Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

Archiv für das Schlagwort “Verena Salva”

Ist sie unsterblich?

Das sind Fotos von Verena Salva, der meine Leser in meinen geheimnisvollen Geltsamer-Romanen begegnen können. Zwischen den beiden Aufnahmen der jungen Dame liegen über 80 Jahre (!). Merkwürdig … wie kann es sein, dass diese Frau schon 100 Jahre alt ist? Hat sie im Amazonasdschungel die Quelle der ewigen Jugend gefunden, nach der Konquistador Juan Ponce de León vergeblich forschte?

Verena Salva hat übrigens auch einen Blog, in dem sie Fotos, Interviews und Gedichte veröffentlicht. Vielleicht gibt sie ja dort die Antwort preis:

rosmarinkatze.wordpress.com

Oder du liest einfach meine spannenden 3 Romane

Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren

Band 1: Die Frau, die der Dschungel verschluckte
Band 2: Die Hyänen von Berlin
Band 3: Das Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow,

die du preiswert in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich auch in den Internetbookstores in der gebundenen Ausgabe oder als E-Book erwerben kannst.

Band 4: In den Bücherkellern des Vatikans

ist bereits in Arbeit.

Ausflug in die Vergangenheit

Nach Hans-Dieter Heuns Märchen Das melancholische Bibabirnentalerbutzengirl folgt nun ein weiterer Gastbeitrag; diesmal von einer jungen Autorin, die gerne anonym bleiben möchte und sich deshalb nach einer Figur aus meinen Geltsamer-Romanen Verena Salva getauft hat. Es ist eine intime, melancholische Annäherung an die eigene Kindheit und ihren längst verstorbenen Großvater. Danke für diesen Text, Verena, auch wenn es mich vor Lakritze, besonders in der gesalzenen Version, ziemlich gruselt!

Ich freue mich schon auf die nächste Geschichte und möchte noch einmal meine schreibenden Kollegen an mein Angebot erinnern, dass sie hier auf meinem Blog jederzeit einen Text veröffentlichen können.

 

Ausflug in die Vergangenheit

Eine Kurzgeschichte von Verena Salva

lakritze1

Immer wenn ich in besonders schlechter Stimmung bin oder sich meine Muse wieder einmal in den Untiefen meiner Seele versteckt hat, greife ich zu einer ganz besonderen Süßigkeit: den Lakritzschnecken. Gerade jetzt, wenn es durchgehend regnet, brauche ich diese Nascherei besonders oft. Mein Freund verschmäht diesen Süßkram. Er versteht nicht, warum ich gerade Lakritze so gerne mag. Erklären kann ich es nicht wirklich. Dennoch – und so lächerlich sich das anhört – fühle ich mich dieser Süßigkeit ganz besonders verbunden …

Es ist bereits dunkel draußen, wieder regnet es. Ich, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, sitze auf dem schweren Ledersofa meiner Großeltern. Die Wochenenden, die ich bei ihnen verbringen darf, gehören zu den glücklichsten Erinnerungen, die ich später an meine Kindheit haben werde. Vorsichtig lege ich meine Hand auf das Fell des belgischen Schäferhundes, der sich neben mir breit gemacht hat. Die große, gelbe Hündin hebt ruckartig den Kopf und sieht mich aus ihren klugen Augen misstrauisch an. Wie immer, versuche ich nicht zurückzuzucken. Nach einem kurzen Augenblick befindet sie meine Berührung als tolerierbar und legt ihren Kopf mit einem leisen Seufzen wieder zurück auf die Sofalehne.

Mein Großvater liegt auf dem Zweiersofa, das im rechten Winkel zur großen Couch ausgerichtet ist und sieht zwischen seinen Füßen hindurch gebannt auf den Fernseher. In meinen Augen hat er unglaublich große Füße und immer stecken sie in den scheußlichen Wollsocken, die meine Urgroßmutter so liebend gern strickt und zu jedem Anlass verschenkt.

