Aber ein Traum …

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Dienstag, 08.10.19 – Die gehasste Sojawurst

Dienstag, 08.10.19

Es sind nun über 35 Jahre ins Land gegangen, seit ich für mich persönlich entschied, zumindest auf einem Gebiet ein besserer Mensch zu werden und Verantwortung für die Welt zu zeigen: Von einem Tag auf den anderen entschloss ich mich, auf Fleisch zu verzichten und mich nur noch „ovo-lacto-vegetabil“ zu ernähren. Der Grund lag nicht darin, dass ich keine tierischen Produkte mochte. Es war ein ganz persönlicher, recht einsamer moralischer Entschluss. Solange ich mich gesund mit pflanzlichen Alternativen ernähren kann, soll wegen mir kein Tier leiden müssen. So einfach war das. Niemals hatte ich irgendwelche missionarische Absichten und wollte jemanden zu meiner Lebensweise bekehren; das istnur eine Sache zwischen mir und meinem schlechten Gewissen, wenn ich Reportagen über Schlachthöfe und Massentierhaltung lese. Wie andere ihre Ernährung handhaben, ist ihre Entscheidung, in die ich mich nicht einmische und die ich auch nicht mit ihnen diskutieren will. Jedermann/frau soll sich so ernähren, wie er es für richtig erachtet. Wenn jemand Fleisch gerne essen möchte und das täglich und bei jeder Mahlzeit, dann soll er das tun. Ich will das eben nicht – das ist doch ganz einfach. Und ich will niemandem mit dieser Entscheidung lästig fallen. Das war von mir leider sehr naiv gedacht. Schnell musste ich feststellen, wie sehr allein die Tatsache meines Vegetarismus‘ die Menschen in meinem näheren und weiteren Umfeld provozierte, als wäre mein Verzicht ein gezielter Angriff auf ihre Lebensart, als wäre meine Person zu einem lebendiggewordenen Vorwurf geworden, der den „Carnivoren“ den Appetit verdirbt. Ich habe unzählige Bekehrungsversuche von Fleischessern hinter und wahrscheinlich auch noch vor mir. Ich weiß nicht, warum das so ist. Vor 30 Jahren waren es nur Bekannte, Freunde und meine Familie, die mir das Leben schwermachten und vor denen ich mich ständig dafür entschuldigen und verteidigen musste (und auch heute noch muss), dass ich die schreckliche Untat begehe und kein Fleisch konsumiere(1), heute im Zeitalter der sozialen Medien, überschwemmt mich ein Vegetarierhass, der mich fassungslos macht.

