Aber ein Traum …

Autorer als andere Autoren

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In den Bücherkellern des Vatikans (7)

<– zum 6. Teil …

Nachdem er es sich auf dem Sofa so bequem wie möglich und die Brille aufgesetzt hatte, untersuchte er das Buch genauer. Dabei flatterte eine dunkelbraune Vogelfeder in seinen Schoß. Konsterniert nahm er sie zwischen drei Finger und drehte sie. Welkenbaum hatte keine Kenntnisse in Ornithologie. Er konnte die etwa fünfzehn Zentimeter lange Feder keinem Vogel zuordnen, den er kannte. Wie war sie in das Buch gelangt? Achselzuckend legte er sich vorsichtig neben sich auf das Polster und musterte misstrauisch den Titel der Memoiren. Ihm kam es so vor, als hätten sich die Farben des bunten Titelbildes und auch des Schriftzugs ein wenig verändert, aber dieser Eindruck konnte auch durch die Beleuchtung entstehen. Der Verleger drehte das Buch herum und rückte überrascht die Brille zurecht. Hinten war nicht mehr der Aphorismus von Dostojewski aufgedruckt, der dazu aufforderte, dem Trank der Wahrheit einen kräftigen Schuss Lüge beizumengen, um ihn genießbarer zu machen. Stattdessen las er dort einen Satz von Papst Pius XII.:

»Vielleicht besteht die größte Sünde der heutigen Zeit darin, dass die Menschen angefangen haben, das Sündenbewusstsein zu verlieren.«

Das war schon sehr seltsam. Aber Welkenbaum fand schnell eine einleuchtendere Erklärung für die Veränderungen als die Behauptung der beiden Alten, das Buch würde sich seinen Lesern anpassen. Dies hier war einfach ein anderes Buch! Es ähnelte nur jenem, in dem er im Hotel gelesen hatte.

Ich bin euch auf die Schliche gekommen, dachte er und öffnete endlich schmunzelnd die Memoiren, um in ihnen zu lesen. Gleich auf Seite Eins wurde er in seiner Vermutung bestätigt, denn dort fand er nicht mehr Klammers hübschen Exlibris-Stempel vor, sondern einen handschriftlich unterschriebenen Warnhinweis des Pontifex, dessen Sinnspruch er eben hinten gelesen hatte. Wieder einmal nützte ihm das große Latinum, das er in den späten Sechzigern am Erdinger Gymnasium erwarb, das heute Anne Frank gewidmet ist.

»Höchst geheim! Niemals öffnen!«, übersetzte er die Schreibmaschinenschrift, die unter dem Stempel des ›apostolisch-vatikanischen Geheimarchivs‹ zu lesen war. Das klang ja wie ein Fluch. Geltsamers Memoiren standen auf dem Index der Inquisition und dies war offenbar von keinem geringeren als Pius XII. festgelegt worden, dessen bürgerlicher Name Eugenio Pacelli gelautet hatte. Welkenbaum tastete mit seinem Zeigefinger über die schwungvolle Signatur des Papstes. Er spürte die leichte Erhebung, die die eingetrocknete Tusche hinterlassen hatte.

»Von wegen E-Book«, murmelte er, »diese Unterschrift ist echt …« Ein Rätsel blieb allerdings. Das Pontifikat von heutzutage von Historikern höchst umstrittenen Papstes hatte von 1939 bis 1958 gedauert. Da war der Autor Nikolaus M. Klammer, den der Verleger kannte, noch nicht geboren. Wenn Welkenbaum konsequent war und weiterhin Ockhams ›Rasiermesser‹ verwendete und die wahrscheinlichste Lösung seines Problems für die richtige annahm, dann war dieses Buch nicht von dem Augsburger, sondern von einem anderen, ihm unbekannten Autor geschrieben worden, der ebenfalls dieses sehr österreichisch klingende Pseudonym verwendet hatte. Vielleicht hatte sich ja der Russe so getauft, als er seine Gulagerlebnisse veröffentlichte. Das kam zeitlich eher hin. Ein Unbehagen blieb – denn schließlich spielten die Altersheimabschnitte in den späten Achtzigern. Dies war trotzdem die vernünftigste These, fand Welkenbaum.

Er blätterte zum Anfang und stellte zufrieden fest, dass die Memoiren aus dem Besitz von Pat & Patachon die direkte Fortsetzung der Abenteuer in Antenora enthielt, die er vorher gelesen hatte. Kurz überlegte er noch, was wohl der Nikolaus Klammer, den er kannte, gerade so trieb. Dann nahm er noch einmal einen großen Schluck aus der Bierflasche und begann zu lesen.

Auch Nikolaus Klammer fiel. Sein unglücklicher Sturz war jedoch wesentlich kürzer als der seines Verlegers und das Ergebnis noch schmerzhafter. Klammer stolperte in die kühle, abgedunkelte Buchhandlung hinein und hatte kurz den Eindruck, Rom würde sich hinter ihm wie ein Fernsehbild schließen, das jemand mit einer Fernbedienung ausschaltet. Dann machte er auch schon Bekanntschaft mit dem Holzboden und schlug sich dabei heftig das Knie an.

„Aua“, jammerte er und drei erstaunte Augenpaare starrten den zu Boden gegangenen und nach Mitleid ausschauhaltenden Autor von dem Verkaufstresen aus an, an dem er erst vorgestern seinen überaus seltenen Balzac-Roman und den Geltsamer erworben hatte.