Opili (so dürfen wir ihn nennen und eine Zeit lang dachte ich sogar, das sei sein Name) ist ein großer Fußballfan. Er sieht sich jedes Spiel an, das von seiner Lieblingsmannschaft Werder Bremen im Fernsehen übertragen wird. Gerade läuft wieder so ein Spiel und weil ich eben nichts Besseres zu tun habe und das Buch mit den Zwergen dieses Wochenende auch schon durchgelesen habe, schaue ich mit ihm in die Röhre.

Auf dem Bauch meines Großvaters liegt eine Tüte mit Lakritzschnecken. Er isst sie bei jedem Spiel. Ich verstehe nicht, warum er diese Süßigkeit überhaupt mag. Aber er hat viele dieser merkwürdigen Vorlieben: Er isst zum Beispiel zu jeder warmen Mahlzeit Essiggurken aus dem Glas, steht nachts oft auf und macht sich Marmeladenbrote und hat mindestens schon ein Dutzend Mal mit dem Rauchen aufgehört, seit wir uns kennen. Und ich kenne ihn ja nun schon mein ganzes Leben lang.

In genau diesem Moment, als wüsste er, dass ich ihn schon seit einer Weile beobachte, hält er mir die Tüte mit den Naschereien hin. Er sieht mich nicht an und er spricht auch nicht. Bei Fußballspielen darf nicht gesprochen werden, sagt er immer. Das stört seine Konzentration. Schnell beeile ich mich eine Lakritzschnecke aus der Tüte zu fischen. Dabei passe ich mich auf, dass sich meine rechte Hand, die immer noch auf dem Fell der Hündin liegt, nicht bewegt. Sie ist für mich nicht ganz berechenbar und auch, wenn sie nicht beißt, so kann es gut sein, dass sie knurrt, wenn ihr etwas nicht passt. Das will ich nicht, denn erstens erschrecke ich mich dabei immer und zweitens möchte ich meinen Großvater nicht stören. Dieser zieht die Tüte wieder zurück und holt sich unter leisem Rascheln ebenfalls eine Süßigkeit heraus, steckt sie sich ganz in den Mund und kaut darauf herum.

Auch, wenn ich nicht verstehe, warum er Lakritze so gerne mag und sie für mich einfach komisch schmeckt, esse ich sie dennoch. Vorsichtig nehme ich das Ende zwischen die Zähne und rolle die Schnecke auf.

Ich werfe einen hektischen Blick in den Wintergarten. Dort sitzt, bei düsterem Licht und die Lesebrille auf der Nasenspitze, meine Großmutter und liest einen ihrer Heimatromane. Später, wenn ich vierzehn Jahre alt bin, werde ich selbst einmal diese Romane lesen. In dieser Zeit wird kein Buch vor mir sicher sein. Doch auch, wenn ich jeden der Romane meiner Großmutter gelesen haben werde, werde ich nicht verstehen, was sie daran findet. Wahrscheinlich kann ich einfach nicht so gut mit der Protagonistin Erika mitfühlen, die sich einfach nicht zwischen dem Jungbauern Franz und Großstädter Viktor entscheiden kann.

Meine Großmutter sieht nicht auf, als ich zu ihr schaue. Sie hat nicht mitbekommen, dass mein Großvater mir heute zum wiederholten Male eine Lakritzschnecke gegeben hat. Das ist gut so, denn sie sieht es nicht gern, wenn ich diese Süßigkeit esse. Das sei nichts für Kinder, sagt sie immer, und überhaupt sei es ganz schlecht für die Zähne und ich könnte danach ja sowieso nicht schlafen. Das stimmt so nicht, das kann ich bezeugen. Immer, wenn sie mich erwischt, muss ich nämlich ins Bett und ich habe nie Probleme mit dem einschlafen.

Diesmal erwischt sie mich nicht, sie ist zu gefesselt von Erika und ihren Entscheidungsschwierigkeiten, und diesmal muss ich auch nicht ins Bett.

Glücklich kaue ich auf meiner Lakritzschnecke herum, meine rechte Hand liegt immer noch auf dem warmen Fell der Hündin. Und mit einem Mal stelle ich fest, dass ich diese Nascherei sogar ganz gerne mag. Sie gibt mir ein Gefühl der Sicherheit und der Geborgenheit und in über dreiundzwanzig Jahren, wenn ich an meinem Schreibtisch sitzen werde und mich an die Zeit zurück erinnere, werde ich feststellen, dass dies immer noch der Fall ist.

