu kümmern. Meine Mutter war aber schon wieder bei der Arbeit. Die Ver­wandtschaft, die uns besuch­te, wollte verköstigt wer­den. Diese konsumierte erhebliche Alkoholmengen und kalte Wurst- und Käseplatten, ver­putzte halbe Eier, die mit Mayonnaise und Fake-Kaviar be­legt wa­ren, Fischhap­pen und Schinken, fläzte hemdsärmel­ig und zumin­dest in den 60ern noch kettenrauchend auf den Sofas und Stühlen. Wir Kinder fielen irgend­wann mit rot­glühenden Wangen und vollkommen überdreht vom Spielen in einen unruhigen, fiebern­den Schlaf, die El­tern überfressen und abgefüllt mit Bier, Wein, Sekt und Schnaps.

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(1) Durch die schlechten Erfahrungen haben es meine El­tern gar nicht erst versucht, mich an einem Instrument auszubilden. Zudem galt ich als vollkommen unmusika­lisch.

(2) Es kann auch René Kollo oder ein anderer Heldenten­or gewe­sen sein, da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich bin zu faul, meinen Vater zu besuchen und in seiner sehr übersichtlichen Plattensammlung nachzusehen. Über den Ver­such meiner Schwester, doch einmal bei der Besinnung statt Herrn Schock Mahilia Jackson die »Silent Night« singen zu lassen, breite ich den Mantel des Schweigens.

(3) Dabei war sein Herz selbst voller innerer Wundmale, die nur oberflächlich vernarbt waren und sofort wieder aufbrachen, wenn Alkohol im Spiel war. Als 17jähriger Sol­dat der Waffen-SS war er während des Kampfs um Berlin verwundet und für fünf Jahre in russische Kriegsgefan­genschaft gekommen, wo er an jedem Tag um sein Überle­ben kämpfen musste und als kranker, gebrochener Mann zurückkehrte, dem die Nazis sei­ne Jugend und seine Idea­le geraubt hatten.

(4) Auch so beginnen Schriftstellerkarrieren: Im Jahr 1968 be­kam ich eine Cowboy-Postkutsche mit Kutscher und ein paar bösen Indianern geschenkt und ich spielte am 1. Feiertag da­mit auf dem Wohnzimmerteppich. Im Hintergrund lief der Fernseher und von den Nachrichten, die dort liefen, bekam mein Cowboykutscher seinen Namen: Johnson, benannt nach dem damaligen amerikanischen Präsidenten. Mein Johnson erlebte viele, viele Abenteuer und war einige Jah­re später ge­meinsam mit dem tapferen Cheyenne Siosi (der Name beruht auf einem Lesefehler) der Held meiner ers­ten Schreibversu­che.

Unser Weihnachten, damals … (Teil 3)

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Danach ging es endlich mit der Schtrossaboh (Tram) nach Hause. Von der Haltestelle an der Frauentor­straße war es nicht mehr sehr weit bis zum Pfärrle 19, wo wir unter dem Dach gegenüber vom Alten Kautzengässchen wohnten(1). Obwohl sie höchstens drei oder vier Stunden gedauert haben mögen, sind mir diese endlosen Wandernachmittage mit abschlie­ßendem Friedhofsbesuch am Hl. Abend in meiner Er­innerung als die längsten verblieben, die ich je erlebt­e – nicht einmal der Vormittag vor den Sommerfe­rien in der Schule dauerte so lang.  Ich habe diese Nach­mittag grundsätzlich als eisig kalt, düster, grauver-hangen und neblig im Gedächtnis; ob­wohl sicher auch mal die Sonne schien oder Schnee auf der Land­schaft glitzerte. Um mal ein Klischee zu bemühen: Zeit ist durch und durch relativ und vom Empfinden und der Tagesform abhängig. Am Hl. Nachmittag tropfte sie so zäh und feucht aus den niedrigen Wol­ken und dehnte sich so weit aus, dass sie mindestens für zwei Leben auszureichen schien. Der Versuch, uns Kinder auf diese Weise ruhiger zu stellen und gar müde zu machen, ging selbstver­ständlich schief und nach hin­ten los. Je län­ger der Marathon-Lauf durch die pitto­resken Landschaften rund um Augsburg an­dauerte, um so hippeliger, kin­discher und aufgeregter wurden wir.