Es waren zwei Frauen und ein Mann, die dort standen und sich offenbar angeregt unterhalten hatten, als Klammer ihr Gespräch durch seinen ungeschickten Auftritt unterbrach. Sie verstummten wie ertappt. Der Mann, der zwischen den Frauen stand, war ein mittelgroßer Italiener, dessen schwarze Haare wie bei einer japanischen Comic-Figur steil zu Berge standen. Er trug eine dicke Hornbrille, die seine ohnehin nicht kleinen Augen so vergrößerte, dass sein Gesichtsausdruck wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen aussah. Wahrscheinlich – nein, sicher – war das Gaetano Marini, der angebliche Herausgeber von Elena Kuipers Dschungeltagebuch. Anhand des grobgerasterten Zeitungsfotos, das Klammer von ihm kannte, hätte er ihn nicht identifizieren können. Zumal er heute zivile, legere Kleidung und keine Soutane mit römischem Kollar trug. Hatte nicht gestern Engold bei ihrem Telefongespräch erwähnt, Marini sei aus der Kirche ausgetreten und hätte geheiratet? Dann war wohl die attraktive Frau neben ihm seine Gattin Mercedes. Klammer kannte sie von seinem Bucheinkauf. Sie schien ihm noch immer an demselben Spearmint wie vor zwei Tagen zu kauen und war die Einzige, die über seine Ungeschicklichkeit kicherte. Als Klammer die andere Frau erkannte, stiegen ihm die Tränen in die Augen. Das lag nicht nur an den Schmerzen in dem Knie, auf das er gefallen war. Seine Suche hatte ein Ende:

Er kniete vor seine Tochter Isa!

Da war sie endlich; schließlich hatte er sie doch gefunden. Er konnte sein Glück kaum fassen. Seine Isa! Gesund und fröhlich stand sie zwischen den Bücherreihen und strahlte ihn an. Aber sie hatte sich verändert, seit er sie zuletzt gesehen hatte. Isa trug ihr von der Sonne ausgeblichenes Haar nicht mehr so lang wie früher, sondern kurz, fast militärisch streng geschnitten; was ihr aber nicht schlecht stand, sondern eine gewisse Abgeklärtheit und Autorität verlieh. Die Haut an Gesicht und Armen war durch ihren Aufenthalt in Südamerika dunkel eingefärbt und sie hatte das eine oder andere Pfund abgenommen. Isa war in dem halben Jahr, in dem Klammer sie nicht mehr gesehen hatte, sehr erwachsen geworden. Er musste sich wohl oder übel damit abfinden, dass sie nun wirklich nicht mehr sein „kleines Mädchen“ war. Nur mit ihren grauen, gelbgesprenkelten Augen sah sie noch immer so erstaunt und neugierig in die Welt, wie sie das schon in den ersten Minuten nach ihrer Geburt getan hatte, als die Hebamme den stillen Säugling vorsichtig in Klammers Arme legte. Diesen gleichzeitig weisen und wissbegierigen Kinderblick hatte sie sich bis zum heutigen Tag bewahrt.

Verena Salva – oder Elena oder wie immer sie auch heißen mochte –, vor der Klammer das Antiquariat auf diese ungeschickte Weise betreten hatte, mit der er im wahrsten Sinn des Wortes mit der Tür ins Haus gefallen war, beugte sich zu ihm herab und half ihm zurück in die Senkrechte. Dabei fiel Klammer auf, wie stark die Freundin von Welkenbaum war. Sie stellte den untersetzten Autor praktisch nur mit einer einzigen flüssigen Handbewegung auf die Füße, die sie überhaupt nicht anzustrengen schien. Doch dann gab es für Klammer nur noch die Freude des Wiedersehens.

[Zum 7. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (6)

<– zum 5. Teil …

Der Grund, den die Alten vorgebracht hatten, aus dem sie seine Hilfe benötigten, hatte zwar verrückt, aber in sich logisch geklungen. Wie Welkenbaum jedoch aus Roman Gaitanias Werk über Geheimgesellschaften und Verschwörungsmythen wusste, klang jede noch so irre Theorie einleuchtend, wenn man einmal die Tür zur Vernunft hinter sich verschlossen hatte und die durchgeknallten Prämissen nicht anzweifelte. Das Internet war voll von solchen Leuten. Aber – und dieses ›Aber‹ war ein großes:

Weshalb haben sie mich überhaupt entführt? Dafür gibt es keine vernünftige Erklärung. Schließlich hätten sie auch geduldig am Nebentisch warten können, bis ich den Roman fertigstudiert habe und mich anschließend einfach befragen können. Die dramatische Aktion, mich in aller Öffentlichkeit auf der Hotelterrasse unter Drogen zu setzen und hierher zu verschleppen, war doch vollkommen unnötig. Oder? Oder …

Der Verleger schreckte aus seinen Gedankengängen in die Höhe und saß alarmiert auf dem Sofa. Es war ein Zusammenzucken seines ganzen Körpers gewesen; ganz so, als hätte er den Kuhdraht berührt, der das Grundstück hinter seiner Villa zum schweigsamen Nachbarbauern abgrenzte. Adrenalin jagte den Blutdruck in die Höhe; der ganze Brustkorb vibrierte durch die kräftigen, schnellen Schläge seines Herzens.

Jetzt noch ein Infarkt, das wäre das Tüpfelchen auf dem I meines Ausflugs in die Ewige Stadt. Rom sehen und sterben, dachte er und fürchtete sich. Ich habe meine Betablocker zuletzt am Morgen genommen, bevor ich mit Verena ›shoppen‹ ging. Wie lange ist das her?

Er hatte an diesem fensterlosen Ort längst jedes Zeitgefühl verloren. Wie lange hatte sein Drogenrausch angedauert? War es noch Samstag oder schon Sonntag; Tag oder Nacht? Auf jeden Fall war es längst an der Zeit, nach seinem Verdauungsschläfchen endlich etwas zu unternehmen.

Ich bin höchstens eine Minute eingenickt, redete Welkenbaum sich selbst ein und zwang sich zur Ruhe. Einatmen … langsam ausatmen! Das wird wieder.
Er schloss die Augen, konzentrierte sich auf seinen Herzschlag, der tatsächlich langsam wieder ruhiger und gleichmäßiger wurde. Es funktioniert! Obwohl ich schon wieder ein wenig hungrig bin.

