Aber ein Traum …

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Das Spiel – Erzählung (3)

SIE WAR AM ERSTEN ABEND

Die Wand. Weiß gekachelt. Schwankte auf mich zu. Blähte sich mir entgegen. Ich griff mit der Hand nach ihr. Um sie ruhig zu stellen. Meine Finger glitten über die Oberfläche. Ölig. Schweißig. Aber ich konnte ihre Bewegung. Pulsierend. Nicht stoppen. Eine M****. Ungelenk gestrichelt. Tanzte zum Takt. Fern. Wie ein Bild von Miró. Lebendig geworden. Dann hatte ich diesen Geschmack im Mund. Ganz vorne bei den Zähnen. Er drängte herauf. Ein letztes Schlucken. Unterdrückend. Endete in Würgen. Keuchend. Ich erbrach in die Pissrinne: Viel Rotwein. Schaumig. Schleim und Abendessen. Aufgeschwemmt. Besudelten den Boden zu meinen Füßen. Etwas spritzte gegen meine Hose. Die beste mit dem Fischgrätenmuster. Dunkel. Und die Wildlederschuhe. Ein Speichelfaden tropfte zäh aus meiner Nase. Obwohl mein Magen schnell leer war. Würgte ich ohnmächtig nach Luft schnappend. Erst durch den Anblick meines eigenen Erbrochenen wurde mir wirklich übel. Die Klotür hinter mir öffnete sich rumpelnd. Wurde aber nach Schweigen. Kurz. Betreten. Rasch wieder geschlossen. Jetzt konnte ich mich aufrichten. Vorsichtig. Meine Bauchdecke krampfte hektisch. Für einen Moment. Besinnungslos. War ich versucht. Wieder nach vorn zu kippen. Entschloss mich aber zur Bewegung. Entgegengesetzt. lehnte mich zurück. Mit dem Rücken. Gegen den Kondomautomaten. Der nach Blech tönte. Matt. Ich verharrte. Atmete. Schwer. Mein Kopf sank zurück. Ich schloss die Lider. Drückte auf diese Weise Wasser. Ein bisschen. Aus den Augenwinkeln. Das über meine Wangen lief. Warm.

Ich weiß noch genau

Eine Erinnerung. Belanglos. Kam in den Sinn: Eine Banalität. Das waren die von einer Strumpfhose. Weiß. Plattgedrückten Haare. Fettig glänzend. Schwarz. Am Bein einer Schwester. Ansonsten hübsch und jung. Die mir am Nachmittag im Krankenhaus freundlich und aufmunternd zugelächelt hatte. Als ich meinen Vater besuchte. In diesem Moment war mein Blick zu ihren Beinen herabgerutscht. Ich spürte eine Scham. Plötzlich. Hitzig. Einem Schlag mit der Hand. Flach. Ins Gesicht sehr ähnlich. Die Schwester bemerkte meinen Blick. Der Ekel kam erst später. In jenem Moment. Als ich mich erbrochen hatte und am Automaten lehnte. Er hielt für Tage an. War mal stärker. Mal schwächer. Aber vorhanden. Ständig.

Ein Rhythmuswechsel draußen

Ein Lied. Neu. Lenkte mich ab. Tönte durch die Tür. Angelehnt. Der Geruch. Säuerlich. Meines Erbrochenen überlagerte langsam den Klogestank. Meine Sinneseindrücke wurden nüchterner. Sie schälten sich aus der Dumpfheit. Jetzt schien es mir auch wieder möglich. Mich zu bewegen. Erst nach einem Versuch. Vergeblich. Gelang es mir. Ich spülte den Mund. Unzulänglich. Mit Wasser. Warm. Bedacht. keines zu schlucken. Der Geschmack und auch der Geruch blieben an mir haften. Ich würde eine Weile auf Distanz bleiben müssen. Das hieß. Wenn sie noch da war. Für einen Augenblick der Verwirrung. Zaghaft. Fragte ich mich. Was ich von ihr erwartete. Für eine Ablenkung. Billig. Unverbindlich. Schnell. Für eine Nacht hatte ich noch nie etwas übrig. Ich weiß nicht. Warum ich in diese Diskothek gegangen war. Hier war ich fehl am Platz. Wie ich mich dazu versteigen konnte. Mich an dieses Mädchen. Sichtlich einsam. Mit einer Masche ausgesprochen dumm. Heranmachen. Warum ich nicht in diesem Moment. Nachdem sie darauf eingegangen war. Überraschend fröhlich und geschmeichelt. Die Gelegenheit. Günstig. Nutzte und mich davonstahl. Noch war Zeit. Ich hatte mich bereits den Abend. Ganz. Mit jedem Wort und jeder Bewegung gegen meinen Charakter verhalten. Gefiel mir darin.