Verena Salva
(Alle Rechte bei der Autorin)

 

Geistiger Diebstahl und die diebische Geistzahl

Liebe atemlose Leser und Connaisseure meiner geschliffenen Sprache,

gestern erhielt ich von meinem Freund, dem Autor Hans-Dieter Heun (1), zu dem ich momentan ein – sagen wir mal: – „gespanntes“ Verhältnis habe, eine Brandmail. In der literarischen Facebook-Gruppe „Arme Poeten“ würde mal wieder heftig  über Sinn und Unsinn der Dichtkunst disputiert. Um das Gespräch dort weiter anzuheizen, habe er sich in seiner Eigenschaft als Gruppenadministrator und Gründer dieser Gruppe die Freiheit genommen, dort einen älteren Text von mir zu zitieren, in welchem ich mich recht despektierlich über moderne Lyrik und die Poesie im Allgemeinen äußerte. (2) Diesem J’accuse hatte ich spöttisch ein generisches Gedichtlein vorangestellt, das ich mit Hilfe einer einfachen Permutation einer „lyrischen“ Strophe in einer Minute erstellt hatte:

«Eine erschöpfte Träne der Schattenblume deiner Gedanken bittert meine schlaflose Nacht. Eine Gedankenblume meiner erschöpften Nacht tränt den Schatten deiner schlaflosen Bitternis. Meine bitteren Nachtgedanken beschatten eine schlaflose Träne deiner blumenen Erschöpfung. Deine losen Schatten erschöpfen die Gedankentränen meiner schlafverbitterten Blumennacht. Nächtens denkst Du mit einer losen Träne die erschöpften Traumblumen meines bitteren Schlafes. Eine schlaflose Tränennacht gedenken die bitteren Schatten meines Traumes deiner erschöpften Blumen. Schattene Gedanken einer bitteren Blume schöpfen in den Tränen einer Nacht des Traumes Schlaflosigkeit. Schlaflose Blumen träumen im Schatten der tränenden Nacht voller Erschöpfung Gedanken der Bitternis. Blumiger Schlafbitter träumschattet tränengedanken nachtlose Erschöpflosigkeit. Traumblumige tränenverschlafene gedankenschöpfende schattenlose Bitternis. Tränenbittere schattenschöpfende traumgedankenlose Schlafblumenschöpfungsnacht

Da ich zu den Autoren gehöre, die nichts wegschmeißen können und auch gerne mal etwas Gelungenes zwei- oder dreimal benutzen, hatte ich dieses „Gedicht“ nicht nur für den Kurzroman „Ein kleines Licht“ (für den es ursprünglich entstanden war), sondern eben auch in meinem Lyrik-Bashing und an anderer Stelle benutzt. Dieses Recycling kam nun als Bumerang zu mir zurück und traf meine Nase. Denn eine fleißige Followerin der „Armen Poeten“ googelte interessiert nach dem Urheber des obigen Gedichts und stieß auf die übertrieben rosafarbene Internetseite rosmarinkatze.wordpress.com einer gewissen Verena Salva, die unter einem geschmackvollen Bild folgende Verse mit dem Titel „Rückkehr“ gepostet hatte:

Sie vermutete sofort ein Plagiat, denn das Gedichtlein der „Rosmarinkatze“ unterscheidet sich von meinem nur darin, dass es aus Strophen besteht. Der Skandal war gemacht und Hans-Dieter Heun informierte mich aufgeregt. Ich war ihm dankbar, dass er mich informiert hat, aber …. Nun, ich muss um Verzeihung bitten und hoffe, die rührige Aufdeckerin dieses literarischen Skandals erster Güte hat nicht Mühen und zuviel von ihrer Zeit in ihre Recherche gesteckt. Denn diese Verena Salva – die Leser meiner „Geltsamer-Romane“ werden es natürlich längst wissen – bin ich selbst; Verena ist eine literarische Figur, der ich durch eine WordPress-Seite ein kleines und bescheidenes virtuelles Leben gegönnt habe, indem ich unter ihrem Namen ein paar meiner Jugendsünden und Fotografien wiederverwertet habe. Nichts für ungut. Ich hielt das für eine witzige Idee.