Was hatte ihn geweckt? Er sah sich um und entdeckte auf der Schreibtischfläche des Nussbaum-Sekretärs bei der Eingangstür drei gedrungene braune Flaschen ohne Etikett. Der arrogante Blick des Kardinaldekans im Bilderrahmen darüber schien sie missbilligend zu mustern. Diese Bierflaschen hatten vorhin noch nicht dort gestanden. Ein selbstzufriedenes Lächeln huschte über Welkenbaums Lippen, die er in froher Erwartung mit den Lippen anfeuchtete. Seine Drohung, erst dann den Geltsamer aufzuschlagen und in ihm zu lesen, wenn seine Wärter ihn mit seinem Lieblingsgetränk versorgen würden, hatte zum gewünschten Ergebnis geführt. Pat oder Patachon mussten ihm gerade eben jene Flaschen gebracht und ihn dabei unabsichtlich geweckt haben. Doch nun war er wieder allein in dem großen Kellergewölbe – sah er einmal von dem pikierten Geistlichen im Gemälde ab, der mit Welkenbaums Anwesenheit und Person durchaus nicht einverstanden schien.

Der übergewichtige Verleger stand ächzend auf. Das heftige Grummeln, mit dem vorhin sein Magen nach Nahrung verlangt hatte, hatte sich in die Tiefe seines Unterleibs bewegt und zwickte ihn dort nun schmerzhaft. Noch eine dieser dummen Beschwerden, die das Älterwerden so mit sich bringt, dachte er grimmig, meine Prostata geht langsam zum Teufel. Funktioniert eigentlich noch irgendetwas in meinem Körper?

Er benötigte dringend und wenn möglich sofort eine Toilette. Gab es hier so etwas überhaupt? Oder musste er in eine dunkle Ecke? Er musste sein Gefängnis einer näheren Untersuchung unterziehen, denn im Moment sah es ganz so aus, als würde er noch eine ganze Weile hier verbringen müssen. Den vorderen Teil des tonnenförmigen, fensterlosen Gewölbes mit der Chaiselongue, den leeren Bücherregalen und dem Schreibschrank hinter dem vergoldeten Stuhl kannte er ja bereits. Doch den rückwärtigen, schlecht ausgeleuchteten Bereich hatte er noch nicht genauer erkunden können. Dort musste sich noch mehr befinden als eine dunkle Regalwand. Was er brauchte, war ein wenig mehr Licht. Vorhin hatte Pat beim Eintreten an einer Tasterleiste neben der Tür eine hellere Deckenlampe eingeschaltet. Dort gab es noch zwei weitere Schalter. Er trat näher und betätigte sie. Dabei warf er einen begehrlichen Blick auf die mit Kronkorken fest versiegelten Flaschen. Doch er hatte sich im Griff. Sein Durst musste noch ein wenig Geduld haben.

Tatsächlich ging nun auch im hinteren Bereich seines Gefängnisses die Deckenbeleuchtung an und der ganze Raum wurde in ein freudloses, kaltes Neonlicht getaucht. Die hinterste der Lichtröhren brummte und flackerte, aber Welkenbaum konnte nun erkennen, dass sich an der gut zwanzig Meter von ihm entfernten Rückwand seitlich eine unscheinbare Tür befand. Die Regale waren hier auch nicht vollkommen leer. Wie er beim Nähertreten feststellte, standen in dem einen in Kopfhöhe zwei Lautsprecher, aus denen bei seinem Erwachen die barocke Musik erklungen war. Zwischen ihnen war eine neunundzwanzigbändige Cambridge-Ausgabe der Encyclopædia Britannica von 1911 eingeordnet. Welkenbaum erkannte sie an ihren prägnanten rotbraunen Rücken. Er hätte an diesem Ort eher ein paar zerlese, graue Codices Iuris Canonici erwartet.

Obwohl der Verleger immer von alten Büchern fasziniert war und viel Geld in Antiquariate trug, nahm er sich nicht die Zeit, die alten Bände näher zu untersuchen. Zu seinem Glück erwies sich die Tür an der Rückwand tatsächlich als Eingang zu einer weißgefliesten und erstaunlich modernen Toilettenanlage. Sie war wohl erst vor sehr kurzer Zeit eingebaut worden und roch nach Desinfektionsmittel und Sauberkeit – zumindest anfänglich. Es gab zu Welkenbaums Überraschung sogar ein Bidet. Hier fiel übrigens diffuses Tageslicht durch zwei schmale Milchglasfenster hoch unter der Decke herab. Das Gewölbe, in dem man ihn gefangen hielt, war offenbar nicht so tief unter der Erde, wie er vermutet hatte. Selbst wenn er auf die Toilettenschüssel steigen würde, waren diese Luken viel zu weit oben angebracht, um sie untersuchen zu können. Immerhin: Der Verleger wusste nun, dass es helllichter Tag war – auch wenn ihm noch immer nicht bekannt war, welcher. Er wusch sich aufmerksam die Hände und trocknete sie am Gebläse, bevor er das WC wieder verließ.

Nun gab es keinen Grund mehr für ihn, die Lektüre von Dr. Geltsamers erinnerten Memoiren weiter hinauszuschieben. Aber zuerst war noch etwas anderes zu erledigen. Er ging zum Sekretär zurück und stöberte in dessen leeren Schubladen. Eigentlich suchte er einen Flaschenöffner, doch er fand keinen. Immerhin entdeckte er dabei eine Lesebrille in seiner Stärke. Sie war rechteckig, hatte ein schmales, angelaufenes Metallgestell und lange, um die ganzen Ohren herumlaufende elastische Bügel. Der Geistliche auf dem Gemälde trug solch eine Brille. Vielleicht war es auch seine. Auf jeden Fall diese Antiquität gute Dienste erweisen. Da er in den anderen Abteilungen des Schreibschranks nichts entdeckte, schlug er den Kronkorken einer der Bierflaschen kurzerhand gegen die Tischkante und brach dabei mitleidlos ein Stück vom Furnier des sicherlich wertvollen Sekretärs ab. Im Stehen trank er und leerte die Flasche, ohne sie einmal abzusetzen. Es war ein süffiges, braunes Kellerbier und hatte wohl vorher in einem Kühlschrank gestanden, denn es hatte genau die richtige Temperatur. Ob der Papa emeritus den Verlust bemerken würde?