In der Zwischenzeit hatte meine Mutter, die in Ber­lin auf­gewachsen ist und in einer Art Torschlusspanik in den Sü­den der Republik geheiratet hatte, jedoch den besten Nach­mittag in ihrem Jahreslauf und ihrer verfloss deshalb viel schnel­ler. Die Stegherr-Omi war zu Verwandtschaftsbesuchen und anschließend zum Rosenkranz und zur Kindermesse  gewatschelt(2). Meine Mutter hatte also ihre Ruhe in der sonst so quirligen Wohnung. Sie machte es sich, wie sie es aus­drückte, »besinnlich«, zündete ein paar Kerzen an, trank Tee und genoss ihr Leben. Sie wusste sehr gut, dass dies nur eine kurze Atempause war und danach die übliche Weihnachtskatastrophe folgen würde, die jedes Jahr aufs Neue damit begann, dass sie die Würstchen, die es vor der Bescherung zum schnellen Abendessen gab, zu lang im Topf beließ und oft auch noch mal schnell aufkochen ließ. Deshalb waren sie natürlich alle bis auf die fette Knacker, die sie als Gourmet-Höhepunkt als Curry-Wurst genoss, ge­platzt und nur der Senf konnte ihnen noch etwas Ge­schmack geben. Und unweigerlich war dies der Grund für den ersten Hl. Abend-Streit meiner Eltern, wenn mein Va­ter und wir durchgefroren vom Fried­hof kamen und, nach­dem wir unsere Hände am kal­ten Wasserhahn aufgewärmt hatten, am Esstisch in der Küche Platz nahmen.

*

Ich gehe als typischer Babyboomer, der im längsten und kältesten Schneewinter des 20. Jahrhunderts ge­boren wurde, inzwi­schen mit Siebenmeilenstiefeln auf die 60 zu und gehöre also endlich ebenfalls zu den älte­ren, weißen und »toxischen« Männern, die das Narra­tiv des 21. Jahrhunderts dominieren und jede andere Stimme mit ihrer Wortgewalt, ihrem Rassismus und ihrem misogynen Antifeminismus unterdrü­cken. So behauptet es zumindest das Imago, das heu­te unsere Gesellschaft be­stimmt und sich damit einen recht merkwürdigen Feind zugelegt hat, der aller­dings nur in den Köpfen mancher Leute existiert. Gut so, in die­ser Rolle fühle ich mich wohl und ihr Grund­stein wurde sicherlich an den Hl. Abenden gelegt, bei de­nen ich als Kind das Vergnügen hatte, sie im Krei­se mei­ner kleinbürgerlichen und typisch bundesrepu­blikanischen Familie miterleben zu dürfen. Was dort bei der Bescherung im kleinen – in unserem privaten Mi­krokosmos geschah – war, wenn auch leicht verspä­tet, paradigmatisch für die westdeutsche Gesellschaft Ende der 60er bis in die Mitte der 70er Jahre. Das Zeitgenössische hielt Einzug.

Aber zuerst musste nach den klassischen geplatzten Würstchen mit Kartoffelsalat von uns Kindern abge­spült und abgetrocknet werden, während der Haus­herr im Wohnzimmer die letzten Vorbereitungen zum feierlichen Teil traf und anfangs noch die echten, spä­ter dann die elek­trischen Lichter am Baum entzünde­te. Das musste schnell gehen, denn bald wurden die Eltern meines Vaters und weitere Verwandtschaft zum Weihnachtsabendessen er­wartet und dann musste die Bescherung abgeschlossen sein. Traditio­nell wurde der Höhepunkt des Abends dann von mei­nem Vater mit einem Glöckchen eingeläutet, das wir allerdings meist überhörten. Glück, heißt es, sei die ewige Wiederkehr des ewig Gleichen. Wenn das stimmt, war mein Weihnachten sehr glücklich, denn sein ritualisierter Ablauf änderte sich kaum. Er sah in seinem besinnlichen Teil vor der Bescherung stim­mungsvolle Musik und die Le­sung der Weihnachtsge­schichte vor, die meine Mutter mit ihrer uralten, zer­fletterten Lutherbibel in der Fassung von 1912 unter­nahm. Das war der einzige Moment im Jahr, in dem diese zum Vorschein kam – danach verschwand die Bi­bel wieder für 365 Tage in einem Schrank. Mei­ne Mutter las salbungsvoll und getragen, aber nie­mals fehlerfrei. Sie stolperte immer über die gleiche Stelle, bei der sie ihren Finger anfeuchten und um­blättern musste. Sie begann klassisch mit Lukas 2.1:

Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger von Syrien war.