Doch eigentlich ist dieses Thema ein sehr ernstes. Plagiate und Raubdrucke sind so alt wie die Literatur selbst (3). Aber seitdem es das Internet gibt, hat dieser Diebstahl eine neue Qualität bekommen. Tatsächlich ist der Raub von Literatur, der ja im Netz so einfach ist, dass ihn jeder Laie problemlos ausführen kann, auch für mich ein Problem. Eine einfache Google-Suche nach „Nikolaus Klammer“ zeigt, dass meine Bücher regelmäßig von Piraten kopiert und auf ihren Seiten kostenlos zu Download angeboten werden. (4) Damit muss jeder leben, der seine Literatur veröffentlicht. Zwar erhält der zahlungsunwillige Konsument meiner Werke meist noch gratis einen Computervirus mitgeliefert, aber es zeigt deutlich, wie wenig geistiges Eigentum in unserer schönen Internetwelt wert ist – nämlich garnichts. Viele Internet-Gurus und z. B. die „Piratenpartei“ erheben diese Form von Diebstahl sogar zu ihrem demokratischen Bürgerrecht. Das Urheberrecht würden sie sofort abschaffen und jeden Text zum Allgemeingut erklären.

 

Zu meinem „Glück“ bin ich so unbekannt und werde wenig gelesen; darum wird es wohl kaum jemanden geben, der meine Literatur aus den dunklen Ecken des Netzes bezieht (5). Für andere – bekanntere – Autoren, die keinen gut bezahlten Brotberuf wie ich haben, ist es ein wirkliches Existenz-Problem. Die Verdienste von Schriftstellern sind beschämend niedrig und keiner kann allein von seiner Literatur leben; auch die großen Namen nicht. Da ist jedes geklaute und nicht bezahlte Buch, an dem man ja mindestens zwei Jahre und meistens länger gearbeitet hat, wie ein Messerstich direkt ins Herz. Unternehmen kann man als einzelner Autor gegen diese Piraterie leider nichts; man muss sie aushalten.

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(1) Hier geht es zu seinem neuen Buch „Das unglaublich unglaubwürdige Leben des Hannemann“ bei Amazon.

(2) Ihr werdet euch sicherlich erinnern: Es handelt sich um Auszüge aus meinen Artikeln „Meine Probleme mit der Lyrik“ und „Meine Probleme mit der Lyrik (Teil 2)“, die auch hier für Diskussionen sorgten.

(3) Manchmal profitieren wir davon. Hätte im 16. Jhd. niemand heimlich bei den Aufführungen der Shakespeare-Stücke mitstenografiert und sie dann als Raubdruck veröffentlicht, würden wir „Hamlet“ und „Romeo und Julia“ heute nicht kennen.

(4) … und nebenzu zeigt die Suche auch, dass es im 18. Jahrhundert einen Künstler mit dem Namen „Nikolaus Klammer“ gab, der wunderschöne Gemmen schnitzte, die im internationalen Kunsthandel sehr begehrt sind, da er aus Faulheit nur wenige Schnitzereien produzierte. Honi soit qui mal y pense.

(5) A****loch, wenn du es doch tust.

 

Ein fiktives Interview mit Karl-Heinz Welkenbaum (Teil 1)

Der Vollständigkeit halber gibt es heute einen Text, der es in den 3. Teil von „Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ nicht geschafft hat, aber vielleicht meine Leser als kleiner Appetitanreger interessiert. Es ist ein Interview, das Verena Salva mit ihrem Freund und Verleger Karl-Heinz Welkenbaum geführt hat, bevor die beiden nach Rom verreisten.

 

Wie versprochen veröffentliche ich heute den Beginn meines Interviews mit dem Verleger Karl-Heinz Welkenbaum. Er nahm sich viel Zeit für mich und beantwortete ausführlich meine Fragen. Deshalb ist das äußerst interessante Gespräch mit ihm so umfangreich ausgefallen, dass ich es hier auf zwei Abschnitte aufgeteilt habe, die ich in den nächsten Wochen bloggen werde. Der erste Abschnitt dreht sich um das Verlagsgeschäft allgemein und um das Veröffentlichen von Lyrik in der heutigen Zeit.