Damals, Anfang der 80er Jahre, als nur etwa 1 Prozent der Bevölkerung der BRD auf Fleisch verzichtete, war es übrigens keine einfache Sache, sich vegetarisch zu ernähren. Außer in der Pizzeria (Gelobt sei die italienische Küche! Es gibt keine bessere auf der Welt!) gab es in keinem Lokal eine nennenswerte Speisenauswahl für Fleischmeider und hätten der sparsame Schwabe und der Allgäuer nicht traditionell Kässpätzle auf der Karte, wäre ich wohl inzwischen auf irgendeiner Bergwanderung verhungert.(2) Fleischersatzprodukte wie Getreideküchlein, Aufstriche, Sojawurst oder Ähnliches gab es nur im Reformhaus, das war teuer, farblich abstoßend, von merkwürdiger Konsistenz und schmeckte oft grauenvoll. Dies hat sich zu meinem Glück geändert, in der Hauptsache, weil Vegetarismus im Moment eine Art Modeerscheinung ist und sich immer mehr Menschen – im Moment sind es über zehn Prozent der Deutschen und ihre Zahl steigt – für diese Ernährung entscheiden. Klar, dass die Lebensmittelindustrie hier viel Potential sieht und mit Leidenschaft in das Geschäft mit Vegetarismus und Veganismus eingestiegen ist, während übrigens die Reformhäuser diesen Trend vollkommen verschlafen haben und noch immer ihre alten, ungenießbaren Tofu-Bratstücke verkaufen. Inzwischen macht der Wurstfabrikant Rügenwalder Mühle fast 30 % seines Umsatzes mit seinen pflanzlichen Produkten.(3) Und dann gibt es da noch – inzwischen nicht nur in Bioläden, sondern auch in den Discountern – „Fleischersatz“-Burger, die Hamburger-Pattys simulieren; die besten soll es bei REWE geben. Das erfreut die Vegetarier, die jetzt plötzlich leckere Burger und nicht nur Zucchinischeiben grillen können – führt aber zu erstaunlichen Kommentaren im Internet, in denen blanker Hass, Abscheu und, ja, Rasissmus und Faschismus zu lesen sind(4). Mir ist bewusst, dass dies nur ein Nebenkriegsschauplatz in der Schlacht um die Deutungshoheit von Klimakatastrophe, Umweltzerstörung, Fridays for future, Fahrradfahren, Kreuzfahrten, Waldrodung, Migration, Nahost-Konflikt etc. ist, aber von den Verbohrten und braunen Irren, für die „Gutmensch“ ein Schimpfwort ist, wird die Schlacht um den veganen Burger, in der rechtschreibunsicher die unselige Nazisprache fröhlich Urständ feiert,  ebenso verbissen geführt, als wäre er so etwas Ähnliches wie das Fahren eines SUVs; ein Aushängeschild für eine übergriffige Lebensweise, die die eigene in ihrer Existenz bedroht. Es ist eine Auseinandersetzung, an der ich überhaupt nicht teilnehmen möchte. Ich will nicht ernsthaft darüber streiten, ob man „vegetarische Bratwürste“ „Würste“ nennen darf, weil es Ettikettenschwindel sei, der ein paar Senioren beim Einkauf verwirren könnte. Genauso wenig will ich darüber diskutieren, warum ein „Leberkäse“ „Leberkäse“ heißen darf, obwohl sich darin weder „Leber“ noch „Käse“ befinden(5). Tatsache ist, dass der „Fußabdruck“ dieser Veggie-Burger besser ist als der von normalen Hamburgern und absolut niemand gezwungen wird, die Dinger zu essen. Von mir schon gar nicht.

Nein, ich bin nicht unter die Foodblogger und Instagramer gegangen, die Bilder von ihrem Essen aufnehmen. Trotzdem: Das war vegetarisch und schon lecker (auch das Bier).


(1) Mein Vater glaubte lange, ich sei nicht nur Vegetarier, sondern auch schwul geworden und würde demnächst ins Kloster gehen oder auf dem Monte Verità nackt meinen Namen tanzen. Für ihn war mein Vegetarismus eine direkte Attacke auf seine strammdeutsche und einzig richtige Lebensweise. Ich bin froh, dass er zu alt ist, seine Lebenweisheiten bei Facebook zu verbreiten.

(2) Vor ein paar Sommern war ich am Müritzsee und auf der Insel Rügen. Dort haben Vegetarier keine Chance. Es gibt wirklich keine fleischlosen Alternativen in den Lokalen; sogar der Kartoffelsalat enthält Speckwürfel. „Wir haben Fisch.“ – „Das ist auch Fleisch.“ – „Dann nehmen Sie doch die Nudeln mit Soße von der Kinderkarte.“ – „Aber das ist doch eine Bratensoße!“ – „An der ist nur ein bisschen Fleisch dran.“ – „Ein bisschen Fleisch … Es gibt doch auch kein bisschen schwanger!“ Diese Diskussion habe ich ein dutzendmal führen müssen. Meine Vorurteile gegen den deutschen Osten haben sich bestätigt.

(3) Ich will gar nicht so genau wissen, wie viel Chemielabor im veganen Rügenwalder Aufschnitt steckt, aber das Zeug schmeckt erstaunlich gut und ist eine schöne Abwechslung auf der Semmel.

(4) Mit Sicherheit gibt es auch „militante“ Vegetarier und ich bin auch schon von der anderen Seite angegriffen worden, weil ich „bloß“ Vegetarier und nicht Veganer bin, aber die sind doch eine winzige Minderheit. Ich kann übrigens nicht einsehen, warum ich keinen Honig, Eier oder Milch zu mir nehmen sollte.

(5) Auch Soja- oder Mandelmilch darf nicht mehr „Milch“ heißen,  billiger Weißwein jedoch weiterhin als „Liebfrauenmilch“ verkauft werden. Merkwürdig. In einem „Jägerschnitzel“ ist auch kein Jäger drin und in der Kinderschokolade … aber das führt zu weit.