Welkenbaum ging es nun auf jeden Fall viel, viel besser. Er bemerkte, wie sein Tatendrang zurückkehrte. Er entsiegelte lächelnd auf dieselbe rohe Weise wie gerade eine zweite Flasche und stellte sie sich in Griffweite neben die Chaiselongue. Erst danach ging er hinüber zum Regal, um sich seine Zwangslektüre zu holen. Das dicke, schwarze Buch schien sich nicht verändert zu haben. Aber warum hätte es das auch tun sollen? Egal, was Pat & Patachon sagten, es war nur ein Buch.

[Zum 7. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (5)

<– zum 4. Teil …

»Leider ist es das nicht, sonst hätten wir Ihnen niemals diese Inkommoditäten bereitet. Ich versichere Ihnen nochmals: Wir werden Sie sogleich freilassen, nachdem Sie das Buch studiert und uns von seinem Inhalt berichtet haben, …«

»… denn uns ist es absolut nicht möglich, darin zu lesen. Für uns werden die Memoiren immer ein Buch mit 7 Siegeln bleiben.«

»Sie sind Analphabeten?«, fragte Welkenbaum erstaunt. Pat kicherte.

»Aber nein! Es ist nur …« Sie hob hilflos die Arme.

»Nun, wenn wir die Memoiren aufblättern, dann sehen wir statt des Textes nur weiße, leere Seiten«, sprang Patachon ein.

»Sie können den Text nicht sehen? Wie ist das denn überhaupt möglich?«

Patachon zuckte mit den Schultern. »Ist es Ihnen denn beim Lesen nicht aufgefallen? Die Memoiren sind kein normales Buch. Sie passen sich demjenigen an, der es in der Hand hält.«

»Es ist eine Art von … wie heißt das doch gleich? Ja, es wie Netflix, wenn Sie so wollen. Sie haben eine große Auswahl.«

»Ja, genau! Das Buch zeigt Ihnen genau die Geschichte, die Sie insgeheim zu lesen wünschen. Allerdings können Sie die Memoiren nicht zwingen, denn sie sind auch mit einem freien Willen ausgerüstet. Dieses unscheinbare, schwarze Buch ist das Produkt einer für Sie unvorstellbar hochentwickelten Technik. Es ist eine Art von … Computer? Verstehen Sie das, Signore Welkenbaum?«

»Sie meinen, das Buch ist so etwas Ähnliches wie ein E-Book-Reader, nur moderner? Es kann meine Gedanken lesen? Hat es denn Bluetooth?«, erkundigte sich der Verleger und brachte seine Entführer wieder zu einem langen, stummen Blickaustausch, der ein wenig larmoyant und herablassend auf ihn wirkte. Konnte es wirklich stimmen, was Pat & Patachon ihm da erzählten? Es klang wie das unverschämteste Lügenmärchen, das er je vernommen hatte.

Habe ich diese Geschichte lesen wollen, als ich das Buch aufschlug? Ausgerechnet einen russischen Gulag-Roman? Was für ein Unfug! Wenn das Buch tatsächlich meine Gedanken lesen kann, dann hat es gerade eine Funkstörung. Außerdem erklärt es mir nicht, warum ausgerechnet der Name von Nikolaus Klammer oben auf dem Titel steht. Er ist mit Sicherheit kein Teil meiner geheimen Wünsche. Und wer, zum Donner, ist eigentlich dieser Dr. Geltsamer?

Von einer anderen Seite betrachtet, war Welkenbaum wirklich daran interessiert, wie die Erlebnisse des namenlosen Gefangenen in Sibirien weitergingen. Das musste er schon zugeben. Denn sowohl in Antenora, als auch im Leningrader Altersheim vierzig Jahre später war er ja durch die Entführung an den spannendsten Stellen seiner Lektüre unterbrochen worden. Er brannte darauf, mehr über das Schicksal des Russen zu erfahren. Außerdem wollte er sich noch einmal die verglilbte Fotografie ansehen, die zwischen den Seiten aufgetaucht war und seine Freundin Verena in einer merkwürdigen Kostümierung abbildete. Aber vielleicht war auf dem Foto überhaupt nicht Verena zu sehen, sondern nur eine Frau, die ihr zum Verwechseln ähnlich sah. Ihre Großmutter vielleicht?

Schluss mit diesen Spekulationen. Ich würde allerdings einiges dafür geben, wenn ich dieses Buch in mein Verlagsprogramm aufnehmen zu könnte. Diese Art von Literatur geht immer. 

Pat unterbrach seinen Gedankengang. »Das könnte man durchaus so sagen. Auch wenn es sehr, sehr vereinfacht ist und sich das Bluetooth nicht mit dem Internet, sondern mit Ihrem Gehirn verbindet. Der Text steht nicht in dem Buch, sondern er entsteht alleine in Ihrer Vorstellungskraft. Sie proijezieren ihn sozusagen auf die leeren Blätter.«

»Und genau das ist unser Problem, Signore editore«, übernahm wieder Patachon das Gespräch, während er den Pistolenlauf dazu verwendete, sich an der Stirn zu kratzen. Welkenbaum hoffte kurz, aber es löste sich kein Schuss. »Unsere Gehirne sind nicht so gebaut, diese Signale empfangen zu können. Etwas blockiert leider diese Verbindung. Wir sind nicht für diesen Zweck geschaffen worden. Für uns sind Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren nur ein leeres, linienloses Notizbuch ohne weiteren Wert.«

Ihre Gehirne sind also anders gepolt, dachte Welkenbaum grimmig. Das kann ich mir gut vorstellen. Komplett irre, die beiden …

»Das ist alles … nur sehr schwer vorstellbar«, sagte er stattdessen. »Aber ich schlucke es mal, damit wir hier weiterkommen. Wenn aber der Text im Buch nur für mich bestimmt ist, warum wollen Sie beide dann wissen, was in ihm steht?«

»Weil wir nach Antworten suchen und endlich wieder nach Hause wollen …«

»… zurück nach Listakar, in unsere alte Heimat. Seit zweihundertfünfzig Jahren sehnen wir uns danach.«

Nachdem Welkenbaum nicht mehr ans Sofa gefesselt war, war es wesentlich einladender und bequemer, auf ihm zu liegen. Er konnte die Arme hinter dem Kopf verschränken und die Beine über die Lehne zu strecken. Er gähnte. Die Minestrone wärmte ihn von innen und machte ihn schläfrig. Doch er musste wach bleiben. Ein wenig ausruhen, ja, das ging, aber dann musste er das dämliche Buch weiterlesen, das ihn in diese missliche Lage versetzt hatte. Erneut sendete er dem vermeintlichen Autor Nikolaus Klammer eine Verwünschung an den Hals.

