Aber ein Traum …

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Dennoch bleibt etwas zurück

Kunst1

Nikolaus Klammer, Blauer Schmetterling – Acrylfarbe auf handgeschöpftem Papier, 1984

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„So zwingt das Leben uns,
zu scheinen, ja, zu sein wie jene,
die wir kühn und blind verachten konnten.“
Goethe, Torquato Tasso

Dieses Gemälde habe ich heute unter einem Stapel von alten Texten, die ich schon seit Jahren nicht mehr in die Hand genommen habe, begraben gefunden. Ich suchte eigentlich nach der Fortsetzung der Kriminalerzählung Das schwarze Urteil. Den Text fand ich leider nicht mehr vollständig (ich werde den Rest wohl nachdichten müssen, falls Interesse besteht), aber einige meiner Jugensünden, die ich der Welt ersparen und wahrscheinlich demnächst im Altpapiercontainer entsorgen werde – falls meine Sentimentalität das zulässt.

Dieses Bild jedoch –  auf von mir auf selbst geschöpftem Papier gemalt – an das ich ich keinerlei Erinnerung mehr hatte, löste eine Vielzahl von Gefühlen in mir aus – in der Hauptsache Bedauern. Es ist mit Sicherheit kein Meisterwerk, das ich da zwischen den grauen Ausdrucken meines ersten Theaterstücks auf „Umweltpapier“ (1), Gedichten und einem frühen Romanentwurf gefunden habe, aber es weist weit in die Vergangenheit in eine Zeit zurück, als ICH ein anderer war. Ein weit entferntes und fremdes ICH. Freilich, diese ICH-Schicht von damals gibt es noch, aber sie ist verborgen unter anderen Persönlichkeitsschalen, die über die Dekaden darüber wuchsen wie die Häute einer Zwiebel oder die Jahresrinden eines Baums. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob mir heute mein unausgegorenes und arrogantes Vergangenheits-ICH von damals sympathisch wäre. Mein früheres ICH wäre jedenfalls von meinem heutigen maßlos enttäuscht; da hatte es sich von seiner Zukunft mehr erwartet als den einigermaßen gutsituierten, aber vollkommen desillusionierten älteren Mann, der ich heute bin. Er hätte mich kühn und blind verachtet.

Mit Anfang 20 hatte ich für mich einen imaginären Anzug geschneidert, den ich für den Rest meiner Tage tragen wollte, den des „romantischen, larmoyanten und zynischen Künstlers“, des Hemingway-Schriftstellers. Der Anzug passte nirgendwo und zwickte beim Tragen. Am Bauch war er zu eng, an den Ärmeln zu kurz, an den Hosenbeinen zu lang. Sehr schnell wurde der Stoff an Knie und Ellbogen fadenscheinig und seine breiten Schulterpolster kamen aus der Mode. Aber ich konnte mich glänzend in ihm verstecken, selbstgefällig und überlegen auftreten, mich als das Genie ausgeben, das ich zwar nicht war, aber unbedingt und bald werden wollte. Wie viele „romantische Künstler“ besaß ich eine Doppelbegabung: Neben dem Schreiben hatte ich mich der Malerei verschrieben und dilettierte in beiden Kunstrichtungen fröhlich und von der Weltbedeutung meiner Werke überzeugt vor mich hin (Jonas Nix aus Die Wahrheit über Jürgen ist meinem damaligen ICH nachgebildet). Nicht von ungefähr zeigt das Gemälde oben einen „blauen Schmetterling“, weist auf Novalis hin und auf die Schönheit eines flüchtigen Moments. Auf die Wiedergabe des seltsamen Gedicht-Prosa-Zwitters, den ich auf der Rückseite des Kunstblattes fand und den ich damals für echte, tiefempfundene Lyrik hielt, verzichte ich an dieser Stelle voller Scham (2).