 

Mittwoch, 20.03.19

Mittwoch, 20.03.19 – Frühlingsanfang

Der Schrobenhauser Spargelhof „Lohner“ – eine Art saisonale Besatzungsmacht in Schwaben und im Allgäu – hat wieder sein himmelblaues Häuschen in Diedorf aufgestellt – im Volksmund auch kurz „Schpäusle“ genannt. Es muss also etwas dran sein an den Frühlingsgefühlen, die in meinem Unterleib rumoren. Wenn ich ein Lyriker wäre, würde ich jetzt irgendetwas über „süße, wohlbekannte Düfte“, „blaue Bänder“ und „Bienen“ und „Blumen“ reimen. Als Prosaautor sage ich nur: „Es wurde jetzt aber auch wirklich höchste Zeit …“, denn bisher fühlt sich dieser Frühling an wie ein umgekehrter Brexit – tausendmal angekündigt und immer wieder verschoben.

*

Damit ist es auch an der Zeit, das Kräuterbeet neu zu bepflanzen. Wie immer hat außer der Zitronenmelisse, dem Olivenkraut, dem Bärlauch und dem Schnittlauch nichts den Winter überlebt, nicht einmal die robuste Salbeipflanze und der eigentlich winterharte und mehrjährige Thymian – überall ist nur noch vertrocknetes, totes Geäst zu sehen. Auch nach Rosmarin – ihren Lieblingsduft – sucht Amy, die Katze, vergeblich. Der Estragon ist erstaunlicherweise auch wieder gekommen und streckt seine grünen Blattfinger der Sonne entgegen; er ist das Gewürz in meinem Garten, das ich am seltesten verwende, über das ich aber einen meiner ersten Blogartikel geschrieben habe, den ich hier kaum verändert noch einmal präsentiere. Denn es wäre schade, ihn einfach so verkommen zu lassen:

Estragon und ich

Französischer Estragon(Artemesia dracunculus)

Also war ich in der letzten Woche beim Gärtner meines Vertrauens, um mich mit dem Allernotwendigsten ein­zudecken. Dabei fiel mir auch eine zarte Pflanze in die Hände, die ich nur wegen ihres Namens erwarb: Estra­gon. Als Literat kann ich daran nicht vorbei.

Ich hatte keine Ahnung, wie die Triebe und lanzen­förmigen Blätter des Korbblütlers schmecken (anisartig, ein Wermutgewächs), wie groß er wird (ein Busch bis zu 150 cm hoch), noch dass es einen russischen (winterfest) und einen französischen Estragon (ich habe natürlich den, der keinen Frost verträgt) gibt oder dass dieses Ge­würz unverzichtbarer Bestandteil der Sauce béarnaise und der klassischen fran­zösischen Kräutermischung (fines herbes) ist, deren ge­trocknete Variante der Höhepunkt der Dekadenz in der Küche meiner Mutter war.

Im übrigen gilt Estragon als verdauungsfördernd und harntreibend, ergänzt also hervorragend den frischen Spargel, dessen Saison eben begann …

Wie man sieht – nach ein wenig Recherche bin ich nun schlauer und ich habe mich an mein erstes Gericht mit Estragon gewagt, einer Variante eines Kohlrabirezeptes, das ich in einem Kochbuch gefunden habe.

*

Grüner Spargel mit Orangen-Ziegenfrischkäse-Estra­gon-Sauce

für 1 Person (Frau Klammerle hat Spätdienst)
300 g grüner Spargel, das untere Drittel geschält, in schmale Scheiben geschnitten
20 g Erdnussöl
1 Schalotte, 1 Knoblauchzehe, fein gehackt
50 ml Weißwein, am Besten den, den man eh dazu trinkt
50 ml frisch gepresster Orangensaft
50 g Ziegenfrischkäse, (oder ein veganer Ersatz aus Mandelmasse), in 50 ml Schlagsahne (oder Kokosmilch) verrührt
1 EL frisch gehackter Estragon, 4 Blätter frisch ge­hackte Zitronenmelisse (die hat ja bei mir überlebt), Kerbel
abgeriebene Schale einer halben Zitrone
Chili, Salz, frisch gemörserter Pfeffer, Schnittlauch ge­hackt (als Deko)

Pflanzenöl in einer hochwandigen Pfanne zerlassen, Spargelstücke, Knoblauch und Schalotten etwa 3 min anschwitzen, dann mit Weißwein ablöschen und mit Orangensaft aufgießen. Das Ganze 5 – 7 min aufkochen lassen, bis der Spargel gar ist, aber noch Biss hat. Das Ziegenkäse-Schlagsahnegemisch oder die vegane Variante dazu gießen, Estragon, Chili und Zitronenabrieb darüber. Alles sämig aufkochen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken, mit Schnittlauch bestreuen und sofort servieren.