Dieser strunzdumme Dödel! Warum ist er mir nach Rom gefolgt und hat mir den Geheimdienst des Vatikans auf den Hals gehetzt? Haben die Mumien ihn etwa auch gefangen genommen? Hoffentlich wird er ein paar Stockwerke tiefer einer ›hochnotpeinlichen‹ Befragung unterzogen!

Jedoch deutete nichts darauf hin. Der Augsburger Autor schien Pat & Patachon unbekannt zu sein. Welkenbaum ließ sein merkwürdiges Gespräch mit den beiden Alten noch einmal Revue passieren.

Autoren sind die größten Lügenbeutel, die es gibt, kam ihm dabei in den Sinn. Auch wenn sie wie trotzige Kinder auf ihrer Meinung beharren und stur behaupten, sie würden die Wahrheit wiedergeben – und nichts als die Wahrheit. Auf dem Papier stehen später nur Lügenmärchen. Der größte Schwindel entsteht, wenn Autoren Gedankengänge ihrer Protagonisten aufschreiben oder angeblich authentische Dialoge wiedergeben. An keiner Stelle ordnen sie die Realität stärker ihrem Schöpferwillen unter. Der Romancier kürzt, strukturiert, formuliert aus und kürzt erneut. Lese ich in einem Roman die Wiedergabe eines Gesprächs, dann habe ich immer den Eindruck, alle außer mir selbst sind begnadete Aphoristiker und durchwegs in der Lage, ihre Gedanken in aller Schärfe und Prägnanz druckreif zu formulieren. Jeder versteht seinen Gesprächspartner auf Anhieb. Es gibt keine Missverständnisse, keine sinnlosen Debatten, kein Herumstottern. Niemand unterbricht sein Gegenüber, kein Satz stolpert ins Leere, kein Gedanke wird wiederholt ausgesprochen. Jedes Gespräch schreitet munter vorwärts auf sein Ziel zu; es gibt keine Um- und Irrwege.

Die Wahrheit ist freilich eine vollkommen andere. Auf der anderen Seite tun die Autoren ihren Lesern damit wahrscheinlich einen Riesengefallen, dachte er. Die exakte Wiedergabe einer Unterhaltung wäre wohl unlesbar – von inneren Gedankengängen mal ganz zu schweigen. Wer liest heutzutage schon noch ›Stream of Consciousness‹-Texte.

Welkenbaum staunte jedoch im Rückblick über den Verlauf seines Gesprächs mit den verwitterten, unheimlichen Zwillingen, die wie selbstverständlich behauptet hatten, mehrere hundert Jahre alt zu sein. Obwohl sie ganz offensichtlich geistesgestört und wahrscheinlich auch gefährlich waren, war sein Austausch mit ihnen angenehm kurz und zielführend verlaufen. Er hatte sich nur erst an ihren Spleen gewöhnen müssen, mit dem einer die Sätze des anderen beendete.

Als hätte ich nicht mit Menschen, sondern mit einer KI geredet!

Sie wollten also, dass er Klammers Buch zu Ende las. Sie würden ihn so lange hier in diesem schimmligen Kellergewölbe bei dürftigem Logis und ausgezeichneter Kost gefangenhalten, bis er es getan und ihnen den Inhalt seiner Lektüre mitgeteilt hatte. So weit, so simpel. Doch gleichzeitig wusste er: Es gab ein paar Dinge, die Pat & Patachon zurückhielten.

[Zum 6. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (4)

<– zum 3. Teil …

»Wenn wir von etwas im hier Vatikan reichlich haben, so sind es angebrochene Messweine«, kicherte die Alte und verriet damit zum ersten Mal ihren Aufenthaltsort, den Welkenbaum ohnehin schon vermutet hatte. Die beiden hatten ihn also in den Vatikan entführt!

»Diese Flasche hier ist direkt der privaten Reserve des Papas … entnommen«, ergänzte ihr Partner. „Er stammt von der Cantina Cormòns aus dem Friaul. Ihr Vinum pro Sancta Missa ist ein Cuvée aus Tocai, Verduzzo, Chardonnay, Pinot Bianco und Sauvignon und wird bei allen Messen des Vatikans in das Blut Christi transsubstantiert. Es ist ein süßer, aber leichter und milder Likörwein, weil der Papst ja meist am Vormittag die Messe feiert. Auch zu viel Säure darf er nicht haben – das ist nicht so gut für seinen empfindlichen Magen. Achten Sie bitte auf das feine Muskataroma, Signore editore.«

Welkenbaum war hinreichend beeindruckt, auch wenn er mehr mit den Bayerischen Biersorten als mit italienischen Cuvées vertraut war. Er grunzte anerkennend und leerte das Glas durstig in einem Zug, streckte es dann der pikiert die Stirn runzelnden Alten zum Nachschenken entgegen. Anschließend konzentrierte er sich vollkommen auf sein schmackhaftes Essen.

Schließlich schob er satt den Teller zur Seite, den er vollkommen geleert und mit dem Scherzl Brot sorgfältig ausgewischt hatte. Voller Genuss trank den Rest des ausgezeichneten Weins. Die Alten, die ihm kommentarlos bei seiner Mahlzeit zugesehen hatten, blickten ihn nun erwartungsvoll an. Welkenbaum fragte sich, ob sie auf ein höfliches Aufstoßen von ihm warteten.