Ich schüttelte den Kopf

Wie viel Zeit war vergangen? Minuten? Eine Viertelstunde? Sie hatte gesagt. Sie würde warten. Ich säuberte notdürftig meine Hosenbeine. Besudelt. Dann wagte ich einen Blick. Abschätzend. In den Spiegel. Ich erschien mir zu dünn. Zu bleich. Zum ersten Mal fiel mir auch auf. Meine Nase war wie die des Kranken. Scharf. Kantig. War das nur eine Sinnestäuschung. Die das Neonlicht. Hart. In diesem Raum schuf. Ich riss mich von mir selbst los. Energisch. Trat zurück in die Diskothek. Lou Reed sang. Niemand tanzte.

I‘ m just your average guy. trying to do. what’s right. I’m average looking. and I’m average inside.

Der Bass. Überlaut. Wuchtig. Bearbeitete meinen Magen. Fast hätte ich kehrt gemacht. Wäre zurück in die Toilette gestolpert. Gewöhnlich. Ich. Dachte ich. Schob die Hose. Zu weit. In die Höhe. Machte den Schritt. Entscheidend. Auf sie zu. Den ich nicht mehr zurücknehmen konnte. Ja. Sie saß noch da. Sie hatte ausgeharrt.

Ich wusste ihren Namen nicht. Sie trieb Koketterie mit ihm. Ansonsten schien sie offen. Sie saß halb gegen den Tresen gelehnt vor ihrem Glas. Bis auf einen Schaumrest. Kümmerlich leer. Längst bezahlt. Und sah abwesend in den Spiegel über der Bar. Sann Lichteffekten und Menschen nach. Die sich in ihrem Rücken bewegten. Ihr Gesicht war entspannt. Ungewichtet. Nur die Unterlippe. Breit. War nach vorn geschoben. Sie fühlte sich. Obwohl das in einer Diskothek kaum möglich ist. Unbeobachtet. Da sah sie mich. Ihr Gesicht mühte sich in eine Maske. Freundlich. In dem Augenblick. Abwesend. War sie mir schöner erschienen. Sie hatte ihren Körper. Ein wenig zu drall. In eine Bluse. Leicht durchsichtig. Hell und in einen Minirock. Schwarz. Für die Jahreszeit. Spätherbstlich. Viel zu kurz. Gezwängt. Den sie jetzt im Sitzen mit einer Hand bewachte. Ihn immer wieder übers Knie rutschte. Was im übrigen vergebens war. Da er sich bei jeder Bewegung. Klein. Nach oben schob und viel von ihren Oberschenkeln entblößte. Natürlich hatte sie in ihren Lackschuhen. Hoch. Spitz. Schwierigkeiten beim Laufen und beim Tanzen. Dennoch bewegte sie sich in ihnen mit Anmut und Selbstverständlichkeit. Überlegener.

Obwohl sie also unvorteilhaft gekleidet und nuttiger wirkte. Als sie war. Sie war doch genau das Mädchen. Das ich benötigt hatte. Als mich mein. Ich nehme an. Unterbewusstsein überredete. Diese Disco zu betreten.

Ich hielt mir die Hand halb vor den Mund. Als ich sie aufforderte. Mit mir das Lokal zu wechseln. Sie nickte. Zustimmend. Griff nach ihrem Mantel. Dunkel. Neben ihr. Über einen Barhocker gelegt. Anscheinend um den Platz für mich frei zu halten. Auf meine Abwesenheit. Länger. Ging sie nicht ein. Ihr schien auch kein Geruch aufzufallen.

Wir stiegen zu dem Café

Drei Stockwerk höher hinauf. Ich weiß. Es war ein Fehler. Aber ich bestellte wieder Alkohol. Diesmal Weißbier. Helles. Obgleich ich damals eigentlich keines mochte. Ich erzählte Unsinn. Irgendeinen. Einfach. Um keine Pause aufkommen zu lassen. Sie saß. Das Kinn in die Hand. Die rechte. Gewichtet. Und hörte meinem Redeschwall zu. Leicht lächelnd. Zerstreut. Während sie Zucker in ihrem Kaffee zerrührte. Um uns herum war das Publikum. Üblich. Für das ich mich langsam zu alt fühlte. Keiner meiner Freunde war hier. Das war gut so. Wenn ich mich wie ein Gockel aufplustere. Brauche ich keine Zuseher. Wohlmeinend. Lästernd.