Doch schon bald kam in meinem Leben der Augenblick, an dem ich mich zwischen der Malerei und dem Schreiben entscheiden musste. Es waren die Jahre, in denen ich gezwungen wurde, mich mit der „braunen“ Schuld meines Vaters auseinanderzusetzen, der Frage, ob er ein Mörder war: „Die Väter genießen die Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf.“ Ich schrieb über die Vergangenheitsbewältigung in der Nazi-Söhne-Generation meinen Roman Das Spiel, von dem ich hier bislang nur ein paar Bruchstücke veröffentlicht habe. Das Buch und sein Thema beschäftigten mich viele Jahre, ließen mich reifen. Die Literatur ist eine eifersüchtige Geliebte. Sie duldet keine andere Muse neben sich. Sie will den ganzen Menschen mit Haut und Haar und ich war ihr seit unserer ersten Begegnung leidenschaftlich verfallen. Das wollte ich wirklich und das will ich auch heute noch: In und mit und vielleicht auch von der Literatur leben. Danach habe ich mein ganzes Leben ausgerichtet, Schreiben ist mein Lebensziel und -zweck. Ich hatte keine wirkliche Wahl – die Literatur entschied sich für mich.

Dennoch (hier bewusst das weiche, bedauernde „dennoch“, nicht das trotzige, zornige „trotzdem“), dennoch bleibt etwas zurück, wenn ich meine frühen Versuche auf dem Gebiet der Malerei betrachte. Es ist eine nachgiebige, melancholische Stimmung; eine Nachdenklichkeit, die Erkenntnis, dass alles auch anders hätte werden können, mein Leben und damit ich selbst ein völlig anderer hätten werden können. Was wäre geschehen, wenn ich mich damals für die Malerei und die Lyrik entschieden hätte? Oder wenn ich einfach aufgehört hätte, Kunst zu machen? Wäre alles besser verlaufen? Das ist ein nutzloser Gedanke, wie das bunte Herbstblatt eines alten Baumes, das der Sturm endlich herabgezerrt hat und das nun wie ein toter Schmetterling im feuchten Dreck der grauen Straße liegt.

Ein kurzer bedauernder Blick sei mir jedoch vergönnt, dann gehe ich auch brav meinen einsamen Weg weiter …


(1) Gibt es das überhaupt noch, graues Umweltschutzpapier? Wahrscheinlich ist sie ausgestorben wie die Jutetasche und die Anti-Atomkraft-Buttons. Manchmal glaube ich, es sind mehr Dinge aus meinen jungen Jahren verloren gegangen, als neue in den späteren dazu kamen. Heute bekam ich von meinem Bruder eine Urlaubspostkarte vom Bodensee; er ist wahrscheinlich der letzte Mensch auf Erden, der kein Instagram oder Whats-App hat. Wann habe ich eigentlich die letzte Postkarte geschrieben? Vor fünf, vor zehn Jahren? Merkwürdig, man erinnert sich meist, wann man etwas zum ersten Mal getan hat, aber nie, wann man es zum letzten Mal tat. – Und ich habe jetzt überhaupt keine Ahunung, was diese Gedanken mit meinem Text oben zu tun haben …

(2) Also gut, weil ich so nett gefragt wurde:

Blauer Schmetterling

Heute schneit es direkt in mein Herz.
Heute ist die Straße glatt, die mich zu dir führt.

Heute dampft Nebel über den Böden.
Heute verliere ich meinen Weg im Schnee.

Heute liegt Kälte wie ein Leichentuch auf den Feldern.
Heute friert meine Seele, liegt nackt vor dir.

Doch schon morgen wird das anders sein.
Morgen bin ich dein Schmetterling,
tanze wie Staub in der Sonne,
flattere wie ein Lachen durch die Luft.

Morgen.

Geilwuchs

Aus aktuellem Anlass:

Die Sumpfblüte

Es ist wieder so weit: Das schwülheiße Wetter und die damit verbundenen Wärmegewitter im August haben nicht nur Pilze in meinem Rasen und eine neue Generation blutgieriger Mücken ausgebrütet, sondern auch ein besonders lästiges Unkraut, das nicht in jedem Jahr, aber meist in der Zeit meines Sommerurlaubs innerhalb weniger Tage heranwächst und das Dorf und die nahe Stadt verschandelt und überwuchert:

Es handelt sich um das gemeine Wahlplakat (pergamentum electionis vulgaris), das sich gerade wie eine Seuche ausbreitet, gegen die es kein Unkrautmittel zu geben scheint. Die gemeine Ackerwinde (Convolvulus arvensis vulgaris) ist harmlos dagegen.