Welkenbaum, ein sportlicher und sehr jugendlich wirkender Mittfünfziger, hat mich in seinem Arbeitszimmer in seiner Villa am Dorfrand des niederbayerischen Badeortes Bad Griesbach empfangen. Auf seinem aufgeräumten Schreibtisch stehen eine alte elektrische Schreibmaschine, auf der er noch immer die meiste seiner Korrespondenz tippt, ein Tischtaschenrechner und ein Telefon. An der Seite liegt ein Stapel Manuskripte. Hinter seinem Stuhl erhebt sich ein Regal, in dem ausschließlich Werke stehen, die er in seiner fünfundzwanzigjährigen Verlagsgeschichte veröffentlicht hat. Der einzige Schmuck im Raum sind eine große Yukkapalme und ein expressionistisches Gemälde von Lothar Buchheim, mit dem Welkenbaum vor dessen Tod befreundet war.

Der Verleger ist ein Phantom. Es gibt nur wenige Fotografien von ihm und er legt Wert auf die erstaunliche Tatsache, dass weder sein Name noch eine Abbildung von ihm im Internet oder anderen Medien auftaucht. Er will vollkommen hinter seinem Lebenswerk, dem nach seinem Vater benannten Welkenbaum-Verlag, verschwinden. Obwohl er auch Interviews und gesellschaftliche Anlässe meidet, empfängt er mich freundlich und ist bereit, auch über intimere und persönlichere Dinge zu reden. Welkenbaum spricht übrigens spontan druckreif und es gelingt ihm mühelos, auch komplizierte Sätze perfekt zu Ende zu bringen. Ich wollte, dies träfe auch auf meine mehr schlecht als recht gestammelten Fragen zu. Ich habe deshalb nur weniges und dies auch nur auf seinen Wunsch hin redigieren müssen.

Die Hände von Karl-Heinz Welkenbaum, der die Öffentlichkeit scheut und nicht wünschte, dass ich eine Portraitaufnahme von ihm mache.

*

Rosmarinkatze. Herr Welkenbaum. Ich danke Ihnen, dass Sie die Zeit gefunden haben und sich für meinen neuen Blog „Die Rosmarinkatze“ zu einem Interview bereit gefunden haben. Ich weiß aus unserem Vorgespräch, Sie betrachten diese moderne Art, den Leser mit Hilfe der neuen Medien Literatur zu vermitteln, sehr skeptisch.

Welkenbaum. Das ist richtig. Ich persönlich glaube, dass das Internet und seine Publikationsformen zumindest der Lyrik, wie Sie sie vermitteln, meine liebe Verena, und auch der Belletristik im Allgemeinen ein natürlicher Feind sind. Kunstvolle und gelungene Literatur benötigt den aufmerksamen, konzentrierten Leser. Das oberflächliche Überfliegen eines Textes auf dem Bildschirm ist eine bloße und dabei noch von vielerlei Reizen abgelenkte reine Informationsaufnahme, die jede Poesie und Stimmung abtötet. Auch aus diesem Grund ist der Welkenbaum-Verlag bis auf einen kleinen, aber feinen E-Book-Shop nicht in den sogenannten Neuen Medien vertreten. Ich produziere Bücher und keine Datenpakete aus Nullen und Einsen. Aber selbstverständlich freue ich mich, wenn ich eine meiner Autorinnen – und, wie ich bemerken darf – nicht die schlechteste unter ihnen -, bei ihrer Arbeit unterstützen kann.

Rosmarinkatze. Dann glauben Sie, ein rein analoger Verlag wie der Ihre kann auf dem heutigen Markt bestehen?

Welkenbaum. Gottseidank gibt es noch viele Leser, die mit meinen Auffassungen d’accord gehen und niemals einen literarischen Text auf einem Tablet oder einem Smartphone lesen würden. Dazu kommt, dass ich nur Bücher publiziere, von denen ich selbst überzeugt bin und ich habe mit der Hilfe meiner Mitarbeiter den Verlag so breit aufgestellt, dass er ein weites und auch interessantes Spektrum abdeckt, das sich, wenn ich einmal ein etwas abgegriffenes Bild verwenden darf, an den Gourmet und Feinschmecker und nicht an den Fastfood-Konsumenten richtet. Zum Glück sind solche Menschen auch noch in der heutigen Zeit zu finden.