Dazu reichte ich mir Weißbrot und einen frisch-fruchtigen Côtes de Tongues, den ich auch zum Kochen verwendete.

Und das Resümee?

Nun, ich habe weder Talent zum Rezepte schreiben, noch zur Food-Fotografie (Es sah wirklich besser aus). Aber dies soll ja auch kein Kochbuch werden. Und, ja: Mir hat es geschmeckt. Estragon darf gerne die­sen Sommer im Kräuterbeet warten …

Montag, 18.03.19

Montag, 18.03.19

Da gibt es diese Carnivoren, die mir als Vegetarier am spanischen Buffett die fleischlosen Tapas, die für mich vorbereitet wurden, wegessen und mir dann kauend und schmatzend lang und breit auseinandersetzen, dass sie nie auf Fleisch verzichten und mich auch nicht verstehen könnten. Wut und Hunger sind zwei Seiten einer Medaille.

*

Darf ich eigentlich die Leser meines Blogs duzen? Mir wurde gerade in einer anonymen Nachricht vorgeworfen, dass dies arrogant und eine Respektlosigkeit sei, die Überheblichkeit eines „Ultra-Intellektuellen, der den Normalsterblichen das Licht des Geistes predigen möchte“. Aber Hallo! Respekt. Solch einen ‚ultra-intellektuellen‘ Satz hätte ich mir nicht ausdenken können. In Wirklichkeit ist das Gegenteil der Fall; ich bin weder herausragend intelligent, noch besonders talentiert. Und ich bin auch kein Prediger, denn mir fehlt jedes Sendungsbewusstsein. Und ich duze trotzdem weiterhin, denn ich fühle mich meinen Lesern so nahe, als wären sie gute Bekannte:

Liebe Leserin, lieber Leser. Du nimmst dir die Zeit, an dieser Stelle hin und wieder meine Gedanken und Texte zu lesen und sie ab und an mit einem „Gefällt mir“ zu kommentieren. Ich stelle mir dich während des Schreibens als einen guten und geduldigen alten Freund vor, dem ich von mir und den Dingen, die mich beschäftigen, erzähle. Ich stelle mir vor, wir sitzen nahe beieinander in bequemen Sesseln, nippen ab und an an einem Glas Wein (oder Limonade, wenn du noch fahren musst) und im Hintergrund singen leise Buddy Guy und Ian Anderson.

Einmal schmunzelst du, lachst vielleicht sogar, einmal nickst du ernst und runzelst die Augenbrauen. Ich kann Freude und Zustimmung, manchmal Betroffenheit und Trauer in deinem Gesicht erkennen. Mag sein, dass dich mit ein paar meiner Zeilen und Meinungen geärgert haben und du mich am liebsten wütend unterbrochen hättest, aber du leider keine Gelegenheit dazu hast. Sicher bist du manchmal abgelenkt und hoffst, dass ich endlich zum Schluss komme. Klar, manchmal zieht es sich. Trotzdem lauscht du meinen Monologen weiter, tolerierst meine Fehler  – auch die häufigen Tippfehler – und machst mir das Geschenk deiner Aufmerksamkeit und deiner Zeit. Das ist etwas so Kostbares, dass ich es nicht leichtfertig verschwenden möchte.

*

Ach, ja, den Frühling gibt es ja auch noch … Manche Fotos macht man jedes Jahr aufs Neue und erfreut sich jedes Jahr aufs Neue an ihnen.

Ooogrillen – Alle Jahre wieder

Ach, ja. Fast hätte ich es vergessen:

Ooogrillt is!