An allen möglichen und unmöglichen Orten schießen wegen der Bundestagswahlen diese unheimlichen Pflänzchen wie Spargel aus dem Boden, es sind inzwischen so viele, dass eigentlich kein Platz mehr für neue bleibt, will man nicht Fenster, Böden oder Haustiere bekleben.

Kein Laternenmast, kein Baumstamm, keinen Bauzaun und keine Wand gibt es mehr, von der nicht ein schmierig grinsender Mensch stolz auf mich herabblickt, kein Fuß- oder Radweg, ab dem mich nicht eine Reihe Aufsteller mit Zwei- oder maximal Dreiwort-Parolen zu ständigen Umwegen zwingt. Hundertmal sehe ich in das gleiche flache, mit Photoshop geschönte, schwarzweiße Gesicht, das schon beim ersten Anblick wie eine kalte Dusche wirkte, lese zwanghaft die den Verstand beleidigenden Worthülsen, die offenbar eine Druckmaschine mit Zufallsgenerator unter die Köpfe gesetzt hat. Die Kandiaten, die sich auf meine Kosten für die nächsten Jahre bequem ins Parlament setzen wollen, benutzen immergleiche Textbausteine:

– „Für …“ (bitte selbst ein politisch korrektes Wort einsetzen, es bieten sich an: Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Miteinander, Mitte, Werte, Energiewende, Umweltschutz, Deutschland, Jugend, Alter, Kitas, Kinder, Arbeitnehmer, Europa, DSL für alle, endlich eine Umgehungsstraße, Freibier. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es sicherlich das erfolgreichste wäre. Manches der leeren Worthülsen benötigt noch ein passendes Adjektiv. „sozial“, „frei“, „gerecht“ sind die beliebteste.)

– Gegen …“ (bitte selbst ein politisch unkorrektes Wort einsetzen. Vorgeschlagene Wörter: Steuern, Zuwanderer, Rüstung, Kapitalismus, Internetüberwachung, Energiewende, Reiche, Europa, Euro, die Umgehungsstraße, Brokkoli. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es bei mir sicherlich das erfolgreichste wäre. Das „Gegen“-Pflänzchen ist eher bei den Radikalen von links und rechts zu finden; dieses Unkraut wächst übrigens am höchsten hinaus, was den Vorteil hat, dass doch einiges über dem Gesichtsfeld hängt und leichter übersehen werden kann.)

– „Ich bin…“ (gut, jung, gesund, aufgeschlossen, dynamisch, sportlich, ehrlich, zuverlässig, für sie da, Anwalt, Bauer, Diplom-Ökologe, Rentner, Schulrat, Hausfrau und Mutter, Musiker, vegetarischer Metzger, aus dem Volk, kurz: ganz toll. Aber das schreibt keiner.)

– „wählt…“ (Kürzel der Partei, den Frieden, die Freiheit, die Eierkuchen, Jesus, Karl Marx, überhaupt mal, ihr Pfeifen!, kurz: „Wählt verdammt noch mal mich! Sonst muss ich mir eine vernünftige Arbeit suchen!“ Aber das schreibt keiner.)

Die CSU geht hauptsächlich mit Einwortsätzen  und der „Sicherheit“ hausieren: „Bayern. Zukunft“ und „Bayern. Freiheit.“ Statt „CSU“ könnte wirklich jeder beliebige andere Parteienname über Slogan und Bild stehen. Die Beliebigkeit hat ihren Gipfel erreicht. Und das ist doch eine sinnvolle Idee:

Könnte man nicht einfach ein wiederverwendbares Standardwahlplakat mit einer attraktiven jungen Frau Mustermann  (Das ist Geschlechtergerechtigkeit: Wir sind alle attraktive junge Frauen und Professorinnen) drucken, auf dem „Für das Gute. Gegen das Schlechte. Wählt mich und meine Partei“ und darunter der Wahltermin stehen? Es würde dann per Gesetz beschlossen, dass pro Straße nur zwei dieser Infoplakate gehängt werden dürfen, in jede Fahrtrichtung eines. Was könnte man sinnlos verbratenes Geld einsparen und wie viel schöner wären unsere Innenstädte!