»Era molto buono!«, suchte er seine kümmerlichen italienischen Sprachkenntnisse zusammen, die alle mit Essen und Trinken zusammenhingen. Anschließend ahmte er unwillkürlich die umständliche und antiquierte Redeweise seiner Gefängnisaufseher nach. »Ihre Minestrone mundete ganz köstlich, meine Liebe. Fürs Erste bin ich saturiert. Der Wein jedoch, ich gestehs, war mir ein wenig zu pappig. Ist hier im Vatikan denn kein Bier erhältlich, vorzugsweise ein Bayerisches? Schließlich ist doch der Papa emeritus ein Landsmann von mir, dessen Geburtshaus in Marktl übrigens nur einen Katzensprung von meinem Ferienhaus entfernt liegt.«

Sein voller Magen brachte ihn ins Plaudern. Dazu wollte er die Entführer mit seinen harmlosen Anmerkungen in Sicherheit wiegen. Die Alte nahm Teller und Löffel auf und machte dabei tatsächlich einen Hausmädchenknicks, bei dem aus ihren Knien ein metallisches Knirschen ertönte. Offenbar hatte Welkenbaum den richtigen Ton gefunden.

»Ich werde sehen, ob noch etwas vorrätig ist, das ich für Sie beiseite schaffen kann. Sein Assistent, der Signore Kurienerzbischof Gänswein, achtet allerdings mit scharfen Augen auf den Haushalt des alten Herrn.« Sie zwinkerte ihrem Entführungsopfer verschwörerisch zu. Welkenbaum lächelte verständnisvoll.

»Aber nun lassen Sie uns endlich reden!«, sagte er und schob den Stuhl etwas von der Platte des Sekretärs zurück, damit sich sein Schmerbauch ungehindert ausdehnen konnte. Jetzt hätte er eigentlich die nötige Kraft für einen kleinen Mittagsschlaf gehabt. Ob wohl noch die Droge seiner Entführer wirkte? War er wegen ihr so gelassen oder aufgrund der ›optimalen Ranzenspannung‹?

»Warum in aller Welt haben Sie mich entführt? Ich wäre liebend gerne freiwillig Ihrer Einladung in den Vatikan gefolgt, wenn Sie mich freundlich gefragt hätten. Ich habe übrigens für morgen Eintrittskarten zur Generalaudienz beim Papst. In diesen Rahmen hätte ein Besuch ihrer gastfreundlichen Räumlichkeiten doch perfekt gepasst.«

»Glauben Sie mir, Signore, es gehört nicht zu unseren Gepflogenheiten, Menschenraub zu begehen …«

»… doch die außerordentlichen Umstände zwangen uns dazu. Denn die Lega delle iene hat ihre Augen und Ohren überall. Doch wo sind unsere Manieren?«

Die Lega delle iene? Die Liga der Hyänen? Habe ich davon nicht schon in Klammers Buch gelesen? Merkwürdig …, dachte Welkenbaum und musterte die beiden Alten misstrauisch. In was für einen Verschwörungsthriller bin ich da nur geraten!

»… wenn wir uns denn endlich vorstellen dürfen: Ich heiße Alegra Artifici und dies ist mein Bruder Jacopo. Wir gehören offiziell zum Haushalt des Kardinaldekans Angelo Sodano …«

»… aber dies ist selbstverständlich nicht unser tatsächliches und vorrangiges Aufgabengebiet, wie Sie sicherlich bereits vermuten werden. Wir sind Numerarier – also Laienmitglieder – der Praelatura Sanctae Crucis et Operis Dei, die 1928 von unserem hochgeschätzten und inzwischen schon sehr lange verstorbenen Freund, dem Heiligen Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás, gegründet wurde. Wenn Sie möchten, könnten Sie das Opus Dei als eine Art päpstlichen Geheimdienst bezeichnen, obwohl das vielleicht ein wenig weithergeholt ist. Aber der Grund Ihrer Entführung ist eher … privater Natur und hat mit dem Opus nur am Rande zu tun. Wir beide benötigen dringend Ihre Hilfe.«

Es folgte eine dramatische Pause. Welkenbaum runzelte die Stirn. Er hatte die Namen des Duos und den des Gründers von Opus Dei bereits wieder vergessen. Sie waren von seinem Ohr überhaupt nicht bis zu seinem vom Genuss der wirklich köstlichen Minestrone abgelenkten Gehirn gelangt. Jemandem aufmerksam zuhören, das war überhaupt keine seiner Eigenschaften. Er entschied sich daher, das Paar für sich ›Pat & Patachon‹ zu nennen – nach den beiden vergessenen dänischen Komikern, deren Filme er in seiner Kindheit geliebt hatte.

»Sie müssen uns einen Gefallen tun, der Ihnen kaum schwerfallen wird.« Patachon deute mit dem Lauf seiner Pistole auf eines der Bücherregale an der Seitenwand. Erst jetzt entdeckte Welkenbaum, dass es nicht so vollkommen leergeräumt wie die anderen war. Auf Augenhöhe stand darin ein dickes, schwarzes Buch, das er sofort am Titelblatt wiedererkannte. Es waren Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren!

»Sie haben mich wegen dieses Romans von Nikolaus Klammer betäubt und entführt?«, fragte er fassungslos. Die beiden Alten tauschten einen dieser Blicke, bei denen ihm erneut deutlich wurde, dass sie zwar körperlich getrennt, aber in ihrer Seele eine Einheit waren, aus der ein Geist und ein Wille aus zwei Mündern sprach.

»Wer ist denn dieser Nikolaus Klammer? Muss man ihn kennen?«, fragten sie gleichzeitig. Welkenbaum hob verwundert die Hände.

»Klammer ist ein Verlagsautor bei mir. Sein Name steht auf dem Cover. Er hat das Buch geschrieben.« Er zögerte. »Nehme ich zumindest an«, schränkte er dann ein.

