Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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Der Freitagsaufreger (38) – Verlage und ich

Ich bin fassungslos …

 

Ich fürchte, heute werden mir die Gänsefüßchen und Klammern auf meiner Tastatur ausgehen – und die Baldriantropfen. Ich bin angefressen wie nur selten und daran ist der Piper-Verlag schuld. Er scheint mir geradezu paradigmatisch für jene deutschen Verlage zu stehen, denen der Autor ein eher lästiger bis störender Faktor in ihrer wirtschaftlichen Gesamtrechnung ist.

 

Wie ich gerade sehe, verunziert der Piper-Verlag seine aktuelle Taschenbuchausgabe von Thomas Hardys grandiosem „Tess“-Roman ausgerechnet mit einem riesigen, überaus hässlichen orangen Fleck, in dem eine angebliche Aussage der 50-Shades-of-Gray-Produzentin (meine Hand weigert sich standhaft, sie als „Autorin“ zu bezeichnen) zu lesen ist, diese Geschichte sei Teil ihrer Inspiration für ihren „Roman“ gewesen. Man kann diesen Aufkleber nicht einmal ablösen, um das Buch in Ruhe und ohne Scham in der Öffentlichkeit lesen zu können. Im Werbetext heißt es dann tatsächlich: „Entdecken auch Sie die Faszination dieses Buchs, mit dem die zügellose Leidenschaft zwischen der Studentin und dem attraktiven Unternehmer ihren Anfang nahm.“ (!) Zuerst glaubte ich an einen verspäteten Aprilscherz, aber offenbar ist es dem Verlag damit ernst.
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Tess und SM – Ich könnte kotzen …

 

Mich ärgert es als Autor bereits maßlos, wenn ein Roman im Buchhandel plötzlich auf dem Titel ein Foto aus der Verfilmung trägt und darüber in Verwechslung von Ursache und Wirkung aufdringlich „Das Buch zum Film“ zu lesen ist. Das ist Hardy übrigens auch schon passiert. Wie weit ist es mit den Verlagen jedoch gekommen, wenn die Produzentin einer SM-Schmonzette (wir warten auf ihr neues Buch, das die Geschichte des Herrn Grey und seiner devoten Sekretärin aus der Sicht seines Schäferhunds beschreibt), die urspünglich Fan-Fiction (ich habe zuerst unbewusst „Fan-Ficktion“ geschrieben – Freud’sche Fehlleistung) zu den glitzernden Vampiren war, als Garant für gute Literatur zitiert wird. Klar, jeder Fantasy-Roman muss mit dem unsäglich langweiligen, rassistischen „Herrn der Ringe“ verglichen werden und jedes Buch ist „Augenkino“ (wer hat eigentlich diesen blödsinnigen Begriff erfunden? Aber Thomas Hardy – Thomas Hardy? Seine immer nach Kartoffelfeuer und Herbstlaub riechenden Romane aus der erfundenen Provinz Wessex waren zwar in viktorianischer Zeit skandalös, weil sie starke, selbstbestimme Frauen zeigten, haben aber mit Pornografie und SM so viel zu tun wie A. A. Milnes Winnie the Puh. Was, um Himmels Willen, hat das Machwerk dieser E. L. James mit Tess von den d’Urbervilles (wahrscheinlich wurde der Titel gekürzt, weil man dem 50-Shades-Publikum nicht zutraut, ihn richtig auszusprechen) gemein – außer dass in beiden Fällen Buchstaben benutzt wurden, um das Werk zu Papier zu bringen? Werden wir demnächst Hinweise auf die „Grautöne“ auch auf den Romanen von Henry James finden, weil der mit der schriftstellernden Dame zufällig den Nachnamen teilt und ab und an eine emanzipierte Frau vorkommen lässt? Sehen wir bald auf Goethes „Wilhelm Meister“ die Anmerkung kleben, dieses Werk habe die Rowlings zu „Harry Potter“ und Dantes „Inferno“ die Produzenten von „Walking Dead“ zu ihrer Fernsehserie inspiriert? Oder auf Dostojewskys „Schuld und Sühne“, diese Geschichte sei Teil der Inspiration für den neuen Kluftinger-Heimatkrimi gewesen? „Entdecken auch Sie die Faszination dieses Buchs, mit dem die Fälle des Kriminalkommisars aus dem Allgäu ihren Anfang nahmen“. Ich muss hier meine Fantasie zügeln, sonst bekomme ich noch ein Magengeschür.

 

Was ist mit den deutschen Verlagen los, mit Piper, Suhrkamp, Rowohlt, Hanser und den anderen – früher waren sie doch einmal Garanten für Qualität? Beschäftigen sie in ihren Räumen blutjunge Praktikantinnen und Bachelors und keine Lektoren mehr? Lassen sie nur noch von geknechteten Übersetzern Lizenzromane aus dem Englischen übertragen, weil es so schön billig ist? Ist es bereits ein Risiko, einen Roman von Hardy nachzudrucken, ohne ihn in einen Kontext mit einem irgendeinem Bestseller zu stellen? Ich fürchte, wir erleben gerade alle einen Niedergang des deutschen Verlagswesens, wie er noch nie stattgefunden hat.

 

Freilich, es wird immer weniger gelesen (Mein niveauloser Zwilling auf siebenhardt.wordpress.com, der Fantasyautor Niklas, wollte eben seinen neuen Roman gratis verteilen und hat eben die Erfahrung gemacht, dass die meisten seiner Follower seinen neuen Roman nicht einmal dann geschenkt haben wollen, wenn er sogar die Portogebühr für seine Übersendung übernimmt). Bücher sind einfach nichts mehr wert. Aber einen der größten Romane der Weltliteratur auf diese Weise bewerben, als sei er ein Schokoriegel oder eine Wichsvorlage – das ist schäbig, billig, beschämend.

 

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Anmerkung: Ich für meinen Teil habe längst die Konsequenzen gezogen. Ich glaube nicht an Verlage und reiche dort auch keinen meiner Texte ein (Was eh erfolglos wäre, da der Verlag mit mir nur Ehre, aber kein Geld gewinnen könnte).

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