PS. Eine Abart des pergamentum electionis vulgaris sind die epistolae electionis, die – kaum informativer – im Briefkasten siedeln und als Schmarotzerpflanze langsam die restliche Post vertreiben. Besonders eklig sind die braunen Epistolae, die unsere Dorfnazis – vulgo AFD’ler – vor den Wahlterminen verteilen. Leider erwische ich ihn nie bei seinen sinistren Machenschaften, aber eines weiß ich: Wenn er nicht aufhört, mir seinen stinkenden Unrat in den Briefkasten zu stecken, dann fäkiere ich auch mal in seinen …

Nur gut, dass diese Seuche ab Sonntag so schnell wieder verschwindet, wie sie aufgetaucht ist. Bis zur nächsten Wahl …

PS.: Dies war übrigens einer meiner Blogartikel, der es nicht geschafft hat, in mein köstliches und überall im Handel erhältliches Büchlein  „Noch einmal davon gekommen“ aufgenommen zu werden, in dem ich meine besten Glossen, Kurzgeschichten und Texte gesammelt habe und auf das ich hier noch einmal hinweisen möchte:

Noch einmal davon gekommen
Glossen, 228 Seiten, reich illustriert
Taschenbuch und E-Book
ISBN 978-3745043006

Der Freitagsaufreger (XXXI) – Kandidaten

Ich, ich, ich! Wähle mich!

Nach der Wahl ist vor der Wahl.

Überall auf den Bürgersteigen, Straßengräben, Feldrainen und an Zäunen und Hauswänden überwuchert ihr Geilwuchs wieder die normalen Bierwerbe- und Gartenausstellungsplakate und verschandelt mein ohnehin nicht gerade hübsches Dorf mit einer Portraitaustellung des Grauens: Großformatige Wahlplakate, die die lächelnden Gemeinde-, Stadt- und Landräte, sowie die Kreistagsabgeordneten in spe, vor allem aber die Bürgermeisterkandiaten en face oder in einem noch näher herangezoomten Ausschnitt zeigen, so scharf vergrößert teilweise, dass man die Poren und Unreinheiten ihrer Haut sehen kann; eine abschreckende Nähe, die mich teilweise bis in den Schlaf verfolgt.

Betrachtet man die nahezu unüberschaubare Menge an pittoresken (ha!) Menschen, die unbedingt Bürgermeister meines im Weichbild von Augsburg gelegenen Wohn- und Schlafdorfes(1) werden wollen, fragt man sich unwillkürlich, wer denn nicht in irgendein politisches Amt gewählt werden will.

Bei der letzten Wahl vor sechs Jahren war noch alles anders: Damals hatte Diedorf praktisch eine Einheitsliste, auf der nur der Name des verdienten parteilosen Bürgermeisters stand, der diesen Job schon seit 1990 zur Zufriedenheit der Diedorfer erledigte und inzwischen heiliggesprochen und sakrosankt war. Das brachte ihm Wählerprozente ein, für die sich asiatischen Diktatoren geschämt hätten. Doch aus gesundheitlichen Gründen stellt er sich in diesem Jahr nicht mehr zur Wahl. Diese Entscheidung hat so viele Kandiaten auf den Plan gerufen, die ihn beerben wollen, dass nun kaum mehr ein Quadratzentimeter des Ortes ohne die Last eines Wahlplakates auskommen muss. Jeden Tag vermüllt eine „Wahlinformation“ meinen Briefkasten, der Weg zum Bäcker oder zum Wertstoffhof (!) gerät zum Spießrutenlauf, weil eines der Plakatgesichter wie eine Katze auf eine Maus auflauert und einem unbedingt Gummibärchen oder einen Kugelschreiber schenken will.(2)

Es wollen gewählt werden:

– ein CSU-Kandiat, der öffentlich zugibt, dass er seine ausschließlich schwarzen Socken (warum wundert mich das nicht?) nach der Reihenfolge ihrer Frische aus dem Schrank nimmt und anzieht; seine Frau also nach dem Waschen die neuesten nach hinten räumen muss. Wehe wenn nicht!

– Der CSU’ler soll bei seiner Wahl zum obersten Listenkandidaten etwas nachgeholfen haben; deshalb gibt es eine Gruppe Abtrünniger um den bisherigen 2. Bügermeister, die in einem für Schwaben typischen Schisma ihre eigene Partei („Wir für Diedorf“) gegründet hat. Ihr Kandiat sieht auf den Plakaten aus, als hätte er drei Tage hintereinander in einem Stall geschlafen.