Rosmarinkatze. Was dürfen wir denn im nächsten Lesesommer vom Welkenbaum-Verlag erwarten?

Welkenbaum. Ich will aus den ungefähr fünfundzwanzig Publikationen der nächsten Monate mal nur ein paar wenige herausgreifen; auch wenn ich dadurch eine ganz persönliche und keineswegs maßgebliche Festlegung treffe, der man mit guten Grund widersprechen könnte und übrigens von den Mitarbeitern meiner Marketing-Abteilung vollkommen anders betrachtet wird. In der Reihe „Fit mit Hagen Reuther“ wird ein neues unserer beliebten Diät-Kochbücher erscheinen, im Juli dann sind wir mit den „Prekären Geheimnissen“ am Start; einem Sachbuchprojekt unseres Autors Roman Gaitania, in das er zehn Jahre Arbeit investiert hat. Es ist ein einzigartiges Kompendium der hermetischen „Geheimwissenschaften“ und der mit ihnen verbundenen geheimen Gesellschaften und Vereinigungen vom Beginn der Neuzeit im 16. Jahrhundert bis zum heutigen Tag. Im Bereich Belletristik dürfen wir zwei Romane von den Hochkarätern unter den Verlagsautoren erwarten; nämlich „Blicke über den Zaun“ von Gernot Ott und „Nutzlose Menschen“ von Nikolaus Klammer. Und schließlich – last but not least – wird auch noch eine neue Stimme unter den deutschsprachigen Lyrikerinnen ihre Premiere im Welkenbaum-Verlag feiern: Verena Salva mit ihrer wunderschönen „Rosmarinkatze“.

Rosmarinkatze. Auch wenn ich es mir selbstverständlich wünsche: Kann denn ein Gedichtband heutzutage noch einen Leserkreis erreichen?

Welkenbaum. In keiner literarischen Sparte wird von so vielen Laien und Hobbydichtern so viel stümperhafter Ausschuss und Müll produziert wie in der Lyrik. Blättert man durch die Veröffentlichungen sogenannter self-publisher und literarischer Foren im Internet, steht die Produktion von Gedichten unangefochten an erster Stelle. Dahinter rangieren weit abgeschlagen die Lebensratgeber und die persönlichen Schicksalsgeschichten. Es scheint mir so, dass fast jeder – weil er in der Schule das Schreiben gelernt hat -, der Meinung ist, er könne deshalb dichten und sich mit Rilke und Durs Grünbein messen. So lange dies für den eigenen Gebrauch und die Schreibtischschublade geschieht, ist das auch vollkommen in Ordnung. Aber warum muss man seine Reim-Ergüsse auch noch unbedingt veröffentlichen? Unter dieser Flut gehen die wenigen guten lyrischen Texte – und die gibt es auch heute noch -, sang- und klanglos und ungelesen unter. Doch zum Glück gibt es sie noch, die Connaisseure, die ein gelungenes Gedicht zu schätzen wissen und diese will ich mit der „Rosmarinkatze“ erreichen. Es wäre ein Jammer, wenn diese neue Stimme nicht gehört würde.

Rosmarinkatze. Wie kann man denn mit Lyrik Geld verdienen?

Welkenbaum. Klare Antwort: Überhaupt nicht. Die Produktionskosten sind für einen Gedichtband höher als für alle anderen Bücher und die Erlöse, die sich mit ihnen erreichen lassen, sind marginal. Aber hier spricht der Kaufmann und nicht der leidenschaftliche Verleger in mir. Lyrik ist immer ein finanzielles Verlustgeschäft. Die Gewinne hole ich an anderer Stelle herein: Bei der Prosa. Selbstverständlich nur bei der, die spannend ist und Frauenthemen behandelt. Denn das Lesen ist heutzutage fest in weiblicher Hand. Auch Sachbücher, sofern sie psychologische Hilfe, Diättipps oder Lebensberatung anbieten, verkaufen sich ordentlich.