Dann hielt ich inne. Mitten im Satz. Sah sie an. Ich weiß nicht. Ob ich das erklären kann. Vielleicht lag es daran. Mir war übel. Immer noch. Jetzt kam sogar ein wenig Betrunkenheit hinzu. Auf jeden Fall war die Luft plötzlich zäher. Das Schummerlicht brach sich anders. Es schien mir. Als würde ich das Mädchen vor mir zum ersten Mal ansehen. Durch ihr Gesicht. Zugeschminkt. Hindurch. Obwohl es sicher nicht glaubhaft klingt. Habe ich mich in genau diesem Augenblick. In einem Nu. Zeitlos. Nicht erfassbar. Zwischen dem still werden. Noch grundlos. Und einer Erschütterung am ganzen Körper. Plötzlich. In sie verliebt.

Ich war mir dieser Tatsache sofort bewusst. Das Bedürfnis. Einzige. Das ich nun hatte. War. Sie in den Arm zu nehmen. Sie bemerkte mein Verstummen. Fühlte sich durch meine Blicke geschmeichelt. Offensichtlich. Erstaunlich lässig und überlegen nahm sie. Sich zurücklehnend. Meinen Gesprächsfaden auf. Ließ kein Schweigen zu. Sprach dann leider von Politik und machte damit bereits am ersten Abend unserer Liebe viel kaputt. Denn ich konnte nicht verhindern. Dass eines der Reizworte fiel. Die mich an meinen Vater erinnerten. Der zur selben Stunde im Krankenhaus mit dem Tod rang.

In den letzten Tagen habe ich drei längere Ausschnitte aus meinem ersten Roman „Das Spiel“ gebloggt. Falls Interesse besteht – woran ich allerdings begründete Zweifel habe – werde ich weitere Abschnitte veröffentlichen.

Das Spiel – Erzählung (1)

DER SOLDAT. DER DURCH DEN WALD HASTETE. WAR MEIN VATER

die Hose schlotterte am Bund. da ich keinen Gürtel trug und Hosenträger verachte. blieb mir nichts übrig. als die Hose. regelmäßig. in die Höhe. den Bund über den Nabel und über das Hemd zu schieben. dennoch hatte ich das Gefühl. ständig. mir schlottere der Schritt in den Kniekehlen. ja. das war widerlich. tatsächlich. jedermann musste glauben. ich hätte in die Hose gemacht. zudem ich auch noch sehr breit ging. um ein Rutschen zu verhindern.

es war eine Stoffhose. meine einzige. sie war grau. Fischgrätenmuster. dunkel. Mutter hatte mich angefleht. komm in ordentlichem Zustand ins Krankenhaus. Vater darf sich nicht aufregen.

es war ein Novembertag. kühl. aber freundlich. ich weiß noch. ab und zu traf mich ein Windstoß scharf. verspielt. er zerrte an der Kleidung. mutwillig. und an den Haaren. es war Nachmittag. früh. der Himmel war durchsichtig. die Stadt lag ruhig und klar. glänzte in einer Transparenz. unwirklich. die Bäume erbrachen sich auf die Straßen. bunt. ich ging. versäumte die Straßenbahn. absichtlich. mir lag nichts daran. pünktlich zu sein.

Vater lag im Krankenhaus. man hatte ihn operiert. wieder. zum dritten. nein. vierten Mal hatte man seinen Unterleib aufgeschnitten. dazwischen machte man Tablettenkuren. bestrahlte. bis er ein Loch im Rücken hatte. chemische Keule. aber das war nur Aktionswut der Ärzte. Vater starb trotzdem. mit jedem Tag ein bisschen mehr. ein wenig schneller. sein Kampf gegen die Wucherungen an der Prostata war vergebens. längst. ein Rückzugsgefecht. es fraßen sich Metastasen die Wirbelsäule empor. alle hatten ihn abgeschrieben. für tot erklärt. auch die Ärzte. wir warteten auf das Ende. Aber dieses Warten zog sich hin. lange. Vater war zäh. war es immer gewesen. er war der einzige. der nicht aufgegeben hatte. er vermochte nicht an sein Schicksal zu glauben und so lange er das nicht tat. verzögerte er das Unvermeidliche.