– apropos schlecht geschlafen: Bei den Grünen hat es auch ordentlich gekracht und ihr Kandiat wirkt so übernächtigt und erschöpft, dass er, sollte er gewählt werden, wohl erstmal ein paar Monate auf Kur gehen muss. Müder sieht eigentlich nur:

– die Dame von der SPD aus. Ich weiß nicht, ob es schon vorher Koalitionsverhandlungen mit obigen gab, aber ihr täte ein Erholungsurlaub ebenso gut. Aber es ist ja egal, wen die SPD aufstellt, die wählt hier eh niemand.

– dann gibt es noch die Kanditaten von den Freien Wählern und von der Bürgerunion. Der eine ist so alt wie der andere unsymphatisch. Manche Menschen lächeln nicht, sie fletschen ihre Zähne. Habe ich noch einen vergessen?

– Ach ja, die zweite Dame, parteilos: Sie ist Weltmeisterin im Kickboxen (das ist – zusammengefasst – ihr Programm) und hat die meiste Presseaufmerksamkeit.

Das Wahlprogramm der zukünftigen Bürgermeister ist identisch: Man will endlich die Umgehungsstraße(3), einen „definierteren“ Ortskern, eine bessere und schnellere Verkehrs- und Internetanbindung und fast jeder Kandidat wünscht sich ein Schuhgeschäft vor Ort. (Warum auch immer, mir persönlich wäre ein Billigbuchladen oder ein Elektronikgeschäft lieber…)

Es fehlt eigentlich nur noch das Augschburger Kaschperle und man würde sich wie bei einem Kabarettabend der Puppenkiste fühlen. Aber das will ja auch in die Rente gehen…

diedorf

Wen also werde ich am Sonntag in einer Woche wählen? Nun, es gibt noch die letzte Alternative, auf dem Wahlzettel einen eigenen Vorschlag zu vermerken. Ich dachte da an mich selbst. Nikolaus Klammer, Bürgermeister von Diedorf. Das macht sich doch gut auf der Visitenkarte. Ich verspreche das gleiche wie alle anderen und dazu noch Freibier und Kugelschreiber (Ich habe noch einige übrig). Glaubt mir, Diedorf und die Welt wären besser, wenn ich die politische Verantwortung hätte.

Vielleicht schaffe ich es ja bis in die Stichwahl…

____

(1) Weichbild. Ich liebe dieses Wort. Es ist ein Euphemismus für Speckgürtel. Diedorf liegt an der vielbefahrenen Bahnstrecke Augsburg – Ulm und ist ein geradezu archetypischer zersiedelter bayerischer Markt ohne eigentlichem Ortszentrum, der in der Hauptsache aus Eigenheimmonokulturen, einer großen Straße mit ordentlichem Durchgangsverkehr, Aldi, Lidl, Netto und ein wenig Einzelhandel besteht und von der schmalen Pfeilspitze der Herz-Mariä-Kirche überragt wird, einer ausnehmend hässlichen Architektensünde aus den späten 60ern. Erwähnenswert ist noch die Fa. Keimfarben, die am Ortseingang kaum übersehbar ihren Stammsitz hat und mit deren Farben z. B. das Weiße Haus in Washington D.C. gestrichen ist. Dazu kommen ein paar eingemeindete bäuerliche Gemeinden im näheren Umland. Weichbild eben…

(2) Nebenbei: Kann den Leuten mal jemand sagen, dass ich nicht noch mehr Kugelschreiber brauche; die „Bundestagswahlkugelschreiber“ aus dem Vorjahr reichen locker für die nächsten zehn Jahre. Filzstifte wären nicht schlecht. Oder Bleistifte, am Besten mit Radiergummi. Davon habe ich nie genug.

(3) Diese Forderung liegt dem Diedorfer in den Genen. Kürzlich hat man auf dem Gelände der alten Kirche eine Tuffsteingruft aus dem Frühmittelalter ausgegraben, wobei man auf einen römische Stele stieß, auf der zu lesen war, dass „die Umgehung nun aber wirklich bald kommen wird.“

Der Freitagsaufreger (XIII) – Vergebliche Mühen

Tand. Tand. Die Werke von Menschenhand.