Es wird Zeit, die Hofberichterstattung zu beenden und den Verleger mit ein paar Fragen zu kitzeln, die ein wenig tiefer in sein Gemüt blicken lassen. Bei aller Eloquenz, mit der er über für ihn unangenehme Fragen hinweg geht, sollen doch auch ein paar Lücken in der Selbstinszenierung auftauchen, die Welkenbaum als Menschen mit Fehlern und Schwächen sichtbar machen. Zuerst werde ich ihn daher ein wenig über seine Beziehungen und dann über seinen Alltag ausfragen.

Karl-Heinz Welkenbaums Schreibtisch. Da er keine Gleitsichtbrillen tragen möchte, hat er überall in seiner Wohnung in Griffweite Brillen liegen. Insgesamt sind es sicherlich um die zwanzig Lesebrillen und einige für die Ferne.

*

Rosmarinkatze. Herr Welkenbaum. In welcher Beziehung stehen Sie zu ihren Autoren?

Welkenbaum. Da gibt es keine allgemeine Antwort. Ich bin auf jeden Fall niemand, der ihnen bei allen Schreib-, Lebens- und sonstigen Krisen mit väterlichem Rat zur Seite steht. Dieses Gejammere auf hohem Niveau vermeide ich so gut wie möglich. Dafür habe ich meinen Lektor, Dr. Jochen Philipp Engold, der mit einer gerade zu legendären Geduld ausgestattet ist und die meisten Probleme ohne meine Unterstützung bewältigen kann. Er kann so sanft mit ihnen umgehen wie ein Erzieher in Kindergarten – was er im Grunde auch irgendwie ist. Schriftsteller sind wie Kinder, die aus dem Hort eine hässliche Bastelarbeit oder eine geschmierte Wachsmalkreidenzeichnung heimbringen und nichts anderes als ein überschwängliches Lob erwarten. Aber es ist immer wieder interessant, wie es Jochen gelingt, durch ein paar wenige Eingriffe und Umstellungen aus diesen Scheußlichkeiten ein Meisterwerk zu formen und die Autoren glauben zu lassen, dass alles ihr eigenes Genie ist.

Rosmarinkatze. Ist es wahr, dass die meisten Autoren trinken?

Welkenbaum. (lacht) Das ist wohl ein wenig übertrieben. Allerdings steckt zumindest bei den Belletristikern auch ein Körnchen Wahrheit darin. Schreiben ist doch wahrscheinlich nach Leuchtturmwächter der einsamste Job der Welt und alle familiären und freundschaftlichen Beziehungen leiden darunter – falls es dem in aller Regel egozentrischen, oft auch soziopathischen Schriftsteller überhaupt gelingen sollte, irgendeine feste Beziehungen einzugehen. Da hilft der Alkohol oft ganz gut. Die meisten haben sich jedoch so weit unter Kontrolle, dass sie erst nach einem erfüllten Arbeitstag zur Flasche greifen, um die sinnlose Leere ihres Daseins und die Stunden fern von dem bedrohlichen, leeren Blatt abzumildern. Die sind alle kleine Hemingways. Sie leiden wie Thomas Mann unter der eingebildeten Kluft zwischen Leben und Kunst. Ach, ja … Aber das war jetzt auch ein wenig polemisch und ich mag meine Autoren wirklich.

Rosmarinkatze. Das ist jedoch kein nettes Bild, das Sie da von ihnen zeichnen. Schließlich leben Sie ja auch von diesen „Soziopathen“. Ich habe gehört, dass Sie selbst ein begeisterter Freund von schottischem Single-Malt-Whisky sind und Ihre Beziehungen zu Frauen – nun ja -, kompliziert seien.