aber jetzt. im November. stand es um ihn schlecht. Mutter hatte am Telefon gesagt. es sei vielleicht ein Abschiedsbesuch. wenn also noch ein Gefühl für die Familie und meinen Vater in mir geblieben war. übrig. dann musste ich kommen. sagte sie. weinend. er wolle mich sehen. das sei sein Wunsch. während ich flüsterte. begütigend. Trostworte. halbherzig. wusste. fügte sie hinzu. aber zieh dich anständig an.

ja. Mutter. ja. ich komme. nein. ich werde ihn nicht reizen.

ich kann nicht sagen. ob ich Angst vor einer Begegnung mit dem Sterbenden hatte. es war Unbehagen wegen dem Krankenhaus. das ich empfand. deshalb ging ich durch den Herbst. langsam.

sie erwarteten mich vor der Eingangstür. ungeduldig. sie hatten sich vorgenommen. nicht ohne mich bei Vater zu erscheinen. Mutter knitterte bereits das Taschentuch. obligat. tränenfeucht in den Händen. Bruder. überlegen und ruhig. in sich selbst ruhend. spielte mit dem Autoschlüssel. lässig. seine Frau trug ein Bündel Mensch. vorsichtig. auf dem Arm. meine Nichte. in jedem Blick war Vorwurf. es hätte nicht viel gefehlt. ich wäre umgekehrt. auf der Stelle. und hätte mich in der Stadt betrunken. wenn mich Mutter nicht am Arm genommen hätte. Fusseln von meinem Mantel streichend.

wir fuhren hinauf in den fünften Stock. in die chirurgische Abteilung. wir schwiegen. waren uns der Nähe. die uns der Aufzug bescherte. bewusst. peinlich. ich las. die Bedienungsanleitung. die in ein Metallschild gestanzt an die Wand des Fahrstuhls geschraubt war. es war keine Besuchszeit. offiziell. nur Personal weiß gekleidet lief auf den Gängen. geschäftig. es waren gut gelaunte Menschen.

ich weiß nicht. ob ich beschreiben kann. was ich empfand. Ich könnte schreiben. ich empfand nichts. das kommt meinem Gefühl nahe. aber es ist nicht die Wahrheit. auf eine Weise. schwer zu erklärend. war da etwas wie Trauer. war mir nicht wohl in meiner Haut. Das erzeugte auch die Atmosphäre des Krankenhauses. der Geruch. steril. abgestanden. in den Gängen. eine Anspannung der Erwartung. flau. war in mir. sie hielt mich gefangen. Unsicherheit. jeder Schritt war gewichtig und zögernd.

mein Vater lag in dem Zimmer. allein. obwohl noch ein zweites Bett drin war. das war ein Privileg für den Sterbenden. wenn ich eine Auswahl an Kranken gehabt hätte. wäre ich ans falsche Bett getreten. Vater war kaum wieder zu erkennen. ich erschrak bei seinem Anblick tief. wann hatte ich ihn zum letzten Mal gesehen. vor einem Monat. gut. dachte ich. ich hatte ihn als Bürger in Erinnerung. zufrieden. vom wohlstand genährt. Die Hände über dem Bauch verschränkt. mit einer Trainingshose bekleidet. saß er in einem Sessel vor dem Fernseher. bequem. eine Flasche Bier war in Greifweite.

der Mann. der hier lag. erschöpft. aufmerksam die Umgebung beobachtend. nicht die Augen. gelb bewegten sich. der Kopf zuckte wie bei einem Vogel hin und her. dieser Mann. der hatte nichts mit meinem Vater gemein. der Mann war mager. bis auf die Knochen. seine Haut spannte sich über seinen Schädel. dessen Form war deutlich sichtbar. er hatte jetzt eine Hakennase. man konnte durch die Lippen. halb geöffnet. seine Zähne sehen. Die Stirn. die höher war. als ich sie in Erinnerung hatte. glänzte. schweißig. fiebrig. Auf dem Arm. der mit einem Tropf verbunden war. traten Adern hervor. fingerdick. verhornt. sein Adamsapfel. scharf. hart. durch die Lage seines Kopfes. leicht nach hinten geneigt. stach empor. machte heftige Bewegungen. als er uns zum Bett treten sah. dann entdeckte er mich. ich schob mich als letzter heran. im Schutz der anderen.