Im März 1983 fanden vorgezogene Bundestagswahlen statt, weil im Vorjahr der damalige Kanzler Helmut Schmidt an einem Misstrauensvotum gescheitert war. Die sozialliberale Koalition war zerbrochen und das Wort von den „Wändehälsen“ machte die Runde. Wie jeder weiß, wurde in dieser Wahl Helmut Kohl als Kanzler bestätigt und regierte wie festgemauert in der Erden, weitere 16 Jahre mussten’s werden. Die „Grünen“ zogen zum ersten Mal ins Parlament ein.

Ich war gerade volljährig geworden und hatte zum ersten Mal einen Wahlzettel mit der Post zugeschickt bekommen. Ich brannte im Inneren auf den Wahlsonntag, mich erwärmte das Feuer der Demokratie. Ich war stolz, dass ich meine bedeutende Stimme erheben und vergeben durfte. Ich tat meine staatsbürgerliche Pflicht. Ich war wichtig!

Kurz nach Öffnung des Wahllokals, das in einem Gymnasium eingerichtet war, fand ich mich bereits als aufrechter Staatsbürger mit einem nagelneuen Ausweis und dem Wahlzettel in der zitternden Hand ein. Wie groß war die Freude, als auf der Liste tatsächlich noch überhalb der Namen meiner Eltern der meine auftauchte. Jetzt war ich endgültig im Erwachsenenleben angekommen; das war viel besser, als nach zehn Uhr noch im Annapam hocken zu dürfen und mit den Kumpels über Politik, Literatur und Frauen zu diskutieren. Ich war aufgeregt wegen der Dinge, die in der Wahlkabine – drei wacklig nebeneinander aufgestellte und notdürftig mit Paketklebeband verbundene Bretter auf einer Schulbank – passieren würden, denn meine Eltern hatten mich nie mit zur Wahl genommen: Ihre Wahlentscheidungen gingen mich nichts an, obwohl es offensichtlich war, dass sie immer die Bayerische Mehrheitspartei wählten.

Obgleich ich schon vorher wusste, wen ich wählen würde, ließ ich mir selbstverständlich alle Zeit der Welt, las auf jeder Liste alle Namen und Berufe. Mir fiel auf, dass man den Rotstift mit einer so kurzen Schnur an dem Wackelbrett befestigt hatte, dass es kompiziert bis unmöglich war, mit ihm ein Kreuzchen in den abgelegeneren Teilen der riesigen Wahlzettels zu machen. Aber da in Bayern traditionell zwei Drittel die CSU wählen, war das wahrscheinlich nur eine gutgemeinte Suchhilfe. Ich war gut informiert, wusste um den Unterschied zwischen Erst- und Zweitstimme und welche die wichtigere von beiden war. Mich konnten die Liberalen nicht reinlegen. Und ich war 18, trug einen „Stoppt die Atomindustrie“-Button an den bundeswehrgrünen Parka geheftet, war selbstredend für „Petting statt Pershing“* und hatte mich in Wackersdorf von der Polizei nassspritzen lassen. Wie heißt es so schön: „Wer 18 ist und nicht links wählt, hat kein Herz“. wahl

Nachdem ich meine Wahlzettel in die Urne gestopft hatte, ging ich erhobenen Hauptes aus dem umfunktionierten Klassenzimmer. In diesem Moment kamen mir 30 Nonnen und zwei Kapläne als deren Aufpasser entgegen. Sie waren nach der morgendlichen Frühmessen-Indoktrination  mit einem Kleinbus vom nahen Kloster zum Wählen herübertransportiert worden. In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal in meinem Leben bewusst, wie vergeblich die meisten Dinge sind, die ich unternehme. Ich könnte sie gleich lassen: Meine Stimme hatte ich völlig umsonst abgegeben, gegen diese massiv hereinschwappende schwarze Flut war ich machtlos. Da konnte ich wählen, wen ich wollte: Es war belanglos. Meine Stimme wurde einfach ertränkt.