»Tatsächlich?«, fragte Patachon interessiert. »Ist das so? Nikolaus Klammer, sagten Sie? Ich bin einmal in London einem Künstler begegnet, der so hieß. Das war ein Österreicher. Sehr begabt, aber auch sehr faul. Seine Aussprache des Englischen war grauenvoll. Klammer? Schreibt er sich vorne mit C oder mit K?«

»Das ist jetzt egal«, mischte sich seine Schwester Pat ein. »Wir möchten, dass Sie das Buch weiter und so schnell wie möglich zuende lesen – falls dies möglich ist. Danach haben wir ein paar Fragen an Sie, Signore editore. Dann können Sie gehen und Ihren weiteren Aufenthalt in der Ewigen Stadt genießen.«

»Das ist alles. Wir wollen Ihnen nichts Böses.«

Welkenbaum konnte kaum glauben, was er da hörte. Das Groteske seiner Situation, das ihn seit dem Auftauchen der Alten ständig zum Lachen gereizt hatte, schlug wieder in Grauen um. Die zwei mussten vollkommen irre sein! Deswegen hatten ihm Pat & Patachon K.O.-Tropfen ins Bier gekippt und in die Katakomben des Vatikans geschleppt? Damit er unter ihrer Aufsicht in Klammers bescheuertem Buch weiterlesen konnte? Wie hatten ihn diese gebrechlichen Mumien eigentlich bewusstlos durch das Raphael schleppen und quer durch Rom in diesen muffigen Keller im Vatikan transportieren können? Keiner von den beiden sah ihm danach aus, als würde er einen 130-Kilo-Verleger wie ihn einfach über die Schulter werfen und davontragen können. Sie mussten noch einen motorisierten Helfer haben – oder eine Sackkarre. Und dann war da noch eine Frage, die unbeantwortet im Raum stand:

»Aber warum haben Sie mich dann mit sich genommen? Hätte es nicht gereicht, mir das Buch zu stehlen? Das wäre doch viel einfacher gewesen.«

[Zum 5. Teil …]

Die drei bisher erschienen Bände der Geltsamer-Trilogie mit ihren neuen Titelbildern. Sie sind in jeder gutsortierten Buchhandlung und selbstverständlich überall als E-Book erhältlich.

In den Bücherkellern des Vatikans (3)

<– zum 2. Teil …

Für einen Moment wusste Welkenbaum nicht, wie er reagieren sollte, dann lachte er schallend. Er hatte schon eine Antwort auf den Lippen, wohin sich die beiden Mumien ihren heiligen Ort hinstecken konnten. Aber er hielt es dann doch für vernünftiger, die Menschen, in deren Händen er war, nicht weiter zu reizen. Terroristen waren humorlos, da konnte eine sarkastische Bemerkung ihn wortwörtlich den Kopf kosten. Er verstummte deshalb und starrte das Duo neugierig an. Sein erster Eindruck war, dass sie mit ihm ebenso wenig anzufangen wussten, wie er mit ihnen. Waren die beiden altgewordene, eineiige Zwillinge oder ein Ehepaar kurz vor der Gnadenhochzeit, weil sie sich so vollkommen ähnelten und einer die Sätze des anderen beendete? Auf jeden Fall machten sie auf den Verleger den Eindruck einer eingespielten, ja, symbiotischen Einheit, die schon sehr, sehr lange Bestand hatte. Es wäre sicherlich anstrengend, aber auch interessant gewesen, die zwei ›Siamesen‹ aus ihrem Leben erzählen zu lassen. Sie waren bestimmt keine niederländischen Touristen, wie Welkenbaum anfangs vermutet hatte. Die beiden trugen auch nicht mehr die schreiend bunte und abgetragene Kleidung aus der 70er-Jahre-Mottenkiste, in der sie ihren Nachmittagstee auf der Dachterrasse des Raphael eingenommen hatten, während sie ihm aufdringlich Löcher in den Bauch starrten. Stattdessen hatten sie nun weite, schwarze Überwürfe an, die Welkenbaum an Mönchskutten erinnerten. Ihre Blicke waren finster und ließen das Schlimmste befürchten. Er fühlte sich direkt in einen Schauerroman des 19. Jahrhunderts versetzt; in ein Werk von Eugène Sue oder Wilkie Collins möglicherweise.

»Himmel hilf!«, rief er und erschrak: War er etwa in die Hände einer Sekte von Satanisten gefallen? Vorausgesetzt, es gab solche Teufelsanbeter auch außerhalb von schlechten Dan-Brown-Romanklonen und apokalyptischen Netflix-Serien auch im wahren Leben. Und warum fielen ihm in diesem seltsamen Ambiente jetzt die gewalttätigen und pornografischen Romane des Marquis de Sade ein? Das fehlte ja gerade noch! Er wollte ängstlich zurückrutschen, doch die ehemals rote Chaiselongue, an die er gefesselt war, hinderte ihn daran.

Dann stieg ihm plötzlich der fette Geruch einer kräftigen Suppe in die Nase. Er überdeckte appetitlich den Staub- und Schimmelgeruch des Raums. Welkenbaum schnupperte. Der mutmaßlich weibliche Teil des greisen Duos trat ein paar Schritte näher. Sie hielt einen Teller in der Hand, dessen Inhalt verheißungsvoll dampfte und so verführerisch duftete, dass sich Welkenbaums Magen verkrampfte und fast lauter knurrte, als sein Mundwerk eben noch geschimpft hatte.

»Wenn Sie sich vernünftig verhalten, Signore editore …«, begann sie in zögerndem, aber gut verständlichem Deutsch, das aber sicher nicht ihre Muttersprache war.