ja. er war es. jetzt erkannte ich ihn an seinem Blick. meine Schwägerin hielt ihm ihr Kind hin. unruhig. abgelenkt. streichelte er es. ohne den Blickkontakt zu mir zu unterbrechen. Bruder hatte versucht. Vaters Zuneigung mit Kindern zu kaufen. aber Vater war nicht zu haben. so billig. zudem hatte Bruder nur eine Tochter zustande gebracht.

nein. Vater sah mich. kurz verstanden wir uns. begannen wir eine Kommunikation. tastend. stumm. standen nackt voreinander. nur ein Blick hatte genügt. unvorsichtig. unsere Masken herunter zu reißen. In diesem Moment wollte ich Dinge sagen. die mir wichtig schienen. die zwischen uns ungesagt geblieben waren. bisher. es war mir nicht möglich. den Mund zu öffnen. zu beginnen. ich erkannte sofort. er liebte mich. die ganze Zeit hindurch. all diese Jahre. geliebt hatte. er immer nur mich. sein Blick. zärtlich. den er mir schenkte. sprach davon. früher hatte er mir seine Liebe nur zeigen können. in dem er mich quälte. jetzt sah mich. wie ich wirklich war: ein Kind. das sich vor dem Leben zu Tode ängstigt. verunsichert. verwundet.

dann war es vorbei. die Verbindung riss. schnell. brutal. Vater blinzelte krampfhaft. hatte Schmerzen. plötzlich. ich sah sie seinen Körper empor kriechen. fast empfand ich sie selbst. er sah an mir herab. da war sie wieder. die Ironie. hinter der er sich versteckte.

hat dich Mühe gekostet. die Hose anzuziehen. bist sogar jetzt nur halb drin. sagte er. lachte. voll. laut. das war seine Art. die Schmerzen zu bewältigen. er tat mir weh. ich schämte mich. nicht wegen der Hose. wieder herab gerutscht. weil er mich so wehrlos erwischt hatte. ich war hilflos. unfähig. mich zu wehren. gegen seine Krankheit kam ich nicht an. hinter ihr konnte er sich verschanzen. sie nutzen. als Angriffswaffe. um seine Wut loszuwerden. gegen uns Gesunde.

von diesem Augenblick an wollte ich aus dem Zimmer zu kommen. ich hatte kein Verhalten mehr. ich lehnte mich gegen die Fensterbank. halb im Trotz. und sah. hinaus. den Kopf zur Seite gewendet. dort war nichts zu sehen. außer dem flachen Dach eines Gebäudes. vorgelagert. niedrig. Äcker trist. und in der Ferne der Strich eines Waldes. undeutlich. dunkel. er beschloss den Horizont. von dort zog Nebel auf und verdüsterte den Novembernachmittag. ich tat. als beschäftige mich der Ausblick. dieses Land des Nebels und der Kälte.

die Aufmerksamkeit meines Vaters ließ von mir ab. er fand Worte für die anderen sprach mit Mutter. liebevoll. während sie in der Tasche kramte und Lebensmittel zu Tage förderte. die er annahm. gutmütig. spöttelnd. er war nicht gewillt. sie zu essen. er würde sie statt dessen unter den Nachtschwestern verteilen. immer hungrig. aber Mutter hatte Krankheit auf Ernährung reduziert. nahm den Begriff Lebensmittel wörtlich. Sie wollte Vater essen sehen. dabei hoffen. es war ihre Art. das Unfassbare zu bewältigen. den Tod. vielleicht war es nicht die schlechteste.

Bruder sprach dann von Berufserfolgen. und Vorgesetzten. die seiner Karriere im Weg waren. seine Frau nickte dazu. gewichtig. das Kind war eingeschlafen.

eine wunderschöne Familienidylle. dachte ich. sie ist ein Foto wert. das wäre das letzte mit Vater. die Enkelin. schlafend. an seiner Seite. ein Foto zum Erinnern. ein Foto zum weinen.

dann war Leere. ich kann mich nicht erinnern. was geredet wurde. wer wen betrachtete. aber es verging einige Zeit. Bruder legte seine Jacke ab. legte sie über eine Stuhllehne. sorgfältig. ihm wurde warm in dem Krankenzimmer. überheizt. ich hätte es ihm gern nachgemacht. aber ich wollte. den Eindruck erwecken. ich sei auf dem Sprung.