Welkenbaum. Ich bin auch ein großer Bewunderer von Hemingway. Vergessen Sie seine Romane. Aber wenn Sie ein paar seiner Reportagen oder Kurzgeschichten gelesen haben, dann werfen Sie die Hälfte der zeitgenössischen Bücher in den Müll; vor allem die unserer deutschen Autoren. Einen jungen, deutschen Hemingway, den würde ich gerne verlegen; das wird jedoch ein feuchter Traum bleiben. Was meine zwei Ehen und meine … Freundschaften betrifft, auf die Sie wahrscheinlich anspielen und meinen allabendlichen Alkoholkonsum -, nun, ich bin kein Wüstling oder Säufer, sondern, ich sagte es schon, ein Connaisseur. Ich genieße die vielfältigen Möglichkeiten, die mir das Leben bietet und die Gesellschaft und Konversation mit einer schönen Frau wie Sie es sind, meine Liebe. Wenn ich dann noch ein Glas Aberlour A’Bunadh Batch No. 50 in der Hand halte und seine Aromen nach Sherry, Orange und Haselnuss genieße, dann habe ich den Eindruck, dass die Welt besser ist, als sie uns das Fernsehbild ins Haus liefert. Aber ich weiß. In unserer ach so politisch korrekten Gesellschaft, in der ich mich manchmal wie ein Barockmensch fühle, der versehentlich in die Wells’sche Zeitmaschine geklettert ist und nun vierhundert Jahre zu spät existieren muss, bin ich ein Fossil, eine aussterbende Art. Honi soit qui mal y pense.

Rosmarinkatze. Ein Barockmensch zu sein, das kann man sich doch heute nur noch erlauben, wenn man es sich auch leisten kann. Sind Sie reich, Herr Welkenbaum?

Welkenbaum. (überlegt lange) Manche würden mich so nennen. Mit meinem Verlag verdiene ich kein Geld. Wie ich vorhin erzählte, verweigere ich mich den Neuen Medien, der Feuilleton ignoriert meine Autoren, weil ich die Kritiker nicht besteche und die Verkäufe decken gerade mal so unsere Honorar- und Produktionskosten. Die Löhne meiner Angestellten bezahle ich aus meinem eigenen Portefeuille. Der Welkenbaum-Verlag war einer der ersten Verlage, die nach dem 2. Weltkrieg von der amerikanischen Militärregierung eine Lizenz bekamen. Mein Vater Oswald Welkenbaum war mit dem großen Kurt Desch befreundet. Aber schon in den Fünfzigern und Sechzigern hatte er nur einen geringen wirtschaftlichen Erfolg, da mein alter Herr es versäumte, ins Taschenbuch-Geschäft einzusteigen, das er ähnlich misstrauisch beäugte wie ich als sein Nachfolger die E-Books. Die Väter genießen die Trauben und den Söhnen werden die Zähne stumpf, heißt es in der Bibel. Ich bin ihm im Laufe der Jahre vielleicht ähnlicher geworden, als ich dachte. Auch wenn er nie einen Lagavulin, sondern immer nur Racke Rauchzart trank. (kichert) Mein Vater leistete sich den Verlag auch nur als Hobby. Er war ein vermögender Mann und ich bin einer aus der Erbengeneration, den die Linke so verachtet, obwohl ich in den stürmischen Achtzigern einige ihrer bedeutendsten Autoren verlegt habe. Also gut. Sagen wir, ich bin reich; obwohl der größte Teil meines Vermögens in den Händen meiner beiden Ehefrauen ist. Die übrigens recht vreschwenderisch mit ihm umgehen.

Aber wollen wir nicht lieber über Literatur reden? „Die Welt der Kunst und Fantasie ist die wahre, the rest is a nightmare,“, wie Arno Schmidt mal gesagt hat, der übrigens nicht nur seltsam bescheuerte, aber ungeheuer liebenswerte Bücher schrieb, sondern – sondern, so wie Sie, Verena, – auch hübsche Fotografien machte.

In der nächsten Woche spreche ich mit Karl-Heinz Welkenbaum über die Ignoranz der Kritik, über den Lyriker Heinz August Dressler, Welkenbaums Niederbayerisches Domizil und die Menschen dort. Und wir reden über mein Buch „Die Rosmarinkatze“.

Das erste Buch mit meinen Gedichten wird Mitte nächsten Jahres im renommierten Münchener Welkenbaum-Verlag erscheinen. Ich bin schon ganz aufgeregt … 

 

 

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