… und endete bei 2.20:

Maria aber behielt alle diese Worte und beweg­te sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott um alles, was sie gehört und gesehen hat­ten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Obwohl ich wirklich abgelenkt war und während ih­rer Lesung ungeduldig abzuschätzen versuchte, was sich für Geschenke für mich unter dem Tücherhügel unter dem Baum verbargen, kann ich diesen anti­quierten Text noch immer auswendig. Ich hatte als Kind natürlich merkwür­dige Vorstellungen davon, wie eine Schätzung ab­lief; ich stellte sie mir als eine große Waage vor, auf der man gewo­gen wurde. War­um der römische Kaiser sich für das Ge­wicht seiner Untertanen interessierte, war mir aber ein Rätsel. Auch die Worte, die Maria in ihrem Herzen bewegt­e, stellte ich mir wie das Schaukeln vor, mit dem man ei­nen Säugling in den Schlaf wiegt. Auch hier tauchte wie­der das Bild einer Waage auf, was mich doch ziemlich verwirrt­e. Meine Schwester M.(3) hat mir mal erzählt, sie be­mühte sich immer, mich bei der Lesung nicht anzusehen, weil sie sonst einen Lachkrampf be­kommen hätte. Ich muss dabei wirklich wie ein über­fahrener Frosch ausgese­hen haben.

Nikolaus & Nikolaus

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(1) Im Erdgeschoss befand sich eine Bäckerei und es roch im Hausgang immer herrlich nach frischen Brezen und Brot. Unsere Nachbarin, die diesen Geruch nicht ausste­hen konn­te, versprühte deshalb immer Toiletten-Lavendel­duft im Treppenhaus und ich rieche noch heute diese selt­same Mi­schung, wenn ich die Augen schließe und in mei­ner Vorstel­lung zu unserer alten Wohnung emporlaufe. Was haben wir als Kinder diese Frau gehasst! Doch dies ist eine andere Ge­schichte, die ich ein andermal er­zählen werde.

Im Stockwerk unter uns wohnte übrigens der mit mir etwa gleichaltrige Roland Krabbe, der heute als Herr Braun ge­meinsam mit dem unsäglichen Silvano Tuiach der bekanntes­te Augsburger Ka­barettist ist. Ursprünglich wollte er Pfarrer werden, also ei­gentlich ins gleiche Metier. Laut meiner Mut­ter habe ich oft mit ihm gespielt, aber ich kann mich nicht daran erin­nern und ich denke, ihm geht es ebenso.

(2) Das »Watscheln« ist wörtlich zu nehmen, denn sie hat­te die dürrsten und krummsten O-Beine, denen ich jemals außer­halb von Lucky-Luke-Comics in meinem echten Leben begeg­net bin. Je­der Cowboy wäre neidisch auf ihre Schteckerlfias gewesen.

(3) M. ist übrigens kein Pseudonym, um sie vor der Öffentlich­keit zu schützen. So nenne ich meine Schwester eben, die ziemlich genau 9 Jahre älter als ich ist. Früher riefen wir sie meist »Trulle«. Sie musste als die Älteste unter uns Geschwis­tern als erste gegen die fatale Familienaufstellung rebellieren und dies fiel in die unruhi­gen Jahre nach der klassischen 68er-Revolution. Sie hörte Hendrix, verkaufte irgendwann ihr Akkordeon, um eine Stereoanlage zu erwerben und ging auch noch eine Mesalliance mit einem Künstler ein. Mein Vater, der sehr schnell mit har­ten Urteilen bei der Hand war, riss ihr Jimi­Hendrix-Plakat von der Wand, weil er keine »Menschenfres­ser« im Haus dulde­te, teilte Ohrfeigen aus und prophezeite ihr eine Karrie­re als Prostituierte. Mir hat er übrigens später geweis­sagt, ich würde als Müllmann enden. Allein mein Bru­der fand Gnade unter seinen allzu gestrengen Augen. Tat­sächlich war M. bis zu ihrer Pensionierung Förder­lehrerin an einer Augsburger Grundschule und ich, naja, mir muss von Frau Klammerle sehr nachdrücklich befoh­len werden, den Müll vors Haus zu bringen.

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