Ein weiteres Beispiel: Vor etwa zehn Jahren habe ich 25 Kilo abgespeckt. Mich hatte eine frühe, aber heftige Form der midlife-crisis erwischt und das massive Abnehmen war eines meiner Medikamente gegen diese Krankheit. Es funktionierte: Ich war plötzlich, für mich selbst überraschend, rank und schlank – ranker und schlanker denn je – fühlte mich jung und sportlich, attraktiv und erfolgreich. Ein gutes Gefühl, aber es hielt nicht lange an. Gegen die massiv hereinschwappende fette Flut war ich machtlos. Der Dominoeffekt wirkte und es ging wieder in die Breite. Ich habe mich die 25 Kilo nie mehr hochgefressen; dies gelingt aber nur, indem ich in jedem Jahr über Wochen hinweg streng faste. Und je häufiger ich Diät halte, um so schwieriger ist es, wieder auf ein normales Gewicht herabzufinden und um so schneller ist das Kampfgewicht wieder erreicht. Rauf und runter, eine ewige Tretmühle, vergebliche Mühen…

Aber ich habe auch meinen Dickschädel: Ich werde am Sonntag (und am Sonntag drauf) gemeinsam mit meinem Sohn Nr. 2** zur Wahl gehen. Ich gebe meine kleine, unbedeutende Stimme, die ich als Demokrat eigentlich besser behalten sollte, jener Partei, die ich momentan in Umkehrung der Leibnizschen Theodizee für die „am wenigsten Schlechte aller möglichen Parteien“ halte.*** Und dann gehe ich auf den Diedorfer Herbstmarkt, esse dort den fettesten und größten Steckerlfisch und dazu trinke ich ein dunkles Bier, nehme mir eine Flasche zu süßen Federweißen mit und abends gibt es noch Zwiebelkuchen.

Vor Weihnachten werde ich wieder etwas abnehmen müssen..

* Die jüngeren unter meinen Lesern müssen jetzt ganz vorsichtig googlen und sollten die Bildersuche meiden. Das wird mir wieder einige Irrläufer auf meinem Blog einbringen (siehe vorgestern).

** Es sind übrigens seine Augen, die den Leser über den Freitagsaufregern wutentbrannt anstarren. Ich muss mich etwa zwei- bis dreimal am Tag diesem Blick aussetzen. Er ist endlich volljährig geworden und hat zum ersten Mal einen Wahlzettel mit der Post zugeschickt bekommen. Er brennt im Inneren auf den Wahlsonntag, ihn erwärmt das Feuer der Demokratie. Er ist stolz, dass er seine bedeutende Stimme erheben und vergeben darf. Er tut seine staatsbürgerliche Pflicht. Er ist wichtig! Das ist viel besser, als nach zwölf Uhr noch in der „Rockfabrik“ hocken zu dürfen und mit den Kumpels die Musik überschreiend über Politik und Frauen zu diskutieren.

*** Ich weiß, wie der Spruch weiter geht: „Wer mit 50 noch links wählt, hat kein Gehirn.“ Aber im Herzen bin ich noch immer 18!

Der Freitagsaufreger (IX) – Geilwuchs

Die Sumpfblüte

Es ist wieder so weit: Das schwülheiße Wetter und die damit verbundenen Wärmegewitter haben nicht nur Pilze in meinem Rasen und eine neue Generation blutgieriger Mücken ausgebrütet, sondern auch ein besonders lästiges Unkraut, das nicht in jedem Jahr, aber meist in der Zeit meines Sommerurlaubs innerhalb weniger Tage heranwächst und das Dorf und die nahe Stadt verschandelt und überwuchert:

Es handelt sich um das gemeine Wahlplakat (pergamentum electionis vulgaris), das sich gerade in diesem schweißtreibenden Juli wie eine Seuche ausbreitet, gegen die es kein Unkrautmittel gibt.

Hier in Bayern schießen bereits jetzt wegen der Land- und Bezirkstagswahlen die heimischen Pflänzchen wie Spargel aus dem Boden, es sind inzwischen so viele, dass für die Importware von der Bundestagswahl eine Woche darauf eigentlich kein Platz mehr bleibt, will man nicht Fenster, Böden oder Haustiere bekleben.