»… dann können wir Sie von Ihren Fesseln befreien. Sie haben sicherlich Hunger«, ergänzte ihr Partner mit dem gleichen, nicht näher verortbaren Akzent. Er stellte sich abwartend neben die Alte und hob lockend die linke Hand, in der er einen übervollen Metallring hielt, an dem sicherlich dreißig oder vierzig Schlüssel hingen. Welkenbaum nickte nur begierig. Er hätte in diesem Augenblick für diesen Teller Suppe töten können, was er aber offensichtlich nicht tun musste. Seine Situation erschien ihm auch nicht mehr so gefährlich wie gerade eben, sondern eher grotesk. Mit den zwei Klappergestalten würde er im Zweifelsfall schon zurechtkommen. Jetzt überwogen die Neugierde und sein gewaltiger Appetit.

»Gut, dann halten Sie jetzt still.« Der Alte mit seinem enormen Schlüsselbund, mit dem er wohl im halben Rom die Türen öffnen konnte, trat sehr vorsichtig näher. Dabei kramte er mit seiner rechten Hand für alle Fälle eine riesige Duellpistole aus seiner Kutte hervor. Er richtete sie sogleich auf seinen Gefangenen, während er sich herab beugte und die Handschelle löste. Er fand den richtigen Schlüssel auf der Stelle, obwohl er sich in Welkenbaums Augen kaum von den anderen unterschied.

»Diese Steinschloss-Perkussionspistole wurde im Jahr 1860 von Houllier Blanchard in Paris gefertigt«, erklärte er dabei fachmännisch und fast liebevoll, »und hatte einige prominente Auftritte bei den Ehrenhändeln des Conte Julio Antonio di Mattei, des Cousins des Kardinaldekans Mario Mattei, dessen Portrait Sie hier sehen. Sein Glaube war größer als sein Fleiß und der geistige Beistand, den er seinen Brüdern in Jesu zukommen ließ. Er glaubte vor allem an das pralle Anschwellen seines privaten Geldbeutels und an die Patronage seiner Angehörigen.« Er deutete kurz mit seiner Waffe auf das Gemälde über dem wuchtigen Nussbaum-Sekretär, dann schwenkte er sie wieder herum und zielte auf Welkenbaum.

»Mit dieser pistola wurde seit Ewigkeiten nicht mehr geschossen, aber ich habe sie immer gepflegt und sorgfältig in Waffenöl gelagert. Sie ist frisch geladen und – wie Ihnen sicherlich nicht entgangen ist -, auch entsichert. Ich hoffe sehr, Sie wollen nicht versuchen, ob die Waffe noch funktionstüchtig ist.«

»Und wenn der eher unwahrscheinliche Fall eintritt«, sprang hier die Alte ein, während ihr Partner eine Verbeugung andeutete, »und das Schießpulver zündet nicht, so taugt die Pistole doch dazu, sie Ihnen über den Schädel zu ziehen. Und ihr Knauf will mir mit Verlaub härter erscheinen als die Schädeldecke des Signore

Welkenbaum musterte schaudernd den achteckigen, sicherlich an die dreißig Zentimeter langen Lauf, der einen beeindruckenden Innendurchmesser aufwies. Der Schriftsteller Karl May hätte dieses Ungetüm in einem Roman als einen ›Schießprügel‹ bezeichnet. Wenn der Alte die Antiquität abfeuerte, würde ihm eine Kugel daraus wahrscheinlich den halben Kopf wegreißen. Das wollte er nicht riskieren, deshalb hütete er sich, eine missverständliche Geste zu machen. Mühsam richtete sich der dicke Verleger auf und rieb sein wundes Handgelenk.

»Ich befinde mich ganz in Ihrer Gewalt«, murmelte er.

Durch das schnelle Aufstehen war ihm etwas schwindlig, aber er schob dieses Schwächegefühl nicht auf seinen Kreislauf, sondern auf die letzten Auswirkungen des Betäubungsmittels, das ihm seine Entführer ins Bier geschüttet hatten. Er ging ein paar Schritte hin und her und bemerkte erst jetzt, dass er keine Schuhe mehr trug, sondern mit seinen feinen Seidensocken den Staub des Bodens aufwirbelte. Inzwischen hatte die Alte die Suppe auf der aufgeklappten Tischfläche des Sekretärs neben der Tür angerichtet und auch eine Ecke Weißbrot dazugelegt.

»Beeilen Sie sich, bevor die Minestrone kalt wird«, sagte sie. Dabei holte sie aus ihrer Tasche einen großen, angelaufenen Löffel, den sie anhauchte und am derben Stoff ihrer Kutte glänzend rieb, bevor sie ihn auffordernd neben den Teller legte. Welkenbaum wurde weiterhin voller Argwohn von dem Mann mit der Pistole beäugt, während er langsam auf dem antiquierten Stuhl Platz nahm, der dem Aussehen nach mit der Chaiselongue zusammen einmal eine Sitzgruppe gebildet hatte und interessanterweise auch auf dem Gemälde des Kardinals dargestellt war. Das Möbel ächzte und stöhnte unter seinem Gewicht, hielt ihm aber zumindest vorläufig stand. Der Verleger probierte vorsichtig die noch heiße Suppe, dann schloss er die Augen und atmete langsam und voller Genuss ein. Er nahm an, die Alte hatte diese Speise zubereitet. Sie war eine Meisterin ihres Fachs! Welkenbaum leckte sich das Fett von den Lippen. Dieser Geschmack versöhnte ihn beinahe mit seiner Situation.

»Kann ich auch noch etwas zu trinken bekommen?«, krächzte er übertrieben heiser. Sofort zauberte die Alte aus den offenbar unergründlichen Taschen ihres Gewands ein kleines, dickwandiges Glas und eine halbvolle, schwarze Flasche, die sie entkorkte und deren bernsteinfarbenen Inhalt einschenkte. Sie reichte Welkenbaum das Glas, bevor sie ihm wie ein Sommelier die eckige Weinflasche zur Begutachtung vorzeigte.

Tu autem servasti bonum vinum usque adhuc‹, stand auf dem Etikett. Welkenbaums Lateinkenntnisse aus seiner Pennälerzeit reichten aus, um diesen Satz zu übersetzen: ›Ich habe dir den besten Wein aufgehoben.‹

[Zum 4. Teil …]

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