ich schälte eine der Clementinen. die Mutter Vater gebracht hatte. ein Geruch scharf. sauer. stach mir in die Nase. mechanisch aß ich einen Schnitz nach dem anderen. ohne auf den Geschmack zu achten. ich tat es. um mich zu beschäftigen. die Zeit dehnte. wurde mir zu lang. auch das Dach vor dem Fenster Kies geschottert. die Nebelschwaden. träge wandernd. über den Äckern wurden langweilig. da entdeckte mich Vater wieder.

hast du nicht zu sagen. sei nicht so schweigsam. erzähl. wie geht es dir denn. was macht die Arbeit.

vielleicht unterstellte ich ihm die Absicht. böse. aber ich hatte das Gefühl. es interessierte ihn einen Dreck. wie es mir ging. er wollte mir nur deutlich machen. wie unbedeutend mein Wohlergehen neben seinem Zustand war. er erwartete meine Gegenfrage. höflich. wie es ihm denn ginge. um von seinem Los zu berichten.

auch wenn er recht hatte. es gegen sein Leid bedeutungslos war. wie es mir ging. war ich nicht gewillt. darauf einzugehen. ich erzählte von mir. stockend. reihte Belanglosigkeiten aneinander. Bruder hörte zu. ernst. Mutter schüttelte den Kopf. resigniert. Aber Vater lächelte. suchte nach dem Wort. das er aufgreifen. nach der Entgegnung. mit der er mich verletzen konnte. ich hatte mich gut unter Kontrolle. gab ihm keine Gelegenheit. deshalb erlahmte sein Interesse bald. er unterbrach mich. begann vom Klinikalltag zu sprechen. er ermüdete dabei. wir bereiteten uns auf den Abschied vor. den wir insgeheim alle ersehnt hatten.

Bruder benutzte seine Tochter als Grund. die jetzt doch ins Bett müsse. so gesehen. als Ausrede ist ein Kind vorteilhaft. unangenehme Besuche zu kürzen. Mutter küsste Vater. vorsichtig. wir Kinder gaben ihm die Hand. er hielt meine fest. länger und fester. als es nötig gewesen wäre. er sah mich an. stumm. da war es wieder. in seinen Augenwinkeln. ganz kurz nur. das Verstehen. zumindest ein Anflug von Begreifen. Es beengte mein Atmen. ich spürte Trauer bei diesem Abschied. der gerade noch eine Erleichterung war.

ich komme bald wieder. log ich.

wir müssen endlich mal miteinander reden.

sein Kopf zuckte zur Seite. unwillig. dann wieder zu mir. er verstärkte seinen Händedruck.

dann machte er mit ein paar Worten alles wieder kaputt.

dein Händedruck ist schlapp. Michael. sagte er. mutwillig.

ich weiß nicht. warum er das tat. warum er uns keine Chance gab.

ich weiß so vieles nicht von ihm. das wichtig ist. ich floh aus dem Krankenzimmer. eilig hinter den anderen her. ein Abschiedswort murmelnd. draußen standen wir alle im Gang. noch eine Weile verlegen.

einige Stunden später lernte ich Petra in einer Diskothek kennen. ich litt an dem Krankenhausbesuch. die Clementine. verdorben. arbeitete in meinem Magen.

dein Händedruck ist ziemlich schlapp.

es waren die letzten Worte. die ich von ihm hörte.

er starb in der darauf folgenden Woche. qualvoll beendete er das wenige Leben. das ihm noch geblieben war. es verlöschte in einem Schmerzenstaumel. den Morphium nur unwesentlich zu dämpfen vermochte.

Mutter war die ganze Zeit bei ihm. pflichtgetreu. sie wachte bis zum Schluss an seiner Seite. das war tief in der Nacht.

Bruder und ich besuchten den Sterbenden nicht mehr. so fremd wir uns waren. da waren wir uns gleich. obwohl wir uns dessen schämten. hatten wir mit dem Mann. der da starb. nichts mehr zu tun.

wir fühlten uns vaterlos. beide. obwohl ich schon damals wusste. ich belog mich nur selbst. ich habe nicht geweint. als mich Mutter in jener Nacht anrief. trotz ihrer Tränen gefasst und der Verantwortung bewusst. ich war müde. erstaunt. unsicher.

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