Kein Laternenmast, kein Baumstamm, keinen Bauzaun und keine Wand gibt es mehr, von der nicht ein schmierig grinsender Mensch stolz auf mich herabblickt, kein Fuß- oder Radweg, ab dem mich nicht eine Reihe Aufsteller mit Zwei- oder maximal Dreiwort-Parolen zu ständigen Umwegen zwingt. Hundertmal sehe ich in das gleiche flache, mit Photoshop geschönte Gesicht, das schon beim ersten Anblick wie einwort2e kalte Dusche wirkte, lese zwanghaft die den Verstand beleidigenden Worthülsen, die offenbar eine Druckmaschine mit Zufallsgenerator unter die Köpfe gesetzt hat. Es sind immergleiche Textbausteine, die sich auf meine Kosten für die nächsten Jahre bequem ins Parlament oder den Landrat setzen wollen:

– „Für …“ (bitte selbst ein politisch korrektes Wort einsetzen, es bieten sich an: Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden, Bildung, Miteinander, Mitte, Werte, Energiewende, Umweltschutz, Deutschland, Jugend, Alter, Kitas, Kinder, Arbeitnehmer, Europa, DSL für alle, endlich eine Umgehungsstraße, Freibier. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es sicherlich das erfolgreichste wäre. Manches der leeren Worthülsen benötigt noch ein passendes Adjektiv. „sozial“ ist das beliebteste.)

– Gegen …“ (bitte selbst ein politisch unkorrektes Wort einsetzen. Vorgeschlagene Wörter: Steuern, Zuwanderer, Rüstung, Kapitalismus, Internetüberwachung, Energiewende, Reiche, Europa, Euro, die Umgehungsstraße, Brokkoli. Das letztere Wort wird für meinen Geschmack viel zu selten benutzt, obwohl es bei mir sicherlich das erfolgreichste wäre. Das „Gegen“-Pflänzchen ist eher bei den Radikalen von links und rechts zu finden; dieses Unkraut wächst übrigens am höchsten hinaus, was den Vorteil hat, dass doch einiges über dem Gesichtsfeld hängt und leichter übersehen werden kann.)

– „Ich bin…“ (gut, jung, gesund, aufgeschlossen, dynamisch, sportlich, ehrlich, zuverlässig, für sie da, Anwalt, Bauer, Diplom-Ökologe, Rentner, Schulrat, Hausfrau und Mutter, Musiker, vegetarischer Metzger, aus dem Volk, kurz: ganz toll. Aber das schreibt keiner.)

– „wählt…“ (Kürzel der Partei, den Frieden, die Freiheit, die Eierkuchen, Jesus, Karl Marx, überhaupt mal, ihr Pfeifen!, kurz: „Wählt verdammt noch mal mich! Sonst muss ich mir eine vernünftige Arbeit suchen!“ Aber das schreibt keiner.)

wort

Ein Mann hält „Wort“

Die CSU geht tatsächlich mit Einwortsätzen hausieren: „Bayern. Zukunft“ und „Bayern. Freiheit.“ Statt „CSU“ könnte wirklich jeder beliebige andere Parteienname über Slogan und Bild stehen. Die Beliebigkeit hat ihren Gipfel erreicht. Und das ist doch eine sinnvolle Idee:

Könnte man nicht einfach ein wiederverwendbares Standardwahlplakat mit einer attraktiven jungen Frau Mustermann  (Geschlechtergerechtigkeit: Wir sind alle attraktive junge Frauen und Professorinnen) drucken, auf dem „Für das Gute. Gegen das Schlechte. Wählt mich und meine Partei“ und darunter der Wahltermin stehen? Es würde dann per Gesetz beschlossen, dass pro Straße nur zwei dieser Infoplakate gehängt werden dürfen, in jede Fahrtrichtung eines. Was könnte man sinnlos verbratenes Geld einsparen und wie viel schöner wären unsere Innenstädte!

PS. Eine Abart des pergamentum electionis vulgaris sind die epistolae electionis, die – kaum informativer – im Briefkasten siedeln und als Schmarotzerpflanze langsam die restliche Post vertreiben. Besonders eklig sind die braunen Epistolae, die unser Dorfnazi vor den Wahlterminen verteilt. Leider erwische ich ihn nie bei seinen sinistren Machenschaften, aber eines weiß ich: Wenn er nicht aufhört, mir seinen stinkenden Unrat in den Briefkasten zu stecken, dann fäkiere ich auch mal in seinen…

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