(bitte laut mitbrüllen, Nichtbayern rufen: „Es wurde zum ersten Mal in diesem Jahr gegrillt!“)

Ogrilt

Ja, wir sind noch immer alle fleischlos glücklich. Obwohl das heute nicht mehr so cool ist wie vor 35 Jahren, als ich mich entschied, auf Fleisch zu verzichten: Grillkäse, Lupinengrillstücke, marinierte Auberginen und Zuccini, lecker!

Dass unsere zugelaufene Katze sich ausgerechnet einen Vegetarier-Haushalt ausgesucht hat, zeugt nicht gerade von der Qualität ihrer Überlebens-Instinkte…

amy16

Bild einer enttäuschten und leicht indignieren Katze, nachdem sie ein Stück vom vegetarischen Grillstück beschnupperte.

Der Freitagsaufreger (XI) – Vegetarier und andere Bevormundungen

„Vorsicht. Das Lesen dieses Artikels könnte ihrer geistigen Gesundheit schaden.“

 Auf der Banderole des Glases mit eingelegten Peperoni, das ich eben erwarb, steht: „Vorsicht! Produkt könnte aus naturgegebenen Gründen scharf sein!“, auf der Tiefkühlpizza: Plastikfolie vor dem Backen entfernen“, auf dem Joghurt lese ich: „Könnte Spuren von Nüssen und Getreide enthalten“, auf der Limoflasche: „Vor dem Öffnen nicht schütteln“, auf Balkonblumen: „Nicht essbar“. Man teilt mir mit, dass der Konsum von 2 Kilo Pfefferminzbonbons abführend wirken kann und der Genuss von heißem Kaffee nicht gerade schlaffördernd ist und zu Verbennungen führen kann. Herrschaft, für wie dämlich halten mich eigentlich die Lebensmittelhersteller oder die Politiker, die diese zwingen, solche Warnhinweise zu drucken? Nicht, dass ich dem Sozialdarwinismus zuneige: Aber ich finde, wer seine aufgewärmte Pizza mit Folie zu sich nimmt, seine Geranien als Salat anmacht und Tee nicht bei 100°C sondern mit kaltem Wasser aufbrüht, ist selbst schuld.

Aber ich wollte etwas anderes erzählen: Im heißen Sommer des Jahres 1983 – auch dieser war übrigens ein „Jahrhundertsommer“ – entschied sich Herr Klammerle aus Gewissensgründen, nicht nur den Wehrdienst zu verweigern, was am Ende dahin führte, dass er den deutschen Staat verklagte, sondern auch, auf den Konsum von Fleisch zu verzichten und sich von nun an von Pizza Margarita (ohne Folie), schnöden Käsebroten und Haferflocken mit Milch zu ernähren. Zusätzlich ließ er sich einen Ohrring stechen und war anschließend der Meinung, er habe sich jetzt genug von der Elterngeneration abgehoben, dabei speziell den Vater herausgefordert, der sich auch als strammer Weltkriegsteilnehmer und Schweinsbratenliebhaber postwendend von seinem Sohn lossagte, von dem er mutmaßte, er wäre jetzt schwul geworden und würde als nächstes ins Kloster gehen. Wie einfach war es damals noch, seinen alten Herrn zu schockieren, es genügte bereits eine zerrissene Jeans oder ein Loch im Ohr. Da müssen sich meine Söhne heute schon mehr anstrengen. Es gelingt eher mir, sie vor den Kopf zu stoßen, als umgekehrt.

Ich schweife mal wieder ab.

Ich bin also Vegetarier und vor dreißig Jahren war das noch etwas provozierend Außergewöhnliches, Sektiererhaftes, vor allem in bayerischer Provinz: In den gutbürgerlichen Gaststätten gab es nur ein Gericht ohne Fleisch – Kässpätzle – und manchmal schüttete man mir dort aus Mitleid fette Fleischsauce über die Nudeln oder servierte mir einen Krautsalat dazu, in dem nur ganz wenig Speck war; Tofu und Ähnliches konnte man nur im Reformhaus oder beim einzigen Biohändler der Stadt erwerben und sie hatten für einen armen Studenten unerschwingliche Preise. Da hat sich in der Zwischenzeit doch einiges getan. Heute ist jeder ObatzdaVegetarier oder findet es doch irgendwie toll, Brokkoli und Dinkelburger zu essen. Die Speisekarten sind vielfältiger geworden – nun ja, nicht im Allgäu, dort gibt es weiterhin nur Kässpatzen. Biosupermärkte eröffnen in jedem Gewerbegebiet und auch die anderen Lebensmittelhändler haben eine gewisse Auswahl an Fleischlosem. In den meisten Kantinen findet sich zumindest am Freitag ein Gericht für den Gemüsefreund. Wer sich heute absetzen will, der sollte sich schon laktosefrei, vegan oder mit Rohkost ernähren, der Durchschnitts-„Lakto-Vegetabile“, der wie ich Eier, Milch, Käse oder gar mal eine Meeresfrucht genießt, wird abschätzig als angepasstes Weichei eingestuft – so wie übrigens von meinen selbstredend streng vegetarischen Söhnen mein Ohrring, der gegen ihre Tattoos, Nasen-, Augenbrauen- und Intimpiercings, Snakebites und „Fleshtunnels“ genannten Ohrläppchenschläuche, in denen ein Dreijähriger schaukeln könnte, nicht mehr anstinken kann. Kann es sein, dass es die Gelassenheit der Elterngeneration ist, die die Jugend zu immer größerem Blödsinn verleitet?

Ich schweife wieder ab.

Sogar die hohe Politik hat im heißen Sommer des Jahres 2013 die Zeichen der Zeit erkannt und es wurde von den Grünen der „Veggie-Day“* gefordert, also ein Tag in der Woche, an dem es in den Kantinen Fleischloses gibt. Ob die Forderung Sinn macht – schließlich gibt es das bereits in den meisten Kantinen dieses Landes – sei einmal dahin gestellt; der politische Gegner jedoch war froh, dass der im Sommerloch verschollene und von der Kanzlerin vollkommen ignorierte und daher auch lahmste Wahlkampf aller Zeiten nun noch ein Thema bekam, bei dem jeder auch ohne Fachwissen mitreden und über das man sich herrlich aufregen kann. Dies sei eine Bevormundung des mündigen Bürgers, war natürlich sogleich vom bayerischen Ministerpräsidenten zu hören. Und die Liberalen teilten mit, es widerspräche ihren Prinzipien, jemandem etwas zu verbieten. Der Staat dürfe in die persönlichen Entscheidungen der Leute nicht eingreifen. Geht es noch verlogener und heuchlerischer?**

Und da schließt sich der Kreis. Genau das macht Politik. Jeden Tag, immer: Sie bevormundet mich.

Ich warte auf den Tag, an dem ich lese:

Vorsicht. Diese Schokolade ist aus naturgegebenen Gründen süß. Sie könnte Spuren von Nüssen, Meeresfrüchten und Sellerie enthalten. In erwärmtem Zustand kann sie ihre Finger verschmutzen und Flecken auf dem Sofa hinterlassen. Übermäßiger Genuss könnte Sie dick und krank machen, Pickel und Mitesser verursachen, einsam und abhängig machen und zu Verstopfung führen. Vor dem Essen ist die Verpackung an den Laschen zu öffnen und die Alufolie zu entfernen (siehe Anleitung. Abb. A und B). Brechen Sie die Schokolade nur an den vorgesehenen Vertiefungen zwischen den Riegeln auseinander (siehe Anleitung. Abb. C) und führen Sie sie vorsichtig zum Mund. Vermeiden Sie eine gleichzeitige Aufnahme von Flüssigkeiten und denken sie nach dem verantwortungsvollen Genuss (siehe Dosierungsanleitung) an die anschließende gründliche Zahnreinigung, auch der Zahnzwischenräume. Führen sie die Reste nach Material getrennt dem entsprechend gekennzeichneten Müllbehälter zu. Bewahren Sie Schokoladereste an einem dunklen und kindersicheren Ort auf und wenden Sie sich bei Fragen an ihren Arzt oder Apotheker.“

Das ist der Tag, an dem ich wieder Fleisch essen und mit dem Rauchen beginnen werde – aus Prinzip.

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* Nein, ich rege mich jetzt nicht über das grunddämliche Wort „Veggie“, Wädschie ausgesprochen, auf. Obwohl…

** Vielleicht so: „Es gibt keinen Beleg für eine flächendeckende Ausspähung deutscher Staatsangehöriger in Deutschland…“, aber das ist jetzt wirklich ein ganz anderes Thema…

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